*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75761 *** ======================================================================= Anmerkungen zur Transkription. Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Wörter in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~ ======================================================================= [Illustration] Volksbücher der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung Heft 19 Peter Rosegger: Der Adlerwirt von Kirchbrunn Hamburg-Großborstel Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung 1908 11.-20. Tausend [Illustration] Inhalt. Seite Einleitung von Wilhelm Lottig 3-4 ~Peter Rosegger~: Der Adlerwirt von Kirchbrunn 7-139 [Illustration] Für die Abdruckserlaubnis dieser Novelle schulden wir dem Herrn Verfasser und der Verlagsbuchhandlung L. Staackmann in Leipzig Dank. Die Novelle ist dem Bande »Hoch vom Dachstein« von Peter Rosegger entnommen. [Illustration] Ein Bild Peter Roseggers ist hinter Seite 4 eingeheftet. [Illustration] ~Peter Rosegger~[1], geboren den 31. Juli 1843, war also vor 50, 60 Jahren noch das nichtige Waldbauernpeterl in der weltab liegenden kleinen steirischen Dorfgemeinde Alpel bei Krieglach, danach vom 17. bis übers 20. Lebensjahr hinaus Lehrbub und Gesell beim Bauernschneider zu Kathrein am Hauenstein. Heut ist er unser bester Volksschriftsteller, einer, der sich selbst die Aufgabe stellen durfte: Ich will mitarbeiten an der sittlichen Klärung unserer Zeit. So seltsam solche Entwicklung scheint, so folgerichtig ist sie doch. Die Landschaftsbilder, die unbewußt schon das helle Kindesauge aufsog, die Menschen und die Menschenschicksale, die der Wachsende, in mehr als 60 Bauernhäusern schneidernd, regen Sinnes mit erlebte, sie sind der Grundstock des reichen Vermögens, das der »Waldpoet« so köstlich verwaltete. 21jährig wagte er, halb gedrängt vom übermächtigen inneren Emporquellen, halb gezogen von helfend sich entgegenstreckenden Händen, den Sprung vom Naturdasein als bäuerlicher Handwerker hinüber ins Weltleben des Kulturmenschen. Die schwierige Verpflanzung gelang nach harten Übergangswehen; aber der Riß in der Entwicklung vernarbte nur, weil und soweit die abgerissenen Wurzelfäden den Weg zurück fanden zu dem Nährboden ihrer Kraft. Sie gruben ihn mit Urgewalt; ein schier krankhaftes Heimweh zwang den körperlich auf Reisen oder stofflich in seinem Schaffen sich von seiner »Waldheimat« Entfernenden immer wieder in ihre Mutterarme zurück. Rosegger wohnt jetzt abwechselnd in Graz und auf dem bescheidenen Sommersitz, den er sich, zunächst dem Ursprung seines Werdens und Wesens, in Krieglach gegründet. Aus allen seinen Werken, von dem 1869 erschienenen ersten Büchelchen an die lange Reihe von Bänden hindurch, die sein unermüdlicher Fleiß, sein unerschöpflicher Gestaltungsdrang uns gegeben haben, quillt dieselbe Urwüchsigkeit, dieselbe gottgegebene Frische des Gemüts im Ernst und im »Hamur«, dieselbe Kraft und Tiefe der Erfassung, die schon den Waldbauernbuben schmerzhaft und glückhaft über seine Umwelt hinaushob. »Der ewige Waldbauernbub«, in dies Wort schließt Rosegger einmal selbst seine ganze Entwicklung ein; seine Dichtergröße aber ist, wie durch seine Augen gesehen ein kleines Einzelschicksal wächst und sich verklärt zu einem uns im Innersten ergreifenden und reinigenden Abbild großen Menschheitsringens und Gottheitssiegens. Wer die in diesem Bändchen abgedruckte Novelle mit so gerichteten Gedanken liest, der wird selbst etwas von der schmerzhaften und doch glückhaften Erschütterungsfähigkeit spüren, deren Vollbesitz den Waldbauernbuben zum Dichter krönte. Hamburg, im Juli 1907. W. Lottig. [1] Die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung druckte schon im 3. Bande ihrer »Hausbücherei« zwei kleine Humoresken Roseggers: »Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß« und »Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten«.] [Illustration: _Peter Rosegger_] [Illustration] Peter Rosegger: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. [Illustration] Der Adlerwirt von Kirchbrunn. Eine Dorfgeschichte. 1. Abschnitt. »Also vorwärts!« rief das Männlein und sprang flink in den Wagen. »Wolfram, komm an meine grüne Seite, du hast ganz nett Platz neben dem alten Knaben! Wir wollen ja schwatzen unterwegs!« Demnach setzte sich der junge Kutscher nicht auf den Bock, sondern schickte sich an, vom bequemen Sitze des Landauers aus die Pferde zu leiten. Es waren zwei muntere Braune, deren glatte Haut einen feinen Seidenglanz hatte, als ob sie wie das Riemzeug gewichst worden wäre. Der Kutscher war Wolfram Seltensteiner, der junge Wirt vom »Schwarzen Adler« zu Kirchbrunn. Ein froh und freundlich in die Welt blickender Blondkopf von etwa dreiundzwanzig Jahren. »Ein Gesicht, länglich-rund wie ein Taubenei, Augen hell und blau wie der Himmel im Mai, Nase schlank Und stramm, rote Oberlippe keck und zahm, der Mund so angetan, daß er gut lachen und küssen kann. Vom Scheitel bis zur Zehe hinab ein schlanker, hübscher, gesunder Knab'.« »Junger Mann!« rief ihm der kleine Alte zu, »stelle ja nichts an! Wenn du durchgehst und ich erlasse auf dich den Steckbrief, so kommst du nicht weit, die Weiber fangen dich ein!« Einen Schnalzer mit der Zunge machte der junge Mann, da trabten die Rößlein fürbaß. »Behüt' Gott, Herr Professor! Kommen Sie fein wieder im nächsten Jahr!« So riefen jetzt die vor dem Wirtshause stehenden Leute. Männer schwenkten die Hüte, Weiber die Sacktücher. Das ältliche Herrlein im Wagen streckte die offene Hand zurück nach den Leuten, als wollte er ihnen noch wie Körner die Worte hinstreuen, die er sprach: »Grüß Gott das letzte Mal und gebet acht, Kinder, daß ihr nicht weniger werdet, bis ich wiederum komm', und betet manchmal ein Vaterunser oder ein Schnaderhüpfel für den alten Professor Nix!« Der Wagen rollte die glatte Straße davon und verschwand bald im tauenden Herbstnebel. »Ist ein lieber Herr!« sagten jetzt die Zurückbleibenden untereinander, »ist ein lustiger Herr! Alleweil heiter! So pudelnärrisch und so gescheit dabei! Wer wird uns jetzt Geschichten erzählen, Liedeln lehren am Feierabend, Rätsel aufgeben, Zaubereien vormachen und guten Rat austeilen? Das ist ein lieber Schatz!« »Er heißt Nix!« brummte einer der Umstehenden. »Was sagst du! der Professor heißt Nix? Ich denk' wohl ein bissel mehr wie du! Gib acht, daß wir dir dein Lästermaul nicht mit einer Feigensalbe verkleben!« »Nein, er heißt Nix!« lachte ein Junge. »Nix heißt er!« lachten jetzt auch die übrigen. »Wenn ich nur wüßte, woher er den dummen Namen hat!« »Muß ein Spitzname sein, weil er allemal nix antwortet, wenn man ihn fragt, wer er ist, was er treibt, was er weiß, was er hat, was er will! Er ist nix und treibt nix und weiß nix und hat nix und will nix! Darauf haben sie ihn den Professor Nix geheißen.« »Ist nicht wahr!« rief der Nagelschmied. »Seit Jahren kommt er auf die Sommerfrische nach Kirchbrunn, wir kennen ihn als braven Mann. Das ist etwas! Nachher geht er in der Gegend umher, Pflanzen sammeln, Bäume und Hunde zeichnen, traurige Leut' lustig machen. Das ist auch etwas. Er weiß zu erzählen von Himmel und Erden, von den Russen und Franzosen, auch wie die Eisenstiften gemacht werden, weiß er, und wie er zu mir einmal in die Werkstatt kommt, nimmt er mir das Zeug aus der Hand und macht den Eggnagel fertig, daß es nur so eine Form hat. Das ist schon was, meine lieben Leut'. Wer ein Handwerk kann! Handwerk ist besser wie Kopfwerk! Nur fürs Nixhaben und Nixwollen mag sein Name passen, ich hab' mir oft gedacht: der lebt von der Luft und vom Wasser und vom Lustigsein.« »Er hat gegessen und getrunken und seine Sach' bezahlt!« berichtete der alte Adlerwirt, der in Hemdärmeln und unter dem grünen Sammetkäppchen am Pferdetrog stand und mit dem kurzen Worte die Ehre seines Hauses und seines Gastes rettete. Der Wagen fuhr mittlerweile hinaus über Wiesen und Fluren, durch Dörfer und Wälder, dem Bahnhofe in Geßnitz zu. »Wolfram!« sagte der kleine hagere Mann, den sie den Professor Nix geheißen hatten, »warum rauchst du heut' keine Zigarre?« »Weil ich keine habe,« antwortete der Bursche und zog den Leitriemen an. »Was ist denn das?« fragte der Professor und tippte an Wolframs Brusttasche, aus welcher ihrer drei oder vier Glimmstengelspitzen hervorguckten. »Das da?« fragte der Bursche schmunzelnd entgegen, »das sind Zigarren.« »Knabe, du glaubst, daß mir der Rauch unangenehm sei!« »Wer selber nicht raucht --« »Ich will dich nicht zwingen. Weiß nur, daß man den Mund nicht gern leer stehen läßt. Wir Alten schwatzen, Ihr Jungen wollet busseln oder rauchen. Zum Busseln wirst keine im Sack haben. Also steck' etwas anderes in Brand!« Lächelnd zündete Wolfram sich eine an. Als sie aus dem Gebirgstal in die Fläche herausgekommen waren und am Dorfe Schwambach vorüberfuhren, kehrten im dortigen Wirtshause, denn es war Sonntag, gerade vier Musikanten ein: ein Trompeter, ein Klarinetter, ein Geiger und ein Baßgeiger. »Was denkest du darüber?« fragte Professor Nix seinen Kutscher. »Bis ich zurückfahre, wird's schon umgehen,« antwortete dieser. »Der Schwambacher gibt einen Freiball.« »Du, da gib nur acht, daß dir die Pferde nicht scheuen auf der Rückfahrt! Ein paar feurige Tiere, die du hast!« so neckte das magere Männlein. Auf der Hochebene, über die sie nachher wieder dahintrabten, kamen sie in einen Eichenwald, an welchem bereits die Blätter gilbten. Manchmal wehte ein goldig leuchtendes Blatt nieder auf die weiße Straße, und der Wald war so still und feierlich, daß es dem Professor wie ein Seufzer aus der Brust kam: »Ja, der Herbst!« Jetzt sahen sie neben der Straße im Laubwerk und Schlinggewächse zwei Mädchen. Junge, erwachsene Mädchen, das eine in putziger Bauerntracht, das andere bürgerlich angetan; das eine mit einem roten Tuch über dem Haupt, das andere mit einem schwarzen Hütchen. Die unter dem Tuche hatte ein lachendes Rundgesichtlein, die unter dem Hute war blaß und ernsthaft und hatte schwarze Augen. »Was wollen denn die?« fragte der Professor den jungen Kutscher. »Sie haben Körblein bei sich. Wahrscheinlich Brombeeren pflücken.« »Wollt' ein Madel früh aufstehn, Wollt' Brombeer brocken gehn« -- trillerte der Alte. »Kennst du das?« »Ja, man singt so,« antwortete Wolfram. »Wenn du der Jägerssohn wärest,« neckte der Alte weiter, »mit welcher von den zweien wolltest du Brombeer brocken?« »Weiß 's nit,« sagte der Bursche. »Na, dann ist es mit dir noch nicht gefährlich!« lachte der Professor, dem Burschen auf die Achsel klopfend. »Just übel wär' keine -- von den zweien,« sagte der Wolfram. »Na, dann ist es gefährlich,« setzte jener bei. Sein frisches Gesichtlein unter dem grauenden Haar war plötzlich ernsthaft. Und die Mädchen waren ihren Augen entschwunden. Als der Wagen wieder aus dem Walde kam, sah man in der Ferne die zwei weißen Türme von Geßnitz. Sie leuchteten nur schwach durch die nebelgraue Luft. Hinter dem stattlichen Marktflecken die Berglehne konnte man nicht mehr erkennen. Und gerade dorthin hatte Wolfram sein Auge gerichtet. »Siehst du den Salmhof?« fragte ihn der Professor. »Man sieht nichts,« antwortete der Bursche. »Liegt sie dir im Sinn?« fragte der Professor. »Aber ich kenne sie ja gar nicht,« entgegnete Wolfram. »Das ist wieder nur so von meinem Vater etwas. Weil sie Geld hätte, meint er. Ich denke, es muß nicht alles Geschäft sein, was der Mensch tut.« »Brav bist, mein Sohn!« sagte der Professor, »für Geld heiratest keine. Aber ganz verachten mußt auch das Geld nicht, wenn sie zufällig eins hat. Geld ist Mist, aber Mist ist Dung, und Geld ist der Dung des ehelichen Glückes.« »Die Salmhoferische wäre mir auch viel zu fürnehm,« bemerkte der Bursche, »die will höher fliegen als auf ein Wirtshaus, sagen sie. Körbe kann ich auch in Kirchbrunn haben, da brauch ich d'rum nicht gar bis Geßnitz zu gehen.« »Junge!« rief der Alte und hieb ihm die Hand auf den Rücken, »du bist nur zu wenig keck! Ein Kerl, wie du bist, verlegt sich nicht auf Korbhandel. Aber auch nicht dreinpatschen! Keck und klug!« Der Wolfram schwieg. Über die Hochebene her strich ein kühler Wind, der brachte Regenschauer. »Ist schon gut,« rief der Professor ins Weite hinaus; »Herrgott, ich sehe deinen guten Willen, mir den Abschied von der Sommerfrische so leicht als möglich zu machen. Hast du nichts dagegen, Wolfram, so machen wir den Wagen zu!« Das war bald geschehen, aber dann saß der Kutscher auf dem Bock und der alte Herr in dem finsteren Lederkotter. An das hatte er nicht gedacht. Nach einer Weile klärte sich der Himmel wieder, und da waren sie auch schon in Geßnitz auf dem Bahnhof. Professor Nix sprang rüstig aus dem Wagen. »Wolfram, mein Sohn!« sagte er noch, »geweint und gelacht wird nicht. Höre auf zum Wachsen, bleibe munter und mach' keine Dummheit. So Gott will, im nächsten Sommer komme ich wieder!« Damit sprang er auf das Trittbrett, denn es läutete das dritte Mal, und der Sommerfrischler dampfte ab in die große Stadt. Wolfram schaute dem Zuge nach und dachte: Der gute Professor Nix! Seinen bluteigenen Oheim kann man nicht lieber haben. Die elf Jahre kommt er schon nach Kirchbrunn und ist immer der gleiche. Wenn er lacht, ein Kind, wenn er schwärmt, ein Jüngling, und wenn er guten Rat gibt, ein Greis. Wenn man nur eigentlich wüßte, wie alt! Die Leute tragen ihn auf den Händen, das deutet auf ein Kind hin. -- Und jetzt, Fuchsen, heimwärts nach Kirchbrunn. Der Bursche war seit fünf Minuten anders geworden. Früher der fast befangene, wortkarge, dienstwillige Dorfwirt, der sein Verhältnis fühlt dem vornehmen Gaste gegenüber; jetzt der aufgeweckte, keck dareinschauende Hausbesitzerssohn von Kirchbrunn, sein eigener Diener und Herr, Kutscher und Kavalier zugleich auf dem Wagen. Nachdem er im Posthause etliche Briefe abgegeben, ein Kistchen mit Likören in Empfang genommen und auf dem Kutschbocke noch ein paar Gläser Bier ausgetrunken hatte, ließ er seine Zunge schnalzen, das ersetzte bei den klugen Rößlein stets die Peitsche, und ließ heimwärts traben. Bei einer Straßenbiegung sah er vor sich an der Berglehne einen stattlichen Bauernhof liegen; der nahm sich fast schloßartig aus, hatte sogar ein Türmchen, auf dem eben Mittag geläutet wurde. Es war, als ob die Glocke zur Straße herabriefe: Komm, komm! Komm, komm! -- Allein der Wirtssohn aus Kirchbrunn fuhr stolz vorüber. -- Oh, zu ~der~ hätte ich weit! dachte der Wolfram. Wenn ich jetzt zur Haustochter im Salmhof hinauf wollte, um zu freien, da müßt' ich erst wissen, ob sie mich gern hat. Und ihr Gernhaben möchte mich nur freuen, wenn ich in sie verliebt wäre. Und verliebt in sie könnte ich nur sein, wenn ich mit ihr bekannt wäre, und das ist wieder nur möglich, wenn man sie einmal gesehen hat. -- Ich weiß gar nichts von ihr, als daß mein Vater sagt, das wäre eine Frau für den »Schwarzen Adler« zu Kirchbrunn. Gott, bis sich so ein langer Faden abwickelt! Und am Ende wär' nachher ein Scheusal im Knäuel. Hübsche Dirndln haben kein Geld. Reiche sind oft nicht recht sauber. -- Hia, Füchseln! Heim zu geht's! -- Der Himmel hatte sich fast aufgeheitert, es ward ein sommerlich warmer Mittag. Als der Wagen in den Eichenwald kam, leckerte es die Pferde nach grünem Kraute, das am Wege wuchs, und sie nahmen im Vorbeigehen manche Schnauze mit sich. »Wenn es euch so sehr nach Preiselbeerkraut und Enzianen gelüstet,« sagte der Wolfram, »ich fände zwar nichts Gutes dran, aber es sei euch wohl vergunnt. Spannen wir ein bißchen aus.« Er ließ den Wagen ein wenig von der Straße seitwärts auf ein grünes Angerlein ziehen, löste die Pferde los und hieß sie sich frei ergehen zwischen den Bäumen. Er selbst schlenderte auch so dahin, und da es gar warm und wohlig geworden war und die Pferde eine prächtige Grasbank gefunden hatten, so streckte er sich aufs Moos. Ein Stündel Rast kann nicht schaden. Heute ist ja doch alles beim Schwambachwirt, und in Kirchbrunn nichts los. Da kommt man noch früh genug heim. -- Die Arme unter dem Haupte, so lag er auf dem Rücken schlank ausgestreckt und schaute in die hohen Baumkronen auf. -- Warum im Herbst die Vögel nicht singen wollen! dachte er, kein einziger! Ist es denn gar so schlimm? Ich merke keinen Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst ... Fast ein wenig geschlafen mußte er haben. Regentropfen weckten ihn auf. -- Ja, Knabe, es ist doch ein Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst. -- Eilig stand er auf, die Pferde waren nicht weit, er führte sie über das weiche Moos hin gegen den Wagen. Jetzt erlebte Wolfram eine Neuigkeit. In seinem Wagen hatten sich fremde Wesen eingeheimt. Er hörte schon von weitem kichern und lachen. Die zwei Brombeermädchen waren vom Sprühregen unter dieses Dach gejagt worden, und der Fürwitz der einen hatte alsogleich Besitz ergriffen von dem herrenlosen Wagen, der so mutterseelenallein unter den Bäumen stand. Der Schlag zu beiden Seiten geschlossen und zugefenstert, so hockten sie nun darinnen auf dem Lederpolster und waren just daran, in diesem feinen Gelasse ihr mitgebrachtes Mittagsmahl zu verzehren. Brot und Käse hatten sie, das schnitten sie auf dem Schoße säuberlich in Stückchen, naschten auch von den gesammelten Brombeeren dazu. Die eine mit dem blassen Gesichtchen war ernsthaft, die andere mit den blühenden Wangen und dem roten Kopftuche darüber war voller Schalkheiten. »Hui sauer!« kicherte diese; »da wär' mir schon ein Bussel lieber.« »Das kannst auch haben, Frieda,« sagte die andere und tat, als wollte sie einen Kuß hergeben. »Geh, geh, Haustochter Kundel!« wehrte die Frieda ab, »da müßtest erst einen Schnurrbart haben!« »Ach so!« antwortete die andere. »Wie kommst du mir denn vor, Jungdirn?« Da trillerte Frieda: »Busserlgebn, busserlgebn, Das is nit Sünd, Hat mir's schon d' Muater glernt Als a kloans Kind!« »Ich kann da nicht mitreden,« gestand die mit dem Hütchen. »Mich ärgert 's nur,« warf die Frieda ein, »da reden und singen sie immer davon, daß einem ordentlich der Mund wässerig wird, und wann's Ernst werden will, ist's verboten. Und das ist auch dumm: heimlich möcht' man's probieren, und kommt einer, schwupps hat er eine auf der Wange!« »Wer wird denn so leckerig sein!« sagte die Kundel, »das sind lauter Dummheiten.« »Weißt, von wem ich ein Bussel möcht'?« gab das frische Rundgesichtel zu raten, denn es schien, als wollte sie einlenken. »Wahrscheinlich von einem schönen Junggesellen,« antwortete die Kundel. »Von einem Mannsbild nit!« versicherte die andere. »Von einem Mannsbild möcht' 's mir grausen. Weißt du: ein Kindel, wenn ich hätt', von dem möcht' ich ein Bussel.« In demselben Augenblick machte der Wagen einen Ruck und rollte davon. Einen grellen Schreckruf hatten die beiden Mädchen ausgestoßen und dann ein Jammergeschrei erhoben. Das nützte nichts und schadete nichts, die Rößlein trabten flink die Straße entlang, der Wolfram auf dem Bocke schnalzte tapfer mit der Zunge, und so rollte es dahin wie der Wind, die Richtung gegen Kirchbrunn. Der Wolfram hörte das Gekreische und Hilfegeschrei in der Kutsche, er schmunzelte bei sich: »Das ist kein schlechter Spaß, ich entführe sie zum Freiball nach Schwambach. Zwei fremde Brombeerbrockerinnen, denen die Brombeeren nicht süß genug sind. Na, wartet!« Als die gefangenen Dirndeln merkten, daß ihr Geschrei nichts richtete und das Hinausspringen zum Wagenschlag gefährlich sei, wurden sie mäuschenstill und berieten unter sich. »Zwei Rösser sind angespannt und auf dem Bock ein Mannsbild!« flüsterte die Kundel. »Frieda, was wird mit uns geschehen?« »Haustochter, wir kommen ins Afrika und werden als Sklaven verkauft,« antwortete die in dem roten Tuche mit einer Ernsthaftigkeit, in der man den Schalk kaum herausmerkte. »Ich spring' aus!« rief die Kundel. »Dann bist hin!« antwortete die Frieda. »Ich glaube, wir bleiben hübsch sitzen. Kommen wir durch eine Ortschaft, so schlagen wir Lärm.« »Um keinen Streich!« versetzte die Kundel. »Die Schande! Eher laß ich mich entführen bis zum großen Wasser, dort springe ich hinein.« Die Frieda hatte mittlerweile zum Fenster hinausgelauert und gefunden, daß der Mann auf dem Kutschbocke, soweit man von ihm etwas erblicken konnte, nicht allzu schrecklich aussehe. Ja, es wollte sie bedünken, als hätte sie diesen Menschen schon irgendwo gesehen, ohne Furcht vor ihm zu empfinden. Darüber waren die beiden nun ein bißchen getröstet. Draußen regnete es, die Tropfen schlugen scharf ans Fenster, und schwere Nebel hatten sich niedergelegt über die Ebene, daß es schier dunkel ward. Und der Wagen rollte unablässig fort und in das Ungewisse hinein. »Ach, mein junges Leben!« seufzte die Kundel. »O dieses unglückliche Brombeerbrocken.« »So kommt es, wenn man am Sonntag die heilige Messe versäumt und im Walde umgeht,« sagte die Frieda lustig. »Zwick' mich am Arm!« bat die Kundel. »Du kommst mir wunderlich für, Haustochter. Warum soll ich dich jetzt am Arm zwicken?« fragte die Frieda. »Damit ich wach werde. Drei Heuschöber verwett' ich, das ist nur ein Traum. Ich habe vor kurzer Zeit eine Rittergeschichte gelesen, wie der Raubritter Kuno das schöne Burgfräulein Adelgunde auf einem Rappen entführt hat. Das kommt mir jetzt im Schlafe vor. Ich bitte dich, so wecke mich doch auf!« Frieda kicherte. »Wenn es bei mir auch ein Traum sollt' sein, dann sei so gut, wecke mich nicht auf,« sagte sie. »In einer so fürnehmen Kalesch' bin ich mein Lebtag noch nie gefahren und werd' auch gewiß nicht mehr die Gnad' haben. Jetzt laß ich mir's schmecken und denk' an nichts. Wenn er uns hinführt, so muß er uns auch zurückführen, jetzt kommt mir die Kurasch.« »Frieda, du bist schrecklich leichtsinnig!« sagte die andere. »Du bist nicht leichtsinnig und mußt auch mit.« »Wenn ich glücklich davonkomme, so stifte ich eine Kapelle im Eichenwald,« beteuerte die Kundel. »Und ich gehe hinein beten!« nahm die Frieda sich vor. »Jetzt wollen wir die gnädige Frau spielen und Brombeeren naschen.« Die Brombeeren wären großenteils auf dem Kutschboden zu suchen gewesen, auf welchem sie zerstreut umherlagen. »Sind die Rösser schwarz?« fragte die Kundel plötzlich. »Fuchsbraun,« antwortete die Frieda. »Gott sei Lob und Dank!« warf die Kundel hin. »Warum?« »'s kunnt auch der Teufel sein Spiel haben!« »Ich weiß mich nicht schuldig. Bin eine arme Magd.« »Schuldig weiß ich mich auch nicht,« sagte die Kundel, »wenn nicht etwa die fürwitzigen Träume was machen, manchmal. Dem Ritter Kuno traue ich um keinen Preis.« »Ritter machen mir wieder nichts,« gestand die Frieda, »aber wenn gerade so ein sauberer Bauernknecht käm', da wollt' ich für nichts gutstehen.« »Oder ein kernfester Holzknecht aus dem Siebenbachwald!« neckte die andere. »Laß das gut sein, Haustochter, ich mag nichts hören von ihm,« so antwortete die Frieda. Ähnliches sprachen sie halb im Ernst, halb im Scherz, halb in süßer Verwirrung. Der Jungmagd Frieda kam es possierlich vor, daß sie heute einmal mit der gleichen Elle wie die Haustochter gemessen wurde. Plötzlich hielt der Wagen. Ringsum standen, von düsteren nässelnden Nebeln halb verschleiert, Scheunen und Häuser, und aus einem solchen klang helle und grelle Tanzmusik. »Du,« flüsterte die Frieda zur Genossin, »jetzt kenn' ich mich aus, wir sind in Schwambach.« 2. Abschnitt. Der Wolfram öffnete den Wagenschlag. »Schöne Jungfrauen,« sagte er schmunzelnd, »da sind wir. Ich bin der Adlerwirt aus Kirchbrunn, ein durch und durch bösartiger Geselle, und lade euch zu einem Tanzel mit mir beim Schwambachwirt.« Die mit dem roten Tuche wollte zeigen, daß sie sich durchaus nicht so leicht ins Bockshorn jagen lasse; sie machte daher, rasch aus dem Wagen steigend, einen Knix und sagte: »Wird uns eine große Ehr' sein! Aber nimm dich in acht, Adlerwirt, wir sind auch bösartig.« »Nachher stimmt's,« versetzte der Wolfram, Roß und Wagen dem Hausknechte überlassend. Er nahm die eine gleich am rechten Arme, während die andere sich an seinen linken hielt. Diese schwieg, dachte aber bei sich: Ist er nett, so wird's fein, und sonst wird er gefoppt. Also trat zum Erstaunen der Leute der Schwarze Adler von Kirchbrunn mit den beiden hübschen Dirndln ins Haus und alsogleich die Stiege hinan auf den Tanzboden. Einen funkelnden Silbergulden warf er auf den Spielleuttisch, da schrieen die Pfeifer und Geiger vor Freuden auf, und einen »gestrampften« Steirischen machte der Wolfram mit der, welche Frieda hieß. Wenigstens ein Dutzend junger Paare reigten zugleich, die Burschen mit den Händen klatschend, mit der Zunge schnalzend, lustig jauchzend oder kecke Liedlein singend, die Mädchen sich den Tänzern sanft anschmiegend, ihre Köpflein hingegeben an die Brust der Burschen legend; manche schloß also im Arme des Trauten die Augen, als wolle sie die Seligkeit bis an die äußerste Grenze austräumen. -- Macht es nicht auch die Frieda so? Liegt sie nicht hingegossen an die breite wogende Brust Wolframs, von seinen Armen fest umschlossen, von seinem Auge, das unverwandt auf ihrem blühenden Gesichtlein ruhte, bewacht, und angeweht die heiße Stirn, die glühenden Wangen von seinem warmen Atemhauch! Wohl war's nach ihrer scheinbar gelassenen Sicherheit zu vermuten, daß sie heute vielleicht nicht ganz das erste Mal einer solchen Kopflehne sich erfreute, doch aber der Unterschied! Ach Gott, was nicht für ein Unterschied ist zwischen Mannsbild und Mannsbild! -- O du herziger Schatz! dachte sich der Wolfram, dich habe ich gefangen, wie man das Vöglein fängt mit der Falle, und dich laß ich nimmer frei, nimmer! mein Lebtag nimmer! -- Die Frieda, die dachte gar nichts mehr, sie fühlte, als würde sie hingetragen durch die Lüfte, hoch über den Erdboden, hoch über den Wolken -- wohin? Das wußte sie nicht, war ihr auch ganz gleichgültig. Endlich war der Tanz aus. Der Wolfram ließ seine Genossin lockerer und erinnerte sich nun, daß er deren zwei gehabt hatte. Wo war denn die andere! -- Der Schwambachwirt hatte schon Lichter aufgesteckt im Saale, aber die andere war nicht zu sehen. Sie wird schon auch gut aufgehoben sein, flüsterte eins dem anderen zu, und die beiden machten sich nicht viel daraus. Mittlerweile tranken sie auch Wein, die Frieda mit, der Wolfram ohne Zucker. Die Leute ringsum wurden immer lauter, lustiger und toller, und Weindunst und Menschendunst betäubten die Herzen und regten sie auf. Dort und da im dämmernden Winkel kauerte ein Einschichtiger und schleuderte scheelsüchtige Blicke auf die glücklichen Pärchen, wovon viele ganz in sich selber versunken und weder Auge noch Ohr hatten für die Umgebung. So auch der Adlerwirtssohn von Kirchbrunn und seine Entführte. War nur erst der Abend vorgerückt, dann wollte er mit ihr ein unbelauschtes Plauderstündchen halten und sie nach ihrem Herkommen fragen. Übrigens war es recht reizend, daß er nicht wußte, wer sie war, und falls er hätte voraussetzen können, daß auch er ihr unbekannt gewesen, tat es ihm fast leid, sich vorgestellt zu haben. Sich so weltfremd sein und sich so innig umschlungen halten, das ist ja doch ein Hauptspaß, wie es nicht leicht einen zweiten gibt. Als es draußen rabenschwarze Nacht geworden war, trat durch das Gedränge ein Holzknecht aus der Kirchbrunner Gegend auf den Wolfram zu und sagte: »Der Adlerwirt soll hinaus kommen in den Hof, dort möcht' wer sprechen mit ihm.« Aha, fiel es dem Burschen bei, die andere! Jetzt will die andere dran. Hätte sie sich nicht einen anderen aussuchen können? Nun aber, da er sie schon mit hergeführt hat, muß er auch an ihr Ritterdienste üben. Es war aber nicht ~die~ andere, sondern ~ein~ anderer, der im Hofe seiner wartete. Am Brunnentroge lehnte er, und vom Küchenfenster hinaus fiel das breite Licht auf seine Gestalt. Ein baumstarker Kerl stand da, in der Tracht der Gebirgsholzhauer, mit wildwucherndem Bart und tief ins Gesicht gedrücktem Hute. »Grüß dich Gott, Adlerwirt! Geh nur her! Komm nur herüber da!« Also lockte der ruppige Geselle mit einem zarten Fistelstimmlein den Wolfram hinter den Brunnentrog. »Wer ist's denn?« fragte der Wolfram. »Komm nur her zu mir!« sagte der andere. Der junge Adlerwirt erkannte in dem Manne jetzt einen Holzarbeiter aus dem Siebenbachwalde, welcher von den Leuten der Schopper-Schub genannt ward. Der Mann war mehrmals schon im Adlerwirtshause zu Kirchbrunn eingekehrt, hatte sich dort aber stets in die hinterste Ecke gesetzt, ein paar Gläschen Branntwein getrunken und dabei stier vor sich auf den Tisch geblickt. Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, aber stets im Äußern so zerfahren und ungepflegt, daß es sogar den Weibern zweifelhaft schien, ob das ein hübscher oder ein häßlicher Mann sei. Er war nicht in der Gegend daheim, und man wußte nicht viel von ihm, als daß er ein tüchtiger Arbeiter, sonst aber ein ungeselliger und sonderbarer Mensch wäre. Irgend jemand wollte von seiner Vergangenheit etwas gehört haben und deutete an, daß in derselben so etwas wie Brandgeruch zu verspüren wäre. »Du bist ja der Holzknecht Schopper,« sagte nun der Wolfram. »Ah, kennst mich schon?« »Was willst denn von mir?« »Auf ein ganz kleines Wörtel, Adlerwirt. Da stell dich her, daß ich auch was seh' von dir. So.« Hernach hob er seine Stimme in eine noch weichere Tonlage und sagte: »Adlerwirt, was geht denn dich die Frieda an?« »Welche Frieda?« »Tu' nicht so, mein Lieber, liegt dir doch nur eine im Kopf. Wo hast sie denn her, deine Tänzerin?« »So?! Meine Tänzerin? Wen kümmert denn die?« »Die wird schier ~mich~ kümmern, Adlerwirt.« Dann wurde er um einen halben Kopf höher und setzte in einer keuchenden, wie vor Wut erstickten Stimme bei: »Wenn du mir sie nochmal anrührst, nachher --« »Nachher --? -- Nun!« also jetzt der Adlerwirt und stellte sich stramm vor den Waldgesellen hin. »-- nachher siehst du keine Sonne mehr aufgehen!« Der Wolfram trat einen Schritt zurück, so daß er über den Unterbalken des Troges stolperte. In demselben Augenblicke war der finstere Bursche schon über ihm, in der Hand das blinkende Messer. »Stechen?!« schrie der andere, im Hause gellte die Musik, polterten die Tanzenden. »Stechen --« sagte es der Waldmensch langsam nach und ließ den Arm sinken. »Nein, jetzt noch nicht. Du hast es vielleicht nicht wissen können, daß sie mein ist. Das Unband sagt's ja keinem! Aber aufgesetzt ist sie mir! Das Grausen, das sie haben, diese Gäns', vor einem Manne, der kein Nest hat und bei dem 's Weib selber sein Brot muß verdienen. Na freilich, besser ist's schon, wenn das Mandel alles zusammenschleppt, was Weib und Kind not haben -- ich glaub's. Ein armer Holzarbeiter kann so was nicht leisten und desweg ist er der Niemand bei den Weibsbildern. Aber wenn eine ins Wasserfloß stürzt und unters Mühlrad kommt, da ist er gut genug, der Waldbär, daß er sich gegen das Rad stemmt, ehe die Kröt' -- Kreatur, will ich sagen -- totgedrückt ist -- ja freilich, da ist er gut --« Der Wolfram war wieder frei geworden und so fragte er nun: »Red' deutlich, wie stehst denn mit ihr?« »Hast es nicht gehört, im vorigen Winter? Am Faschingdienstag! Der Salmhofer läßt seine Leute zum Freiball gehen nach Geßnitz. Die Frieda auch mit. Ich vor sie hin, werb' um einen Tanz. Dank schön! sagt sie und geht einem anderen nach. Sich halb zu Tod tanzen und beim Heimgehen in der Nacht auf dem Steg schwindelig werden -- und plumps in den Mühlbach. Schwimmen kann sie wie ein toter Spatz, und schnurgerade der Mühle zu, wo das Rad geht. Jesus, wenn ich ihr in derselbigen Nacht nicht wäre nachgeschlichen! Gleich spring' ich in die Radlaufe, stemm' mich an. Das Zeug steht still, und wie mein stolzes Schätzel dahergeschwommen kommt, zieh' ich's heraus und sag': Guten Morgen! -- Nach einer langen Weile, wie sie wahrnimmt, wo und bei wem sie ist, und wie sie fertig vom Wasserspucken, sagt sie: Dank schön! und läuft davon. Just wie auf dem Tanzboden. Dank schön! sagt sie und läuft davon.« »Das ist wohl brav von dir gewesen,« versetzte jetzt der Adlerwirt. »Still sei!« knurrte der Holzhauer, »gelobt bin ich schon mehr als genug worden, das hilft mir nichts. Die Dirn will ich haben.« »Hätte ich das gewußt,« also der Wolfram, »daß du ein Recht auf sie hast, so wollt' ich mich nicht an sie gemacht haben. Aber das möchte ich wissen: hat sie dich auch gern?« Jetzt zuckte der andere zusammen, tief ließ er sein Haupt sinken, preßte das Gesicht in den Ellbogen seines Armes und hub an zu grölen. »Zur Liebe kann man niemand zwingen,« sagte der Wolfram. »Verfault! Ihre Knochen von den Würmern abgenagt, wenn ich nicht bin!« gurgelte der Waldmensch schluchzend. »Und ihr Leben, mit dem sie jetzt da drinnen wie eine Mairose steht, das hat sie von mir, das gehört mir! Und wenn ich zum hohen Gericht gehe, so muß es mir zugesprochen werden.« »O du guter, armer Mensch,« sagte nun der Wolfram. »Leben und Liebe, das wird wohl ein großer Unterschied sein. Dir ist gewiß noch die Zeit im Kopfe, wo die Leute leibeigen gewesen sind. Wen du dazumal gekauft oder gewonnen hast oder auf der Straße gefunden oder im Mühlbach, der ist dein gewesen mit Seel' und Leib. Das ist anders geworden. Eine Dienstmagd hat freilich auch ihren Herrn; wenn ihr wer das Leben rettet, so soll sie dankbar sein, aber ihr Herz kann sie verschenken, an wen sie will.« »Nachher ist's aus,« sagte der Schopper-Schub. »Hast sie denn gar so gern, Holzknecht?« »Sündhaft gern. Und schon lang her. Und gerade die! Und just die! Als ob ich besessen wär'! Zu Wallischdorf draußen habe ich einen Vetter, der hat mir vor einem Jahre sein Bauerngut wollen in Pacht geben, es wär' mir besser gangen, als wie da oben im Siebenbachwald. -- Ich habe nicht fort können -- ihretwegen nicht. Alle Sonntage gehe ich hinaus in die Geßnitzer Kirche und stehe hinter dem Turmpfeiler und schau' hin auf den Platz unter der Kanzel, wo sie sitzt. Und geh' dann wieder in den Wald zurück. -- Wenn ich wüßt', wer mir diese Lieb' hat angetan!« Er knirschte mit den Zähnen, als wollte er einen Missetäter zermalmen. Eine Magd, die mit dem Wasserzuber zum Brunnen kam, unterbrach dieses Gespräch. Der Schopper-Schub packte den jungen Adlerwirt am Arm und raunte ihm zu: »Hüte dich!« dann schritt er rasch über den dunklen Hof dahin. Als der Wolfram in einer recht wunderlichen Stimmung zurück ins Haus kam, hörte er von mehreren Seiten zugleich, daß die Salmhofertochter von Geßnitz da sei! -- Die Salmhofertochter! da horchte der junge Adlerwirt einmal auf. Und die Erregung im Wirtshaus war keine geringe. Das ist schon eine besondere Auszeichnung des Freiballes beim Schwambachwirt, daß ihn die Salmhofertochter besucht. Die Fürnehmste in der ganzen Gegend, die von den Burschen heimlich Begehrte und doch nur wenig Umworbene, weil sie stolz und unnahbar. Ist sie mit ihrem Vater da? oder mit einer Gesellschaft von Geßnitzer Bürgern und Bürgerinnen? oder gar mit einem Bräutigam, der sie heute das erste Mal als Braut aufzeigt! Das alles nicht! Ganz allein soll sie sitzen d'rin im Extrazimmer, nur die Schwambachwirtin bei ihr, welche ihr Gesellschaft leisten zu müssen glaubt, trotzdem sie draußen in der Küche alle Hände voll Arbeit hätte. Will denn niemand ins Stübel, die Salmhofertochter zu unterhalten? -- Dachte der Wolfram: Kennen lernen möchte ich sie doch, dieselbige, von der es immer heißt, sie wäre die richtige Adlerwirtin. Was kann mir geschehen, wenn ich sie zu einem Tanz auffordere? Weist sie mich ab, so drehe ich mich vor ihrer Nase mit einer anderen um und um. Wie nun aber der Wolfram ins Extrazimmer trat, sah er am weißgedeckten, mit feinem Backwerk besetzten Tische neben der dicken Wirtin das schwarzbraune Mädel sitzen, welches er mit der anderen, der Frieda, in seinem Wagen kecklich dem Walde entführt und nach Schwambach gebracht hatte. Und das -- das wäre die Salmhofertochter, die stolze Kundel? Er brauchte sich nicht erst nach einer Ansprache zu besinnen. »Da ist er ja, der tapfere Ritter,« so redete sie ihn schier ernsthaft und gelassen an. »Schön ist es nicht vom Adlerwirt, daß er sich um die zweite Entführte gar nicht mehr umsehen will, bevor er die erste zu Tode getanzt.« Der Wolfram stammelte eine Entschuldigung. Die Kundel sah recht gut ein, daß es das beste sei, das Abenteuer, welches ihr nun gar nicht geheuer schien, ins Scherzhafte zu ziehen. Sie rückte daher ein wenig auf der Bank und sagte: »Setzen Sie sich nur willig her zu mir, es wird Ihnen nichts mehr anderes übrig bleiben. Sie zahlen mir jetzt ein feines Nachtmahl, tanzen einen mit mir und führen mich dann wieder nach Hause.« Das war alles so ernsthaft und kühl gesprochen, als ob sie zu einem Diener redete. Er setzte sich hin neben sie und tat, wie sie befohlen hatte. Alsogleich ward es im ganzen Hause kund: der schwarze Adler von Kirchbrunn und die Salmhofertochter von Geßnitz sitzen beieinander, essen und trinken miteinander wie ein Brautpaar. Und als die beiden gar Arm in Arm auf den Tanzboden traten, da wichen die Leute nur so in Staunen und Ehrfurcht zurück, daß das schöne junge Paar fast allein den Reigen tanzte im Saale. In der Ecke hinter dem Stiegenverschlag stand die Frieda, ein großer Schreck hatte ihr Antlitz blaß gemacht. -- Er ist verspielt! so konnte sie noch denken, meine Haustochter hat ihn, da ist er verspielt für die arme Magd. Ist das ein Tag, dieser heutige Sonntag! -- Wie das Paar in der Nähe vorüberreigte, trafen sich die Blicke des Wolfram und der Frieda. In diesem Augenblick war ihm, er tanze mit einem Stück Holz. Fast plötzlich, bevor der Tanz aus war, ließ er die Kundel los und machte vor ihr eine höfliche Verbeugung. Es half ihm aber nichts, er hatte für den Abend ihr Ritter zu sein und war recht froh, als die Kundel den Wunsch aussprach, nach Hause zu fahren. Endlich saßen die beiden Mädchen wieder im geschlossenen Wagen und der Wolfram auf dem Kutschbock. Als sie aus dem Hoftor des Schwambacher Wirtshauses fuhren, noch zum Abschiede mit hellem Musikklang begrüßt, sah der Wolfram, wie hinter dem Pfosten sich der Waldmensch duckte -- dann ging es fort, hinaus in Nacht und Nebel. Die beiden Mädchen im Wagen führten nicht die angelegentliche Unterhaltung miteinander, wie auf der Herfahrt. Die Kundel war mürrisch und breitete sich so sehr aus, daß die andere völlig in die Ecke gedrückt wurde. Wohl auch die Frieda war nicht aufgelegt zum Sprechen, sie hatte zu denken genug und zu tun genug, ihre Gedanken nicht zu verraten. Wie erschrocken war sie daher, als die Haustochter mit einem Male den Mund auftat: »Eine wahre Schand' ist's, wie du dich heute aufgeführt hast!« Es hatte schon den Anschein, als wollte die Magd nichts entgegnen, endlich sagte sie aber doch: »Kann ich etwas dafür, daß er zuerst mit mir gegangen ist?« »Du hast dich ihm ja angeklettet! Männersüchtige Rassel, du!« Nun sagte die Frieda nichts mehr. »Ich werd' mir's merken,« setzte die Kundel noch bei, und damit war das Gespräch zu Ende. Der Kutscher Wolfram sah träumerisch auf die Bäume, Büsche und Wegplanken hin, die im Scheine der Wagenlaternen gespenstisch auftauchten und verschwanden. Die Laternenlichter warfen im dichten Nebel eine Art Heiligenschein um die Kutsche. -- Ein sauberer Heiligenschein, das! dachte der Wolfram; wenn ich heute nicht sündige, so geschieht's einzig nur, weil die Gelegenheit dazu fehlt. Jetzt kann ich in der ödweiligen Nacht den langen Weg dahinradeln und nachher wieder zurück. Ein hübsches Vergnügen. Bis ich nach Kirchbrunn komme, stehen schon die Leute auf. Das hat man von seinem Übermut. Sonst nichts. -- Hia! den Braunen wird's auch schon zu dumm. Endlich waren sie auf dem Marktplatz zu Geßnitz. Der Wolfram wollte halten, aber die Kundel rief zum Wagenschlag heraus: »Vorwärts! Zum Salmhof hinauf!« Und nach einer weiteren Weile hielten sie vor dem großen Hofe, der mit seinen weitläufigen Gebäuden wie leblos dalag. Nur ein gewaltiger Hund reckte sich mitten im Hofe und der knurrte ein wenig, schien ihm aber nicht der Mühe wert, sich weiter um das herangerollte Gefährte zu bekümmern. Die Kundel wartete im Wagen, bis der junge Adlerwirt abgestiegen war und ihr den Arm zum Aussteigen bot. »Und was wird jetzt mein Vater sagen?« fragte das Mädchen. »Wenn ich ihm nicht gleich nach der Ankunft in Schwambach einen Boten geschickt hätte, daß er weiß, wo ich bin -- Sie hätten seiner Angst nicht geachtet.« Jauchzen wollte der junge Mann über dieses Wort, es war ein Herzenswort gewesen, das erste, welches er von ihr gehört. Ein gutes Kind kann wohl auch ein gutes Weib sein ... Ei ja, mein Vater kann doch recht haben! Wer die einmal heimführt! »Anläuten, geh'!« hastete die Kundel der Jungmagd zu, die schier kopflos dagestanden; und während diese nun an die Haustür eilte und den Glockenstrang zog, flüsterte die Salmhofertochter zum Wolfram: »Seien Sie schön bedankt, kühner Ritter! Aber wie böse ich auf Sie bin, das sollen Sie noch erfahren. Warten Sie nur! Schnell hinweg! Gute Nacht!« Diesen raschen Abschied erklärte der Adlerwirt sich so, als sollten die Hausbewohner das nächtliche Gefährte nicht wahrnehmen; das war aber ein wenig anders, die Haustochter wollte es verhindern, daß er der Jungmagd gute Nacht sagen konnte. Und den Wolfram wurmte es richtig den ganzen Weg heimwärts, daß er ohne einen Händedruck, ohne ein einziges gutes Wort von Frieda hatte scheiden müssen. [Illustration] 3. Abschnitt. Jetzt würde männiglich raten, daß am anderen Tage der alte Adlerwirt zu Kirchbrunn seinem Sohne ein arges Wetter gemacht hätte. Anstatt am Sonntagnachmittage, war der Wolfram mit den Rössern am Montag früh nach Hause gekommen! Männiglich hätte aber schlecht geraten. Als am Montag nach zwölf Uhr mittags der Wolfram erwacht war und die Küchenmagd ihm den Kaffee ans Bett brachte, kam auch der alte Adlerwirt herein, er brachte das Semmelkörbchen, schaute schmunzelnd auf den Burschen hin, der kerzengerade ausgestreckt da lag und gähnend sich noch ein Weiteres streckte. »Geschlafen hast nicht schlecht,« sagte der Wirt. Jetzt kommt's, dachte der Wolfram, und er hat ganz recht, ich verdiene schon eine Portion. Aber es kam nicht. »Trink' ihn, so lange er noch heiß ist,« riet der Alte, auf die Kaffeetasse deutend, »was Warmes tut immer gut nach einer solchen Nacht.« Der Wolfram richtete sich, auf den Ellbogen gestützt, halb empor; der Hemdkragen war abzubinden vergessen worden, er lag noch um den Hals; durch die Spalte des weißen Hemdes sah man einen Teil der nackten Brust; das Gesicht des jungen Mannes war ein wenig blässer als sonst, also daß der junge Bart um so dunkler schattete. Die wirren, feuchten Haare hingen in braunen Tatzen und Ringen über die Stirn herab. Der Wirt schaute nicht ohne Wohlgefallen auf seinen Sohn. So ein hübscher Junge ist auch ein Kapital. Nur muß man ihn versilbern oder vergolden lassen. Sind ja auch in der Kirche die größten Heiligen vergoldet. »Trau' einer noch einmal so einem Duckmäuser!« sprach nun der alte Wirt mit schwerem Wiegen des Hauptes und im Tone des Vorwurfes. »Wo unsereiner erst hindenkt, ist der schon gewesen. -- Aber,« fuhr er fort, »lachen habe ich auch müssen gestern abends. Wie der Weidknecht heimkommt, sag' ich: Wo denn heute der Wolfram stecken mag mit den Pferden! Daß ihm am Ende kein Malheur passiert ist! -- Oh, gibt der Weidknecht Antwort, dem jungen Herrn fehlt nichts, der sitzt draußen beim Schwambachwirt im Extrastübel und tut mit der jungen Salmhofertochter aus Geßnitz Nachtmahl essen. Wär nicht schlecht! sage ich. Ja freilich nicht, meint der Knecht und erzählt mir die ganze Geschichte, wie du sie mit dem Wagen zum Tanz geholt hättest. Teufel! denk' ich, der geht's scharf an! Der kennt sich aus. Je schwerer man an eine herankann, desto kecker muß man sie anpacken. -- Jetzt hast gewonnen, Wolf, und ich kann dir's nicht sagen, wie mich das freut. Wirst sehen, jetzt stehst auf einmal ganz anders da. Neider wirst genug haben, ich glaub's! Und nun, Wolf, kann ich dir's wohl sagen: wir brauchen eine reiche Heirat so notwendig wie der Fisch den Schluck Wasser. Seit die neue Eisenbahn drüben geht, steht's nicht gut mit uns Wirtsleuten auf der Kirchbrunnerstraße. Zu harter Not, daß es mir bisher gelungen ist, unser Ansehen aufrecht zu halten, lange wär' das nicht mehr möglich gewesen. Wir stecken tief in der Schlamaß, mein Bub', wir stecken tief!« Der Wolfram war von dieser Mitteilung nicht gerade erbaut, er sagte aber nichts darauf, sondern war von diesem bitteren Augenblicke an entschlossen, das Abenteuer mit der Salmhoferischen ernsthafter aufzufassen, als er es bisher getan. »Schau nur dazu, Wolf, daß Ihr bald Hochzeit macht!« mahnte der Alte noch. »Ist gut, daß dem Professor sein Zimmer leer geworden, das lassen wir jetzt gleich herrichten. Wird Euch eh am liebsten sein, ist hübsch groß und ruhig.« »Ja ja!« sagte der Wolfram ziemlich barsch, um dieses Gespräch abzubrechen, welches ihm durchaus nicht heimlich war. Er sah sein Verhältnis zur Salmhofertochter lange nicht so rosig als sein Vater, und wenn etwas Rosiges für ihn dabei war, so konnte es nur das blühende Gesichtlein der -- anderen sein. Auf gar keinen Fall war es zu leugnen, daß Wolframs Sinn nach dem Salmhofe in Geßnitz stand. Und es ereignete sich auch, daß er nun häufig nach Geßnitz fuhr, immer in Geschäften, wie es hieß. Einige Wochen vergingen so, da hatte der alte Adlerwirt die feinste Brautwerberfahrt veranstaltet. Rollte eines Tages das sorgfältig aufgewichste Gefährte die Straße entlang gegen Geßnitz. Auf dem Bock saß heute der Pferdeknecht, aber hübsch mit flatterndem Hutbande. Im Wagen saßen der alte Adlerwirt und sein Schwager, der Herr Amtskontrollor aus der Kreisstadt. Beide im schwarzen Anzuge, mit Seidenhut und bunten Halsmaschen. Dem Adlerwirt war besonders in den weißen, stramm um die fleischigen Finger gespannten Handschuhen höchst unbehaglich, er war nicht imstande, den einfachsten Handgriff zu tun, selbst den Überrock mußte -- als es gegen Geßnitz hin schwüler wurde -- der Herr Schwager ihm aufknöpfen, und als sie zur Wegmauth kamen, fanden die eingepferchten Finger in den Taschen kein Geldschnäppchen, so daß wieder der Schwager aushelfen mußte. Trotzdem war der Adlerwirt guten Mutes und hieb dem Genossen ein- ums anderemal die breite Hand auf den Oberschenkel: »Na, was meinst, Schwager, wirst stecken bleiben bei der Anrede?« »Du wirst dir noch die Hundeledernen zersprengen!« mahnte der Schwager fürsorglich. Der Amtskontrollor war ein dürres Herrchen, dem auch die Kampflust, das heißt die Brautwerbelust aus den Augen blitzte. Der Adlerwirt hatte ihn eigens für diesen Zweck aus der Kreisstadt verschrieben. Es fährt sich doch ganz anders auf mit einer Autorität aus der Stadt, die Schick kennt und Vornehmheit hat. Das Amt, in welchem der Herr Schwager saß, oder vielmehr auf und ab sprang, bestand in einer Fahrkartenkontrollorstelle auf der Pferdeeisenbahn. Nun also, im Bewußtsein voller Ehrenhaftigkeit fuhren sie den Hügel hinan gegen den Salmhof. Da fielen ihnen die zahlreichen armen Kinder auf, die -- obzwar schon zur Allerheiligenzeit -- barfuß und in schlechten Gewändlein den Weg hin und her liefen. Durch das weit offenstehende Tor rollte der Wagen so rasch in den Hof, daß es mit einem der Kleinen schier ein Unglück gegeben hätte. Alsogleich stand auch der dienstbare Bursche da, der die beiden Pferde in Obhut nahm, während die beiden Herren sich an einen Mann wandten, um so gleichsam wie im Vorübergehen ein wenig die Wirtschaft begucken zu können. Der Angesprochene führte sie bereitwilligst durch verschiedene Gebäude, und überall war es erstaunlich. Dieser Wohlstand, dieser Überfluß in allem. Die Haustiere in schönsten Rassen, die Vorräte an Feldfrüchten, an Heu, an Werkzeug, an Wagen und Schlitten, an Häuten, Pelzwerk und Wolle, an Edelholz, kurz an allerlei, woran die meisten Leute gar nicht denken, geschweige es besitzen. Nach einem solchen Rundgang im Hofe kamen sie zum Eingange in das stattliche Wohnhaus; das Untergeschoß desselben war gemauert und weiß übertüncht, der obere Stock aus Holz gezimmert. Es hatte viele Fenster, die größer waren als solche bei anderen Bauernhöfen und mit zierlichen Holztäfelungen ausgeschlagen. Auch an den Dachvorsprüngen waren Holzschnitzereien, das Dach selbst war aus Schindeln, und über demselben ragten mehrere weiß übertünchte Schornsteine empor. Neben der Haustür an der Wand hing eine schwarze Tafel, auf welcher Kundmachungen klebten, denn der Salmhofer war Vorstand der Landgemeinde Geßnitz, die sich einen eigenen »Bürgermeister« wählte, seitdem der Ort Geßnitz selbst eine Marktgemeinde geworden war. Als die beiden Gemeinden sich trennten, wollte jede den Salmhof für sich haben, der lag so gut bürgerlich als bäuerlich, allein der Salmhofer mochte gedacht haben: lieber der erste Bauer, denn der letzte Bürger, und hatte sich zur Landgemeinde geschlagen, was ihm seine Nachbarn gar nicht hoch genug anrechnen konnten. An der offenen Haustüre war in der unteren Weite ein zierliches Holztörchen, wie solche an vielen Bauernhöfen üblich sind und dazu dienen, daß vom Hofe das Kleinvieh nicht ins Haus laufen kann. An diesem Türchen grunzten heute aber weder Schweine, noch meckerten Lämmer oder Ziegen, es war umdrängt von armen Kindern, dreijährigen bis etwa zwölfjährigen, die ihre Händchen aufhoben und mit hellen Stimmen schrieen: »Bitt' gar schön um ein Allerheiligenbrot!« Und hinter dem Törchen stand ein feines, etwas blasses, ernsthaftes Mädchen in dunkelblauem, fast städtisch geschnittenem Anzug, am Halse ein weißes Kräglein, wie es Männer tragen. Dieses Mädchen nahm aus einem großen Korbe, der neben ihm stand, geschnittene Brotstücke und verteilte sie an die Kinder. Die vorne standen, denen gab sie es in die Hand, den hinteren, vergeblich nach vorne drängenden warf sie die Stücke über den Köpfen zu und kümmerte sich nicht weiter um das Gebalge, welches darüber entstand. »Da ist sie!« flüsterte der alte Adlerwirt dem Herrn Amtskontrollor zu, und sie zogen ehrerbietig vor ihr die hohen Hüte. Das Mädchen dankte dem Gruße mit einem fast unmerklichen Neigen des Hauptes, scheuchte mit einer lebhaften Handbewegung die Kinder auseinander, und unsere beiden Männer traten in das Haus. Nach den »Herren Eltern« erkundigten sie sich bei der Kundel. »Bitte nur die Treppe hinauf, Mutter wird in der Küche sein!« Also in höflichem, aber entschiedenem Tone der Bescheid. Der Adlerwirt nickte dem Genossen vielsagend zu. Der Kundel war ihr erheuchelter Gleichmut ganz ausgezeichnet gelungen, nun aber huschte sie rasch unter die Stiege hin und spähte nach. Es schwante ihr etwas, als gehe dieser Besuch sie an. Für das Austeilen des Allerheiligenbrotes war nun alle Neigung dahin, sie stellte den Kindern den Korb mit dem Reste der Brote vor die Tür und schlich die Treppe hinan. In der Küche waren zwei Weiber, welche mit langen Messern die Kohlkopfstengel zerschnitten und die Scheibchen in einen Kessel warfen. Beide waren wie Mägde angezogen, nur daß die ältere, eine magere und fast kümmerlich aussehende Person, ein weißes breites Schürzenband hatte, an welchem ein Schlüsselbund hing. »Können wir mit der Frau Salmhoferin reden?« sprach diese der alte Adlerwirt auf gut Glück an. »Was wird's denn sein?« fragte das Weib in fast schüchterner Weise entgegen und wischte ihre Hände an der Schürze ab. »Wir sind von Kirchbrunn,« sagte nun der Herr Kontrollor, »und kommen in einer wichtigen Angelegenheit, wie sich's schon manchmal so fügt auf dieser Welt.« »Dann müssen Sie schon zu meinem Manne gehen. Ich weiß nichts,« so antwortete die Salmhoferin, wies sie über den Gang bis zur letzten Türe links und ging wieder an die Bereitung des Schweinefutters. Bei der letzten Türe links klopften die Männer höflich an. Drinnen hustete jemand. Nach einem Weilchen klopften sie zum zweiten Male, und drinnen hustete es zum zweiten Male. Nach dem dritten Klopfen schnarrte es im Zimmer: »Zum Satan, ja hab' ich gesagt!« Es war barsch, doch der Adlerwirt hielt das Ja im Vorhinein für ein gutes Zeichen. Sie traten ein. Es war eine schmale, längliche Stube mit zwei Fenstern und einem großen Kachelofen. Zwischen den Fenstern stand eine lange Lehnbank und daneben ein braunangestrichener Tisch. Auf der Lehnbank lag ein alter Mann, der nur mit Socken, einem schwarzen Beinkleide und einem grauen, locker um Brust und Arme flatternden Wollenhemde bekleidet war. Der Mann hatte auf dem Haupte fast kein Haar, hingegen einen üppigen, schneeweißen Bart. Das Gesicht war gerötet und hatte eine lange, wulstige Nase. Auf dem Schoß hatte der Mann ein weißes Kätzchen, das er fortwährend streichelte und mit Brotkrümchen fütterte. Auf dem Tische lag ein blaues, zusammengeknülltes Sacktuch, ein paar Brillen und ein Pack mit Schriften. Daneben stand ein grünglasierter Krug, aus welchem er häufig einen Schluck nahm. Dieser Mann war der Salmhofer. Der alte Adlerwirt verleugnete seine Befangenheit und grüßte ihn wie einen Bekannten, denn der Salmhofer war ja oftmals eingekehrt bei ihm in Kirchbrunn. »Au!« sagte der Alte und richtete sich ein klein wenig auf. »Das ist seltsam. Was seid Ihr denn so närrisch aufgestiefelt?« Da stellte sich der Herr Kontrollor vor und begann so zu reden: »Hochachtbarer Herr! Die Schicksale der Menschen sind mannigfach und unerforschlich. Sie hätten wohl auch nie gedacht, daß wir einmal an Ihres Hauses Schwelle stehen würden, und zwar in einer Angelegenheit, die -- in einer Angelegenheit, welche --« Da stak er. »Was wollt's denn?« fuhr der Salmhofer mit seiner breiten, röchelnden Stimme drein. »Daß wir an Ihres Hauses Schwelle stehen werden, und zwar in einer Angelegenheit, die --« Trotz des neuen Anrandes konnte er noch nicht weiter. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Still sei, Mistvieh!« sagte der Salmhofer zum Kätzchen, welches miaute, und gab ihm mit dem Finger einen zärtlichen Klapps. »Bitt' Euch, macht's keine Faxen!« hierauf zu den Ankömmlingen, »kann mir's ja eh denken. Meiner Tochter die Fahrgelegenheit zum Schwambachwirt soll ich zahlen. Was kostet sie denn?« Jetzt lachten die beiden und meinten, nun wären sie schon bei der Stange. »Billig fahre der junge Adlerwirt nicht bei Nacht und Nebel, leicht koste es den Passagier selber.« Der Salmhofer hob von der Katze die Hand und machte damit einen Schlag in die leere Luft. War das die Antwort? War das nicht gerade, als ob er sagen wollte: Fort mit Schaden? »Dafür stehe ich gut,« sprach nun der alte Adlerwirt, »einen braven Mann bekommt sie. Und lieb haben sich die jungen Leut' wie Tauben.« Der Salmhofer tat aus dem Kruge einen langen Schluck, und auf seinem Barte noch die Tropfen, schnarrte er: »Mein Geld willst, Adlerwirt!« »Aber! Aber!« rief der Adlerwirt. »Wer denkt denn an so was! Geld macht nicht glücklich, sage ich alleweil. Daß sie zusammenpassen, ist die Hauptsache. Das andere wird sich alles geben.« »Losgehen kann's, wann's will,« sagte der Salmhofer und trank wieder. Während er trank, sprang das Kätzchen auf den Fußboden hinab; da fuhr der Alte empor, fing es ein und setzte es wieder sachte auf seinen Schoß. »Nachher könnten wir vielleicht jetzt mit der Kundel reden?« meinte der Adlerwirt. »Weiß schon, weiß schon,« wehrte der Salmhofer ab. »Das Mädel ist ja schon ganz dumm vor lauter Verliebtheit. -- Da bleibst, Vieherl.« Den beiden Männern kam es schier vor, der Alte sei nicht recht bei Trost. Der grüne Krug! Auf jeden Fall reichte der Adlerwirt ihm nun die Hand und sagte in feierlicher Stimmung: »Also abgemacht, Schwieger! Bruder! Gott segne unsere Kinder!« »Ist schon recht, ist schon gut!« murmelte der Alte, und seine Handbewegung deutete an, sie könnten wieder gehen. »Er hat zwar einen martialischen Rausch,« sagte der Herr Kontrollor vor der Tür, »aber richtig ist's. Er hat mehr gestanden, als er im nüchternen Zustande beigegeben hätte, und das kann uns recht sein.« Auf der Hausflur begegneten sie der Kundel. Der alte Adlerwirt hielt ihr die Hand hin und sagte weichmütig: »Jetzt mache ich nicht viel Umstände mehr, Töchterl, ich darf wohl einen Gruß ausrichten beim jungen Adlerwirt zu Kirchbrunn?« »Bitt' schön,« antwortete das Mädchen und senkte das Aug'. »Und wann darf die Hochzeit sein?« fragte kühnlich der Herr Kontrollor. »Je eher, desto besser,« antwortete das Mädchen. Da wußten die Brautwerber einstweilen genug. [Illustration] 4. Abschnitt. Der Winter war mit viel Schnee gekommen. Das wirtschaftliche Leben des Dorfes nahm eine neue Gestalt an, vom Walde wurden auf Schlarpfen[2] große Reisigfuhren gezogen, aus den Berggräben mächtige Holzblöcke geschleift, von den Teichen her schwere Eisladungen geführt. Wer einen Bau vorhatte im nächsten Jahre, der zog jetzt Zimmerholz und Steine zusammen; der Schnee -- von welchem nicht Unterrichtete glauben, daß er die Wege versperre -- hatte die Bahnen geschaffen, auf welchen die schwersten Lasten leicht weiter befördert werden konnten. Die Straße entlang schellte manch leichtes Schlittenzeug lustig fürbaß und hielt wohl mit seinen Insassen an in Kirchbrunn beim Adlerwirt auf ein Glas Wein. Seit es laut geworden, daß die einzige Tochter des Großbauern zu Geßnitz bald einfahren werde in das Adlerwirtshaus, war dieses den Leuten neuerdings anziehend geworden. Einzig nur das Weibervolk betrachtete nun dieses Haus nicht mehr ganz mit den wohlwollenden Augen als ehedem, aber das verdirbt nicht viel; Weibsbilder, meinte der alte Wirt, sind ohnehin nicht die besten Gäste. [2] Aus zwei Baumstämmen gebaute Waldschlitten.] Um diese Zeit kehrte eines Tages der Schopper-Schub ein im Adlerwirtshause. Er hatte immer denselben verwilderten Bart, der nie geschnitten wurde und der auch nicht eigentlich in die Länge wuchs, sondern mehr Neigung hatte, sich zu kräuseln und zu filzen, was dem Waldmenschen auch recht war. Mit dem Haupthaar stand es wahrscheinlich auch ähnlich, man sah es aber nie, weil der Mann den Hut immer auf hatte und die schweren schwammigen Krempen zu allen Seiten tief herabhingen. Das mattbraune Lodengewand hatte einige Flicken, doch sah man es an ihrer Ungefügigkeit, daß sie nicht von schlichtender Weibeshand herrührten. Eben fast so unbehilflich war der Verband, den er am linken Arme trug. Daß der Schopper mitten in der Woche Feiertag hatte, kam daher, weil er sich mit der Holzaxt unversehens die Hand gespalten hatte. Weiter war es nichts. Ein Kamerad hatte ihm ein Harzpflaster gemacht und den Verband angelegt; somit ist die Sache in Ordnung, nur daß der Mann einstweilen nicht arbeiten kann. Also saß der Holzknecht da am dämmerigen Winkeltisch und trank etliche Gläschen Branntwein. »Wo ist denn der Jungherr?« fragte er auf einmal kurz und scharf. »Wo wird er denn sein!« antwortete der alte Adlerwirt, »in Geßnitz wird er sein. -- Hast was mit ihm?« »Will selber mit ihm reden,« sagte der Schopper. »Ich kann ihm ja nachgehen. Hab' eh Zeit dazu. Was macht's!« »Dreimal drei macht neun,« rechnete der Wirt die drei Gläschen zusammen. »Bekommst von zehn einen Kreuzer heraus.« »Schenkt ihn einem Bettler,« sagte der Schopper. Da lugte der Wirt einmal. -- Seit wann geben denn die Herren vom Siebenbachwald Trinkgeld? Wahrscheinlich, seit sie sich selber die Knochen entzweihauen. »-- Soll einmal ein Vaterunser dafür beten,« setzte der Holzknecht bei, während er sich rasch von der Bank erhob und, den Stock fest auf den Boden stoßend, davoneilte. »Für einen Kreuzer ein Vaterunser,« murmelte der Wirt, die kleine Münze in der hohlen Hand schüttelnd, »viel Andacht wird man da nicht verlangen können.« Der Schopper-Schub wanderte die Straße entlang gegen Geßnitz. Der Weg war wohl für den Schlitten eingerichtet, aber nicht für ungelenkige Füße. Das glitt immer nach rechts oder nach links und brachte den Mann in Gefahr, auf seine wunde Hand zu fallen. Trotzdem setzte er seinen Stock fest ein und kam vorwärts. Er sann unterwegs, wie er es machen werde auf dem Salmhof. Das waren ja zwei triftige Gründe, wesweg er jetzt hinausging. Ein fast leidenschaftliches Dankgefühl hatte ihn vom Siebenbachwald herausgetrieben. Der in sein enges Wesen zutiefst eingesponnene und doch vielleicht gelegentlich einer Selbstentäußerung fähige Waldmensch glaubte, daß der junge Adlerwirt rein ihm zuliebe von der Frieda abgestanden sei und, damit aller Zwiespalt aufhöre, rasch die andere heiraten wolle; denn es war ihm nicht möglich zu denken, daß unter allen jungen Weibern der Welt nicht die Jungmagd Frieda die Begehrenswerteste sein sollte! -- Adlerwirt! wollte er sagen und ihn um den Hals packen, für mein Lebtag bin ich dein Knecht! Wenn du einmal in Not solltest sein, so rufe mich! Du bist mein treuester Freund auf der Welt! Du hättest das Mädel haben können und hast es mir überlassen, hast dich einer Fremden angeschmiedet, die dir gleichgültig ist, höllisch gleichgültig. Gott geb's, daß sie dich recht lieb hat! Und wenn du einmal wen brauchen solltest, Wolfram, der für dich lebt und stirbt, so laß mich holen! -- Also wollte der Schopper zu ihm sprechen, daß seinem heißen, in Zorn wie in Freude überschwänglichen Herzen Genüge getan werde. Dann wollte er aber auch ernstlich an die andere herantreten und am heutigen Tage die Sache endgültig machen. -- Hopp! jetzt lag er im Schnee. Wenn es so fortgeht auf der Rutsche, so wird das mühsam bis Geßnitz. Ein feines Schellen hörte er hinter sich. Mit flinkem Rößlein jagte und auf leichtem Schlitten saß der Groß-Grübinger von Kirchbrunn, er fuhr auch gegen Geßnitz. Ei, dachte der Holzknecht, dem ist's ein leichtes, daß er mich mitnimmt. Als der Schlitten vorüberschliff, rückte der Schopper manierlich den Hut, aber der Grübinger tat nichts desgleichen. »He!« rief nun der Holzknecht dem Gefährte nach, zog sein blaues Sacktuch aus der Tasche und hielt es hoch in die Luft, »he, Vetter! Vetter Grübinger!« Der Bauer hielt an: »Was ist denn?« »Ihr habt Euer Sacktuch verloren!« rief der Holzknecht. Die List gelang; während der Bauer seine Taschen durchsuchte, kam der Schopper zum Schlitten heran und legte seine Hand schon an das Joch. »Mir gehört er nicht, der Fetzen!« brummte der Bauer und wollte es wieder vorwärts gehen lassen. »Nachher muß er wem anderen gehören,« meinte der Holzknecht und steckte das Tüchel in seinen Sack. »Aber gelt, Vetter Grübinger, Ihr seid so gut und habt nichts dagegen, wenn ich mich da hinten auf die Kurve stelle. Ich will nach Geßnitz und es geht so kläglich auf den Füßen. Euer braver Rappen --« »Kunnt mir einfallen!« lachte der Bauer grell auf, »Hia!« Und der Schlitten glitt rasch dahin, kaum hatte der Schopper Zeit, das Joch auszulassen; sich an dasselbe haltend, stolperte er eine Weile hinten drein, bis der Bauer ihm mit dem Peitschenstock eins auf die Finger gab. Da ließ er los und stand wieder allein mitten in Schnee und Nebel. »Die Leute sind hart,« murmelte er vor sich hin; um so weicher ist der Schnee, in welchen er seine Fersen wieder kräftig einsetzte. Es ging langsam fürbaß. Als er nach Stunden durch den Markt Geßnitz schritt, war es finster, was sich gar nicht übel traf. Schon einmal hatte ihn hier der Gendarm festgenommen, obschon auch bald wieder losgelassen, nachdem es sich herausgestellt, daß hinter der verwilderten Hülle ein gewöhnlicher Holzknecht steckte. -- Auf dem Turme läutete die Abendglocke. Er zog seinen Hut vom Kopfe und betete: »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft ...« Der junge Adlerwirt war ihm nicht begegnet, also mußte er wohl noch im Salmhofe sein. Der Schopper ging den Hügel hinan, aber nicht nach dem breiten Fahrweg, sondern hinterwärts auf dem Rainsteige. Den Wirtschaftsgebäuden trachtete er zu, er wußte wohl die Futterkammer, in welcher die Jungmagd um diese Zeit ihre Arbeit zu verrichten pflegte. -- »Heut' nimm dich zusammen, Schopper-Schub,« so ermahnte er sich selbst. »Denk' nicht immer daran, daß du verachtet bist. Denk', daß du auch ein Mensch bist wie alle anderen, und sei herzhaft. Gesund und stark zum Arbeiten, niemand kann dir was ausstellen im Holzschlag, du verstehst dein Geschäft. Niemand kann dir was nachsagen; was du dein Lebtag hast angestellt, das ist nur dein eigener Schaden gewest. Die neue Riesen wird sich machen im Waldschlag. In ein paar Jahren bist Holzmeister, da kannst Weib und Kind erhalten so gut wie ein Graf. Warum soll sie dich nicht gern haben? Wenn ihr dein Gewand nicht gefällt, so wirf's weg, der inwendige Kerl wird nicht zu schlecht sein für eine brave Dirn. In Gottesnamen, Schopper!« Der junge Adlerwirt hatte sich im Laufe desselben Nachmittags in der großen Wirtschaft des Salmhofes herumgetrieben. Anfangs tat er solches in Begleitung seines künftigen Schwiegervaters, dieser wurde aber bald zurückgerufen, er hatte in Gemeindevorstandsgeschäften zu tun. Der Wolfram spähte überall umher und spielte mit dem Gedanken, was mit all dem geschehen werde, wenn einmal Vater und Mutter mit Tod abgehen sollten. Gegen Abend ins Haus zurückgekommen, gab's eine Jause, aber eine etwas zerrissene. Die Salmhoferin trank ihren Kaffee in der Küche, der Salmhofer trank seinen Weinkrug auf der Stube aus, die Haustochter Kundel schlürfte ihren Tee im Küchenzimmerchen und knusperte süßes Backwerk dazu. Der Wolfram, welcher neben ihr saß, dankte für den ihm gebotenen Imbiß, er sei nicht gewohnt, eine Jause zu nehmen, aber eine Zigarre, wenn er sich anzünden dürfte! Hierauf besprachen sie die Hochzeit. Die Kundel gestand vielleicht mehr unwillkürlich als absichtlich, daß es ihr manchmal schrecklich sei auf dem Salmhofe, daß sie froh sei, diesem Orte zu entkommen. Elternliebe, wovon andere Leute sprechen, habe sie ja doch nie kennen gelernt. Der Vater habe sie ein paar Jahre lang in ein Institut gesteckt, sie nachher zu einer Zierpuppe herrichten wollen, um sich mit ihr zu prahlen; bei der Mutter wäre überhaupt nichts zu suchen, diese verrichte in der Küche ihre tägliche Arbeit, die gerade so gut auch eine Magd besorgen könne, und sei dann zufrieden. -- Dem jungen Adlerwirt schmeichelte dieses Vertrauen der Braut und es kam ihm fast gemütlich vor im Stübchen, bis die Kundel plötzlich und ziemlich rasch das Fenster aufmachte. Der Tabakrauch ging freilich hinaus, aber die kalte, neblige Winterluft ging herein. Endlich verabschiedete der Bräutigam sich, und während die Pferde eingespannt wurden, stand er draußen in der Tür der Heukammer und plauderte ein wenig mit der Jungmagd. Er lehnte an dem einen Pfosten der Tür, sie an dem anderen, weiter ließ sie ihn mit der brennenden Zigarre nicht in die Kammer. Sie tat's aber nicht des Rauches, sondern der Feuersgefahr wegen. Ihr Gespräch wurde ganz leise geführt. »Frieda,« sagte der Wolfram, »du wirst doch auch bei der Hochzeit sein?« »Weiß es nicht,« antwortete sie, »ich werde wohl müssen haushüten. Die Haustochter hat schon so etwas gesagt.« »Hat sie?« fragte flüsternd der Bräutigam. »Nein, Frieda, ich will's haben, daß du bei meiner Hochzeit die erste Kranzljungfrau sein sollst. Es geht doch!« »Ja, gehen tät's schon,« meinte die junge Magd, »aber sein darf's nicht.« »Wer sagt das?« »-- Sie.« »Das möchte ich wissen. Ihr seid ja immer gut gewesen miteinander? Und kameradschaftlich.« »Früher, ja,« sagte die Frieda, »aber seit dem Tanz beim Schwambachwirt ist sie arg auf mich.« »Laß es gut sein, Dirndel,« entgegnete der junge Adlerwirt. »In das Kapitel werde ich auch etwas dreinzureden haben. Sie mag zur Hochzeit laden, wen sie will, ich werde es auch tun. Und verhoff's, daß wir uns bei der Hochzeit nicht das letzte Mal sehen werden, Dirndel. Gib mir die Hand drauf!« Und er schnalzte mit der Zunge, was so seine Gewohnheit war, wenn er Mut und Übermut in sich fühlte. »Dirndel, die Hand drauf!« »Auf das gebe ich keine Hand,« war ihre Antwort, »der Mensch weiß nicht Zeit und Stund.« Zögernd und zagend hatte sie das gesprochen. »Und auch zum Abschied willst mir die Hand nicht geben?« fragte er nicht ohne Beklommenheit. »Zum Abschied -- schon gar nicht,« antwortete das Mädchen. »Frieda!« erscholl es in diesem Augenblicke von der Stallwand her. Die beiden stoben auseinander. Eine männliche, hohle Stimme war es gewesen. Der junge Adlerwirt sprang in den Schlitten, und vorwärts ging's durch Nacht und Winter gegen Kirchbrunn. An demselben Abende war's, als die Jungmagd Frieda die Tür ihrer Kammer verschlossen hatte und nun vor einem Muttergottesbildchen, welches an der Wand klebte, ihr Nachtgebet sprach, als auf einmal wie ein Gespenst der Holzknecht vor ihr stand. Der Schreck war so groß, daß ihr zum Schrei die Stimme versagte. Beide Hände ans Herz gedrückt, so sank sie mit einem Hauch auf den Schemel hin. »Geschehen tut dir nichts,« also sprach nun der Schopper. »Aber das Leutrufen laß sein. Sie brauchen es nicht zu wissen, was wir zwei miteinander zu reden haben.« »Wir haben nichts miteinander zu reden,« konnte jetzt die Frieda sagen. »Geh fort! Du hast dich wie ein Dieb hereingeschlichen! Geh fort!« »Hast wohl recht, Dirndel, wie ein Dieb!« entgegnete der Schopper. »Weil ich deinetwegen schlecht werden muß. Aber daran schuldig bist du. Zu einem Engel hättest mich machen können. Und jetzt -- jetzt kann ein Teufel draus werden.« »Fort geh!« rief das Dirndel und sprang zur Tür, um sie zu öffnen. Er fing sie auf, hielt ihr die Hand fest und sagte: »Frieda. Sei barmherzig. Schau, ich bin ein armer Bursch'. Glaubt hätt' ich's nimmer, daß einen die Lieb' so kunnt zurichten. Zwingen kann ich dich nicht, Frieda. Ich sag' dir nur das: Wenn du mich nicht nimmst, so erleben wir was. Mit mir und mit dir! Ich spring' ins Verderben und du in dein Unglück. Der junge Adlerwirt! Unterwegs her bin ich noch voller Vertrau gewesen zu ihm. Und was ich jetzt hab' gehört!« »Was hast denn gehört?« »Mehr, als er geredet hat, meine liebe Dirn! Daß der so schlau ist, das hätte ich mir nicht gedacht. Die eine heiraten, die andere gern haben! Bist denn du blind, Frieda! Oder bist wirklich so schlecht?« »Holzknecht,« versetzte jetzt das Mädchen ruhiger, »laß mich aus, dann will ich reden.« Im Augenblick ließ er ihre Hand los. »Für mich,« so redete sie nun, »wär' es auch besser, du hättest mich zerdrucken lassen vom Mühlrad. Ich dank' dir's nicht, daß du mich hast herausgezogen. In der Unschuld wäre ich gestorben, und wie es jetzt steht, seh' ich vor mir nichts, als lauter Sünd' und Elend.« »Den Adlerwirt mußt vergessen!« sagte der Schopper. »Vergessen! Weißt du, was du redest? Kannst du vergessen? So vergiß mich, ich geh' dich ja nichts an. Bin nicht deine Schwester und nicht dein Geschwisterkind. Such' dir eine, die besser für dich paßt, und mich laß in Gottesnamen zugrunde gehen, wenn es mir schon aufgesetzt ist, daß ich seinetwegen zugrunde gehen soll.« Sie weinte. Der Waldmensch stand wie erstarrt vor ihr. Endlich antwortete er: »Um ~das~ von dir zu hören, bin ich heute weit aus dem Siebenbachwald herausgekommen. -- Du, Frieda! Flennen darfst mir nicht! Flennen kann ich dich nicht sehen!« Fast wie drohend stieß er die letzten Worte heraus, und dann fuhr er mit den Fingerspitzen über ihr Haar hin, als ob er sie streicheln wollte. »Frieda!« fuhr er milder fort. »Vor neun Jahren am Magdalenatag, wie sie deine Mutter haben in die Erden gelegt, habe ich dich zum ersten Mal gesehen. Wie du dazumal geweint hast, du liebes Kind, du arme Waise, so verlassen auf der Welt, -- wie du dazumal so geweint hast, das geht mir nimmer aus dem Kopf, gar nimmer.« »Mein Gott,« flüsterte jetzt die Frieda, »du bist ja ein guter Mensch, ein herzensguter Mensch. Aber jetzt mußt du fortgehen, du armer Bursch, schau, es kann nicht anders sein. Ich habe ja nichts gegen dich, wenn ich nur könnt', wie wollt' ich dich lieb haben mit Freuden, dich ganz allein. Und es hätt' eine gute Wendung. Wie es jetzt steht, ich weiß mir ja nicht zu raten und nicht zu helfen.« »Sollst schuldigerweis so reden?« fragte er. »Gott Lob und Dank, nein!« antwortete die Jungmagd, »aber fürchten tu' ich mich, so oft ich ihn sehe. Bei der Hochzeit will ich nicht sein, nach Kirchbrunn auch mein Lebtag nicht gehen. Ich will mich ja hüten, soviel es menschenmöglich ist. An meine Mutter hast mich gemahnt, Schopper. Ihr letztes Wort zu mir ist gewesen: Frieda, wenn du dir nicht aus weißt, so knie' hin und tu' beten. Ich will's tun, Holzknecht, und will so lange beten, bis ich dich recht lieb hab, und nur dich allein.« Das sagte sie mit solcher Innigkeit, als wäre die Liebe zu ihm bereits da. »O glückselige Stund'!« wimmerte der Waldmensch und drückte sein bärtiges Gesicht an ihre Schulter, in ihr Haar, »du herzliebe Dirn, ich geh' schon, ich geh' gern. Beten! Beten! Gute Nacht, du herzliebe Dirn!« Also stürzte er wie rasend vor Glück davon, hinaus in die tiefe Winternacht, den jauchzenden Himmel im Herzen, seinen fernen Wäldern zu. [Illustration] 5. Abschnitt. Ganz Geßnitz war in Aufruhr. Bald nach Mitternacht schon hatten sie angefangen mit den Pöllern zu knallen, und zwar nicht bloß auf dem Salmhof, wo hinter dem Hause ein großes Feuer brannte, sondern auch bei anderen Bauernhöfen der Umgegend, die da zeigen wollten, welch freudigen Anteil sie nähmen an dem Fest- und Ehrentage der Familie ihres großständigen Gemeindevorstandes. Und als über den Dunstschichten der große, rote Sonnenball heraufstieg und die Hochzeitsgäste gegangen, gefahren kamen von allen Seiten her, da knatterten auch die Pistolen drein, das Kleingewehrfeuer zu den Kanonenschüssen, daß es schier zu hören war, als würde eine große Schlacht geschlagen im Tale von Geßnitz. Wo der Weg vom Salmhofe in den Markt hineinmündet, war sogar ein Schwibbogen gebaut aus Fichtenreisern. Von der Gärtnerei der Herrschaft Klobenstein war ein großer Brautstrauß gekommen als Hochzeitsgabe, denn der Klobensteiner Baron und der Salmhofer standen miteinander in reger Geschäftsverbindung. Übrigens hatte die Hochzeit des jungen Adlerwirtes mit der Salmhofer Tochter etwas Städtisches. Es gab dabei Herrschaften in Frack und mit hohen Seidenhüten, worunter der Herr Schwager Amtskontrollor eine der würdigsten Erscheinungen war. Auch der Salmhofer trug einen sehr langen Frack, einen schwarzen Röhrenhut, einen hohen, aufgesteiften Halskragen mit zwei an beiden Seiten des Kinnes hervorstehenden Spitzen, eine schneeweiße Weste, die über den halben Bauch hinabging, ein schwarzes Beinkleid und tadellose weiße Handschuhe. Die Salmhoferin an seiner Seite sah dagegen ganz bäuerlich und fast ärmlich aus. Der Bräutigam war in schwarzem, dorf-bürgerlichem Anzug, der sich nur auszeichnete durch das Myrtensträußchen am linken Brustflügel. Dieses schwarze Gewand gab dem jungen Manne ein überaus interessantes Aussehen, sein Gesicht schien blasser als sonst, und in seinem großen Auge war ein seltsamer Schmelz, wer es nur hätte sagen können, ob mehr auf frischen Mut oder auf weichmütige Rührseligkeit hinweisend. Seine natürliche Heiterkeit schien er heute daheimgelassen zu haben beim Alltagsgewand, ernsthaft, gesetzt, wie es einem Bräutigam ansteht, war sein Wesen, und man sah gleich, daß die Würde des Großbauernhofes sich auf ihn zu vererben begann. Die Braut Kunigunde trug ein schweres weißes Seidenkleid mit Schleppe, und auf dem kunstvoll geflochtenen, fast schwarzglänzenden Haar ein Myrtenkränzlein. Ihr schönes Gesicht war jetzt, wie sie vor dem Altare standen, als ob es von reinstem weißen Marmor gemeißelt wäre. Man hatte zu Geßnitz nie eine Braut gesehen, die so würdig und ernst war, und nie eine, die am Hochzeitstage nicht einmal ein wenig gelächelt und nicht einmal ein wenig geweint hätte. Aber die Kunigunde war eine solche. Manche behaupteten, das wäre ein tiefes Wasser, auswendig eine Mutter Gottes, inwendig --. Ein Glücksmensch sei dieser Adlerwirt! Die Braut so schön, so achtunggebietend, so reich! -- Ob sie für eine Wirtin am Ende nicht doch ein wenig zu vornehm ist! Wirtinnen können nicht artig genug sein. -- Oho, Wirtinnen können nicht zurückhaltend und ernsthaftig genug sein! -- Ein Glücksmensch, dieser Adlerwirt! Als das Brautpaar vor dem Altare stand, als der Wolfram ihre zarte kleine Hand in der seinen hielt, als der Priester die Stola darüber wand, da machte der junge Adlerwirt im Herzen ein Gelöbnis. -- Ich will ein treuer Mensch sein. Junge, leblustige Weiber gibt es genug, auch solche, die Ehrenhaftigkeit verkaufen! Nein. Ich habe jetzt mein Weib. Und ist sie gleichwohl noch frostig wie ein Märztag, ich will so viel Sonnenschein auf sie legen, bis die Blume aufblüht. Durch die Liebe kann man alles überwinden, sagt mein Professor Nix, auch die schlimmen Weiber. Schlimm aber ist sie gar nicht, nur ein wenig herb. Und herbe Trauben geben den haltbarsten Wein. Mein liebes Weib, du! -- Er drückte ihre Hand, sie wußte freilich nicht, was er dachte. Die Mahlzeit im Salmhofe war üppig bis zum Tischbrechen. Auch dabei ging es so vornehm zu, daß alle Kellner von Geßnitz anwesend waren, um an der Tafel die Speiseschüsseln herumzutragen von Gast zu Gast. Die Braut winkte fast jedes Gericht mit einer Handbewegung ab, sie aß nichts, sie trank nichts, sie sprach nur wenig, ließ aber ihr wachsames Auge stets in die Runde gehen, um die Ordnung des Dienervolkes zu überwachen und etwaige Verstöße desselben mit einem strafenden Blick, mit einem tadelnden Worte zu rügen. Der Wolfram suchte mit der nebensitzenden Schwiegermutter ein Gespräch zu unterhalten; es war jedoch mit der einfachen, bescheidenen Frau nicht viel anzufangen. Um so mehr fröhlichen Lärm machte der Salmhofer, besonders wenn das weiße Kätzchen, welches er bei sich auf dem Schoß hatte und mit Leckerbissen fütterte, auf den Tisch sprang und ungebührlich ward. Also, dachte der Wolfram, werden wir uns nur ans Essen und Trinken halten, dieser Tag wird mit Gottes Hilfe ja auch nicht ewig dauern. Am Abende, als die Lichter gekommen waren und die Musikanten, hub die Hochzeitsgesellschaft einen anderen Takt an. Es ward laut und lustig, die Leute wogten durcheinander, aber die Braut zog sich zurück auf ihr Stübchen, weil ihr die Aufregung und der Lärm des Tages ein wenig Kopfschmerz verursacht hatten. Der Wolfram ging hinaus in die frische Luft. Ein klarer Sternenhimmel flimmerte, der Adlerwirt sah ihn kaum, er war in verschiedenerlei Empfindungen versunken, und auf einmal tat er einen tiefen Atemzug und sagte halblaut: »Also wäre ich verheiratet!« Dann kam ihm zu Sinn, was er am Altare gedacht und daß er nun von jemandem Abschied nehmen müsse mit allem Ernst. Im Wirtschaftsgebäude war die Gesindestube hell beleuchtet, da drin ging's fröhlich zu, der Wolfram trat ein. Mit hellem Geschrei hoben sie ihm die Gläser entgegen und tranken auf seine Gesundheit. Er setzte sich ein bißchen zu dem Gesinde an den Tisch, da erschien die Aufträgerin mit frischem Teller und Glase, legte ihm Krapfen vor, und einschenken, meinte sie, würde er sich wohl selber können. »Ja, Frieda!« lachte der Bräutigam der jungen Aufträgerin zu, »einschenken, das kann ich, aber austrinken mußt du. Auch von dir will ich eine Gesundheit haben.« Die Jungdirn nahm das Glas, schwenkte es ein wenig gegen ihn: »Zur guten Gesundheit!« und nippte. »Jetzt ist's recht!« rief der Wolfram lustig mit der Zunge schnalzend und faßte sie an der Hand und blickte ihr frisch ins Auge, »trink' noch einmal, Frieda!« »Dank' schön!« antwortete sie schmunzelnd, »es möcht' zu viel sein.« »So gib her!« Er nahm ihr das Glas aus der Hand, und während er ihr fest ins Auge blickte, leerte er es auf einen Zug. Als er nachher wieder über den Hof schritt, ward ihm bedenklich. -- Ein Abschied das? -- * * * * * Also das war die Hochzeit gewesen. Und nun kam das Siedeln. Der Möbelfuhren von Geßnitz nach Kirchbrunn waren so viele, daß die Leute schon sagten: »Mein Gott, wie wird denn das alles Platz haben beim Adlerwirt, es zersprengt ja das Haus!« Frau Kunigunde war eingerichtet wie eine Gräfin. Alles nagelneue Sachen. Rokoko war Mode. Rokoko! Man wußte zwar nicht, was das war, bestellte es aber. »Kosten tut auch ein Trödel was,« hieß es, »also am besten, sich gleich ordentlich einrichten.« Es gab Überraschungen, als die Sachen ankamen. Frau Kunigunde war nicht so leicht zufriedengestellt von den Arbeiten der Tischler und Tapezierer aus der Kreisstadt, sie meinte, das plumpe Zeug sei gar nicht anzusehen und es wäre am klügsten, solche Dinge geradeswegs aus Paris zu bestellen. Mit diesem Sinn für die feinste Vornehmheit setzte die junge Frau ganz Kirchbrunn in Erstaunen. Ungefähr eine Woche nach der Hochzeit war der Salmhofer angefahren gekommen, um sich das neueingerichtete Nest der jungen Leute zu besehen. »Nur so zu, Wolf!« schnarrte er den Schwiegersohn an. »Meine Tochter hat Erziehung genossen. Halt' sie fein! Laß ihr nichts abgehen! Für die Küche nimm dir eine Köchin, mein Kind hat Nerven, die nicht für den Küchendunst sind.« Der Wolfram nahm diese Verhaltungsmaßregeln ganz ruhig hin. Nach einem Imbiß, der dem Schwiegervater vorgesetzt worden und wobei der Salmhofer einmal seinen würdigen Bart streichelte und das andere Mal seinen Oberschenkel, obzwar heute das weiße Kätzchen nicht darauf saß -- bat der alte Adlerwirt ihn auf ein Wort in seine Stube. Der alte Wirt war vor langem Zuwarten auf eine gewisse Unterredung schon ganz aufgeregt geworden. Und weil der Schwieger auch heute wieder nichts desgleichen tat, als wäre eine solche an der Zeit, so machte der Wirt nun keine Umstände mehr. »Schwieger,« sagte er, ihm einen Sessel hinschiebend, »mußt schon entschuldigen, es ist, daß man sich einmal ausredet von wegen Lebens und Sterbens. Wir sind nimmer jung, und mein Sohn weiß, was er von mir zu erwarten hat. Es ist, daß er weiß, wie er daran ist und die Wirtschaft einrichten kann.« »Hast ganz recht, Adlerwirt, nur alles in Ordnung machen,« antwortete der Salmhofer. »Weiß auch, daß mein Kind bei Euch gut gestellt ist. Ist ein gutes Kind, wer es zu behandeln versteht, ein herzensgutes Kind.« »Und eine rechtschaffen stolze Natur,« lenkte der schlaue Adlerwirt über, »so daß ich mir schon gedacht habe, ob sie nicht etwa gedrückt ist, wenn ... Das möchte ich ihr nicht wünschen! Sie wird auch auf was pochen wollen, und hat ganz recht. Ich meine, Schwieger, du -- sollst was schreiben lassen.« Der Salmhofer hatte sich kaum gesetzt, so stand er jetzt wieder auf, nahm Hut und Stock; aber noch an der Tür wendete er sich um und stieß sprudelnd die Worte hervor: »Ich glaube, die Ausstattung ist nicht zu gering ausgefallen. Hat mich bare zweitausend Gulden gekostet. Nach meinem Ableben -- wenn ich um ein Eichtel Geduld bitten darf! -- wird sie kriegen, was da ist. Wer denn sonst?« Ohne ein weiteres Abschiedswort ging der Großbauer zur Tür hinaus und fuhr davon. Etwas kleinlaut teilte der alte Adlerwirt dem jungen dieses Gespräch mit und fügte bei: »Heißt's halt so weiter fretten derweil. Wie lang wird er's denn machen! Er trinkt zu viel.« Der Frau Kunigunde war es nach ihrem Einzuge ins Adlerwirtshaus vor allem darum zu tun gewesen, jedermann zu zeigen, daß sie hier die Frau sei. Alles wurde geändert, schon in den ersten Tagen. Kein Möbelstück blieb an seinem Platze stehen, und wenn der Wolfram einwendete, das sei schon bei seiner Mutter Lebzeiten so gewesen, gab sie zur Antwort: »Liebes Kind, also hat's deine Mutter gestellt nach ihrem Belieben, und ich werde es auch tun.« Im Salmhofe war um zwölf Uhr Mittagszeit, also mußte auch im Adlerwirtshause die Suppe um zwölf Uhr auf dem Tische stehen. »Kundel,« gab ihr der Wolfram zu bedenken, »in den Wirtshäusern macht sich eine spätere Mittagsstunde besser, wenn die Gäste gespeist haben.« -- »Was kümmern mich die Gäste!« war ihre Entgegnung. Der Wolfram wußte wohl, was darauf zu sagen war, doch er wollte nicht streiten. »Junge Hausfrauen sind schon so,« tröstete ihn der Vater, »und sie wird sich die Hörner schon abstoßen.« Auch mehrere Dienstboten, die sich nicht gleich in die neue Hausordnung schicken konnten, wurden entlassen und neue aufgenommen. Und gerade wenn eins recht brauchbar war und schon lange im Hause, gerade das mußte fort. Die Frau Kunigunde wollte nicht, daß ein Dienstbote im Hause sei, welcher besser Bescheid wußte als sie selber. »Daß dir die fremden Gesichter nicht zuwider sind!« sagte einmal der Wolfram zu seiner Frau. »Mir sind die einen wie die anderen fremd,« war ihre Antwort. »So möchte ich an deiner Stelle wenigstens solche nehmen, die ich schon kenne. Dein Vater wollte dir gewiß gerne ein paar Leute von seinem Hofe abtreten, die deiner Art und Weis' leichter nachkommen könnten. Besonders Weibsleute solltest verläßliche um dich haben.« »Meinst?« gab sie lauernd zurück. »Wir haben jetzt keine ordentliche Küchenmagd und keine Weidmagd.« »Wie soll sie denn heißen?« »Heißen kann sie wie sie will, aber brav und fleißig muß sie sein.« »Soll sie nicht Frieda heißen?« fragte spitzig die Frau Kunigunde. Der Wolfram tat überlaut einen Lacher. »Wie du jetzt auf die Frieda kommst!« Er brach ab und ging hinaus. Von diesem Tage an war er eine Weile wortkarg. Und damit Frau Kunigunde die Ursache nicht merken sollte, warf er ihr unverhohlen vor, daß das nicht schön wäre von ihr, dem alten Vater die liebgewordenen Gewohnheiten zu vergällen, ihm sogar die Mittagszeit nach ihrem Gutdünken zu verlegen. Über die Speisen selbst rede man ohnehin nichts, diese würden zubereitet nicht nach seinem, sondern nach ihrem Geschmack, und der sei nicht allemal der beste. »Einen besseren hast du,« gab sie rasch wie immer zur Antwort, »weil du deiner eigenen Frau schon jetzt, wenige Wochen nach der Hochzeit, das Essen mißgönnst und dich nach einer Stalldirne umsehen möchtest.« Da weinte sie auch schon heftig in ihr Spitzentuch. »Aber Kunigunde!« rief nun der Wolfram und wollte kosend begütigen, sie stieß mit dem Ellbogen heftig nach ihm, da ging er zum Herde, zündete sich eine Zigarre an, stieg in die Gaststube und unterhielt sich mit den Gästen. Ein Fleischhauergeselle aus Geßnitz war da, den fragte der junge Adlerwirt nach Neuigkeiten. Natürlich marschierte der drohende Krieg auf, der in den Zeitungen stand, denn er steht immer drin. Aber dem Wolfram war das zu wenig. Als braver Schwiegersohn fragte er dem Salmhofe nach, ob dort alles gesund sei, oder sonst beim alten? Ja, der Salmhofer liege auf seiner Holzbank, schäkere mit den Katzen und habe so manchmal sein Räuschchen. Man merkte es dem Fleischergesellen an, welche Gewalt er sich antun mußte, um die ganz unverhältnismäßige Verkleinerung zuwege zu bringen, aber anders mochte er mit dem Schwiegersohne doch nicht sprechen. -- Und was die Mutter mache? wollte der Wolfram wissen. -- »O Gott!« sagte der Fleischer. »Daß sie nicht am Ende mehr Sorgen zu tragen hat, jetzt, weil die Tochter fort ist!« fürchtete der junge Adlerwirt. »Sie wird sich doch von den Dienstmägden eine abrichten fürs Haus oder so?« »Im Gegenteil,« erzählte der Geßnitzer, »verjagen tut sie eins ums andere. Gestern ist bei der Jungmagd die Dienstzeit aus worden.« »Bei der Frieda?« fragte der Wolfram. »Wird so geheißen haben. Bin just mit einem Kalb vorübergekommen, wie sie mit ihrem Bündel den Hof verlassen hat. Und Augenwasser, daß ich sie noch frag': Was hat's denn, Dirndel? Wandern mußt? Ja, wohin denn jetzt im Winter? Wisse es selber nicht, hat sie gesagt, und fort nach der Straßen.« Nun wußte er's, der Adlerwirt, was er wissen wollte. Daß er jetzt aber noch mehr wissen wollte, und was alles, das konnte er niemandem sagen. [Illustration] 6. Abschnitt. Endlich war der Winter vorbei. Und eines Tages in den Maien kam der junge Adlerwirt zu seiner Frau mit einem erbrochenen Briefe und sagte froh erregt: »Dies Jahr kommt er früh. Er kann es schon kaum erwarten, die junge Adlerwirtin kennen zu lernen, schreibt er. Der Professor Nix.« »Wer ist denn der?« fragte Frau Kunigunde gleichmütig. »Ich habe dir ja erzählt von dem Herrn, der allsommerlich zu uns kommt und bei uns bleibt, und der mich so mancherlei gelehrt hat. In diesem deinem Zimmer hat er immer gewohnt.« »So soll ich wohl jetzt ausziehen und den Herrn Professor Nix hereinlassen?« »Kundel,« sprach der junge Adlerwirt und machte einen vorwurfsvollen Blick. »Kundel, du bist immer so boshaft. Wie kann denn vom Ausziehen die Rede sein! Der Professor bekommt das Stübchen gegen den Baumgarten hinaus, er wird damit zufrieden sein. Es ist ein netter Herr, du wirst ihn gewiß liebgewinnen.« »Das Baumgartenzimmer kann ich ihm nicht abtreten, ich habe meine Garderobe drin.« »Vielleicht wolltest du deine Kleider hier in der Nebenkammer unterbringen, es wäre bequemer für dich.« »Geh, geh, Wolf,« entgegnete sie, »meine Bequemlichkeit, daß ich nicht lachen muß! Nur um deinen Herrn Professor geht's dir. Nein, das Baumgartenzimmer bekommt er nicht!« »So werde ich ihm das große Zimmer über der Gaststube einräumen,« sagte er, aber in einem Tone, der anzeigte, daß er nicht gewillt sei, weiter mit sich handeln zu lassen. »Das kannst du tun,« antwortete Frau Kunigunde. »Ich kümmere mich nicht um deine guten Freunderln. Nur bitte ich dich, auch mir nichts dreinzureden, ich will Ruhe haben.« Und eine Woche nach Ankunft seines Briefes kam er selber. Es war noch ganz der alte wie im vorigen Jahre. Dem Wolfram fiel er mit den Worten: »Junge! Hat die Liebe noch ein Stückchen Wolfram übrig gelassen für den alten Nix?« in die Arme. Die Artigkeiten, welche der Adlerwirt stotterte, unterbrach er sofort: »Ist schon recht. Laß die Torheiten, dein Weibchen will ich sehen.« Er stürmte in die Gaststube, in die Küche, da war sie aber nicht. Als er später hinaufstieg zu seiner neuen Stube, begegnete ihm auf der Treppe eine Dame, die er flüchtig grüßte, weil er sie für eine Fremde hielt. Es war aber Frau Kunigunde. Als er das gewahr wurde, eilte er ihr nach: »Frau Adlerwirtin! So wollen wir zwei nicht beginnen selbander. Einen herzhaften Händedruck oder so etwas! Mit meinem Segen für den heiligen Ehestand komme ich wohl spät! Aber nie zu spät! Nie zu spät! Gottes Gruß zu tausendmal, Frau Adlerwirtin!« »Guten Morgen!« entgegnete die Frau ruhig. Professor Nix war hübsch abgekühlt, und sie wechselten einige höfliche Worte. Mit der Stube war der Professor recht zufrieden, da hatte er Platz genug für alle seine Bücher und Schriften und Ledertaschen und Botanisierbüchsen und Staffeleien, und er breitete sich behaglich aus. »Ein Herzenskerl bist du!« rief er dem Wolfram zu, »gut meinst du mir's. Wenn ich einmal sterbe, so bedenke ich dich in meinem Testament. Du sollst das ganze Firmament haben mit allen Sonnen und Sternen. Nur der Halbmond ist ein Legat für die Türken. Ein charmantes Zimmer das!« Der Wolfram sagte nichts auf diese Ergießung. Und bald machten sich zwei kleine Nachteile fühlbar in der schönen großen Stube. Tagsüber war's der Rauch des scharfen Bauerntabaks, dessen Düfte von dem Gastzimmer durch die Fugen in des Professors Stube drangen. Aber das war nicht das schlimmste, am Bauerntabak war auch noch eine Pfeife, und an der Pfeife sog so ein unsauberer Geselle, der bis in die Nacht hinein sitzen blieb und mit anderen ähnlichen Gesellen lärmte, so daß der gute Professor Nix oben kein Auge schließen konnte. Aber er tat nichts desgleichen, sondern tröstete sich damit, daß solches zur Sommerfrische gehöre. Bei einer nächsten Gelegenheit sagte er zu seinem jungen Wirte folgendes: »Wolf! Ich muß dir nur gestehen, du hast ein schneidiges Weib. Das hat mir alle Kurasch abgekauft. Eine solche Hausfrau wird ganz gut sein, sie erspart den Kettenhund. Die Diebe und die Betrüger und die Heuchler und Schmeichler wirst du nicht zu fürchten brauchen, Frau Kunigunde hält sie alle fern. Einer Untreue wirst du bei ihr auch sicher sein, sie läßt keinen an sich herankommen. Wenn sie dir so recht ist, nachher bist du geborgen, nachher kann dir nichts mehr geschehen.« Der Wolfram wußte nicht recht, waren diese Bemerkungen ein Lob auf seine Frau oder etwas anderes. Er nahm's in Gottesnamen fürs erstere und war's zufrieden. Der Professor ging, wie es in den früheren Sommern geschehen, seinen Vergnügungen nach in Wald und Flur. Die Gegend um Kirchbrunn ist so recht das, was man freundlich nennt. Mittelhohe Berge mit sanften Kuppen und Muldungen und alles, was nicht im Tale Feld und Wiese war, hübsch bedeckt mit hellgrünenden Buchenwäldern, in welchen dunklere Fichtenbestände eingesprenkelt waren. Aus den schattigen Engtälern kamen Bäche hervor, zwischen den Wiesen gab es Teiche und Heuschoppen und Getreidemühlen. Professor Nix kannte alle Wege und Stege und die meisten Bewohner des Tales. Mit dem einen sprach er ernsthaft, mit dem anderen scherzte er. Wenn er aber in Regentagen an das Adlerwirtshaus gebannt war, da kam's ihm -- so sehr der Regen draußen auch rieseln mochte -- in der Stube nicht mehr ganz so gemütlich vor wie sonst. Häufig saß er in der Gaststube, doch es fehlte auch hier manchmal an Gesellschaft. Der alte Wirt war mißlaunig, der junge wortkarg und die Wirtin gar nicht zu sehen. Eines Tages war der Wolfram davon. Am ersten Tage kümmerte sich um seine Abwesenheit niemand; am zweiten Tage meinte der alte Wirt, sein Sohn müsse auf einen Vieheinkauf gegangen sein, aber man wunderte sich doch, daß er weder seiner Frau noch seinem Vater davon etwas gesagt hatte. Als er am dritten Tage immer noch nicht zurück war, wurde dem alten Wirt bang und wurde dem Professor bang. -- Wenn der Wolf nichts gesagt hat, wohin, so dachte letzterer sich, und in der Nachbarschaft weiß auch niemand etwas von ihm, und es ist sonst nicht seine Art, daß er so davonläuft, so sieht das ja aus wie ein Unglück! Frau Kunigunde hub an zu zanken. Der Professor stellte ihr vor, daß dem Wolfram etwas zugestoßen sein könne. »Ja natürlich, der Leichtsinn ist ihm zugestoßen!« rief sie. »Gott weiß, wo er umherzigeunert! Ich laufe ihm nicht nach. Meinetwegen mag er fortbleiben über Jahr und Tag. Wenn ich nicht will, da kriegt mich keiner mit Lieb' und keiner mit Trutz.« -- Der Wolfram war unter dem Vorwande, vorjährigen Apfelwein zu kaufen, die Geßnitzergegend abgegangen bis hinaus nach Niederleuth und Sankt Magdalena; in allen Bauernhäusern hatte er zugesprochen, sich nebenbei auch um Zuchtkälber umgesehen; erstanden jedoch hatte er nirgends etwas. Dann war er in großem Umkreis gegen das Gebirge gewandert, hatte dort anstatt nach Apfelwein nach Bauholz gefragt, aber auch hier nichts gekauft. Endlich rückte er seiner Absicht näher und erkundigte sich nach Dienstboten für die Sommerarbeit, vor allem nach Heuheberinnen und Schnitterinnen -- es war vergebens, die er suchte, fand er nicht. Und als er ratlos schon auf dem Heimweg war, fiel es ihm ein: sie ist im Siebenbachwald bei den Holzleuten. Er mußte es aber wissen. Er wanderte in die Wälder und kam zu den Siebenbachhütten, welche in einem engen Waldtale standen, von zerrissenen Bergen umgeben. Hoch von einem Bergschlag nieder ging eine neue Holzriesen, in deren Rinne glatte wuchtige Blöcke herabglitten. Sausend und dröhnend kam das niederwärts auf steiler Riesen, die in großen Bogen sich wand, über Hänge und Schluchten gebrückt war und so sorgfältig und wohlberechnet gemuldet, daß kein Block ausspringen konnte. So kam das herab bis zu Tale, wo die Riesen sachte sich ebnete und die schwersten Blöcke fast sanft aufs Erdreich warf, daß die Blöcke dann von etlichen Männern zur Kohlstatt geschafft werden konnten. Bei diesen Männern war sie nicht. Der Wolfram fragte dem Schopper-Schub nach. Der sei auf dem Berge an dem obersten Ende der Riesen. Der Adlerwirt stieg hinauf; der Berghang war steil und vielfach von Schluchten und Gräben durchfurcht. Da sah man erst die ganze Kühnheit des Baues der Holzleitung. Streckenweise strich sie in schönen Kurven an dem steilen Hang dahin, dann setzte sie, auf schlanken Stämmen wie auf Strohhalmen gestützt, über Waldwipfel und Abgründe, in deren Tiefen Wässer rauschten. »Seit Menschengedenken,« so erzählte der Holzknecht, welcher den Adlerwirt hinaufbegleitete, »hätte man es nicht für möglich gehalten, daß wir den Zagelwald herabkriegen könnten. Zu Hunderten und zu Tausenden sind sie vermodert und verfallen, oben, die schönsten Tannen und Lärchen, und kein Mensch hat sie nutzen können, weil sie nicht herabzubringen gewesen sind. Jetzt geht's spielend. Und haben ihn zuerst alle ausgelacht, den Schopper, wie er gesagt, er baut die Riesen. Hat aber den Holzmeister sauber überzeugt, daß es geht, hat sie mit dreißig Holzknechten in vier Monaten gebaut, und jetzt lacht niemand mehr. Der Schopper ist Vorknecht geworden.« »Also der Schopper-Schub hat dieses Werk gebaut!« Der Adlerwirt hätte es ihm nicht angesehen. Der Mann, der solches kann, darf sich am Ende doch keck um die Herzliebste bewerben. Auf der Höhe gab es eine schöne Aussicht hin in die Waldberge, aber dem Wolfram ging es nicht um das. Rings um ihn lag der geschlagene Urwald in vielen tausend Stämmen, welche von den Holzhauern entschält, zu Blöcken geschnitten und an die Einmündung der Riesen gebracht wurden; dem Wolfram ging's auch nicht um Holz. Inmitten der Leute stand der Schopper in braunen Hemdärmeln und barhaupt. Er hielt einen langen Maßstab in den Boden gestemmt und traf Anordnungen. Der Wolfram hatte ihn erkannt an dem üppigen Barte und ging nun, über Stämme und Rindenwälle kletternd, auf ihn zu. Die beiden Männer standen sich ein Weilchen gegenüber und schauten sich an, bevor das erste Wort gesprochen wurde. »Dich suche ich,« sagte endlich der Adlerwirt. »Wenn ich den weiten Weg her mache zu dir, so kannst dir denken, daß es etwas Wichtiges wird sein. Willst so gut sein, Schopper, und mit mir ein wenig auf die Seite gehen?« »Das kann ich schon tun,« antwortete der Holzknecht, und sie gingen gegen einige Schirmtannen hin, die man stehen gelassen hatte. »Schopper,« bemerkte der Wolfram, »deine Riesen ist ein Meisterwerk.« »Daß du mir das sagst, deswegen bist du nicht gekommen,« entgegnete der Holzknecht. »Adlerwirt, tu' nicht lang' um und sag', was du willst.« »Schopper,« sprach nun der andere im vertraulichen Tone. »Du kannst dir's denken, es ist der Frieda wegen. Du bist offenherzig mit mir gewesen, und ich will es auch sein. Hast du das Dirndel noch im Kopf?« Der Schopper starrte den Fragenden an und entgegnete: »Was geht das dich an? Du hast dein Weib.« »Das wohl, Schopper, das habe ich, und just deswegen kann ich offen mit dir sprechen. Die Frieda ist eine Jugendfreundin meiner Frau, und wir wollen nicht, daß sie sollte verderben müssen. Vielleicht, daß ihr meine Frau einen Platz verschaffen könnte.« »Hat sie denn keinen?« fragte der Schopper. »Du wirst doch wissen, daß sie nicht mehr im Salmhof ist.« »Ei freilich weiß ich das.« »Wo sie nur mag umherirren auf der weiten Welt? Und hat keinen Menschen, der ihr's gut tät meinen!« »Adlerwirt!« sagte der Schopper ganz leise, aber nachdrucksvoll, »sie hat einen!« »Heiratest sie, Schopper? Hast sie bei dir?« Ohne daß er es recht wollte, waren ihm diese Worte über die Lippen gesprungen, denn es war ein großer Sturm in ihm, und das Herz pochte so heftig in seiner Brust, daß es nachklang in den Schläfen. Der Schopper sagte: »Mein lieber Adlerwirt. So dumm bin ich nicht, daß ich dir sie verrate. Geh' nur ruhig heim nach Kirchbrunn und kümmere dich um deine Leut', die Frieda geht dich nichts an.« Damit wendete er sich seiner Arbeit zu, und dem Adlerwirt blieb nichts übrig, als den mühevollen Weg wieder zu Tale zu steigen. »Wenn Sie bis zum Feierabend warten wollen,« rief ihm einer der Arbeiter zu, »so können Sie auch hinabfahren. Wir rutschen alle hinab. Mit dem Brettel ist man in fünf Minuten zu Tal. Aber jetzt geht's nicht, jetzt haben die Holzblöcher das Vorrecht.« Dem Adlerwirt kam aber die ganze Gegend ein wenig unheimlich vor, und er ging angestrengt drei Stunden lang, bis er den Turm von Kirchbrunn sah. Als er hinaus über die Wiesen schritt, saß dort an einem Wassertümpel der Professor Nix und schaute den Krebsen zu. Der Alte erhob ein Freudengeschrei, als er seinen Hausherrn sah, und wollte alsogleich wissen, was die Adlerwirtshausbewohner verbrochen hätten, daß er sie über drei Tage lang im Fegfeuer zappeln lasse. Der Wolfram setzte sich hin auf den Rasen und seufzte: »Ach ja, lieber Professor!« »Junge, du gefällst mir nicht!« sagte der Professor. Der Wolfram schaute bekümmert in den Tümpel, dann sprach er: »Daß es seine Ursache haben muß, wenn einer wie halbverrückt davonläuft, ohne dem alten Vater, ohne dem Weibe zu sagen, wohin, das können Sie sich denken. Und eine Ursache hat es. -- Sie wohnen gemütlich in Ihrer großen Stube, Herr, ärgern sich vielleicht ein wenig über den Lärm der Gäste am späten Abend, haben aber freilich keine Ahnung, was zwischen uns vorgeht. Sie ist hart. Sie ist herzlos, daß ich's nicht sagen kann. Sie macht mich ganz verzagt ...« »Na, na!« beschwichtigte der Professor und neigte sich über den jungen Mann, denn dieser preßte seine Hände ins Gesicht und schluchzte. »Ich habe mir's gedacht,« sagte der Alte gedämpft, »ich habe mir's wohl gedacht.« Dann schwiegen beide eine lange Zeit und starrten in das klare Wasser, wo langsam die Krebse krochen und stets nach rückwärts -- nach rückwärts. »In den ersten Wochen,« so fuhr Professor Nix endlich fort, »da habe ich vorgehabt, dir Trost zuzusprechen, habe sie wohl für eine herbe Natur gehalten, aber wer den Schlüssel findet zu solchen Naturen, der hat's gut. Sie zeigen und feilen ihr Herz und Gemüt nicht auf der Gasse umher, sie geizen gegen alle Welt mit ihrer Güte, um ja recht viel davon aufzuhäufen für den einen und einzigen, den sie selig machen wollen. So eine goldene, habe ich gemeint, hättest du dir auserwählt. Freilich ist mir nach und nach anders zu Mute geworden. Ganz krampfig ist mir zu Mute geworden, mein lieber Wolf! Aber reden! Wenn er nicht redet, ich bin auch still. Wenn einer zum jungen Ehemann hingeht und sagt: Du, dein Weib paßt nicht für dich! so ist das ein schlechter Kerl, den man mit einem Rattenschwanz erdrosseln soll. Aber dir sage ich es doch, Wolf, und du erdrosselst mich nicht, wenn ich dir sage: Sie paßt nicht für dich!« Der Wolfram murmelte: »Ich erdrossele Sie nicht.« »Von der mußt du los, Junge!« rief der Professor. »Aber wie?« seufzte der junge Mann. »Scheidung! frisch! rasch! Heute besser als morgen.« »Ehescheidung!« sagte der Adlerwirt. »Das geht nicht. Dieses Aufsehen!« »Wenn sie dich in die Strafanstalt führen, das wird auch ein Aufsehen sein!« Der Wolfram sprang empor. »Verzeihe!« begütigte der Professor. »Das Wort war schlimm. So endet's bei dir nicht, so nicht. Du bist ein weicher Mensch, du wirst verderben und vergehen, und wer dich umbringt, der kommt auch nicht ins Zuchthaus, weil du dich vor Gram und Jammer selber verzehrst. Und der, welcher dich mit kleinen Dosen täglich vergiftet, hat noch den Triumph, als Leidtragender an deiner Grube zu stehen. -- Wolf, wenn du bisher alle sieben Todsünden begangen, die eine mußt du sühnen, auf der Stelle, ohne Säumnis sühnen: daß du dieses Weib genommen hast!« »Ich hätte mir ja leicht eine andere gewußt.« »Eine andere!« sprach nun der Professor. »Wolf, eine andere laß einstweilen aus dem Spiele! Das ganze Firmament, habe ich gesagt, vermach' ich dir, nur den Halbmond nicht, der gehört den Türken. Und Türke wirst du keiner sein wollen. Jetzt eine andere! Das wäre hübsch! Erst scheiden, dann wieder binden!« »Nicht mir zulieb' habe ich sie genommen.« »Man merkt es wohl, Junge. Wäre auch nur ein bißchen Neigung da, es müßte sich anders zeigen.« »Mein Vater wollte es so haben,« gestand nun der junge Adlerwirt, »ihm zuliebe bin ich hineingesprungen. Wir stehen schlecht, wir müssen uns mit ihrem Gelde aufhelfen.« »Wolf,« sagte hierauf der Professor. »So lang dein Weib mißt, so lang mißt dein Unglück. Wo das Weib aufhört und das Geld anfängt, fängt in dir der Wicht an. -- Schelm, armseliger! Das Geld! -- Adlerwirtssohn. Ich habe dich als Kind auf den Armen getragen und dabei gesungen: Lieber Engel, werde ein braver Mensch! Hernach der wißbegierige Knabe! Der warmherzige Jüngling! Es war eine Freude. Er wird's! habe ich oft gejauchzt. -- Na, und wie der Mann fertig ist, von dem man glaubt, daß er edle Früchte wird tragen -- steht der heißhungrige Geldwolf da. Irr und toll könnt' einer werden!« Da der Adlerwirt bei diesen herben Worten sich abgewendet hatte, fiel der alte kleine Professor vor ihm auf die Kniee, umfaßte seine Beine und rief: »Mußt mir's zugute halten, Wolf, mir tut deinetwegen das Herz so weh, daß ich schreien muß. Dem Vater zulieb'! Es war ja gut gezielt, aber es ist schlecht getroffen. Mein Wolf, glaube mir! Folge mir! Gehe heute noch ins Amt und laß dich scheiden!« »Dann bin ich ein Bettler!« rief der Adlerwirt. Der Professor stutzte. Als er seiner Verblüffung einigermaßen Herr geworden, sagte er in singendem Tone: »So, so. Also nur eine Ausrede ist der Herr Vater. Du selber willst Geld haben. Du willst lieber ein elender, verächtlicher Gauch sein, von deines Weibes Groschen zehrend, unter eines Weibes Fuß wimmernd, dich windend wie ein zertretener Wurm, anstatt mit gesunden Armen mannbar dir dein Brot zu verdienen! -- Adlerwirt, ich mag dich nicht mehr.« Er erhob sich rasch und ging quer über die Wiese hin durch das lange Gras, daß kaum sein Kopf manchmal hervorragte über den Germen und Rispen. -- Als der Wolfram nach Hause kam, gab's von Vaters Seite ein arges Wetter. Er ertrug's gleichgültig. Frau Kunigunde blieb drei Schritte vor ihm stehen und fragte: »Bist denn schon da, Wolfram? Hast dir die Socken lochig getreten, oder hat dich der Hunger nach Hause getrieben? Die Köchin soll dich nur sattfüttern, daß du wieder gehen kannst.« In der heißen Wut über solchen Hohn tat der Wolfram schon den Mund auf, um sie zu fragen: ~wenn~ eins gehen müsse, welches von beiden? -- Aber der alte Adlerwirt hielt ihn fest am Arm und raunte ihm zu: »Um Christi willen, schweig still! Wir müßten vom Haus ziehen wie ein paar Zigeuner. Kein Nagel auf dem Dach ist mehr unser Eigentum. Nur noch kurze Zeit Geduld! Hast du's schon gehört? Der Salmhofer liegt auf den Tod!« Der Wolfram hat sich die Lippen blutig gebissen und geschwiegen. [Illustration] 7. Abschnitt. Jetzt währte es noch zwei Tage, und von Geßnitz langte ein Bote ein. Der Jungknecht aus dem Salmhofe war's. Er stand vor dem Adlerwirtshause so eine Weile herum, stolperte dann ins Gastzimmer und ließ sich einen Krug Apfelwein geben. Er zerrüttete sich fast den Kopf im Nachsinnen, wie er es angehen werde, daß seine Neuigkeit nicht tödlichen Schreck hervorbringe. Fürs erste tat er ein paar herzhafte Züge, das machte ihn mutiger. Und als der alte Adlerwirt -- grau und mager war er geworden die letzte Zeit her -- in die Stube trat und den allein dasitzenden Gast fragte, was es Neues gäbe? antwortete der Jungknecht mit unbehilflichen Worten, es sei halt so auf der Welt. Er bringe gerade nichts Gutes. -- Dann trank er wieder. Der alte Wirt horchte gespannt hin. »Wenn ich mich nicht verkenne,« sagte er, »du bist ja ein Salmhoferischer?« »Wohl eh, wohl eh,« antwortete der Knecht und fuhr sich mit der flachen Hand über das breite Gesicht. »Also wie geht's daheim, wie geht's?« fragte der Wirt unter den lebhaftesten Zeichen der Teilnahme. »Gestern auf den Abend ist's halt gar worden mit ihm,« berichtete der Knecht. »Was sagst?« fuhr der Wirt auf. »Der Salmhofer! Mein Schwieger! Wird doch nicht --« »Er liegt schon auf der langen Bank,« sagte der Bote. Der alte Adlerwirt schlug sprachlos die Hände zusammen. »So viel schnell ist es gegangen,« berichtete der Knecht. »Das Blut ins Hirn gesprungen, sagt der Doktor. Morgen nachmittags ist die Leich.« Der Wirt schritt mit gerungenen Händen die Stube auf und ab und konnte sich nicht fassen. Immer schüttelte er den Kopf und murmelte: »Wer hätte sich das gedacht!« Aber auf einmal rief er mit gehobener Stimme: »Er hat's überstanden. Man muß noch froh sein, daß er kein großes Ableiden gehabt hat. -- Trink aus, Bub, ich füll' dir noch einmal nach.« Als bald darauf der Wolfram eintrat, sagte der alte Wirt zu ihm: »Du, Wolf, eine große Neuigkeit. Mußt aber nicht zu arg erschrecken. Morgen heißt's nach Geßnitz fahren. Das Schlimmste ist eingetroffen.« Der Wolfram schaute seinen Vater an, sagte aber kein Wort, blieb gelassen, zeigte weder Trauer noch Freude. Dann stieg er die Treppe hinan zu seiner Frau. Vor ihrer Tür stand er still und schöpfte Atem. Es kam ihm sauer an, daß er ihr jetzt einen großen Schmerz bereiten sollte. Doch wer wird's sonst tun als er? Mit der möglichsten Schonung will er ihr die Nachricht mitteilen und ihr liebevoll beistehen im kindlichen Leide. An die Vorteile, die durch des Schwiegervaters Tod dem Adlerwirtshause zukommen sollen, konnte er nicht denken, es empörte sich in ihm etwas dagegen. Ihm war der Salmhofer nie nahe gestanden, aber mit seinem Weibe fühlte er Mitleid, und jetzt das erste Mal war es ihm, als ob er sie doch lieb hätte. Endlich trat er ein. Sie saß am Tischchen, war mit einer Stickerei beschäftigt und zählte just die Maschen. Er setzte sich ihr gegenüber und tat, als schaue er aufmerksam ihrer Arbeit zu. Sie wollte aufstehen, er faßte sanft ihre Hand und sagte: »Bleib' ein wenig bei mir, Kunigunde.« Sie blickte ihn forschend an. »Was bedeutet denn das?« fragte sie kalt. »Ich muß dir's doch sagen,« fuhr er fort, »ein Bote ist da vom Salmhof. Mit deinem Vater steht's recht schlecht.« »Lüg' nicht!« herrschte sie ihm zu. »Tot ist er!« Der Wolfram schwieg. »Tot ist er!« rief sie und brach in ein heftiges Weinen aus. Er stand zu ihr, sagte ihr gütige Worte, streichelte ihr Haupt. Mit dem Arm stieß sie ihn von sich. »Heuchler! Ihr habt seinen Tod doch kaum erwarten können!« »Kunigunde!« sprach er nun scharf und herb. »Das Wort sagst du mir nicht noch einmal! Meinetwegen hätte er noch hundert Jahre leben können. Ich suche nichts mehr bei ihm. So klug bin ich wohl geworden, meine liebe Kunigunde, daß ich endlich einsehe: vom Salmhof kommt ~mein~ Glück nicht.« Sie hatte ihr Haupt ins Bettkissen gedrückt und weinte. Ihm wollte das Herz zerspringen darob, daß er ihr jetzt, gerade jetzt das rohe Wort gesagt. Aber so stand's mit ihm, je wärmer sein Gemüt war, desto leichter und plötzlicher sprang es, wenn ihm wehe getan wurde, in das Gegenteil um. Wenn er gegen sein Weib Gleichgültigkeit, ja Abneigung empfand, da gab es nie etwas, da blieb er ruhig und überlegsam; so oft er aber mit einem warmen, hoffenden Gefühl an sie herantrat und enttäuscht ward, setzte es fast immer einen Wettersturz und wilden Sturm. Frau Kunigunde rüstete sich, um nach Geßnitz zu fahren. Sie fuhr allein davon. Der Wolfram wollte zum Professor gehen, um ihm das Herz auszuschütten, aber der war nicht zu Hause und seine Stube verschlossen. Die Stubenmagd berichtete ihm, der alte Herr wäre seit einigen Tagen recht mißmutig und verlange an jedem Abende die Rechnung. Das Leichenbegängnis des Salmhofers ward mit großem Pompe vollzogen. Wie zu einem Jahrmarkte kamen die Leute zusammen. Der alte Adlerwirt war überaus gerührt, und manche weichherzige Person mußte nur darum weinen auf dem Kirchhofe, weil sie den alten Mann so bitterlich schluchzen sah. Der junge Adlerwirt schien merkwürdig gefaßt zu sein; nur als er die Großbäuerin sah, die gebeugt, aber ergeben am Grabe ihres Mannes kniete, ward ihm das Auge feucht. Frau Kunigunde weinte nur wenig, aber in ihrem ganzen Wesen war eine kalte, fast ehrfurchtgebietende Trauer ausgedrückt. Sie war stets an Seite ihrer Mutter und suchte diese damit zu trösten, daß sie ihr zum künftigen Aufenthalte das Adlerwirtshaus antrug. Der Salmhof soll verkauft werden und die Mutter nach Kirchbrunn ziehen. »Das wäre ja gut,« meinte die alte Bäuerin, »wenn's nur auch deinem Manne recht ist.« »Meinem Manne!« rief Frau Kunigunde fast lachend aus. »Was geht denn das meinen Mann an! Glaubst du, Mutter, ich werde mich vom Manne auch so tyrannisieren lassen wie du? Das wirst du anders erfahren, bis du im Adlerwirtshaus bist. Was du hast leiden müssen, Mutter! Du bist still gewesen, aber ich weiß es, und ich werde es den Männern heiß entgelten, das hab' ich mir vorgenommen.« »Gott tröst' seine Seel'!« sagte die alte Salmhoferin mit gefalteten Händen, »ich trag' ihm nichts nach, meinetwegen soll er nichts zu leiden haben.« »Ja, ja, es soll's statt seiner nur ein anderer büßen!« versetzte Frau Kunigunde. Auf den Hof zurückgekehrt, sahen die beiden Frauen mehrere fremde Leute in den Wirtschaftsgebäuden umhersteigen. »Was wollen denn diese?« fragte die Adlerwirtin. »Laß sie umhergehen,« antwortete die Mutter, »die Neugier plagt sie. Mir scheint, es ist auch der Klobensteiner Verwalter dabei. Der wird Vieh kaufen wollen. Der Großknecht wird's schon ordnen. -- Komm', Kundel, wir wollen einen warmen Kaffee trinken.« Die erste Zeit nach dem Tode des Großbauers blieb Frau Kunigunde nun im Salmhofe bei ihrer Mutter. Die beiden Adlerwirte kehrten alsbald nach Kirchbrunn zurück. Den Wolfram erwartete zu Hause die Nachricht, daß der Professor Nix abgereist sei und einen Brief hinterlassen habe. Dieser Brief lautete: »Lieber Wolfram! Mich geht die Sache nichts an, aber zusehen mag ich nicht. Und still sein mag ich auch nicht. Ich werde unwirsch. Was soll ich Dir weh tun? Du hast schon auch so Dein Teil. Zu helfen ist Dir nicht. Also breche ich meinen Sommeraufenthalt im schönen Kirchbrunn ab und gedenke eine Reise zu machen. Sei bedankt für alles. Umkehren wirst Du kaum. Du stehst jetzt auf dem Punkte, wo viele Wege sich zweigen. Schlimm ist jeder, aber wähle nicht den allerschlimmsten. Gott walt's. ~Josue Nix.~« Als der Wolfram diesen Brief gelesen hatte, befiel ihn ein solches Leid, daß er zusammenbrach auf eine Bank und stöhnte. Jetzt war dieser Mann von ihm gewichen, der seit Jahren als fröhlicher Genosse und Ratgeber sein Vertrauen gewonnen. Er hatte einen Vater, aber der war oft herrisch, eigennützig, launenhaft und nicht immer verläßlich. Er hatte Jugendfreunde gehabt, hatte viele gute Kameraden, aber sie waren Schmarotzer, Schelme oder Dummiane. So recht aus Herzensgrund sich geben und vertrauen glaubte er nur mehr diesem Manne zu können, der allsommerlich sich eingefunden mit seinem hellen Kopfe, mit seinem heiteren, treuen Herzen. Er war selber schier ein anderer geworden in dieser Gesellschaft, er hatte, bei aller Verehrung für ihn, manche Schalkerei, manchen kecken Burschenstreich mit dem kleinen Alten durchgemacht, er hatte manchen ernsten Rat desselben befolgt, und er hatte es nicht ein einziges Mal zu bereuen gehabt. Und diesen seinen letzten Rat -- Ehescheidung! kann er nicht befolgen, unmöglich! Wie wird das enden? Der alte Adlerwirt lebte ordentlich auf. Neue Geschäfte hub er an, Bauholz kaufte er, einen Steinbruch unweit des Dorfes wollte er erstehen, denn für das nächste Jahr hatte er einen Neubau des Adlerwirtshauses vor. Kirchbrunn soll ein Hotel bekommen! Eine Sommerfrischanstalt mit Lustgarten und Bädern. -- Seine Zeit muß man verstehen! Die Passionen der Mitwelt muß man ergründen, auf die Lösung dieses Rätsels ist eine große Prämie gesetzt -- die Million. Endlich kam ein Schreiben aus Geßnitz vom Notar. Der alte Adlerwirt atmete auf, er hatte es schon seit Wochen erwartet. Der Adlerwirt zu Kirchbrunn wird ersucht, in Angelegenheit des Salmhoferischen Nachlasses bei dem Notariat zu Geßnitz sich einzufinden. »Einspannen!« kommandierte der alte Adlerwirt. Er selber wollte fahren, der Wolfram war auf einem Holzeinkauf aus. Der Notar, ein alter, hagerer Mann mit brauner Perücke und schwarzgefärbtem Schnurrbarte, empfing den Adlerwirt sehr höflich, kramte hernach eine Weile in Papieren um und stellte die Frage, ob der Adlerwirt, als Schwiegersohn des seligen Salmhofers, geneigt sei, dessen Erbe anzutreten. Der alte Wirt war über die förmliche Frage in so selbstverständlicher Sache etwas erstaunt. Er antwortete: »Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich als Bevollmächtigter meines Sohnes Wolfram hier bin, und daß ich in seinem Namen erkläre --« »Gemach!« unterbrach ihn der Notar. »Ich glaube, die Sache müßte wohl überlegt werden. Ich würde nicht raten.« »Wieso? Wie meinen Sie das, Herr Doktor?« »Außer Ihr Sohn denkt so vornehm, daß er die Ehre seines Schwiegervaters retten will.« »Ich verstehe nicht, Herr Doktor.« »Es ist höchst wahrscheinlich,« fuhr der Notar fort, »daß in dem Nachlasse des verstorbenen Salmhofers die Passiven größer sind, als die Aktiven.« Es war heiß in der Kanzlei. Der Adlerwirt trocknete sich mit dem Taschentuche die Stirn, dann lallte er mit grinsendem Gesichte: »Ist ein Spaß, hi, hi.« »Ist kein Spaß, lieber Adlerwirt,« sagte der Notar. »Mit dem Vermögen des Salmhofers steht es ganz anders, als man angenommen hat. Es steht unerhört schlecht.« »Aber, Jesses, man sieht ja, was da ist!« brauste der alte Wirt auf. »Nichts ist da,« versetzte der Notar mit fürchterlicher Ruhe. »Alles gehört dem Baron Klobenstein. Seit vielen Jahren hat der Baron Geld geborgt, den Viehbestand beigestellt, die Steuern bezahlt für den Salmhof. Der Großknecht auf dem Hof war so viel als Klobensteinischer Verweser, der alte Salmhofer genoß seit einiger Zeit vom Baron eine Art Gnadenbrot. Alles, was Sie heute sehen, und mehr als alles, gehört der Herrschaft Klobenstein. Leider, so steht es.« Und jetzt wußte es der Adlerwirt. »Der Teufel hol' eine solche Erbschaft!« schrie er in wilder Empörung. »Schulden! die habe ich selber.« Betäubt war er, wie er spät abends nach Hause kam. Als ein reicher Mann war er ausgefahren, als Bettler kam er heim. In die Wut brachte ihn erst der Wolfram. Als er diesem die saubere Neuigkeit mitteilte, was geschah? Der Wolfram fuhr nicht auf, wurde nicht rasend, sagte gar nichts, zuckte nur die Achseln. »Ist das ein Hosenlupf?« fragte der Alte den Sohn voll giftigen Grimmes. »Nein, Freund, das ist kein Hosenlupf. Wie wir jetzt hingeworfen sind, da stehen wir nicht wieder auf. Was sagst denn dazu? Pfeif' eins, wir sind ruiniert! Pfeif' eins, großer Geist, Narr, angesteckt vom alten Narren, der gottlob zum Teufel gegangen ist.« »Ich weiß nicht, was du willst, Vater,« sagte nun der Wolfram. »Dir muß es immer sehr gut ergangen sein. Was mich anbelangt, habe ich schon Schlimmeres erfahren, als was du mir da sagst. Du hast freilich nur auf das Salmhoferische Geld gewartet und nicht gespürt, daß ich deine Habsucht im Fegefeuer büße. Und nicht darnach gefragt, was ich ausstehen muß neben dieser Person. Den Eltern zu gefallen eine heiraten, das ist die achte Todsünde; heute noch gehe ich zum Pfarrer und lasse sie in den Katechismus schreiben.« »Du bist ein dummer Knabe!« schrie der Alte. »Der Vatername schützt dich, daß ich dir jetzt nicht ein anderes Wort sage!« so der Wolfram, blaß, glühenden Auges, am ganzen Körper bebend. So viel Besinnung hatte er noch, daß er merkte, es wäre die höchste Zeit, aus der Stube zu eilen. In seinem einsamen Zimmer, nächtig dunkel, feindselig fast die Stimmung des Raumes, in welchem Frau Kunigunde zu walten pflegte, saß der Wolfram und stützte seinen schweren Kopf auf die Hand. Und weil in dem Menschen etwas ist, das ihn nicht ganz versinken lassen will in Verzweiflung, so fiel es ihm ein: Vielleicht ist diese Wendung zum Glücke. Vielleicht ist ihr Stolz, ihre Härte jetzt gebrochen, wenn sie weiß, daß sie arm ist wie ein Karnerweib, vielleicht kommt jetzt ihre bessere Natur zum Vorschein. Ich will ihr's leicht machen. Kein Vorwurf, keine Anspielung soll über meine Lippen kommen; beweisen will ich ihr, daß ich nicht das Geld in ihr achte und suche, wohl aber das warme Herz. Zu seinem Vater ging er noch einmal, der im Hofe wie wahnsinnig hin und her rannte, und zu diesem sprach er: »Vater! Eines merke dir! Sage meiner Frau, wenn sie heimkommt, kein ungeschaffenes Wort! Ich will sie respektiert wissen, verstehst!« »Ja versteht sich,« höhnte der Alte, »eine ~solche~ Frau muß man respektieren!« Dann schlug er um: »Bettelbub! Was ist das für eine Manier?! Glaubst du, Laff', weil ich dich nicht mehr enterben kann, du darfst mit mir umgehen, wie mit einem Landstromer?« Der Sohn schritt ins Haus zurück. In der Gaststube saßen ein paar angeheiterte Bauern und machten faule Späße über ihre Weiber. Jeder prahlte sich damit, daß die seine daheim die Häßlichste und Unsauberste und Zuwiderste wäre; und der eine stieß sein leeres Glas von sich, hieb mit der Faust auf den Tisch und gurgelte: »Das weiß ich!« Er wollte etwas sagen, wußte aber nichts. »Wenn mich meine Alte recht fuchtig macht, so geh' ich ins Wirtshaus und sauf' mir einen Rausch!« rief der andere. »Ha ha, ha ha!« lachte der eine, »und wenn du nachher heimkommst, siehst du den Drachen doppelt und dreifach. Das muß eine Freud' sein!« Der Wolfram hörte ihnen mit Wehmut zu, diesen unglücklichen Ehemännern, die so lustig sein und so tapfer trinken konnten. Auch er hatte das Trinken schon versucht, es ging aber nicht. Nur in der Frohstimmung schmeckte ihm der Wein, aber es kam nie zu einer. Und es wird doch wieder zu einer kommen! also ermutigte er sich selbst. Vielleicht nimmt's eine Wendung. Denn daß es so bleiben sollte fürs ganze Leben -- er vermochte es nicht zu denken, geschweige zu ertragen. Ein so hartes Weib als er -- also empfand er's -- hat keiner mehr auf der Welt. Ihre Herbheit, ja Roheit gegen ihn tat ihm um so weher, als Frau Kunigunde sonst manchmal und gegen andere Herz und Gemüt zeigte. So war sie nicht karg gegen Arme; manchem Bettelmann, der ihr zu schmeicheln wußte, gab sie mit vollen Händen. Ward ein Dienstbote krank, so war sie zwar ungehalten, besorgte aber schleunigst Pflege und Arzt; noch mehr Neigung wendete sie den Tieren zu, von denen sie sagte, sie verdienten mehr Liebe als die Menschen. Am rücksichtsvollsten und aufmerksamsten war sie gegen ihre Verwandten. So unzufrieden sie zu Hause auf dem Salmhofe gewesen war, so lebhaft strebte sie jetzt manchmal nach dem Salmhofe zurück, all ihre Herzenswärme verschwendete sie dahin. Und nur ihrem Manne nichts und gar nichts als Trotz und Bitterkeit. Nach diesen ruppigen Tagen stand es an zwei Wochen lang, da kamen sie plötzlich angefahren, die Frau Kunigunde und ihre Mutter. Und mit Sack und Pack. Für die Salmhoferin wurde alsbald das Baumgartenzimmer eingerichtet, und als der Wolfram endlich Gelegenheit hatte, mit seiner Frau ein paar Worte zu sprechen, sagte er: »Ganz recht, Kundel, daß du deine Mutter mitgebracht hast. Solange wir selber in diesem Hause sind, wird sie auch noch Platz haben. Es ist recht, es ist schon recht.« »Habe ich dich darum gefragt?« entgegnete sie. »Kundel,« sagte er und wollte ihre Hand fassen, was sie aber zu verhindern wußte, »Kundel! wie du hart bist auf mich! Das kann nicht dein Ernst sein. Du bist jetzt nur unglücklich, und das macht halt bitter. Mich erbarmst du.« »Schenke du dein Mitleid einer anderen, ich brauch' es nicht!« so ihre Antwort, ging in ihr Zimmer und schlug hinter sich die Tür zu. Der Wolfram stand noch eine Weile so allein da, dann tat er einen Seufzer: »Ach! das ist ein Leben!« Der alte Adlerwirt ließ sich von nun an selten mehr sehen. Er saß in seiner kleinen Stube neben der Küche und brütete vor sich hin. Manchmal ging er, anstatt zu seinen wenigen, verdrossenen Gästen sich zu setzen, zum zweiten Dorfwirte hinüber und trank erstaunlich viel Wein. Aber die Gläubiger und die Exekutionsbögen fanden ihn auch dort, und endlich war es nicht mehr zu vertuschen, wie es stand. Und eines Tages war im Bezirks-Wochenblatte die Anzeige zu lesen von einer großen Vergantung zu Kirchbrunn. Der Wolfram hätte sein schweres Herz gerne abgelastet vor dem einzigen Menschen, der ihm beigesellt worden zum gemeinsamen Tragen von Freud und Leid, aber die Tür ihres Zimmers war verschlossen und blieb verschlossen, wenn er auch klopfte. Also litt es ihn nicht mehr in den unwirtlichen Mauern seines Hauses, nicht mehr im Dorfe, wo er aus jedem Gesichte Mitleid oder Schadenfreude und Hohn zu lesen glaubte. Immer noch unter dem Vorwande, Vieh oder Holz einzukaufen, strich er im Gebirge um, verbrachte manche Nacht auf harter Bank der Schenkstuben oder in Heuscheunen. Mehrmals stieg er auf hohe Berge und blickte hinaus ins weite, schöne, sonnige Land, und da ward er noch trauriger. -- Wie ist die Welt so schön! Und wie sind die Menschen so arg! In Waldgeschlägen fragte er an, ob man einen kräftigen Holzarbeiter brauchen könne, er wisse einen solchen. Denn klar und gewiß war es ihm endlich geworden, daß er mit seinem Weibe nicht mehr weiterleben könne. So wollte er auch von ganz Kirchbrunn nichts mehr wissen, sondern auf einem anderen Fleck ein neues Leben anfangen -- sei es noch so armselig, besser als dieses auf jeden Fall. Es gibt ja so viele Millionen Menschen, die Bankerott gemacht mit ihrem Glücke, und sie fügen sich und leben geduldig dahin so lange, bis sie sterben. Warum will es unsereiner besser haben als die meisten anderen? Je länger einer an seinem Glücke baut, desto tiefer baut er in die finstere Erde hinein, desto kümmerlicher wird's. Und es ist ganz gut so. Wie hart wäre das Sterben, wenn diese Welt desto schöner würde, je länger der Mensch daran verbessert und verschönert. Wenn es dem Unschuldigen schon oft gottlos schlecht geht, was will erst ich sagen! Ich habe das unrechte Weib genommen, habe es doch rechtzeitig bemerkt und bin nicht zurückgestanden. Ich kann mich zum Teil auf meinen Vater ausreden, der mich in diese Heirat hineingelockt hat, aber zum anderen Teil habe ich auch selber an ihren Reichtum gedacht und darnach geplant. Mir geschieht schon recht. Also richtete der Wolfram sich selbst, und dann saß er wieder in Straßenschenken und goß Wein auf sein wehes Herz. Kauerte er einmal an einem heißen Sonntagsnachmittag auf dem Schabelberg. Niemand war da als ein altes Weib, das im Bankwinkel nickend den Wünschen des Gastes harrte. Zahllose Fliegen umsummten den einsamen Zecher und sein Glas. Er starrte durch die trübe Fensterscheibe hinaus auf die blendend weiße Straße und auf die halbverdorrten, graubestaubten Halme und Sträucher, die am Rande hin und her standen. Da ging ein Weibsbild vorüber. Dieses Weibsbild hatte, um den schwarzen Spenzer, sowie das rote Halstuch vor Staub und ihr Haupt vor den glühenden Sonnenstrahlen zu schützen, den blauen Außenkittel so über ihre Gestalt geschlagen, daß er wie ein Schirmdach muschelförmig den Oberkörper einhüllte. Der graue Unterrock ging bis halb über die weißbestrümpften Waden und schlug bei jedem Schritte in pendelartiger Gleichmäßigkeit sachte hin und her. Aus der Muschel guckte ein frischrotes Gesicht, und dieses Gesicht war -- dem Wolfram schoß alles Blut zum Herzen. Rasch warf er ein paar Münzen auf den Tisch, stand auf und ging hinaus. Die Straße zog bergwärts, das Dirndel stieg tapfer an, der Adlerwirt duckte sich ein wenig hinter der Hausecke, und als sie einen gewissen Vorsprung hatte, schnalzte er mit der Zunge und ging ihr nach. [Illustration] 8. Abschnitt. Die Jungmagd Frieda einst auf dem Salmhofe. Ein paarmal hatte sie sich ihren Dienstgenossen gegenüber geäußert: die Ehre wäre ihr doch zuteil geworden, daß der junge Adlerwirt an seinem Hochzeitstage mit ihr gute Gesundheit getrunken! Und dieses Prahlen hatte ihr den Dienst gekostet. Es war schon so etwas in der Luft gelegen, und der alten Salmhoferin sogar kam es nicht ganz richtig vor. Ein Brieflein von der Kundel schlug dem Fasse den Boden aus, und die Frieda wurde verjagt. Einen halben Tag lang war sie fortgegangen auf Wegen, Stegen und Steigen, ohne irgendwo um Arbeit zuzusprechen. Und als sie ins Gebirge gekommen war, wo die Bauerngüter seltener und die armen Waldhütten häufiger wurden, besann sie sich. Je entlegener und versteckter der Bergwinkel ist, in dem sie bleiben wird, desto besser. Es braucht's im Salmhofe niemand zu erfahren, wo sie ist, es braucht's im Adlerwirtshause niemand zu erfahren, und es braucht's der Holzknecht Schopper nicht zu wissen. Es wird sich mit Gottes Willen wohl auch anders wer finden, mit dem sich gut Freund sein läßt. Oder ist der junge Adlerwirt der einzige auf der Welt? Gott sei Dank, nein. In der Abachleuten beim Möstl nahm sie Dienst. Die Abachleuten war ein zwischen Berghalden schräge ansteigendes Wiesental mit einigen kleinen Kornäckern und Erdäpfelgärten. Ein kaltes Wässerlein rauschte durchs Tal, und an den Wildstrüppen, die am Bachesrand standen, hingen auch an den Sommermorgen manchmal kleine Eiszapfen. An der sonnseitigen Lehne der Abachleuten stand das kleine Haus des Möstl, das letzte hier, welches sich noch kümmerlich von Feld- und Wiesenwirtschaft fristete. In diesem Waldhause lebten zwei ältliche Eheleute, die sehr arbeitsam, sehr häuslich und immer frohen Gemütes waren. Man merkte gar nicht, wie viel Sorge und Mühsal und Beschwerde es gab dahier. Der Möstl, ein rasches, gebücktes, ununterbrochen tätiges, stets glattrasiertes Männlein, war allezeit munter und aufgeräumt, und machte über jeden Graben, den das Schicksal ihm zog, einen kecken Sprung und lachte dazu. Seinem Weibe war's auch recht. Beide waren etwas schwerhörig und hatten daher sich eine laute Stimme angewöhnt, so daß man sie schon von weitem sprechen hörte mit klingendem Schall. Sie hatten sich immer etwas zu erzählen, zu fragen, zu raten, manchmal neckten sie sich einander sogar, daß ein helles Gelächter entstand. Der Ehekrieg, den auch diese Leute führten, bestand darin, daß sie einander immer zu überlisten suchten: beim Essen schmuggelte eines dem anderen möglichst unbemerkt die besseren Bissen zu, bei der Arbeit trachtete eines dem anderen die härtesten Dinge abzulasten. Diese Möstlleute im Abachtale hatten auch ein Kind, eine bereits erwachsene Tochter, die aber schon seit Jahr und Tag in einem Strohsessel lehnte, weil infolge eines Wettersturmes, bei dem sie unter Wasser gekommen, ihre Füße lahm geworden waren. Das Mädchen mußte in vielem wie ein Kind gepflegt werden, konnte nur wenige Arbeiten verrichten helfen, hatte bisweilen Schmerzen zu leiden und blickte trotzdem mit ihrem blassen, gutmütigen Gesichte fröhlich ins Leben hinein, wenn man ihr Dasein und ihr Genießen überhaupt Leben nennen konnte. Bei diesen Leuten nun hatte die wandernde Frieda eines Abends um Nachtlager gebeten, und bei diesen Leuten war sie verblieben. Ein guter Lohn, wie auf dem Salmhofe, war hier nicht zu haben, die Arbeiten hatten viele Beschwer, und doch war es der Magd, als sei sie im Himmel. Was war das im großen, reichen Salmhofe für ein Streiten, Beißen, Übervorteilen und Murren gewesen der Leute untereinander! Und hier, welcher heitere Frieden, welche herzliche Einigkeit! Die Möstlleute machten aus der Arbeit eine Unterhaltung, aus jedem Werktage einen Festtag, denn alles, was da war, packten sie von der erträglichsten Seite an und taten, als machten sie eine Kurzweil daraus. Das hatte die Frieda auch noch nicht gesehen, daß man laut lacht, als ob man gekitzelt würde, wenn man schwere Schmerzen leidet am siechen Körper. Die Adelheid konnte das! Das arme Mädchen lachte in den Nächten manch halbes Stündchen lang. Die Mutter tat ihr alles, was in ihrer Macht stand, zugute und hatte bisweilen in ihrem freundlichen Auge etwas Nasses. Aber ein heiteres Wörtlein mußte doch immer gesagt werden. Und wenn es manchmal besonders schlimm ward, so daß die Adelheid nicht mehr lachte, sondern ganz still war und die Zähne aufeinanderbiß, da huben die Alten ein emsiges Beraten an, verfielen auf allerlei Mittel und ergriffen jedes mit solcher Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit, als ob alles Heil vor der Tür wäre. Die Magd Frieda lebte neu auf in diesem Hause; neigte doch auch ihre warmlebige Natur zum Frohsinn hin. Als ob sie wieder Eltern und Schwester gefunden hätte, so war ihr, und sie trachtete, den Leuten nach ihren Kräften zu dienen, Hartes zu mildern, Liebes zu tun, und besonders verstand sie bald, sich als Pflegerin der armen Siechen so zu erweisen, daß der Möstl einmal seinem Weibe zuschrie: »Alte! an der hat uns der Herrgott eine geschickt, daß wir ihm dafür die große Zehe wegküssen sollten wie die Betschwestern zu Rom dem heiligen Petrus.« Was das Möstlweib darauf antworten wollte, das durfte aber nicht so herausgeschrieen werden. Erst draußen am Feldraine teilte sie ihm ihre Bedenken mit: »Daß sie dir gefällt, die Frieda, wäre schon recht. Aber: auweh und auweh! möcht' ich sagen, sie gefällt auch anderen Mannsbildern. Wenn du Zehen wegküssen willst, so mußt bald anfangen, sonst frißt sie vorher der Fuchs. Schon das zweite Mal habe ich am vorigen Samstag wahrgenommen, daß einer vor ihrem Fenster steht. Ein ganz fremder Kund ist's, habe mich zuerst schier gefürchtet vor ihm, aber geplaudert mit ihr hat er ganz gutmütig.« Und das Möstlweib hatte nicht schlecht beobachtet. Kaum daß die Magd Frieda ein paar Wochen in diesem weltverlorenen Hause gelebt, war eines Abends auch schon der Schopper-Schub da. Vor dem gab's kein Verstecken! Eben wollte sie desselben Abends einschlafen, als er durch ein leises Klopfen an ihrem Fenster sich anmeldete. Sie war zuerst sehr erschrocken und sogar empört, allmählich jedoch kam es ihr zu Sinn, daß dieser Mensch doch gar zu anhänglich wäre, fast wie ein Bruder. Sie hatte ja ohnehin keinen Bruder. Sie setzte sich in ihrem Bette auf, er setzte sich draußen auf den vorspringenden Wandschrott, und so sprachen sie eine Weile miteinander. Er sagte, daß sie ganz recht habe mit ihrem neuen Dienstorte, und daß er schon bemerkt hätte, wie brav sie den armen Krüppel pflege und die Anhänglichkeit der Möstlleute besitze. Das würde ihr gewiß den Segen Gottes bringen, und ihr würde es noch einmal viel besser ergehen, als mancher reichen und hochmütigen Großbauerntochter. Ihm -- so erzählte der Schopper treuherzig -- fehle auch nichts. Er habe jetzt im Siebenbachwaldgraben eine große Riesen gebaut, welche von allen Holzmeistern gelobt wurde und welche ihm auch Geld und die Vorknechtstelle eingetragen habe. Vielleicht bringe er es doch noch einmal zu einer Eigenstatt, zu einer Hütte. Er wolle mit einer solchen klüger sein als das erste Mal. »Ja, hast schon einmal eine Hütte besessen?« fragte die Jungmagd. »So groß wie das Möstlhaus,« antwortete er. »Ein Häusel hast gehabt? Und hast es denn vertan? vertrunken? verspielt?« »Verraucht,« sagte der Holzknecht. »Jessas! So viel Tabak rauchen tust?« »Angezündet hab' ich's, mein Haus, und niedergebrannt.« »Nicht gescheit bist!« hauchte die erschrockene Frieda. »Aber wie hat das können sein?« »Weil ich ein rabiater Mensch bin,« sagte der Schopper. »Zufleiß hab' ich's getan. Und gereut hat's mich auch noch nie!« »Bei dir kennt man sich frei nicht aus,« meinte die Jungmagd. »Bist neugierig?« fragte er. »Nachher kunnt' ich dir's ja erzählen. Aber sitzen tu ich schlecht auf dem Schrottkopf.« »Einen anderen Platz hab' ich nicht,« gab sie schneidig zurück. »Alsdann bleib' ich sitzen auf dem Schrottkopf,« sagte er geduldig und hub an zu erzählen: »Von Wallischdorf bin ich her. Dort hat der Schopper-Rüppel ein Gütel gehabt und zwei Söhne, meinen Bruder Juch und mich, den Schubhart. Und da geht einmal am Frohnleichnamstag nach dem Umgang, er hat noch den Himmel tragen helfen, der Schopper-Rüppel her und verstirbt. So schnell ist das gegangen, daß er nicht einmal Testament machen hat können. Nur so viel hat er gesagt: Dem Buben gehört das Häusel und den anderen soll er mit dreihundert Gulden hinauszahlen. Jetzt, weil er keinen Namen genannt, so hat jeder von uns zwei Brüdern wollen der Bub sein. Denn du kannst dir denken, der ist im Vorteil. Und haben angefangen zu streiten. Der Juch hat das Gütel haben wollen, und ich hab' es auch haben wollen. Ist eine Wirtschaft mit ihrer zwölf Joch Grundstücken. Haben uns vorher gar nicht unlieb gehabt, der Juch und ich, aber jetzt ist der Teufel los gewesen. Gestritten wie die Bettelbuben, und gar beim Gericht hat's jeder beweisen wollen, er wäre der Bub, und ihn hätte der Vater gemeint, und ihm täte das Häusel gehören. So währt's ein halbes Jahr und länger, keiner von uns hat mehr gearbeitet, jeder nur sinniert, wie er den anderen möcht' hinaustauchen. Geld hat's gekostet und Hirnschmalz und Herzblut -- und die ewige Seligkeit hätt's kosten können, uns beiden. Und wie wir einmal so im Wirtshaus sitzen und schauderlich gegeneinander geraten -- die Leute haben uns noch angehetzt -- und wie wir schon kein gutes Haar aneinander lassen, daß einer wie der andere einem rechten Spitzbuben gleichsieht vor dem ganzen Dorf, und zuletzt noch unseren verstorbenen Vater verschandieren -- da spring ich gäh auf und davon. Nächtig Stund' ist, getrunken habe ich stark gehabt. Und wie ich zu meinem Häusel komm', das wie ein schwarzes Gespenst dasteht mitten in den Feldern, da fällt's mir ein: Niederbrennen! Das Gerümpel ist's nicht wert, was wir treiben. Im Aschen hat der Streit ein End'. -- Kaum gedacht, bin ich mit dem Zündholz auch schon im Strohdach. Wie es licht wird im Tal und die Leute zusammenlaufen und ich auf einmal neben meinem Bruder steh' und vor uns bricht das Elternhaus nieder, da wird mir ganz eigen. Ich halte dem Juch die Hand hin und sag': Mein Teil ist verbrannt, die Grundstücke sollen dein sein, und wir wollen Fried' machen miteinand. -- Er schaut mich an im Feuerschein und sagt: Schlecht genug bist du, daß du's selber hast getan. -- Auf das bin ich fort ins Gebirg herein und Holzknecht geworden im Siebenbachwald. -- Jetzt weißt es.« »Du bist ja ein grundschlechter Mensch!« sagte die Jungmagd ganz verblüfft. »Neid ist's nicht gewesen,« setzte der Schopper bei, »daß ich etwa hätte gemeint, wenn ich das Häusel nicht kann haben, so soll's auch der Bruder nicht haben. Aber Trotz ist's gewesen und Dummheit, und hinter mir immer der Teufel: Nicht nachgeben, nicht nachgeben! -- Dabei das Streit-Elend, die Bruderfeindschaft! Und wie schon manchmal ein Sturm in mich fährt, daß ich selber nicht mehr weiß, was ich tu', so ist's über mich gekommen, und so ist's geschehen. Mit meinem Bruder bin ich immer noch nicht auf gleich. Er hat seine Sach', ich gönne es ihm, und was ich getan, hat mich noch nicht ein einziges Mal gereut.« Die Jungmagd sagte: »Ein seltsamer Mensch bist.« Und bei sich dachte sie: Weiß nicht, soll man sich vor ihm fürchten oder was? ... Also plauderten sie von diesem und jenem, und der Schopper kam nun öfter an ihr Fenster. Von allerhand redete er, aber nie von Liebe. Nichts von dergleichen. Nur einmal fragte er sie bescheidentlich, ob es ihr wohl auch recht sei, daß er so manches Stündlein an ihrem Fenster sitze, er tue es halt gerne und wäre so froh dabei. Die Frieda brachte es nicht übers Herz, ihm zu gestehen, daß seine Gegenwart sie beklemme, daß sie ihn vielleicht gerne haben könne wie einen Bruder, aber Brüder kämen nicht ans Fenster der Schwestern, und ob er nicht besser täte, nach seiner schweren Tagesarbeit im Bette zu rasten, als den weiten Weg zu machen in die Abachleuten her. -- Mehrmals nahm sie Anlauf, ihm das zu sagen, aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn so zu kränken. Sie nahm sogar die kleinen Geschenke, als Wecken, frische Kaiserbirnen, welche er ihr mitzubringen pflegte -- sie nahm derlei und sagte schön »Vergelt's Gott« dafür. Insgeheim jedoch waren ihr die Gaben von diesem Menschen zuwider, und es tat ihr selber weh', daß sie so undankbar sein mußte. -- Viel schlechter, so rief es einmal in ihr, viel schlechter ist der andere Wicht, der nächtig meine Ruhe stört. Was hat der junge Adlerwirt von Kirchbrunn in meinen Träumen zu tun! Das geht ihn gar nichts an, ob ich mein Haar flechte oder nicht, und er soll nur seiner Frau Adlerwirtin die Augen küssen und nicht ein armes Dienstbot foppen. Auf der Schabelhöhe, über welche eine Bergstraße führt, stand unter sieben alten Lärchen eine Kapelle. In derselben war ein frischer Brunnen und ein Muttergottesbild, genannt: Maria unter den sieben Lärchen. Dieses Bild war als wundertätig bekannt und besonders von Leuten aufgesucht, die an heimlichem Herzweh litten. Der Volkswitz sagte: Wenn eine Jungfrau siebenmal am Brunnen bei Maria unter den Lärchen trinkt, dann bekommt sie einen Mann. Obzwar dieser Ausspruch in der Gegend nicht gerade als Glaubensartikel bezeugt war, so ließ sich doch nicht leugnen, daß jahraus jahrein viel junges Frauenvolk hinaufkam zur Schabelhöhe, andächtig vor dem alten, ungefügen Bildnis betete und dann einen kräftigen Schluck nahm aus dem Brunnen. Also war es auch der Magd Frieda schon mehrmals zu Sinn gekommen, ob sie nicht eine Wallfahrt machen sollte zu den sieben Lärchen; der Platz war vom Abachtale aus in einer guten Stunde zu erreichen. Ganz fern stand das Gnadenbild den menschlichen Liebesangelegenheiten auf keinen Fall. Ein heimlich Herzweh -- das stimmt ja. War nicht einst der sterbenden Mutter letztes Wort: Frieda, wenn du nicht aus weißt, so knie' hin und tu' beten! -- Und hatte die Frieda nicht auch dem Schopper versprochen, sie wolle so lange beten, bis sie ihn recht lieb habe? Und eines Sommersonntags am Nachmittage ging die Magd an den Waldhängen hinan, über die sonnigen Weiden fort, bis sie zur heißen, staubigen Straße kam. Wie von diesen Höhen aus der Blick sich weitete hin auf die blauen Berge, so weitete sich auch ihr Herz, und eine frohe Hoffnung kam über sie, daß sie nicht umsonst den Wallfahrtsweg machen werde zu der lieben Mutter Gottes. Endlich stieg sie die Stufen hinan zur hölzernen Kapelle, die schon etwas hinfällig sich an eine der Lärchen lehnte. Sie hörte das Geplätscher des Brunnens, der an der Seitenwand aus dem Rohre in einen Steinkessel rann. Niemand war da, sie war ganz allein. Ihren Überkittel ließ sie vom Kopfe hinabgleiten, ihr Gebetbuch zog sie aus dem Säcklein und also kniete sie nieder vor der Mutter Gottes mit dem Kinde, die, aus Holz geschnitzt und mit Farben bemalt, fast in Lebensgröße auf dem Altare stand. Die Maria hatte eine Krone auf dem Haupte, hielt ein Zepter in der Hand, das Christkind trug im kleinen, nackten Händchen die Weltkugel. So viel Herrlichkeit und Würde lag in diesem Bildnis, daß die Frieda sich dachte: Und hier soll ich mein sündig Herz auspacken? Mit dem Gebetbuche ging es heute gar nicht. Da sind allerhand Anliegen darin, aber das ihre nicht. Wie soll sie es denn nur anfangen, daß sie nach ihrer Meinung jetzt beten kann? -- »Der gute arme Mensch, der Schopper. Ist er denn wirklich so unbegehrt? Ist er denn häßlich, so dumm, so ungefüg und selbstisch? Das ist er nicht. Er ist ein herzensguter Mensch, und wenn er seinen Bart kämmen und pflegen möchte, wer weiß, was draus werden könnt'! Hernach, wenn man bedenkt, was er für ein tüchtiger Mann in der Arbeit ist und bringt's über kurz zum Holzmeister. Schlecht kann's bei dem ein Weib nicht haben, ernähren kann er auch etwas. Und wenn er eine so recht lieb hat, als wie er sagt, daß er mich mag, da wird's kaum einen besseren Mann geben als den. Ich habe schon Beweise genug, wie er zu mir hält. Der wird ja närrisch, wenn er mich nicht kann haben. Also warum will ich ihn denn nicht, das möchte ich wissen, du liebe barmherzige Mutter Gottes! Ich bin ja gewiß nicht zu gut für ihn, schon eher zu schlecht. Ich weiß mir ja nichts auf der Welt und soll als arme Magd alt werden und versterben. Auf wen wart' ich denn? Ja, du himmlische Maria, warum will ich ihn denn nicht? Sei mir doch gnädig und gib mir deinen Segen. -- Harte Anfechtungen habe ich oft, als müßte ich wohin gehen und was anstellen, daß es groß Unglück gäbe für Zeit und Ewigkeit. O heilige Mutter Gottes, führe uns nicht in Versuchung! Gib mir die Gnade, daß ich den Holzknecht recht kann lieb haben und sein Weib werden. O liebes Christkindel mit dem krausen Haar! Und wenn es schon nicht möglich kann sein, daß ich ihn lieb hab' wie einen Herzensschatz, so gib mir die Kraft, daß ich das Opfer mag bringen, so wie es für alle drei am besten ist. Ich will dir ja nicht zu sparsam sein mit Wachskerzen, wenn du mir hilfst und den rechten Weg weisest. O gegrüßt seist du, Königin, Mutter der Barmherzigkeit!« Also dachte und murmelte die junge Magd vor sich hin, manches sprach sie laut und traumhaft, dann schlug sie das Buch auf, machte sich Vorwürfe, daß sie nicht einmal mehr beten könne, sie war sich's kaum bewußt, welch heißes, kindliches Gebet sie eben verrichtet hatte. Und während sie so kniete in der Kapelle und mit sich rang, ehrlich und tapfer, wie noch selten ein Weibesherz gerungen, stand am Eingang einer und beobachtete sie. Sie entfaltete ein weißes Handtüchlein, fuhr sich damit über die heißen Wangen und erhob sich -- da sah sie ihn. »Schau,« sagte er und schnalzte mit der Zunge -- der Wolfram war es -- »da sehe ich eine Seltsame. Die will sich auch einen Liebsten erbitten.« Sie verbarg ihre Überraschung hinter Trotz und antwortete: »Ja, das will ich auch. Aber nicht etwa so, wie es der Herr Adlerwirt meint.« »Das hilft alles nichts, Frieda,« sagte der Wolfram. »Komm, Dirndel, setzen wir uns da auf die Bank. Wir haben schon lange nimmer miteinander geplaudert.« Unter dem Schatten der Lärchen, am Rande von jungem Fichtendickicht hin waren aus rohen Brettern Tische und Bänke aufgeschlagen, weil alljährlich am Maria Heimsuchungs-Tage ein Fest hier abgehalten und dabei Getränke ausgeschenkt wurden. Die Frieda wollte eigentlich fest stillstehen und den Adlerwirt keines Blickes würdigen, aber ihre Füße stiegen sachte die Stufen herab und an seiner Seite über den grünen Anger zu einer Bank hin. Als sie völlig zu sich kam, saß sie neben dem Wolfram, der, seinen Ellbogen auf den Tisch gestemmt, den Kopf in der Hand hielt. »Ach ja, Dirndel!« seufzte er auf. »Seit wir zwei uns das letzte Mal gesehen, habe ich viel durchgemacht, du glaubst es nicht.« Und nun begann er zu erzählen von seinem häuslichen Elende, daß er so viel als vertrieben sei aus seinem Vaterhause, ja selbst aus Kirchbrunn, und daß er jetzt auf dem Punkte stehe, wo der Mensch nimmer weiß, ob er noch warten soll auf den nächsten Tag oder nicht. »Mein Gott, Wolfram,« sagte sie voller Teilnahme. »Was willst ~denn~, als warten, bis es wieder besser wird! Sollst dich nicht so viel kränken, Wolf, was hast denn davon, wenn du krank auch noch wirst!« »Ich wollt', es hätt' alles sein Ende, alles, alles!« so rief er mit schriller Stimme und schlug sich die Faust auf die Stirn. »Wolf! So mußt nicht. Mußt nicht auch noch selber dein Feind sein.« Sie legte ihre Hand auf seine Achsel. Er schlang mit Leidenschaft seinen Arm um ihren Nacken, sie warf dieses Joch heftig von sich, stand auf, um zu flüchten. Aber am Stamme eines Lärchenbaumes blieb sie stehen und strich wie traumhaft die losen Haarlocken aus dem Gesichte. Der Wolfram war kauern geblieben auf der Bank, jetzt schaute er vorgeneigten Hauptes hin auf sie, in allen Enden seines Angesichtes zuckte es, dann lachte er auf. »Das ginge noch ab,« sprach er. »Das Gedenken an dich ist meine einzige Labnis gewesen in dieser traurigen Zeit. Eine lebt doch auf der Welt, die zu mir steht. Wenn sie auch weit von mir ist und ich sie nicht mag finden, irgendwo ist sie doch und denkt an mich und wir sind beisammen. Und jetzt --«, er sprang auf, »jetzt bist auch ~du~ so?!« Sie stand bewegungslos wie eine Bildsäule und schaute ihn an. »Soll ich denn meines Irrtumes wegen ganz verloren sein?« sprach er weiter. »Soll ich mein junges Leben selber zertreten, wie man einen Waldwurm zertritt, vor dem sich alle entsetzen? Ja, Frieda, ich tue es. Sie, im Adlerwirtshaus, hätte mich nie so weit vermocht, sie ist mir eine Fremde. Aber wenn ich weiß, daß auch du dich von mir wendest, dann ist es aus!« »Wann,« entgegnete nun das Dirndel zagend, »wann habe ich dir denn einen Beweis gegeben, Adlerwirt, daß ich -- dir so gut wäre?« »Leugne es nicht, Frieda!« sprach er mit Nachdruck, als wollte er einen Verbrecher überweisen. »Und wenn du mir ~nie~ was Liebes gesagt hättest, kein gutes Wort, und wenn du mir zehnmal weiter noch ausgewichen wärest, ich hätte es doch gewußt, daß du mich gern hast, und so gewiß, als ~du's~ von mir mußt wissen. Du hast es tapfer niedergedämpft, vielleicht tapferer als ich. Wir haben uns beide redlich voreinander gewehrt. Es hilft alles nichts. Von jenem Tanzabende in Schwambach an hat's so gespielt, daß wir zwei zusammenkommen sollen, wir haben's nicht verstanden, haben uns so lange gesträubt, bis es uns heute auf diesem Platze ganz zornig zusammenwirft. Ist es nicht so, Frieda? Ist es nicht so?« Das Dirndel preßte die Hände ins Gesicht. »Ich hab' so gebetet da drinnen,« wimmerte sie, »so inständig gebetet zu der Mutter Gottes. Es ist alles umsonst! -- ~Ich kann ja auch nicht sein, ohne deiner!~« -- Mit diesem Schrei stürzte sie ihm an den Hals. [Illustration] 9. Abschnitt. Vom Schopper-Schub wissen wir, daß er seit Jahren die Jungmagd Frieda nicht mehr aus den Augen ließ. Er verfolgte immer ihre Spuren und oft war er in ihrer Nähe, ohne daß sie es ahnte. Beim Möstl in der Abachleuten war es ihm gar bequem, da konnte er sich aus seinem Holzschlag an den Samstagabenden und manchmal auch an den Sonntagnachmittagen einfinden, um mit ihr zu plaudern. Die ganze Woche hindurch freute er sich auf das Stündlein, an welchem er nahe bei ihr, wenngleich durch eine Wand getrennt, sitzen konnte. Es waren zumeist die allergewöhnlichsten Dinge, über die gesprochen wurde, aber dem Holzknecht war wohl, wenn er ihre Stimme hörte und wenn er sah, wie sie manchmal so kindlich lachte. Also war er auch an diesem Sonntagnachmittage in die Abachleuten gekommen, beim Möstlhaus zugekehrt, hatte sich auf die Stubenbank hingesetzt und gesagt, er müsse doch ein wenig in den Schatten gehen. »Ja,« hatte das Möstlweib neckend geantwortet, »Schattens wegen wirst du in die Abachleuten kommen! Den hast in deinem Siebenbacherwald weit besser. Wirst den weiten Weg heut wohl umsonst gemacht haben. Sie ist zu den sieben Lärchen hinauf wallfahrten gegangen.« »So,« antwortete der Schopper ganz gleichgültig. »Da hat sie schon recht. Das Beten schadet niemandem.« Und wenn das Beten niemandem schadet, dachte er für sich weiter, so wird's ja auch mir nicht schaden. Und stieg an gegen die Schabelhöhe. Er ging nicht den guten Fahrweg, er wählte die steileren, aber kürzeren Steige; Bergesmühsal gibt's für den Holzknecht keine, und durch den Wald hinauf mag er sich das Schlagholz ansehen. Als er auf die freien Weiden kam und auf die weiße Straße hinüberblicken konnte, sah er sie dort gehen, er erkannte sie ja schnell. Und einen Büchsenschuß hinter ihr eilte ein Mann drein. Der Schopper schärfte sein Auge und erkannte den jungen Adlerwirt von Kirchbrunn. -- Vor Überraschung wie gelähmt blieb er einen Augenblick stehen. -- Was ist das? -- Was ist das? -- Steht es so mit der Wallfahrt zu den sieben Lärchen? Ei, da wollen wir ihnen doch einen Baum über den Weg werfen. Ist denn schon alles falsch auf der Welt? Gut, alsdann will ich's auch sein. -- So seine Gedanken. Neuerdings zog er sich in den Wald zurück und lief durch denselben an der rückwärtigen Berglehne der Kapelle zu. Er kam früher hinauf als die anderen. Hinter der Kapelle kroch er in das Fichtendickicht und kauerte sich an die Holzwand, um durch eine Spalte in das Innere der Kapelle lugen zu können, während durch das Gezweige hin der Anger mit den Tischen sichtbar war. So beherrschte er den Schauplatz nach beiden Seiten. Er langte mit der Hand in seinen Sack, ob er das Messer bei sich habe. -- Ja, mein lieber Adlerwirt, ich habe dir's gesagt, und du hast es nicht geglaubt. Des Herrgotts Mühlen mahlen langsam, aber sicher! -- Er hatte gesehen, wie die Frieda beklommen in die Kapelle getreten war, und als er merkte, daß ihr Gebet ihm galt, da löste sich von seinem Auge ein salziger Tropfen los und rann über die rauhe Wange, durch den struppigen Bart bis an die Lippen. Dann stand plötzlich an der Tür der junge Adlerwirt mit heißbegehrendem Blick. Der Holzknecht erfaßte die Hirschhornschale seines Messers. Als er hernach vernahm, was draußen gesprochen wurde an den Tischen, jedes Wort des armen Burschen voller Unglück und voller Liebe, und wie das Dirndel dagegen ankämpfte, bis doch in beiden die wilde Allgewalt Siegerin ward -- da loderte in ihm Wut und Rachgier auf, daß der fliegende Atem glühte an seinem Munde. Und er stürzte mit gezücktem Messer hin auf das Paar. Die Frieda tat einen Schrei und wollte sich schützen unter dem Brette eines Tisches. Der Wolfram jedoch stand wie ein Baumstamm da und fragte: »Holzknecht! Was willst du?« Diese starre Ruhe lähmte den Schopper für den Augenblick, denn er war auf Gegenwehr gefaßt gewesen und in einem Zweikampfe wollte er siegen oder fallen. »Bist du da, um mich zu töten?« fragte der Wolfram. »So stoße zu. Ich habe mein Leben verspielt und wehre mich nicht. Willst aber ihr etwas zu Leide tun --!« Er ballte die Fäuste. Dem Schopper sank der Arm mit dem Messer. Plötzlich wendete er sich, stürzte in das Dickicht und hastete davon durch den Wald hin. -- Halb betäubt war er, und seine Gedanken wurden wirr. -- Warum hast du es denn nicht getan? fragte er sich selbst. Und er selbst antwortete: Er hätte einen Bankbalken losreißen müssen. Nicht davonlaufen wollen und sich auch nicht wehren, wer kann denn da zustoßen? Einen Baum fällt man so, aber einen Menschen --. Und hernach, weiß ich denn, welches fort muß? Soll der Adlerwirt sterben? Ist er nicht der Ehebrecher und Verführer und der Räuber derer, die mir Gott gegeben hat? -- Oder soll sie sterben? Ist nicht sie die Ursache seiner Treulosigkeit, die den Sünder anlockt und einen treuen Menschen verschmäht, verachtet, in Verzweiflung treibt? -- Oder soll ein dritter sterben? Soll der Schopper sterben, weil alles aus ist, und freiwillig sterben, bevor er zum Mörder wird? Mir kommt's nur auf den Schuldigen an. -- Denn das sah er nun wohl, es war die unbändige, rasende Liebe, in welcher das junge wehrlose Menschenpaar hinschmolz wie Wachs im brüllenden Feuer eines brennenden Hauses. Armer Holzknecht, so wie du selber wehrlos bist gegen diese Macht, so sind auch sie es. Was können sie dafür! -- Du hast dir vorgenommen, Schopper-Schub, für die Frieda alles zu wagen und zu opfern, um sie glücklich zu machen. Siehst du es denn nicht, ~jetzt ist sie glücklich~! -- Was willst du denn noch? -- Einmal hast du dein eigenes Haus angezündet, weil es böse Ursach' ist gewesen. -- Kannst du rechnen, Holzknecht? Wenn du ein bißchen rechnen kannst, so sage, was mehr ist, eins oder zwei. Wenn zwei mehr sind als eins, so ist einer weniger als zwei. Laß die zwei sein, und den einen streiche weg. -- Also dachte der arme Mensch und ging -- ach wie traurig! -- den Holzhütten seines Tales zu. [Illustration] 10. Abschnitt. Wer genug Zeit und Tiefblick hat, um die Ursachen und Wirkungen zu betrachten, der wird -- sei es zu seinem Schreck, sei es zu seinem Trost -- finden, daß alle Fehltritte und Verstöße des Menschen gegen Sitte und Gesetz, gegen das Gute und Rechte überhaupt, sich fast allemal strafen, und zwar an derselben schuldigen Person oder an demselben Geschlechte. Schade nur, daß die Strafe nicht unmittelbar genug folgt, um stets als Strafe für Sünde und Vergehen empfunden zu werden. So mancher, der sein Elend selbst geschmiedet, hält sich für den Unschuldigsten von der Welt und ist geneigt, die Ursache dieses Elendes anderen in die Schuhe zu schieben. Solches Mißkennen führt ihn zu weiteren Fehlern und Ungerechtigkeiten, und im Gefühle des eigenen Sturzes sucht er auch andere mit sich zu reißen. Leichter kehrt der um, welcher ein schweres Verbrechen begangen, als einer, der tausend Fehler hat und den Mitmenschen täglich im kleinen tausendmal unrecht tut. Doch ist letzterer ebenso Verbrecher als ersterer, nur schreit er Zeter und Mordio, wenn endlich auch an ihn die Nemesis herantritt mit dem Richtschwert. Frau Kunigunde hatte kaum eine Ahnung davon, daß sie eine der Hauptursachen an dem Niedergang ihres Hauses und die einzige Ursache an ihrem und ihres Mannes Unglück war. Sie war immer nur geneigt, alles auf ihren Mann, auf seinen Vater, auf alles andere zu schieben. Und je weher ihr ward, um so höher stieg ihre Verbitterung gegen die eingebildeten Feinde. Und das Schicksal nahm seinen Lauf. Bei dem Adlerwirtshause zu Kirchbrunn hatte sich reges Leben entfaltet wie schon lange nicht. Allerhand Wägen kamen angefahren von oben und von unten und spannten aus, Bauern, Bürger und Herren waren da, Schacher und Händler, und die Wirtsstube war viel zu enge, auch im Vorhause und im Hofe standen Tische, und die Kellnerinnen liefen über die Gasse hin und her. Das gab doch wieder einmal ein Geschäft. Meint ihr? Da müßte man erst noch die Wirtsleute fragen. Der alte Adlerwirt lag bei einem Nachbar im Scheunenstroh und bat mit lallender Stimme fortwährend um Branntwein. Er wolle nie mehr nüchtern werden auf dieser verdammten Welt. Der junge Adlerwirt war seit Wochen verschollen. Im Siebenbachwald, so hieß es, wäre er einmal gesehen worden, aber ganz seltsam aufgeregt, er müsse etwas Besonderes im Sinne haben, man werde noch merkwürdige Geschichten von ihm hören. So kam es, daß auch Frau Kunigunde nicht ruhig sitzen bleiben konnte in ihrem Zimmer. Sie ließ ihre Mutter, der ja alles gleichgültig war, allein, und als sie auf einem Steirerwäglein und in ihrer tadellosen Trauerkleidung hübsch fein geputzt aus dem Hofe fuhr, klang in demselben das erste Mal der Ganthammer. Alles wurde versteigert im Adlerwirtshause, nur nach den Insassen war keine Nachfrage. Frau Kunigunde fuhr in das Gebirge hinein. Sie hieß auf das Pferd dreinhauen, sie bewarf den Pferdeknecht mit Schimpfnamen, denn sie wußte ihrer Galle kein Ende. Was sie dem Knecht und dem Pferde antat, das war alles ihrem Manne vermeint. Dem Flüchtling! dem gewissenlosen Ausreißer! Solange er Geld erwartet von ihrem Vater, hat er den Hausherrn gespielt, jetzt weil nichts ist, weil alles in die Brüche geht, verläßt er sein armes Weib in Not und Schande und stromert in allen Weiten um, man weiß nicht wo und mit wem. Aber warte, Schelm, wir werden dich noch einfangen. Du sollst Gott erkennen lernen! Du sollst mir kirre werden! Hinwärts zieht mich noch das spottschlechte Roß, es ist aber vieltausendmal besser als du; herwärts sollst du den Bettelkarren ziehen, und daß du zahm wirst wie ein Pfründnerschaf und mir Brennesseln aus der Hand frißt, das soll meine Sorge sein. -- Unter solchen Liebesgedanken fuhr Frau Kunigunde auf die Suche nach ihrem Manne. Sie sprach bei manchen Häusern zu, schämte sich aber, geradehin zu fragen: Habt Ihr meinen Mann, den Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht irgendwo gesehen? -- Ja, Frau Adlerwirtin, ist Euch Euer Mann durchgegangen? -- Das wäre eine hübsche Unterhaltung gewesen. Also faßte sie es so: »Hat nicht mein Mann hier zugefragt?« -- »Wissen nichts, vor einer Woche oder wann haben wir ihn vorbeigehen gesehen.« -- »Sollte er nach mir fragen, so weiset ihn, ich bin vorausgefahren in den Siebenbacherwald, wegen des Holzkaufes.« Bei den Holzknechthütten im Siebenbachwald ließ sie ausspannen und begehrte etwas zu essen. »Ja,« meinte ein resches Holzerweib, »kein Wirtshaus ist halt bei uns nicht. Geißmilch mit Schoten, wenn's recht wäre?« Von Herzen gern hätte Frau Kunigunde geantwortet, daß sie Schweinefutter nicht gewohnt sei, wäre nur ihr Hunger nicht gar zu groß gewesen. Während sie die Milch trank, erzählte sie, daß mit ihrem Mann eine Zusammenkunft draußen bei den drei Brücken verabredet gewesen sei, daß sie sich aber verfehlt hätten. Und sie fragte, ob er, der Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht etwa hier herum gesehen worden wäre? »Seid Ihr die Adlerwirtin?« fragte das Holzerweib. »Nachher glaub' ich's gern, daß er bei den drei Brücken nicht gekommen ist. Von Euch ist er ja eben davongelaufen, sagen die Leute.« Frau Kunigunde warf eine Münze hin und machte sich entrüstet auf die Wander zu den Köhlerstätten. Bei der Kohlenbrennerei fragte sie wieder an. »Der Adlerwirt?!« schrie der alte Köhler, denn er war schwerhörig, daher hielt er auch andere dafür. »Weiß nichts davon. Aber der Vorknecht soll letzt' Zeit her alleweil vom Adlerwirt reden.« »Wo ist denn dieser Vorknecht?« »Der ist jetzt nicht da, der ist oben im Zagelwald. Für ein Weibsbild nicht gut hinaufzusteigen.« »Ich ~will~ hinauf!« sagte Frau Kunigunde. »Weiß nicht, ob es Euch viel nutzen wird,« meinte der Kohlenbrenner, »letzt' Zeit her ist der Schopper -- so heißt der Vorknecht -- nicht recht im Kopf, ganz kleinsinnig oder was lauter. Ist nichts Rechtes von ihm herauszubringen. Vom Adlerwirt redet er nächtig im Traum.« Die Frau dingte sich einen herumlungernden Knaben und stieg mit diesem hinan gegen den Zagelwald. Mehrmals ging es in tiefen Schluchten über Sand, Gerölle und wuchtige Steinblöcke dahin an brausenden Wässern, mehrmals unter einem schwindelnd hohen Holzgerüste durch. »Was das für ein hoher Steg wäre?« fragte die Adlerwirtin. »Das ist kein Steg,« antwortete der Knabe, »das ist die neue Holzriesen, wo die großen Blöcker herabrutschen und zum Feierabend die Holzknechte selber. Wie viele Kreuzer krieg' ich denn dafür, daß ich mitgeh'?« Nach einer Stunde waren sie auf der Höhe bei dem Holzschlag. Die Leute, welche hier arbeiteten, blickten einander nur so an, als sie vernahmen, die junge Frau wolle mit dem Vorknecht sprechen. Der Vorknecht sei aber gar nicht auf dem Schlag, der liege auf dem Buchenanger im Grase; er sage, er arbeite nichts mehr, und das liebe Christenvolk möge gesund bleiben und ihm an den Buckel gucken. »Wollt Ihr das, so könnt Ihr ihn ja aufsuchen,« setzte der Berichterstatter bei. Da ist etwas dahinter! dachte Frau Kunigunde und ließ sich zum Buchenanger führen. Der Schopper, als er sah, wer daherkam, sprang rasch vom Rasen auf. Er sah wirklich wild und wirr aus. Ohne viele Einleitung fragte sie in strengem Tone nach ihrem Manne, dem Adlerwirt. »Was weiß ich?« knurrte der Holzknecht. »Habt Ihr mir ihn zum Aufheben geschickt?« »Du weißt, wo er ist!« sprach sie scharf. »So? Na, wenn ich's weiß, dann muß ich's freilich sagen. Den Adlerwirt hat sein Weib verlassen, da ist er zu einer anderen gegangen.« »Wo er ist, will ich wissen!« »Vor etlichen Tagen,« antwortete der Holzknecht gottlos ruhig, fast träge, »hat er sich auf der Schabelhöh' aufgehalten oder im Wirtshaus dort herum. Jetzt kann's sein, daß er drüben in der Abachleuten ist.« »Ein Schandmensch! Ein Schandmensch!« keuchte sie, und fast verging ihr der Atem vor Wut. »Der soll das höllische Feuer beizeiten kennen lernen, dafür stehe ich gut!« »Dieweilen sitzt er im Himmel,« sagte der Schopper. »Und ich wäre der Meinung, wer so fest drin sitzt, den laßt man sitzen.« Frau Kunigunde hatte sich niedergelassen auf einem Baumstock, ihr zitterten die Beine. »Wie weit ist's bis in die Abachleuten?« fragte sie. »Zwei Stunden, wer gut antaucht.« »Mein Gott, mich verlassen schon die Füße.« »Wenn die Frau ein Stündlein wartet, so kann sie mit mir auf dem Brettel hinabrutschen,« sagte der Holzknecht. Ja, sie wolle warten. Und der Schopper dachte: Herrgott im Himmel, was ist das für ein Schick! Ich rutsche mit seinem Weib auf der Riesen hinab. Und ganz plötzlich fuhr es ihm durch den Kopf: Wenn er mir die Meine nimmt, so nimm ich die Seine. Wert ist sie's, daß sie mit mir kommt. Es geht nichts über die Ordnung. Und nachher ist Fried. -- Dieweilen Frau Kunigunde erschöpft auf dem Baumstock saß und mißmutig den Holzhauern zusah, die immer Blöcke an die Riesen schleppten und hinabgleiten ließen, strich der Schopper wie halb verloren auf dem Schlage um. Manchmal blieb er stehen und starrte auf den Erdboden, dann hob er das krause Haupt gegen Himmel und schnappte nach Luft. Dann lachte er hell auf, und einer der Männer hörte ihn sagen: »Besser kunnt sich's nicht mehr reimen. Wer ungeschickt ist, der muß hinab, daß er anderen nicht im Wege steht.« »Du, Franzel,« redete er, als die Abendstunde kam, einen Arbeiter an. »Wenn du einmal beim Möstl in der Abachleuten vorbeigehst, gelt, so bist so gut und gibst das Ding dort ab. Es ist für die Magd Frieda.« Damit gab er ihm ein rotes, zusammengeknulltes Tüchlein. »Und jetzt, Leute!« rief er laut hinaus über den Schlag, »jetzt ist Feierabend. -- Fahrt ihr nur voraus hinab, wir, ich und die Frau Adlerwirtin, rutschen hinten drein.« Die Werkzeuge brachte man in Sicherheit, die Lodenröcke hing man sich über die Achsel, und da war's fertig. Muldenförmige, vorn ein wenig aufgekurfte Bretter wurden in die Rinne der Riesen gelegt, und auf je einem solchen Fahrzeuge glitten ein oder auch zwei Mann hinab. In der Hand hatten sie lange Stöcke, mit welchen sie sich nötigenfalls leiten, anstemmen oder weiterschnellen konnten. Auf etwa hundert Schritte Zwischenräume wurden sie abgelassen. Anfangs glitt es gemächlich dahin, allmählich kam's in rascheren Lauf, und auf steileren Strecken sauste es unheimlich schnell dahin, manchmal an Erdeinschnitten und zweimal über grauenhaft tiefe Schluchten, aus welchen Schutt und Gestein und schäumendes Wasser heraufleuchtete. Über den schwindelndsten Stellen jauchzten einige. An den Rinnbäumen der Riesen dröhnte noch lange das Rollen herauf, selbst als die Bretter schon den Augen entschwunden waren. Als die Holzknechte dermaßen alle angefahren waren, ging der Schopper zur Frau Kunigunde, die noch immer auf dem Stocke saß, machte eine kleine Verbeugung und sagte: »Also, Adlerwirtin, jetzt ist's an uns zweien.« »Ist wohl doch keine Gefahr dabei?« fragte sie. »Ihr seht ja, wie sie jauchzen unterwegs. In die ewige Seligkeit kann man nicht lustiger hineinfahren. Im Siebenbachwald gibt's halt keine so feinen Eisenbahnzüge wie in Geßnitz. Wir haben das lange Brettel mit zwei Sitzen. Ich setze mich voran, Ihr habt hinterwärts Platz. Nur frisch dran, Frau Adlerwirtin!« »Es ist grauenhaft!« sagte die Frau. »Nichts ist grauenhaft,« lachte der Schopper. »An fünf Minuten sind wir unten. Kommt nur. Prächtig wird's.« »Ich will heut' ja noch weiterfahren.« »Freilich, Adlerwirtin. Nur hübsch anhalten. Sitzen wir fest?« »Ich sitze.« »Also, im Gottesnamen!« Mit diesem Worte stieß der Schopper aus, und das Schifflein begann zu gleiten. Erst hielt der Mann mit beiden Händen den langen, derben Stock in die Luft. Vorwärts ging's rasch und rascher. Steiler wurde die Bahn, und da sauste das Brett pfeifend dahin. Es schoß über den ersten Abgrund, es schoß durch den Erdeinschnitt, es schoß dem zweiten großen Abgrunde zu, und als es hoch über der Schlucht rasend schnell hinglitt, senkte ganz plötzlich der Schopper den Stock, stemmte ihn vor sich in die Riesen, da sprang das Fahrzeug hinten empor, schlug über, und die beiden Menschen flogen in weitem Bogen durch die Luft -- stürzten in die Tiefe. Ein ganz kurzer Schrei gellte durch die abendlichen Lüfte, und dann war nichts mehr zu hören als das rauschende Wasser in der Schlucht. -- -- [Illustration] 11. Abschnitt. »Du, Alte!« schrie der Möstl in der Abachleuten seinem Weibe zu, als er von der Heuarbeit heimkam, »das wird nicht gehen mit der Frieda, 's ist schad', aber fortschicken mußt sie. Das Umziehen mit einem verheirateten Menschen können wir ja nicht leiden. Hab' sie just wieder auseinander gejagt allzwei.« »Geh!« entgegnete das Weib, »bist doch nicht g'scheit! Schon wieder dagewesen ist er?« »Soll ganz Kirchbrunn im Stich gelassen haben, sitzt jetzt da draußen im Zeilinger Hammer als Kohlenvermesser.« »Das ist sauber,« sagte sie, »da hätten wir ihn alle Tag in der Hütten. Recht hart ist mir um die Magd, aber wenn sie's so macht, soll sie gehen, lieber heut' als morgen.« »Ein Plangen haben die zwei zu einander, rein als ob's ihnen wär' angetan worden. Der Vorknecht Schopper soll ganz toll sein drüber, ich glaub's. Wenn nur da kein unliebsamer Handel herauskommt. Alte, der Schopper, wer ihn kennt, das ist ein gefährlicher Mensch!« Noch sprachen sie so, als ein Holzknecht aus dem Siebenbachwald hereinstolperte. »Abrasten muß ich,« sagte er als Gruß und setzte sich gleich auf die Bank. »Bist eh daheim, Möstl, ist mir recht. Habt es schon gehört? das groß' Unglück im Siebenbachwald? Gestern auf dem Abend. Beim Abrutschen. Von der neuen Riefen in die Karwasserschlucht gestürzt!« »Mutter Anna!« rief der Möstl aus. »Wer denn?« »Er -- der Schopper und ein fremdes Frauenzimmer!« »Was sagst?« »Die Adlerwirtin von Kirchbrunn soll's gewesen sein.« »Was sagst?« schrie der Möstl und lachte auf. »Na ich danke, wer bei so was lachen kann!« sagte der Holzknecht. »Ist nicht schlecht gemeint,« redete das Möstlweib drein. »Der lacht alleweil, hat's Weinen und's Lachen in einem Sackel beisammen.« »Der Schopper und die Adlerwirtin!« murmelte der Möstl und faltete die Hände. »Aber Herr, himmlischer Vater, ist das dein Ernst?« Er lachte wieder. »Wir können es uns auch gar nicht denken, wie es geschehen ist,« berichtete der Bote. »Es kann was dahinterstecken. Wird schon aufkommen. Schauderlich, wer's gesehen hat! Von ihr ist kein Knocherl ganz verblieben. Bei ihm fehlt nur der Kopf.« »Aber mein Gott!« rief das Möstlweib, »wie soll sich denn ein Christenmensch so was zusammenreimen!« »Ist nicht eine Magd Frieda bei Euch da?« fragte der Holzknecht. »An die hab' ich ein Tüchel abzugeben. Ich weiß nicht, mir hat's der Schopper zugesteckt, gerade vor dem Unglück. Wir kennen uns nicht aus. Ein Knoten ist im Tüchel und ein Papierl ist drinnen, aber wir können keiner lesen. Weil ich's versprochen hab', daß ich der Magd Frieda die Sach' übergeben will.« Alsbald wurde die Magd von der Wiese heraufgerufen. »Du Frieda,« redete der Möstl sie an, »der da, der hat was für dich.« Mit Hast löste sie den Knoten, mit zitternden Fingern entwirrte sie das Papier, es war ein abgerissenes, graues Streifchen, und darauf standen mit grobem Bleistift ungefüg geschrieben die folgenden Worte: »Liebe Friederika! Bin überflüssig, mach mich davon. Nehm auch eine andere mit, die Euch im Weg möchte stehen. Mehr kann ich nicht tun für Dich. Sei glücklich mit ihm. Schubhart Schopper.« * * * * * Also hat sich's zugetragen. Und was wird jetzt geschehen sein? Alles Menschengeschick steht in Gottes Hand, alles vollzieht sich nach seinem Ratschlusse und fast nichts nach dem Sinne der Menschen. Als die Magd Frieda in dem Opfertode des armen Waldmenschen seine unermeßliche Liebe zu ihr besiegelt sah, als das letzte Hindernis gefallen war zwischen ihr und dem Adlerwirt, daß sie sich nun vor Gott und der Welt hätten können die Hände reichen -- fand sie, daß ihre heiße Leidenschaft für Wolfram anfing zu schwinden. Was war das für ein Unterschied! Was sind die gewöhnlichen Männer für zage, gemeinsinnliche, engherzige Schelme gegen diesen einen einsamen, heldenhaften! Von diesem allein war sie geliebt worden mit einer Liebe, wie wenigen Weibern auf Erden sie zuteil wird, mit einer Liebe, die stärker ist als der Tod. -- Aber gekannt hat er es nicht, das Weibesherz, sonst hätte er im voraus wissen müssen, daß sein Opfer umsonst ist. An demselben Tage, als die Reste der beiden Verunglückten auf einem kleinen Alpenkirchhofe still bestattet worden waren, schrieb die Frieda einen Brief an den Adlerwirt: »Lieber Wolfram! Weil das geschehen ist, muß es aus sein und ganz aus sein bei uns zweien. Er tät' immer zwischen uns stehen mit seinen blutigen Wunden. Ich habe wohl einmal gemeint, ich kunnt Dich glücklich machen, jetzt nimmer. Und im Unglück bist schon genug gewesen. Du bist frei geworden vor drei Tagen, ich habe geheiratet. Sein Sterbetag ist der Hochzeitstag zwischen ihm und mir geworden. Ich bin sein, und Du wirst auch wieder eine andere finden. Ich wünsche Dir alles Gute, und was vergangen ist, das soll vergessen sein.« [Illustration] Nachwort zu dieser Geschichte. (Als Ohrenbeichte an den Kritiker.) Weil unser Dasein ohnehin überreich an Drangsal und Leid ist, so wollte ich -- beginnend mit heiterem Liebesabenteuer des jungen Adlerwirtes von Kirchbrunn -- in dem süßen Herzensleben junger Menschen eine Idylle schreiben, mir und anderen zur Ergötzung. Allein es ist anders gekommen. Wie es im Leben sich so häufig fügt, daß alles ganz anders wird, als der Mensch gehofft hat, kommt solches bisweilen sogar auch in der Dichtung vor. Nicht das erste Mal -- ich gestehe es -- ist es mir hier passiert, daß während der Entwicklung einer Geschichte ganz von dem ursprünglichen Plane abgewichen wurde, weil sich folgerichtig andere Dinge ereignen mußten, als im Plane ausgeheckt waren. Den Plan macht der Kopf, dem ist im Übermut und Fürwitz alles möglich, der hat hundert Leitern, um dem Erdboden zu entkommen und in willkürlichen Zonen seine Luftschlösser zu bauen. Wenn nachher aber das Herz anhebt, dichterisch zu schaffen, nach Vorbildern der Wirklichkeit sinnlich zu gestalten, nach göttlichen und dämonischen Gesetzen des Gemütes zu handeln, da wird die Luftlinie verlassen und je nach der Bodenbeschaffenheit vorangegangen. Da ist es am besten, wenn der Dichter seiner Geschichte nicht vorangeht, sondern ihr folgt, wenn er sie nicht leitet, sondern von ihr geleitet wird, das heißt, wenn er der Entwicklung nicht Gewalt antut, sondern dieselbe nach gegebenen Verhältnissen sich selbst frei vollziehen läßt. So habe ich es auch hier gehalten. Meine Gestalten -- bestimmt veranlagte Menschen -- sah ich vor mir. In harmlosem Spiele führte ich sie durcheinander, wie der Zufall oder das Geschick uns selbst durcheinander würfelt. Sie gewannen eine bestimmte Stellung zu einander, und nun war die Lage gegeben; im Augenblicke begann eine Entfaltung und eine Entwicklung, die sachte vom gezogenen Plane abwich, immer weiter und unheimlicher, bis zu jener letzten Folge, vor der ich selbst erschrak. Aus der lockenden Idylle ist ein tragischer Roman geworden, der nicht beabsichtigt war. Es wird einem auch oft recht langweilig auf dem Tummelplatze des gewöhnlichen Lebens. Der Alltagsmenschen Begierden und Taten sind lächerlich schnöde, man wird mit ihnen weder warm, noch kalt. Wenn aber unvermutet irgendwo ein starkes Herz auftaucht, sei es in wildwetternder, zerstörender Leidenschaft, sei es in heldenhaftem Opfermut, alsbald reißt es des Dichters Aufmerksamkeit auf sich und läßt sie nicht wieder los, und so lange nicht wieder, bis es an einer großen Tugend zugrunde geht. Als auf dem Freiballe beim Schwambachwirt mein Held plötzlich hinausgerufen wurde zu einem halbverkommenen Holzknechte, da ahnte ich noch nichts. Als dieser Holzknecht aber vom Adlerwirt verlangte: Laß' ab von der Dirn! Sie ist mein, und wenn du sie noch einmal anrührst, so wirst erstochen! -- da war ich in seinem Banne. Als ich hernach der weiteren Entwicklung meiner Geschichte mit doppeltem Interesse folgte, war ich überzeugt, daß der Schopper-Schub den Adlerwirt ganz gewiß ermorden würde. Es kam anders, der weichmütige Adlerwirt ward zu einem beklagenswerten Dulder, seine Liebe zu Frieda suchte er redlich zu dämpfen, bis er endlich vom Zufall unbarmherzig mit dem Mädchen seiner heimlichen Leidenschaft zusammengeführt wurde. Jetzt standen die Dinge so, daß der Schopper-Schub wohl ans Messer griff, aber nicht mehr zuzustoßen vermochte. Denn durch lange Entsagung war in seinem großen Herzen die Liebe zum Weibe weit und hoch über die sinnliche Leidenschaft hinausgewachsen, und mächtig erfüllte ihn der eine Gedanke: glücklich machen das geliebte Wesen um jeden Preis. Ein zweites Wort sprach der Rechtssinn des Naturmenschen: Wenn die zwei sich in der Tat lieben, so sollen sie sich haben. -- In dem Augenblicke, als ich den armen Menschen in weher Verzichtung dahingehen sah, wußte ich freilich, daß da noch etwas geschehen würde. Ich glaubte nicht recht, daß der Schopper ein Opfer nur halb vollbringt, und daß er selbst nicht mehr würde weiterleben wollen, das fürchtete ich. Als Frau Kunigunde von dem der Gant verfallenen Adlerwirtshause auf dem Steirerwäglein fortfuhr, ließ ich sie sehr ungern in den Siebenbachwald ziehen. Aber ihre Rachsucht gegen den durchgegangenen Mann war so groß, daß sie keine Macht der Welt zurückgehalten haben würde, seine Spuren zu verfolgen. Ich ahnte nichts Gutes, als sie dem Schopper-Schub nachfragte, und leider -- meine Ahnung hat mich nicht betrogen. So leid es mir um den Schopper tat, so fiel mir doch ordentlich ein Stein vom Herzen, als das gräßliche Unglück auf der Holzriesen geschehen war. -- Jetzt endlich! jetzt können die zwei jungen Leute, die wirklich füreinander geschaffen zu sein scheinen, zusammen heiraten! -- Und da tut sich mir eine ungeahnte Tiefe des Weibesherzens auf: jetzt, da ~solches~ sich zugetragen, mag sie keine Liebschaft mehr, und am wenigsten eine mit dem, der ihr so lange im Wege gestanden, dessentwegen sie den treuesten Menschen auf der Welt mißkannt und abgewiesen hat. Wenn meine heiteren Geschichten auf solche Art enden, dann will ich mich zweimal besinnen, ehe ich wieder einmal eine Idylle anfange zu schreiben. Und vielleicht tut auch jeder andere wohl daran, sich zweimal zu besinnen, bevor er -- sei es mit einer armen Magd, oder sei es mit einer feinen Großbauerntochter -- ein Liebesverhältnis anhebt. Ist die Dichtung schon so schlimm, um wieviel mehr erst die Wirklichkeit ... Von den wenigen Bekannten, die noch leben, haben wir uns gar nicht verabschieden können. Es ging zu schnell. Wenn der Chronist dieser Ereignisse sich schließlich selbst als einen alten Bekannten vorstellen wollte, als den kleinen, in den Sand verlaufenden Professor Nix, so wäre uns damit nicht sehr gedient. Als Figur in der Erzählung tut der kleine Nix zu wenig, seine Hauptleistung besteht darin, uns die Geschichte übermittelt zu haben. Der Frieda und dem Wolfram hätten wir noch gerne die Hand gedrückt. Wenn schon die Jungdirn schrieb, daß, was vergangen ist, auch vergessen sein soll, so möchten wir ihnen doch für das, was kommen wird, alles Gute wünschen, vor allem ein starkes Herz, welches die unvergeßlichen Erfahrungen der Vergangenheit in der Zukunft sich zunutze mache. [Illustration] [Illustration] Druck von Grimme & Trömel in Leipzig. [Illustration: =F= 1501 =IX=09: 100.000] Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der schlechten Literatur den Boden abzugraben. Sie begann ihre ~Tätigkeit~ i. J. 1903 damit, daß sie an 500 Volksbibliotheken je 20 Bände verteilte, unter denen sich z. B. Fontanes »Grete Minde« -- M. v. Ebner-Eschenbachs »Gemeindekind« -- eine Auswahl der »Deutschen Sagen« der Brüder Grimm -- Roseggers »Als ich noch der Waldbauernbub' war« befanden. Die zweite Bücherverteilung umfaßte 40 Werke (in 23 Bände gebunden) in je 750 Exemplaren -- die dritte 42 Bücher (31 Bände) in je 750 Exemplaren -- die vierte 43 Bücher (86 Bände) in je 800 Exemplaren, die fünfte 28 Bücher (25 Bände) in je 900 Exemplaren -- die sechste 45 Bücher (35 Bände) in je 1000 Exemplaren. Abzüge des ~Werbeblatts~, des letzten Jahresberichts, auch des Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich übersandt. -- Die Stiftung hatte 1905 erst 934 Mitglieder, im Jahre 1906 schon 3.688, 1907 6.500, Ende 1908 9.161. Sie führt diesen Aufschwung auf das allgemeine Wachsen des Kulturinteresses zurück und bittet alle Freunde, ihr durch Zusendung von Adressenmaterial an ihr Werbeamt bei der Ausnutzung dieser Wendung zum Besseren zu helfen. Die Stiftung erbittet besonders jährliche, aber auch einmalige Beiträge. Für ~Jahres-Beiträge von 2 Mk.~ aufwärts gewährt die Stiftung durch Übersendung eines Einzelbandes ihrer »Hausbücherei« oder ihrer »Volksbücher« oder des Schillerbuches Gegenleistung. Wer 25 Mark Jahresbeitrag zahlt, erhält auf Wunsch alle im gleichen Jahre erscheinenden Bände der »Hausbücherei«. Die ~Beiträge~ werden in jeder Höhe entgegengenommen von: der Deutschen Bank, Hamburg, und ihren sämtlichen Zweiganstalten und Depositenkassen -- Postscheckkonto Hamburg Nr. 737 -- der k. k. Postsparkasse, Wien [auf Konto Nr. 859112] -- und der Stiftung selbst in Hamburg-Großborstel. Alle ~Briefe~, ~Anfragen~ usw. werden unpersönlich mit der Aufschrift »Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung, Hamburg-Großborstel« (möglichst unter Hinzufügung der betr. Abteilung) erbeten. Man verlange die erwähnten Drucksachen. Gute und billige Bücher [Illustration] Unter den mancherlei billigen Sammlungen, die in den letzten Jahren zur Verbreitung guter Literatur geschaffen wurden, zeichnen sich die Bücher der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung durch sorgfältige literarische Auswahl und ausgezeichnete Ausstattung aus: holzfreies Papier, schönen und großen Druck, abwaschbaren, geschmackvollen Einband. Diese Eigenschaften haben in Verbindung mit dem äußerst billigen Preise den beiden Sammlungen der Stiftung schnell große Verbreitung verschafft. Bisher sind erschienen: Hausbücherei (nur gebunden, jeder Band 1 Mark) Bd. 1. ~Heinrich von Kleist~: Michael Kohlhaas. Mit Bild Kleists. 7 Vollbilder von Ernst Liebermann. Einleitung von =Dr.= Ernst Schultze. _11.-20. Taus._ 170 S. Bd. 2. ~Goethe~: Götz von Berlichingen. Mit Bild Goethes. Einleitung v. =Dr.= W. Bode. _6.-10. Taus._ 178 S. Bd. 3. ~Deutsche Humoristen.~ _1. Bd._: Ausgew. humor. Erzählungen v. P. Rosegger, W. Raabe, Fr. Reuter und A. Roderich. _36.-45. Taus._ 221 S. Bd. 4. ~Deutsche Humoristen.~ _2. Bd._: Cl. Brentano, E. Th. A. Hoffmann, H. Zschokke. _16.-20. Taus._ 222 S. Bd. 5. ~Deutsche Humoristen.~ _3. Bd._: Hans Hoffmann, Otto Ernst, Max Eyth, Helene Böhlau. _36.-45. T._ 196 S. Bd. 6/7. ~Balladenbuch.~ _1. Bd._: Neuere Dichter. _11.-20. T._ 498 S. 2 Mark. Bd. 8. ~Herm. Kurz~: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzählung. Mit Bild Kurz'. Einleitung v. Prof. Sulger-Gebing. _6.-10. Taus._ 209 S. Bd. 9. ~Novellenbuch.~ _1. Bd._: C. F. Meyer, E. v. Wildenbruch, Fr. Spielhagen, Detl. v. Liliencron. _21.-25. Taus._ 194 S. Bd. 10. ~Novellenbuch.~ _2. Bd._ (Dorfgeschichten): E. Wichert, H. Sohnrey, W. v. Polenz, R. Greinz. _11.-15. T._ 199 S. Bd. 11. ~Schiller~: Philosophische Gedichte. Ausgew. u. eingel. v. Prof. E. Kühnemann. Mit Bild Schillers. _6.-10. T._ 230 S. Bd. 12/13. ~Schiller~: Briefe. Ausgew. und eingel. von Prof. E. Kühnemann. Mit 2 Bildern Schillers. 2 Bände in 1 Bande. _6.-10. Taus._ 226 u. 302 S. 2 Mark. Bd. 14. ~Novellenbuch.~ _3. Bd._ (Geschichten aus deutscher Vorzeit): A. Schmitthenner, J. J. David, W. Hauff. _11.-15. Taus._ 246 S. Bd. 15. ~Novellenbuch.~ _4. Bd._ (Seegeschichten): Joachim Nettelbeck, W. Hauff, Hans Hoffmann, W. Jensen, Wilh. Poeck, Johs. Wilda. _11.-15. Taus._ 179 S. Bd. 16. Auswahl aus den Dichtungen ~Eduard Mörikes~. Herausgeg. u. eingel. v. =Dr.= J. Loewenberg-Hamburg. Mit Bild u. Silhouette Mörikes. _6.-10. Taus._ 285 S. Bd. 17. ~Heine-Buch.~ Eine Auswahl aus Heinrich Heines Dichtungen. Herausgeg. und eingel. von Otto Ernst-Hamburg. Mit Bild Heines. _6.-10. Taus._ 203 S. Bd. 18 u. 19. ~Goethes~ ausgewählte Briefe. Herausgeg. u. eingel. v. =Dr.= Wilh. Bode-Weimar. Mit Bildern Goethes. 2 Bände. _11.-15. Taus._ 169 u. 197 S. Bd. 20/21. ~Deutsches Weihnachtsbuch.~ Eine Sammlung der schönsten u. beliebtesten Weihnachtsdichtungen in Poesie u. Prosa. _11.-20. Taus._ 413 S. 2 Mark. Bd. 22. ~Novellenbuch.~ _5. Bd._ (Frauennovellen): Cl. Viebig, L. v. Strauß u. Torney, Lou Andreas-Salomé, M. R. Fischer. _11.-20. Taus._ 198 Seiten. Bd. 23. ~Novellenbuch.~ _6. Band._ (Kindheitsgeschichten): A. Schmitthenner, H. Aeckerle, M. Lienert, M. v. Rentz, Hans Land, A. Bayersdorfer, Ch. Niese, Th. Mann. _6.-10. Taus._ 199 S. Bd. 24. ~Novellenbuch.~ _7. Bd._ (Kriegsgeschichten): Carl Beyer, H. v. Kleist, W. v. Conrady, M. v. La Roche, D. v. Liliencron, Th. Fontane. _11.-20. Taus._ 177 S. Bd. 25/26. ~Balladenbuch.~ _2. Bd._: Ältere Dichter. _6.-10. T._ 518 S. 2 Mark. Bd. 27. ~Karl Immermann~: Preußische Jugend zur Zeit Napoleons. Herausgeg. u. eingeleitet von =Dr.= Wilhelm Bode-Weimar. Mit Bild Immermanns und 3 Bildern Magdeburgs. _6.-10. Taus._ 171 Seiten. Bd. 28. ~Martin Luther als deutscher Klassiker~, nebst einer Einführung von =Dr.= Eugen Lessing. Mit Bild Luthers. 176 Seiten. Bd. 29/30. ~Deutsche Humoristen.~ _4. und 5. Bd._ (Humoristische Gedichte). 351 Seiten. 2 Mark. Bd. 31. ~Deutsche Humoristen.~ _6. Bd._: E. Th. A. Hoffmann, B. v. Arnim, Fr. Th. Vischer, A. Bayersdorfer, Henry F. Urban, Ludw. Thoma. 160 S. Bd. 32. ~Max Eyth~: Geld und Erfahrung (humoristische Erzählung). Mit Original-Illustrationen von Th. Herrmann und Einleitung von =Dr.= C. Müller-Rastatt, Hamburg. 176 Seiten. Bd. 33. ~Ludwig Uhland~: Ausgewählte Balladen und Romanzen. Mit Einleitung von K. Küchler, Altona, und mit mehreren Vollbildern. Geschenkausgabe ~mit prächtigem, biegsamem Einband~ mit Goldschnitt sind ~zum Preise von je 4 Mark~ hergestellt von: Bd. 6/7 (rot, Ganzleder) Bd. 12/13 (grün, Ganzleder) Bd. 18/19 (grau, Ganzleder) Bd. 20/21 (weiß, Dermatoid) Bd. 25/26 (rot, Ganzleder) Bd. 29/30 (rot, Ganzleder). Schillerbuch, enth. Einltg. über Schillers Leben, die Glocke, Balladen, Tell. Mit Bild Schillers. 346 S. _11.-20. T._ Geb. 1 M. Volksbücher. Heft 1. 50 Gedichte v. ~Goethe~. 95 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 2. ~Schiller~: Tell. _11.-20. T._ 19 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. Heft 3. ~Schiller~: Balladen. _31.-40. T._ 108 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 4. ~Schiller~: Wallensteins Lager. Die Piccolomini. 215 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. Heft 5. ~Schiller~: Wallensteins Tod. 222 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. _Heft 4 und 5 in einen Band gebunden 1 Mark._ Heft 6. ~Brentano~: Die Geschichte vom braven Kasperl u. dem schönen Annerl. 59 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. Heft 7. E. Th. A. ~Hoffmann~: Das Fräulein von Scuderi. 113 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 8. ~Fr. Halm~: Die Marzipanliese. -- Die Freundinnen. 124 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 9. ~Reuter~: Woans ick tau 'ne Fru kamm. 61 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. Heft 10. ~Max Eyth~: Der blinde Passagier. _11.-20. T._ 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 11. ~Marie von Ebner-Eschenbach~: Die Freiherren von Gemperlein. _11.-20. T._ 82 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 12. ~Wilhelm Jensen~: Über der Heide. 127 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. Heft 13. ~Ernst Wichert~: Der Wilddieb. 144 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. _11.-20. T._ Heft 14. ~Levin Schücking~: Die drei Großmächte. 96 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. Heft 15. ~Ludwig Anzengruber~: Der Erbonkel u. andere Geschichten. Geh. 25, geb. 55 Pf. Heft 16. ~Helene Böhlau~: Kußwirkungen. _11.-20. T._ 68 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 17. ~Ilse Frapan-Akunian~: Die Last. 87 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. Heft 18. ~H. v. Kleist~: Die Verlobung in St. Domingo. Das Erdbeben in Chili. Der Zweikampf. 142 S. Geh. 80, geb. 60 Pf. Heft 19. ~Peter Rosegger~: Der Adlerwirt von Kirchbrunn. 139 S. Geh. 30, geb. 60 Pf. _11.-20. T._ Heft 20. ~Ernst Zahn~: Die Mutter. _11.-20. T._ 66 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 21. ~E. J. Groth~: Die Kuhhaut (Humoreske). Mit Illustr. v. Gg. O. Erler. 40 S. Geh. 15, geb. 40 Pf. Heft 22. ~A. Schmitthenner~: Die Frühglocke Mit Illustr. v. Wilh. Schulz. 64 S. Geh. 20, geb. 50 Pf. Heft 23. ~G. Freytag~: Karl d. Große. -- Friedrich Barbarossa. Minnesang und Minnedienst zur Hohenstaufenzeit. 80 S. Geh. 25, geb. 55 Pf. Heft 24. ~Fr. Spielhagen~: Hans u. Grete. Mit Illustr. v. Th. Herrmann. 174 S. Geh. 40, geb. 75 Pf. _Jedes Heft enthält ein Bildnis des Verfassers. Weitere Hefte sind in Vorbereitung._ Druck von Grimme & Trömel in Leipzig. *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 75761 ***