Title: Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Author: Max Prager
Release date: March 31, 2025 [eBook #75762]
Language: German
Original publication: Kiel: Verlag von Karl Jansen, 1901
Credits: Peter Becker, Hans Theyer and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (The digitized holdings of the Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested parties worldwide free of charge for non-commercial use.)
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
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Die deutsche
zum
von
M. Prager, Kapitän.
Kiel.
Verlag von Karl Jansen.
Kommissions-Verlag für den Buchhandel: Robert Cordes, Kiel.
Seinem hochgeehrten Führer
dem
Kaiserl. Gouverneur von Deutsch-Ostafrika
Herrn Major von Wißmann
gewidmet
vom Verfasser.
Inhalts-Verzeichniß.
Vorwort. | Seite |
Einleitung | 1 |
1. Aufbruch der Expedition | 15 |
2. Bis zum Lager von Ntoboa und die Erbauung desselben | 32 |
3. Im Lager von Ntoboa | 48 |
4. Bis zum Lager von Port Herald | 64 |
5. Ein Eilmarsch von Port Herald nach Chilomo | 81 |
6. Der Eisenbahn-Transport. Das Lager bei Umpassa | 93 |
7. Im Lager von Umpassa bis Katunga | 111 |
8. Von Katunga bis Blantyre | 130 |
9. Von Blantyre nach Mpimbi | 149 |
10. Von Mpimbi nach Fort Johnston am Nyassa-See | 166 |
11. Von Fort Johnston nach Mpimbi | 194 |
12. Der Aufstand | 211 |
13. Der Kampf | 229 |
14. Die Erbauung der Werft | 254 |
15. Der Ausbau des Dampfers »Hermann v. Wißmann« | 278 |
16. Im Urwald | 296 |
17. Der Stapellauf des »H. v. Wißmann« und dessen Vollendung | 320 |
18. Die Fahrten auf dem See und die Ankunft in Langenburg | 335 |
19. Die Küste und das deutsche Gebiet am Nyassa-See | 360 |
20. Der Nyassa-See | 387 |
21. Schluß | 412 |
Druckfehler-Verzeichniß. | 436 |
In dem vorliegenden auf Grund genau geführter Tagebücher ausgeführten Werke habe ich versucht in schlichter Weise das zusammen zu fassen und wieder zu geben, was auf die große Wißmann Dampfer-Expedition Bezug haben konnte, besonders was den praktischen Theil, den Transport und Bau des Schiffes anbelangt.
Des Weiteren versuchte ich dem geneigten Leser ein anschauliches Bild über wenig bekannte Länder und namentlich über den Nyassa-See vorzuführen; die Thier- und Pflanzenwelt, die eigenartige Natur Central-Afrikas, schloß ich in diesen Rahmen ein, soweit wenigstens wie ich aus persönlicher Anschauung und Erfahrung mir ein Urtheil gestatten kann.
Neben der großen Aufgabe, die mir zugefallen, die Erbauung des Dampfers »Hermann von Wißmann« zu leiten, habe ich jede freie Zeit benutzt um mich über Land und Völker zu orientiren, Aufzeichnungen und Beobachtungen zu machen, die in sich ein Ganzes, nur einer eingehenden Bearbeitung bedurften.
Möge der Inhalt dieses Werkes für sich selber sprechen für die Theilnehmer an dieser großen Expedition aber würde geschenkte Beachtung ein schöner Lohn sein für alle ausgestandenen Mühen, Gefahren und Entbehrungen.
Ich möchte noch erwähnen, daß ich einer der Offiziere dieser Expedition (5 Offiziere, 30 Europäer) war, dem zum großen Theil die praktische Arbeit des Transportes und Baues und dann die Führung des Schiffes in seinem Elemente, auf dem Nyassa-See, zufiel.
Da dieses Werk ein Separat-Abdruck aus der »Deutschen Marine-Zeitung« ist, der ca. 1-1/2 Jahr in Anspruch nahm, haben sich eine Anzahl Druckfehler eingeschlichen und bitte ich das Verzeichniß derselben am Schlusse dieser Arbeit zu berücksichtigen.
M. Prager, Kapitän.
[S. 1]
Um nicht zu weit zurück zu greifen, wenigstens nicht eingehend die Gründe zu beleuchten, die für die Entstehung und Ausführung des Planes, einen Dampfer nach dem Seeengebiet Inner-Afrikas zu schaffen, maßgebend gewesen sind, will ich mich vorerst nur auf das beschränken, was mir zum Verständniß für die Allgemeinheit werthvoll erscheint. Wer in kolonialen Kreisen mit den Einzelheiten vertraut ist, kann sich leicht die Vorgänge ins Gedächtniß zurückrufen — im Uebrigen haben ja die Tagesblätter seiner Zeit dem großartigen Unternehmen des Herrn Major von Wißmann genügende Beachtung geschenkt, so daß wohl eine kurzgefaßte sachliche Darstellung der Thatsachen genügen dürfte. Es war am 27. Mai 1890, nachdem im raschen Siegeslauf auch der Süden der deutschen Besitzungen in Ostafrika, von Kilva-Kivindji bis Mikindani zurückerobert worden war, als Major von Wißmann, sein Adjutant Dr. Bumiller, begleitet von der Gesandtschaft des Seliman ben Nasr und meiner Wenigkeit, auf dem englischen Dampfer »Etiopia« Sansibar verließen, um auf Urlaub in die Heimath zurückzukehren.
Herzlich war der Abschied von den tapferen Kameraden, welche dem Major das Geleit bis an Bord gegeben hatten, und alle beseelte der Wunsch, ihren großen Führer in der Eigenschaft als Kaiserlichen Gouverneur bald wieder auf afrikanischem Boden begrüßen zu können. War doch kein Name von seiten der Araber gefürchteter als der des bwana mkubwa sana, unter den Deutschen aber Niemand beliebter, als Wißmann. Wohl bei uns allen hatten die großen Erfolge, welche die Deutschen unter der Führung Wißmanns errungen, Hoffnungen erweckt, deren Erfüllung die nächste Zukunft sicher bringen mußte, sollten die Früchte, die mit Blut und Eisen erkämpft waren, dauernd uns verbleiben.
Die Thatsache, daß mit der Eroberung der ostafrikanischen Küste und der wiederhergestellten Ruhe die deutsche Arbeit erst begonnen, die Kultur den ersten großen Anlauf genommen hatte, stellte auch an die Leiter der kolonialen Bewegung gewiß ernste[S. 2] Aufgaben und es galt aus einer kleinen Zahl die richtigen Männer zu finden, die solch ein wichtiges und umfassendes Werk fortsetzen konnten. Am nächsten lag es wohl, daß der beste Kenner Afrikas, der so ruhmvoll den gewaltigen Kampf zur deutschen Ehre beendet hatte, auch zu diesem verantwortlichen Amte berufen werden würde, denn der Klang seines Namens bis weit in das Innere des dunklen Erdtheils war Bürgschaft genug und leicht würde durch ihn jeder fernere Widerstand unbotmäßiger Stämme nach kurzer Zeit gebrochen worden sein.
Mit weitschauendem Blick erkannte Major von Wißmann, daß es mit der Unterwerfung des Araberthums an der Küste nicht gethan ist, sondern wie nöthig es sei, auch an den Ufern der gewaltigen Binnenseen Afrikas diesem Feinde entgegen zu treten, der weit über ein ungeheures Territorium verzweigt, nicht durch seine Zahl, vielmehr durch seine geistige Herrschaft über die Stämme ein furchtbarer Gegner werden konnte, sofern ihm die Zeit zum Sammeln gelassen wurde.
So lag denn nichts näher, um ein beständiges Machtobjekt im Innern zu haben, als ein Schiff nach dem Innern zu schaffen, das nicht allein ein weites Gebiet beherrschen konnte, sondern auch den Handel zu fördern das geeignetste Mittel war, und dieses Werk mit ernstem Willen durchzuführen, war des Majors fester Entschluß.
Indes lag es in der Natur der Sache, daß die Kühnheit solcher Idee ein so großartiges Werk zur Ausführung zu bringen, in antikolonialen Kreisen, die ein ziel- und zweckloses Wüthen gegen die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches in Scene gesetzt hatten, als für mindestens unausführbar angesehen wurde, aber mit der Zeit und namentlich als Major von Wißmann erst persönlich für seine Idee eintreten konnte, war der Umschwung der Ansichten so groß, daß die Möglichkeit der Ausführung nicht mehr in Zweifel gezogen ward, ja selbst diese Idee sich so verallgemeinerte, daß nicht nur das Projekt des Majors, einen großen Dampfer zuerst nach dem Viktoria-Nyanza-See zu schaffen, einzig und allein maßgebend blieb, sondern auch von anderer Seite (Dr. C. Peters) ein gleiches zur Ausführung gebracht werden sollte mit der zweifelhaften Begründung, der Wißmann-Dampfer sei wegen seines zu großen Tiefganges für den Viktoria-See ungeeignet. Natürlich wurden hierdurch Parteispaltungen hervorgerufen, die der Sache nur schädlich sein konnten, wozu der Kampfruf im kolonialen Lager »Hie Wißmann, Hie Peters« das Seine beitrug und Unentschlossenheit sowie Verwirrung hervorrief, wo doch nur absolute Einigkeit gegenüber einer mächtigen antikolonialen Bewegung zum Ziele führen konnte.
Indes so nachtheilig dieser Umstand auch war, insofern als für ein Ziel zwei Dampfer in Aussicht genommen wurden und[S. 3] naturgemäß die freiwilligen Geldspenden Einbuße erleiden mußten, so war er doch dem Projekte des Majors wesentlich nicht hinderlich, zumal in den kaufmännischen Kreisen unserer großen Seestädte, als Hamburg, Lübeck, Bremen das Verständniß für die große Sache ein allgemeines war, und namentlich aus diesen, sowie aus den weitesten Kreisen im deutschen Reiche, unter denen die Missionen besonders zu erwähnen sind, gingen wenigstens die Mittel zum Bau des Dampfers reichlich ein. Daß die Ueberführung des Dampfers von der Küste bis zum See außerdem ganz beträchtliche Mittel erfordern würde, die vorhandenen bei Weitem nicht ausreichten, war selbstverständlich und daher solche zu beschaffen das ernstlichste Bestreben des Komitees, das sich in Köln zur Förderung der Dampferangelegenheit gebildet hatte. So wie dieses widmete sich auch, neben vielen anderen hochgestellten Personen, Herr Dr. Thimotheus Fabri in Hamburg der Sache, um den Major, der längst wieder auf seinem Posten in Afrika weilte, nach Möglichkeit zu unterstützen und alles aufzubieten, was dessen großes Unternehmen fördern konnte.
Nach mehrfachem Aufruf zur Unterstützung der Sache stellte es sich aber heraus, daß die eingehenden Geldspenden (es waren zusammen etwa 300000 Mk.) der Erwartung nicht entsprechen würden und es daher gerathen erschien, die Hilfe der Regierung anzurufen. Die angesehensten Männer Hamburgs unterzeichneten auch ein dahin zielendes Gesuch an den Reichskanzler, das aber leider abschlägig beschieden wurde mit dem Bemerken: die Dampferangelegenheit sei als eine Privatsache zu betrachten und die Regierung daher nicht in der Lage, dem Unternehmen pekuniäre Unterstützung zu gewähren oder gar selbst die Ausführung des Transportes in die Hand zu nehmen, jedoch sei das Schiff erst nach dem Viktoria-Nyanza geschafft und dort erbaut, würde es sich empfehlen, dasselbe Reichssache werden zu lassen und die fernere Unterhaltung des Dampfers würde sodann dem Reiche obliegen.
Es war somit ein mißglückter Versuch; dieses Versagen einer kräftigen Unterstützung im gedachten Sinne konnte man der Regierung eigentlich nicht verdenken, denn es wurden die, welche für die große Sache eingetreten waren, damals noch von vielen Seiten Kolonialschwärmer genannt und die weit verbreitete Ansicht unter der Gegenpartei, daß das ganze Projekt sich schließlich als eine Unmöglichkeit ausweisen würde, ließ mit Sicherheit voraussetzen, der Reichstag werde keine Mittel dafür bewilligen; hielten doch genug Volksvertreter die koloniale Bewegung überhaupt als für verfehlt.
Alle diese Fehlschläge hielten indes den Fortschritt im Bau des Dampfers »Hermann von Wißmann« nicht auf, über den ich auf der bekannten Schiffswerft von Janssen und Schmilinsky die[S. 4] Aufsicht führte, auch sollte das Schiff bis zum 29. April 1891 vollendet sein. Eine von mir aufgestellte Berichterstattung, Seine Excellenz dem Reichskanzler eingereicht, möge hier eine Uebersicht von der Zusammensetzung und den Größenverhältnissen des Schiffes wiedergeben.
Das aus deutschem Stahl angefertigte Schiff, welches allen gestellten Anforderungen an ein seetüchtiges Fahrzeug entsprechen muß, hat eine Länge von 26 und eine Breite von 5,078 Meter, seine Tiefe vom Deck bis zum Kiel beträgt 8,5, der Tiefgang 6-7 Fuß. Der Schiffsraum ist durch eiserne Schotten in 6 verschiedene Theile abgetheilt, wovon der mittlere als Maschinen- und Kesselraum dient. Zwei Abtheilungen sind zur Aufnahme von Feuerungsmaterial, event. Ladung bestimmt; eine dritte im Vorderraum, als Kajüte eingerichtet, dient dem dienstthuenden Personal, zwei oder drei Europäern zum Aufenthalt, die hinterste und vorderste zur Aufbewahrung von Inventarien, Ketten, Tauwerk etc.
Das aus Teakholz hergestellte Deck bleibt möglichst frei, bis auf das Deckhaus, dem Maschinenoberlicht und den Niedergängen zu den Räumen. Das Deckhaus, für 2 Mann eingerichtet, nimmt einen Raum von 10 Quadratmeter ein, über diesem erhebt sich die 16 Quadratmeter fassende von Bord zu Bord gehende Kommandobrücke, die mit Steuerung, Telegraphen etc. versehen ist. Ueber das ganze Schiff werden Sonnensegel gespannt, die an eisernen Stützen, in einer Höhe von 6 Fuß ausgebreitet werden können. Die Kommandobrücke, mit eben solchem Sonnendach versehen, kann nach allen Seiten eingeschlossen werden, so daß im Bedarfsfalle die Brücke zum nächtlichen Aufenthalt geeignet ist. Vorgesehen sind 3 zerlegbare Stahlboote, jedes in vier Sektionen getheilt und leicht mittelst Schrauben zusammen zu stellen; zwei haben eine Länge von 17, das dritte von 12-1/2 Fuß. Die Takellage des Dampfers besteht aus zwei Pfahlmasten mit vollständiger Segelvorrichtung und ist gewählt worden, um das Schiff bei einem Versagen der Maschine nicht hülflos werden zu lassen. Die Zwei-Cylinder-Hochdruckmaschine von 120 indizirten Pferdekräften ist der Einfachheit und Solidität wegen bevorzugt worden und kann mit derselben eine Fahrgeschwindigkeit von 8-1/2 Knoten pro Stunde erzielt werden. Ebenso sind zwei horizontal liegende Dampfkessel vorgesehen, deren Mantel, jeder in 8 Theile, ohne die Kesselböden, des leichteren Transportes halber, zerlegt wurden.
Was nun das Gesammtgewicht des ganzen Körpers mit allem Zubehör anbetrifft, so beläuft sich dieses auf ca. 80 Tonnen = 160000 Pfund. Die schwersten Theile, als Cylinder, Hintersteven, Sternwelle wiegen jedes nahezu 800 Pfund, jeder andere Theil des Schiffes und der Maschine, als Kiel, Wellentheile, Kesselplatten etc., der über 350 Pfund Gewicht hat, ist zu den schwereren gerechnet worden und werden deren ca. 20 sein. Da[S. 5] diese Theile wegen ihrer Konstruktion nicht mehr haben verkleinert werden dürfen, so sind zu deren Transport geeignete zweirädige Wagen konstruirt worden mit tiefliegenden Achsen. Alle anderen Theile, als Schiffsplatten, Kisten etc., zu deren Transport mehr als zwei Mann nöthig werden, sind so eingerichtet, daß sie an Stangen getragen werden können.
Die Verpackung empfindlicher Gegenstände wird mit großem Vorbedacht ausgeführt, um solche gegen Nässe zu schützen. Im Uebrigen werden alle zur Expedition gehörenden Stücke so leicht als möglich gemacht und wenn irgend angängig, darf das Gewicht eines einzelnen Theiles nicht 60 Pfund überschreiten. — Obgleich nun auch die Bestellung der hundertfachen Sachen für Dampfer und Expeditionen des öfteren eine unliebsame Beschränkung erhielt aus Gründen, welche durch den Geldmangel hervorgerufen wurden, so konnte doch alles Nöthige in dem Maße beschafft werden, daß mit Recht wohl keine andere Expedition so vollständig und reichlich ausgerüstet worden ist wie diese. Ich ließ es mir wenigstens angelegen sein für Jahre im voraus zu sorgen, damit an Material kein Mangel eintreten konnte.
Wohl war beabsichtigt, den Akt der Schiffstaufe (nachdem der Dampfer auf der Werft vollendet worden), um noch einmal das allgemeine Interesse für die Expedition zu erwecken, mit besonderer Feierlichkeit vorzunehmen und gab sich der kaufmännische Vertreter des Herrn Major von Wißmann, Herr Ottens, dieserhalb die größte Mühe. Allein Bedenken mancher Art machten den Plan zunichte, von der Taufe mußte gänzlich Abstand genommen werden und ohne Sang und Klang, ausgenommen die kleine Festlichkeit, welche der Leiter der Werft, Herr Janssen, veranstaltet hatte, wurde der »Hermann von Wißmann« am 13. April 1891 übergeben. Darauf das Schiff auseinander genommen, begann die Verpackung der einzelnen Theile; die Einschiffung aber am 4. Mai auf dem neu erbauten Dampfer »Emin«, der mit dem ganzen Transport und einem Theil der Mannschaft am 9. Mai den Hamburger Hafen verließ.
Als Frachtdampfer für die Küstenfahrt in den ostafrikanischen Gewässern bestimmt, war der »Emin« wenig geeignet, eine größere Anzahl Passagiere aufzunehmen, deshalb hatte der größte Theil der Handwerker unter Aufsicht des Obersteuermanns Bergest schon früher auf dem Reichspostdampfer »Bundesrat« eingeschifft werden müssen und längere Zeit vorher die Reise nach Sansibar angetreten, während ich erst, nachdem der Transport verschifft war, von Neapel aus die Reise antrat. Direkt für den Dampfer, dessen Transport und Aufbau, waren folgende engagirt worden: 2 Steuerleute, 2 Maschinisten, 2 Zimmerleute, 4 Kesselschmiede.
Am 3. Juni erreichte der »Bundesrat« den Hafen von Tanga und von hier beorderte der Vertreter des Majors, der inzwischen[S. 6] nach Deutschland zurückgekehrt war, ohne seine hinausgehende Expedition irgendwo angetroffen zu haben, Herr von Eltz, die Mannschaft zunächst nach Bagamojo, von wo nach Eintreffen des »Emin« truppweise der Marsch in das Innere angetreten werden sollte.
Aber als selbst die Entlöschung des »Emin« vermittelst arabischer Dhaus beendet war, in rastloser Thätigkeit alles zum Abmarsch vorbereitet wurde, wollte es Herrn von Eltz noch immer nicht gelingen, aus Mangel an Trägern, die erste Abtheilung unter de la Fremoire absenden zu können und die Hoffnung, wenigstens von der Küste fortzukommen, wurde immer wieder vereitelt.
Wie es schien, verschlechterten sich die Aussichten in Bagamojo, noch genügend Träger zu erhalten mehr und mehr, denn es war von seiten der Europäer wie auch der Araber und Hindu (Indier) in der That ein Reißen um Träger und kein Ausweg bot sich, die benöthigten Tausende zu erlangen. Doppelt freudig wurde daher die Nachricht begrüßt, der Irländer Stokes sei mit annähernd 5000 Trägern in Saadani eingetroffen, die der Expedition zur Verfügung gestellt werden sollen. Und bestimmt sahen wir den baldigen Abmarsch voraus, als der Befehl eintraf, das gesammte Material nach Saadani überzuführen, von wo des günstigeren Terrains halber die einzelnen Kolonnen aufbrechen sollten. Die Ueberführung des gewaltigen Transportes mittelst Dhaus begann am 1. Juli und war trotz der äußerst schwierigen Verschiffung nach Verlauf einer Woche beendet. Verhältnißmäßig schnell gelangten wir nach Saadani, wo inzwischen de la Fremoire hinter dem Fort auf freiem Felde ein Lager errichtet hatte, das vorläufig nur aus Zelten und den nothwendigsten Grasschuppen bestand, unter denen alle Schiffsgegenstände von den zur Verfügung stehenden Wanjamwesi (Stokes Leute) untergebracht wurden. Das Lager, das sich anfänglich noch in einem primitiven Zustand befand, wurde allmählich erweitert und ausgebaut, so daß Grashäuser, Schuppen und Zelte schließlich den Umfang eines kleinen Dorfes ausmachten, auch wurde es nothwendig, die Zugänge zu beschränken, damit nicht jeder nach Belieben Zutritt hatte, denn unsere Diener und Köche liebten es sehr ihrerseits extra Diener sich zu halten, welche die eigentliche Arbeit gegen sehr geringes Entgelt zu machen hatten.
Der Suaheli nämlich spielt sich gegenüber seinen schwarzen Brüdern, namentlich denen aus dem Innern, nur zu gerne als Herr auf und wird sie nie für voll ansehen; diesem Unwesen nun mußte gesteuert werden, auch deswegen schon, weil zu befürchten stand, daß trotz strenger Aufsicht minderwerthige Gegenstände den Weg des Nimmerwiedersehens gehen konnten. Aber hatten wir in der ersten Zeit gehofft, der Aufbruch der Expedition würde endlich zur Ausführung kommen, zumal Stokes, dem die Unterhaltung[S. 7] seiner Wanjamwesi Beträchtliches kostete, ernstlich zur Entscheidung drängte, so schwand vorläufig jede Aussicht, als Herr von Eltz den Befehl zum Abwarten überbrachte, der auch Stokes zwang nun seine Träger anderweitig zu verwenden.
Der so oft verschobene Aufbruch fand darin seine Erklärung, daß Herr Major von Wißmann nicht persönlich die Leitung übernehmen konnte, auch den Aufschub anordnete, weil er erst mit einer Feldbahn von Europa eintreffen wollte, mit welcher er den Gesammttransport leicht und bequem zu befördern gedachte, und was das Schwerwiegendste, höchstens 1000 Mann, anstatt früher 5000 und mehr, dazu bedurfte. Am 25. August traf denn auch der Major mit dem in Tanga eingelaufenen Reichspostdampfer »Kanzler« wieder an der ostafrikanischen Küste ein und ernstlich ging es nun an die Ausführung der noch nothwendigen Arbeiten, unter denen die Ueberführung der Feldbahn von Sansibar nach Saadani, die mir übertragen wurde, die nächste war. Die Aussicht, endlich von der fieberreichen Küste fortzukommen, belebte den gesunkenen Muth, freudig regten sich viele hundert Hände, die Feldbahn zusammen zu stellen und entsprechend den Anordnungen des Majors zu beladen.
Das Schienengeleise der Feldbahn, dessen Länge 400 Meter betrug, bestand in seinen einzelnen Theilen aus 1-1/2 Meter langen Jochen, die mittelst Haken schnell und bequem mit einander verbunden werden konnten. Jedes dieser 266 Joche sollte von je einem Mann mit Schulterriemen getragen werden; würde diese Arbeit aber dem Einzelnen auf die Dauer zu schwer geworden sein, so waren, wenn nöthig, höchstens die doppelte Zahl Leute, 532, dafür anzustellen, die zu zwei jedem Joch zugetheilt, diese leicht und ohne Anstrengung transportiren konnten. Von hinten nach vorne, eine Länge von 400 Meter, war jedes Joch zu tragen, bei dem die Träger verblieben bis der letzte Wagen passirt, war, um dann erst aufs Neue nach vorne aufzurücken.
Die Wagen, ein jeder mit guter Bremse versehen, waren so eingerichtet, daß an jeder Seite 8 Mann mittelst in Ringe zu hakende Schulterriemen diese bequem ziehen konnten, was auf ebenen Terrain verhältnißmäßig leicht war. Es würden für die vorhandenen 32 Wagen demnach 512 Mann, im Ganzen also 1044 nöthig gewesen sein; mit solcher Anzahl konnten wir es unternehmen, selbst sehr schwieriges Terrain zu überwinden, und was der größte Vortheil, alles Material war stets beisammen, ein Verlust also, wie solcher bei Trägerkolonnen wahrscheinlich gewesen wäre, ausgeschlossen.
Zwar sehr schwierig und zeitraubend wäre der lange Weg bis zum Viktoria-Nyanza-See geworden, aber hätte nicht ein unerwarteter Schlag, die zum Abmarsch bereite Expedition an der Ausführung gehindert, unter der Leitung des Majors von Wißmann[S. 8] würde das Schwierigste vollbracht worden sein und wir hätten den See sicher erreicht.
Noch in rastloser Arbeit mit dem Aufbau der Bahn beschäftigt, im Vertrauen auf die vom Major abgegebene Zusicherung, wir würden bald nach der Vollendung aufbrechen können, traf am 12. September in Saadani die unglaubliche Nachricht ein, es sei die Kerntruppe, das zelefkische Korps, von den Wahehe vollständig vernichtet worden; die besten Kolonialtruppen, die tüchtigsten Offiziere, die unter Major von Wißmann so rühmlich gekämpft hatten, mitsammt ihrem erfahrenen Führer waren der Uebermacht erbitterter Feinde erlegen. Als kein Zweifel mehr blieb und diese traurige Nachricht durch immer genauere Angaben bestätigt wurde, da war es kein Wunder, daß die Annahme, diese große Niederlage könnte noch Schlimmeres im Gefolge haben, die weiteste Verbreitung fand und daß zunächst die zum Aufbruch bereite Dampfer-Expedition auf ihrem Wege zum Innern ernstlich gefährdet sein würde. Bedenken schwerwiegender Art mußten die Entschlüsse des Majors beeinflussen oder zu nichte machen, wenn ihm die Sicherung seiner Expedition nicht durch eine genügende Schutztruppe garantirt werden konnte und daß dies unmöglich war, lag auf der Hand, da dem Gouverneur von Soden unter solchen Verhältnissen eine Schwächung der Küstenbesatzung nicht zuzumuthen war. Hätte es indeß sein können, so würden den übermüthigen Wahehe sehr bald die Früchte ihres Sieges entrissen, unter Führung Wißmanns die Niederlage gerächt und die aufständigen Häuptlinge zur Unterwerfung gezwungen worden sein.
Leider nur zu bald sollten die schlimmen Folgen für die Expedition sich bemerkbar machen, denn Major von Wißmann stellte die Wahrscheinlichkeit in Aussicht, er würde jedenfalls sich genöthigt sehen müssen, seine Expedition aufzulösen und solche zu einer ruhigeren Zeit zur Durchführung zu bringen. Da indes noch nicht all und jede Aussicht geschwunden sei, die Möglichkeit, vielleicht doch noch aufbrechen zu können, vorhanden wäre, so ermahnte der Major das Personal, die Arbeiten an der Feldbahn völlig zu beenden; liege es im Bereiche seiner Macht, brechen wir unter allen Umständen auf. So ging denn alles seinen ruhigen Gang bis plötzlich am 23. September vom Major der Befehl aus Sansibar einlief, die Expedition sei aufgelöst! Es haben sich demzufolge sämmtliche zum Schiffspersonal gehörende Mitglieder am 25. September nach Sansibar zu begeben, um mit dem nächsten Dampfer in die Heimath befördert zu werden. Das war das Ende der stolzen Expedition, auf die die Welt mit Erwartung gesehen hatte, und das große Werk blieb unvollendet. Noch hatte kein Einziger bewiesen, was er zu leisten fähig ist, würde es auch fernerhin nicht können, da das Aufgeben der Expedition für fast alle die Möglichkeit ausschloß, sich dem großen Unternehmen[S. 9] zu widmen, wenn es durch die Energie des Majors v. Wißmann später doch noch zur Ausführung kommen sollte.
Die eigentliche Lage, in welcher die junge deutsche Kolonie durch die schwer zu verwindende Niederlage versetzt worden war, hatte also zunächst die Auflösung der Wißmann-Expedition zur Folge und konnte man auch erwarten, Major von Wißmann werde trotz aller Widerwärtigkeiten sie zur Durchführung bringen, so war doch eine Unterbrechung von 8-9 Monaten durch die bald eintretende große Regenzeit geboten. Hätte selbst die Anwerbung einer genügenden Militärmacht sofort ausgeführt werden können, wäre dennoch viel Zeit verloren gegangen, die schweren Regengüsse und die schlechten Wege hätten die Ausführung verhindert.
Die Dampfer-Expedition des Major von Wißmann, das sich der Vollendung nähernde Projekt des Dr. Peters, hatten sehr bald gezeigt, daß zur Durchführung so gewaltiger Aufgaben die vorhandenen Geldsummen bei weitem nicht ausreichten, und während wir eigentlich thatenlos an der ostafrikanischen Küste gelegen, hatte sich zur Beschaffung so bedeutender Mittel im deutschen Reiche das Anti-Sklaverei-Komitee gebildet, zu dem Zwecke, durch eine große Lotterie die benöthigten Summen zu erlangen. Die Unterdrückung der Sklaverei an der Küste sowohl, wie im Innern Afrikas, war der Grundgedanke und das nächste dazu, die Ueberführung der beiden Dampfer nach dem großen Seengebiet, deren Bestimmung es sein sollte, dem schmachvollen Gewerbe der Araber Einhalt zu thun.
Von der Ansicht ausgehend, die beiden Dampfer nun nicht, wie anfänglich geplant, nach dem Viktoria-Nyanza zu schaffen, weil ein solches Machtobjekt auf diesem See vollständig genügte, wurde mit Major von Wißmann, der in Egypten weilte, in Unterhandlung getreten, ob er nicht sein Fahrzeug nach dem Nyassa- resp. Tanganjika-See bringen wolle, während der Peters-Dampfer seiner anfänglichen Bestimmung zugeführt werden sollte. Dies schien um so eher geboten, als dann auf zwei Punkten im deutschen Gebiet dem Unwesen der Araber entgegen getreten werden konnte.
Major von Wißmann erklärte sich auch mit diesem Projekt einverstanden und wählte den ihm bekannten Wasserweg Zambesi-Schire, mit der festen Absicht, seinen Dampfer nach dem Tanganjika-See zu bringen und dort zu erbauen.
Man konnte um so mehr dieser praktischen Idee, nach Möglichkeit den Wasserweg zu benutzen, zustimmen, als sicher zu erwarten war, daß mit geeigneten Mitteln der große Schiffstransport leichter und schneller gefördert werden würde, allerdings müßte dann auch die geeignete Zeit, in welcher diese Flüsse genügende Wassertiefe hatten, nicht versäumt werden. Zur erfolgreichen Durchführung waren, neben den zwei der Expedition zugehörenden[S. 10] großen Sektionsboote, noch vier Stahlleichter und ein Schleppdampfer als für nöthig erachtet worden, deren Fertigstellung sich leider verzögerte, was für den Fortgang der Expedition später recht nachtheilige Folgen hatte.
Seit der Zeit, als ich die in Ostafrika weilenden Mitglieder der Expedition im Auftrage des Majors nach Deutschland zurückgeführt hatte, waren etwas mehr als sechs Monate hingegangen, in diesem Zeitraum also vollzog sich die Durchführung des neuen Planes, die Wißmann-Expedition jetzt zum Tanganjika-See zu leiten. Am 11. April 1892 erging an mich die Ordre, mich unverzüglich Herrn Dr. Bumiller in Hamburg zur Verfügung zu stellen und die Anwerbung einer neuen Mannschaft, nach Uebereinkommen in Stettin vorzunehmen. Da zur Auswahl geeigneter Leute mir nur eine beschränkte Zeit gegeben wurde, so war es um so schwieriger, praktische Leute zu finden, denn außer der Fachkenntniß, mußte vor allem die Körperkonstitution des Einzelnen in Betracht gezogen werden; die Garantie mußte vorhanden sein, daß der Ausgewählte, zum Mindesten unter normalen Verhältnissen, allen Strapazen und dem Klima Afrikas gewachsen sei. Die Anwerbung beruhte im Grunde genommen mehr auf Menschenkenntniß, deshalb zog ich sympathische Erscheinungen vor, sofern sie nur den gestellten Bedingungen gerecht werden konnten, mußte ich doch die Thatsache im Auge behalten, daß für lange Zeit gemeinsame ernste Arbeit alle vereinigen und unliebsame Charaktere nur ein störendes Element abgeben würden. Meistens gediente Soldaten, schreckte keiner vor Gefahr und Schwierigkeiten zurück und die Folgezeit hat gezeigt, daß zum großen Theil tüchtige und zuverlässige Leute dieser Expedition sich angeschlossen haben.
Zur festgesetzten Zeit, am 27. April 1892, verließ der Postdampfer »Kaiser« mit den Mitgliedern der Expedition, den in einzelne Theile zerlegten Leichtern, sowie dem Schleppdampfer »Pfeil«, der vollständig ausgerüstet an Deck gehißt worden war, Hamburg, und über Amsterdam, Lissabon und Neapel verlief die Reise nach Sansibar schnell und gut.
Major von Wißmann, der schon längere Zeit vor Ankunft des Postdampfers in Ostafrika weilte, hatte für ein schnelles Vorgehen seiner Expedition Sorge getragen, sodaß nach unserer Ankunft in Sansibar der Küstendampfer »Peters« schon bereit lag, alle Gegenstände überzunehmen, auch war derselbe bestimmt worden, das ganze Schiff- und Eisenbahnmaterial, welches seiner Zeit in Saadani untergebracht wurde, abzuholen und nach Chinde zu bringen. Die Verladung des Materials von Land in die am Strande liegenden Dhaus leitete Herr von Eltz und Illich, während ich beauftragt worden war, die Entlöschung der Dhaus und die Verstauung aller Sachen in den »Peters« vorzunehmen und zu beaufsichtigen. Kaum vorher ist solche Thätigkeit bei der Expedition[S. 11] entfaltet worden wie in diesen Tagen und als die Arbeit vollendet war, wußte ein Jeder, daß er sein Möglichstes gethan hatte, die endlich vorwärts gehende Expedition zu fördern. Die Abfahrt des Dampfers »Peters« erfolgte am 12. resp. 13. Juni von Saadani-Sansibar, die Ankunft in Quilimane, welchen Ort der Major anfänglich als den Ausgangspunkt der Expedition bestimmt hatte, neun Tage später, am 22. Juni.
Major von Wißmann, der mit dem Postdampfer »Kaiser« die Reise nach Mozambique fortsetzte, war bestrebt, hier an der portugiesisch-ostafrikanischen Küste seiner Expedition die Wege zu ebnen und suchte namentlich das Wohlwollen der maßgebenden Behörden sich zu sichern, was unerläßlich war, da der untergeordnete portugiesische Beamte genug Schwierigkeiten zu bereiten weiß. Ebenso sollte von hier aus der kleine Schleppdampfer »Pfeil« in Begleitung eines größeren Seedampfers nach Chinde übergeführt werden, was bei der hohen Dünung, die hier unter dieser Küste auch bei schönem Wetter beständig läuft, nicht ganz ungefährlich war und wirklich für die kleine Besatzung eine gefahrvolle, höchst ungemüthliche Reise geworden ist.
Nach Aeußerungen des Majors von Wißmann hat die portugiesische Regierung seiner Expedition die größtmöglichste Unterstützung zugesagt, und offen gestanden, harmonirten wir wohl mehr mit den Portugiesen als mit den Engländern, war doch deren letzthin vollführter Gewaltakt gegen die schwache portugiesische Kolonie keine besondere Empfehlung. Allein, waren portugiesische Versprechungen nur ausgetauschte Höflichkeiten, oder die Absicht thatkräftige Unterstützung nie auszuführen vorweg vorhanden, genug, die Zusicherung blieb höheren Orts nur eine persönlich ausgesprochene Gefälligkeit, weiter nichts, die Organe, denen eine Anweisung darüber hätte zugehen müssen, wußten nie etwas davon und mehr als ein freundliches Entgegenkommen haben wir von portugiesischen Beamten nicht erlangt.
Wollte man sich über Portugiesisch-Ostafrika im Allgemeinen ein Urtheil bilden, würde ein solches schon ohne eingehende Beleuchtung interner Zustände, kein Loblied werden, im Gegentheil, zieht man den Jahrhunderte langen Besitz in Betracht, müßte eine ganz andere Kultur und eine andere Entwicklung dieser Kolonie vorausgesetzt werden, deshalb kann man auch nur den Portugiesen als Kolonisten ein höchst mittelmäßiges Zeugniß ausstellen. Ein kultureller Aufschwung im Innern des Landes hätte zwar ein großes Kapital, mehr aber noch Verständniß und unbeugsame Energie erfordert, über beides jedoch verfügte Portugal nicht in solchem Maaße, um die Kolonie dem Mutterlande werthvoll zu machen. Somit unterblieb eine durchgreifende Kulturarbeit, und ob auch die Portugiesen einen ungeheuren Bezirk im Besitz haben, sind der eigentliche Ertrag nur die den Eingeborenen auferlegten[S. 12] Steuern und sonstigen Zölle; ob die dadurch erzielten Summen aber genügen, die Beamten und das Militär zu befriedigen, ist eine Frage. Trotz alledem, daß von seiten der Portugiesen während eines so großen Zeitraumes in Handelsbeziehungen kaum Nennenswerthes geschehen ist, haben sich doch lohnende Ausfuhrartikel gefunden und der ganze Handel ist fast im alleinigen Besitz der ansässigen Deutschen, derselbe verspricht eine Steigerung von ungeahnter Größe, wenn, was nicht denkbar ist, Portugal verständige Kolonisirung treibt, oder eine andere Nation die Nachfolge übernimmt.
Die Frage nun, welche Nation vielleicht den berechtigsten Anspruch darauf hätte, wenn Portugal seine Kolonie mal veräußern muß, würde zwischen Deutschland und England entschieden werden müssen. Eins nur ist sicher, deutsches Kapital bahnt sich dort immer mehr den Weg und wächst zu einer Macht empor, welches die deutsche Politik gegebenen Falls mit allem Nachdruck zu schützen haben wird, die Sicherstellung desselben in kommender kritischer Zeit bedeutet »Besitz«, dagegen sucht England den schwachen Portugiesen unter dem Scheine eines Rechtes und seiner gewaltigen Geldmittel immer mehr zurückzudrängen und zweifelhaft ist der Besitztitel der Portugiesen auf der Hauptader des ganzen Landes, den Zambesi-Schireflüssen, trotz ihrer daselbst stationirten Flotte.
Die Bedeutung des Wortes »Handel ist Macht« hat Portugal für seine Kolonien nie begriffen; zwar im Konkurrenzkampf der Nationen sieht es heute für sich die gewisse Niederlage kommen und unternimmt noch einen Anlauf, um sein gefährdetes Gebiet zu halten, allein ob dieses nicht das letzte Athemholen vor dem Falle ist? — Kennzeichnend für die Zustände in der portugisischen Kolonie sind auch die häufigen Aufstände der Eingebornen, die, wenn es ihnen nicht an Entschlossenheit und guter Bewaffnung fehlen würde, mit ihrer Uebermacht gar leicht die schwachen Besatzungen zu Paaren treiben könnten, zumal der Makua-Krieger durchaus nicht zu verachten ist. Unter den jetzigen Verhältnissen hat Portugal genug zu thun die Küste zu sichern und das Innere der Kolonie bis zum Nyassa-See ist, wie seit jeher, ein terra incognita geblieben.
Von Quilimane, wo der Dampfer »Peters« einige Tage Aufenthalt gemacht hatte, wurde er nach Chinde beordert, weil von dort der besseren Wasserverhältnisse wegen, die Expedition aufbrechen sollte. Auch hatte Major von Wißmann, nachdem er Quilimane als Ausgangsstation aufgegeben hatte, sofort eine Abtheilung Soldaten unter Befehl des Sergeanten Bauer dorthin entsandt, die nahe dem Flußufer an passender Stelle ein provisorisches Lager erbauen sollten, und so fanden wir, als das Expeditionsmaterial mit dem Dampfer »Peters« anlangte, schon einen einigermaßen[S. 13] gesicherten Platz vor, der gesäubert und mit dornigen Gesträuch eingefaßt worden war. Ein sehr reges Leben entfaltete sich nun am Strande, hunderte Hände schleppten die entlöschten Gegenstände in das Lager, andere brachten wieder von weither Baumaterial, Gras und Baumstämme, zum Schuppen und Häuserbau heran, dazu wurden Zelte errichtet, Dornhecken gelegt und um das Bild afrikanischen Lagerlebens zu vervollständigen, exerzierten Soldaten, ertönten Hornsignale.
Ein Chaos von Unordnung bot sowohl der Strand als auch das Lager, Eisentheile, Kisten, Kasten, Tauwerk etc. etc. lagerten überall her im Sande und es schien in der That schwer zu sein, aus solchem Wirrwarr klug zu werden, indeß nur vorübergehend, bald reihten sich die Arbeiterkolonnen Mann an Mann, die dirigirt von Europäern, jedes Stück an seinen Platz hinschafften. Der kleine »Pfeil« leistete uns beim An- und Abschleppen der Leichterfahrzeuge wesentliche Dienste, namentlich bei stark laufender Ebbe und Fluth, denn die reißende Strömung erschwerte die Arbeit des Entlöschens ungemein.
Sobald das benöthigte Material an Land geschafft worden war, wurde unverzüglich mit der Aufstellung und Zusammensetzung unserer zerlegbaren Boote und Leichter begonnen und unter den geschickten Händen der Handwerker wuchs das Werk zusehends, so daß schon nach Verlauf von acht Tagen einige Boote und ein Leichter zu Wasser gebracht werden konnten.
Bald lag denn auch die kleine Flotille mit voller Segelvorrichtung versehen zum Aufbruch bereit und nur die sehnsüchtig erwartete Post verzögerte die Abfahrt; war es doch eines jeden Wunsch, ehe er dem Weltmeer und der Civilisation valet sagen mußte, noch einen letzten Heimathsgruß zu erhalten! Leider aber vergeblich war das Hoffen; nach wochenlanger Rast in Chinde zogen wir hinaus in die Wildniß zu wagen und zu kämpfen. —
Ehe ich nun in den folgenden Kapiteln die Schicksale der Expedition etwas eingehender aufzuzählen mich bemühe, will ich noch diejenigen Mitglieder, Charge und Namen, anführen, die ihr ganzes Können an die Ausführung der großen Aufgabe gesetzt haben.
Führer der Expedition: Major von Wißmann, sein Adjutant Dr. Bumiller; Transportführer: Herr v. Eltz; Offizier: Leutnant Bronsart von Schellendorf; Arzt: Dr. Röver; Proviantmeister: de la Fremoire, Illich; Herr Franke, Maler. Sergeanten: Bauer, Eben, Krause. Zum Schiffspersonal gehörten: Kapitän Prager; die Steuerleute Gerloff, Wissemann; die Maschinisten Spenker, Engelke; die Zimmerleute Riemer, Ottlich; Schiffsbauer und Kesselschmiede Zander, Brückner, Eickershoff, Wedler, Knuth, Grünhagel und Domann.
Mit anwesend in Chinde waren noch: Herr Regierungsrath Edler von Grunow und Herr von Tippelskirch.
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In dem nach der Chinde-Mündung zu liegenden Gebüsch konnte nur noch dürftiges Brennholz gefunden werden und häufig in Ermanglung desselben schleppten die Soldaten trockenes Rohr heran, um damit ihre Mahlzeiten zu kochen. Mit der Zeit aber wurden wir genöthigt, alle paar Tage ein Boot mit Mannschaften oberhalb Chinde in dem dort weit ausgedehnten Gebüsch zu senden, die Holz zu schlagen hatten, und als die Zeit herannahte, daß wir uns zum Aufbruche rüsteten, gingen täglich in aller Frühe Boote ab, die Abends beladen zurückkehrten. Oft genug erzählten dann die Leute, was sie an Flußpferden, Krokodilen und Schlangen gesehen hätten und wie namentlich Krokodile, von Kugeln getroffen, durch Ueberschlagen versucht haben, vom Ufer fort in ihr Element zu gelangen. Abends an den Wachtfeuern wurde das Mögliche und Unmögliche erzählt; indeß jeder war zufrieden, wenn es am Morgen bei der Arbeitsvertheilung hieß, die oder die Abtheilung ist zum Holzschlagen kommandirt, anstatt zu exerzieren, dann hatten doch die Betreffenden Gelegenheit, aus eigener Anschauung die Wahrheitsliebe ihrer Gefährten zu beurtheilen. Ueberdem ließ die Gewißheit, daß an den Ufern des Zambesi-Flusses kein Holz zu erhalten ist, es nothwendig erscheinen, möglichst viel Brennholz für unsern Dampfer »Pfeil« mitzunehmen, wenigstens so viel, um Schupanga zu erreichen, wo solches wieder in größeren Mengen vorhanden sein sollte.
Wie unter den Europäern das Fieber allmählig die Reihen lichtete, d. h. sie für einige Zeit arbeitsunfähig machte, so kamen nicht minder unter den Soldaten Krankheiten zum Ausbruch, die in einzelnen Fällen tödtlich endeten; womit besonders nicht zu spaßen, war der Ausbruch der Pocken unter den Suaheli. Diese Krankheit, in den Distrikten Ost- und Central-Afrikas weit verbreitet, fordert jährlich viele Opfer, und obgleich im Lager sofort eine Absonderung der Erkrankten vorgenommen wurde, starben dennoch mehrere. Indeß die getroffenen Vorsichtsmaßregeln verhinderten wenigstens eine Verbreitung der Seuche, obwohl sie trotzdem immer wieder zum Ausbruch kam und Opfer forderte.
Wie erwähnt, warteten wir vergeblich auf die Ankunft des deutschen Küstendampfers »Wißmann« (dessenwegen vom Major[S. 16] der Aufbruch der Expedition um Tage verschoben worden war), der noch nothwendige Sachen bringen sollte, die namentlich für den ersten Transport werthvoll waren. Die Verzögerung war durch den Totalverlust des deutschen Dampfers »Emin«, der auf offener See gesunken war, hervorgerufen; erst als diese traurige Kunde zu uns gedrungen war, gab der Major das nutzlose Warten auf und bestimmte den 14. Juli als den Tag des Aufbruchs.
Ein reges Leben entfaltete sich in den Morgenstunden dieses Tages im Lager — Zelte wurden niedergelegt, Kisten und Kasten gepackt — und als die Einschiffung auf Leichter und Boote begann, flog manches Kommandowort hin und her, ehe jeder seinen Platz gefunden hatte; namentlich die Ruderer und Soldaten mußten sich mit sehr geringem Raum behelfen, was bei der großen Anzahl Menschen gewiß nicht angenehm war.
Kurz vor 3 Uhr Nachmittags rief die Trompete zum Sammeln und als die Zurückbleibenden in Reih und Glied angetreten waren, hielt der Major noch eine letzte Musterung ab; ein schnelles Abschiednehmen, ein flüchtiger Händedruck, dann verließ mit dreimaligem Hurrah die kleine Flotille den gastlichen Strand und ging einem ungewissen Schicksal entgegen. Mancher sah an diesem Tage das blaue Meer zum letzten Male, hörte das Brausen der Brandung deren Donnern wie Grüße aus der fernen, fernen Heimath herüberklangen — sollte doch die leichte Barke viele nicht zurückführen zum unendlichen Ozean, sondern ihnen, fern im Innern Afrikas, von Feindeshand gefallen oder vom tückischen Fieber hingerafft, ein stilles vergessenes Grab bereitet werden, das keine treue Hand je pflegen kann. Wohl keiner von allen, außer dem Major, empfand die Bedeutung dieser Stunde so wie ich, war doch endlich das Kommandowort »Vorwärts« gegeben, auf welches diese Expedition so oft gewartet hatte, der, ebenso marschbereit wie heute, das Schicksal schon zweimal ein »Zurück« zugerufen hatte.
Nun endlich das Vorwärts erklungen, wußte ich auch, daß, mochten die Hindernisse noch so groß, die Mühen schwer sein, das angefangene Werk unter Führung des Majors von Wißmann, vollendet werden würde.
Solange die Boote im Schlepptau des »Pfeil« mit halber Kraft gegen den starken Strom vorwärts gezogen wurden (die Flotille bestand aus einem Leichter, den beiden großen Sektionsbooten und einem Stahlboot des »H. v. Wißmann«), ging die Fahrt leidlich gut von statten, als es aber Volldampf vorwärts ging, war der Leichter mit dem provisorischen Steuer nicht mehr zu regieren. Das Fahrzeug schoß bald rechts, bald links quer durch den Strom, und jedesmal mußte die Fahrt des »Pfeil« vermindert werden, um ein Kentern zu verhüten. Im engeren Fahrwasser, wo die Ufer mit hohem Schilfgrase eingefaßt waren,[S. 17] fuhr der Leichter öfters mit solcher Wucht in dieses hinein, daß es nur mit großer Anstrengung gelang, ihn wieder frei zu machen.
Vorläufig freilich mußte an der einmal eingeführten Schleppmethode festgehalten werden, zumal keine Zeit zu verlieren war, wenn wir noch bis Abend die portugisische Hauptstation Sombo erreichen wollten.
Zu unserer linken Seite waren die Ufer steil und hoch, bis zum Rande mit Bäumen und Gebüsch bewachsen, wo hindurch kleine Oeffnungen zuweilen einen kurzen Blick auf halb verborgen liegende Ansiedelungen der Eingebornen gestatteten. Noch mehr bekundeten Bananenpflanzungen die Nähe eines Dorfes, und fast immer liefen auf das keuchende Geräusch des Dampfers die halbnackten Bewohner herbei und steckten neugierig ihre Köpfe durch die grünen Büsche, oder sammelten sich in kleiner Anzahl auf der Uferböschung, um uns mit Händeklatschen zu begrüßen. Solchen Gruß unterließen unsere Soldaten nicht zu erwidern; war das Ufer nahe genug, flogen Zurufe hin und herüber, die meistens zur Folge hatten, daß die Frauen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, die derben Soldatenspässe schienen für die zarten Ohren der schwarzen Damen selbst hier im Urbusch nicht passend zu sein. Zur rechten Seite hatten wir dagegen dichtes Mangrovengebüsch, durchflochten mit Lianen, deren schillernde Blüthen sich tief über das dahinrauschende Wasser neigten. Verborgen im Schatten des Blätterdaches aber warteten der schwarze und weiße Reiher, der rosasarbene Flamingo und andere Vogelarten ihrer Beute. Zuweilen, als wären sie aus ihrer Ruhe gestört worden, sprangen kleine Affenarten neugierig im Gezweige der Bäume hin und her, die durch schallende Laute Erstaunen oder Furcht bekundeten, kamen wir aber dem Ufer so nahe, daß die überhängenden Zweige Boot oder Leichter streiften, dann flatterten erst die furchtlosen Vögel davon, um wenige Schritte weiter dem ungewohnten Treiben wieder zuzuschauen.
Vor oder hinter uns tauchte auch bisweilen der Kopf eines oder mehrerer Flußpferde auf, deren Prusten weithin hörbar, am nächsten mit dem dumpfen Gegrunze eines Schweines zu vergleichen ist, auch berechtigt höchstens der Kopf eines solchen plumpen Thieres die Bezeichnung »Flußpferd«, sonst an Gestalt kommt es keineswegs dem Pferde nahe. Nach kurzer Umschau verschwanden die Thiere meistens sehr bald, um plötzlich an irgend einer anderen Stelle wieder hoch zu kommen, sie machten sich auch stets durch das erwähnte Grunzen bemerkbar.
Auch Krokodile, verborgen im Schilf oder im Blattgewirr der Lianen, die in träger Ruhe dicht am Ufer sich sonnten, wurden durch die Annäherung der Boote aufgescheucht; oft machte uns erst der Ruf unserer Leute »mamba« auf solchen gefährlichen[S. 18] Gesellen aufmerksam, der schnell die Wasserfluth durchschnitt und in die Tiefe verschwand.
Die Schatten der Nacht begannen schon kurz nach Sonnenuntergang sich über diese Urnatur auszubreiten, als vor uns in einer Biegung des Chindearmes das portugiesische Settlement sichtbar wurde. Weit von der Mündung des Zambesi, war hier eine verhältnißmäßig großartige Anlage geschaffen worden, deren Hauptzweck die Erbauung von Kriegsfahrzeugen ist, von denen eine Anzahl vor dieser Niederlassung zu Anker lag. (Es ist bekannt, daß die beständig wechselnden Wasserverhältnisse des Zambesi eine eigenartige Schiffskonstruktion bedingen, um auch bei niedrigstem Wasserstande noch den Fluß befahren zu können und daher hat man das Pontonsystem als das praktischste in Anwendung gebracht.)
Man könnte sagen, eine ansehnliche Flotte repräsentirt hier die portugiesische Macht, indeß von einer Aktivität derselben haben wir später auf unserem beschwerlichen Vordringen nichts bemerkt. Wüßte man nicht, daß noch weit den Schirefluß hinauf, ja bis zu den Ufern des Nyassa-Sees selbst, viel von diesem ungeheuren Gebiet in Portugals Besitz wäre, so könnte man fast meinen, Englands weitreichender Arm hätte auch hier schon die Herrschaft an sich gerissen, da nur Dampfer unter englischer Flagge diese Flüsse beherrschen.
Zwar entwickelte sich zu jener Zeit der Verkehr auf diesen Wasserstraßen erst allmählich; was aber die Entfaltung des Handels gezeitigt, war englische Energie und englisches Kapital, und ausnahmslos beherrscht heute in dieser Beziehung die englische Flagge das weite Flußgebiet. Thatenlos sehen die Portugiesen dem Gebahren der Engländer zu, denen sie in ihrem Besitz am Chindearm eine Freistatt gewährt haben; Vortheil um Vortheil, den sie freilich in all den Jahrzehnten ihrer Herrschaft nicht zu verwerthen verstanden haben, wird ihnen aus den Händen gewunden, und fast scheint es, als können sie sich nicht mehr aus ihrem Phlegma aufraffen, um der Gefahr entgegen zu treten. Was aber wohl das Hinderlichste, das ist der eingewurzelte Bureaukratengeist, der über seine Pflicht hinaus, für Fragen von so weitgehender Bedeutung, als eine Handelspolitik sie mit sich bringt, kein Verständniß hat.
Ein Beispiel reger Thatkraft, wagenden Unternehmungsgeistes, haben die Engländer hier abermals aufgestellt, sie folgten den vom Forschungsmissionar Lévingston vorgezeichneten Bahnen und faßten allmählich festen Fuß. Ihr schneller Erfolg hat auch die Thatsache bestätigt, daß, wenn erst Central-Afrika unter Kultur genommen ist, dem jungfräulichen Boden noch große Reichthümer entnommen werden können. Dieser internationalen Wasserstraße (Zambesi-Schire) aber sollten deutsches Kapital und deutsches Unternehmen nicht zu ferne bleiben; das mächtig sich entwickelnde weite Gebiet verspricht einem Konkurrenten Englands noch große Vortheile, in Handelsbeziehungen sowohl, als auch in politischer Hinsicht.[S. 19] Wird einst Englands starker Arm dem schwachen Portugiesen zu mächtig, wäre es gut, unserm Vetter ein Halt gebieten zu können; als berufener Konkurrent sollten wir je eher, je lieber den nothwendigen Kampf aufnehmen! Dem Portugiesen bieten wir dadurch einen starken Stützpunkt, denn sicherlich stellen sich Portugals Sympathien auf unsere Seite, und daraus ergeben sich Vortheile von selbst. Der englische Leu hält fest was er gepackt hat und seine Krallen sind scharf; vergeblich sucht sich Portugal dieses Feindes zu erwehren und dieser wird auch Portugals letzte Kolonie verschlingen, hebt Deutschland nicht den Arm zum Schutz des Schwachen. Für diese erste Nacht blieben wir vor Sombo vor Anker liegen.
Am nächsten Morgen, als zur frühen Stunde die Trompete wieder zum Aufbruch rief, ließ der Major beim Schleppen der Boote insoweit eine Aenderung nun eintreten, als letztere dicht am Heck des »Pfeil« befestigt wurden und auch der Leichter an einem kürzeren Schlepptau genommen wurde. Das gefährliche Ausgieren fand allerdings dadurch eine bedeutende Einschränkung, indeß der Arbeit am Steuer war immer noch nicht viel abgeholfen. Die Strömung, die Fluth also, zu unseren Gunsten, brachte uns schnell vorwärts und eher als wir gedacht, war der eigentliche Zambesi-Strom erreicht.
Hatte oberhalb Sombo urwaldartiger Baumwuchs beide Ufer des Chinde-Armes eingefaßt, Dorf und Hütten der Eingebornen im dunklen Grün verbergend, traten jetzt die Ufer weit zurück, bedeckt nur mit dichtem Rohrgebüsch und hohem Gras; selten nur ragte an höher liegenden Stellen die Fächerpalme über die weite Ebene hin. Ein Bild trostloser Eintönigkeit gewährt der Anblick der gelben Fluthen, die sich dem Ozean entgegenwälzen, und über welche die heiße Sonne brütete. Auf den träge dahinziehenden Wassermassen schwammen Grasinseln und Baumsträucher; den Wasservögeln ein willkommener Aufenthalt, trieben solche dem nahen Meere zu, um in der tobenden Brandung oder in der endlosen Wasserwüste zu verschwinden.
Es war um die neunte Morgenstunde, als wir den Zambesi erreicht hatten, und sofort versuchten die durch Sandbänke eingeengte Einfahrt zu passiren. Indeß alle Anstrengung war vergeblich. Der starke Strom, noch verstärkt durch die bereits eingetretene Ebbe, konnte in der schmalen Durchfahrt nicht überwunden werden und nach vergeblichen Versuchen waren wir genöthigt, an der steilen Uferwand halt zu machen. Der Aufenthalt war uns auch insofern willkommen, als wir ein wenig für Leibesnothdurft sorgen und uns Essen kochen konnten, denn vom »Pfeil« war während der Fahrt nichts zu erhalten gewesen, deshalb machten sich unsere Leute mit den Bewohnern des nächsten Dorfes schnell bekannt und veranlaßten sie, Hühner, Eier, Bataten etc. herbeizubringen.[S. 20] Uebrigens die strenge Manneszucht, die unter den Soldaten aufrecht erhalten wurde, war im weiteren Verlauf der Expedition ein großer Vortheil für uns; keiner wagte dem Eingebornen etwas zu nehmen, was dieser nicht freiwillig verkaufen wollte, und schon um des geringen Vortheils halber brachten die Bewohner überall, wo wir mit denselben in Verbindung traten, gerne Lebensmittel heran; denn schneller als wir vordrangen lief das Gerücht von Dorf zu Dorf, daß die fremde Expedition nicht marodire. Es scheinen also von portugiesischen Schiffsbesatzungen des öfteren Anschauungen über das Mein und Dein vorgeherrscht zu haben, die sich mit der Meinung der Eingebornen nicht in Einklang bringen ließen, daher war die Ueberraschung bei den Uferbewohnern groß, weil so viele Soldaten dem armen Neger sein geringes Hab und Gut nicht mal anrührten, viel weniger wegnahmen. Kamen wirklich Streitigkeiten vor und der Eingeborne beschwerte sich, oder ein Europäer sah, daß Unrecht geschah, so wurde allemal zu Gunsten des Negers entschieden, ja selbst bei schwereren Vergehen der Thäter hart gestraft.
Während des mehrstündigen Aufenthalts an diesem Orte machte ich auch eine Streife durch das Dorf und fand Weiber und Kinder aufs eifrigste beschäftigt, Mais und Mtamamehl herzustellen, und solches in möglichst großen Mengen gegen ein paar Kupferstücke an unsere Soldaten zu verkaufen. Was mich aber nach kurzer Umschau zu einer eingehenderen Untersuchung verleitete, waren die bekannten Töne eines grunzenden Borstenviehs. Selbstverständlich hegte ich den Wunsch, mir den Ort, von wo die verlockenden Töne herkamen, sowie die Gesellen darin etwas näher anzusehen. Verargen kann es mir wohl niemand, wenn die Hoffnung nach dem Besitze eines Schweines sich in mir regte und ich schon mit der Gewißheit rechnete, heute Abend am Lagerfeuer einen saftigen Braten für uns zubereitet zu sehen, war es doch ziemlich lange her, seit wir uns zum letzten Male an solchen Leckerbissen erfreut hatten.
Allein ich hatte mich gewaltig getäuscht und die Rechnung ohne den Besitzer vorschnell aufgestellt. Zwischen den Hütten schließlich zum primitiven Stall angelangt, der das Gesuchte enthielt, präsentirten sich mir ein großes und zwei kleine Schweine, unter welchen ich mir mit kundigem Blick, das Beste schnell aussuchte. Ahnungsvoll und um seinen seltenen Reichthum besorgt, war der Eigenthümer mir auf dem Fuße gefolgt und trat aus der Reihe der Neugierigen sofort hervor, als ich den Nächststehenden zu verstehen gab, daß ich mir eines dieser Thiere gerne mitnehmen möchte.
Der Besitzer nun, nachdem er seine Reverenz durch einen tiefen Bückling und Kratzfuß gemacht hatte (diese äußere Ergebenheit haben die Portugiesen den Eingebornen beigebracht, viel mehr nicht),[S. 21] erklärte, daß er keines seiner Lieblinge verkaufen wolle, es seien die einzigen im Orte und er will sie zur Zucht groß ziehen. Ich gab mir Mühe, seinen etwaigen Irrthum, er könnte bei dem Handel zu kurz kommen und darum nicht zuschlagen wolle, zu zerstreuen, ließ auch einen Dolmetscher rufen und ihm einen verlockenden Preis bieten, Zeug oder Geld, gleichviel; aber der Kunde blieb fest, obwohl er kaum jemals soviel Geld sein eigen genannt hat, als ich ihm für den Handel bot.
Die Schweinchen mußten ihm wirklich ans Herz gewachsen sein, sonst ist der Neger nicht so hartnäckig, wenn er auch lange feilscht, giebt er schließlich für einen guten Preis doch sein Eigenthum fort. Genug, ich war um einen saftigen Braten gekommen, den ich so gerne mit den Gefährten getheilt hätte.
Bis 1-1/2 Uhr Nachmittags rasteten wir an der Einfahrt zum Zambesi und versuchten darauf aufs Neue den zwar noch starken aber nicht mehr so reißenden Strom zu passiren, was uns auch nach vieler Mühe gelang. Nun zogen wir durch die schmutzig gelben Fluthen des breiten Stromes hin und sahen hinter uns für kurze Zeit noch einmal den unbegrenzten Horizont, von ferne klang es wie Wogenrauschen an unser Ohr, ein letztes Grüßen vom ewigen Meer!
Bald traten die Ufer weiter zurück; namentlich zur Linken schienen sie sich kaum merklich von der gelben Wasserfläche abzuheben und nur Schilf und mächtige Rohrgebüsche bezeichneten die Grenze. Sandbänke, die wie Inseln zerstreut lagen, engten die Fahrstraße ein, was zur Folge hatte, daß wir zeitweise gegen starken Strom und Strudel ankämpfen mußten. Es erforderte eine besondere Kenntniß, zwischen den Untiefen hindurch den richtigen Weg zu finden, war doch auf der weiten Wasserfläche nichts, was einen Anhalt gab, und meinte man, wo schnell fließender Strom sei auch genügende Tiefe zu finden, war das Gegentheil der Fall. So lange wir den Anweisungen unseres Lootsen folgten, hatten wir nur einige Male uns durch Rückwärtsgehen von Wellsand frei zu machen oder mit voller Dampfkraft hindurch zu arbeiten; indeß als einmal ein größerer Umweg erspart werden sollte, den der Lootse für rathsam hielt doch zu machen, hatten wir unser Besserwissen fast theuer zu zahlen.
Wir hatten nämlich den Leichter dicht hinter dem »Pfeil« an zwei Leinen so befestigt, daß dieser nicht ausgieren, aber auch nicht ausweichen konnte, als nun der Dampfer mit voller Kraft auf eine Untiefe auffuhr, schossen alle Boote so aufeinander, daß das Vordertheil des Leichters in das Heck des Dampfers fuhr und eine starke Verbiegung die Folge war, das große Stahlboot dagegen dem Leichter ins Hintertheil lief und diesem eine nicht geringe Beschädigung beibrachte. Zum Glück waren die Eisenplatten so elastisch und die Verschraubung so gut, daß unter der Wasserlinie[S. 22] keine Leckage entstanden war und wir nach halbstündiger Arbeit unsern Weg fortzusetzen vermochten. Je weiter wir vordrangen, je belebter wurde ringsum die Wasserfläche; auf stromabwärts treibenden Sträuchern oder Grasflächen saßen weiße und schwarze Fischreiher verborgen, die mit scharfem Auge nach Beute spähten. Fast nie von Menschen gejagt oder belästigt, kennen diese Thiere keine Furcht, kaum daß der Knall des Gewehres sie aus ihrer Ruhe aufscheuchte.
Fast auf jeder Sandbank, möglichst nahe dem Wasser, konnten wir vereinzelte Krokodile in träger Ruhe liegen sehen, die bei der Annäherung unserer Boote langsam in das nasse Element verschwanden. Auffällig aber war, daß diese Thiere, wenn sie sich in der Mitte einer Sandbank befanden, vorsichtig zum Wasser krochen, um, sobald sie Gefahr witterten, oder eine Kugel in ihrer Nähe einschlug, sich mit der Kraft ihres Schwanzes in das Wasser zu schleudern; und stets entgeht das Thier dem Jäger, sofern es nicht zum Tode getroffen auf dem Flecke liegen bleibt.
Nicht minder suchen die kolossalen Flußpferde die trockenen Stellen im Strombette auf, um sich im heißen Sande der süßen ungestörten Ruhe zu überlassen, bis die Nacht herniedersinkt und sie die Wanderung in die weiten Grasgefilde antreten, wo sie große Massen des saftigen Grüns verzehren. Sehr gesellig, lieben es die Flußpferde sich in größerer Zahl, meistens in Familien getheilt, bei einander aufzuhalten. Mit großer Sorgfalt hegt auch die Mutter das Junge, auf deren Rücken dieses seinen ständigen Aufenthalt hat; ob im Wasser schwimmend oder in der Nacht zur Weide trabend, immer wird das Kleine mit den verhältnißmäßig sehr kurzen und plumpen Beinen am Halse der Mutter sitzen, die ihr Junges stets gegen jeden Feind mit großem Muth vertheidigt. Ernste Renkontre mit den Flußpferden haben mich die Eigenart dieser Thiergattung kennen gelehrt, und im Laufe der Erzählung werde ich verschiedentlich darauf zurückkommen.
Zuweilen führte uns unser Weg nahe dem Ufer zur linken Seite; und hatten wir hin und wieder schon einzelne Schaaren großer Vögel passirt, so nahmen solche an Orten, wo das Ufer ganz flach auch zum Theil mit Wasser ganz bedeckt war, beträchtlich zu. Man könnte sagen, wie aufmarschirte Bataillone standen langbeinige Reiher, weiß und schwarz, rosa Flamingos, Kranicharten, unbeweglich am Rande des tieferen Wassers und warteten mit stoischer Ruhe auf ihre Beute. Näherten wir uns den Schaaren, stimmen diese ein lebhaftes Konzert an, und die meisten der Thiere erhoben die gewaltigen Flügel, um solche durch Flattern mit Luft zu füllen. Aber erst einschlagende Kugeln zwangen sie, sich in die Lüfte zu erheben und einer schwarzen Wolke gleich, flatterten die Hunderte mächtiger Vögel empor. Jede Art für sich, kreisten sie dann kurze Zeit, um sich am selben Orte, oder, wenn das Ufer[S. 23] ober- und unterhalb gleich günstig war, in kurzer Entfernung wieder nieder zu lassen.
Mit Schrot waren der zu großen Entfernung halber die eßbaren Vogelarten, als Gänse, Enten nicht erreichbar; eine Kugel in solche Schaaren geschossen, meist zwecklos; wollten wir aber, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot, den Thieren nahe genug kommen, um einige zu erlegen, so hätte es größeren Aufenthalt erfordert, wozu uns die eigenartige Beschaffenheit des Flusses, dem wir unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden mußten, keine Zeit ließ. Ist hinter Berg und Wald der letzte Strahl der scheidenden Sonne entschwunden, kommt in den Tropen schnell die Nacht herauf, daher hatten wir auch bei Zeiten uns nach einer günstigen Anlegestelle umzusehen, und an einer öden Grasfläche des niedrigeren Ufers zu unserer Rechten gelang es, die Boote anzulegen.
Nach gethaner Arbeit entfaltete sich darauf am Ufer ein bunt bewegtes Leben; Zelte wurden aufgerichtet, Grasflächen mit Faschinenmesser niedergemäht, alles Nothwendige für die Nacht aus den Booten herbeigeschafft, und nicht eher hatte das Hin- und Herrennen ein Ende, als bis die Lagerfeuer angezündet und jeder mit der Zubereitung des frugalen Abendessens beschäftigt war.
Meistens, um den unvermeidlichen Trubel zu entgehen, zog der Major späterhin es vor, sofort nach erfolgter Landung eine Jagdstreife zu unternehmen; kehrte er zurück, mußte inzwischen das Lager für die Nacht hergerichtet, Posten ausgestellt und das Abendessen bereitet sein.
Der Umstand, daß hier noch starke Ebbe und Fluth bemerkbar war, erforderte in dieser Nacht strenge Aufsicht bei dem Leichter und den Booten, damit diese sich nicht bei fallendem Wasser auf dem abschüssigen Grunde auffingen. Aber so klar und deutlich auch die Posten instruirt worden waren, so saßen die Boote gegen Mitternacht doch alle fest, und was bei geringer Achtsamkeit mit wenigen Leuten hätte ausgeführt werden können, durch Abschieben vom Ufer mittelst Stangen die Fahrzeuge frei zu halten, erforderte nun, nachdem ich mich bei einem Rundgange von der Unachtsamkeit überzeugt hatte, die Anstrengung aller unserer Bacharias. Die Leute mußten schließlich in das Wasser und so, gegen Grund und Bord sich stemmend, die Boote wieder flott machen.
Das rapide ablaufende Wasser machte es nöthig, daß während des Restes dieser Nacht Europäer die Wache übernahmen und auf ein fortwährendes Abbäumen vom Ufer acht geben mußten.
Die frühe Morgenstunde, als die Trompete zum Aufbruch rief, fand fast alle müde und ermattet; nach solcher Nacht war es kein Wunder, daß wir uns abgespannt und marode fühlten, konnte doch keiner sagen von denen, die im Freien hatten wachen müssen, ihm wäre behaglich zu Muthe gewesen. Empfindlicher noch war[S. 24] das Entbehrenmüssen des warmen Kaffees, der wenigstens die Lebensgeister etwas aufgefrischt hätte, aber Gras und Holz vom starken Regen durchnäßt, wollten absolut nicht brennen und Zeit zu neuen Versuchen hatten unsere Diener nicht, denn sobald das Zelt des Majors zusammengelegt worden war, mußte auch alles zur Abfahrt bereit sein.
Die schlechten Wasserverhältnisse auf dem Zambesi hatten uns gelehrt, vorsichtig zu sein, und um nicht wieder durch plötzliches Aufgrundfahren unsere Boote zu gefährden, wurden sie nun dicht am Hintertheil des »Pfeil« befestigt; ebenso um ein Zusammengieren der Fahrzeuge zu verhindern, wurden sie mittelst starker Ruder in einem bestimmten Abstand von einander gehalten.
Auf dem Flusse lagerten anfänglich leichte Nebel, die zwar nicht dicht genug, um uns an der Weiterfahrt zu hindern, aber doch die Fernsicht beschränkten, und mit größerer Vorsicht suchten wir zwischen Sandbänken oder längs dem Ufer uns den Weg. Mühselig war das Vordringen; bald saß der »Pfeil« auf einer Bank fest und arbeitete sich Volldampf rück- oder vorwärts darüber hinweg, bald fuhr er dicht unter dem steilen Ufer gegen eine starke Strömung mit seiner Last, und unausgesetzt war die größte Achtsamkeit erforderlich. Die hohen Ufer boten in ihrer Eintönigkeit nichts besonderes dar, nur hohes Rohr und Gras, seltener Baum und Strauch unterbrachen das Einerlei der öden Landstrecken, dafür aber war diese Oede desto belebter durch die verschiedensten Thierarten, und je weiter wir vordrangen, desto mannigfaltiger entfaltete sich die überreiche Fauna Central-Afrikas.
Es war um die Mittagsstunde des 16. Juli, als wir von ferne auf einer größeren Sandbank im Flusse eine beträchtliche Anzahl Flußpferde erblickten, die trotz unserer Annäherung keine Anstalten trafen, ihren bequemen Ruheplatz zu verlassen, ebenso lagerten große Krokodile in friedlicher Gemeinschaft mit diesen Kolossen am Rande des Wassers und schienen ebensowenig Lust zu haben, den wohlthuenden heißen Sonnenstrahl mit dem kälteren Wasser zu vertauschen.
Die Ruhe dieser Thiere bewog den Major, in der Nähe der Sandbank halten zu lassen und eine Art Kesseltreiben zu veranstalten; denn soweit vorauszusehen war, konnten wenigstens die Flußpferde nur über flacheres Wasser entkommen und waren vorerst den sicheren Kugeln preisgegeben. Mit dem kleinen Stahlboot landete der Major und begann ein wirkungsvolles Feuer auf jedes der Thiere, das seinen Kopf, vor Wuth brüllend, über dem Wasser erhob.
Allein die Klugheit dieser Flußpferde hatten wir doch unterschätzt; einen tieferen, wenn auch nur schmalen Ausgang hatten sie sich zum Entkommen freigehalten, und unter dem Boote weg, entzogen sie sich der Verfolgung. Zwar war der Major überzeugt,[S. 25] daß mindestens eins der Thiere nach kurzer Zeit eingehen würde, dann aber hätten wir im leichten Boot der Heerde flußabwärts folgen und drei Stunden warten müssen, um des nach dieser Zeit an die Oberfläche kommende Flußpferd habhaft zu werden.
Die Hoffnung, durch Erlangung eines der Kolosse, dem gänzlichen Mangel an Fleisch, namentlich zu Gunsten unserer Leute, abzuhelfen, war eine irrige gewesen, selbst wir Europäer würden schwerlich ein saftiges Stück verschmäht haben. Solch ein Kiboko ist für den Neger eine besondere Delikatesse, und würden in Gegenden, wo diese Flußpferde für die Ansiedelungen der Einwohner eine große Plage sind, den Eingebornen gute Waffen zur Verfügung stehen, die Verminderung dieser Thiergattung würde schnell vor sich gehen.
Sehr gerne würden die Soldaten mit einem »Mamba« (Krokodil) vorlieb genommen haben, wenn sie ein solches am Lagerfeuer unter sich hätten vertheilen können, und wo immer die Möglichkeit vorlag, eines dieser Unholde zur Strecke zu bringen, wurde dem geäußerten Wunsche der Leute entsprochen, allein es wollte nicht gelingen, selbst durch vortreffliche Kopfschüsse diese gewaltigen Thiere auf der Stelle zu tödten. Uebrigens ist dem Krokodil von der Vorsehung auch ein bestimmter Posten angewiesen worden, nämlich insofern, als es als Revierpolizei die Flüsse von allem Unrath reinigt; seine Gefräßigkeit ist derart, daß es mit allem vorlieb nimmt, todtes oder lebendes Gethier, namentlich den Fischen ist es ein gefährlicher Gegner und man kann stets auf Fischreichthum schließen, wo das Krokodil in größerer Anzahl sich aufhält.
Suchte das oft 5 bis 6 Meter große Thier seine Nahrung nur in den Flüssen, würde es nicht so gefürchtet sein; es weiß indeß mit Arglist das harmlose zur Tränke kommende Wild, sowie sehr häufig den Menschen zu beschleichen. Häufig, wenn das Krokodil seine Beute nicht mit den Zähnen fassen kann, was der Fall ist, wenn das Wasser am Ufer zu tief, so daß es mit den Füßen keinen Stützpunkt finden kann, schlägt es unerwartet mit dem Schwanze Mensch oder Thier vom Ufer und verschwindet mit ihm in die Tiefe. Welch ein Kampf um solche Beute dann zwischen den Räubern vor sich geht, kann man wohl kaum ahnen.
Noch hatten wir zwar keine trüben Erfahrungen gemacht, jedoch sollten uns solche im Laufe der Zeit auch nicht erspart bleiben; Ursache genug, diesem gefährlichen Räuber nach Möglichkeit den Krieg zu erklären, hatten wir, ohne auch daß ein direkter Verlust uns betroffen hätte. Wer einmal das Jammergeschrei der Eingebornen, denen der Unhold ein Kind oder Angehörige weggeraubt, mit angehört hat, legt mit besonderer Genugthuung die Büchse an, um einem solchen das Lebenslicht auszublasen.
Die Wahrnehmung, daß wir aus dem Bereich der Ebbe[S. 26] und Fluth gekommen waren, ließ uns der nächsten Nacht zufriedener entgegensehen und, als wir bis Nachmittag 4-1/2 Uhr, nach manchem unliebsamen Aufenthalt, gedampft, legten wir oberhalb vom Orte Inhamcombe (wie der Lootse diese Gegend bezeichnete) an. Bisher hatten wir nur öde von der heißen Sonne ausgedörrte Gras- und Rohrflächen passirt, nun aber schien es, als sollten wir bald wieder Dörfer und Menschen ansichtig werden; wenigstens sicherte uns der kundige Lootse die Erlangung von frischem Proviant zu, wenn er zum Einkauf ausgesandten Leuten als Führer dienen würde.
Recht wohlthuend und allen willkommen war die erste angenehme Nachtruhe, welche uns seit der Abreise von Chinde beschieden war, desto mehr nutzte sie ein Jeder aus, hatten doch alle bereits die Ueberzeugung gewonnen, daß wir die Fahrt auf dem Zambesi auch fernerhin nicht als eine Lusttour würden betrachten können, sondern ernste Arbeit, die viel Geduld und Aufopferung erforderte, unser beständiges Loos sein würde.
Fraglos war die feste Energie unseres Führers, der nur ein Vorwärts kannte, der beste Stützpunkt, lehrte er uns doch im Kampfe mit den Widerwärtigkeiten und Hindernissen durch sein Beispiel fest auf die eigene Kraft zu vertrauen; Besonnenheit und schneller Entschluß im Handeln wurden die Triebfeder zur großen That.
Ehe noch am frühen Sonntagsmorgen die goldene Sonne über dem Horizont emporgestiegen war, leichte Nebel über den unabsehbaren Grasflächen noch gespenstig hin und her wogten, hatte der Ruf der Trompete, deren Klang schmetternd in die Weite getragen wurde, die Schläfer aus süßer Ruh' geweckt; Früh auf war die Parole und Vorwärts das Kommando. Auf der Weiterfahrt näherten sich die Ufer des Zambesi zuweilen bis auf 200 Meter, dann aber waren sie steil und hoch, zwischen denen der Strom mit tieferem Wasser mächtig dahinschoß; schwer kämpfte der »Pfeil« mit seiner Last gegen die wirbelnden Fluthen, und ehe solche Verengung des Flußbettes durchfahren war, vergingen Stunden. Traten die Ufer aber wieder zurück und verflachten, begann aufs Neue das mühselige Hindurchwinden zwischen Sandbänken und Untiefen.
An diesem Tage sahen wir zuerst wieder zwischen kleinen Bananenwäldchen verdeckt liegende Hütten der Eingebornen; neugierig lugten die schwarzbraunen Gesichter durch das schützende Grün, bis sie zu Haufen eilend, mit Rufen und Händeklatschen uns ihren Gruß entboten. Fremd war ihnen die Flagge, welche von den Masten unserer Boote wehte, fremd das Schauspiel, soviel uniformirte Soldaten zu sehen, deren Sprache sie nicht verstanden, und waren wir in Rufweite forderten sie Aufklärung von ihrem Landsmann, dem Lootsen; was dieser ihnen aber auch in wenig Worten erklären mochte, das Verständniß fehlte ihnen doch dafür.[S. 27] Zur Aufmunterung ließ der Major zuweilen Hornist und Trommler eingeübte einfache Weisen spielen; mehr noch als uns schien die Musik die Eingebornen zu erfreuen und weit stromaufwärts folgten die jungen Leute solchen nie gehörten Klängen, während altersschwache Greise und junge Kinder sehnsüchtigen Blickes den Fremdlingen nachschauten, bis die Klänge verhallt oder die Flottille ihren Augen durch eine Krümmung im Flusse entschwunden war.
Wie erwähnt, hatten wir uns zur Vorsorge in Chinde reichlich mit Brennholz für den »Pfeil« versehen, allein damals ahnten wir nicht, wie groß die Hindernisse und mit welchen Mühen ein Vordringen auf dem Zambesi verbunden sein würde, nun der Mangel eintrat (wir aber noch fern von der Station Schupanga), waren wir gezwungen, nach neuem Brennmaterial Umschau zu halten. In früher Nachmittagsstunde legten wir daher an einer Stelle des hier flacheren, aber mit Baumwuchs reichlicher bestandenen Ufers fest und sofort, mit Aexten und Beilen versehen, zogen die Soldaten truppweise unter Führung ihrer Schauchs (Unteroffiziere) aus, um nach Möglichkeit Holz herbeizuschaffen. Nach der Quantität war der Ertrag ein guter, allein die Qualität ließ viel zu wünschen übrig; indeß konnten wir noch zufrieden sein, wenigstens die Aussicht auf ein Vorwärtskommen nicht eingeschränkt zu sehen.
Es war bisher jeden Abend eine Musterung unserer Leute vorgenommen worden, theils zum Zweck, ob auch alle vorhanden, theils ob sich nicht Gebrechen oder Krankheiten unter den Leuten entwickelt hätten; war doch eine Befürchtung, daß die Pockenepidemie abermals zum Ausbruch kommen könnte nicht unbegründet, daher wurde auf den Gesundheitszustand besonders acht gegeben. Ueberrascht und mehr noch erschreckt wurden wir, als an diesem Abend es sich herausstellte, daß einige Suaheli, die nicht zur Arbeit angetreten waren, sich auch der Beachtung entzogen hatten, im Leichter krank am Fieber darnieder lagen. Eine sofort angestellte Untersuchung ergab, daß vier Mann bereits schwer an den Pocken erkrankt waren. Sofort wurde von Seiten des Majors eine große Reinigung angeordnet, das Zeug der Kranken verbrannt und diese selbst nach Möglichkeit von allen ihren Kameraden isolirt.
Empfänglich für die verheerende Krankheit waren vor allen die Sansibariten, und als ein besonderes Glück konnten wir es betrachten, diese Seuche keine weitere Ausbreitung annehmen zu sehen, als nur unter den Suaheli. Der Grund dafür war wohl in der strengen Abgeschiedenheit zu suchen, welche die Somali, Sudanesen, Abessinier untereinander beobachteten, die namentlich keine gemeinsamen Mahlzeiten und Lagerstätten theilten. Die Gefahr war indeß nicht zu unterschätzen, vielmehr konnte der schlimmen Seuche, trotz großer Vorsicht, eine größere Verbreitung zugemuthet werden, was aber menschliches Können unter solchen[S. 28] Verhältnissen vollbringen konnte, geschah, um nach Möglichkeit der Verbreitung entgegen zu treten.
Eine Aussetzung der Erkrankten, welche unter diesen Umständen das Richtigste gewesen wäre, lag leider nicht im Bereich des Möglichen, denn unzweifelhaft wären sie mit der umwohnenden Bevölkerung doch in Verbindung getreten, die Folgen dann aber unabsehbar, hätte die Epidemie zahllose Opfer gefordert und wer konnte die Betroffenen retten! waren wir doch selbst machtlos dagegen.
Regenschwere Wolken verhüllten uns am nächsten Morgen des Himmels Angesicht, ein trüber regnerischer Tag mit all dem Unangenehmen, welches ein solcher im Gefolge hat, lag vor uns, naß und kalt, konnten wir fast unsere Stimmung mit dem höchst unfreundlichen Wetter vergleichen. Nach einer nicht minder schwierigen Weiterfahrt, voll Hemmungen und Widerwärtigkeiten, legten wir schließlich, als der Tag zur Neige ging, an einer öden Uferstelle fest; vergeblich hatten wir nach Bäumen Umschau gehalten, und da unser Holzvorrath längst verbrannt, war ein Vorwärtskommen nur noch mit unserm kleinen Kohlenbestand möglich gewesen.
So glücklich wie am Tage vorher waren wir nicht; nur die trockenen Blätter der Fächerpalmen schleppten die Leute herbei, welche zur Suche in die weite Grasebene ausgesandt worden waren. Zwar geben die Blätter einen vorzüglichen Brennstoff und entwickelten eine große Hitze, jedoch wie bedeutend auch der Vorrath, in dem glühenden Feuerschlund des Dampfkessels zehrte die Flamme diesen nur zu gierig auf.
So unfreundlich wie der Tag, so ungemüthlich war die Nacht, aber nicht bloß der Mensch allein empfand die Unbill der Witterung und fühlte sich unbehaglich, auch den wilden Thieren, welche nächtlicher Weile ihrer Beute nachgehen, schien das vom Regen triefende Gras nicht sonderlich zu behagen. Stimmen, die wir bisher nicht gehört, hallten durch die Stille, das Lachen der Hyäne nahe und deutlich vernehmbar, gab uns die Gewißheit, daß dieser unheimliche Gast das Lager umkreise, hingegen das dumpfe Bellen in der Ferne ließ uns die Anwesenheit des gefährlicheren Leoparden vermuthen.
Indeß der etwas freundlicher anbrechende Tag machte uns bald das schlechte Quartier vergessen und froher gestimmt begann in aller Frühe das Tagewerk. Wir hofften, heute, am 19. Juli, die Station Vicente noch erreichen zu können, sofern unser gesammeltes Brennmaterial und unsere wenigen Kohlen ausreichen sollten; wir fuhren durchschnittlich mit 10 bis 12 Atmosphären Druck, welch' hohe Dampfspannung oftmals nöthig wurde, um den »Pfeil« mit seiner Last durch die reißende Strömung hindurch zu bringen.
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Wie immer, bot sich auch heute günstige Gelegenheit, den träge auf den Sandbänken liegenden Flußpferden und Krokodilen wohlgezielte Kugeln zuzusenden, allein der Jagdeifer hatte sich durch die bisherige Erfolglosigkeit gewaltig abgekühlt, und verlockte nicht ein zu sorgloses Thier, das in nächster Nähe neugierig den Kopf über Wasser hob, den Major einen Schuß zu wagen, unterblieb das Feuern meistens ganz. Erst als der Major mit einem Kleinkalibergewehr, dem Sergeanten Bauer gehörig, ein großes Krokodil aufs Korn genommen hatte, blieb das Thier unter Feuer liegen. Das Rückgrad durchschossen, hatte das Thier nicht mehr die Kraft, seinen schweren Körper zum schützenden Wasser zu schleppen, nur mit dem Schwanze peitschte es den Sand und riß den gewaltigen Rachen weit auf.
Ein Jubelschrei ertönte aus vielen Kehlen, als endlich die Aussicht vorhanden war, frisches Fleisch zu erhalten; schneller wie gewöhnlich, war das kleine Stahlboot längsseit, bemannt, und fort ging es die willkommene Beute zu sichern. Drei wohlgezielte Kopfschüsse waren indeß noch nöthig, ehe das mächtige Thier sein zähes Leben endete, das alsdann in das Boot geschleift wurde. Nun konnten wir uns den gefährlichen Räuber aus nächster Nähe betrachten, dessen furchtbares Gebiß namentlich allen Respekt einflößte. Und zieht man den Muskelbau des festumpanzerten Thieres in Betracht, kann man wohl voraussetzen, daß solche Kinnladen, mit über vier Centimeter langen Zähnen bewaffnet, alles zermalmen was dazwischen geräth.
Es mochte etwa drei Uhr Nachmittags geworden sein, als wir in einem rechts abbiegenden Flußarm die Station Vicente vor uns liegen sahen. Der kleine Häuserkomplex, der diesen Namen trug, bestand nur aus zwei nach afrikanischer Art errichteten Wohnhäusern und mehreren aus Thon und Gras erbauten Nebengebäuden, sonst ließe sich eher auf das nebenliegende Dorf dieser Name anwenden, obwohl in diesem unkultivirten Lande jede Niederlassung eines Europäers die Bezeichnung Station zu tragen pflegt.
Wie so häufig, hatte auch hier der Zambesi-Fluß, wenn in der Regenzeit seine Fluthen kein Hinderniß kennen, sich vor längerer Zeit ein neues Bette gegraben und dadurch eine Insel gebildet, an derem steilen Ufer, nahe der Mündung des alten Fahrwassers, wir eine Anlegestelle suchten. Die Station, an dem alten jetzt nicht schiffbaren Strombette gelegen, war nur mittelst Boote zu erreichen. Deshalb holten wir die Fahrzeuge möglichst in stilleres Wasser, und zwar an eine Stelle, wo die 15 Fuß hohe Uferbank nicht allzu senkrecht abfiel, auch ein Erklimmen derselben noch möglich war.
Der Umstand, daß nun gänzlicher Mangel an Brennmaterial eingetreten war, machte es schon zur Nothwendigkeit, hier wenigstens[S. 30] einen Tag Rast zu halten, weil eine schnelle Ergänzung wohl nicht gut angängig sein würde. Einen Tag der Ruhe konnten wir aber als eine willkommene Gunst betrachten, nöthig that es sehr mal wieder gründliche Reinlichkeit und Ordnung auf den Booten herzustellen, um so mehr, da der Major die Absicht hatte, so weit wie möglich vorzudringen; wenigstens den Wunsch äußerte, die in der Ferne gesehenen Moramballa-Berge im Schirefluß, noch zu erreichen, ehe ein Hauptlager und Depot errichtet würde.
Sein Befehl lautete denn auch dahin, ehe er den in Vicente ansässigen Portugiesen seinen Besuch machte, daß das Lager für einen längeren Aufenthalt hergerichtet würde. Und als der nächste im Kommando, schaffte ich im Leichter, der speziell unter meiner Aufsicht stand, in welchem auch alle Soldaten Unterkunft gefunden, gründliche Ordnung. Wie an jedem Tage, wenn wir Rast gemacht hatten, so war es auch hier nöthig, erst mit dem Faschinenmesser das hohe Gras nieder zu hauen, um Platz für die Zelte zu schaffen, die auch mit einer kleinen Furche im Erdboden umgeben werden mußten, damit bei etwaigem Regen das Wasser am Eindringen verhindert werde.
Das Nothwendigste indes war, sobald die Soldatenzelte herausgeschafft worden waren, entfernt vom Lager einen Platz zu suchen, wo ein solches für Pockenkranke aufgerichtet werden konnte; sollten doch laut Bestimmung des Majors die Kranken unter Aufsicht eines Suaheli, der früher schon diese Krankheit überstanden und somit keine Ansteckung zu befürchten hatte, auf dieser gänzlich unbewohnten Insel zurückgelassen werden. Ein günstigerer Ort konnte so leicht nicht gefunden werden, und siegte die Natur überhaupt über diese den Körper verheerende Seuche, so waren derselben hier die beste Unterstützung, kühle frische Luft und unbedingte Ruhe, gegeben. Meines Wissens kehrte aber nach Wochen, von einem späteren Transport abgeholt, der Wächter allein zurück, nachdem er seinen Kameraden dort ein einsames Grab gegraben hatte.
Nachdem den Soldaten freie Zeit zum Abkochen gegeben war, holten sich die Sudanesen das vom Major am Morgen erlegte Krokodil und begannen mit der Zerlegung des über drei Meter langen Thieres. Jedoch als es zur Vertheilung kam, wollten auch Suaheli und andere ihren Antheil haben und, um den entstandenen Streitigkeiten ein Ende zu machen, mußte ich jeder Abtheilung das Ihrige zuweisen. Besonders schienen die Sudanesen die Eier, von denen eine beträchtliche Anzahl im Körper des Thieres vorhanden waren, zu schätzen, denn eher ließen sie ein gutes Stück Fleisch fahren, als daß sie in eine Vertheilung derselben einwilligten, auch sprach ich sie ihnen um so eher zu, da sie doch die Arbeit der Zerlegung sich unterzogen hatten.
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Die Gewohnheit des Negers von einem Thiere absolut nichts weiter übrig zu lassen als Haut und Knochen, bewog auch Einzelne den Magen des Krokodils einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Kleine und größere, fast unledirte Fische, war das erste Ergebniß dieser Untersuchung, dann kamen noch haselnuß-große Steine, Glasperlen und messinge Armringe zum Vorschein. Diese letzten Funde machten es zur Gewißheit, daß dieses Thier vor längerer Zeit ein argloses junges Mädchen oder Weib vom Ufer geraubt hatte und mit seiner kostbaren Beute sich jeder Verfolgung zu entziehen gewußt hat.
Die Eingebornen sind gegenüber diesem schlimmen Feinde in der That vollständig machtlos. Ihre scharfen Pfeile vom straffen Bogen geschnellt, die jede Haut eines anderen Wildes durchdringen würden, prallen auf dem festen Panzer des Krokodil machtlos ab; selbst wo ihnen Feuerwaffen zur Verfügung stehen sind diese doch von solcher Beschaffenheit, daß die Kugel nur im glücklichsten Falle dem Menschenräuber eine Wunde beizubringen vermag.
Die Entdeckung, daß das Krokodil besonders wählerisch in Betreff seiner Nahrung gewesen war, hielt die Leute nicht weiter ab, das Fleisch des Thieres nach ihrer Methode sorgfältig zuzubereiten, was gewöhnlich in der Weise geschieht, daß es am Feuer oder in der heißen Asche geröstet wird. Soviel war gewiß, der größte Theil unserer Leute erfreute sich eines delikaten Abendessens, »geräuchertes und gekochtes Krokodilfleisch«, während wir Europäer mit Conserven vorlieb nahmen, die unserm verfeinerten Geschmack besser mundeten.
Die Entdeckung und der befundene Beweis, daß die gepanzerten Unholde so kühne Menschenräuber sind, sollte manchem der Krokodile von unserer Seite Verderben bringen, und als ein Gaudium betrachteten wir es, wenn durch einen guten Schuß solch ein mächtiges Thier todeswund sein Heil in der Flucht suchte, oder auch auf der Stelle getödtet, als Trophäe in das Lager geschleppt wurde. Viel Unheil haben sie auch uns zugefügt, mancher unserer Leute wurde ein Opfer eigener Unachtsamkeit und eine Beute der gefrässigen Räuber, indes abgesehen von denen die ich selbst geschossen, hat jedes Mitglied der Expedition mehr oder weniger den Krokodilen nachgestellt und jeder Menschenraub ist an ihnen furchtbar gerächt worden.
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Die Bemühungen des Majors in Vicente Proviant und Holz zu erhalten, waren von gutem Erfolg gekrönt; schon am nächsten Morgen brachten Eingeborne Canoes mit Brennmaterial und schließlich lebendes Vieh, als Schafe und Ziegen. Aus den Aeußerungen des Majors aber war zu entnehmen, daß die Portugiesen die Gelegenheit beim Schopf genommen und sozusagen mit Gold sich ihre Gefälligkeit hatten aufwiegen lassen. Am 21. früh, nachdem noch großer Apell angesagt und abgehalten, die zurückbleibenden Kranken und ihr Wärter genügend mit Proviant versehen worden waren, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts mit frischem Muthe fort.
Voraussichtlich, wenn nicht zu große Hindernisse zu überwinden waren, konnten wir an diesem Tage noch Schupanga erreichen. So weit wie der Fluß für den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« befahrbar war, ging es denn auch Volldampf vorwärts; wir konnten rechnen, als um 3 Uhr Nachmittags die Häuser der portugiesischen Station in Sicht gekommen waren, nach kurzer Zeit diesen Ort zu erreichen. Ein Creek, der zur Rechten in den Fluß mündete und ein Arm des Hauptstromes war, (hier ebenfalls wie bei Vicente unter denselben Verhältnissen ein Inselgebilde hat) hatte aber durch vorgeschobene Sandbänke, welche durch die Kreuzung der beiden Strömungen entstanden waren, in dem über tausend Meter breiten Flußbett nur eine sehr schmale Wasserstraße freigelassen, durch deren Windungen der »Pfeil« mühsam geleitet werden mußte.
Immer noch war es uns bisher gelungen, unter anscheinend ebenso schlechten Verhältnissen den »Pfeil« und die Boote hindurch zu bringen, hier jedoch schien jeglicher Versuch vergeblich zu sein; wieder und wieder rück- und vorwärts arbeitete die Maschine mit aller Kraft, nach Stunden hatten wir kaum einige hundert Meter gewonnen. Endlich, nachdem wir bis oberhalb der Mündung des Creeks gelangt waren, und unmittelbar unter der hohen steilen Uferbank der erwähnten Insel tieferes Wasser gefunden hatten, glaubten wir das Schlimmste überwunden zu haben; indes war die schmale Fahrstraße auch tief, so konzentrirte sich hier die ganze Kraft der Strömung und unser Dampfer, gehemmt durch seine Last, war nicht im Stande diese zu überwinden.
Wie oft wir auch die Versuche erneuerten, mit der zulässig höchsten Dampfspannung die Maschine arbeiten ließen, kamen wir doch nur bis zu einem bestimmten Punkt, an welchem der Wirbelstrom so rasend war, daß er Dampfer und Boote im Kreise drehend, augenblicklich aus dem Kurse schleuderte und mit sich hinweg riß; erst in ruhigem Wasser gelang es, Dampfer und Boote wieder gegen den Strom zu richten. Schon zogen die Schatten der Nacht herauf und mahnten uns bedacht darauf zu sein, ein Nachtquartier zu suchen; aber vor uns die wilde[S. 33] Strömung, hinter uns Sandbänke und flaches Wasser, war es unmöglich das Land zu erreichen. Aufs Neue ging es vorwärts, wir sollten und mußten hindurch; mit langen Bambusstangen stand die Mannschaft auf allen Booten zum Schieben bereit und auf ein gegebenes Zeichen tauchten die Stangen in die Tiefe, Menschenkraft vereint mit Dampfkraft suchte Herr der rasenden Strömung zu werden! Alles vergeblich, aus dem Kurse gedrängt lagen Dampfer und Fahrzeuge im Augenblick breitseits im Strome, jeder verzweifelten Anstrengung spottend und trieben machtlos den Sandbänken zu.
Was bei früheren Versuchen uns dieser Gefahr entgehen ließ, war der Umstand, daß jedes Mal die Strömung den Dampfer nach der offenen Wasserseite zu abgedrängt hatte und mit vorwärts arbeitender Schraube konnten wir so den Untiefen entgehen. Dieses Mal jedoch riß der Wirbelstrom die Fahrzeuge rechts herum; das Vordertheil des Leichters nun an das Ufer gedrängt, verursachte eine große Hemmung, und da die rückwärts arbeitende Maschine nicht im Stande war, diese zu überwinden, so lagen wir in wenig Minuten auf einer Untiefe in der Mündung des Creeks so fest, daß ein Abbringen der Boote die größten Schwierigkeiten machen mußte. Langes Besinnen in dieser schlimmen Lage konnte verhängnißvoll werden, auch befürchtete ich, sollten wir den Leichter nicht mehr frei bekommen, während der Nacht ein Versanden desselben, was bei den losen vom Strome leicht angehäuften Sandmassen immerhin möglich war.
Schnell wurde der »Pfeil« von seiner Last befreit, und nachdem der Dampfer wieder freieres Wasser gewonnen, mit dem Ausbringen eines schweren Ankers begonnen, was uns nach vieler Mühe denn auch gelang. Wie aber vorauszusehen war, konnte der Anker in dem losen Grund keinen Halt gewinnen, denn fünfzig Mann holten diesen durch den Sand, ohne auch nur den Leichter etwas aus seiner Lage zu bringen. Ein zweiter Versuch ergab dasselbe Resultat, und schon sollte eine Schlepptrosse zum »Pfeil« gebracht werden, um mittelst der Dampfkraft einen Erfolg zu erzielen, als plötzlich hinter der nächsten Biegung die beiden englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« in Sicht kamen, die unsere Lage bemerkend, so nahe als möglich zu uns hinüber steuerten und zu Anker gingen.
Da die Führer beider Schiffe dem Major persönlich bekannt waren, war wohl anzunehmen, daß ein Ersuchen um Hülfeleistung nicht abgeschlagen werden würde. Bald wurde denn auch vom »Herald«, Kapitän Robertson, ein Boot abgesandt, das Erkundigungen einziehen und den Major zwecks näherer Rücksprache an Bord bitten sollte. Im Kommando der Erste, wies Kapitän Robertson bald darauf den »Mosquito« an, querab unserer Boote[S. 34] sich gut zu verankern und den Versuch zu machen, zuerst den Leichter mittelst Ankerwinde frei zu bringen.
Doch die beträchtliche Entfernung zwischen Schiff und Leichter, dazu der starke Strom, machten das Herüberbringen einer langen starken Leine sehr schwierig. In weitem Bogen wurde diese von der Strömung fortgeführt, sodaß, als endlich der Leichter erreicht war und ich das Tau gut befestigt hatte, die Kraft und die Spannung desselben beim Einholen so gewaltig wurde, daß es entzwei riß und die Arbeit nochmals von vorne begonnen werden mußte. Beim zweiten Versuch wurde das Tau nicht mehr direkt durch die Strömung zum Leichter geführt, sondern erst eine Strecke geradeaus stromaufwärts gefahren und dann mit aller Kraft die Strömung durchrudert. Auf diese Weise wurde nicht zu viel Leine von den Wassermassen weggeführt, und es gelang, als die Ankerwinde in Thätigkeit gesetzt worden war, das Tau durch die aufgewendete Kraft über Wasser zu bringen. Es bedurfte zwar einer bedeutenden Anstrengung, den Leichter wieder frei zu machen, jedoch, als derselbe erst nur wenig vom Grunde gelöst war, machte es weiter keine Schwierigkeit, ihn gänzlich abzuholen und längsseit des »Mosquito« zu bringen. Ebenso machten wir auch die Sektionsboote frei, von welchen der »Herald« je eins an jeder Seite nahm und darauf über die Untiefen weiter dampfte, gefolgt vom »Mosquito«. So gering war die Entfernung von dem Orte, zu dem wir zu gelangen getrachtet hatten, noch gewesen, daß nach etwa 10 Minuten schon alle Fahrzeuge an einer gut geschützten Stelle anlegen konnten.
Wie schon erwähnt worden, ist die Konstruktion der »Stern-wealer« (Hinterraddampfer) für solche Flüsse, von so ungleicher Tiefe wie der Zambesi, die beste, die des »Pfeil« dagegen, so kräftig das kleine Schiff auch war, bewährte sich nicht, einzig allein dadurch, weil der Tiefgang von vier Fuß ein zu großer, freilich nach Art der Konstruktion auch nicht viel verringert werden konnte.
All die Hemmungen im Vordringen und der Zeitverlust wurden durch diesen Uebelstand hervorgerufen, wäre hingegen der Tiefgang des »Pfeil« nur 2-2-1/2 Fuß gewesen, dann hätte ein wesentlich anderes Resultat erzielt werden können, wenigstens wäre ein Uebereinkommen unterblieben, das uns in der momentanen Nothlage zwar von großem Nutzen, allein den Engländern einen unschätzbaren Vortheil sicherte.
Kurze Zeit nach unserer Ankunft gelangte auch der »Pfeil« zum Anlegeplatz, der, nun ledig seiner Last, mit besserem Erfolg die tiefe, reißende Strömung zu überwinden im Stande gewesen war. Sehr bald loderten die Wachtfeuer im weiten Kreise auf, an welchen die ermüdete und hungrige Mannschaft noch um 10 Uhr das einzige warme Essen an diesem Tage sich bereitete; auch wir Europäer, auf dem Sandboden hockend, ließen uns die karge[S. 35] Mahlzeit, gebratene Süßkartoffeln und aufgewärmte Wiener, gut schmecken, welche unsere Diener noch in Eile hergerichtet hatten. Es bedurfte aber beständiger Aufsicht und häufig selbstthätiges Eingreifen unserseits, wenn wir unsere Speisen reinlich und nach Umständen sauber zubereitet wissen wollten, denn der Neger kann es nicht recht einsehen, warum der weiße Mann in Betreff der Reinlichkeit so penibel ist und er so oft bei ertappter Unsauberkeit gescholten wird.
Wie friedlich auch die Nacht ringsum war, in der wir Stärkung zur neuen Thätigkeit und Arbeit zu finden hofften, so war doch der kleine blutdürstige Quälgeist, der »Mosquito«, hier in unheimlicher Anzahl vertreten und ein böser Störenfried. Zu jeder Abendstunde und in jeder Nacht waren diese Mückenschwärme unsere schlimmen Feinde, die uns die nothdürftige Ruhe raubten und deren empfindliche Stiche noch obendrein schmerzhaft waren. Das einzige Mittel gegen diese unglaublich zudringlichen Peiniger ist das dichtgewebte Mosquitonetz, das freilich diese kleinen Thierchen von einer direkten Belästigung abhält, indes ist ihr scharfes Summen nicht minder unangenehm und wer sich nicht eines festen Schlafes erfreuen konnte, dem hielt das singende Schwirren wach, bis trotzdem die Natur ihr Recht forderte.
Die Erfahrung, und namentlich das Festkommen der Fahrzeuge, hatte gelehrt, daß unser »Pfeil« trotz seiner starken Maschine und sonstiger guter Eigenschaften, für die Folge der Expedition keine sehr wesentlichen Dienste werde leisten können, nur soweit, als die Wasserverhältnisse es gestatteten, war er uns von großem Nutzen; der stromaufwärts immer flacher werdende Fluß setzte selber diese Grenze fest. Dieser Umstand bewog wohl hauptsächlich Major von Wißmann, den gemachten Anerbietungen der Engländer zuzustimmen, und nach den später in Kraft getretenen Abmachungen sollten diese in folgender Weise zur Ausführung gelangen.
Die beiden englischen Schiffe haben der deutschen Expedition ihre Unterstützung zu gewähren und diese zunächst bis Misongwe, dem größten Handelsorte am unteren Zambesi zu bringen. Von dort setzen die Kanonenboote ihre angefangene Reise den Schire aufwärts fort, kehren später zurück und bringen das gesammte Material der Expedition bis nach Port Herald, bis wohin der Schire in dieser Jahreszeit noch befahrbar sein würde. Major von Wißmann schafft in der Zwischenzeit seine Expedition mit Hülfe des »Pfeil« von Chinde nach Misongwe resp. dem Orte, wo die Nothwendigkeit gebietet, ein Lager zu beziehen. Ist nun nach einigen Monaten diese Arbeit vollendet und bis nach Port Herald alles hinaufgeschafft worden, erhalten die Engländer zwei unserer großen Leichter zur freien Verfügung, vermittelst welcher sie das Material für ihre Kanonenboote bis Katunga schaffen können.
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Mit dem Grauen des nächsten Tages, sobald alles wieder eingeschifft worden war, holten wir die Leichter und Boote über die den ganzen Fluß sperrende Untiefe bis zum Ankerplatz der englischen Schiffe; eine mühevolle Arbeit aber war es, denn oft saßen die Fahrzeuge fest und es gelang erst diese vorwärts zu bringen, wenn Anker an langen Tauen aufgebracht worden waren; wollte auch dieses nichts helfen, mußten alle Mann in das zwei Fuß tiefe Wasser, um zu schieben, gleicherzeit aber auch, um die Last des Bootes zu vermindern.
Als der Leichter längsseit der »Herald« gebracht war, suchte das Schiff tieferes Wasser zu gewinnen, aber, abgedrängt durch die Strömung, saß es bald auf Grund und hatte, nachdem der Leichter wieder freigegeben war, Mühe genug, selbst flott zu werden. Dem »Mosquito« gelang es besser, an jeder Seite ein Sektionsboot, wurde die Steuerfähigkeit dieses Schiffes nicht so beeinträchtigt, deshalb gaben wir das kleinere unserer Boote an den »Herald« ab und der »Mosquito« nahm den Leichter auf; endlich nach vielen Windungen, bald rechts, bald links tiefere Stellen suchend, gelangten wir in freieres Wasser.
Oberhalb Schupanga dehnen sich weite Waldflächen aus, die bis zum Ufer herantreten und dem weiten Gebiete einen freundlicheren Anblick gewähren, als wie die bisher durchzogenen trostlosen Einöden, die nur mit Rohr und Gras, seltener Busch und Baum, bewachsen waren. Man darf sich unter der Bezeichnung Wald hier noch nicht eine Vergleichung mit den Forsten der Heimath vorstellen, denn, verwachsene Baumarten, untermischt mit schlanken Stämmen, nehmen die Beschaffenheit eines Urbusches an; keine Hand verhindert das Emporschießen des Unkrauts, der Schlingpflanzen etc., und in wilder Ueppigkeit sprießt die Vegetation empor, oft für Mensch und Thier undurchdringlich.
Etwa zwei Stunden oberhalb Schupanga, unter einem steilen bewaldeten Ufer, fanden wir die Holzstation. Hier sind jederzeit wenigstens einige Stapel Holz zu erhalten, die ein Halbportugiese verkauft, der den Ertrag dem Gouvernement einzuliefern hat.
Diese Mischlinge, dunkler fast als die Eingebornen selbst, kaum daß noch europäisches Blut in ihren Adern nachweisbar wäre, sind furchtbar stolz auf ihre Abstammung, und würde man versucht sein, sie mit dem Neger auf derselben Stufe stellen zu wollen, die bloße Andeutung nur wäre schon eine schwere Beleidigung und ihr Haß nicht ganz gefahrlos. An Gestalt sind sie fast klein und schmächtig, sie haben aber im Laufe der Jahrzehnte unter den Bewohnern des weiten Gebietes großen Einfluß erlangt, und, da vornehmlich das Beamtenthum durch sie vertreten wird, sind sie die besten Kenner der Verhältnisse, aber auch nicht minder schlimme Schatzmeister, die vom Eingebornen nehmen, was erhältlich ist. Da der Holzvorrath hier nicht beträchtlich war, bei weitem[S. 37] nicht den Bedarf der drei Dampfer deckte, so hatte ich gemäß der vom Major erhaltenen Ordre, sämmtliche Leute nach unserer Ankunft mit Aexten und Sägen ausgesandt, um Holz herbeizuschaffen. War bis dorthin, wo das Fällen abgestorbener Bäume sich lohnte, auch eine Strecke zu gehen, hatten wir doch nach einigen Stunden schon einen beträchtlichen Haufen Brennholz zum Ufer geschafft.
Inzwischen, um die Mittagsstunde, war auch der »Pfeil« mit dem Major von Wißmann angelangt, dieser hatte, da er absolut die Bank bei Schupanga nicht passiren konnte, einen weiten Umweg machen müssen, und in dem erwähnten Creek, der auch mit dem Hauptstrom in Verbindung stand, eine schmale, aber tiefere Fahrrinne gefunden. Uebrigens ist gerade an diesem Orte, wo der Fluß sich in drei Arme theilt, eine schlechte von vielen Untiefen verlegte Passage; das Fahrwasser ändert sich unausgesetzt. Nach Wochen findet man eine früher passirbare Stelle ganz versandet vor, ohne daß stärkere Strömungen Einfluß gehabt hatten, der lose Sand wird eben bald hier, bald dort abgelagert.
Ich war der Ansicht, daß wir uns tüchtig mit Holz für eine größere Tour versehen müßten, weil bis Misongwe kein Holzplatz weiter vorhanden ist; allein die Engländer, die das vorräthige Holz vom Portugiesen aufgekauft, hatten bald ihren Bedarf gedeckt und wünschten, um nicht Zeit zu verlieren, nun ihre Fahrt fortzusetzen. Daraufhin gab der Major Befehl, mit dem Heranschleppen von Holz aufzuhören und mit soviel Aexten als vorhanden wären sofort das Zerspalten und Zersägen vorzunehmen. Hätten wir ahnen können, wie schwierig das weitere Vordringen werden sollte, wie nach kurzer Distanz unüberwindliche Hindernisse sich uns in den Weg stellen würden, ein solches Hasten und Eilen wäre unnöthig gewesen. Wohl wußten die Engländer, daß voraus noch die schwierigste Stelle im ganzen Fluß zu passiren sei, hofften jedoch, die Boote über die Untiefen bringen zu können, sofern nur der »Pfeil« im Stande sein würde, allein hinüberzukommen.
Um 2-1/2 Uhr Nachmittags, nachdem die englischen Schiffe die Boote, der »Pfeil« den Leichter längsseit genommen, setzten wir unsere Fahrt flußaufwärts fort. Im Kielwasser des leitenden »Herald« folgend, ging anfänglich alles gut von Statten, bis nach etwa ein und einhalbstündiger Fahrt das erste Hinderniß uns entgegentrat. Eine schmale tiefere Rinne, welche den breiten Fluß quer durchschnitt, gebildet durch angeschwemmte mächtige Bäume, deren Gezweig noch hoch über Wasser emporragte, konnten wir wegen der sich kreuzenden Strömung nicht schnell genug passiren, und seitwärts abgedrängt, kam der Leichter auf Grund, und ehe noch die Taue gelöst werden konnten, auch der »Pfeil«. Während dessen wir nun uns aus der unangenehmen Lage mittelst Anker und Leinen zu befreien suchten, dampften die Kanonenboote voraus, kamen ihnen aber, als wir nach einer Stunde etwa folgen konnten,[S. 38] wieder näher. Der Grund dieser Verzögerung war bald ersichtlich, die beiden Schiffe, trotz 2-1/4 Fuß betragenden Tiefganges, waren nicht im Stande gewesen, eine über die ganze Wasserfläche sich ausdehnende Untiefe zu passiren und hatten sich nach vergeblichen Versuchen so fest gesetzt, daß sie nicht mehr rück- noch vorwärts konnten.
Für uns war diese Wahrnehmung eine schlechte Aussicht, den vier Fuß tiefgehenden »Pfeil« hinüberzubringen, denn was die flachgehenden Schiffe nicht vollbringen konnten, mußte für den »Pfeil« eine Unmöglichkeit werden.
Indes so leicht ließ sich Major von Wißmann durch entgegentretende Hindernisse nicht abschrecken; ehe das Unmöglich von ihm anerkannt wurde, mußte auch der ernstlichste Versuch gescheitert sein. Das Wollen und Müssen, gepaart mit Energie, war eine mächtige Triebfeder, die das ferne Ziel durch feste Willenskraft immer erreichbar scheinen ließ, so viele und große Hemmungen natürlicher oder anderer Art sich auch entgegenstellen mochten.
Nicht lange erst die Zeit durch Ueberlegen verschwendend, wurde nach Angabe des Lootsen die Fahrrinne aufgesucht und dann Versuch auf Versuch gemacht, um diese Untiefe zu passiren. Bald rechts, bald links von dieser, wo immer nur der Peilstock einige Zoll Wasser mehr ergab, arbeitete der »Pfeil« mit vollster Dampfkraft vorwärts; allein alles Mühen war vergeblich. Darauf wurden viele unserer Leute nach allen Seiten ausgesandt, um die Tiefe des Flußbettes zu untersuchen, und, als nahe einer großen Sandbank eine etwas tiefere Stelle gefunden wurde, ging es nochmals vor. Plötzlich aber saß der Leichter fest, durch die Maschinenkraft vorne auf den Grund hoch geschoben, brachen die Befestigungen; der »Pfeil«, ebenfalls gehemmt, erlitt durch den erschütternden Ruck am Inventar Beschädigungen; alles, was nicht fest versichert war, fiel an Deck, die starken Regelingstangen und Sonnensegelstützen brachen oder wurden stark verbogen.
So ging es also nicht; der Leichter wurde losgelöst und mir fiel die Ausgabe zu, denselben wieder flott zu machen. Der Major aber versuchte aufs Neue, mit dem »Pfeil« allein durchzukommen.
Gewaltige Anstrengungen wurden noch gemacht, nichts unversucht gelassen, um trotz alledem eine Durchfahrt zu erzwingen; hier aber scheiterte die größte Energie und Willenskraft an einem natürlichen Hinderniß, dem gegenüber der Wille machtlos war. Brachten wir nicht den »Pfeil« hinüber, war ein weiteres Vordringen, wenigstens bis Misongwe, wohin schließlich die englischen Schiffe, nachdem sie diese Untiefe nach angestrengster Arbeit überwunden hatten, unsere Boote gebracht hätten, zwecklos. Schließlich, als das Unmögliche nicht möglich gemacht werden konnte, gab der Major weitere Anstrengungen auf und kehrte zum Leichter zurück.
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Was nun? Auf ein Steigen des Flußes in dieser Jahreszeit war nicht zu rechnen, im Gegentheil, derselbe konnte leicht noch mehr fallen. Der praktische Gedanke, den »Pfeil« zwischen Leichter und Boot zu heben, war ausführbar, indes, da es sich um mehr als einen Fuß handelte, so konnten wir das schwere Schiff mit unsern einfachen Mitteln nicht hoch winden, es blieb also nicht anderes übrig, als den Rückzug anzutreten, oder zu bleiben wo wir waren.
Das nahe, etwa fünfzehn Fuß hohe und steile Ufer, unter welchem eine Strecke weit tieferes Wasser gefunden wurde, eignete sich nicht besonders zum Lagerplatz; bis zu der vor wenigen Stunden verlassenen Holzstation zurückzukehren, wo die Uferbeschaffenheit fast dieselbe war, schien, nach den schon überwundenen Schwierigkeiten, noch weniger rathsam, so, kurz entschlossen, wählte der Major von zwei Uebeln das kleinere.
Weitere Schwierigkeiten, den »Pfeil« und Leichter unter Land zu bringen, boten sich nicht mehr; bald lagen auch die Fahrzeuge durch ihre Anker wohl befestigt am Ufer. Nachdem wir darauf die steile Uferwand erklommen hatten, suchten wir uns oben einen Platz zum Nachtquartier. Eine weite Grasfläche, im Hintergrunde Busch und Baum und 6-8 Fuß hohe Termitenhügel, war das einzige was sich unsern Blicken darbot, sonst kein lebendes Wesen im weiten Umkreise sichtbar. Das etwa mannshohe Gras verhinderte auch, genügende Umschau zu halten, und erst am nächsten Tage erfuhren wir, daß eine kleine Strecke flußaufwärts, verdeckt durch den nächsten Urbusch, das Dorf Ntoboa liege.
Es war in der glühenden Sonne eine heiße Tagesarbeit gewesen, die hinter uns lag, dennoch, bis zur sinkenden Nacht, mußten die von den englischen Schiffen weit über die Untiefe geschleppten Sektionsboote herangeschleppt werden, und die Bootsführer, Proviantmeister Illich und Sergeant Bauer, hatten vollauf zu thun, den ihnen zugegangenen Befehl, die Boote zum Lagerplatz zu bringen, auszuführen.
Die Erbauung eines großen Lagers an diesem Orte wollte Major Wißmann den Umständen anheim stellen und erst nach Rücksprache mit den englischen Schiffsführern eine Rekognoszirungstour bis Misongwe unternehmen, die ihm über die Wasserverhältnisse des Flusses weiter oberhalb Aufschluß geben sollte. Auch sollte der nächste Tag erst entscheiden, was gethan werden müßte, nachdem nochmals ein letzter Versuch gemacht wäre, und ob wir denn wirklich vor diesem Hinderniß Halt machen müßten und es absolut keine Möglichkeit gäbe, durchzudringen. Wie vorauszusehen, mißlang ein erneuter Versuch abermals; die unternommene Tour flußaufwärts ergab ebenfalls ein negatives Resultat — so den Verhältnissen Rechnung tragend, beschloß der Major nach seiner Rückkehr,[S. 40] diesen Ort, den ich inzwischen hatte säubern lassen, als Stapelplatz beizubehalten.
Die Leitung und Aufsicht der hier vorzunehmenden Arbeiten sowie der Befehl über die ganze Mannschaft wurde mir übertragen, weil der Major beabsichtigte, nach Chinde zurückzukehren und den nächsten Transport abermals zu leiten. Seine Anwesenheit war dort auch nothwendiger als hier, da in Chinde fast das ganze Personal der Expedition noch des Aufbruchs harrte.
Zunächst nun galt es, da wir die schwere Ladung des Leichters, bestehend zum Theil aus der zerlegten Feldbahn, nicht den steilen Abhang hinauf schaffen konnten, das Ufer abzutragen und etwa 5 Fuß über der Wasserlinie eine Art Plattform herzurichten, worauf das Material gelagert werden konnte; Sachen, als Proviant und Schiffsinventar, wurden ganz hinaufgeschafft, um sie besser unter Aufsicht zu haben. Bei den sofort in Angriff genommenen Erdarbeiten stießen unsere Leute unvermuthet auf gefährliche Schlangen, die unter den Wurzeln kleiner Sträucher oder in Löchern ihren Aufenthalt hatten. Es stellte sich heraus, daß wir es mit einer Art der sehr giftigen Kreuzotter zu thun haben und mehrfach wurden 60-70 cm lange Thiere getödtet; war diesen Schlangen wegen ihrer Gefährlichkeit nicht anders beizukommen, wurde dem Reptil durch einen Schrotschuß der Kopf zerschmettert. Kleinere, d. h. junge Schlangen dieser Art, fast immer in Gemeinschaft mit den Alten aufgefunden, konnten wir mit Spaten und Hacken leichter erlegen. Uebrigens war gegen den gefährlichen und nicht selten tödtlichen Biß dieser Kreuzottern große Vorsicht von Nöthen, daher ließ ich es nie zu, daß die zu Erdarbeiten kommandirten Leute mit bloßen Füßen umherliefen; die Gefahr, gebissen zu werden, war zu groß und ärztliche Hülfe unerreichbar.
Als einen sehr günstigen Umstand konnten wir die Zutraulichkeit der Eingebornen betrachten, selbst die Häuptlinge erschienen im Lager und wurden stets reichlich beschenkt entlassen. Der Vortheil lag dabei auf unserer Seite; denn wie kostspielig hätte die Heranschaffung von Proviant für so viele Leute wohl werden müssen, wenn wir nicht gegen Zeug und Perlen hätten Lebensmittel eintauschen können. Als später die ganze Expedition hier versammelt war, kamen sogar weit im Inlande ansässige Portugiesen, angelockt durch eventuellen Verdienst, um mit uns Handelsgeschäfte zu machen.
Während der beiden Tage, an welchen in rastloser Arbeit das Entlöschen der Fahrzeuge bewerkstelligt wurde, konnte an dem Ausbau des Lagers nicht gedacht werden, und, um nur Schutz zu finden, hatten die Soldaten sich, zu je zwei, aus Baumzweigen und Gras provisorische Hütten erbaut; auf beschränktem Raum vertheilt, boten diese den Anblick eines Karawanendorfes.
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Die Abreise des Majors war auf Sonntag, den 24. in der Frühe, festgesetzt, indes das geplante Heben des »Pfeil« zwischen Leichter und Boot verzögerte diese bedeutend; es gelang auch den Dampfer um 6 Zoll höher zu winden, was zwar ein Passiren der Untiefe bei Schupanga möglich machte, sonst aber von keinem wesentlichen Vortheil gewesen ist.
Im Vergleich zu dem mühsamen Vordringen gegen Strom und Hindernisse, ging die Rückfahrt sehr schnell von statten, bald waren Dampfer und Boote unsern Blicken entschwunden, da die Windungen des Flußes jede Fernsicht raubten.
Zurückgekehrt zum Lager trat nun an mich die ernste Pflicht heran, nach bestem Wissen und Können, wie der mir gewordene Befehl lautete, ein Lager zu erbauen, speziell aber darauf zu achten, daß die täglichen Exerzitien, wie sie das Reglement vorschrieb, ausgeführt werden; die Handhabung strenger Disziplin ist die Garantie des Erfolges. Unter meinem Befehl waren 67 Mann und drei Europäer gestellt, eine beträchtliche Zahl, wenn diese in ihrer Gesammtheit als Arbeitskraft hätte Verwendung finden können; allein Hauptzweck waren militärische Uebungen, nach diesen kamen erst täglich einige Stunden Arbeitszeit in Frage. Und zieht man die glühend heiße Sonne in Betracht, die vom wolkenlosen Himmel sengend niederbrennt, Körper und Geist erschlafft, mußte die Zeit ausgenutzt werden, sollte das Werk gethan sein.
Die nächste Aufgabe war, Stellen, wo ich Wohn- und Wachhäuser zu bauen gedachte, von dem hohen schilfartigen Grase reinigen zu lassen, auch mußte schleunigst ein Exerzierplatz geschaffen werden, der den übenden Soldaten freie Bewegung gestattete; denn es war in der That in weitem Umkreis nichts als Baum, Busch und Gras. Diese Grasmassen übrigens auszuroden, war keine Kleinigkeit, als mir indes diese Arbeit zu langsam von statten ging, ließ ich mit Faschinenmesser große Flächen niederhauen, dann das in glühender Sonne bald getrocknete Gras in Brand setzen und die Feuersgluth vernichtete unglaublich schnell, wozu sonst viele fleißige Hände Tage lang gebraucht hätten. Oefter zwar vom Winde angefacht, waren wir nicht im Stande, der Feuersgluth eine Grenze zu setzen, trockene Halme und Laub, welches in Massen unter den Bäumen angehäuft lag, wurde ein Raub der Flammen. Soviel Vortheil hatten wir aber doch davon, hatten wir im Busch mit Messer und Axt nicht vordringen können, konnten wir es nach solchem Brande weit bequemer, und wurden auch längst abgeerntete Mtamafelder mit vernichtet, so konnten wir es leider nicht ändern; der Schaden war auf unserer Seite, insofern wir das benöthigte Rohr aus größerer Entfernung herholen mußten.
Mit dem Niederbrennen des Grases im Lager und nächster Nähe war die Arbeit nicht gethan, im Gegentheil, die Vernichtung schaffte dem jungen Nachwuchs nur Luft und überaus reichlich[S. 42] sproßen, namentlich nach einem Regenschauer, die neuen Keime empor. Es mußten daher die tief im Boden sitzenden Graswurzeln ausgerodet werden, um dem Wachsthum Einhalt zu thun. Da ich nun nicht die Zeit, sowie ausreichende Kräfte zur Verfügung hatte, erbat ich mir von einem Häuptling eine Anzahl Frauen, die mit ihren Feldhacken das Terrain schnell und geschickt reinigten. Wie bei den meisten afrikanischen Völkern auf den Schultern des Weibes alle schwere und unbequeme Arbeit ruht, so war auch hier keiner der in der Nähe des Lagers träge herumliegenden Eingebornen zu dieser Arbeit trotz reichlicher Bezahlung zu bewegen.
Mir lag viel daran, bis zur Rückkehr des Majors, möglichst alle nothwendigen Häuser und Schuppen fertig gestellt zu sehen, waren doch noch reichlich über 200 Soldaten, außer den hier anwesenden, unterzubringen; jedoch, überschritt ich auch zuweilen das vorgeschriebene Reglement und sandte Abtheilungen unter Aufsicht bis weit in das Land hinein, um zum Häuserbau passende Baumstämme heranzuschaffen, so war der Ertrag doch so ungenügend, daß ich mich schließlich genöthigt sah, das hier verbliebene zweite Stationsboot auszurüsten und in die Wälder oberhalb Schupangas zu senden. Ein Arm des Zambesi, in früherer Zeit, nach den Aussagen der Eingebornen zu urtheilen, der eigentliche Fluß, führte auf der gegenüberliegenden Seite weit in das Land hinein, und für Boote noch befahrbar, konnte der große Waldbestand leicht erreicht werden.
Zur Abschließung und Einfriedigung des Lagers benutzte ich das bereits erwähnte Mtamarohr; dasselbe wurde in Furchen aufrechtstehend eingegraben, durch querliegende Stengel dann verbunden, erlangte solcher Zaun genügende Festigkeit; nur einen Eingang ließ ich, der von einem Posten unter Gewehr bewacht wurde, so war eine Kontrolle der ein- und auspassirenden Leute möglich. Die nächste Umgebung des Lagers wurde, so weit es angängig, so rasirt, daß ungesehen sich schwerlich jemand dem Lager nähern konnte.
Die Aktivität der Soldaten wurde des öfteren durch nächtlichen Alarm geprüft, was hier freilich nur eine Uebung war; wie oft aber mußten sie später unter Major von Wißmanns Führung ernste, schwere Kämpfe durchmachen. Auch ein Theil der jetzt unter meinem Kommando stehenden mußten in schwerer Zeit mit mir ausharren und blutigen Kampf bestehen, namentlich die Sudanesen.
Gelang es mir auch nicht ganz, in der gedachten Weise das Lager fertig zu stellen, was einzig seine Schwierigkeit in der Heranschaffung des benöthigten Bauholzes hatte, so war doch alles zur Aufnahme und Unterbringung des nächsten Transportes bereit. Eine regelrechte Treppe zum Fluße gebaut, erleichterte den Aufstieg, in der Front am Ufer fanden Zelte und Proviantschuppen ihren Platz und im Hintergrunde lagen die langen Wohnhäuser der Soldaten. In der Mitte war ein großer freier Platz geblieben,[S. 43] der zunächst als Exerzierplatz Anwendung fand, bis später außerhalb des Lagers ein besserer geschaffen wurde.
Die Termitenhügel, von denen im Lager sechs vorhanden waren, hatte ich vorläufig noch unberührt gelassen, einestheils weil sich der Bau dieser kleinen Thierchen, aus einer festen, harten Thonmasse bestehend, für Hacke und Pickaxt zu fest erwiesen hatte, anderntheils weil alle Hügel, entsprechend ihrer Höhe, in der Basis den gleichen Durchmesser hatten, woraus man schließen kann, daß es angestrengter Arbeit bedurft hätte, solch einen Bau dem Erdboden gleich zu machen. Um das wunderbare Treiben dieser etwa einen Zentimeter langen Ameisen besser zu beobachten, deckte ich die Kuppe eines oder mehrerer Hügel mit Axtschlägen so ab, daß alle bis in die Spitze führenden Gänge frei lagen, während aber die Thonmasse selbst hart und fest blieb, waren die Wandungen der Gänge feucht und weich. Sobald Licht und Luft zum Bau Zutritt fanden, zogen sich die in den Gängen arbeitenden Thiere zurück; war durch das Freilegen eine Brutkammer geöffnet worden, scheuten die Arbeiter keine Gefahr, sondern waren nur darauf bedacht, die jungen Ameisen oder Eier schleunigst in Sicherheit zu bringen.
Da diese Thierchen in völliger Dunkelheit leben, so habe ich sie am Tage keine Arbeit verrichten sehen, denn die geschlagenen Oeffnungen blieben frei, sobald aber, was bei allen dieser Art der Fall, die Nacht hereinbrach, begann eine rastlose Thätigkeit und ausnahmslos war jeden Morgen auch die kleinste Oeffnung mit noch weichen Thonmassen vermauert. Am Fuße eines Hügels, wo auch die Wandungen entsprechend stärker sind, ergaben geöffnete Stellen wunderbare Gänge. Die Kommunikation war der Art, daß die fingerdicken Wandelgänge nach allen Richtungen hinführten; ein Labyrinth von Röhren, worin nur ein solches Thier, durch seinen Instinkt geleitet, sich zurecht zu finden im Stande ist. Eigenthümliche Erscheinungen waren die Zellen, eigentlich faustgroße Höhlungen, zu und von denen eine beträchtliche Anzahl Wege führten, in denen die Arbeiterameise sehr geschäftig hin und her lief. Erklärlich ist diese Regsamkeit, wenn man bedenkt, wie sorgfältig die Ameisen ihre Nachkommenschaft bewachen und erziehen, und ausschließlich gilt diese Thätigkeit den in den Zellen angehäuften Eiern, die in morschem Holzmehl gebettet liegen, gleichsam als sollte beim Eintritt in das Leben der jungen Brut durch vorwaltende Sorgfalt reichliche Nahrung geboten werden.
Wohl kaum denkbar ist es, daß diese abertausend Eier (wo immer auch der Bau geöffnet wurde, fanden sich solche in großer Menge vor) von einer Königin herstammen sollten, im Gegentheil, dazu müssen eine ganze Anzahl fortpflanzungsfähiger Thierchen existirt haben, wenn man auch zugeben kann, daß in solchem Arbeiterstaat nur einer die Königinwürde zuerkannt wird.
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Die Lebensbedingung der Termiten beruht auf dem Vorhandensein von Holz, das ausschließlich ihnen zur Nahrung dient, darum, wo immer ein Hügel von diesen Thieren gebildet worden, ist vorauszusetzen, daß ein halb oder ganz abgestorbener Baum an jenem Orte gestanden hat; der umbaute Stamm und die Wurzeln dienen dann für lange Zeit als Nahrung.
Der größte in einer Ecke des Lagers befindliche Hügel von 17 Fuß Höhe, der in der Basis etwa 60 Fuß Umfang hatte, war in der erwähnten Weise um einen mächtigen zum Theil noch grünenden Baum aufgeführt worden. Es ist wohl anzunehmen, da die Erdmassen körnchenweise aus der Tiefe heraus aufgeführt worden sind, daß es eines langen Zeitraumes bedurfte, solche Hügel aufzuthürmen, und wie ausgedehnt müssen die Gänge und der Bau unter der Erdoberfläche noch sein, wenn man bedenkt, was für ein Volumen solch ein großer Hügel ausfüllt.
Bis zur Spitze dieses erwähnten Hügels ließ ich später noch eine Treppe führen und, die Kuppel etwas abflachend, einen Ruhesitz dort oben herrichten, das mächtige schattige Gezweige des Baumes bot einen angenehmen Aufenthalt, und höher im Geäst bot sich eine vorzügliche Aussicht auf die Umgebung dar.
Die Beschaffenheit der obern Erdschicht scheint für die Ansiedelung der Termiten eine Hauptbedingung zu sein, denn nirgend wo anders als im Lehm oder thonhaltigen Boden fand ich sie vertreten, dort aber auch in solcher Anzahl, daß man der vielen Bauten wegen diesen die Bezeichnung Termitendorf beilegen könnte; öfter liegen diese Hügel so nahe zusammen, daß zwei oder mehrere in eins vereinigt schienen; hatte dazu die Vegetation auf solchen Hügeln Fuß gefaßt, ließ ihre Ueppigkeit kaum noch die Einzelheit derselben hervortreten. An anderen Orten und zu anderer Zeit, wenn wir an das flüchtige Wild uns heranzupürschen suchten, boten diese Hügel in den Grasgefilden oder an der Waldlisiere gute Aussichtspunkte und Deckung.
Das Dorf Ntoboa, von unserem Lager durch einen ausgedehnten Busch getrennt, hatte ich öfter Gelegenheit zu betreten, namentlich, wenn ich die ausgesandten Soldaten bei ihrer Arbeit zu kontrolliren oder anzuweisen ging. In der weiten, das ganze Dorf umschließenden Umzäunung, waren auch die einzelnen Gehöfte, aus Häuser oder Hütten bestehend, mit einem Rohrzaun umschlossen, so daß die einzelnen Familien von einander völlig getrennt, jede ihren besonderen Besitz inne hatte. Ein Anwachsen solcher geschlossener Familien geschieht auf folgende Weise: ein sich verheirathender junger Mann hat fortan sich der Familie seines Schwiegervaters eng anzuschließen und muß seine Hütte in dessen Gehöft erbauen oder aus Mangel an Platz dicht daneben; die Interessen sind hinfort die gleichen, gemeinsames Ackerland, gemeinsame[S. 45] Jagd und Arbeit, soweit von letzterer bei den Männern überhaupt die Rede sein kann.
Die ungewöhnliche Erscheinung, peinliche Reinlichkeit in einem Negerdorfe vorzufinden, überraschte mich hier sehr, in der That waren die freien Plätze im Dorfe rein und sauber, wie eine Tenne fest und glatt und gereichten den Bewohnern zur besonderen Zierde. Ernst und zurückhaltend, wie die Bewohner dieses Dorfes waren, kann ich kaum behaupten, daß wir in näherer Beziehung zu ihnen getreten sind; mit weiser Bedachtsamkeit hielten sie sich von uns fern, wiesen auch den sonst unverfrorenen Suaheli in seine Schranken zurück. Traf ich aber auf meinen Gängen Faulenzer im Dorfe herumliegend an, kamen solche öfters nicht ohne handgreifliche Verwarnung weg, was äußerst nothwendig war, um das vorherrschende gute Einvernehmen der Einwohner mit uns aufrecht zu erhalten.
Erwähnenswerth sind die wenigen Häuser im Dorfe, welche von einer besonderen Kunstfertigkeit und Geschmack Zeugniß ablegen. Die Art der Herstellung erinnerte mich an die Wohnhäuser der Marschall-Insulaner im fernen stillen Ocean und sind, im Gegensatz zu den runden Hütten mit aufgesetztem Grasdach, eine besondere Erscheinung. Fast überall dort, wo Termitenhügel in der Nähe, bekleiden die Eingebornen die Wände ihrer Hütten innen und außen mit dieser vorzüglichen Thonmasse, diese gewährt hinreichenden Schutz gegen die kalte Nachtluft, die im Verhältniß zur heißen Tagesgluth recht empfindlich sein kann.
An Abwechslung, soweit es Gäste betraf, die im deutschen Lager kurze Rast hielten, fehlte es nicht, Engländer, Portugiesen, selbst ein Deutscher, Herr Dr. Merensky, vom Nyassa-See zurückkehrend, nahmen die gebotene Gastfreundschaft dankend an; konnten wir doch jetzt noch, im Beginn unserer Expedition, die Gäste angemessen bewirthen. Von dem Kommen des letzteren Herrn unterrichtet, hatte schon Major von Wißmann mir den Auftrag ertheilt, denselben nicht vorüberziehen zu lassen ohne wenigstens mit ihm gewisse Punkte besprochen zu haben, sollte sich aber Herr Dr. Merensky bewegen lassen, des Majors Rückkehr im Lager abzuwarten, würde er dieses als eine besondere Gefälligkeit zu schätzen wissen. Aber so gerne Dr. Merensky seine lange Reise auch unterbrochen hätte, gestattete die Nothwendigkeit ihm nur einen kurzen Aufenthalt zu nehmen, und ich, meinerseits wissend, der Major könne nicht mehr allzufern sein, ersuchte ihn, auf seiner Weiterreise, wenn angängig, dem Wunsche des Majors zu entsprechen und eine Unterredung herbeizuführen.
Das Lagerleben in den Grassteppen und Waldungen Afrikas besitzt, abgesehen von gewissen Entbehrungen, einen eignen Reiz. Es lassen sich aber doch, selbst in einer so unwirthlichen Gegend, diesem angenehme Seiten abgewinnen. Das halbe Kriegerleben, das wir führten, bedingte schon, daß die Waffe unser beständiger[S. 46] Begleiter war, diese daher zu gebrauchen und ihrer sicher zu sein, lag in dem Bestreben aller, und ich meinerseits suchte dieses dadurch zu fördern, daß, sofern Zeit und Umstände es gestatteten, Preisschießen abgehalten wurden.
War der Gewinn, etwa eine Flasche Cognac, als Preis auch gerin, so war es mehr die Ehre, gelegentlich der beste Schütze zu sein, als daß der ausgesetzte Preis des Siegers ausschließliches Eigenthum geblieben wäre, vielmehr war eine kameradschaftliche Vertheilung allgemeiner Gebrauch. Anregender als Scheiben und Flaschen abschießen war es für uns, wenn ein Krokodil das Zielobjekt abgeben konnte.
Es muß für diese Thiere ein wonniges Behagen sein, sich von der glühenden Sonne den Körper durchwärmen zu lassen und sich dem sorglosen Schlafe hinzugeben, dazu von Vögeln, die stets am Ruheort des Thieres sich aufhalten, die Parasiten absuchen, ja selbst am Gaumen des mächtigen Rachens die Ueberreste einer Mahlzeit herauspicken zu lassen, und ob diese kleine behende weißgraue Vogelart auf dem Rücken oder Kopf des Krokodil herumläuft und Nahrung sucht, nie wird das mächtige Thier seinen gefiederten Pflegern etwas zu Leide thun; vielmehr scheint das Geschrei, welches dieser Vogel erhebt, sobald etwas Auffallendes sich zeigt, ein Warnungsruf zu sein, um seinem Freunde eine Gefahr rechtzeitig anzuzeigen.
Flußpferde sahen wir hier nur vereinzelt auf den entfernteren Sandbänken sich tummeln, selten, daß eines sich so weit vorwagte, um von unsern weittragenden Kugeln erreicht zu werden, aber das Grunzen dieser Kolosse tönte durch die Stille der Nacht und weckte im Verein mit der Hyäne, die ihr Lachen bald hier bald dort erschallen ließ, uns aus dem Schlummer.
Bemerkenswerth ist eine hier schon vorkommende Adlerart, ein schwarzbrauner, kräftiger Vogel mit scharfen großen Fängen, hoch in den Lüften kreisend, erspäht sein scharfes Auge die Beute, und sieht er sich unbeachtet, schießt er pfeilgeschwind aus der Höhe nieder, und mit den Krallen ein Huhn, Ratte oder sonstigen Abfall fassend, eilt er schnellen Fluges davon. Anfänglich hielt ich diese Vogelart für schädlich und schoß sie aus den Lüften oder von den Baumästen nieder, allein bald erkannte ich die Nützlichkeit dieser Thiere und schonte sie hinfort. Ein Beispiel davon, daß die Natur nichts Unnützes geschaffen, hatte ich in dieser Vogelart wieder vor mir; wir Menschen sehen nur leider die Schädlichkeit gewisser Thiere, nicht ihren Nutzen und führen gegen solche Geschöpfe einen ungerechten Krieg, forschen und suchen nicht zu ergründen, was die ewige Weisheit vorbedacht hat. Nicht nur, daß dieser Vogel den schlimmen Nagern, von welchen wir in der Folge viel zu leiden hatten, ein grimmiger Feind war, bewährte er sich vielmehr als eine Art Polizei, die auf Reinlichkeit äußerst bedacht war; denn[S. 47] alle Abfälle, welche achtlos fortgeworfen wurden, den Ratten und Mäusen ein willkommenes Futter, wurden von diesem im und außerhalb das Lagers aufgesucht, und wurde auch ein Hühnchen, das zuweilen achtlos herumlief, mit aufgegriffen, war doch der Verlust im Gegensatz zum Vortheil nur ein geringer.
Der Ricinuspflanze, die in dieser Gegend stark vertreten ist, begegneten wir überall, meistens in Form eines kleinen Bäumchens oder einer Staude mit lappigen Blättern; die Früchte rundlich, an ihrer äußeren Schale mit weichen Dornen besetzt, enthalten in den bohnengroßen Samen das so viel benutzte Oel. Die Nützlichkeit dieser Pflanze scheint den Eingebornen hier nicht sonderlich bekannt zu sein, wenigstens konnte ich solches aus meinen Erkundigungen schließen, eine Verwerthung indes mußten sie aber doch dafür haben, wenn auch nicht in dem Sinne wie wir; es ist jedoch schwer, dieses zu erfahren. Die Geheimnisse kennt der gewöhnliche Neger nicht und die klugen, also z. B. die Medizinmänner, verrathen sie nicht.
In diesem Monat Juli trat schon ein merklicher Unterschied zwischen der heißen Tagesgluth und den kühlen Nächten ein, solche Abkühlung hatte häufig dichte Nebel zur Folge, die erst am frühen Morgen der mächtiger durchdringenden Sonne zu weichen begannen. Am Abend, nach des Tages Mühe, saßen wir oft am Ufer des Zambesi und schauten auf die murmelnden Gewässer und die weite Wildniß hinaus, unter dem glänzenden Sternenhimmel in solcher Tropennacht gedachten wir der fernen Heimath, bis der Trompeter Ruhe im Lager blies und Jeder in Zelt oder Hütte den erquickenden Schlummer suchte. Nichts als der Schritt des Postens unterbrach die Stille der Nacht; nur zuweilen wurde die Hyäne der Störenfried, aber man gewöhnt sich an die Stimmen der Natur und achtet schließlich nicht mehr so sehr darauf.
Am Sonntag, den 7. August, wurde von dem zur Ausguck aufgestellten Posten in früher Stunde der zurückkehrende Transport gemeldet und nach wenigen Stunden traf Major von Wißmann im Lager ein, mit ihm die Hälfte des Expeditions-Personals. Nach kurzer Besichtigung der vollendeten Arbeiten und Inspizirung der unter Gewehr aufmarschirten Soldaten, traten bald darauf sämmtliche Mannschaften an, und das Entlöschen der Leichter wurde mit möglichster Eile ausgeführt, denn Herr von Eltz sollte schon am nächsten Morgen mit den leeren Fahrzeugen nach Chinde zurückkehren.
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So groß und den Verhältnissen entsprechend ich auch das Lager angelegt hatte, war es doch bei so bedeutendem Material und der nun an Zahl beträchtlichen Mannschaften etwas beschränkt, namentlich mußte der Exerzierplatz außerhalb desselben verlegt werden, da zum Aufstapeln und Hantiren des Proviantes hinreichender Raum geschaffen werden mußte. Die Vertheilung und Zusammenstellung desselben leitete Dr. Bumiller; mußte doch eine große Sorgfalt auf unsere Vorräthe angewendet werden, um nach Jahr und Tag, so gut wie im Anfang, mit allem versehen zu sein. Namentlich waren es sogenannte Wochenkisten, die aus dem Nothwendigsten zusammengestellt wurden, und die später, wenn erst die Expedition weit vertheilt sein würde, jedem Mangel vorbeugen sollten.
Was die noch auszuführenden Arbeiten anbetraf, welche der Major vor seinem Auszuge zu einer Jagd-Expedition, die er bald darauf in Begleitung des Sergeanten Bauer und einer genügenden Anzahl Soldaten unternahm, bestimmt hatte auszuführen, so leitete ich diese nach wie vor. Bedenkt man aber, mit welchem Zeitaufwand und Schwierigkeiten das Baumaterial herangeschafft werden mußte, so kann man sagen, daß rege Thätigkeit gewaltet haben mußte, um in solch kurzer Zeit, auf solchem Terrain, ein kleines Dorf, wie es unser Lager im Anblick darbot, entstehen zu lassen.
Mit dem größeren Bedarf an Lebensmitteln wuchs auch der Verkehr mit den Eingebornen, und hatten wir bisher nur die nähere Bekanntschaft der am Fluße selbst lebenden Eingebornen gemacht, so lernten wir nun auch weit im Inlande wohnende Stämme kennen. Auffällig war die vorherrschende Unreinlichkeit bei diesen Leuten, was wohl daraus zurückzuführen ist, daß vielfach Mangel an Wasser sie die Wohlthat des Waschens entbehren läßt. Bei den Frauen und Mädchen tritt diese Nachlässigkeit um so eher hervor, als namentlich ihre Kopffrisur meistens mit Asche und Sand bedeckt ist. Sie besitzen einen gewissen Stolz darin, diese nach eigenartiger Methode aufzuputzen, nämlich das kurze krause Haar wird in möglichst langen Strähnen geflochten, wozu, nebenbei gesagt, schon eine Art Kunstfertigkeit gehört, dieses fertig zu bringen, und damit diese herunter hängen bleiben, bedienen sie sich daran gehängter Gewichte, verfertigt aus der Masse, welche die Termiten aus der Erde heraufschaffen.
Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, fünfzig und mehr solcher Strähnen an den Schläfen, Vorder- und Hinterkopf herumbaumeln zu sehen, und, da solche Frisur nicht alle Tage vorgenommen werden kann, vielmehr wohl recht lange vorhalten muß, so ist es erklärlich, daß man, wie wir zu Lande sagen würden, Petersilie auf der Kopffläche säen könnte.
Jener Jagdausflug, von welchem der Major nach sechs Tagen zurückkehrte, war ein überaus ergiebiger gewesen. Die Theilnehmer[S. 49] berichteten von Schaaren edlen Wildes, das sich sorglos in den weiten Grassavannen und lichten Wäldern aufhält, und einem guten Schützen es leicht sei, an die Beute heranzukommen. Büffel, Kudus, Zebras, Wasser- und Riedböcke, ja selbst der Elephant wäre beschlichen worden. An Beweisen für die Eifrigkeit der Jäger fehlte es auch nicht, eine Anzahl großer Antilopen, stattlicher als unsere Hirsche, brachten sie noch mit, und so lange der Vorrath reichte, hatten wir im Lager für mehrere Tage Fleisch, vor allen war den Soldaten solche Abwechslung hoch willkommen.
Hatten wir bisher nur erst wenige Strapazen durchgemacht, welche ich als gering bezeichnen kann im Verhältniß zu denen, die unser warteten, so äußerte das Klima sich doch in der Weise, daß es allmählig die Widerstandsfähigkeit des Körpers untergrub und Fieberanfälle waren selbst unter unsern Soldaten keine seltene Erscheinung. So ergab es auch die Nothwendigkeit, daß ich, weil selbst Major von Wißmann und Dr. Bumiller erkrankt waren, das Kommando im Lager für längere Zeit zu übernehmen hatte.
Wie bereits vorher erwähnt, hatten wir viel von den Nagethieren und Ameisen zu leiden, und, was Vernichtungswuth anbetrifft, muß ich den unscheinbaren Thierchen den Hauptantheil zusprechen, denn jede Kiste, jedes Stückchen Holz, das unvorsichtiger Weise auch nur für eine Nacht ohne Unterlage auf den Erdboden gestellt worden war, wurde angefressen und sie waren im Stande, dreiviertelzöllige Bretter in wenig Tagen zu zerstören. Selbst der Inhalt der Kisten, sofern Holztheile darin enthalten waren, blieb nicht verschont.
Es ist unglaublich, aber thatsächlich wachsen die weißen Ameisen aus dem Erdboden hervor. Z. B. der Boden, worauf eine Kiste gestellt wurde, ist fest und hart; kein Anzeichen eines Lebewesens läßt sich auch nur voraussetzen, und doch, in einer Nacht wimmelt es schon von abertausend kleiner weißer Wesen, die in dem Holze lange Furchen gezogen haben, worin man einen Finger hineinlegen könnte. Der Boden ist von einer von diesen Thierchen abgesonderten Substanz feucht und lehmhaltig, geeignet, an dem Holze zu haften und gar bald bauen sie verdeckte Gänge aus diesem Stoffe außerhalb auf, um so von allen Seiten einen Gegenstand, der ihren scharfen Nagewerkzeugen verfallen ist, zu umschließen. Die Vermehrung dieser Ameisen muß in das Unglaubliche gehen, wo ihnen die Vorbedingungen zur Existenz geboten sind, sonst ist es nicht zu verstehen, wie sie so zahlreich in solch kurzer Zeit auftreten können; ich habe oft den Erdboden untersucht und nichts gefunden und doch waren diese schlimmen, unvertilgbaren Thiere vorhanden.
Was nun noch Ratten und Mäuse anbetrifft, so hatte hier eine förmliche Einwanderung stattgefunden, denn, angelockt durch reiche Vorräthe, wie solche im Lager an Mais und Mtama aufgestapelt[S. 50] lagen, waren diese Nager, die im weiten Umkreise auf den Feldern der Eingebornen ihren Wohnort hatten, herbeigeströmt, und bald in Schuppen und Hütte, Zelt und Lagerräumen eingenistet, so daß an ein Austreiben nicht mehr zu denken war.
In den Grasdächern und Wänden war ihnen nicht beizukommen, wir mußten wider Willen den unliebsamen Gästen Freiquartier geben und es geduldig uns gefallen lassen, wenn es Nachts einzelnen beliebte, über Gesicht, Brust und Füße Spaziergänge zu unternehmen; mit Geschicklichkeit sprangen sie von den Dachsparren herunter auf das Bett, und, aufgeschreckt aus dem Schlafe, schlug man wohl nach jener Stelle, allein die gewandten Vierfüßler waren weit hinweg. Unangenehmer schon wurde es, wenn sie an den Nägeln der Fußzehen ihre scharfen Zähne probirten, wobei sie es nicht so genau nahmen und etwas Haut mitfaßten, was für den Schläfer dann eine etwas unangenehme Empfindung war. Diese hier ziemlich furchtlose, man könnte fast sagen unverschämte Gesellschaft, zwang uns, die hier weniger benutzten Mosquitonetze wieder auszuspannen, um so vor den nächtlichen Besuchern einigermaßen geschützt zu sein.
Gestattete es mitunter meine Zeit, daß ich mit den Leuten die Proviantsäcke, zwischen denen die Ratten namentlich Standquartier genommen hatten, auseinanderwerfen konnte, dann ging es vielen an das Leben. Ein doppelter Cordon von mit Stöcken etc. bewaffneten Leuten umstand den Lagerplatz und jedes Thier, das diesen zu durchbrechen suchte, wurde erschlagen; der Vernichtung entgingen nur solche, die sich in den Erdlöchern oder in den Säcken selbst geflüchtet hatten. Es war nichts Seltenes, daß auf solcher Jagd 70 und mehr Ratten getödtet wurden.
Köstliche Scenen mit Halloh und Geschrei gab es bei solcher Gelegenheit stets von seiten der Soldaten; gelang es einer Ratte, die nicht entweichen konnte, Zuflucht in das Hosenbein eines Mannes zu finden und am nackten Körper hinaufzulaufen, dann sprang dieser wie besessen umher, bis einer seiner Kameraden die Ratte erfaßt und ihr durch kräftigen Druck das Lebenslicht ausgeblasen hatte. Konnten die gejagten Thiere nicht mehr am Boden entschlüpfen, versuchten sie oben hinauszukommen. Wahre Kraftproduktionen führten sie aus, indem sie auf die Schultern eines gebückten Mannes sprangen und von hier, sobald dieser durch die Berührung emporschnellte auf den Kopf oder Rücken des nächsten, und solchen kühnen Springern gelang es öfter, zu entkommen. Während solcher Jagd kreisten hoch in den Lüften die Adler und erspähten scharfen Auges die Beute; eine ermattete Ratte, wenn sie es wagte, über eine freie Stelle zu laufen, um eine Zuflucht zu finden, war bald in den Fängen der pfeilgeschwind niederschießenden Vögel; selbst so weit ging der Jagdeifer dieser Polizisten,[S. 51] daß sie sich nicht scheuten, ihre Beute selbst in der Nähe des Menschen zu erfassen und solche in die Lüfte zu entführen.
Am Abend des 18. August, als in dunkler Abendstunde von Schupanga Signalraketen die Ankunft des neuen Transportes anzeigten (welches Signal wir vom Lager aus durch helles Feuer beantworteten), brachten gleichzeitig Boten von Misongwe die Nachricht, daß die beiden englischen Kanonenboote »Herald« und »Mosquito« dort eingetroffen seien, auch zufolge wichtiger Nachrichten die Gegenwart des Majors von Wißmann dort erwünscht erscheine. Daraufhin, sobald am nächsten Morgen der Transport das Lager erreicht hatte und mit dem sofortigen Entlöschen begonnen worden war, versuchte der Major mit dem »Pfeil« die Untiefe vor Ntoboa zu passiren, was auch, da vom »Pfeil« alles überflüssige Inventar an Land gebracht war, dieses Mal gelang.
An dem bereits erwähnten Vertrage, der uns die Unterstützung der Engländer sicherte, wurde nichts geändert, vielmehr nun zur sofortigen Ausführung geschritten. Zurückgekehrt von Misongwe am 19., sollte der »Pfeil« im Verein mit den Kanonenbooten am 20. früh flußabwärts nach Schupanga gehen, wo nach Ausschiffung einer Kompagnie Soldaten für alle Schiffe Brennholz zu schlagen sei; inzwischen sind beim Lager zwei Leichter und die großen Sektionsboote zu beladen, mit welchen die Kanonenboote dann flußaufwärts den Schire zu gewinnen suchen und so weit vordringen würden, als es die Wasserverhältnisse irgend nur gestatten sollten. So lautete der Tagesbefehl!
Ueberraschend für mich aber war die mir vom Major gemachte Eröffnung, daß ich mit dem »Pfeil« flußabwärts zu gehen und den letzten Transport von Chinde heraufzuführen habe; nicht als scheute ich mich, diese Aufgabe zu übernehmen, sondern der hierdurch vereitelte Wunsch, mit vorwärts gehen zu können, war eine unerwartete Ueberraschung. Im Uebrigen, da ich wußte, daß dieser letzte auch der schwerste Transport sein würde, dessen Führung der Major dem in Chinde noch weilenden Obersteuermann nicht anvertrauen mochte, sonst nur als Führer Herrn von Eltz übrig hatte, über dessen Person er aber bereits anders verfügt, konnte ich es nur zur Ehre anrechnen, das Schwerste ausführen zu sollen.
Sobald der »Pfeil« zur Abfahrt bereit und ich mich vom Major verabschiedet hatte, dampften wir flußabwärts zunächst nach Schupanga, um uns dort mit genügend Brennholz zu versehen. Schnell, mit Hülfe der zur Verfügung stehenden Kräfte, war diese Arbeit gethan und sodann die Thalfahrt antretend, kamen wir, unbehindert durch Leichter oder Boote, sehr rasch vorwärts. Einige Male nur nahmen wir uns die Zeit, auf Sandbänken liegenden Krokodilen wohlgezielte Kugeln zuzusenden; zwei dieser mächtigen Unthiere fielen uns denn auch dadurch zur Beute, daß es ihnen nicht gelang, das schützende Wasser zu erreichen, wir nahmen das[S. 52] größte mit nach Chinde, wo wir am nächsten Nachmittag anlangten, um solches den noch dort weilenden Sudanesen als willkommene Abwechslung ihrer Mahlzeiten, zu überlassen.
Ich fand die beiden letzten Leichter nahezu beladen vor, sah aber ein, daß, wenn, wie der Befehl lautete, alles mitgenommen werden sollte, ein Ueberfüllen der Fahrzeuge die Folge sein würde, dazu mußte so viel Brennholz, als nur irgend unterzubringen war, eingeschifft werden, um nicht wieder durch Mangel daran am Vorwärtskommen behindert zu sein. Deshalb, während des zweitägigen Aufenthalts, ließ ich alle entbehrlichen Kräfte noch von Dr. Bumiller herangeschafftes Holz zersägen, selbst die Häuser und Hütten niederreißen und die Stämme auf den Fahrzeugen unterbringen. Obschon vom Fieber schwer geplagt, das während einiger Tage im Körper wühlte, hatte ich doch die mir gewordenen Aufträge nach bestem Können auszuführen, namentlich forderte die Unterbringung und sichere Heimbeförderung eines entlassenen Mannes mit einem englischen Schiffe, viel Aufwand an Zeit. Nach Einschiffung der gesammten Mannschaft aber und Verabschiedung vom portugiesischen Kommandanten zögerte ich mit der Abreise nicht mehr, setzte auch im letzten Augenblick die Ueberreste des großen Lagers in Brand, so daß nur Staub und Asche an der Stelle zurückblieb, wo lange Zeit eine gewaltige Expedition Rast gehalten hatte.
Ich hatte des Oefteren schon bemerkt, wie jähzornig veranlagte Naturen leicht sich fortreißen ließen wegen geringfügiger Dinge die Leute zu strafen, wozu ihnen Niemand ein Recht noch Gewalt gegeben hatte; ihren Jähzorn an dem Einzelnen, der das Mißfallen erregt, aber dann nur freien Lauf ließen, wenn sie sich unbeobachtet glaubten. Dieses zügellose Sichgehenlassen dem Schwächeren gegenüber war ein Beweis, wie gering der Neger in der Achtung solcher Europäer steht, daß er zum Prügelknaben ihrer Launen dienen mußte. Ich erwähne dieses hier nicht, um einzelne Fälle, die sehr selten nur bei uns vorgekommen sind, besonders zu markiren, sondern will im Allgemeinen nur darauf hinweisen, daß man einen großen Fehler begeht, wenn das Bewußtsein der Menschenwürde, das auch den auf der untersten Kulturstufe stehenden Wesen innewohnt, mit Füßen getreten wird. Der Neger, soll er aus seiner stoischen Ruhe aufgerüttelt und als ein thätiges Glied in der großen Völkerfamilie gerechnet werden, bedarf der Erziehung; er ist ein Naturkind, das nicht willig den Segnungen der fortschreitenden Zivilisation die Arme öffnet, sondern eher gesonnen ist, gewaltthätig ihr entgegenzutreten. Solcher Widerstand nun, sobald er in Form einer offenen Empörung auftritt, muß, selbst mit Gewalt, niedergehalten werden, dem Unterliegenden aber dann auch die Erkenntniß, daß er im Unrecht gewesen, zum Bewußtsein kommen und nicht der Uebermacht und egoistischen Zwecken hat weichen müssen.
Vornehmlich fällt heute noch die größte Aufgabe den vordringenden[S. 53] Pionieren zu; sie als Träger der Zivilisation sind berufen, die Saat zu säen, die zu der Erkenntniß führen soll, daß der mächtige weiße Mann gekommen ist, nur ein Helfer und ein Freund, nicht aber ein Unterdrücker zu sein.
Stellen wir uns auf den Standpunkt des Negers, so erscheint auch uns alles Fremde als ein Eindringling in liebgewordene Gewohnheiten und Rechte, und unwillig werden wir fragen, mit welcher Berechtigung zwingt uns der Mächtigere davon zu lassen? Darum, solchen natürlichen Widerstand allmählich zu brechen, bedarf es diesen Naturkindern gegenüber eines freundlichen Entgegenkommens, ohne dabei im geringsten der Ueberlegenheit des Europäers etwas zu vergeben. Strenge und Gerechtigkeit müssen jeder Handlung zur Richtschnur dienen, sollen einestheils dem Naturell der schwarzen Rasse, das bei vielen Stämmen sehr üble Gewohnheiten aufweist, Zügel angelegt, im anderen Falle aber das empfindliche Rechtsgefühl nicht verletzt werden. Der Neger wird willig eine ihm zudiktirte Strafe auf sich nehmen, wenn er gethanen Unrechtes sich bewußt ist.
Ueberall, nicht blos gegen die schwarze Rasse allein, wird gegen diese Hauptbedingungen einer Kulturaufgabe arg verstoßen und hauptsächlich von solchen Elementen, hervorgegangen aus europäischen Nationen, denen Recht und Unrecht ein zweifelhafter Begriff ist. Aus eigener Anschauung kann ich aber die Behauptung aufstellen, daß die Deutschen unter allen andern Völkern Europas, welche eine Kolonisirung anderer Erdtheile übernommen haben, die humansten sind; brachte doch deutsche Arbeit und Ausdauer fremde Kolonien zu hoher Entwickelung und Blüthe; hoffentlich werden Humanität und Gerechtigkeit auf Gebieten, wo die deutsche Nation nun ihre Aufgabe zu erfüllen hat, reiche Früchte tragen: bei der Erziehung noch tiefstehender Völkerstämme werden diese zur unerlässlichen Bedingung.
Mit der einlaufenden Fluth, die weit hinauf im Zambesifluß ihren Einfluß geltend macht, brach ich in den frühen Nachmittagsstunden des 24. August von Chinde auf. Schnell zogen wir mit der günstigen Strömung die bekannte Straße und erst am eigentlichen Flusse, an jener Stelle, wo wir früher mit dem Major Rast gehalten, wurde Nachtquartier genommen.
Mit dem Anbruch des neuen Tages, nachdem die leichten Nebel zerstreut und glitzernd die Sonnenstrahlen auf den Fluthen Silberfäden woben, zogen wir weiter, und mit Geschick die Untiefen meidend, kamen wir trotz der schweren Last, welche der »Pfeil« mit sich schleppte, schnell vorwärts. Meine Absicht, uns mit frischem Proviant zu versehen, der in Chinde nicht zu erschwingen gewesen war, wollte ich nun in einer bewohnten Gegend ausführen, allein wir sahen am rechten Flußufer keine Dörfer, und schließlich dem Rathe des Lootsen folgend, der uns sichere Aussicht auf Wildpret[S. 54] gemacht hatte, legten wir am nächsten Tage frühzeitig genug an einer steilen Uferwand fest, um dann auf gut Glück die Umgegend zu durchstreifen. Nur in Begleitung des Maschinisten drangen wir geraden Weges, so gut als Busch und Gras es zuließen, landeinwärts und gelangten zum Bette eines in dieser Jahreszeit trockenen Flusses. Dieses, tief in das Gelände eingeschnitten, zeugten Wurzeln und Baumreste davon, mit welcher Gewalt die Fluthen in der Regenzeit hier ihre verheerende Wirkung auszuüben im Stande sind. Wildromantisch, eine Urlandschaft im wahren Sinne des Wortes, fanden wir im Flußbette, den Spuren von Büffel, Zebra und Antilopen folgend, zu beiden Seiten desselben undurchdringliches Gebüsch und Rohr; schließlich, als keine Aussicht sich bot, in kurzer Zeit eine Grassavanne zu erreichen und die Spuren des Wildes immerfort noch den in der Ferne sichtbaren Höhenzügen zuzustreben schienen, zeitweilig durchkreuzt von Panther- und Löwenspuren, bogen wir, als wir im Urdickicht zur Linken Gänge von Flußpferden bemerkten, seitwärts in diese ab, in der Hoffnung, wenn wir ins Freie gelangt wären, auf ersehntes Wild zu stoßen.
War anfänglich das Vordringen in den sehr dunklen Gängen noch einigermaßen angängig, so lange niedergetretenes Rohr das Ausschreiten nicht sehr behinderte, wurde dieses fast zur Unmöglichkeit, als tiefe Löcher, Wurzeln und Schlingpflanzen fortwährend den Füßen Hindernisse entgegensetzen. Gebückt unter Strauchwerk und Aeste, die unvermuthet in das Gesicht schlugen, oft auf allen Vieren vorkrauchend, drangen wir vor und fast that es uns schon leid, solchen äußerst beschwerlichen Weg gewählt zu haben.
An einem Kreuzweg angelangt, der fast rechtwinkelig den Wildpfad, auf welchem wir bisher gegangen waren, durchschnitt, überlegten wir, ob eine Umkehr nicht besser sein möchte, denn noch wußten wir den Weg zurückzufinden; mußten auch bedenken, daß bald der Tag zur Neige ging und wir in einer Wildniß uns befanden, die während der Nacht sicherlich manch Unangenehmes bieten konnte.
Unser Jagdeifer hatte eine beträchtliche Abkühlung durch die aufsteigenden Bedenken erfahren, und sicherlich hätten wir den zurückgelegten weiten Weg nochmals gemacht, auf einen zweifelhaften Erfolg verzichtet, wenn nicht auf dem erwähnten Kreuzweg in unserer Nähe ein Warzenschwein plötzlich ausgebrochen wäre und grunzend in demselben das Weite gesucht hätte. Das Thier hören und sehen machte alle Bedenken schwinden, so schnell als es der nun bessere Weg gestatten wollte, ging es hinter dem Wilde her; aber ob es uns auch nahe kommen ließ und dann erst immer wieder durch das Gebüsch brach, gelang es doch keinem von uns, zum Schuß zu kommen.
Einsehend, daß solches Jagen ziel- und zwecklos war, stand[S. 55] ich, als das Thier in einem dichten Rohrgebüsch verschwand, davon ab und überlegte, wo wir uns nun eigentlich befanden; da wir vom Kreuzwege im Jagdeifer abgekommen, stiegen Zweifel auf, ob wir nach solchem Hin- und Herjagen den verlassenen Weg wiederfinden würden. Bedenklich schnell ging der Tag zur Neige, das erkannte ich an den Schatten, welche am Himmelsgewölbe heraufzogen, sobald der dichte Busch, unter welchem wir noch immer wanderten, einen Ausblick gestattete. Die Ueberzeugung, daß wir uns gründlich verirrt hatten, gewannen wir bald, und die ernste Frage, was nun thun, wo jede Aussicht auf Orientirung uns genommen, war schwer zu beantworten. Soviel aber ließ eine kurze Ueberlegung uns rathsam erscheinen, daß nur schnelles entschlossenes Handeln uns aus dieser bedenklichen Lage befreien konnte; denn das wußten wir, die nahezu zweistündige Wanderung im Urdickicht und auf Wildpfaden hatte uns weit vom Lagerplatz entfernt. Das Beste war, nach Möglichkeit eine bestimmte Richtung inne zu halten und im lichteren Gehölz schnell fortzukommen suchen, wenigstens irgendwo hinaus hofften wir noch vor Einbruch der Dunkelheit zu kommen, und, als hätte uns ein guter Stern geführt, sahen wir endlich wieder Sonnenschein durch das Dunkel der Blättermassen blinken. Mit frischeren Kräften drangen wir durch das Gehölz und standen bald am Saume einer großen Grasebene, die sich wie ein Keil zwischen dem Urwald, der links und rechts sich unabsehbar hinzog, hineingeschoben hatte. Wären wir vom Ausgangspunkte nur etwas nördlicher oder südlicher gegangen, an diesem Abend hätten wir schwerlich das Sonnenlicht wiedergesehen.
Weiteres als längs der Waldlisière den Weg uns zu bahnen, blieb nicht übrig und berechnend, daß wir vom Flusse aus immer eine nördlichere Richtung innegehalten hatten, hielten wir für rathsam, links zu gehen. Goldener Abendsonnenschein lag über Wald und Busch, doppelt das Herz erfreuend, zumal das düstere Waldesdunkel schon eine trübe Stimmung hervorgerufen hatte, und so lange uns das Tagesgestirn noch Licht spendete, hegten wir die Hoffnung, noch eine menschliche Wohnstätte zu erreichen. Müde und namentlich von Durst gequält, eilten wir vorwärts und, wenn ich mich nicht allzusehr täusche, hätten wir ganz links abbrechen müssen, um wieder zum Flusse zu gelangen. Aber nochmals in das Waldesdunkel uns hineinzuwagen, obwohl den Weg dadrin zu suchen uns nicht viel schwerer gefallen wäre als außerhalb, hielten wir doch für bedenklich. Wo ein erhöhter Punkt in dem unebenen welligen Terrain eine freiere Aussicht gestattete, machten wir kurze Rast; bei solcher Gelegenheit nun erblickten wir eine Heerde stattlicher Wasserböcke, die zu uns herüberäugten, sonst bei unserm Anblick weiter keine Unruhe zeigten, und wohl wäre es möglich gewesen uns im hohen Grase heranzupürschen, wenn die Jagdlust nicht gänzlich geschwunden wäre.
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So begnügten wir uns damit, beide Gewehre ziellos auf die etwa 500 Meter entfernt stehenden Thiere abzufeuern, was sie zwar erschreckte, jedoch keineswegs in die Flucht jagte. Weithin durch die Stille des Waldes brauste ein mächtiges Echo, erschreckt flatterten größere und kleinere Vogelarten aus den Zweigen der Bäume auf, und als wäre verborgenes Leben geweckt, so lebhaft kreischten und zwitscherten Vogelstimmen durcheinander.
Durch all diesem Geräusch aber hatten wir einen uns vertraulichen Ton vernommen, der dem lauschenden Ohr wie Musik erklang und in uns die Zuversicht erweckte, doch heute noch Menschen auffinden zu können. Das Bellen eines Hundes, ganz schwach vernehmbar (soviel ich unterscheiden konnte, von der linken Seite kommend), machte alle Bedenken, fortan noch das tiefe Walddunkel zu meiden, hinfällig und nochmals die Gewehre abfeuernd, tauchten wir in das Dickicht, bahnten uns hierin den Weg so gut es eben gehen wollte und suchten in der Dunkelheit vorwärts zu kommen.
Die Gewißheit, doch noch eine menschliche Niederlassung zu finden, ließ uns im Vordringen nicht der verwobenen Schlingpflanzen, Sträucher und Dornen achten; wollte es absolut nicht mehr gehen, bahnte das Messer den Weg. Nach halbstündiger Wanderung wurde es lichter um uns, bis endlich, als schon längst die Sonne zur Rüste gegangen, eine offene weite Grasfläche uns freie Aussicht gestattete. Die Vermuthung, daß, wenn wir wiederum unsere Gewehre abfeuern würden, das Bellen eines Hundes uns die einzuschlagende Richtung angeben würde, erwies sich als richtig; dieser folgend, führte uns der Weg durch bebautes Ackerland, über Wassergräben und durch Buschwerk und schließlich in ein an einer Sumpfniederung liegendes kleines Dorf.
Ein sehr seltener Gast schien hier der weiße Mann zu sein, wenigstens machte unser Erscheinen auf den Bewohnern den Eindruck von Furcht und Besorgniß; niemand war zu sehen, nur einige weißbärtige alte Männer erwarteten uns in der Nähe der ersten Hütten und erkundigten sich nach unserm Begehr. Soviel ich mit Hilfe der Suahelisprache mich verständlich machen konnte, erklärte ich unsere Lage und ersuchte die Dorfältesten uns Führer zum Zambesifluß zu geben, damit wir zu unserm Lagerplatz (worüber sie schon Kunde erhalten) in dunkler Nacht zurückkehren könnten. Ob unserem Wunsche willfahrt werden würde, konnte ich aus den Unterhandlungen nicht entnehmen, der Einladung aber, in der Hütte des Häuptlings uns niederzulassen, leisteten wir um so lieber Folge, als wir herzlich müde und abgespannt waren. Nackte Kinder, ihre Neugierde nicht bezwingend, kamen aus den Hütten hervorgekrochen, bald folgten die Mütter und nicht lange dauerte es, so waren wir von Jung und Alt umlagert, selbst die Dorfschönen in der denkbar primitivsten Kleidung brachten uns auf geäußertem Wunsche Wasser und Maiskolben.
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Freundlicher noch gestaltete sich das Verhältniß, als ich einige portugiesische Kupfermünzen unter die Kinder zu vertheilen begann; auch abgeschossene Patronenhülsen waren ein begehrter Artikel und, um dem Drängen nachzugeben, feuerten wir einige Schüsse noch ab, wenigstens einige Alte damit erfreuend, die solche Hülsen als Schnupftabackdosen benutzen wollten. Hühner, Eier, Bohnen, Erbsen und Mais brachten die Frauen herbei und bezeugten dadurch ein großes Zutrauen zu uns, daß sie solche gekauften Dinge den bestellten Führern übergaben, die ihnen das als Kaufpreis ausbedungene Stückchen Zeug am anderen Tage mitbringen sollten.
Ohne unsererseits noch irgendwelche Lust zu bezeigen, nochmals einen Jagdzug zu unternehmen, erboten sich die Jüngeren wiederholt, uns in dieser Nacht nach einer Gegend zu führen, wo wir allerlei Wild in Schaaren sehen würden; namentlich, wenn wir uns geduldeten, den Morgen auf dem Anstand abzuwarten, könnten wir die von der Tränke zurückkehrenden Thiere sehr leicht erlegen; auch seien Elephanten noch am vorhergehenden Tage gesehen worden, mächtige Thiere mit großen Zähnen. Auf meine Frage, warum sie selber nicht jagen gingen, brachten sie Pfeil und Bogen herbei. Mit diesen ihren Waffen, meinten sie, verwunden sie wohl ein Thier, aber so weit es auch verfolgt würde, gelänge es ihnen nur sehr selten, desselben habhaft zu werden.
Dem Umstande, daß die Pflicht uns rief, mußten wir alle Lockungen, die zu neuer Jagdlust reizten, hinten ansetzen und uns von den freundlichen Dorfbewohnern verabschiedend, folgten wir bald darauf den mit Proviant bepackten Führern in das nächtliche Dunkel hinaus.
Sonst wohl erglänzte vom Himmelszelt das Sternenheer in leuchtender Pracht und der Schimmer des Lichts erhellte die einsamen Pfade, heute aber, nach Sonnenuntergang, hatte regenschwangeres Gewölk allmählich tiefe Finsterniß über die Erde gebreitet, durch welche wir mühsam den schnell voranschreitenden schwarzbraunen Männern zu folgen suchten. Nach zweistündiger Wanderung durch Gras und Busch wurden wir durch das zum Ausbruch gekommene Gewitter gezwungen, naß und müde, unter Bäumen Schutz zu suchen, und als aufs Neue auf schlüpfrigen Wegen in der rabenschwarzen Dunkelheit eine Stunde marschirt worden war, hörten wir, am hohen Uferrand des Zambesi stehend, unter uns die murmelnden Wasser des Flusses.
Sicher hatten bis hierher die Führer den Weg zu finden gewußt, nun aber fragte es sich, hatten wir uns flußauf- oder -abwärts zu wenden, um wieder zu den Fahrzeugen zu gelangen! Gewehrschüsse, die schon mal den Ausschlag gegeben hatten, thaten wiederum ihre Schuldigkeit; bald kam die Antwort, und dem Schalle nach uns stromaufwärts wendend, mußten wir mit großer Vorsicht durch unwegsames Gestrüpp einen Weg uns bahnen.[S. 58] Mehrmals noch beantworteten wir die abgegebenen Signale einer uns entgegengesandten Patrouille und herzlich froh waren wir, nach beinahe siebenstündiger Abwesenheit, nach einem überaus beschwerlichen Marsche, die müden Glieder auf den Feldbetten ausstrecken zu können. Der Obersteuermann hatte, durch unsere lange Abwesenheit besorgt geworden, schon nach eingebrochener Dunkelheit in verschiedenen Richtungen Leute ausgesandt, um uns aufzusuchen; alle aber, bis zum trockenen Flußbett gelangt, hatten erklärt, daß es kein Weiterkommen gebe, ihre Signalschüsse wären auch nicht beantwortet worden und sie hätten ein weiteres Suchen aufgeben müssen.
Nachdem am nächsten Morgen die Führer für ihre Dienste reichlich entschädigt worden waren, zogen wir weiter in den goldenen Morgen hinein, mit Muße die wildromantische Scenerie bewundernd, die in immer neuen Bildern vor uns auftauchte.
Noch keinem der vorhergegangenen Transporte war es gelungen, so schnell und ohne ernste Hindernisse zu überwinden, solche Tour zurückzulegen, deshalb konnten wir von Glück sagen, mit unserer schweren Last, nach kaum nennenswerthen Aufenthalt, schon am vierten Tage in die Nähe von Schupanga gekommen zu sein, und hätte das stark versandete Flußbett hier nicht zu einem unfreiwilligen Aufenthalt uns gezwungen, hätte ich mit Sicherheit voraussetzen können, bis zum Abend des 28. August Ntoboa noch zu erreichen. Wünschend, zu der vor uns liegenden schweren Arbeit einen ganzen Tag vor mir zu haben, unterbrach ich die Weiterfahrt an diesem Sonntag Nachmittag, und nach genügender Orientirung, wo wohl am besten durchzukommen wäre, vergnügten wir uns während des Restes dieses Tages, auf Krokodilen und Wasservögeln Jagd zu machen.
In der Frühe des nächsten Morgens, als alles zur Weiterfahrt vorbereitet war, unternahmen wir die schwere Aufgabe, den »Pfeil« und die Leichter über die sich weit erstreckende Untiefe hinüberzubringen. Aber schon nach kurzer Zeit wurde der durch den losen Sand sich wühlende »Pfeil«, so mächtig auch die Maschine arbeitete, steuerlos und, einmal von der starken Strömung seitwärts abgelenkt, war kein Halten mehr; selbst alle Anker wurden durch die Kraft der Strömung fortgerissen bis im tieferen Wasser die Steuerfähigkeit erst wieder hergestellt werden konnte. Immer wieder ging ich zum neuen Versuch vor und achtete nur darauf, wenn solcher mißlang, daß die Fahrzeuge zur linken Seite vom Strome abgelenkt wurden, um eine rechtsliegende flachere Stelle zu vermeiden. Indes beim vierten Versuch anstatt das Kommando »voll Dampf voraus« auszuführen, fühlte der Maschinist sich veranlaßt, die Maschine rückwärts schlagen zu lassen und ehe noch das richtige Kommando zur Ausführung kam, hatte die Strömung die Fahrzeuge an der unrechten Seite gefaßt; kein Anker noch Maschinenkraft[S. 59] konnte das Verhängniß ablenken, nach Sekunden schon saß ein Leichter auf Grund, mit gewaltigem Druck schoben die Wassermassen alles höher und höher hinauf, bis im Sande festgewühlt, an ein Freikommen nicht mehr zu denken war.
Mühselig war die Arbeit, welche nun begann. Hätten die Anker in dem Wellsand nur Halt finden können, wäre solche in etwas uns erleichtert worden, aber alle Versuche schlugen fehl. Nach Stunden waren wir erst soweit, den »Pfeil« von den an seinen Seiten liegenden Leichtern zu befreien. Bis zum späten Nachmittag wühlten alle Mann unter dem Schiffsboden den Sand hinweg, bis schließlich ein Bett gegraben war, in welchem der Dampfer sich etwas bewegen und sich darauf, ehe noch die Dunkelheit hereinbrach, aus der schlimmen Lage befreien konnte. Trotz der herrschenden Abspannung brachte ich noch lange Leinen vom nun freiliegenden »Pfeil« bis zu den Leichtern, um ohne Aufenthalt am nächsten Morgen mit dem Abschleppen beginnen zu können.
Diese Ausführung meiner Absicht vereitelte aber nochmals der starke Strom, indem, als wir im besten Zuge, einen Leichter bereits freigeschleppt hatten, dieser das Fahrzeug so hin- und hergieren machte, daß kein Halten war und die Fahrstraße, an und für sich eng, bedingte bald ein Berühren des Grundes, so daß die Leine brach, und, ohne es verhindern zu können, der Leichter in einer noch schlechteren Lage zu liegen kam. Beim angestellten Versuche, diesen aus solcher zu befreien, gerieth auch der »Pfeil«, weil dessen Anker nicht halten wollten, mit auf Grund und die schwere Arbeit begann von Neuem.
Von der Holzstation oberhalb Schupanga, wo der »Herald« nach seiner Rückkehr von der ersten Tour Station gemacht, hatte Kapt. Robertson unsere angestellten Versuche, über die Untiefe hinwegzukommen, bemerkt, er sandte auch am anderen Tage ein Boot und ließ bedauern, uns keine Unterstützung bringen zu können, da er in Folge einer Havarie in der Stromschnelle des Ziu-Ziu seine Maschine hatte auseinandernehmen müssen.
In den Vormittagsstunden dieses Tages, als wir bereits einen Leichter wieder frei gemacht hatten, kam auf eine Nachricht hin, die vom »Herald« nach Ntoboa gesandt worden war, Dr. Bumiller mit Unterstützung an; diese frischen Kräfte, der Mannschaft auf den Fahrzeugen an Zahl noch überlegen, förderten das Werk ungemein, und ehe noch am Horizont die Sonne entschwunden, hatten wir wohlbehalten unser Lager erreicht.
Während der Dauer unserer Abwesenheit hatte sich in der Nähe des Lagers ein Vorfall ereignet, der die ganze umwohnende Bevölkerung in Aufregung gebracht hatte. Nämlich das seltene Erscheinen der Krokodile, die von unserer Seite arg verfolgt worden waren, hatte die Eingebornen ihre sonst beobachtete Vorsicht vergessen lassen und sorglos, wie diese Naturkinder sind, hatten sich[S. 60] wieder junge Mädchen beim Wasserholen bis in den Fluß hineingewagt. Diese Unvorsichtigkeit, der so oft schon junge Menschenleben zum Opfer gefallen, wurde hier wieder die Ursache eines Unglücks.
Die Menschenräuber, die mit zäher Ausdauer auf ihre Beute warten, wählen sich so gute Verstecke, daß selbst das scharfe Auge des Negers diese nicht entdeckt und nur dadurch, wenn ein Krokodil zum Athemholen die Nase über Wasser hält, dieses leicht bewegt oder auch ein sehr geringes Geräusch durch Lufteinholen verursacht, wird der Bewohner dieser Flußufer stutzig gemacht, er weiß dann, daß der grimme Feind in der Nähe ist und er meidet solchen Ort, wo das Verderben lauert, dem er machtlos gegenübersteht.
In diesem Falle nun war ein junges Mädchen einem solchen Unthier zur Beute gefallen; kein Jammer half von Seiten der Angehörigen. Mochten auch noch so viele Männer mit Pfeil und Bogen oder alten fast unbrauchbaren Feuerbüchsen dem Unholde auflauern, dieser blieb verschwunden, wenigstens aus dem Bereiche der für ihn eigentlich unschädlichen Waffen. Einen andern Eindruck hatte dieser Vorfall aber auf die im Lager anwesenden Europäer gemacht, fast als wäre die Parole »Tod und Verderben dem Krokodil« ausgegeben worden, so schonungslos wurden diese Thiere zusammengeschossen und namentlich von Seiten des Leutnants Bronsardt von Schellendorf manches getödtete Krokodil ins Lager gebracht.
Wie es der Zufall wollte, schoß auch der Sergeant Eben auf einer Sandbank, unterhalb Ntoboa ein gewaltiges Krokodil, das von den bei solchen Jagden nun stets anwesenden Eingebornen, die stets ein Jubelgeschrei anstimmten, wenn ein Räuber sein Leben lassen mußte, geöffnet wurde und wider Erwarten als das Thier erkannten, welches das junge Mädchen geraubt hatte. Die Beweise dafür waren leicht an den im Magen des Krokodils gefundenen Schmuckstücken, welche das unglückliche Opfer getragen, erbracht. Der glückliche Schütze, konnte sich nun den Dankesbezeugungen der Bewohner kaum entziehen, sie brachten ihm von ihrer geringen Habe alles mögliche zum Geschenk, meistens Eßwaaren, denn wenig mehr haben diese einfachen Kinder der Natur zu geben. Wenigstens wird für lange Zeit die Erinnerung an die hier rastende deutsche Expedition, die einen wahren Vernichtungskrieg gegen den furchtbaren Feind eröffnet hatte, in den Eingebornen lebendig bleiben.
Laut Bestimmung des Majors, der schon am 22. August mit dem ersten Transport, bestehend aus zwei Leichtern und den Stationsbooten, geschleppt vom »Herald« und »Mosquito«, nach dem Schirefluß aufgebrochen war, hatte ich abermals das Kommando im Lager zu übernehmen, sobald auch Dr. Bumiller abgereist sein wird, was am Freitag, den 2. September mit dem von mir[S. 61] heraufgeführten Transport geschehen soll. Der Dampfer »Pfeil« aber unter Kommando von Eltz sollte versuchen, so gut oder schlecht es gehen wollte, der Expedition zu folgen, um später vielleicht noch im tieferen Schirefluß von Diensten sein zu können. Major von Wißmann hatte die Absicht, den vollständig zusammengesetzten Dampfer, trotz aller Schwierigkeiten noch nach einem der Seen zu bringen, nicht aufgegeben und wäre nur, was leider nicht der Fall, das Fahrzeug zerlegbar gewesen, d. h. die Platten mit Schrauben anstatt Nieten aneinander befestigt worden, so hätte diese mit Leichtigkeit ausgeführt werden können und großen Nutzen hätte uns der »Pfeil« gebracht.
Es war am 4. September, dem Geburtstage des Majors, kurz nachdem ich im Lager Apell abgehalten und meine Mannschaft auf 5 Europäer, 42 Soldaten, 21 Bacharias sowie einige Diener festgestellt hatte, als von Misongwe die Nachricht eintraf, daß der »Pfeil« nur mit der größten Schwierigkeit bis zu diesem Orte habe gebracht werden können und in Folge der schweren Anforderungen, welche an die Besatzung gestellt werden mußten, sei diese weggelaufen.
Mich überraschte diese Thatsache nicht, denn so weit ich die Eingebornen beurtheilen konnte, wurden ihnen übermäßig an sie gestellten Anforderungen leicht überdrüssig und sie ließen lieber ihren Lohn im Stich, als dem Europäer noch weiter zu folgen, der sie, ihrer Meinung nach, schlecht behandelte. Einen Ersatz aus den hier vorhandenen Bacharias sollte ich nun stellen — zwar mußten die abgetheilten Leute dem Befehle Folge leisten und nach Misongwe marschiren, aber höchst ungern nur mochten sie gerade an Bord dieses Fahrzeuges Dienste thun.
Es ist eigentlich zu verwundern, daß trotz des in den Dörfern so massenhaft angehäuften feuergefährlichen Materials so selten große Brände entstehen, schon deshalb, da doch in jeder Hütte fast Tag und Nacht Feuer glimmen, die so leicht dazu Anlaß geben könnten. Im Lager war gerade tags zuvor durch die Unvorsichtigkeit der Köche Feuer entstanden, das durch den herrschenden Wind schnell zur wilden Gluth angefacht, die Küche, den angrenzenden Zaun und das Wohnhaus der Diener augenblicklich in Asche gelegt hatte, auch das Dach meines Wohnhauses wurde in Brand gesetzt. Es gelang aber den vereinten Anstrengungen, des Feuers noch Herr zu werden, ehe große persönliche Verluste an Eigenthum entstanden waren.
Ich will hier noch die meteorologischen Verhältnisse dieser Gegend, die gleichzeitig für das weite Zambesibecken Geltung haben können, in ein Gesammtbild zusammenfassen. Die Temperatur in den Monaten Juli bis Oktober ist eine wechselvolle, die Nächte sind empfindlich kalt und der stark fallende Thau, durch eine bedeutende Abkühlung erzeugt, trägt viel zu dieser Kälte mit bei.[S. 62] Bis 12° auch 7° Reaumur fiel das Thermometer, wogegen es in der Tagesgluth bis über 38° Reaumur im Schatten stieg, so daß der starke Wechsel körperlich sehr empfunden wurde und auch gesundheitlich nachtheilige Folgen hatte. Die starken Nebelgebilde steigen erst in den frühen Morgenstunden auf, hüllen alles in einen undurchsichtigen Schleier, bis die Sonnenstrahlen mächtig genug geworden sind, diese Wasserdünste aufzusaugen, dafür aber die Millionen Thautropfen, an den erfrischten Grashalmen, Blüthen und Blätter hängend, wie ebensoviele Diamanten glitzern machen.
Leichte Wolkenbildungen am Horizonte lassen auf die erwähnten Dunstgebilde zurückführen, denn ausnahmslos verschwanden sie wieder, sobald das Tagesgestirn am Himmelsgewölbe seine Strahlen mächtiger entsendete, und im tiefen Azurblau, von Licht durchfluthet, erschien die Atmosphäre. Von Anfang August stellten sich in den Nachmittagsstunden starke südwestliche Winde ein, die durch ihre Stärke, namentlich durch die mitgeführten Staub- und Aschentheile, von Savannenbränden herrührend, höchst unangenehm wurden. Oftmals nahm die Sonne durch die in der Luft schwebenden feinen Staubtheilchen eine gelbe Färbung an, die schon lange vor Untergang in eine blutrothe überging; aber bald vor bald nach dem Sinken der Sonne legte sich auch der Wind und in den ersten Abendstunden herrschte darauf eine überaus wohlthuende Ruhe in der ermatteten Natur.
Die Savannenbrände, von den Eingebornen entzündet, verursachen am Tage mächtige Rauchwolken, die zuweilen die Sonne selbst verdunkeln, am Abend aber zu einem Flammenmeer anwachsen, das Lawinen gleich seine Feuerwogen fortwälzte und für den entfernt stehenden Beobachter zu einer großartigen Erscheinung wird. Wie gewaltige Wachtfeuer ringsum lodert die Gluth, alles vernichtend, was durch die Sonnenhitze ausgedörrt oder abgestorben ist; selbst ausgedehnte Waldbestände fallen der Vernichtung anheim und was schlimmer, der junge Baumwuchs, in seiner Entwickelung gestört, geht ein, sobald nicht ganz besondere Terrainverhältnisse ihn schützen, darum sind auch die weiten Steppen so häufig mit nur verkrüppelten Bäumen hin und wieder bestanden, wo sonst die Bodenverhältnisse doch günstig genug für einen Waldbestand sind.
Auch, was höchst bedauerlich, die Bewohner in der Nähe einer baumreichen Gegend vernichten durch Feuer allmählich ganze Bestände, nur um den ertragreicheren Boden, der von der Sonnengluth noch nicht ausgedörrt worden ist, für ihre Saaten benutzen zu können.
Die so überreiche Üppigkeit der Tropenländer, gefördert durch die regengleichen Niederschläge während der Nächte, bedingt auch, daß schon nach wenig Tagen die Flächen, worüber die Feuerwogen vernichtend hingeeilt sind, in einem neuen grünen Kleid erscheinen und für die Wildheerden deckt die Natur aufs Neue den Tisch.[S. 63] Angelockt durch das schmackhafte junge Grün wagen sich denn auch Büffel und Antilopen in die Nähe menschlicher Wohnungen, und zu solchen Zeiten gelingt es dem Neger häufiger, mehr durch List als durch seine Waffen, der gestellten Thiere habhaft zu werden.
Die Abendstunden im Lager, wenn kühl und erfrischend die Nacht herniedersank, waren häufig der stillen Betrachtung geweiht; oftmals lauschte das Ohr dem Konzert, das die Frösche fern und nah anstimmten und erwachten in späterer Stunde die Stimmen der Natur, dann klangen die Worte des Forschers J. Thomson durch den Sinn, der im Einklang alles gebracht, was an Empfindung die Natur in der Menschenbrust geweckt hat, er sagt: Wenngleich unser Ideal von den Tropenländern in Betreff der allgemeinen Charakterbilder durch weniger glänzendere Ansichten herabgestimmt wird, so wird doch unsere Erwartung in einer Beziehung schier übertroffen. Mögen die Dichter mit Vorliebe bei dem sommerlichen Zwielicht und dem sanftdämmernden Abend der gemäßigten Klimate verweilen und mit Entzücken die wechselnden Farbentöne und die sich leise entfaltenden Reize besingen, so gebe ich doch nach Allem der Dämmerung der Tropenländer den Vorzug mit ihrer unvergleichlichen klaren Atmosphäre und ihrer überaus lieblichen und erfrischenden Kühle, deren wohlthuender Eindruck durch die brennende Hitze und den blendenden Glanz des vorausgegangenen Tages noch erhöht wird.
Das tropische Zwielicht ist allerdings kurz, aber um so reizender. Die längere Wohlthat des Zwielichts der gemäßigten Zone ist hier zusammengedrängt und verstärkt, so daß jeder Sinn entzückt wird. Zu dieser Zeit ertönt die sanfte Stimme des Tepe-Tepe aus den benachbarten Gebüschen, die dumpfe Stimme der Eule und des Frosches dringt an unser Ohr, die Cikaden blasen in ihre hellen Pfeifen zu dem nächtlichen Konzert, wozu das Johanniswürmchen und der kometenartige Leuchtkäfer die Scene erleuchten. Alles dieses fand ich bestätigt auf allen Wegen — sieht man aber das Absterben der Natur und ihr Wiedererwachen, wenn Ströme des Regens nach sengender Gluth auf die Erde niederfließen und neues Leben wie mit einem Zauberschlage wecken, dann wird die Ueberzeugung wachgerufen, daß der jungfräuliche Boden noch für abertausend Wesen Raum und Nahrung hat und jede Arbeit mit reichem Segen lohnen wird.
Die Räumung des Lagers von Ntoboa ging schnell vor sich, nun am zweiten September, Sedanstag, schon der zweite Transport flußaufwärts abgegangen war, auch bestand meine Hauptaufgabe[S. 64] darin, alles bereits zu halten, um bei der Rückkehr des »Herald« ohne Aufenthalt die Leichter beladen zu können. Den Engländern lag nicht minder viel daran, das Lager von Ntoboa aufgebrochen zu sehen, da sie, sobald der letzte Transport bis Pinda gebracht sein würde, nach einer späteren Verfügung des Majors, dort schon zwei Leichter erhalten sollten, mit welchen sie ihre im Anfang Oktober in Chinde eintreffenden Kanonenboote für den Nyassa-See, flußaufwärts zu schaffen gedachten. Aus diesem Grunde schon beschleunigte der »Herald« seine Auf- und Niederfahrt nach Möglichkeit und, als das Schiff am 7. unerwartet zurückkam, wurde alles daran gesetzt, in einigen Tagen zur Abreise fertig zu sein. Nach einem mir gewordenen Befehl sollte ich versuchen, alles noch vorräthige Material zu expediren und das Lager aufzugeben; es sollte hierdurch den Engländern entgegengekommen werden und dieser Transport nach ihrem Wunsch der letzte sein.
Zwar versuchte ich es, Befehl und Wunsch zur Ausführung zu bringen, was bei der Tragfähigkeit der Fahrzeuge nicht schwer war, allein nahm auch der englische Kapitän die sehr tief beladenen Leichter an, so war es doch nicht rathsam, nach den gemachten Erfahrungen damit eine so weite Tour zu unternehmen; bei einem Unfall, der sehr leicht auf solchen unsicheren flachen Flüssen, wo Baumstämme und auch Steine gefährlich werden konnten, passiren konnte, würde mich die Verantwortung getroffen haben, und wäre uns ein Fahrzeug gesunken, der Verlust an Material etc. wäre kaum zu ersetzen gewesen.
Darum ging ich nicht weiter, als die Sicherheit gebot; es war besser, der »Herald« machte noch eine Fahrt, als daß wir durch Uebereilung uns schweren Schaden zufügten, den zu ersetzen die Engländer sich sicherlich nicht verpflichtet gefühlt hätten.
Am 10. früh verließen wir das Lager, wo ich zwei Europäer und zehn Soldaten zur Bewachung zurückgelassen hatte. Unter der kundigen Leitung des englischen Führers, der lange schon mit den Verhältnissen des Flusses vertraut war, erreichten wir noch gegen Abend Misongwe, nach einer mühevollen Fahrt, insofern mühevoll, als verschiedene Male, um über Untiefen hinwegzukommen, alle Mann, ca. 70, in das Wasser und Anker ausbringen mußten, mit deren und des Dampfes Hülfe dann das Hinderniß überwunden wurde.
Misongwe, als Hauptstapelplatz des unteren Zambesi, war zu dieser Zeit nur von einigen holländischen, portugiesischen, vor allem indischen Händlern bewohnt, die ausschließlich mit dem Hinterlande Handelsgeschäfte betrieben und namentlich eingetauschte Erdnüsse, etwas Elfenbein etc. als Ausfuhrartikel zur Küste beförderten; im Uebrigen verspricht dieser Platz für die Zukunft an Bedeutung zu gewinnen, als die fortschreitende Entwickelung des internationalen[S. 65] Handels auf dem Zambesi-Schire, Misongwe zu einem Knotenpunkt erheben wird.
Die Beschaffenheit der Ufer bis zur Mündung des Schire zeigt keine besondere Abweichung, nur daß das Flußbett durch seine Breite eine größere Anhäufung von Sandbänken gestattete und dadurch die Schifffahrt bedeutend behindert wird, auch, namentlich wo enge Fahrstraßen, besonders unter den steilen hohen Ufern, macht der starke Strom ein Vorwärtskommen recht beschwerlich. des Moramballa-Gebirgstocks näher zum Flusse heran, hingegen zur Linken verlieren die Höhenzüge sich in die Ferne, da sie vom Oberlauf des Zambesi an, dessen Ufer sie dort bilden, allmählich zurücktreten.
Der tiefere Schirefluß verursacht an seiner Mündung in den Zambesi eine Anstauung der Sandmassen, so daß es schien, ein Vordringen den Zambesi höher hinauf wäre unmöglich, und thatsächlich können auch in dieser Jahreszeit nur Boote noch die vielen schmalen Fahrrinnen zwischen den Sandbänken passiren. Sicher ist, wäre die Strömung des Schire nicht stark genug, in diesem weiten Gebiet eine Fahrstraße offen zu halten, daß wohl kaum in der regenarmen Zeit ein Dampfer bis hierher vordringen würde.
An der Mündung des Schire liegt die portugiesische Station Schamo; eigentlich nur eine Telegraphenstation und von Bedeutung insofern, als sie den Knotenpunkt zwischen der Drahtlinie Chilomo-Quilimane bildet.
Die Hoffnung, beim Eintritt in den Schire einen besseren Fahrweg zu finden, erwies sich anfänglich als irrig, vielmehr wurde durch zerstreutliegende Felsmassen im Flußbett das Fortkommen erschwert. Es wurde daher vorgezogen, lieber über eine Untiefe von Sand den Weg zu nehmen, als Gefahr zu laufen, an den harten Steinen die Böden unserer Leichter zu durchstoßen, hatten doch die englischen Dampfer gerade hier des öfteren nicht unerhebliche Leckagen erhalten. Das Hinüberwarpen über solche Untiefen verursachte mehrmals längeren Aufenthalt, und wurde es dabei nöthig, daß alle Leute in das Wasser mußten, hatte ich immer aufzupassen, damit keiner zurückblieb, denn in tieferes Wasser gerathen, hätte der starke Strom einen schlechten Schwimmer bald hinweggeführt. Die Verengung der Fahrstraße weiter hinauf bedingte auch eine größere Tiefe und am Fuße der Moramballa-Berge, die bisweilen das Ufer einfaßten, traten uns keine Hindernisse mehr entgegen.
Hier, wo der Fluß zwischen hohen Ufern sich hindurchzwängt, sein Bett rein und tief ist, ging auch die Fahrt schnell von statten; was aber nebenbei einen überaus wohlthuenden Eindruck machte, war die großartige wilde Natur in ihrer imposanten Schönheit, die zur Zeit, wenn die Regengüsse neues Leben gezaubert haben, wahrhaft erhebend wirken muß. Baum und Strauch verdeckt bis[S. 66] zu den Gipfeln der Berge hinauf das zerklüftete Gestein und diese, von Schlingpflanzen durchwoben, lassen schon jetzt erkennen, welch ein Reichthum an Blüthenpracht die Frühlingszeit entfalten wird, auch die tausendfältigen Glockenblumen der Lianen im hohen Ufergebüsch müssen einen herrlichen Anblick abgeben.
Das gegenüberliegende Ufer, aus hartem Sandboden bestehend, fällt streckenweise steil zum Flusse ab und an solchen Stellen haben viele hundert buntgefiederte Vögel sich tiefe Löcher gegraben zum Aufenthalt und Brutstätte. Das Geräusch, welches der herannahende Dampfer verursachte, scheuchte diese Thiere aus ihrer Ruhe auf und in großen Schwärmen umkreisten sie das Schiff, flatterten ängstlich hin und her und gaben durch kreischende Schreie zu erkennen, daß sie um ihre Heimstätten besorgt sind, namentlich, wenn wir ganz dicht unter dem Ufer liefen, machte die vermuthete Gefahr die Vögel rein blind. Weiter den Fluß hinauf, nachdem das Gebirgsterrain passirt ist, bieten die Ufer nicht mehr die gleiche Abwechslung, hingegen sahen wir häufiger die schlanken Stämme der Fächerpalmen, deren Kronen sich stolz im Winde wiegten. In der Nähe von Pinda aber krönte ein lichter Wald die hügeligen Ufer und einen herrlichen Anblick boten die schlanken hohen Stämme, als wären es lauter Säulen von einem grünen Dome überdacht.
Die Insel Pinda, Station der African-Lakes-Comp., wird durch den eigentlichen, jetzt aber wegen Mangel an Wasser unpassirbaren Schirefluß und einem Arme desselben, den sogenannten Ziu-Ziu, gebildet. Letzterer wälzt seine Wassermassen am Zusammenfluß dieser Arme über ein starkes Gefälle und erzeugt dadurch eine rasende Stromschnelle, deren Kraft, als wir die starke Strömung durchschneiden mußten, so groß war, daß sie Schiff und Leichter einfach aus dem Kurse warf und so gegen das gegenüberliegende Ufer preßte, daß es viele Mühe kostete, frei zu kommen. Beim ersten Versuche, diese Stromschnelle zu passiren, geriethen die beladenen Leichter mitsammt dem »Herald« in große Gefahr, der Wirbelstrom riß alles mit sich weg, und gegen das steinige Ufer geschleudert, verlor der »Herald« sein Boot; von einem Leichter flog einer von unseren Soldaten, durch die gewaltige Erschütterung herabgeschleudert, in die gurgelnden Wasser, die den Unglücklichen in die Tiefe zogen und nicht wieder zurückgaben.
Was bei jener ersten Durchfahrt dem »Herald« mißlungen, gelang dem »Mosquito«. So wurde denn beschlossen, daß der »Mosquito« von Pinda bis Port Herald den Transport weiter befördern sollte, hingegen der »Herald« von Ntoboa bis Pinda diese Arbeit vollende.
Nach vielen Mühen und Aufwand großer Kräfte hatte der Major es doch durchgesetzt, seine beladenen Leichter durch die wirbelnde Strömung durchzubringen. Dieses große Risiko aber mochte Herr von Eltz, der bis hierher mit dem »Pfeil« gekommen[S. 67] war und wegen dessen zu großen Tiefgang die Stromschnelle nicht passiren konnte, nicht übernehmen und der folgende Transport wurde, etwas oberhalb der Strömung, ausgeladen und die Lasten dann quer durch die ca. 400 Meter breite Insel nach dem Ziu-Ziu-Arm geschafft. Nach erhaltener Kenntniß dieser Vorgänge hatte ich auch keine Lust, einen Kampf mit den tückischen Wassergeistern aufzunehmen und hielt es für besser, die viel schwierigere Arbeit des Hinüberschleppens nach dem Lager ausführen zu lassen, als die Riskanz zu laufen, einen unersetzlichen Schaden zu erleiden. Demgemäß beauftragte ich den Obersteuermann, der hier das Kommando während meiner Abwesenheit führte, die Arbeiten zu leiten und kehrte schon am 13. September mit dem »Herald« und den beiden leeren Leichtern nach Ntoboa zurück.
An jener Stelle, nicht fern von der Mündung des Schire, wo Felsen und Steine den Fluß und die Passage beengten, glaubte der Führer des »Herald« mit den nur sechs Zoll tiefgehenden Fahrzeugen durchkommen zu können, er wollte die schwierige Ueberfahrt vermeiden; allein das Fahrwasser war zu eng und der dem Schiffe zur Linken befestigte Leichter wurde mit voller Wucht auf einen unter Wasser liegenden großen Felsblock getrieben und blieb unbeweglich sitzen. Zweistündiger schwerer Arbeit bedurfte es, um den Leichter wieder flott zu machen, und wenn auch der Boden etwas stark verbäult worden war, so hatte doch die Güte des Eisenmaterials einem Durchbrechen widerstanden.
Es ist übrigens keine Kleinigkeit, mit dem Strome flußabwärts zu fahren, die Geschwindigkeit wird, namentlich wo Stromschnellen sich gebildet haben, oft so groß, daß es bedeutender Umsicht und Ruhe des Führers bedarf, sein Schiff in der Gewalt zu behalten und den gefährlichen Untiefen rechtzeitig auszuweichen.
Ntoboa am 15. erreicht, ließ ich den Rest der Expedition am selben Tage noch verladen und, zur Abreise bereit, erwartete ich die Rückkehr des »Herald« von der Holzstation.
In dieser Jahreszeit, in welcher die Wasserverhältnisse des Zambesi so schlecht waren, waren auch die Fahrten der beiden Passagierdampfer der African-Lakes-Comp. eingestellt worden und als Transportmittel wurden nur offene Boote verwendet, die, zum Schutze für Europäer, im Hintertheil mit einer Holzbude versehen, allenfalls sehr beschränkten Aufenthalt boten. Aber auf einer beinahe dreiwöchentlichen Tour bis Katunga dem Reisenden eine Qual wurden insofern, als ein solcher nur in liegender Stellung darin Unterkunft finden konnte. Die Besatzung eines solchen Bootes besteht aus 12-16 Mann, die einem Capitao unterstellt ist, sie sind verpflichtet, für geringes Entgelt solche weiten Touren auszuführen, entziehen sich aber öfters durch Desertiren der vereinbarten Abmachung und lassen den Reisenden, der neben seinen schon gezahlten[S. 68] 400 Mark betragenden Reisegeld solche Unannehmlichkeiten mit in den Kauf nehmen muß, auf dem Trocknen sitzen.
Von solcher Mißgunst des Geschickes waren zwei Engländer betroffen worden, die, schon tagelang von ihrer Besatzung verlassen, mit Hülfe ihrer Diener das Boot hatten vorwärts gebracht, bis sie schließlich am 15. das deutsche Lager erreichten und mich dringend um Unterstützung baten. Was die erbetene Hülfe anbetraf, so konnte ich den Engländern nur in der Anwerbung neuer Leute behülflich sein; berief deshalb den Häuptling von Ntoboa in das Lager und ersuchte ihn um Stellung von Leuten, war aber über die überaus hohe Forderung erstaunt, welche der Häuptling, noch dazu zur Hälfte in Baar, sogleich ausgezahlt haben wollte. Einem solchen Ansinnen gegenüber brach ich die Unterhandlung sofort ab, den Engländern rathend, wenn sie nicht ihr Geld wollten los sein, ein gleiches zu thun; die gestellten Leute würden doch nur eine kurze Strecke das Boot flußaufwärts bringen und dann desertiren, vielleicht sie dann in einer noch schlimmeren Lage zurücklassen.
Das Natürlichste war nach einem solchen Mißerfolg, ihnen den Vorschlag zu machen, sich an Kapitän Robertson mit der Bitte um Mitnahme zu wenden, wenigstens so weit, bis ihnen Hülfe werden konnte; indes die für mich nicht überraschende Antwort war, daß solches Mühen vergeblich sein würde, aus dem Grunde, weil ein Engländer dem anderen nur selten eine große Gefälligkeit erweisen wird, das help yourself (hilf dir selber), klingt aus jeder selbst höflichen Abweisung heraus, wenn nicht persönliches Interesse dem Gewährenden anderen Sinnes macht, im Allgemeinen ist der krasse Egoismus Ausschlag gebend. Einen Erfolg versprächen sie sich nur, wenn ich ihr Fürsprecher sein wollte, im anderen Falle müßte die unerhörte Forderung des Häuptlings angenommen werden.
Ich kannte Kapitän Robertson noch zu wenig, um über seine Gesinnung seinen Landsleuten gegenüber urtheilen zu können, setzte aber voraus, daß er als Offizier, sofern es seinen Instruktionen nicht zuwider, Bedrängten seine Hülfe nicht versagen würde und ich hatte mich nicht getäuscht, was mir aber auffiel, war das geringe Entgegenkommen gegen diese beiden Beamten der African-Lakes-Comp. Der Engländer ist eine schwer zugängliche Natur, von der deutschen Gutmüthigkeit besitzt er herzlich wenig, ist er aber einmal aufgethaut, kann er im Umgang wiederum auch sehr angenehm und gefällig sein.
Auf langwierigen und beschwerlichen Expeditionen in das Innere Afrikas hat der Führer immer damit zu rechnen, daß mehr oder weniger die Schaar seiner Gefolgschaft durch Deserteure gelichtet wird, ein Uebelstand, dem er nicht im Stande ist, abzuhelfen und in eine üble Lage gerathen kann, wenn er keinen Ersatz[S. 69] findet. Major von Wißmann hatte sich deshalb, um solcher Eventualität vorzubeugen, von jeher mit ganz fremden Volksstämmen, als Sudanesen, Abessinier, Somali, umgeben, diese fanden von den Eingebornen bei einem Fluchtversuch keine Unterstützung, wurden eher verrathen und setzten sich daher solcher Gefahr schwerlich aus. Anders war es mit der angeworbenen Zulukompagnie, diese Leute, dem Militärdienst abhold, suchten gelegentlich in kleineren Trupps zu entkommen, sie fanden auch überall Stammverwandte (da die Bevölkerung nur eingewanderte Zulustämme), und so blieb eine Verfolgung meistens erfolglos, weil sich kein Verräther fand, den die ausgesetzte Belohnung verlockt hätte.
Bei meiner Rückkehr nach Ntoboa wurde mir die Mittheilung gemacht, daß vier Deserteure in Misongwe von einem Europäer aufgegriffen seien, die er einer Eskorte nach Ueberweisung der ausgesetzten Belohnung ausliefern würde. Meine Pflicht war es, die Leute holen zu lassen und, streng bewacht, mit mir zu führen, bis ich sie ausliefern konnte.
Am 16. früh kam der »Herald« zurück, und während die Leichter längsseit befestigt wurden, ließ ich noch das ganze Lager in Brand stecken. Hell loderte die Gluth empor im weiten Viereck, dem Ungeziefer, das sich so fest eingenistet hatte, kaum einen Ausweg lassend, als Ratten, Mäuse und Schlangen. Letztere, einzelne Prachtexemplare, kamen zischend aus den brennenden Wohnhäusern der Soldaten, wo sie unter deren Kitandas (primitive Bettgestelle) sichere Zuflucht gefunden hatten, hervor, um blitzschnell wieder hinter einer noch stehenden Wand zu verschwinden, bis auch hier das schnell um sich greifende Element sie abermals verjagte. Die Jagd auf die fliehenden Ratten übernahmen die zahlreich in den Lüften schwebenden Raubvögel, und diese Jäger zu beobachten, wie sie manchen erfolgreichen aber auch manchen vergeblichen Stoß auf die Schutz suchende Beute unternahmen, war ein Vergnügen.
Zum Abschied hatte sich fast das ganze Dorf Ntoboa eingefunden. Am hohen Ufer versammelt, sahen die uns vertraut gewordenen Bewohner den Vorbereitungen zu und, als langsam die Fahrzeuge vom Ufer sich lösten, riefen sie uns ihren Abschiedsgruß zu, begleitet von Händeklatschen. Die Stätte aber, jetzt in Feuer und Rauch gehüllt, wo ich so lange gestrebt und gewirkt hatte, wird bald wieder durch das üppig emporschießende Gras und Kraut unkenntlich gemacht sein, die Termieten werden wieder in Frieden ihre Hügel aufbauen können, und sollte nach langer Zeit einer von uns diese Stätte wieder suchen, würde es eines guten Orientirungssinnes bedürfen, sie aufzufinden, sofern sie nicht von der zu Zeiten hochschwellenden Fluth des Zambesi bereits verschlungen ist.
Im Verlaufe dieser letzten Reise nach Pinda ist nichts Besonderes zu bemerken; schon aus dem Grunde wurden die bekannten[S. 70] Hindernisse schnell überwunden, als die Fahrzeuge, nur leicht beladen, das Fortkommen des »Herald« wenig behinderten. Weit über Misongwe hinausgekommen, rasteten wir für die erste Nacht an einer öden Stelle des linken Flußufers und, wie immer auf der Fahrt, konnten die Leute erst Abends abkochen; bei dieser Gelegenheit nun, als die Dunkelheit längst hereingebrochen war, gelang es den vier unter Aufsicht eines Postens stehenden Zulus, als dessen Aufmerksamkeit durch eine kleine Streiterei unter den Suaheli für einen Augenblick von ihnen abgelenkt wurde, dem ringsum hohen Grase sich zu nähern und plötzlich darin zu verschwinden. Der gleich darauf fallende Alarmschuß brachte alles in Bewegung und eine wilde Verfolgung begann. Aber sei es, daß die schnellfüßigen Zulus ihre Verfolger in der Dunkelheit zu täuschen wußten oder, schneller als diese, ihnen entgingen, keiner wurde von den Zurückkehrenden eingebracht, sogar Nachzügler mußten erst durch die zum Sammeln blasende Trompete herbeigerufen werden, da solche sich in der weglosen Grassteppe verlaufen hatten.
Der Grund zu dieser nochmaligen riskanten Flucht war wohl vornehmlich die Furcht vor der zu erwartenden Strafe, die freilich nun bei einem abermaligen Abfassen nicht allzu gering ausgefallen wäre und wohl haben die Flüchtlinge bis zur gänzlichen Erschöpfung, geschützt durch die Dunkelheit, ihre verzweifelte Flucht fortgesetzt.
In Pinda nach einer schnellen Reise angelangt, hatte ich laut Befehl die beiden Leichter, sobald dieselben entlöscht waren, dem Führer des »Herald« zu übergeben, mit welchen derselbe auch nach kurzem Aufenthalt seine Rückreise nach Chinde antrat.
Inzwischen waren von Port Herald die ersten vom Major von Wißmann dorthin gebrachten Leichter zurückgekehrt, auch zum Theil vom Obersteuermann schon beladen. Nach dem Herüberschaffen des letzten Transportes vom Anlegeplatz nach unserm provisorischen Lager, wobei zum ersten Male die mitgeführten zweirädigen Karren uns gute Dienste leisteten, ließ ich die Fahrzeuge noch mit den werthvollsten Schiffstheilen fertig laden und führte darauf diesen Transport mit Hülfe von etwa vierzig Eingebornen den Ziu-Ziu-Arm hinauf bis zur nächsten Stromschnelle, oberhalb welcher der »Mosquito« wartete. Des starken Stromes wegen mußten die Leichter von den Leuten an langen Leinen gezogen werden, was durch die vielen Gebüsche, welche die Uferwand krönten, eine langwierige schwere Arbeit war, abgesehen davon, daß flache Stellen im Flusse, deren Umgehung nothwendig, nicht minder zeitraubend und schwierig. Der etwa nur drei Kilometer lange Weg konnte somit erst nach vielen Stunden angestrengtester Thätigkeit zurückgelegt werden.
Pinda als Station ist von nur geringer Bedeutung, einzig als ein Uebergangspunkt zu betrachten, welchen hier die Nothwendigkeit[S. 71] errichten ließ, zumal die Stromverhältnisse des Schire in dieser Gegend gerade eine eigenthümliche Beschaffenheit aufweisen. Ein weites Gebiet, von verschiedenen Armen durchzogen, vertheilen die Wassermassen des Flusses, sodaß in der trockenen Jahreszeit von einem eigentlichen Schirefluß hier keine Rede sein kann; die Fahrstraße, welche diese Bezeichnung verdient, war versandet und unpassirbar.
So vielen Veränderungen unterworfen, läßt sich kaum mit Bestimmtheit sagen, welchen Weg die nächste Hochwasserfluth einschlagen wird, irgend ein Arm kann durch unbekannte Zufälle von der Fluth gewählt werden, der durch die starke Strömung schnell vertieft, dann als Schirefluß betrachtet werden muß. Illusorisch wird die Pinda-Station, sobald dieser Fall eintritt, ihre Lage aber auch durch das rapide Anwachsen der Wassermassen sehr gefährdet, da nicht selten die ganze Insel überschwemmt und ein rechtzeitiges Verlassen des einsamen Blockhauses für die Bewohner zur Nothwendigkeit wird. Soweit ich gehört, soll die ganze Insel im Januar 1893 von der furchtbaren Strömung weggeschwemmt worden sein und der Fluß ein neues Bett sich gegraben haben, wenigstens fand ich bei meiner Rückkehr eine ganz veränderte Fahrstraße vor; auch nimmt es keinem Wunder, wer die gewaltige Kraft fließender Wassermassen zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, daß solche Veränderungen hier in der Wildniß stattfinden können.
Um noch einmal unseres Schleppdampfers »Pfeil« hier zu erwähnen, so hatte dessen Thätigkeit für uns bereits in Ntoboa aufgehört; derselbe, bis Pinda gebracht, war für denselben das Passiren der Stromschnelle unmöglich und, nach vergeblichen Versuchen, sich doch noch durch den nächsten flachen Arm des Schire hindurchzuwinden, hatte der Dampfer sich so festgerannt, daß an ein Zurück bis zur nächsten Hochfluth nicht mehr zu denken war. Major von Wißmann, durch triftige Gründe veranlaßt, verzichtete später ganz auf den »Pfeil« und dies um so eher, als sich die Hinüberschaffung des schweren Körpers auf den ausgewaschenen Wegen des Schiregebirges, nach dem oberen Schirefluß, als eine pure Unmöglichkeit erwiesen hatte.
War auch die Stromschnelle, bis wohin ich die beiden Leichter am Abend des 20. September hatte schaffen lassen, nicht so gefährlich und reißend wie die untere, machte doch das Hinüberbringen der Fahrzeuge oberhalb der starken Strömung von einem Ufer zum anderen sehr viel Mühe. An langen Leinen von einem Ufer abgefiert, an dem anderen eingeholt, und dieses über eine Flußbreite von etwa 450 Meter, galt es dazu jeden Leichter von den gefährlichen Untiefen fernzuhalten. Als die Ueberführung vollendet, war ich durch das viele Zurufen und Schreien so heiser geworden, daß ich kaum noch ein Wort hervorbringen konnte. Veranlassung dazu gab die stupide Gleichgültigkeit der Eingebornen,[S. 72] die, wenn sie nicht angetrieben wurden, mit größter Seelenruhe zusehen konnten, wie ein Fahrzeug Gefahr lief, verloren zu gehen. Nur je ein Europäer war auf den Leichtern, die dazu sich mit den Leuten nicht verständigen konnten, und ich froh war, als nach vierstündiger Arbeit das englische Schiff erreicht wurde.
Für die späteren Transporte hielt es der englische Führer, Kapitän Nuott, auch für angemessen unter dem rechten Ufer sein Schiff hinzulegen, damit wenigstens die Ueberführung der Fahrzeuge oberhalb der gefährlichen Stromschnelle nicht mehr nöthig würde, auch schon aus dem Grunde, als nicht immer eine umsichtige Leitung dabei sein und dadurch einen Verlust verhindern konnte.
Die Weiterfahrt des »Mosquito« gegen den starken Strom, in dem zuweilen kanalartigen Flußbette gestaltete sich zu einer überaus schwierigen. Oft, wenn die Strömung zu stark, die gegenarbeitende Maschinenkraft nicht mächtig genug war, diese zu überwinden, wurden die Fahrzeuge vom Strome seitwärts gedrängt und, um dann eine Katastrophe zu verhindern, mußten sofort die Anker fallen gelassen werden, bis dadurch die Steuerfähigkeit wieder hergestellt, schließlich ein Ueberwinden der wirbelnden Wassermassen möglich wurde. Indes im Laufe des ersten Tages waren diese Schwierigkeiten überwunden. Darauf in einem schmaleren, doch von Hindernissen freiem Bette, ging die Fahrt flußaufwärts gut von statten; zwischen ziemlich hohen, häufig steilen Ufern, deren Böschung mit Rohrried und langem Gras bewachsen war, sodaß die üppig emporgeschossenen Pflanzen selten nur einen Einblick in die dahinter liegenden Landflächen gestatteten, hinziehend, erreichten wir eine zu beiden Seiten des Flusses sich ausdehnende Grassteppe. Mit der Bezeichnung Moramballa-Marsch hat man diese weite Ebene, den Tummelplatz fast aller im zentralen Afrika lebenden größeren Thiere, die rechte Benennung gegeben. Nichts als Rohr und Gras, kein Baum noch Strauch bringt irgend welche Abwechslung in diese Einöde, soweit auch das Auge schweifen mag, bis zum Fuße der fernen Berge, dasselbe Einerlei.
Zu Zeiten des Hochwassers wird die wenig über dem Niveau des Flusses liegende Grasebene in einen weiten See und Sumpf verwandelt; tiefe Gräben durch die Uferwand gebrochen, leiten als natürliche Kanäle die Wassermassen beim Fallen des Flusses wieder ab, und verjüngt sprießt aus dem fruchtbaren Boden die überreiche Vegetation empor, ein grüner Tisch anfänglich, den die Natur mit vorsorgender Hand für ihre Wesen gedeckt hat.
Die Ufer zur Linken, meistens höher gelegen, und mit hohem Gesträuch oft so bedeckt, daß dieses weit überhängend mit seinen Zweigen bis auf den Wasserspiegel reicht und es unmöglich wird, durch die zahllosen Schlingpflanzen, Winden, Lianen etc., die alles wie ein dichtes Gewebe verbinden, hindurchzudringen. Tausende[S. 73] weiße, blaue und rothe Blüthen in reicher Pracht zieren die grüne Wand, zwischen denen an den äußersten Spitzen der ruthenartigen Zweige der goldgelbe Webervogel sein eigenthümliches Nest erbaut hat, das, wie an einem Faden hängend, vom Winde bewegt über dem Wasser schwebt.
Durch das Geräusch des vorbeikeuchenden Dampfers werden aus diesem dichten Gebüsch häufig silbergraue Vögel, die in behaglicher Ruhe im kühlen Schatten wahrhaft herrlicher Lauben weilten, erschreckt und aufgescheucht und nur wenige Schritte vom Leichter entfernt, flattern sie auf, kaum wissend, wohin sich wenden, wenn ihnen der Weg zur eiligen Flucht abgeschnitten erscheint.
Die Annahme, daß in dieser blühenden Pracht eitel Friede zu herrschen scheint, wird schon widerlegt, wenn man aufmerksam den in hohen Lüften kreisenden Raubvögeln zuschaut. Bald schießt pfeilgeschwind der Beherrscher der Lüfte zur Erde nieder, um sofort sich wieder zu heben und in seinen scharfen Krallen die Beute zu entführen; allein diese wird ihm, weniger von Seinesgleichen, als von einem anderen Feinde, streitig gemacht. Ein heißer Kampf beginnt, kreischende Schreie, niederflatternde Federn, zeugen von der Erbitterung, mit welcher gekämpft wird, und fast immer muß der Jäger seine Beute fahren lassen, um den wüthenden Angriffen des Feindes sich erwehren zu können. Neugierig, welche Waffen dem schwächeren Angreifer von der Natur gegeben sind, womit er im Stande ist, den adlerartigen größeren Raubvogel zu besiegen und in die Flucht zu jagen, schoß ich zwei dieser Kämpfer aus der Luft herunter und fand, daß der Gegner an den Flügelknochen einen etwa 1-1/2 Centimeter langen nadelspitzen Auswuchs hatte, mit welchem er leicht tiefe Wunden dem Stärkeren beibringen konnte.
Vom hohen Deck des »Mosquito« zuweilen über die Ufergebüsche wegschauend, erblickten wir mitunter friedlich grasende Wasserböcke und Zebras; furchtlos äugten diese stattlichen Thiere zu uns herüber, und machte sie auch der Knall eines Gewehres stutzen, so wußten sie in ihrer Sicherheit doch noch nicht, wie vernichtend die treffende Kugel wirken konnte.
Oberhalb dieser weiten Grassteppe, auf dem nun allmählich ansteigenden Terrain, änderte sich die Scenerie; Baum und Sträucher, untermischt mit menschlichen Wohnstätten, hin und wieder am Ufer kleine Bananenanpflanzungen, gaben der Landschaft einen etwas freundlicheren Anstrich. An dieser Scheidegrenze einer fruchtbareren Gegend und der ungeheuren Steppe, sahen wir auch zu unserer Linken den hier errichteten Grenzpfahl. Die an demselben befestigte Tafel besagt in englischer Sprache, daß flußabwärts portugiesisches, flußaufwärts englisches Gebiet zu finden sei. — Unauffällig wie dieses einem Beobachter auch erscheinen mag, frägt man sich doch unwillkürlich, was soll wohl Portugal mit der viele Meilen umfassenden Grassteppe machen, die sich fast quer durch[S. 74] das Land bis zum Zambesi-Fluß erstreckt und wie erwähnt, zur Regenzeit nur einen weiten Sumpf bildet; eine Heimstätte wilder Thiere zwar, doch für menschlichen Aufenthalt völlig ungeeignet! — Englische Politik hat auch hier wieder den Beweis geliefert, daß Nehmen praktischer ist als Geben und das schwache Portugal muß seinem mächtigen Konkurrenten, übertrumpft durch erzwungene Verträge, weite Landstrecken überlassen, auf denen England unbehindert große Thätigkeit entfalten, auch wie überall die Fahrstraßen in seiner Hand behalten kann, die zu entwickelungsfähigen Ländern führen und, wenn es aus politischen Gründen belieben sollte, den internationalen Verkehr verschließen kann.
Etwa 500 Meter flußaufwärts von dieser Grenze liegt am anderen Ufer die portugiesische Zollstation. Gleich wie die Grashäuser europäischer Ansiedler in diesem Lande, ist auch diese Station ebenso primitiv erbaut, und bedeutete nicht die wehende Flagge, daß solcher Bau ein Staatsgebäude ist, würde es seines Aussehens halber kaum Beachtung finden. Zwecks einer Zollrevision und Ausfertigung von Papieren hatten wir hier anzulegen.
So kurz der Aufenthalt bei dieser Zollstation auch war, bot sich mir doch Gelegenheit, das Fell einer 13 Fuß langen Wasserschlange, die von den Eingebornen erlegt und abgeledert wurde, zu erstehen. Der Umfang dieses höchst gefährlichen Reptils betrug durchschnittlich einen Fuß und, abgesehen von dessen giftigem Biß, soll solch ein Thier die Knochen eines Menschen mit Leichtigkeit zerbrechen können. Das Fell, vollständig mit Fischschuppen besetzt, die auf dem Rücken ganz klein, allmählich bis zum Bauch die Größe eines Fünfpfennigstückes annehmen, haben oben eine schwarzbraune Färbung, wohingegen die Schuppen nach unten ins Gelblich-weiße übergehen. Nur zwei Exemplare gleicher Größe habe ich gesehen, sonst aber dieses Thier in seiner Freiheit zu beobachten weiter keine Gelegenheit gehabt, da es höchst wahrscheinlich nur dort sich aufhält, wo die Wildniß seine Lebensbedürfnisse befriedigen kann und das wäre hier in dem Moramballa-Marsch.
Als besonders auffällig war für mich weiter flußaufwärts an der linken Seite die Anlage einer Reihe neuer Dörfer am Flußufer; eine Erklärung dafür kann nur gegeben werden, wenn die Behauptung, daß eine beständige Auswanderung portugiesischer Untertanen nach englischem Gebiet stattfindet, sich als richtig erweist. Ein triftiger Grund dazu wäre die Ausbeutung der Eingebornen durch die portugiesischen Mischlinge, die in der Eigenschaft als Beamte, schlecht oder gar nicht besoldet, diesen Ausfall durch Erhebung doppelter Steuern zu decken suchen; mithin könnte man es den Bewohnern dieses Distrikts nicht verdenken, wenn sie sich auf fremdes Gebiet niederlassen und unter einer geordneteren Verwaltung das ihnen zugewiesene Land bebauen. Eine Kopfsteuer[S. 75] erläßt der Engländer ihnen zwar auch nicht, der Gefahr aber, mehr zahlen zu sollen, sind sie doch überhoben.
Etwas höher den Fluß hinauf passirten wir das große Dorf Tomba, das an Ausdehnung das größte, welches ich an den Ufern des Zambesi und Schire, mit Ausnahme vielleicht von Misongwe, gesehen habe. Auch hier bestätigte die Aufführung einer beträchtlichen Anzahl neuer Hütten, daß es an regem Zuzug nicht gefehlt hat. Und nach der Zahl der Bewohner zu urtheilen, die, wie überall, durch eine fremdartige Erscheinung angelockt, zu Haufen an dem Ufer sich versammelten, war die Einwohnerzahl eine sehr beträchtliche.
In den Tropenländern veranlaßt die immer üppig blühende Natur den flüchtigen Beobachter zu der Annahme, daß ein Wechsel der Jahreszeiten eigentlich an der Pflanzenwelt spurlos vorübergehe; allein lebt man längere Zeit in den Tropen, wird eine solche hinfällig, da man in sehr vielen Fällen einen Erneuerungsprozeß beobachten und das Absterben der Natur als Winterperiode bezeichnen kann. Es sind nur Schmarotzer und Schlingpflanzen, die ein immergrünes Kleid tragen und durch ihren Blüthenreichthum diese Erscheinung verdecken, darum, so kurze Zeit ein solcher Uebergang auch währt, kann man ihn doch als eine Ruhe und Erholungspause betrachten, in welcher die Pflanzenwelt neue Kraft und Säfte sammelt, die der Regen dann zur reichsten Entfaltung bringt.
Noch abwechslungsreicher gestalten sich weiterhin die Ufer des Schire, bald hoch, bald Senkungen zeigend, die naturgemäß einer Ueberschwemmung ausgesetzt waren. Hier hat sich der Fluß durch langwelliges Terrain den Weg gebahnt, das von den sogenannten Port Herald-Bergen ausgehend, bis in diese Ebene seine Fortsetzung gefunden hat.
Am nächstfolgenden Tage wurde Port Herald erreicht, das, wollte man aus der Benennung dieses Ortes einen Schluß ziehen, eine Art Hafen vorstellen könnte; indes dergleichen Anlagen waren nicht vorhanden, auch in nichts von anderen Uferstellen abweichend — und nur landeinwärts erblickte man die primitiven Gouvernementsgebäude, die alle auf Pfeiler erbaut sind, hoch genug, um bei einer Ueberschwemmung dieses Terrains vom Wasser möglichst verschont zu bleiben. Nur am Ufer ist eine Art Warte, worin ein beständiger Posten stationiert war, der das Passiren eines jeden Bootes zu verhindern hatte und jedes zum Anlegen, wenn nöthig, zwingen mußte, bis es untersucht und einen Freipaß zur Weiterfahrt erhalten hatte. Hier, wo nun ein Sammelpunkt des ganzen Transportes gedacht war, hatte Major von Wißmann etwas weit zurück ein offenes Lager erbauen lassen, das während seines kurzen Aufenthalts den Anforderungen entsprach, jedoch einer bedeutenden Erweiterung bedurfte, sollte es für den Haupttransport genügend sein.
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Durch das langsame Vordringen der Expedition in seinen Plänen behindert, hatte Major von Wißmann den Beschluß gefaßt, sich von dem Transport zu trennen und vorauszueilen, um für geeignete Lagerplätze und sonstige Hilfsmittel, die das Fortkommen fördern sollten, zu sorgen. In diesem Sinne wurde eine Militärexpedition und eine Transportexpedition gebildet, erstere bestehend aus der gesammten Militärmacht, mit Abzug der benöthigten Schutztruppe für den Transport, etwa fünfzig Soldaten, und neben Dr. Bumiller als Adjutanten, aus Leutnant Bronsart v. Schellendorf, Proviantmeister de la Fremoire und Illich nebst den drei Sergeanten Bauer, Krause und Eben. Als Führer der Transportexpedition war Freiherr von Eltz später ernannt und ich ihm mit dem gesammten Schiffs- und Handwerkerpersonal beigegeben worden. Dr. Röver und Maler Franke, die anfänglich noch zur Vorexpedition gehörten, hatten sich, nachdem der Major das Schiregebirge überschritten, dem Transport anzuschließen, da es namentlich für den einzigen Arzt angebrachter schien, bei der größeren Anzahl Europäer zu verbleiben.
Nach meiner Ankunft in Port Herald und Uebernahme des Kommandos verließ von Eltz bald darauf das Lager, um gemäß einer Bestimmung des Majors denselben nach Chilomo zu folgen, wo eine Entscheidung über die Führung des Transportes und über den Führer getroffen werden sollte, mir aber lag es ob, nach der Zurücksendung der entlöschten Leichter das Lager zum Theil umzubauen und wie ich es in Ntoboa gethan, vollständig durch eine Schutzwand abzuschließen. Durch die Bereitwilligkeit des englischen Beamten Mr. Piel wurden mir zur Ausführung dieser Arbeit die benöthigten Kräfte gestellt und das Material zum Bau der Häuser in nächster Nähe findend, gelang es mit dem guten Willen der Eingeborenen die ganze Arbeit in fünf Tagen zu vollenden. Das Eine hatte ich mir zum Prinzip gemacht, worauf ich auch streng geachtet, daß die Eingeborenen gut behandelt wurden, vor allem gegen dieselben keine ungerechten Ausschreitungen vorfielen, darum auch stellte ich nur solche Europäer an, von denen keine Uebereilung zu erwarten war. Der Neger, in solchem Punkte empfindlich, entzieht sich seiner Verpflichtung und man hat nur den Schaden und das Nachsehen, im anderen Falle aber ist er willig, und liegt es dann an dem Europäer denselben zur Arbeit anzuhalten.
Weitere Transportmittel, als die beiden Leichter, die zwischen Pinda und Port Herald nun die Heranschaffung des Materials mit Unterstützung des »Mosquito« zu bewerkstelligen hatten, standen uns nicht zur Verfügung; auch was wir über die Wasserverhältnisse des Schire oberhalb Port Herald in Erfahrung gebracht, lautete nicht günstig, sofern von nun an nur leicht beladene Fahrzeuge im Stande sein sollten weiter vorzudringen. So lag es denn[S. 77] nahe, den Plan mit der Feldeisenbahn vorzunehmen, die wir von der Küste mit herauf gebracht hatten, näher in Erwägung zu ziehen, der auch sicher sehr viel für sich hatte, als alles Material zu gleicher Zeit fortgeschafft werden konnte, wenn nur die Frage, woher so viele Arbeitskräfte nehmen, eine befriedigende Lösung gefunden hätte. Von Seiten der englischen Beamten, des Administrators Mr. Steavenson und Piel, wurde uns zu diesem Zwecke die möglichste Unterstützung zugesagt, indes ihr Einfluß reichte auch nicht so weit die umwohnenden Häuptlinge durch ein Gebot zur Stellung einer bestimmten Anzahl Leute zu verpflichten und nach einer einberufenen Versammlung war es klar, daß wir auf nicht mehr als zweihundert Mann würden rechnen können. Dieses unerwartete Ergebniß war darauf zurückzuführen, daß die Eingeborenen sich bereits anschickten ihre Felder zu bestellen; der gemachte Einwand, diese Arbeit besorgten doch ihre Frauen, die Männer aber thäten das Wenigste dabei, fruchtete indes wenig, und anstatt der benöthigten fünfhundert Mann konnte nicht mehr als die bezeichnete kleine Zahl erlangt werden.
Im Allgemeinen war in dieser Jahreszeit die Arbeiterfrage eine schwierige, überall längs dem ganzen Schiregebiet; selbst Major v. Wißmann mußte sich aus diesem Grunde Beschränkungen auferlegen; seine Absicht, der Transportexpedition nach Möglichkeit Unterstützung zu senden, scheiterte gleichfalls.
Bevor nun die Transportfrage mit der Feldeisenbahn endgültig entschieden werden sollte, wollte von Eltz nach seiner Rückkehr und nachdem das gesammte Material von Pinda heraufgeschafft worden war, erst mit den Leichtern einen Transport bis Chilomo, wo der Major eine Hauptstation errichtet hatte, führen, um sich über die Wasserverhältnisse des Flusses genau zu orientiren, da eventuell von der Aufstellung der Bahn Abstand genommen werden könnte, wenn entgegen den Behauptungen, diese sich als besser erweisen würden. Allein die am 7. Oktober flußaufwärts bestimmten Leichter fanden eine kurze Strecke oberhalb Port Herald schon eine für die nur mittelmäßig beladenen Fahrzeuge unpassirbare Untiefe, sodaß es nöthig wurde, einen Leichter zurückzusenden, der entlöscht, den zweiten dann entlastete und die Fahrt fortgesetzt werden konnte.
Auf diese Nachricht hin, daß doch ein Fortkommen zu Wasser große Schwierigkeiten bieten wird, wurde in einer Unterredung mit von Eltz, bis zu dessen Lagerplatz ich am selben Tage noch geeilt war, beschlossen, trotz der geringen Mannschaft die uns zur Verfügung stehen würde, die Feldeisenbahn aufzustellen und schon am nächsten Tage ließ ich mit der Zusammensetzung des 400 Meter langen Schienengeleises beginnen. Den ganzen Schiffskörper, sowie die Feldbahn hatten wir im offenen Felde nahe dem Ufer gelagert, aus dem Grunde, weil das Transportiren so vieler schwerer[S. 78] Eisentheile nach dem entfernten Lager bedeutenden Kraftaufwand erfordert hätte, auch lag hier das Material, unter beständiger Aufsicht eines Wachtpostens gestellt, völlig sicher. Erforderlich wurde nun, da die Aufstellung der Bahn in der Nähe dieses Ortes vorgenommen werden mußte, zum Schutze der Europäer gegen die glühenden Sonnenstrahlen ein Schutzdach zu errichten unter welchem hindurch das Geleise bis zum Lager geführt, und hier im Schatten die Zusammensetzung der 32 Wagen beendet werden konnte. —
Gelegentlich bei der Vollendung eines für das Gouvernement fertig gestellten Hauses bot sich uns Gelegenheit den Tänzen der Eingeborenen, namentlich der am Bau betheiligt gewesenen, zuzuschauen. Und um der Sache mehr Effekt zu geben, luden die englischen Beamten die Dorfältesten ein, auf dem freien Raume inmitten des Häuserkomplexes ihre Festlichkeit abhalten zu wollen, mit der Zusicherung, daß ihnen dazu reichlich Pombe, einheimisches Bier geliefert werden sollte. Was an jedem Abend in den Dörfern, bei Mondenschein, selbst Nächte hindurch, im kleineren Maaße aufgeführt wurde, sollte hier einen etwas großartigeren Anstrich gewähren und wahrlich auf einen Zuschauer machte die eigenartige Scenerie einen wirksamen Eindruck.
Ein Nachtlager bei Granada könnte ich fast die bei Feuerschein und hellem Mondenlicht im weiten Kreise lagernde Versammlung bezeichnen, so pittoresk durcheinander lagen und hockten die schwarzen, nackten Gestalten. Die Feuer durch immer neue Zufuhr von trockenem Rohr häufig zur hellen Gluth angefacht, warfen über alle ihren rothen Schein, um zusammensinkend, diesem Schatten Platz zu machen. Die Häuptlinge und Aeltesten hatten, auf Matten sitzend, den engen Kreis der durch die Frauen und Mädchen gebildet wurde, geschlossen, zur Linken aber die Europäer auf herbeigebrachten Stühlen oder Kisten Platz genommen. Selbstverständlich war das versprochene Bier schon aufgefahren worden, und die stattliche Anzahl großer irdener Töpfe zeigten bald eine bedenkliche Leere und zeugten davon, daß die Zecher von dem gespendeten Trank den ausgiebigsten Gebrauch zu machen verstanden; weniger betheiligten sich die Europäer daran, nur, wenn eine junge Maid mit tiefem Knicks einen Trunk kredenzte, wurde derselben ein solcher nicht abgeschlagen, im Uebrigen begnügten wir uns mit einem Gläschen Schottisch-Whisky, dessen scharfer Geschmack durch Wasser gemildert wurde.
Der Tanz, ausschließlich nur von Frauen ausgeführt, begann mit einem kleinen Reigen nach dem Takte eines eintönigen Gesanges und begleitet durch Händeklatschen. Ein Dutzend Frauen dicht aufgeschlossen, bewegen sich im Kreise um die Vorsängerin und schlagen gleichmäßig mit Händen und Füßen den Takt zu dem Refrain, der von allen gesungen wird. Bald aber aufgemuntert durch die lobenden Zurufe der in großer Zahl versammelten[S. 79] Männer, vermehrt sich die Zahl der Tanzenden bis alle anwesenden Frauen theilgenommen haben. Allmählich geht der Tanz zu rascheren Bewegungen über; das tiefe Neigen der Körper, das Wiegen in den Hüften, das gleichmäßige Vor- und Rückwärtsschreiten, mit einer Präzisität ausgeführt, als geschähe alles nach Kommando, dazu das Stampfen mit den Füßen, die um die Knöchel mit Messingringe als Schmuck beschwert sind, wodurch ein eigenthümliches Rasseln verursacht wird, giebt dem Beobachter die Ueberzeugung, daß zu solcher Fertigkeit nicht nur ungewöhnliche Uebung gehört, sondern die eigentlich unharmonischen Gesänge mit diesen Bewegungen in Einklang gebracht sind.
Mehr und mehr giebt sich bei den Tanzenden eine Art Erregtheit kund, namentlich wenn sie durch Pantomimen ein Liebesspiel darstellen wollen, das durch schnelle Bewegungen der einzelnen Paare, durch rasches Abwenden von einander und wieder dichtes Aufschließen ermüdend wirken muß, aber nicht eher ist ein solcher Tanz beendet, als bis alle Zeichen völliger Ermattung zeigen. Tritt eine Vorsängerin ab, nimmt eine andere sofort deren Platz ein und je nach dem aus dem Stegreif hergesagten Text werden die Körperbewegungen lebhafter oder langsamer.
Schließlich in Schweiß gebadet, sodaß die schwarzbraune Haut im Feuerschein glänzend erscheint, werden die scharfen Ausdünstungen der Körper für das empfindliche Geruchsorgan des Europäers lästig, sofern nicht schon der durch das fortwährende Stampfen erzeugte Staub den Weißen den Rückzug antreten ließ. Wie empfindungslos und abgehärtet bereits die Säuglinge sein müssen, erhellt daraus, daß auf dem Rücken der Mütter in einem Tragetuch gebunden, das gleicherzeit auch die ganze Bekleidung der Frau ausmacht, bei all den raschen Bewegungen, die solch ein Tanz erfordert, in guter Ruhe schliefen; ob der Kopf des Kindes auch bald rechts bald links zu liegen kam, oder fortwährend, oft nicht unsanft, hin- und hergeworfen wurde, das störte die kleinen Schläfer nicht. Uebrigens bei allen Arbeiten, welche die Frau in Feld oder Hütte zu verrichten hat, trägt sie das Kind in dieser Weise mit sich und die Natur muß wirklich den Schädel des Negers ungemein dick und fest gebildet haben, sonst könnte nicht schon ein nur wenige Tage altes Kind den glühenden Strahlen der Sonne ohne jede Bedeckung ausgesetzt werden können; einer Sonnengluth die unfehlbar den Tod eines Europäers herbeiführen würde, wollte er sich auch nur kurze Zeit ohne Kopfbedeckung derselben aussetzen.
Eine besondere Beachtung verdient noch das devote Benehmen der Frauen den Männern gegenüber, diese knieten jedesmal besonders vor dem Höherstehenden, bei Ueberreichung eines Trunkes nieder und verharrten in dieser Stellung solange, bis ihnen das Gefäß zurückgegeben wurde und dann sich noch verneigend,[S. 80] bezeugten sie durch Füßescharren ihre Reverenz. Mit nur geringen Unterbrechungen wurden die Tänze fortgesetzt; die späte Stunde, die zur Ruhe mahnen sollte, kennt der Eingeborene nicht, vielmehr so lange nicht die Pombetöpfe geleert oder Trunkenheit ihn umsinken macht, wird bei Tanz und Ngomaschlag (Trommelschlag) oft bis zum frühen Morgen Singsang und Trinken fortgesetzt. Es ruft ihn ja auch keine Pflicht noch Arbeit, und sorgenlos kann er in seiner Hütte den Tag verschlafen, und, wenn der Vorrath reicht, am Abend wiederum das Gelage fortsetzen.
Die Tage im Anfang des Oktobers waren hier fürchterlich heiß, es war als wenn die Atmosphäre ein glühender Ofen wäre. Aus Rücksicht auf die Gesundheit der Europäer ließ ich oft mit der Arbeit schon um 10 Uhr Morgens aufhören und erst um 3 Uhr Nachmittags wieder beginnen, denn selbst im Schatten erschlaffte der Körper dermaßen, daß es zu einem Gebot der Nothwendigkeit wurde, durch Ruhe neue Kräfte zu sammeln. Wenige Tage nur dauerte diese ausnahmsweise glühende und trockene Hitze; eine Veränderung und Abkühlung mußte in Kürze erfolgen, worauf auch die Wolkenbildungen am Abend schließen ließen, die sich aber immer wieder vertheilten; bis urplötzlich eines Nachmittags von verheerendem Sturm getrieben, das Unwetter hereinbrach. Furchtbar äußerte sich die Naturgewalt, daß es dem Menschen dabei unheimlich werden konnte; aus den sehr tiefhängenden Wolkenmassen zuckten unaufhörlich Feuergarben über das ganze Himmelsgewölbe, glühenden Schlangen gleich, die die schwarzen Massen spaltend, in der Tiefe eine Hölle von Feuer momentan erblicken ließen; dazu der rollende Donner, der dem zuckenden Blitzstrahl unmittelbar folgte, schien Himmel und Erde mit schrecklichem Krachen zerspalten zu wollen. Die Atmosphäre mit Elektrizität überfüllt, durch das zuckende Feuermeer mit Schwefeldämpfe gesättigt, wurde durch den niederströmenden Regen aber bald abgekühlt, und die tagelang wie ein Alp drückende Luft wurde leicht und rein. Die niederstürzenden Regenmassen würde man als einen Wolkenbruch bezeichnen, wenn solche Wassermengen in den gemäßigten Zonen sich über die Erde ergießen, in den Tropen indes ist es keine ungewöhnliche Erscheinung und nichts Seltenes, daß in kurzer Zeit die betroffene Gegend einem weiten See gleicht. Sind dazu im Terrain Gefälle vorhanden, dann werden durch das abfließende Wasser fließende Bäche erzeugt, welche im Stande sind, große Mengen Erde mit fortzuführen. Um angelegte Wege vor Vernichtung zu schützen, müssen solche mit Seitengräben versehen werden, sonst wird häufig eine mehrwöchentliche Arbeit in dem kurzen Zeitraum von einer Stunde zerstört. Gegen solchen Regen und damit verbundenen Wirbelsturm waren unsere Grashäuser nicht widerstandsfähig genug, das Wasser drang überall hindurch und was das Schlimmste, das Unwetter brach so[S. 81] plötzlich herein, daß wir kaum darauf vorbereitet waren, wenigstens eine solche Erfahrung noch nicht gemacht hatten.
Es gab nun mit einem Male zu viel zu schützen, Kisten und Säcke, sonst immer im Freien lagernd, mußten bedeckt oder unter Dach gebracht werden, was für die zitternden Schwarzen eine höchst unangenehme Arbeit war, da der Eingeborene nichts so sehr scheut, als den Regen und irgendwo sich von den auf seiner nackten Haut niederfallenden Tropfen zu verbergen sucht; so ist mit ihm auch nur wenig anzufangen, ja ist selbst nicht abgeneigt, den Europäer in heikler Situation zu verlassen und der Weiße, der nicht Einfluß genug besitzt, sieht sich plötzlich allein.
In wenig Sekunden bis auf die Haut durchnäßt, suchte ich mit einer Anzahl Leute das Nothwendigste vor dem strömenden Regen zu schützen, allein diese Abkühlung, die einem die Zähne klappern machte, trug mir ein heftiges Fieber ein, das erst nach mehrtägigem Krankenbett zu weichen begann.
Nach der Zusammensetzung des Geleises und der Aufstellung der gesammten Wagen ließ ich möglichst schnell mit der Verladung unseres Materials beginnen. Hierbei nun machte es den Eingebornen außerordentlichen Spaß, die leicht rollenden Wagen mit schweren Lasten bepackt, hin- und herfahren zu sehen und oft unaufgefordert legten sie an das Wunderding, das der weiße Mann baut und laufen macht, Hand mit an. Aus dieser Willigkeit hätte ein mit den Gewohnheiten der Eingeborenen nicht Vertrauter den Schluß ziehen können, daß es nicht gar schwer halten könnte, genügend Leute für den Transport der Bahn zu erhalten, allein er möchte sich doch sehr getäuscht sehen, sobald an diese eine Aufforderung zur beständigen Arbeit erginge. Kindliche Neugierde nur ist es, die zwar das harmlos Neue dem Schwarzen begehrenswerth erscheinen läßt, aber auch bald demgegenüber eine Gleichgültigkeit erweckt, sobald dieselbe befriedigt ist. Was besonders für sie interessant, war das selbstthätige Rollen der Räder und die Ueberführung der Wagen auf ein Nebengeleise vermittelst unserer einfachen Weichen, indes wir Europäer hatten wohl darauf zu achten, daß rechtzeitig die Bremsen bedient wurden, sonst ließen die Leute die Wagen aufeinander laufen und Beschädigungen würden nicht ausgeblieben sein.
Was speziell die Arbeiterfrage anbelangte, hatte ich eines Tages im Lager ein großes Schauri mit den herbeigerufenen Häuptlingen und unter Mitwirkung des englischen Administrators Mr. Steavenson war das Endergebniß, daß jeder Häuptling sich[S. 82] verpflichtete für uns eine Anzahl Leute zu stellen, die bei freier Verpflegung ein Monatsgehalt von zweieinhalb Rupie, etwa drei Mark à Mann, erhalten sollten. Nach den gemachten Zusagen zu urtheilen, glaubte ich bis zur Rückkehr des Herrn von Eltz, mit Hilfe der schon in den nächsten Tagen eintreffenden Leute, alles zum Aufbruch bereit zu haben, doch, als ich mit den eigenen Leuten Suaheli, Soldaten und angenommene Arbeiter wirklich so weit war, war noch kein einziger Mann angekommen und erhielt wieder die Bestätigung, daß Zusagen der Eingeborenen wenig zuverlässig sind.
So waren wir denn verurtheilt geduldig die Ankunft der versprochenen Leute abzuwarten — um aber die Zwischenzeit auszunutzen, ließ ich mit den verfügbaren Leuten einen Weg für die Feldbahn ebnen, wo nöthig im waldigen Terrain auch Bäume aus dem Wege räumen. Solche fliegende Kolonne hätte, wenn uns genügende Kräfte zur Verfügung gestanden, wesentliche Dienste geleistet, schon die Aufsuchung besserer Wege durch Wald und Busch würde von großem Vortheil für den Feldbahntransport gewesen sein.
Erst wenige Kilometer war ich vorgedrungen, als eines Abends nach der Rückkunft von Eltz ein Eilbote von Ratunga unterhalb der Schirefälle im Lager eintraf, der vom Major von Wißmann die Nachricht brachte, daß 500 Mann dort angeworben seien, die bestimmt um die Mitte des Oktobers in Chilomo eintreffen würden, bis wohin der Führer de la Premoire die Leute bringen würde; von dort müßten sie von einem anderen Führer übernommen und nach Port Herald gebracht werden. Unzweifelhaft waren vom Major gleich nach seiner dortigen Ankunft Erkundigungen über die dortigen Verhältnisse eingezogen worden, und auf Grund dieser wurde ein Eilbote nach Port Herald abgesandt, der noch verhindern sollte, daß im Transportlager Anwerbungen stattfänden.
Unbekannt mit den Ereignissen bei der Vorexpedition, brachte die eingetroffene Nachricht vom Anmarsch so großer Hilfskräfte Freude aber auch Bedenken bei uns hervor. Letzteres, als sich die Frage sofort aufdrängte, wie sollen in dieser Jahreszeit, in welcher fast überall die Vorräthe nahezu aufgezehrt waren, so viele Menschen ernährt werden; denn abgesehen davon, daß wir im Lager wenig Vorräthe an Mehl und Lataten ansammeln konnten, mußte solches in der so schwach bevölkerten Gegend, welche wir zu durchziehen hatten, noch weniger der Fall sein. Dies alles trat jedoch vorläufig in den Hintergrund; das Hauptsächlichste war zunächst unverzüglich dem Befehle des Majors nachzukommen und einen Führer nach Chilomo zu senden. v. Eltz mochte nicht gleich wieder dorthin zurückkehren und ich fühlte mich durch die überstandene Krankheit noch zu schwach einen Eilmarsch von über 75[S. 83] Kilometer zurückzulegen, der in glühender Sonne und durch pfadlose Waldgebiete keine Kleinigkeit war.
Hätte uns nur ein Boot zur Verfügung gestanden, würden wir dieser Schwierigkeit bald überhoben gewesen sein, zudem der Wasserweg der bequemste und kürzeste war, indes das konnte nicht sein und, da nur von Eltz und ich in Frage kam, entschloß ich mich den beschwerlichen Marsch anzutreten. Als Begleiter wählte ich mir den zweiten Maschinisten Engeke, den geeignetsten und zum Zwecke der Führung vieler Menschen, ruhigsten Mann. Wir nahmen das Nothwendigste nur mit uns, sowie Proviant und etwas Zeug und brachen am frühen Morgen des 23. Oktober mit zwölf Trägern auf.
Insofern, als sich mir auf diesem Marsch Gelegenheit bot das Terrain, welches wir später mit der Bahn durchziehen mußten kennen zu lernen, war es gut, daß ich ihn unternommen hatte. Indes bald wurde der Einfluß der glühenden Sonnenstrahlen auf den Körper so groß, daß bei der schnellen Gangart völlige Ermattung eintrat und trotz des festen Willens vorwärts zu wollen, die Füße den Dienst versagten. Aus Erfahrung wußte ich, daß diese Schwäche nur die Nachwehen des überstandenen Fiebers waren, die schwinden würde, wenn der Einfluß des Willens auf den Körper stark genug sei, diesen trotz solcher Anwandlungen vorwärts zu bringen. Und das erprobte Mittel versagte auch dieses Mal nicht, — überhaupt, behält die Willenskraft die Herrschaft über den Körper, in allen Fällen, wo diese nicht durch die Schwere der Krankheit aufgehoben wird, und trägt zur Ueberwindung der Fieberanfälle ungemein viel bei.
Gegen Mittag erreichte ich die Ansiedelung des Engländers Simpson, eines Händlers, für den sozusagen alles Werth besaß, und unter dessen aufgestapelten Vorräthen Umschau haltend, war vom Schädel und Zahn des Elephanten bis auf das Gehörn der kleinsten Antilopenart alles vertreten, was in dieser Beziehung Central-Afrika bieten konnte, zudem aber noch ein großer Vorrath von Mais und Mtama, Lataten etc. vorhanden. Mir war der Auftrag geworden für unsere Leute im Lager Proviant anzukaufen, deshalb, in Abwesenheit des Engländers, verhandelte ich mit dem schwarzen Nornkieper (Aufseher), der, nachdem wir handelseinig geworden, sogleich zwei beladene Kanoes unter Aufsicht zweier Soldaten, die ich zu diesem Zwecke mitgenommen hatte, nach Port Herald absenden mußte.
Von hier aus hätte ich gerne zu Wasser, mit gecharterten Kanoes, die Reise fortgesetzt, aber nach eingehender Untersuchung war nicht ein einziges, der in kleiner Zahl vorhandenen, in einem solchen Zustande, daß man sich diesen, noch weniger die Lasten, für eine längere Tour hätte anvertrauen können und nach längerem Rasten in dieser englischen Niederlassung brach ich wieder auf.
[S. 84]
Meine Absicht war, im nächsten Dorfe, das vor Sonnenuntergang noch erreicht werden konnte, Nachtquartier zu nehmen, und wo es irgendwo angängig, ließ ich längs der Waldlisiere marschiren, wenn es auch auf dem wegelosen Waldgrund schwieriger war vorwärts zu kommen, so ging es sich im tiefen Waldesschatten doch ungemein angenehmer, als näher dem Flusse zwischen hohem Gras unter den Strahlen einer glühenden Sonne.
Schon senkten sich die Schatten einer hereinbrechenden Dämmerung auf die Wälder hernieder und vermehrte das Dunkel in diesen, als wir rechts in die Grasebene abschwenkend, das ersehnte Dorf am Ufer des Schire vor uns liegen sahen. Die Bewohner dieses kleinen gerade nicht besonders reinlichen Dorfes, ließen es sich angelegen sein, auch auf unsern Wunsch eine der besten Hütten zu räumen, worin wir zwar gegen die kalte Nachtluft geschützt, Unterkunft fanden, aber auch während der Nacht genug mit den überlästigen Ratten zu thun hatten, um diese dreisten Nager fern zu halten. In kaum Manneshöhe war nämlich in der Hütte eine Art Boden errichtet, auf welchem Mais und Mamavorräthe lagerten und hierin, die beliebte Nahrung in Hülle und Fülle findend, hatten es sich die Ratten so bequem gemacht.
In Bezug auf Unterkunft darf man in Afrika nicht wählerisch sein, ein trockenes hartes Lager ist das Beste, was zu erreichen ist und treiben es Mosquito und anderes lästiges Gethier nicht allzu arg, schläft man nach den Strapazen des vergangenen Tages auch auf solchem recht gut.
Der nächste Morgen fand uns schon vor Sonnenaufgang auf dem Marsche; ich wollte lieber die kühleren Morgenstunden ausnutzen, als wiederum in der glühenden Sonne marschiren, hauptsächlich auch, weil wieder eine weite baumlose Grasebene vor uns lag, die bis zum nächsten 5 Stunden entfernten Dorfe weder Schutz noch Schatten bieten konnte.
Was mich immer gewundert hat, war die Anspruchslosigkeit der Träger in Bezug auf Nahrung; ihre einzige Mahlzeit bestand aus geröstetem Mais und Lataten, dazu etwas Fisch oder Fleisch. Sie nahmen auch mitunter am frühen Morgen ohne das Geringste genossen zu haben die schwersten Lasten auf und verzehrten erst am Halteplatz grüne Maiskolben oder gedörrte Wurzeln.
Im nächsten Dorfe Umpassa, das wir gegen zehn Uhr erreichten, hielt ich längere Rast; hier im Schatten hoher breitästiger Bäume war es ein angenehmer Aufenthalt, der zum Verweilen einlud. Bald war Jung und Alt um uns versammelt, die neugierig und stillschweigend dem Gebahren der weißen Männer zuschauten, selbst Frauen und Männer wagten näher zu treten, wurden alsbald von den Männern in ihre Hütten zurückgeschickt sobald sie weiter gingen als es der Sitte entsprach, denn in einer Versammlung von Männern hat hier die Frau nichts zu suchen.
[S. 85]
Sobald ich ein passendes Geschenk, das in einem Stück bunten Zeuges bestand, aus meinem kleinen Vorrath ausgesucht hatte, sandte ich dieses zum Häuptling mit dem Ersuchen zu einem Schauri kommen zu wollen. Den Werth der Zeit kennt der Eingeborne nicht und aus diesem Grunde mußte ich denn auch recht lange auf den werthen Besuch warten; und wirklich hierin ist ein Dorfhäuptling, so klein auch sein Bereich sein mag, immer groß; er wird es stets unter seiner Würde halten dem Rufe des Europäers sofort zu folgen, sofern er nicht diesen als den weit mächtigeren erkannt hat. Als nun endlich der alte Herr erschienen war, gefolgt von den Würdenträgern, meistens wohl nahe und nächste Verwandte, auch als Gegengeschenk ein Topf guter Pombe mir überreicht hatte, begann vor der offenen Berathungshütte, die sich in unmittelbarer Nähe meines Aufenthalts befand, das Schauri.
Anfänglich war ich der Sprechende, da ich durch den Dolmetscher der Versammlung meine Wünsche vortragen ließ, die darin bestanden, daß die Bewohner des Dorfes im Voraus große Mengen Mehl fertig halten sollten, auch andere Nahrungsmittel, soviel in ihren Kräften, zum Verkauf heranbringen möchten, denn in nicht langer Zeit wird ein großer Transport und viele Menschen dieses Dorf passiren und diese werden viel Essen nöthig haben; sie, die Einwohner, sollen gut für ihre Waaren bezahlt werden, auch der Häuptling, wenn er für Vorräthe Sorge tragen wird, ein großes Geschenk erhalten. Darauf ließ ich noch die Wagen etc. beschreiben und sah, daß alle wohl hörten aber nichts von dem begriffen, was der Dolmetscher ihnen mit Mühe klar zu machen suchte.
Der Vorredner, der neben dem Häuptling saß, ergriff sodann das Wort und entfaltete eine große Beredsamkeit, deren kurzer Sinn besagte, daß sie nur wenig Vorräthe hätten, aber doch ihren Frauen den Wunsch des weißen Mannes mittheilen wollten; zwar nicht viel aber etwas würde wohl noch übrig sein.
Als der Häuptling sich verabschiedete, konnte er nicht ahnen und ich es nicht wissen, daß eine Zeit kommen sollte, wo er mein Gefangener sein würde! Den Namen dieses Fumo (Häuptling) »Tengani« werde ich sobald nicht vergessen. Die früher schon erwähnten Geier, welche ich in Ntoboa und später als nützliche Thiere verschont hatte, schienen hier durch ihre große Anzahl mehr Schaden als Nutzen zu bringen, denn wie die Bewohner mir versicherten sei es nicht möglich junge Hühner aufzuziehen, jedes sich ins Freie wagende werde von den Raubvögeln bald entführt. Sie äußerten auch den Wunsch, ob ich nicht diese lästigen Vögel verscheuchen wolle; der weiße Mann habe ja so gute Feuerwaffen mit welchen es leicht sei die Thiere aus den Lüften herunter zu schießen.
Mit Staunen sahen die Bewohner Umpassas, daß ihre Erwartungen von der Treffsicherheit des Europäers bedeutend[S. 86] übertroffen wurden, denn in kurzer Zeit waren eine Anzahl dieser adlerartigen Raubvögel aus den Lüften heruntergeholt, mit denen die Jugend sich alsdann amüsierte. Hierbei passirte es einem schwarzen Jungen, der vorschnell einen schwergetroffenen Vogel ungeschickt angefaßt hatte, daß dieser seine scharfen Fänge in dessen nackte Schenkel einschlug und ehe er befreit war, für seine Dreistigkeit einige tüchtige Schrammen in Kauf zu nehmen hatte.
Es war übrigens kein Kunstsück die ruhig kreisenden Vögel mit Schrot oder Kugel zu treffen, sie entfernten sich keineswegs, sondern erhoben sich nur sehr hoch aus dem Bereich der Waffen und schwebten ruhig in der luftigen Höh', dort ihre bald weiten, bald engeren Kreise ziehend.
Um 8-1/2 Uhr Nachmittags erreichten wir auf dem Weitermarsch ein kleines Dorf; hier, im Schatten eines gewaltigen Baumes rastend, der manchem müden Wanderer wohl zur kurzen Ruhe Kühlung gespendet hat, erwartete ich die zurückgebliebenen Träger, um uns ein neues Nachtquartier herzurichten.
Als endlich die Leute anlangten, war die Ueberraschung groß. Es war nämlich Engelke gelungen, eine Antilope zu beschleichen und zu erlegen, die, als sie von den Trägern nicht mitgeschleppt werden konnte, zerlegt wurde, und zu den Lasten fügten die Leute noch die besten Fleischstücke des Thieres hinzu.
Trotz der vorgerückten Stunde und dem Bedürfniß nach Ruhe regten sich doch bald viele Hände, noch ein delikates Abendessen herzurichten. — Der Eine reinigte das benöthigte Fleisch, der Andere klopfte es, der Dritte übernahm das Schmoren in Butter, die hier immer dünnflüssig und nur zu solchem Zwecke noch gut genug war. Zwiebeln und Bataten hatten wir auch und was das Beste, mit Oel und Essig machten wir uns aus eingehandelten Tomaten einen guten Salat zurecht. In der afrikanischen Wildniß, wo jeder Comfort als etwas Unerreichbares oft Unmögliches betrachtet werden muß, gewöhnt ein in die Verhältnisse sich schickender Mensch, sich sehr bald daran mit dem Wenigsten oft Haus zu halten und nirgend besser findet das Sprüchwort »Hunger ist der beste Koch« Anwendung als hier, insofern, als die Noth erfinderisch macht und Manchem, einst in Ueberfluß schwelgenden, die Kehrseite des Lebens zeigt. Selbsthilfe gebietet die Nothwendigkeit, und diese kann auf längerer Dauer für ein verwöhntes Menschenkind recht heilsam sein, deren Erlernung oft auf Lebenszeit eine nicht zu unterschätzende Wirkung ausübt.
Die Aussicht, mit unsern Leuten am Ueberfluß theilzunehmen, machte die Bewohner des kleinen Dorfes sehr dienstwillig; sie nahmen, was sonst wohl nicht der Fall gewesen wäre, sogar den Leuten das Wasserholen ab, das bei dunkler Nacht und der Weite des Weges eine große Gefälligkeit war; darum, wohl wissend,[S. 87] daß der Einzelne nur an sich selbst denkt, sorgte ich schon bei der Vertheilung für deren Antheil, denn sonst hätte derselbe nur aus Knochen und mageren Ueberresten bestanden.
In der Voraussetzung, daß der nächste Tag nach zurückgelegtem tüchtigen Marsch uns an das Ziel, nach Chilomo, bringen würde, wollte ich am anderen Morgen schon früher als sonst aufbrechen; mußte aber leider die Wahrnehmung machen, daß mit dem Koch und einem Diener auch noch zwei Träger während der Nacht das Weite gesucht hatten. Was diese Leute bewogen hatte sich auf Nimmerwiedersehn zu empfehlen blieb mir ein Räthsel, in der Behandlung, die eine überaus gute gewesen, war der Grund dafür wenigstens nicht zu suchen.
Wir kamen natürlich dadurch mit den Lasten in eine arge Verlegenheit, überdem, da keine Männer mehr im Dorfe anwesend waren, sondern sich bereits sehr früh alle mit Frau und Kindern nach den entfernt liegenden Feldern begeben hatten; ich ließ indes nachforschen und schließlich wurden zwei Männer noch aufgetrieben, die sich erboten, wenigstens bis zum nächsten Dorfe die Lasten zu tragen. Diese unliebsame Verzögerung ließ es schon ausgeschlossen sein noch an diesem Tage, den 25., Chilomo zu erreichen; daher, als wir nach einer guten Stunde, links von uns, verdeckt durch hohe Bäume ein Dorf passirten, in dem bei Schießen und Ngomaschlagen allem Anschein nach eine Festlichkeit begangen wurde, ließ ich im Walde halten und mit 4 Soldaten die deutsche Flagge, wie immer, vorauf, schritt ich in das Dorf.
Zwar verstummte bei meiner Annäherung der betäubende Singsang und Trommelschlag für einen Augenblick, um dann, als mein Begehren den Fumo des Dorfes sprechen zu wollen erkundet war, auch ein kleiner Bube, als Wegweiser zu dienen den Auftrag erhalten hatte, desto toller wieder loszugehen. Was der Grund für diese auf einer kleinen Anhöhe ausgeführten Tänze war, habe ich nicht erfahren können, soviel nur sah ich, daß die Bewohner des ganzen Dorfes, Männer, Frauen, Mädchen daran theilnahmen und nach der Aufregung zu schließen und den leeren Pombetöpfen, die in beträchtlicher Anzahl umgestoßen oder leer umher standen, mußte diese Festlichkeit schon die Nacht hindurch gewährt haben. Mir kam das unsinnige Abfeuern der Vorderlader, das Schwingen von Speer und Bogen, nicht besonders anheimelnd vor, dennoch trotz der herrschenden Erregtheit, welche die schwarzen Gestalten wie eine Anzahl besessener Teufel tanzen ließ, war durchaus keine Gefahr vorhanden, obgleich der Neger, wenn er durch eine große Menge Pombe berauscht geworden, gerade keine sehr umgängliche Person ist.
Auch das überlustige Gebahren der Frauen und Mädchen fiel mir noch besonders auf, eine solche Ausgelassenheit wie hier hatte[S. 88] ich noch nie Gelegenheit gehabt zu beobachten; denn immer halten sich diese in ganz bestimmte Grenzen.
Den Fumo, der von der Anwesenheit eines Weißen in seinem Dorfe unterrichtet worden war, traf ich, beim Betreten seiner Hütte, damit beschäftigt, eiligst Ordnung im Vorraume zu schaffen, mit der löblichen Absicht dem einkehrenden Gaste einen freundlicheren Anblick zu gewähren. So eigenartig wie die Umgebung, so auffällig war auch die Persönlichkeit, die mir entgegentrat. Stark und kräftig gebaut, mit energischen Zügen und schwarzem Vollbart, war diese Erscheinung ganz darnach angethan einen kleinen Herrscher vorzustellen, und so auffallend selbstbewußt ist mir selten ein schwarzer Mann entgegengetreten.
Nach kurzem Austausch über das Woher und Wohin ersuchte ich den Fumo mir gegen gute Bezahlung (etwa à Mann zwei Ellen Zeug) vier seiner Leute stellen zu wollen, denn meine Lasten seien zu schwer, weshalb ich einige Leute bis Chilomo bedürfe. — Unverzüglich traten auf Befehl des Fumo vier kräftige junge Männer an und als ich deren Namen aufgeschrieben hatte, was in ihren Augen ein bindender Akt ist, erkundigte ich mich noch beim Häuptling über Naturalien, Mais und Mtamamehl etc.; erfuhr ferner auch, daß die Festlichkeit im Dorfe eine Hochzeitsfeier sei, wobei er die Bezeichnung machte, es seien alle Theilnehmer berauscht und viel Pombe getrunken worden; lachend gab ich ihm die Hand und Kehrt, Marsch ging es aus dem Dorfe hinaus in das Waldesdunkel hinein.
Nach den unklaren Angaben zu urtheilen, welche die Träger über die Länge des Weges machten, schien es fast möglich zu sein noch an diesem Tage Chilomo erreichen zu können, wenn auch gewiß nicht vor anbrechender Nacht. Indes die Anforderungen, welche an die Träger gestellt werden mußten, würden große sein, deshalb das Gewisse dem Ungewissen vorziehend, ließ ich in nicht so eiliger Hast die letzten 25 Kilometer zurücklegen und gemächlicher marschiren, fand daher auch mehr Zeit und Muße die wilde Natur um mich beobachten zu können.
Neben den schillernden Schmetterlingen und im Sonnenstrahl goldglänzenden Käfern, sah ich häufig eine ganz kleine Vogelart, deren Gefieder unauffälliger war als das des schillernden Kolibris, sonst waren die Thierchen ebenso flink und gewandt, nur nicht mit so überreicher Farbenpracht ausgestattet, wie die gütige Natur den kleinsten ihrer gefiederten Geschöpfe bedacht hat. Eine Art Wiedehopf mit schönem grauen Kleid, sowie Spechte, die geschwind an den hohen Baumstämmen auf und nieder kletterten, wilde Tauben, deren Gurren durch die Waldstille klang, Feld- und Perlhühner, führten in dieser Einsamkeit ein ungestörtes Leben.
Oft senkte ich das tödtliche Rohr, um nicht diesen Waldfrieden durch ein weitschallendes Echo zu stören, mehr aber, um[S. 89] die friedlichen Geschöpfe, die so harmlos und ohne jede Furcht ahnungslos den Tod empfangen hätten, zu verschonen. Manche schöne, seltene Blume blüht auch im Gebüsch oder Schatten des lichten Waldes — aus ihren Kelchen trinken summende Bienen in Gemeinschaft mit Käfern, denen der tief im Innern des Kelches verborgene Tautropfen ein Wonnetrank ist; ebenso würden vielfältige Strauch- und Baumarten einem Botaniker zum Studium dienen können. Auch eine Kactusart, die nur lange stachlige Blätter aufwies, fand ich an den Wegen vor, eigentlich an Orten, wo die Sonnenstrahlen im Walddickicht freieren Zutritt hatten. In Rissen oder anderen durch das eigenartige Gebilde dieser Pflanze ausgewachsenen Vertiefungen fanden sich immer kleine von nächtlichem Thau gefüllte Wasserbehälter vor, und Insekten sowie kleinere Vögel suchten hier stets ihren kühlen Morgentrunk, von vorsorgender Hand bereitet, zu erlangen.
Am nächsten Morgen, während wir über Nacht nochmals die Gastfreundschaft eines Dorfhäuptlings in Anspruch genommen hatten, kamen wir nach einstündigem Marsche in ein zerrissenes Terrain, wo unzweifelhaft an den Abhängen des Waldgebiets die Fluthen des Schireflusses einst vorbeigerauscht sind und ihre Kraft erprobt haben; denn deutlich war das alte Ufer noch zu erkennen, das steil und hoch sich gegen die weite tiefliegende Grasebene abhob. Quer durch diese weite Grassavanne, die recht geeignet ist dem Wilde als Tummelplatz zu dienen, das sich bei Tage in den Schatten der Wälder zurückzieht und nur in den Abendstunden oder am frühen Morgen zur Aesung und Tränke geht, schritten wir hin und suchten uns anfänglich aufs Geradewohl einen Weg, nur die Richtung hielten wir ein nach welcher hin das Lager von Chilomo liegen mußte. Erst als befürchtet werden konnte, daß einige Nachzügler irre gehen würden theilten wir die Leute in drei Abtheilungen ein, sodaß jeder Europäer einen Zug führte. Darauf hielten wir uns so, daß möglichst in gleicher Höhe jeder für sich durch das Grasmeer, in dem nichts als der Himmel über uns zu sehen war, vorzudringen suchte. Ein Abweichen oder Verirren wurde durch beständigen Zuruf und Antwort vermieden. Diese Art des Marschirens wählte ich deshalb, weil es für den Europäer leichter ist die dichtaufgeschlossen gehenden Träger zu kontrolliren, indem er dann nur wenige Mann zu überblicken brauchte, soweit dieses in dem wogenden Gras überhaupt möglich war. Gingen wir hingegen in langer Linie vor, würde bald der eine oder andere der Träger durch das scharfe Gras oder durch einen eingetretenen Dorn verletzt aus der Reihe seitwärts treten und zurückbleiben, während das Gros vorwärts geht und ist man schließlich aus dem Grase heraus, hat freieres Terrain gewonnen, dann heißt es auf die Nachzügler lange warten; oft sind auch noch Leute wieder zurückzusenden, die durch Rufen die im Grase Irrenden[S. 90] den rechten Weg weisen. Es war gut, daß ich Tags zuvor nicht durch einen forzirten Marsch das Lager zu erreichen gesucht hatte, denn in der Dunkelheit, wenn bereits die Grasebene erreicht worden wäre, menschliche Wohnungen welche weit hinter uns gelegen und wir vorwärts hätten gehen müssen, würde es uns wohl unendlich schwer geworden sein, in solchem Grase den rechten Weg zu finden.
Wollte ich nun ein Urtheil über den zurückgelegten Weg abgeben, so kann ich behaupten, daß derselbe für unsere Feldbahn befahrbar ist, da nicht sonderlich große Hindernisse wegzuräumen sind, allerdings würde sich der Zug an der Waldlisière halten, auch einige Waldpartien durchschnitten werden müssen, um nicht zu große Umwege zu machen, ebenso würden hin und wieder Bäume zu fällen sein; diese Arbeit wäre indes von geringerer Bedeutung, eher wäre zu befürchten, daß Mangel an Trinkwasser uns zwingen wird, dem Flußufer nahe zu bleiben. Trifft dieses zu, dann sind wir den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt und die Arbeit muß uns doppelt schwer werden. Der letzte Theil des Weges, der weniger eben, mehr wellenförmig ist, würde etwas schwieriger zu befahren sein, indes glaube ich, daß dieses hügelige Terrain sich umgehen ließe, wo nicht, bietet der Rand der Grasfläche immer noch ein passables Fortkommen.
Sollte es übrigens Wirklichkeit werden und die Feldbahn in Anwendung kommen, auch die erwartete Hilfe in Chilomo eintreffen, würden die Unebenheiten des zu nehmenden Weges mit so großer Anzahl Menschen leicht zu überwinden sein, um so eher als für das Legen des Schienengeleises kein geebneter Boden erforderlich ist.
Im Lager angekommen, das an einer flachliegenden Stelle dicht am Flusse angelegt worden war und insofern ungünstig lag, als bei starkem Regenfall dasselbe unter Wasser stand, fand ich mich in der Erwartung, die angekündigten Leute hier anzutreffen, getäuscht, auffälliger noch fand ich es, daß von einem Anmarsch der 500 Mann keinem etwas bekannt geworden war. Somit hatte ich bis zum Eintreffen weiterer Ordre hier geduldig zu warten, und trat zunächst, um einen anderen Auftrag zu erledigen, mit dem englischen Gouvernementsbeamten Mr. Hiller in Verbindung. Es handelte sich nämlich um die Verlegung unseres Lagers nach der anderen Flußseite, wo das Ufer hoch und steil war, demnach auch ein besserer und trockenerer Platz gefunden werden konnte. Die Wohnhäuser und Schuppen lagen hier etwa 100 Meter zurück und würden durch die Aufstapelung unserer Lasten nicht behindert werden, sollte es aber wirklich den Engländern nicht genehm sein, die deutsche Expedition in unmittelbarer Nähe zu haben, war immer noch die von der Mündung des Rnoflusses und dem Schire gebildete Landspitze frei, wo reichlicher Platz vorhanden. Nur insoweit[S. 91] war die Lage ungünstig, als hier am senkrecht steilen Ufer ein Aus- und Einladen unserer schweren Eisentheile äußerst schwierig wurde. Ich fand nun zwar nach eingehender Erörterung ein williges Gehör und ein Entgegenkommen insoweit, als ich zwischen der erwähnten Landspitze und eines weiter flußaufwärts liegenden Platzes, der aber fast schlechter war als der alte Lagerplatz, zu wählen hatte. Meine Entgegnung, daß der erste überhaupt nur in Frage kommen könne und dann für uns auch nur von Werth sein würde, wenn ich die Erlaubniß erhielte, einen Einschnitt in das hohe Ufer machen zu dürfen, wo hinauf wir, gleich wie an anderen Anlegestellen, unsere Lasten bringen könnten, wurde mit der Erwiderung zurückgewiesen — solche Demolirung des Flusses werde nicht gestattet! Alles, was ich daraufhin noch erlangte, war, daß ich an dem Orte, wo Major von Wißmann schon Militär-Effekten und Proviant gelagert hatte, noch mehr Lasten hinschaffen lassen konnte. Mit dieser Arbeit ließ ich denn auch sofort beginnen und mittelst unseres hier befindlichen kleinen Stahlbootes und einiger Canoes gefährdete Sachen zum anderen Ufer, wo der erste Maschinist Spenker die Aufsicht führte, hinüberschaffen.
Am dritten Tage traf ein flußaufwärts kommender Leichter in Chilomo ein, der so weit vorgedrungen war, als es die Wasserverhältnisse irgend gestattet hatten und, wenn auch Katunga nicht erreicht worden war, nochmals eine Zwischenstation hatte errichtet werden müssen, so war ein Theil des Transportes wenigstens eine beträchtliche Strecke weiter vorgeschoben worden. Kurz darauf traf auch der zweite Leichter, von Port Herald kommend, hier ein, so daß ich beide noch nach schnellem Um- und Beladen flußaufwärts nach der Etappen-Station expediren konnte, ehe ich mich zur Abreise fertig machte, um den laut Nachricht bereits aufgebrochenen Eisenbahntransport aufzusuchen. Ein längeres Warten auf die Ankunft der 500 Leute oder auf bestimmte Nachricht war zwecklos, allem Anschein nach auch vergeblich, sofern bei Katunga die Arbeiterverhältnisse nicht ganz entgegengesetzte wären wie hier, wo nicht mal Leute aufzutreiben waren, um die Besatzung der Leichter zu vervollständigen.
Gleichzeitig sei hier erwähnt, daß die Führung der Leichter auf dem Schireflusse keine Kleinigkeit war und dies um so mehr, als häufig unzureichende Kräfte vorhanden gewesen sind, um solch großes Fahrzeug zu ent- und beladen. Die größte Kunst aber lag darin, einmal angeworbene Leute auch festhalten zu können, die, eingearbeitet, von großem Nutzen sein konnten, wohingegen eine stets nach jeder Tour wechselnde Mannschaft dem Europäer die Arbeit gewiß nicht erleichterte.
Alles lag an die Behandlung der Leute. Ausnahmsweise gut verstand der Schmidt »Brückner« die Eingeborenen zu nehmen, gerecht und gütig gegen dieselben, konnte er Erfolge aufweisen, die[S. 92] ich mit meiner Erfahrung ihm schwerlich hätte nachgemacht; lag es auch zum Theil daran, daß er ein guter Schütze war und möglichst für Fleisch für seine Leute sorgte, so war doch die Aufmunterung und verständige Behandlung die Hauptsache dabei.
Engelke und Riemer, die mit mir den Marsch nach Chilomo gemacht hatten, wurden auch weiter nach Katunga und Etappe kommandirt, um auf diesen Stationen die Aufsicht zu führen.
Am nächsten Tage traf de la Fremoire, von Katunga kommend, in Chilomo ein mit der halb schon vermutheten Nachricht, daß nicht ein Mann zur Unterstützung der Transportexpedition hat gesandt werden können, der Major sei vielmehr gezwungen, mit seinen Soldaten die in Stücke zerlegte Sektionsboote über das Schiregebirge schaffen zu lassen, da auch dort keine Träger zu bekommen seien. de la Fremoire, mit Ordre für von Eltz versehen, mußte schnell weiter und, da doch nun das kleine Stahlboot benutzt werden mußte, so beschloß ich, die Fahrt mitzumachen.
In kühler Abendstunde auf den ruhigen Fluthen der Schire hinziehend, war es eine Wohlthat, die frischen Lüfte einathmen zu können, die aus den Grassavannen und Wäldern herüberwehten und den Körper ungemein erfrischten; bis in die Nacht hinein glitten wir auf den schimmernden Wassern hin — dem eintönigen Gesang der Ruderer lauschend, die im gleichmäßigen Takt ihre Paddel gebrauchten und das Boot schnell vorwärts trieben. Erst als das Bedürfniß nach Leibesnahrung sich fühlbar machte, dachten wir daran, einen Anlegeplatz aufzusuchen, wo an schnell entzündeten Feuern einige Eier gekocht werden konnten, die wir im Lager noch erhandelt hatten und jetzt mit einem Stückchen Hartbrot verzehrten.
In Decken gehüllt, der Sternenhimmel unser Zelt, legten wir uns bald unter die aufgestellten Mosquitonetze nieder, um von den blutdürstigen Mücken, die im Gebüsch zahlreich vertreten waren, verschont zu bleiben. Nur der einsame Posten, Gewehr im Arm, hatte über die Schläfer zu wachen und die Feuer zu unterhalten, deren beißender Qualm die summenden Mosquito fern halten sollte.
Auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen, im Schatten der überhängenden Gebüsche, die mit Lianen undurchdringlich verwoben waren, hatten wir besondere Gelegenheit, die zersetzende Kraft der Wasser zu beobachten, wie diese langsam das Erdreich abspülten und mit unfehlbarer Sicherheit jeden am Ufer stehenden Baum zum Fallen bringen mußten. Als wir vor den Gluthen der Mittagssonne Schutz im kühlen Baumschatten suchten, bemerkten wir am nicht fernen Waldessaum ruhig äsende Wasserböcke; es gelang auch Fremoire, diese anzupirschen und ein stattliches Thier zu erlegen.
Nach kurzer Rast ging es wieder flußabwärts; erst gegen Abend hörten wir von Eingeborenen, daß die Feldbahn landeinwärts vorüberziehe, und schnell einen Anlegeplatz suchend, erreichten wir dieselbe nach kurzer Zeit.
[S. 93]
Nur zwei Tage später, nachdem ich Port Herald verlassen hatte, am 26. Oktober, war von Eltz mit dem Transportzug aufgebrochen, und obgleich nur 198 Mann gestellt worden waren, ging es auf dem geebneten Wege zwar langsam aber stetig vorwärts, so daß 13 Schienenlängen à 400 Meter, mithin über fünf Kilometer am ersten Tag zurückgelegt wurden. Diese Leistung kann nur auf den guten Willen der Leute, auf welche das Neue einen großen Reiz ausübte, zurückgeführt werden; denn bedenkt man, da je zwei Mann ein Schienenjoch trugen, alle Leute mindestens zwei Mal einen Weg von 400 Meter zu machen hatten, ehe das Geleise hinter den Wagen abgebrochen und vorne wieder angelegt war, dann noch auf nicht gerade plattem Boden die Wagen vorschieben mußten, so wird es erklärlich, wie anstrengend solche ununterbrochene Arbeit für Menschen, die noch nie dergleichen gethan hatten, sein mußte. Auch trug der Umstand, daß während der ersten Tage der Weg durch lichten Wald genommen werden konnte, viel dazu bei, die Kräfte zu erhalten; im kühlen Schatten war die Arbeit eine wesentlich andere, als wenn solche in der glühenden Sonne hätte vollbracht werden müssen.
Indessen, als ich am 31. Oktober Abends die festgefahrenen Wagen noch entladen ließ, um diese wieder auf die Schienen heben zu können und das zerrissene Geleise wieder herstellte, fiel mir schon eine bedenkliche Muthlosigkeit auf, wenigstens von einem Eifer für die Sache war nicht viel zu bemerken. Diese Abspannung und Unlust bedingte auch, daß das Resultat der Arbeit jeden Tag geringer geworden war, bis schließlich jeden Tag während 8 Arbeitsstunden nur etwas über drei Kilometer zurückgelegt wurden. Ein Antreiben der Leute zur größeren Thätigkeit hatte nur zur Folge, daß durch Deserteure die Zahl vermindert wurde und den Bleibenden die Arbeit so viel schwerer fiel.
Leider waren wir schon am nächsten Tage gezwungen, den schattigen Wald zu verlassen und näher dem Flusse, in die Grasebene hinaus, den Zug zu leiten, da auf eine weite Strecke das Waldterrain nun zurücktrat. Wir hätten auch beim Verfolgen des alten Weges nicht Wasser gefunden und mußten somit der Nothwendigkeit gehorchen und dem Flusse nahe bleiben. Ich hatte seiner Zeit für den Victoria-Nyanza-Transport tragbare Fässer anfertigen lassen, die nun für uns von großem Nutzen wurden, indem für die beträchtliche Anzahl Menschen wenigstens für einen halben Tag Wasser mitgeführt werden konnte. Blies aber die Trompete Mittags oder Abends »das Ganze Halt«, dann war auch für die Leute kein Halten mehr, ob der Schire-Fluß weit[S. 94] oder nahe, hin mußten sie; daß sie aber freiwillig die leeren Fässer mitnahmen und füllten, daran dachten sie nicht, jedes Mal mußten erst welche dazu kommandirt werden.
So lange die feuchtkalten Morgennebel noch über die Ebene wallten, wurde eine größere Regsamkeit bei allen Leuten Bedürfniß; war man doch ohne jeglichen Schutz, höchstens daß über dem Feldbett ein wasserdichter Plan ausgebreitet wurde, der kalten Nachtluft ausgesetzt worden.
Stets an der Tete, wies ich der Bahn den Weg, und hatte besonders auf das Legen des Schienengeleises zu achten; war das letzte Joch gelegt worden, kehrte ich den Weg zurück und ließ die Wagen vorschieben. Der vorderste Wagen, der die Kurven und sonstigen Geräthe enthielt, wurde immer von dazu angestellten Suaheli, gleichzeitig mit den vorausgelegten Schienen vorgeschoben, um alles Benöthigte gleich zur Hand zu haben. Im Uebrigen waren die Europäer, unser 6 Mann, so vertheilt, daß zwei hinten das Aufnehmen des Geleises beaufsichtigten, zwei bei den Wagen als Bremser fungirten, während ein Proviantmeister, der mit Hülfe der Diener und Köche für das leibliche Wohl zu sorgen hatte, sich am Transport nicht zu betheiligen brauchte.
Im Vorgehen das übermannshohe Gras noch niederzuschlagen, dazu fehlte es an Leute, darum, wo es nicht unbedingt nothwendig war, den Weg zu ebnen, ließ ich die Schienen einfach weiterlegen — durch die Last der Wagen wurde dann dasselbe schon genügend niedergebrochen. Nur unsere armen Kerle mit ihren nackten Beinen litten sehr darunter, fortwährend hockten einige nieder und zogen sich gegenseitig die eingetretenen Stacheln und Dornen aus dem Sohlleder ihrer Füße; das schilfartige Gras wurde höchst lästig für uns. Ebenso wurden bei dieser schweren Arbeit die Strahlen der niederglühenden Sonne oft unerträglich, und um dieser Gluth zu entgehen, legte man sich in den Ruhepausen gerne unter die Wagen, nur um ein wenig Schatten zu finden. Kein Wunder war es daher, daß uns die Leute erschlafften — nach Negerart sich von der Arbeit zu drücken suchten und uns wenigen Europäern es sauer machten; sie mußten fortwährend aufgetrieben und zur Arbeit angehalten werden.
Jeden Morgen, sobald die Aussicht frei, d. h. die wallenden Nebel von den Sonnenstrahlen zerstreut waren, sahen wir an der Waldlisiere oder an erhöhten Punkten in der Ebene einige Busch- oder Wasserböcke, die zu uns herüberäugten, und meistens war es von Eltz, der schon früh zur Jagd aufbrach und sich an das Wild heranpürschte, auch fast immer 1 bis 2 Stück mitbrachte; indessen ich mit der Bahn weiterzog und während der kühlen Morgenstunden auch vorwärts kam.
Am dritten Tage endlich näherten wir uns wieder dem Walde und wo derselbe an seiner Kante licht genug war, so daß wir uns[S. 95] mit der Bahn zwischen Baum und Buschwerk durchschlängeln konnten, wurde derselbe schon des Schattens wegen aufgesucht; lagerten wir aber nach des Tages harter Arbeit im Walde, dann horchte man auf das Lied manches gefiederten Sängers, der in der erfrischenden Abendkühle jetzt erst sein Danklied schmetterte; dazu die girrende Taube, das lockende Perlhuhn — wären nur die Mosquito barmherziger gewesen, solch ein Waldkonzert hätte man ungestörter genießen können.
Näherten wir uns hügeligem oder unübersichtlichem Terrain, so war die Einrichtung getroffen worden, den zu nehmenden Weg durch eine vorausgehende Kolonne mittelst weißer Fähnchen, welche an langen Bambusstangen befestigt waren, bezeichnen zu lassen, denn vorspringende Waldkanten behinderten des öfteren die Fernsicht, auch konnten wir nicht wissen, ob das wegelose Gebiet vor uns nicht unerwartete Hindernisse ausweisen würde.
Im Allgemeinen war das Fortschreiten mit der Bahn noch immer ein befriedigendes zu nennen; auch gab ich mir Mühe begangene Fehler dadurch auszugleichen, daß ich die Leute nicht mit überstürzender Hast arbeiten ließ, mehr im Guten sie aufforderte ihre Pflicht zu thun und ihnen zeigte wie sie sich die Arbeit erleichtern konnten, anstatt sie durch harte Worte und gar Drohungen abzuschrecken. Ich konnte daher auch gerne den einen oder anderen, wenn sie sich widerwillig zeigten, mit der Hand einen Klapps auf das nackte Fell geben, das schadete nichts, so lange sie nur wußten, daß es nicht ernst gemeint war, und ich fand die Leute immer willig meinen Anweisungen Folge zu leisten. Dennoch fehlten jeden Abend, wenn die Leute flüchtig nachgezählt wurden, einige und in 10 Tagen waren uns 63 Mann desertirt.
Dieses Resultat fanden wir, als wir uns dem Dorfe Umpassa genähert hatten (also annähernd ein Weg von 30 Kilometer zurückgelegt war) und hier durch Herrn von Eltz ein Namensaufruf der gesammten Mannschaft vorgenommen wurde. Nun zeigte es sich erst wie bald wir mit der Möglichkeit zu rechnen haben würden die Bahn nicht mehr fortbringen zu können, wenn in gleicher Weise die Leute uns verließen; darum der Sache herzlich überdrüssig, mit der Ueberzeugung, daß wir doch nicht Chilomo erreichen würden, wollte Herr von Eltz schon am nächsten Morgen den Transport verlassen und ich sollte denselben so gut oder schlecht weiter führen, als es mir möglich wäre. Das Ende aber war näher als wir dachten.
Die folgenden Thatsachen in Erwägung ziehend, kann ich nicht umhin zu erwähnen wie leicht abergläubische Furcht den Sinn des Negers verwirren kann, nämlich die Aufrufung aller Namen machte schon auf die Leute einen peinlichen Eindruck, um so mehr, als die betreffenden Capitaos für das Weglaufen der ihnen unterstellten Leute verantwortlich gemacht und für ihre Achtlosigkeit[S. 96] mit Strafe bedroht wurden, wiewohl diese, wenn ihr Einfluß nicht groß genug war, keinen der weglaufen wollte, hätten halten können, ebensowenig wie wir Europäer es im Stande gewesen wären. Ferner kam dazu, daß am Abend dieses 4. Novembers die noch Tags vorher im hellen Glanz erscheinende Mondscheibe nicht sichtbar wurde, sondern bald nach Sonnenuntergang sich tiefe Dunkelheit über die Erde ausbreitete, und erst später, als der Mond schon einen beträchtlichen Bogen über den Horizont zurückgelegt hatte, kam allmählich seine Scheibe wieder zum Vorschein; es war eine totale Mondfinsterniß eingetreten. Solchen Phänomina legt der Eingeborene nun eine weittragende Bedeutung bei, aus dem Grunde, weil er sich das Auftreten derselben nicht erklären kann und schreibt diesen einen großen Einfluß auf seine Handlungen zu, je nachdem er sie als gutes oder böses Omen zu betrachten geneigt ist. Mit dem Gesagten wollte ich nur andeuten, daß diese Vorgänge nicht ganz ohne Einfluß auf die Absicht der Leute, uns im Stiche zu lassen, geblieben sind und die nur eines Anlasses bedurfte, um zur Ausführung zu kommen.
Im Uebrigen war dieses Naturereigniß für einen aufmerksamen Beobachter ein fesselndes Bild. Die klare Atmosphäre durch kein Wölkchen getrübt, leuchtete der wundervolle Sternenhimmel in hehrster Pracht — von welchem herab die fernen Welten ihr Licht in das Weltall hinaussendeten und dem Menschen auf der kleinen Erde verkündeten, daß in unendlicher Ferne Millionen Körper um Sonnen kreisen, die viel gewaltigere Dimensionen haben müssen als die, welche Licht und Leben spendend unsere Sonne heißt — dazu die weite Wildniß, unabsehbare Grasebene und landeinwärts tiefdunkler Wald! Entlang der Wagenreihe lodern die Wachtfeuer zum nächtlichen Himmel empor, von denen her dumpfes Gemurmel vieler Menschenstimmen, die sonst herrschende Stille unterbrach. Im fernen Osten wird nun ein schmaler Streifen goldenen Lichtes in Form einer Sichel sichtbar — breiter und breiter wird der glänzende Rand, man sieht wie sich scheinbar ein dunkler Körper an der Mondscheibe vorüberschiebt, bald fluthet magisches Licht wieder durch den Weltenraum auf die dunkle Erde hernieder und bleicht den Glanz der goldenen Sterne; bis nach Verlauf einer guten Stunde der Vollmond, von dem schwarzen Schatten der Erde befreit, wieder sein volles Licht über die wilde Scenerie und den weiten Fluren Afrikas ergießt.
Die ausgesprochene Absicht des Führers, den Transport zu verlassen, führte noch am selben Abend zu Unterhandlungen mit dem mir bereits bekannten Häuptling Tengani, der eine Anzahl Träger und Maschillaleute stellen sollte. Letztere, gewöhnlich 12 bis 16 Mann stark, tragen den Reisenden in einer Art Hängematte, die mit ihren beiden Enden an einer starken Bambusstange befestigt ist, schnell vorwärts, indem sich die Leute fortwährend abwechseln[S. 97] und im kurzen Laufschritt imstande sind, in einem Tage eine weite Strecke Weges zurückzulegen.
Es ist dieses zeitweise ein angenehmes Reisen, insofern man nicht auf schlechten Wegen mühselig wandern braucht, und jeder Europäer benutzt eine Maschilla, wenn ihm die Mittel dazu zur Verfügung stehen; man hat aber auch darauf zu achten, daß die Leute sicher und zuverlässig sind, denn es ist nicht so ganz ungefährlich, da das Ausgleiten oder Stürzen eines Mannes für den Getragenen schlimme Folgen haben kann, wenn er ebenfalls mit der ganzen Wucht des Körpers auf den Erdboden oder gar Gestein aufschlägt. Mehrmals habe ich später das Pech gehabt, durch Ausgleiten eines Mannes auf schlüpfrigem Boden, Bekanntschaft mit diesem oder einer Wasserpfütze machen zu müssen.
Der Fumo Tengani indes war nicht sonderlich erbaut davon, Träger und Maschillaleute stellen zu sollen, und die leere Ausflucht, er habe keine Leute, oder werde erst nach solchen senden, hieß so viel: den ihm mißliebigen Europäer nicht unterstützen zu wollen. Auch am nächsten Morgen, als wir mit der Bahn mitten durch sein Dorf hindurchzogen, blieben erneute Verhandlungen erfolglos, sodaß anzunehmen war, er wolle nicht helfen, trotzdem ihm ein Geschenk und hohe Bezahlung zugesichert wurde.
Es hatte an diesem Morgen den Anschein, als arbeiteten unsere Leute mit größerer Lust; denn anfänglich, und bis wir durch das Dorf Umpassa hindurch waren, ging alles trotz der geringen Kräfte vorzüglich. Auch ein hinter dem Dorfe befindliches trockenes Flußbett, durch welches die Wagen mit voller Fahrgeschwindigkeit geführt werden mußten, um die hohe Uferböschung hinauf zu kommen, stellte hohe Anforderungen an die Leute; bis plötzlich beim abermaligen Vortragen des Geleises alle sich an der Tete sammelten und durch lautes Murren ihre Unzufriedenheit kundgaben.
Dieses auffällige Benehmen und die Weigerung weiter arbeiten zu wollen, welches ich mir erst nicht erklären konnte, hatte seinen Grund darin, daß den Leuten verweigert worden war sich Wasser zu holen; so groß unser Vorrath auch war, in wenig Stunden hatten die Leute alles ausgetrunken, und so stellte sich nun bei schwerer Arbeit und glühender Sonne großer Durst ein. Der Führer hatte dazu noch die Kapitaos für das Murren ihrer Leute verantwortlich gemacht, und die Folge war Gehorsamsverweigerung.
Das Nutzlose einsehend, die höchst erregten Menschen noch zur weiteren Arbeit bewegen zu können, mußte früher als sonst Pause gemacht werden; kaum aber war das Signal »das Ganze halt« geblasen, als alle Arbeiter in wilder Jagd zum Dorfe Umpassa eilten, mit Mühe nur konnte ich mich dem Strome entgegenstellen[S. 98] und die Leute veranlassen die Fässer und Wasserbehälter zum Wiederauffüllen mitzunehmen.
Vier Stunden später riefen Trompete und Trommel vergeblich zur Arbeit, Niemand folgte dem Rufe mehr, und zweifellos war es, daß unsere sämmtlichen von Port Herald mitgenommenen Arbeiter desertirt waren. Ausgesandte Suaheli und Soldaten bestätigten denn auch bald diese Befürchtung und als ich nach den vermißten Fässern forschen ließ, wurden diese jenseits des Dorfes unter Bäumen vereinzelt liegend aufgefunden; mithin hatte sich die Arbeiterkolonne nach beendeter Arbeit sofort auf den Weg gemacht, um in ihre Dörfer zurückzukehren.
Nicht das war das Schlimmste, daß wir nun weit vom Schirefluß in Busch und Gras mit 20 Suaheli und wenigen Soldaten saßen, und es ein Unding war mit dieser Handvoll Leute die Bahn noch weiter zu bringen, sondern daß die Expedition weit und breit bei den Eingeborenen in Mißkredit gebracht worden war; und in der Folge, da ich beim Bahntransport verblieb, konnte ich ein Lied davon singen, wie es thut, wenn man von aller, auch der geringsten Hilfeleistung abgeschnitten ist.
Das Nächste was in dieser schlimmen Lage nun zu thun, war einen Weg ausfindig zu machen, auf welchem wir die Bahn zum Flusse schaffen konnten und dann uns nach Hilfskräften umzusehen, die bereit wären uns die schwere Arbeit zu erleichtern; nächstdem galt es eine Uferstelle aufzufinden, wo später die Leichter bequem anlegen und beladen werden konnten.
Während der Transportführer flußaufwärts durch Gras und Gebüsch einen Weg zum Flusse suchen ging, wandte ich mich dem Dorfe Umpassa zu und erkundete hier von einigen Bewohnern bald, welches der nächste und beste Weg zum Flusse sei. Geführt von Eingebornen, stand ich schon nach etwa 15 Minuten am Ufer des Schire und fand hier, verdeckt durch eine kleine Bananenanpflanzung, sowohl einen guten Lagerplatz, als auch eine bequeme Anlegestelle. Darauf zum Dorfe zurückgekehrt, unterhandelte ich mit Häuptling Tengani wegen Leute, die uns behülflich sein sollten die Bahn fortzuschaffen.
Wider Erwarten zeigte sich der Fumo bereitwilliger, als nach der am vorhergehenden Tage bekundeten Weigerung uns Leute zu geben, hätte erwartet werden können und nach Uebereinkunft stellte der Fuma dann auch 42 Mann. Zur Feldbahn zurückgekehrt war Herr v. Eltz, der keinen bequemen Weg durch Gebüsch und Gras gefunden hatte, mit den vorläufigen Abmachungen einverstanden und nach längerem Schauri begannen wir rechts abbiegend mit den Leuten die Bahn fortzuschaffen.
Am Nachmittage des nächsten Tages, Sonntag den 6. November, waren wir nach angestrengter Arbeit denn endlich so weit, den Wagenzug in drei Reihen nahe dem Flusse auffahren zu[S. 99] können und uns so gut es ging dazwischen ein Lager einzurichten. Die Umpassa-Leute waren nun aber mit ihrer Ablöhnung nicht zufrieden, da, anstatt wie es richtiger gewesen wäre jedem einzelnen den Lohn auszuzahlen, dem Fumo der ganze Betrag überreicht wurde, der je nach Belieben seinen Leuten für ihre Arbeit entweder nichts oder nur wenig abgab. So war die Folge, daß wir es nun auch mit diesen gänzlich verdorben hatten und die vorher schon getroffene Verabredung, daß am selben Abend noch 20 Mann mit Herrn v. Eltz nach Chilomo abgehen sollten, wurde nun ihrerseits nicht eingehalten, so mußte derselbe, nur begleitet von einigen Suaheli, ohne Träger und Maschilla-Leute aufbrechen.
Die Feldbahn, als praktisches Transportmittel, steht ihre Verwendbarkeit außer Frage, selbst auf solchem Terrain, wie wir es zu durchziehen hatten; können nur die Bedingungen — annähernd genügende Menschenkraft, dazu der benöthigte Proviant — erfüllt werden, ist viel damit zu erreichen, der Führer nicht an die Zeit gebunden, kann dann die Kräfte seiner Mannschaft schonen, und langsam zwar, aber sicher zum Ziel gelangen. Verurtheilt, für voraussichtlich längere Zeit ein einsames Lagerleben hier zu führen, mußte ich zunächst darauf bedacht sein, für die Europäer eine einigermaßen sichere Unterkunft zu beschaffen, was in gänzlicher Ermangelung von Zelten — für mich war nur ein kleines vorhanden — nicht so leicht war, da wir an einen Aufbau von Hütten nicht denken konnten, weil der Wald zu weit und auch Arbeitskräfte fehlten. Man lernt aber in Afrika den Umständen Rechnung tragen und Noth macht erfinderisch, dazu, gewöhnt ein schützendes Dach schon als einen Vorzug zu betrachten, ist man in der Wahl eines solchen nicht gerade sehr penibel, sondern begnügt sich mit dem denkbar einfachsten, sofern es nur Schutz gegen Sonnengluth und Regen bietet. In dieser Hinsicht mußten wir uns denn auch zu helfen suchen so gut es gehen wollte.
Die bereits erwähnte längs dem Ufer liegende Bananenanpflanzung war das einzige schattenspendende Objekt weit und breit, und dieses benutzend, wurden einige entleerte Wagen in dieselbe hineingeschoben, darüber von Seitenwänden provisorische Dächer errichtet, diese mit wasserdichtem Tuch überdeckt, war unter den breiten Blättern der köstlichen Bananenpflanzen ein idyllischer Aufenthalt fertig gestellt.
Anfänglich war auch die Jagd noch ergiebig und mancher Busch- oder Wasserbock wurde in das Lager gebracht, sodaß zeitweise Ueberfluß an Fleisch im Lager vorhanden war. War aber mal ein Warzenschwein erlegt worden, überließ ich die Beute, bis auf die besten Stücke, dem Fumo Tengani, weil die Suaheli und Bacharias als Muhamedaner solches nicht essen, hoffend dadurch ein besseres Verhältniß zwischen uns und den Bewohnern wieder[S. 100] herstellen zu können. Allein es ist sehr schwer das einmal verlorene Zutrauen dieser einfachen Menschen wieder zu gewinnen. Es wollte sich trotzdem keiner bewegen lassen auch nur für kurze Zeit bei uns zu arbeiten; gleichen Mißerfolg fand ich überall, so weit ich auch meine Leute in die näheren oder entfernteren Dörfer senden mochte.
Später wurde unsere Lage bedenklicher, als Mangel an Proviant, Mtamamehl und Bataten eintrat, und tagtäglich 4 bis 6 Mann ausziehen mußten, um aus weitentlegenen Dörfern das Nöthigste für die noch über zwanzig Köpfe zählende Mannschaft heranzuschaffen. Dazu kam auch noch das Fleisch in Fortfall, weil das Wild schließlich scheu geworden und demselben nicht mehr so leicht beizukommen war. Es hatten sich auch, durch erlegtes Wild angelockt, Hyänen und Leoparden eingefunden, die nächtlicher Weile das Lager absuchten und uns freihängendes Fleisch verschiedene Male raubten.
Das Jui-i — Jui-i der Hyänen, welches man als das Lachen dieses widerlichen Thieres bezeichnet, ist in stiller Nacht keine angenehme Musik, dabei aber so durchdringend, daß man stets davon aus dem Schlafe auffährt und sich versucht fühlt dem nächtlichen Störenfried, der unheimlich leise zu schleichen versteht, eine Kugel auf das Fell zu brennen — wenn sie sich nur beikommen ließe — was uns später nur ein einziges Mal gelang. Ich hatte die Erfahrung gemacht, es sei nicht immer wohlgethan mit mehreren Begleitern auf Jagd zu gehen, weil beim Erscheinen Mehrerer das Wild stutzig wurde und abging; man nahm die Leute auch nur darum mit sich, um etwa erlegte Thiere fortzubringen, da es schwer hält im wegelosen Wald einen bestimmten Ort wieder zu finden. Aus diesem Grunde machte ich mich eines Sonntag Morgen sehr früh auf den Weg mit dem festen Vorsatz Wild zu schießen, es sei was es sei; denn der Mangel im Lager war recht fühlbar geworden, da seit nahezu einer Woche kein frisches Fleisch mehr zu erhalten gewesen war und selbst die ausgesandten Leute nur wenige Hühner hatten aufkaufen können. Ehe im Urwald der Tag noch recht zum Durchbruch gekommen, war ich schon sehr weit vorgedrungen, indes alles vorsichtige Spähen war nutzlos, wo sonst auf den rasengleichen Grasflächen im weiten Walde meistens immer Riedböcke etc. zu finden waren wollte heute kein Thier sich zeigen, nur wilde Tauben und Perlhühner, oft genug schußgerecht, lenkten durch ihr Locken und Schreien die Aufmerksamkeit auf sich. Aber ich wollte mir nicht voreilig Großwild, das noch ungesehen auf irgend einer nahen Lichtung stehen konnte, verscheuchen, war solches doch stets zu finden, wenn auch nicht immer zu erlegen gewesen.
Langsam durch den Wald dahingehend, achtete ich nur darauf, daß ich die einmal eingeschlagene Richtung auch innehielt und[S. 101] hatte ich fast den eigentlichen Zweck vergessen, denn bald hier, bald dort unter den gewaltigen Bäumen, Nüsse oder sonstige Früchte sammelnd, zogen die mächtigen vereinzelt stehenden Schirmakazien und andere unbekannte Arten, sowie der reiche Pflanzenwuchs meine Aufmerksamkeit von der Thierwelt ab, bis ich plötzlich zwischen den lichteren Bäumen Wild sich bewegen sah. Es war ein stattlicher Wasserbock, der auf Vorposten äsend, meine Annäherung noch nicht bemerkt hatte, und wohl wissend, wie schwer es ist, gerade solchem Thiere beizukommen, schlich ich mich vorsichtig von Baum zu Baum, bis auf etwa 100 Meter heran. Im selben Moment aber, als das laute Echo des Schusses durch den Wald hallte, brachen dicht bei mir zur Linken aus einem weiten Grasgebüsch mehr als 30 Stück Wild heraus, die auf kurzer Distanz verdutzt stehen blieben und mich anäugten; erst der zweite Schuß brachte sie in Bewegung, und im Nu waren sie fort.
Das zweite Thier, das schnell verendete, ließ ich liegen — an ein Fortschaffen war ja nicht zu denken — und folgte dem ersten, aber trotz der Blutspur bemühte ich mich vergeblich die Beute zu erreichen. So weit ich auch durch Dick und Dünn dem Thiere nacheilte, hatte doch die schnellfüßige Antilope einen zu großen Vorsprung gewonnen; schließlich als ich die Verfolgung aufgab und mich recht besann, war ich in ein solches Urdickicht gerathen, wo jede Orientierung aufhörte. Ich fand jedoch bald einen Wildpfad, verfolgte diesen bis ich eine Grasfläche erreichte, wo es möglich war die Sonne zu sehen, um nach ihrem Stande die annähernd rechte Richtung zu wählen, welche zum Schirefluß zurückführen könnte.
Jede Lust zum Jagen war mir vergangen, obgleich ich eine Wildkatze, auch einzelne Kudus, die größte Antilopenart, und eine kleine Büffelheerde zu Gesicht bekam. Erst als ein Volk Perlhühner, etwa 40 Stück mir vor die Flinte kam, schoß ich wieder, fand aber im hohen Grase und dichten Unterholz keins der Thiere, weil sie gar zu flink im Gebüsch verschwanden, wohin ich nicht folgen konnte; sie sind nur zu erlangen, wenn sie unter Feuer liegen bleiben.
Sieben Stunden schon wanderte ich ohne Wasser und Proviant, der Wald wollte mir endlos scheinen und wäre ich nicht überzeugt gewesen, daß ich recht gegangen war, der aufsteigende Zweifel hätte mich leicht irreleiten können. Endlich aber sah ich doch durch die Walddämmeruug, rechts voraus einen hellen Schimmer, der ein Ende dieses mächtigen Reviers anzudeuten schien und vorwärts strebend, fand ich mich bald am Rande einer scheinbar endlosen Grasebene. Rechts oder links nun wenden, das war die nächste Frage — doch die weite Einsamkeit gab hierüber keinen Aufschluß, darum auf gut Glück die bisherige Richtung inne haltend, bahnte ich mir einen Weg durch das übermannshohe[S. 102] Schilfgras, das gleich einer lebenden Mauer mich umschloß, keine Fernsicht noch Ausblick weiter gestattete, als nur das blauweißlich schimmernde Himmelszelt, wo die Lichtfluth das Auge blendete.
Nach längerer Zeit traf ich unerwartet auf einen Wildpfad, der Spuren vorübergegangener Zebras aufwies und da diese noch frisch, verfolgte ich sie in entgegengesetzter Richtung in der Voraussetzung, daß die Thiere von der Tränke gekommen sein mußten. Ich hatte mich auch nicht getäuscht, denn bald traf ich auf diesem Pfade dichtes Ufergebüsch an, daß sich erst lichtete, als ich eine Art Graben erreicht hatte, der aber so überwuchert war, daß es einzig nur für Thiere möglich schien, hindurchzudringen.
Wohl hätte ich am Ende des dunklen Ganges leicht Wasser finden können, wenn ich mich hindurch hätte winden wollen, aber ohne ein Mittel dieses zu schöpfen, scheute ich mich auch dort Wasser zu trinken, wo allnächtlich der Panther, Hyäne und andere Thiere zur Tränke kamen; mehr noch ließ mich die Unheimlichkeit des Ortes davor zurückschrecken, da unvorbereitet, eine Begegnung mit einer gefährlichen Katze keine besondere Annehmlichkeit ist, wie ich es im Somali-Land bei Kismaju erfahren mußte, wo ich mit einem Begleiter, anstatt Menschen zu finden, die uns und die Gefährten in bitterer Noth helfen sollten, im dichten Gebüsch einen sprungbereiten Panther antraf, und hätte nicht ein glücklicher Zufall das blutdürstige Raubthier verscheucht, würde ein Angriff dieser Katze doch wohl einen bedenklichen Ausgang genommen haben.
Den quälenden Durst bezwingend, wandte ich mich zunächst flußaufwärts und erkämpfte mir sozusagen Schritt vor Schritt einen Weg durch das dornige Dickicht, um zum Flusse zu gelangen, hoffend, daß es mir gelingen würde irgendwo doch noch Wasser zu erreichen; aber wie unglaublich schwierig es ist im glühenden Sonnenbrand durch solches Gestrüpp sich zu winden, kann man nur nach persönlicher Erfahrung beurtheilen. Endlich stand ich am Ufer, das aber überall steil abfiel und nirgends einen Zugang zum Flusse bot; ich sah unter mir nur Rohr und dichtes Schilfgras, welches die Wasserfläche weithin bedeckte, so daß, hätte ich auch herankommen können, dieses dem Fuße keinen Halt geboten haben würde, um zum fließenden Wasser zu gelangen.
Vergeblich also war alles Mühen gewesen — so nahe dem erquickenden Naß und doch so unerreichbar — da entschloß ich mich, um die Qual zu lindern, eine im Urwald gefundene Frucht, von breitästigen gewaltigen Bäumen, ähnlich einer Citrone, goldgelb und saftig, anzuschneiden und diese zu versuchen; allein kaum hatte der Saft die Lippen berührt, als sie, wie mit einer ätzenden Flüssigkeit besprengt, sofort entsetzlich an zu brennen fingen und zu dem qualvollen Durst kam noch der entsetzliche Schmerz! Nun fast völlig ermattet, suchte ich am Rande der Grasebene fortzukommen, in der Voraussetzung, daß das Lager flußaufwärts[S. 103] liegen müsse. Doch nach einiger Zeit kamen mir ernste Zweifel, ob ich wohl die rechte Richtung eingeschlagen hätte, da in dieser Wildniß nichts einen Anhaltepunkt abgab, und die schwerwiegende Frage war, flußaufwärts- oder -abwärtsgehen. Ein langes Besinnen in solcher Lage konnte nur von Nachtheil sein und Wankelmuth irreleiten, darum, ob falsch oder recht, weiter ging ich, das Gewehr als Stütze benutzend, denn die sonst leichte Last lag wie ein Centnergewicht schon auf den Schultern.
Bald sah ich auch eine kleine kultivirte Fläche Landes, die darauf hindeutete, daß in nicht allzu großer Entfernung menschliche Wohnungen zu finden sein müssen, ich fand auch nach näherer Untersuchung im Gebüsch verborgen eine kleine Wärterwohnung, die zur Zeit, wenn solche abgelegenen Felder bestellt werden von einigen Leuten bewohnt wird, um Nahrung suchende Flußpferde, welche mit Vorliebe solche Aecker nächtlicher Weile verwüsten, durch Lärm zu verscheuchen, jetzt aber unbewohnt war. Indessen war ich doch froh die Gewißheit zu haben, nicht irre gegangen zu sein, und einen in der Nähe stehenden verkrüppelten Baum erkletternd, gelang es mir über die Gebüsche hinweg Umschau zu halten. Ich erkannte in einiger Entfernung eine Vorrathskammer der Eingebornen und strebte derselben zu, hoffend, daß ich die würde erklimmen können, um mich dann besser zu orientiren, wo ich mich eigentlich befände. Es sind dieses etwa 15 Fuß hohe aus einfachen Baumstämmen aufgeführte Gerüste, auf welchen die Bewohner eines Dorfes in großen runden Korbgeflechten, mit einem ebensolchen Dache versehen, ihren Vorrath an Getreide, Mtama und Mais aufbewahren; namentlich in Gegenden, wo es vorkommt, daß der Fluß in der Regenzeit Alles überschwemmt und die Menschen dann Dörfer und Hütten den Elementen preisgeben müssen. Durch diese Bauten, die stets in solchem Falle noch mit Canoes zu erreichen sind, schützen sie sich vor Hunger und Noth.
Das Erklettern des Gerüstes war trotz der körperlichen Abspannnng nicht so schwer, doch über die vorstehende Plattform konnte ich erst nach mehreren Versuchen und Aufbietung aller Kraft gelangen; schließlich oben angelangt, hatte ich die Genugthuung, weite Umschau über den wie einen Silberstreifen sich hinschlängelnden Fluß und über die wilde Gegend in ihrer sich gleichbleibenden Monotonie, halten zu können.
In weiter Entfernung flußaufwärts glaubte ich denn auch eine bekannte Baumgruppe zu erkennen unter welcher ich einst nach mühseligem Marsch Rast gehalten hatte und die vor dem Dorfe Umpassa liegen mußte. Soweit nun orientirt, machte sich das Verlangen nach Nahrung geltend, die unmittelbar neben mir in Mengen lagerte, aber um einen Maiskolben zu erlangen, hätte ich das Geflecht zerschneiden müssen, ein Versuch, das Dach zu heben, war mißlungen; dieses jedoch mochte ich nicht thun und den Besitzer[S. 104] so schädigen, dem sicher an ein Paar Maiskolben nichts gelegen war, der aber später durch Vögel und namentlich Ratten einen beträchtlichen Schaden erlitten hätte. Herabgestiegen, nahm ich die beschwerliche Wanderung durch das wegelose Gras in heißer Sonnengluth wieder auf, bis ich endlich einen Fußpfad fand, auf welchem ich nach halbstündigem Wandern das Dorf erreichte.
Recht auffallend war die Ruhe im Dorfe, als sich weder Mann, Weib, noch Kind sehen ließen; erst nach längerem Suchen kam ein altes Mütterchen zum Vorschein, das mir auf Verlangen in einer Kürbisschale das langentbehrte Wasser geben konnte. Nach der Ursache, wo die Einwohner abgeblieben seien, brauchte ich nicht zu forschen, denn inzwischen hatte ich vom Lager herübertönend, wildes Geschrei und Halloh vernommen, welches mich veranlaßte, so schnell als es noch gehen wollte hinüberzueilen, um die Veranlassung kennen zu lernen.
Zum Ufer gekommen, bot sich mir an der Stelle, wo gewöhnlich die Frauen vom Dorfe Wasser schöpften, etwas unterhalb des Lagers, ein Anblick dar, der würdig gewesen wäre von der Hand eines Malers aufgenommen zu werden. Ich traute meinen Augen kaum; auf einem gewaltigen, noch halb im Wasser liegenden Flußpferde tanzten die schwarzen Gestalten herum, während einige meiner Leute mit langen Buschmessern die Hinterschenkel des Kolosses abzutrennen suchten; die Eingebornen aber, in Ermangelung solcher Instrumente, mit ihren Speeren die dicke Haut aufzuschneiden und Fleisch zu erlangen sich bemühten. Bald erfuhr ich auch, daß es dem Zimmermann Ottlich gelungen war einem mitten im Flusse auftauchenden Flußpferd einen tödtlichen Schuß beizubringen und, ehe das Thier in die Tiefe sinken konnte, von kühnen Eingebornen, die sich mit einem Canoe herangewagt hatten, mit einem starken Tau ans Land geholt worden war. Fünfzig Mann waren aber nicht imstande gewesen den gewaltigen Fleischklumpen höher das Ufer hinauf zu schaffen, sodaß mit der Zerlegung in der erwähnten Weise begonnen werden mußte, und, da die Europäer nach dem Fleische eines Cibokos kein Verlangen trugen, hatten sie es außer dem bereits abgetrennten Kopf den Leuten und Eingebornen überlassen.
Der Stärkung vor allem bedürftig, glich eine Mahlzeit, bestehend aus Biscuits und Sardinen, das zehnstündige Fasten wieder aus, und nachdem einige Leute nach der im Walde erlegten Antilope ausgesandt waren, denen ich noch möglichst genaue Weisung gab, wo das Thier zu finden sein würde — ich hatte nämlich bis zu jenem Orte, am zurückgelegten Wege, wo Büsche standen, hin und wieder kleine Zweige als Merkzeichen niedergebrochen, die einmal aufgefunden, den Leuten nicht entgehen und sie zur betreffenden Stelle hinführen würden — beschloß ich dem Streite ein Ende zu machen.
[S. 105]
Ich sagte dem Fumo Tengani, der nicht minder eifrig wie alle Uebrigen bestrebt war sich einen Antheil am Fleisch des Thieres zu sichern, er und seine Leute würden alles unter sich theilen dürfen, wenn er mir dafür zusichert, sobald der erste Leichter ankommt, ein Dutzend Arbeiter gegen Bezahlung zu stellen, die nöthigenfalls wenigstens bis Chilomo mitgehen müßten; auch gelegentlich Boten geben wolle, welche ich nach dorthin oder Port Herald zu senden haben würde. Billig genug war das Verlangen, auch in Anbetracht der großen Gabe, von welcher zu eigenem Gebrauch verhältnißmäßig wenig genommen wurde, nicht zu viel verlangt. Ich ersah auch aus der hier versammelten Anzahl Dorfbewohner, daß die bisherige Ausflucht des Häuptlings »er habe keine Mannschaft« leere Redensart gewesen war.
Besonders hierauf hinweisend, ging er denn auch auf die gestellte Bedingung ein und überzeugt, daß im Lager überreichlich Fleisch vorhanden war, überließ ich bis auf die werthvolle Haut, die sauber dem glücklichen Schützen abgeliefert werden mußte, den Eingebornen das Thier. War aber vorher schon Zank und Streit bei der Zerlegung gewesen, war das Kämpfen um Mein und Dein bald nachher nicht mehr hübsch anzusehen; eine Begierde die an Habsucht grenzte, machte jeden auf den andern neidisch, dem es gelungen war ein besseres Stück Fleisch zu erlangen. Toll war es, wenn die Weiber sich die von den Männern zugetragenen Eingeweide gegenseitig entrissen, sie kämpften darum bis die Siegerin mit der Beute entfloh, um sobald diese in Sicherheit gebracht war, sogleich wieder auf dem Schauplatz zu erscheinen, damit sie sich einen neuen Antheil sichern konnte. Bis weit in die Nacht hinein — das frische Fleisch wurde sogleich an hellen Feuern gebacken — schallte das Lärmen zum Lager herüber; man hätte meinen können, die Theilnehmer am Gelage lägen sich fortwährend in den Haaren. Am anderen Morgen war aber auch nicht das Geringste von dem mächtigen Thiere übrig geblieben, nur vereinzelte Knochen und die sauber ausgeschrapte Haut.
Uebrigens labten wir Europäer uns nicht minder an einem Wildbraten, wozu der von den ausgesandten Leuten glücklich aufgefundene Buschbock das Nöthige lieferte; ich glaube das Flußpferdfleisch hätte im anderen Falle uns schadlos halten müssen! —
Wenige Tage später traf Brückner mit seinem Leichter beim Lager ein, hatte aber so wenig Leute bei sich, daß ich mich genöthigt sah ihm Ersatz zu verschaffen, damit es ihm möglich werde gegen den Strom fortzukommen. Gleicherzeit brachte er die Nachricht, der Major sei schon von Katunga aufgebrochen und habe wahrscheinlich mit seinen Lasten bereits das Schiregebirge überschritten, aber auch die traurige Kunde, daß der Kesselschmied Wedler, bisher sein Assistent, durch den heftigen Anprall seines Fahrzeuges gegen das Ufer sehr schwer verletzt sei; derselbe habe[S. 106] sofort von seinen Leuten nach Blantyre gebracht werden müssen, wo vermuthlich noch unser Expeditionsarzt Dr. Röver anzutreffen war, wenn nicht, ein englischer Missionsarzt sich des Verletzten annehmen könnte.
Es muß jedoch für den Verunglückten eine Höllenqual gewesen sein vier Tage lang in einer Maschilla zu liegen, ehe ihm Linderung und Hilfe zu Theil wurde.
Die Ankunft des Leichters gab mir Veranlassung, den Fumo Tengani laut getroffener Verabredung um Stellung einer Anzahl Leute anzugehen, aber ich sollte abermals die Erfahrung machen, daß Zusagen und Versprechungen bei den Eingebornen wenig Geltung haben und erst nach langen Verhandlungen bewog die Drohung, er würde im Weigerungsfalle bei dem englischen Administrator Mr. Hiller in Chilomo angezeigt werden, ihn, mir zehn Mann zu stellen, zu mehr wollte er sich nicht bewegen lassen; ich war aber auch mit dieser Zahl zufrieden, wenigstens konnte der Leichter expedirt werden.
Ein ähnlicher Fall trat eine Woche später ein. Wißmann war nämlich mit seinem Fahrzeug in Chilomo eingetroffen, und wie jedesmal, seine Leute desertirt, er hatte nur noch vier Suaheli Bacharias bei sich mit denen es unmöglich war die Fahrt fortzusetzen. Da in Chilomo absolut keine Leute zu bekommen waren, hatte ich nun auch Ersatz zu schaffen, war vielmehr dazu verpflichtet, als mir mit einem Eilboten von Katunga aus die Nachricht von v. Eltz zugegangen war, daß mir vorläufig der Befehl über die ganze Transportexpedition übertragen sei.
Ich wandte mich nun zunächst nach Port Herald und bat um einige zwanzig Mann; der Bescheid aber, den ich erhielt, ließ mich erkennen wie aussichtslos eine solche Bitte gewesen und wie wenig geneigt man dort war uns noch zu unterstützen, was selbstverständlich nur darauf zurückzuführen war, daß die früher gestellten und desertirten Leute sich bitter über uns beschwert hatten. Es spielt das Schicksal aber doch oft wunderbar im Menschenleben! — Hätte jener Mr. Steavenson, an den ich mich gewandt hatte, wohl ahnen können, daß ein Deutscher ihm später das Leben erhalten sollte, zu einer Zeit, als er schwer verwundet in meiner Hütte lag! überhaupt meine Unterstützung ihn und seine Gefährten aus höchst bedrängter Lage erst befreite, jedenfalls würden dann seine Entschließungen anders ausgefallen sein.
So sah ich mich denn genöthigt nochmals den Häuptling Tengani dringend um Unterstützung zu ersuchen, obgleich ich voraussetzen mußte, daß im Nothfalle erst Zwangsmittel in Anwendung kommen würden, ehe er sich dazu verstehen würde; ich bekam aber im Dorfe solchen Bescheid, wie ich ihn nicht erwartet hatte. Kurzweg abgewiesen, ließ mir der Fumo sagen: sind die Leute, welche er mir bereits gegeben erst wieder in ihrem Dorfe[S. 107] angelangt, und nicht wie er vermuthe, gezwungen worden weiter zu gehen, dann wolle er wieder mit dem weißen Manne verhandeln. Eine gewisse Berechtigung hatten die vorgebrachten Gründe, als ich selbst voraussetzen mußte, die zehn Mann seien mit Brückner weiter gegangen, daß dieses indes freiwillig geschehen, wußte ich ebenso gut. Ich hatte nämlich Anweisung gegeben, die Leute wegen ihrer Ablöhnung zu mir zu schicken, auch hätte es diesen jederzeit frei gestanden zu gehen, wenn sie gewollt hätten.
Auf gütige Einigung war also nach einer solchen Abweisung nicht mehr zu rechnen; daher wandte ich mich nothgedrungen an den englischen Administrator in Chilomo und bat nach Klarlegung der Verhältnisse, dem Fumo Tengani die Anweisung zu geben, mir die benöthigte Anzahl Leute zu stellen, denn der nebenbei gemachte Vorwand, die Bewohner müssen jetzt ihre Aecker bestellen, war nichtig, insofern, als die Frauen diese Arbeit verrichteten und die Männer nur höchst selten zu einer Handreichung sich bequemten.
Die wenige Tage später eingetroffene Antwort, von zwei Askaris (Soldaten) überbracht, informirte mich dahin, daß die als Polizei fungirenden Leute sich mit dem Häuptling in Verbindung zu setzen haben und diesen verlassen werden, da er als widersetzlich bekannt war, aus seinem oder den nächstliegenden Dörfern mir Leute zu geben, andernfalls haben die Soldaten Auftrag, den Fumo mit nach Chilomo zu führen, was er aber umsomehr vermeiden wird, als es ihm bekannt ist, daß er dann nicht straflos ausgeht. Ich glaubte daraufhin nun ein leichtes Spiel zu haben, da ich durch die englisch sprechenden Leute meine Wünsche übermitteln lassen, also kein Mißverständniß entstehen konnte.
Es war indes mit dem alten Fuchs nichts anzufangen; er sagte wohl nach langem nichtssagenden Verhandeln zu, Leute zu bringen, sandte auch einige Mann in das Lager, wurde aber dann darauf gedrungen, die bestimmte Anzahl endlich zu senden, machte er allerlei Einwendungen und Ausflüchte, so daß es wirklich eine Geduldsprobe war, diese mit anzuhören, und wollte man sich nicht selber schädigen, indem durch seine Abführung jede weitere Verhandlung aufhörte, mußte gewartet werden. Am zweiten Tage, Sonntag den 20 Nov., der Leichter war zur Abfahrt bereit, ging ich gegen 9 Uhr Morgens in das Dorf mit dem festen Vorsatz der Sache nun ein Ende zu machen, entweder der Häuptling gab die versprochenen Leute oder die Soldaten sollten ihn ohne weiteres nach Chilomo bringen. Von nichts unterrichtet, (die Askaris hatten mir nur die Mittheilung gemacht, es seien die Eingebornen zu einem großen Schauri versammelt) fand ich im Dorfe eine unerwartet große Anzahl Männer vor, zusammengerufen von dem Fumo, die wie aus dem Verlauf der Verhandlung ersichtlich wurde, sich zu einem großen Protest gegen das Vorgehen der Europäer[S. 108] hier eingefunden hatten. In die Mitte der Männer tretend, die alle im weiten Kreise am Boden hockten, wandte ich mich der Berathungshütte und den Aeltesten zu, dabei wollte es mir scheinen, als würden unter dem lauten Gemurmel so vieler Stimmen drohende Zurufe ausgestoßen, das erst auf das Geheiß der an meine Seite getretenen bewaffneten Askaris verstummte. Mir that es fast leid allein und waffenlos gekommen zu sein, durfte nun aber durchaus nicht zeigen, daß ich irgend welche Besorgniß hegte, mußte vielmehr dem Kommenden furchtlos entgegentreten, um Herr der Situation zu bleiben.
Eingeleitet wurde sodann das Schauri mit der Verlesung jener Verfügung, die Bezug hatte auf die Stellung von Leuten, und im Weigerungsfalle auf die Abführung des Fumo. Darauf ließ ich erklären, daß keiner glauben solle, er müsse umsonst arbeiten oder werde gezwungen weiter mitzugehen als er sich verpflichtet habe; ein Jeder erhalte den ausbedungenen Lohn, sobald er zurückkehre. Nachdem nun noch lange hin und her gesprochen worden war, wovon ich so gut wie nichts verstand, nur den Sinn des langen Geredes durch die verhandelnden Askaris erfahren konnte, erhob sich plötzlich aus der Mitte der Vornehmen und Häuptlinge ein mir bereits bekannter Sprecher und legte mit lauter Stimme seine Ansichten dar; doch schließlich hatte er sich so in Extase geredet, daß sein Sprechen nur noch ein Schreien war, erst als er sich beruhigte, erfuhr ich, um was es sich eigentlich gehandelt hatte. Solche Redner, meistens Medizinmänner, üben einen großen Einfluß aus, deren Rathschläge gewöhnlich befolgt werden und manche unheilvolle That wird daraufhin ausgeführt. Sie versetzen ihre Zuhörer in Wuth der Begeisterung, die dann den Worten unmittelbar die That folgen lassen, ob diese verhängnißvoll ist oder nicht; Ueberlegung kennt der Neger in solchen Momenten nicht mehr.
Gutes war es sicherlich nicht, was dieser Medizinmann seinen aufmerksamen Zuhörern verkündigte, und wer hätte die Folgen absehen können, wenn sein Einfluß die volle Wirkung erlangt hätte! Es war für mich vielleicht ein Glück, daß die Askaris den Ausführungen des wüthenden Redners energisch Einhalt geboten hatten, sogar die Waffen erhoben, als er nicht Folge leistete, woraus ich schließen konnte, die Situation sei schon recht bedenklich geworden. Als er aber zur Ruhe gewiesen wurde, erhob sich ringsum ein drohendes Gemurre, welches die Soldaten anfänglich Mühe hatten zu beschwichtigen.
Darauf erfuhr ich in kurzen Worten den Sinn der langen Rede, nämlich: die weißen Männer kommen in das Land und nehmen was ihnen beliebt, führen große Kriegsschiffe und Boote auf den Fluß, haben viele schwere Lasten, welche die Bewohner müssen transportiren helfen; dazu wird der schwarze Mann dann noch gezwungen sein Dorf zu verlassen und weit mit dem Europäer[S. 109] zu gehen, der ihn noch obenein schlecht bezahlt und behandelt!
Es ist nicht schwer sich hierzu die weiteren Ausführungen des erregten Mannes, der seine Erfahrung aus dem Vorgehen der Portugiesen und Engländer geschöpft, auch nicht so Unrecht hatte, denken zu können, wie immer aber, so war es auch hier der Fall, der Bewohner dieses Landes kann sich keine Vorstellung davon machen, daß die wenigen in sein Land gekommenen Weißen verschiedenen Nationen angehören sollten; sieht er doch bei allen das gleiche Bestreben, daß diese auf seine Kosten sich Vortheile verschaffen, ihm seinen ungeheuren Besitz nehmen und in seiner Freiheit beschränken. Er dehnt also seinen Haß und Abneigung auf alles aus was fremd heißt, indem er es nicht begreift und versteht, wie eine Handvoll weißer Männer verschiedenen Völkern angehören kann, da jeder Portugiese und Engländer, gleichviel, ihm klar zu machen sucht, daß hinter jedem ein mächtiges Volk steht, in dessen Namen er Besitz ergreift und das ihn schützt.
Sogleich ließ ich der Versammlung durch den Dolmetscher erklären, daß wir Deutsche nicht mit unsern Lasten hierher gekommen sind, um ein Schiff zu bauen oder gar hier im Lande zu bleiben, sondern wir gingen weit von hier zu dem großen Nyassa-See und kommen nie mehr zurück, alle aber wüßten auch, daß wir viele und schwere Lasten haben, welche wir nicht tragen können, darum sollen sie uns nur kurze Zeit helfen um von hier fortzukommen, und wer es thut, wird gut bezahlt.
Nach dieser Verkündigung herrschte momentan tiefes Schweigen — dann aber erhoben sich wieder viele Stimmen, die im wirren Durcheinander das Gehörte diskutirten. Mir indes wurde die Sache schließlich zu bunt, und so erklärte ich dem Häuptling rundweg, wenn er mir bis die Sonne am höchsten stehe keine Leute gegeben habe, gehe er unbarmherzig nach Chilomo. Dieser gab denn auch, nachdem er den Ernst dieser Erklärung und jede fernere Weigerung als nutzlos eingesehen hatte, eine bestimmte Zusage; ich aber verließ unbehelligt die Versammlung, um im Lager das Weitere abzuwarten.
Um 3 Uhr Nachmittags kam der Fumo mit 9 Mann und versicherte, daß am Wege nach Chilomo weitere acht zu diesen stoßen würden; er gab auch den Soldaten genau Anweisung an welchem Orte dies geschehen würde. Nachdem ich noch die Askaris für ihre Mühe belohnt hatte, versprachen sie die Kolonne sicher im Lager von Chilomo abzuliefern.
Die Veranlassung zur Uebergabe des Kommandos an mich war dadurch gegeben, daß von Eltz nach Blantyre zum Major gerufen wurde. Der Grund dazu war, eine endgültige Entscheidung über die hochwichtige Frage zu treffen, ob es noch möglich sein würde die Expedition, wie vorerst geplant, noch nach dem Tanganjika-See[S. 110] zu führen, oder den Nyassa-See als Endziel zu betrachten; hatten sich doch bisher uns solche Schwierigkeiten in den Weg gestellt, daß zu befürchten war, das Schiffsmaterial, namentlich die werthvollen Maschinentheile, würden einen vermuthlich noch über ein Jahr währenden Transport nicht mehr aushalten, wenigstens durch den Einfluß der Witterung, die Eisen in den Tropen rasch angreift, beträchtlich geschädigt werden. Ein Gutachten hierüber und über die Möglichkeit eines längeren Transportes von mir eingefordert, konnte ich dieses nach bestem Wissen nur dahin beantworten, daß es, nach der Beschaffenheit des Materials zu urtheilen, wünschenswerth erscheine, den Dampfer schon am Nyassa-See zu erbauen; ein Durchführen der Expedition aber bis zum Tanganjika schließlich das Ergebniß haben könnte, aus stark mitgenommenen Beständen das Schiff erbauen zu müssen.
Bedenkt man, mit welchen Schwierigkeiten wir bisher schon zu kämpfen gehabt hatten, wie überaus gegen alle Erwartung langsam die Expedition hatte vordringen können, so mußte die Voraussetzung, die Hindernisse könnten noch viel größer werden, volle Berechtigung finden, und nach dem Vergangenen zu urtheilen, das Endziel, der Tanganjika, in weiter Ferne gerückt erscheinen.
Es scheint, daß Major von Wißmann seinen anfänglichen Plan die Expedition über die Schirefälle zu führen nach näherer Erkundigung über den Weg, den einst Livingstone genommen, hat aufgeben müssen und den vielleicht schwierigeren über das Gebirge deshalb gewählt hat, weil die Trägerfrage in dieser Zeit eine heikle geworden war. Blantyre freilich war ein starker Stützpunkt, als Uebergangstation gedacht, allein eine gewisse Abhängigkeit von den Engländern damit auch verbunden, insofern als das Trägermaterial zum großen Theil ihnen zur Verfügung stand, wodurch den Unterhändlern ein großer materieller Vortheil erwachsen mußte.
Aus unserer Verlegenheit Nutzen zu ziehen, waren die Herren Engländer gern bereit, hatten doch schon vorher ein Portugiese und auch ein einflußreicher Händler in Chilomo sich erboten, hunderte von Leute zu stellen, aber die überaus hochgeschraubten Bedingungen waren für die Kasse der Expedition denn doch ein wenig zu weit gegriffen. —
Die geschilderten Vorgänge brachten in der Einförmigkeit des Lagerleben immerhin eine, wenn auch nicht gerade angenehme Abwechslung, die in gewisser Beziehung etwas anregend wirkte, zumal das lange Warten auf die Leichter, welche uns von hier erlösen sollten, auf die Dauer doch langweilig wurde. Für eine tägliche Beschäftigung sorgte ich zwar schon aus dem Grunde, damit die Unthätigkeit nicht eine üble Angewohnheit würde, zu welcher die menschliche Natur in dieser heißen Gegend große[S. 111] Neigung zeigte; die große Hitze bedingt schon an und für sich eine körperliche und geistige Erschlaffung, gegen welche das Muß ein vorzügliches Radikalmittel ist.
Nach des Tages Gluth waren die kühleren Abendstunden eine wahre Erholung, gewöhnlich saßen wir am Ufer unter den breitblättrigen Bananen und schauten in die vorüber rauschenden Fluthen des Schire oder sahen dem Leben und Treiben der Negerkinder zu, die entweder Fische fingen oder mit wildem Geschrei sich auf flacheren Stellen im Wasser tummelten, gerade als wäre bei solchem übermüthigem Spiel durchaus keine Gefahr vorhanden. Verschiedentlich hatte ich die kleine Gesellschaft schon fortgewiesen, auch die älteren auf die mögliche Anwesenheit eines mamba (Krokodils) aufmerksam gemacht, indes, dann suchten sie sich einen anderen Tummelplatz in der Nähe aus, um bald wieder, wenn die Luft rein war, zurückzukehren.
Wir hatten während der ganzen Zeit unsers Hierseins selten nur ein vorüberschwimmendes Krokodil bemerkt, und zeigte sich mal eins schußgerecht, wurde dem Thier das Wiederkommen verleidet; doch ausgeschlossen war es nicht, daß sich solch' ein Räuber im Schilfgrase verborgen hielt, um eine günstige Gelegenheit mit Geduld abzuwarten, und mit einer köstlichen Beute das Weite zu suchen.
Am Abend des 17. November, ich war von einem kurzen Jagdausflug zurückgekehrt, suchte ich wie gewöhnlich unter den Bananenbäumen einen Ruheplatz und sah von hier dem lustigen Treiben der schwarzen Kinderschaar ein Weilchen zu, die ausgelassen sich im Wasser herumbalgten, Knaben und Mädchen durcheinander. Plötzlich ertönte aus dem Munde eines kleinen Mädchens ein verzweiflungsvoller Schrei, welcher alle anderen Kinder entsetzt auseinanderfahren und zum Ufer fliehen ließ. Sofort aufspringend sah ich noch, wie die in die Höhe geworfenen Arme des Kindes unter dem Wasser verschwanden. Wieder also war durch Unvorsichtigkeit dem tückischen Feinde ein junges Leben zum Opfer gefallen, der, am Strande des Schilfes wohlgeborgen, die Annäherung seiner Beute abgewartet hatte und schnell mit derselben in die Tiefe verschwand.
Das Gerücht, ein Krokodil habe ein Kind geraubt, verbreitete sich unglaublich schnell bis zum Dorfe, von wo sofort lautklagende Weiber und Männer mit Speeren, auch alten Donnerbüchsen bewaffnet, zum Flusse eilten, die dann schreiend und wehklagend am Ufer lange Zeit hin und her wanderten, bis die dunkle Nacht solchem Beginnen ein Ziel setzte. Das Klagen und Weinen konnte man später vom Dorfe her durch die Stille herüberschallen hören, als sollte des Jammerns kein Ende sein.
Am nächsten Morgen wanderten der Vater des geraubten Kindes mit einer alten Feuerschloßbüchse bewaffnet, ebenso die Mutter, die einen Speer mit Leine, ein Wassergefäß, sowie einen[S. 112] grünen Bananenbündel auf dem Kopfe trug, am Ufer auf und ab. Soviel sie aber auch lamentiren und bitten mochten, ihr Kind kam doch nicht wieder, auch der Räuber ließ sich nicht wieder sehen. Uebrigens wird das Unthier nach solcher Beute immer lüsterner, ihm auch durch die Unvorsichtigkeit der Eingebornen der Fang sehr erleichtert, bis die sichere Kugel eines Europäers diesem Räuberleben endlich ein Ende macht.
Zwei Tage lang währte dieser Aufzug. Am dritten versammelten sich alle Weiber des Dorfes am Ufer und stimmten ein unglaubliches Klagegeschrei an, das anfänglich noch in Bitten und Anerbietungen bestand, als alles aber vergeblich war, gaben sie dem Krokodil unter Verwünschungen die denkbar schlechtesten Namen, welche ihre Sprache besitzt und, dann heiser und müde genug vom anhaltenden Schreien kehrten sie in ihr Dorf zurück; den Eltern des Kindes es überlassend, sich so gut es geht über den Verlust zu trösten. Solche Auftritte kommen zu häufig vor, als daß man sie als einen Ausnahmefall betrachten könnte, die Sorglosigkeit der Eingebornen, sowie die Schlauheit der Krokodile führen nur zu oft diese immer wieder herbei.
Jetzt wo allmählich die Regenzeit herannahte, kamen fast alle 8 Tage schwere Gewitter heraufgezogen, die um so heftiger sind, als die Atmosphäre mit Elektrizität geschwängert ist; furchtbar rollt der Donner durch die tiefhängenden schweren Wolkenmassen, der Blitz, gleich glühenden Schlangen, durcheilt das Himmelsgewölbe, einer flammenden Lohe gleich sind ringsum die zuckenden Feuergarben. Die Elemente, welche hier mit furchtbarer Gewalt zum Ausbruch kommen, werden meistens nach kurzer Zeit durch einen heranbrausenden Wirbelsturm, der die gleicherzeit niederströmenden Wassermassen vor sich her über die durstige Erde peitscht, zerstreut. Schnell bilden sich Seen und Teiche an tieferliegenden Orten, auch im ausgetrockneten Flußbett geben schon die fluthenden Wasser eine kleine Idee von dem, was sie sein werden, wenn erst die Regenzeit eintritt und die Schleusen des Himmels sich öffnen.
Mensch und Thier sucht Schutz vor diesen plötzlich hereinbrechenden Gewalten, wo immer ein Zufluchtsort sich bieten mag, und eigenthümlich, im Aufruhr der Elemente zeigen sonst scheue und furchtsame Thiere wenig Furcht vor den Menschen, suchen instinktmäßig vielmehr dessen Nähe. So machte ich jedesmal bei solcher Gelegenheit, abgesehen von anderen Thieren, in meinem Zelte die Bekanntschaft äußerst gefährlicher Schlangen, die das heraufziehende Wetter ahnend, aus dem hohen Grase flüchteten, um im Zelte sich einen sichern Platz aufzusuchen. Das erste Mal, vom Regen überrascht, suchte ich bei den Leuten ein Unterkommen, doch das Wasser strömte in solchen Massen vom Himmel, daß ich befürchtete der Boden im Zelt würde überfluthet werden; ich eilte[S. 113] durch den Regen hin und fand meine Annahme auch bestätigt. Um nun zunächst dem Wasser einen Abfluß zu schaffen, grub ich mit einer Säbelschneide kleine Furchen im Erdboden und ohne meiner näheren Umgebung weitere Beachtung zu schenken, setzte ich mich in aller Gemüthsruhe auf das Feldbett um Schuhe und andere Sachen, die unter dem Bette lagen, auf dasselbe niederzulegen. Ich war gerade im Begriff eine Patronentasche noch darauf hinzuwerfen, als dabei mein Blick auf das Kopfende des Bettes fiel und hier sah ich aufgeringelt eine etwa einen Meter lange ganz grüne Schlange liegen, deren Kopf etwas erhoben, sich hin und her bewegte, wobei die schmale spitze Zunge aus dem geschlossenen Rachen schnell aus- und einfuhr.
Das Thier zeigte scheinbar keine Gereiztheit, war höchstens durch die unwillkommene Störung nur etwas aufgebracht; sonst im Vertheidigungszustand hätte es eine drohendere Haltung angenommen. Ich überlegte nicht lange was thun — ließ langsam die Tasche zur Erde gleiten und die Bewegung der Schlange fest im Auge behaltend, ergriff ich einen neben mir an der Zeltwand lehnenden Stock, aus der Haut des Flußpferdes gefertigt, dann hob ich leise diese gefährliche Waffe und ließ sie plötzlich mit aller Wucht auf dies drei Fuß von mir entfernt liegende Reptil niedersausen.
Jedoch schneller als ich, war die Schlange; die Gefahr wohl ahnend, zischte sie im Augenblick, als die Waffe niederfiel blitzschnell auf und entging dem tödtlichen Streich, den ich auf ihren Kopf gerichtet hatte, dafür aber traf ich den aufgeringelten Körper so, daß das Rückgrat an verschiedenen Stellen gebrochen wurde und dem Thiere die Kraft genommen war noch aufzuschnellen und den beabsichtigten tödtlichen Biß mir beizubringen.
Sofort sprang ich auf, führte schnell den zweiten Schlag, der nun unterhalb des Kopfes traf und das Thier wehrlos zusammenbrechen ließ. Vorläufig mich mit dieser Schlange begnügend, verließ ich vorsichtshalber doch das Zelt, denn hatte ich recht gehört, befand sich noch eine darin, deren Aufenthalt zu entdecken ich keine Lust verspürte, da mit solchen erregten Thieren kein Spaßen mehr ist. —
Sobald das Unwetter vorübergezogen war, die Sonne wieder mit gedämpfter Gluth aus dem blauen Aether herniederschien und die durstige Erde die gespendete Wasserfluth aufgesogen hatte, machten wir uns daran, die Seitenwände des Zeltes zu lösen, dann alle Leute im Kreise um dieses aufgestellt, sollte verhindert werden, daß nichts ungesehen hindurch kommen konnte. Bei der darauf erfolgten Durchsuchung kamen noch zwei dieser giftigen Reptile zum Vorschein, die gewandt und flink aus dem Kreise zu entweichen suchten, sie wurden aber von Europäern, welche mit hohen Stiefeln an den Füßen einen etwaigen Biß nicht sehr zu[S. 114] fürchten brauchten, schnell getödtet. In Folge waren wir vorsichtiger, zumal schon am nächsten Tage in den Blättern eines Bananenbaumes eine ebensolche Schlange entdeckt wurde, die aufgeschreckt, zu entkommen suchte, wobei sie sich an den Blüthenkolben der Bananenfrucht mit dem Schwanze hängend, von dort zur Erde gleiten lassen wollte; schnell umstellt, wagte sie wohl nicht den Sprung, konnte auch scheinbar sich nicht wieder in die Höhe rollen, sodaß es mir dadurch möglich wurde, dem hin und her sich schwingenden Reptil durch einen tüchtigen Hieb den Kopf zu zerschlagen und es gänzlich zu tödten.
Auch in den trockenen Blättern am Fuße der Bananenbäume wurden öfters Schlangen bemerkt; wußten wir eine solche darin verborgen, ließ ich den Baum umstellen und die Blätter in Brand setzen, woraus denn bald das Thier aufschnellte und vernichtet werden konnte.
Oft war es im Zelte wegen der brütenden Hitze in den ersten Nachmittagsstunden nicht auszuhalten, deshalb suchte ich gewöhnlich unter den breiten Bananenblättern, auf einem Feldbett liegend, den kühleren Schatten auf. Hierbei passirte es mir ebenfalls, daß über meine fast unbedeckte Brust eine Schlange derselben Art sich hinwegschnellte, die ich, sofort aufspringend, noch im nahen Grase verschwinden sah. Ein eigenes Gefühl durchzuckt einem bei solcher unerwarteten Berührung, und der Gedanke, an solchem Ort einer Gefahr eigener Art ausgesetzt gewesen zu sein, verleidet den Aufenthalt an dem einzigen schattigen Platz den wir hatten.
Jetzt, wo im Lager wenig zu thun war, ich stündlich auf einen Leichter wartete, der mich von hier nach Chilomo bringen sollte, suche ich die freie Zeit, wenn nicht mit astronomischen Beobachtungen, mit der Erforschung der mich umgebenden Natur auszunutzen, wobei ich das Nützliche mit dem Angenehmen verband und gelegentlich der Jagd obliege, da die Waffe in diesem Lande des Europäers stetiger Begleiter sein muß.
In früher Morgenstunde, wenn noch glitzernder Thau an Gräsern und Büschen hängt, der die erschlaffte Natur während der Nacht erquickt hat, folge ich meistens dem ausgetrockneten Flußbett, um wie ehedem ein Verirren im Urwald zu vermeiden. Oft sah ich auch Affen und Wildkatzen über den Weg springen, die gewandt die steilen Uferwände hinaufeilten und im dichten Gebüsch verschwunden waren, ehe noch die Büchse zum tödtlichen Schuß in Anschlag gebracht werden kann.
Weiter hinauf, zwischen hügeligem Terrain, haben sich Wildbäche von den Port Herald-Bergen kommend, ihr enges Bette gegraben und geht man auf dem sandigen oft steinigen Grund entlang, sieht man erst, mit wie gewaltiger Kraft die schäumenden Fluthen hier zur Regenzeit gewüthet haben müssen! Baumriesen, deren Halt im Erdreich unterwaschen und herabgestürzt sind, liegen[S. 115] von den Fluthen festgekeilt in das enge Bett und über den Stamm des Baumes oder durch sein Gezweig führt nur der Weg weiter. Solche Hemmnisse zwingen die tosenden Fluthen seitwärts einen Ausweg zu suchen, wodurch das Erdreich höhlenartig unterspült und zum Einsturz gebracht wird. Die Wurzeln vieler dieser Waldriesen, welche die hohe Böschung krönen, sind freigelegt und es bedarf keines sehr heftigen Windes, um sie niederzulegen; auch die kommende Regenzeit, wenn die gurgelnden Wasser die Arbeit wieder beginnen, wird manchen Baum zum Stürzen bringen, der anfänglich noch von Ufer zu Ufer eine Brücke bildet, später dann im trockenen Bette unter den glühenden Sonnenstrahlen bleichen muß. —
Ausnahmslos sind beide Ufer mit dichtem Busch und Bäumen bestanden, das dazwischen wuchernde Gebüsch ist fast undurchdringlich, vor allem, Sträucher mit vielen scharfen Stacheln, sind ein großes Hinderniß und will oder muß man absolut hindurch, kann man darauf rechnen, Haut und Kleider lassen zu müssen. Die Großartigkeit dieser Urnatur, die erhabene Einsamkeit in dieser Wildniß, hinterlassen bei dem aufmerksamen Beobachter einen nachhaltigen Eindruck, der unauslöschlich bleiben muß, wenn man dazu die vielartige Thierwelt in goldener Freiheit gesehen hat. Ein reiner Gottesodem weht durch diese lichtumflutheten Waldgefilde, Herz und Sinn erfreuend, ganz anders als in jener kalten emfindungslosen Menschenwelt, aus der die Freiheit verdrängt und nur die Selbstsucht herrschen mag. Am unentweihten Altar der Natur fallen die selbstgeschmiedeten Fesseln unfreien Geisteslebens, das Große, Wahre, ein versöhnender Geist, tritt heran, vor dessen reiner Lichtgestalt sich tief die empfindende Seele neigt. —
Schon jetzt, nachdem mehrfach recht reichlicher Regen gefallen, treibt die Vegetation, aufs Neue geweckt, überall frische Triebe; Stellen am Ufer oder im Walde, die man längere Zeit nicht gesehen, erkennt man kaum wieder. In wenigen Tagen hat die Natur fast ein neues Kleid angezogen — bald kommt das Blühen und Sprießen allerwegen, vom goldenen Sonnenstrahl geweckt — und der Frühling naht. Viele Stauden mit goldgelben Doldenblüthen, ähnlich unserer Moosblume, sowie eine Epheuart mit Blüthen wie Rittersporn, blaßblau und schön gezeichnet, haben frühzeitig den Schlaf abgeschüttelt und mit den immer blühenden Lianen am Flußufer sich vermischend, stellen sie ein wundervolles Blumengewinde dar.
Auch die kegelförmige Blüthenkrone, der über fünf Fuß hohen Tabakspflanze, die an geeigneten Stellen von den Eingeborenen gepflanzt worden, vollendet das harmonisch Ganze. Den Mangel an rauchbarem Kraut mußte uns diese ersetzen, indem die rothbraunen trockenen Blätter gesammelt und zerschnitten wurden. Ueberhaupt ist der Tabaksbau für einige Völkerschaften hier ein[S. 116] lohnendes Geschäft; das Produkt wird vielfach als Tauschartikel benutzt, worauf ich später eingehender zurückkommen werde, nachdem ich die Art der Zubereitung von den Völkern am Nyassa-See hatte kennen gelernt.
Besondere Methoden haben die Einwohner, sich auf primitivem Wege ihre Pfeifen herzustellen; z. B., das Horn einer Gabelantilope wird unten mit Holz oder auch Thon verschlossen, seitwärts in dem hohlen Theil dann eine Oeffnung für den Mund und im rechten Winkel hierzu noch eine für den Pfeifenkopf gebohrt, der meistens, wenn nicht aus Holz, aus einem kleinen Kirbis besteht, dessen unteres Ende durch ein kurzes Rohr mit dem Horn verbunden ist. Man könnte sich berathende Indianer im großen Kreise um ihre Feuer sitzend und die Friedenspfeife kreisen lassend vorstellen, in derselben Weise geht dies Unikum von Pfeife auch bei den Bewohnern dieses Landes von Hand zu Hand und Mund zu Mund, ein Jeder thut ein oder zwei tüchtige Züge, dann giebt er sie weiter.
Uebrigens habe ich auch bei anderen Stämmen kunstvoll gearbeitete Pfeifen gesehen, die mühsam geschnitzt, große Geduld und Ausdauer erfordert haben, dafür dann auch als ein Schmuckstück betrachtet werden, das dem Verfertiger nicht feil ist, wenigstens verlangt er für solch' ein Stückchen Holz einen erheblichen Preis.
Spät Abends, am 24. November, traf per Eilbote, durch Leutnant Bronsart von Schellendorf von Chilomo gesandt, die Nachricht im Lager ein, daß meine Anwesenheit dort unbedingt erforderlich sei, woraufhin ich mit zwei Eingebornen in einem kleinen Kanoe die Fahrt flußaufwärts in aller Frühe des nächsten Morgens unternahm. Man muß in einem solchen schmalen ausgehöhlten Baumstamm, ohne jedwede Stützen (Ausleger), die hier nicht gebräuchlich sind, worin man nur sitzen, sonst sich nicht weiter bewegen kann, und ausgesetzt der glühenden Sonne, solche Tour unternommen haben, um annähernd beurtheilen zu können, was es heißt, elf Stunden lang in einem solchen Fahrzeug zuzubringen. Gewandt und sicher aber sind diese Fährleute, sie stehen in dem schwankenden Kanoe und bewegen bei der unausgesetzten Arbeit nur ihren Oberkörper, wodurch ein Umschlagen desselben, was bei unsicherer Hantirung unausbleiblich wäre, vermieden wird.
In Chilomo angekommen, lag wider Erwarten nichts von Bedeutung vor, nur einige desertirte Sudanesen, welche von Katunga aus mit ihren Waffen das Weite gesucht hatten, sollten verfolgt werden, wozu die Hilfe des portugiesischen Stationschefs am Ruofluß in Anspruch genommen und der Telegraph zu deren Ergreifung in Thätigkeit gesetzt wurde. Ich persönlich konnte dabei nicht viel thun, und die eilige Fahrt nach Chilomo war eigentlich eine nutzlose gewesen. Ich orientirte mich noch über den Zustand des Lagers und die Beschaffenheit des hier aufgestapelten[S. 117] Materials und trat schon am nächsten Tage bei guter Zeit, um noch vor Dunkelwerden das Lager wieder zu erreichen, die Rückfahrt an.
Unterwegs hatten wir über tiefes Wasser hingleitend, ein kleines Rekontre mit einem Flußpferd zu bestehen, das von mir verwundet, wüthend auf das Kanoe losging; aber da der Fluß an jener Stelle zu tief, war dasselbe nicht imstande das Kanoe umzuwerfen, sonst hätte es uns übel ergehen können. Weniger glücklich war einst Leutnant Bronsart in einem ähnlichen Falle. (Ein wüthendes Thier griff sein leichtes Kanoe an und warf es um, nur der Umstand, daß er sich, die Gefahr erkennend, ganz nahe dem Ufer gehalten hatte, verdankte er das Leben.)
Am Abend des 30. November kam Brückner mit seinem leeren Fahrzeug in Umpassa an, aber ohne genügend Leute, was ich von den tags zuvor schon eingetroffenen Bewohnern Umpassas, die bereits in Chilomo den Leichter verlassen hatten und von mir ausbezahlt worden waren, erfahren hatte. Auch von Wissemanns Leuten waren einige darunter, die sich wegen der Behandlung beklagten und wegen der rückständigen Löhnung Schwierigkeiten machten. Es wollte mir nicht recht einleuchten, daß diese Leute erst vor wenig Tagen den vermuthlich zur Zeit bei der Etappestation befindlichen Leichter verlassen haben sollten, sie waren vielmehr längst vorher desertirt und hatten sich nur nicht gemeldet, weil sie glaubten, mit den Angekommenen nun gleichen Verdienst ausbezahlt zu erhalten. Nachdem ich aber ihre Namen festgestellt hatte und ihnen vorrechnete, daß sie mir etwas weiß machen wollten, was aber hier nicht angebracht sei und sie nun dafür von Rechts wegen eigentlich nichts haben müßten, schränkten sie ihre Forderungen auf ein bescheidenes Maaß ein.
Solche Versuche, den Europäer anzuführen, sind nichts Seltenes unter dieser Menschenrace, was namentlich von solchen Leuten gilt, die längere Zeit bei einem Weißen bedienstet waren. Nie wird sich der Neger die Tugenden des Europäers aneignen, vielmehr zu seinen Untugenden dessen üble Gewohnheiten hinzufügen und diese mit Vorliebe nachzuahmen suchen, wird deshalb auch unter Seinesgleichen bald ein Muster von Geriebenheit. Mir lag daran, auf gütigem Wege mich mit dem Häuptling Tengani zu einigen, da nun doch nochmals die Verhältnisse mich zwangen, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, insofern als ich ihn abermals um Stellung von zehn Leuten ersuchen mußte.
Während der Leichter beladen wurde, leitete ich die Unterhandlung mit dem Fumo ein, ihm noch bevor ich Umpassa verlassen würde, ein Geschenk versprechend, wenn er willig, mir die benöthigten Leute geben wolle. Allein hatte er früher schon seine Abgeneigtheit gegen die Europäer deutlich genug gezeigt, machte er jetzt kein Hehl daraus und wurde unverschämt, verstieg sich sogar[S. 118] zu nutzlosen Drohungen. Daraufhin nun erklärte ich ihm das Ultimatum: er stelle bis zum Abend die gewünschten zehn Mann, oder ich hole ihn am nächsten Morgen mit Soldaten aus seinem eigenen Dorfe heraus und bringe ihn nach Chilomo, dies sei mein letztes Wort, Verhandlungen gebe es nun nicht mehr.
Nach den Schwierigkeiten zu urtheilen, welche der Fumo jedesmal gemacht hatte, konnte ich voraussetzen, daß er auch diesmal sich nicht gutwillig fügen werde, und wie ich es erwartet, kamen keine Leute; am nächsten Morgen aber, als ich meine Ankündigung wahr machen wollte, fand ich im Dorfe weder den Häuptling noch irgend welche Leute vor, konnte auch nicht erfahren, wohin er sich begeben hatte und erst am nächsten Tage, als ich sehr früh zum Dorfe ging, fand ich einen jungen Menschen, der mir die gewünschte Auskunft gab, auch den Weg zu des Häuptlings Schamba (Anpflanzung) mir zeigte, wohin dieser sich zurückgezogen hatte, um der angekündigten Festnahme zu entgehen.
Nach langem Marsch durch Urbusch und Gehölz fand ich denn schließlich den Fumo auf seiner Besitzung, wo er mit seiner Frau in aller Ruhe das Feld umhackte.
Zu ihm herangetreten, forderte ich ihn auf sich zu entscheiden, ob er mir die Leute geben wolle, andernfalls ich ihn jetzt abführen lasse. Seine gereizte Antwort war: er habe überhaupt keine Leute, und erging sich gegen die ausgesprochene Absicht ihn mitzunehmen, in Drohungen, in welche sein Weib durch lautes Lamentiren wacker mit einstimmte. Er sah aber doch ein, daß Widerstand nutzlos war und von den beiden Soldaten, die ich bei mir hatte, in die Mitte genommen, folgte er willig zum Lager.
Noch war es nicht Mittag geworden, als auch schon die Aeltesten des Dorfes im Lager erschienen und höchst erregt, die Freigabe ihres Häuptlings forderten, als ich ihnen die Bedingung genannt, unter welche diese jetzt nur noch geschehen könnte, zogen sie wuthentbrannt ab, sodaß ich voraussetzen mußte, sie würden irgend eine Dummheit begehen und gar wegen ihrer großen Ueberzahl Gewalt anwenden. Indes am Nachmittag kamen sie wieder und besprachen sich mit ihrem Häuptling, worauf mir denn die Zusicherung gegeben wurde, es sollten die gewünschten zehn Mann am frühen Morgen zur Stelle sein, dafür aber die Freilassung des Fumo forderten.
Das Resultat, wenn ich dieser Forderung gewillfahrt hätte, wäre gewesen, daß ich mit dem Leichter nicht hätte abfahren können und das Nachsehen gehabt hätte, denn solcher Zusage konnte ich nicht mehr vertrauen; daher bedeutete ich ihnen, ihr Fumo solle sofort frei sein, sobald mir die Leute übergeben werden. Einen Zwang hatte ich dem Häuptling nicht weiter auferlegt, er konnte sich im Lager frei bewegen, stand nur unter Aufsicht des täglich aufgestellten Postens und durfte sich nicht[S. 119] entfernen. Am Abend, um ein Feuer unter den Bananen gelagert, hatte der Fumo dort auch, in ihm gegebenen Decken gehüllt, sein Nachtquartier aufgeschlagen, welches sein Weib mit ihm zu theilen sich entschlossen hatte, wenigstens wollte sie nicht ihren Eheherrn in solcher Lage im Stiche lassen. — Sein Groll schien sich mit der Zeit gelegt zu haben. Ich fand ihn in angelegentlicher Unterhaltung mit den Leuten, als ich einen mit dem Leichter angekommenen Suaheli-Bacharia, der von rheumatischen Schmerzen arg geplagt wurde, durch Elektrisiren einige Linderung zu verschaffen suchte.
Nachdem die Prozedur beendet war, fragte ich auch den Häuptling, ob er nicht anfassen wolle — es geschähe ihm nichts dabei —; die Neugierde bewog ihn schließlich die Griffe anzunehmen, um selbst sich zu überzeugen, ob in der kleinen selbstthätigen surrenden Maschine ein böser oder guter Geist sitze, der solches Geräusch verursache. Der Strom, noch anfangs schwach, schien ihm das prickelnde Gefühl in den Händen und Armen zu behagen, als ich aber stärkeren Strom spielen ließ, so daß er die Hände nicht mehr öffnen konnte, schnitt er doch gewaltige Grimassen und sein Weib, ängstlich geworden, faßte mit beiden Händen zu, um die Griffe wegzureißen, fuhr aber entsetzt zurück, als nun auch der Strom sofort durch ihren Körper ging.
Als darauf die Maschine außer Thätigkeit gesetzt war, wollten beide doch nichts mehr damit zu thun haben, betrachteten vielmehr den unscheinbaren Kasten mit argwöhnischen Blicken und sind wohl heute noch davon überzeugt, daß es in der Macht des weißen Mannes liege, Geister zu bannen und zu beherrschen. —
Betrachtet man im Allgemeinen die Lebensweise dieses umwohnenden Volksstammes, findet man in den Bezirken, wie solchen ein jedes größere Dorf vorstellt, patriarchalische Zustände; der Häuptling, als das Oberhaupt, übt im Verein mit den Angesehensten die Gerichtsbarkeit aus und schlichtet etwa vorkommende Streitigkeiten; sonstige Angelegenheiten werden in öffentlicher Versammlung durchberathen, in welcher das Wort des Medizinmannes und dessen Ansichten meistens ausschlaggebend sind, um so mehr, je fester dieser sich in die Gunst der Dorfbewohner zu setzen verstanden hat. Uebt doch das Geheimnißvolle und Unerklärliche auf die Gemüther dieser einfachen Naturkinder, die dem Aberglauben stark verfallen sind, einen allzu großen Einfluß aus. Bei Ceremonien und anderen für sie höchst wichtigen Vorkommnissen lauschen sie achtungsvoll den Worten des weisen Mannes oder machen ihre Entscheidung über irgend eine wichtige Unternehmung von dem guten oder bösen Omen, welches der Medizinmann durch geheime Manipulationen ihnen prophezeit, abhängig.
Oefter beherrscht ein mächtiger Häuptling auch mehrere Dörfer, jedoch muß man das Gemeindewesen als mehr republikanisch[S. 120] bezeichnen, denn nach der fortschreitenden Macht der Europäer, die in den Augen der Eingebornen eine viel größere ist, hat der Nimbus der Häuptlinge viel verloren und ihre Alleinherrschaft, die oft zu großer Willkür und Ungerechtigkeit geführt, ist heute gebrochen; behaupten kann sich und bedeutenden Einfluß besitzt nur der noch, dessen Persönlichkeit Achtung zu erzwingen weiß und der in seinem Urtheil gerecht und maßvoll bleibt. Mag auch der weiße Mann noch immer als Eindringling betrachtet werden und der von diesem ausgeübte Druck dem freien Neger als ein nur widerwillig getragenes Joch erscheinen, so ist dieser doch für ihn die höchste Instanz, an die er sich wendet, sobald Streitigkeiten zu schlichten sind, die früher oft zu blutigen Fehden Veranlassung gaben in welchen der Stärkere auch das Recht auf seiner Seite behielt.
Das Familienleben des Eingebornen kann als ein zufriedenes angesehen werden, man findet wenigstens, daß der Hausherr sich öfters auch um die noch kleinen Kinder bekümmert und so der Frau, auf welcher alle Arbeiten des Hauses und des Feldes ruhen, in etwas unterstützt, sonst aber träge seine Tage verbringt, wenn ihn nicht die Noth oder Gewinn veranlassen für den Europäer zu arbeiten.
Mehrfach beobachtet man hier bei den Frauen die unschöne Sitte, in dem dicken Fleisch der Oberlippe einen Ring zu tragen, wodurch diese sehr entstellt wird, namentlich bei alten Frauen wird dem verfallenen Gesicht — schon ein Urbild der Häßlichkeit — dadurch etwas abschreckendes gegeben. In jeder Beziehung lästig muß dieses eigenthümliche Schmuckstück sein, und gehörte es nicht zum guten Ton, denn auch die schwarzen Frauen sind eitel nach ihrer Art, wie alle Evastöchter, so würde die schmerzhafte Operation und das hinderliche Anhängsel wohl bald in Fortfall kommen.
Es war am 2. Dezember 1892, als ich mich zur Abreise von Umpassa, wo ich so lange unfreiwilligen Aufenthalt gehabt hatte, rüstete. Die begehrten zehn Mann waren gestellt worden und fast alle männlichen Einwohner des Dorfes hatten sich um ihren freigegebenen und noch beschenkten Häuptling versammelt. Alle schienen zufrieden zu sein, daß nun endlich die weißen Männer sich anschickten, sie zu verlassen; von denen sie des Guten so viel hätten haben können, wenn sie der Arbeit weniger abhold und ihr Fumo verständiger gewesen wäre.
Ich trieb zur schleunigen Abfahrt, weil ich den halb zur Mitfahrt gezwungenen Eingebornen nicht recht traute, wenigstens voraussetzen konnte, daß sie anfänglich jede Gelegenheit zum Entweichen benutzen würden, was auch richtig einem der Leute trotz der scharfen Aufsicht gelungen war. Wohl ließ ich durch den als Aufseher mit vier Soldaten zurückgelassenen Handwerker Dohmann[S. 121] sogleich nach dem Entlaufen unter den zahlreichen Zuschauern nachforschen; dies indes nur zum Scheine, um den anderen zu bedeuten, daß sie im Auge behalten würden und ein Fluchtversuch ihnen nicht leicht werden sollte.
Die Flußfahrt ging anfänglich wegen des starken Stromes nur langsam von Statten, obwohl wir mit Einschluß der Lagerbesatzung über zwanzig Mann in dem Fahrzeug hatten, die mit langen Bambusstangen versehen, gleichmäßig und unablässig dieses vorwärts schoben. Diese nicht leichte Arbeit wird erst durch längere Gewohnheit weniger ermüdend; wo es nothwendig, griffen wir Europäer auch zu, mußten aber uns zugestehen, daß, wenn man seine ganze Kraft anwendet, nicht allzu lange aushalten kann.
Besonders Erwähnenswerthes trat uns auf dieser Fahrt nicht in den Weg. Legten wir Abends am Ufer an, vergnügten wir uns mit Fischfang, der auch ergiebig genug war; auf kurze Jagdausflüge wollte ich mich nicht einlassen, zumal die Uferumgebung immer wild und unzugänglich blieb, sodaß es doch längerer Märsche bedurft hätte, ehe am Waldesrand oder auf freieren Grasflächen Wild gefunden werden konnte. Wir hatten auch noch Fleisch genug, da Brückner auf seiner Herunterfahrt hier in der Umgegend ein großes Zebra erlegt hatte, dessen Fleisch die Leute sich an Feuer geröstet hatten, so war kein Mangel.
Der Zufall wollte, als wir in einen Creek gerathen waren, aus welchem ich einen vermuthlichen Ausweg suchte, daß ich, ohne Waffe zur Hand, im hohen Ufergebüsch die nächste Bekanntschaft mit einer Wildkatze machen mußte. Als das fauchende, schön gezeichnete Thier keinen Rückzug mehr sah, machte es ernstliche Miene den unwillkommenen Störer anzugreifen, und glaube ich, die scharfen Krallen, sowie das nicht zu verachtende Gebiß waren allem Anschein nach im Stande recht bedenkliche Wunden zu verursachen. Erst das Erscheinen eines mich begleitenden Mannes machte das Thier anderen Sinnes, es sprang durch das Blättergewirr in die Tiefe und suchte unter den Wurzeln der Sträucher über dem Wasser einen Zufluchtsort.
Vom Glück begünstigt, vorwärts getrieben durch einen starken Wind, der die Menschenkraft unnöthig machte, erreichten wir schon nach wenig Tagen Chilomo, woselbst schnell die nothwendige Erleichterung des Fahrzeuges vorgenommen und dieses nach kurzem Aufenthalt weiter expedirt wurde, um so weit als möglich von dem anhaltend günstigen Winde flußaufwärts getrieben zu werden. Unsere Umpassa-Leute zogen es vor, doch die Fahrt mitzumachen, zumal ihnen reichliche Verpflegung neben dem Verdienst zugesichert wurde, was sie in ihrem Heimathsdorf nicht hatten; auch stellte ihnen Brückner, der weiter hinauf auf große Heerden Flußpferde gestoßen war, bestimmt ein solches Thier, das er den Leuten zur Nahrung schießen werde, in Aussicht.
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Uebrigens hat Brückner auf seinen Fahrten eine ganze Anzahl dieser Thiere erlegt, und mit dem überreichen Fleischvorrath spekulativ verfahrend, ließ er öfters, wenn er sich festgefahren hatte oder über eine Sandbank nicht hinweg kommen konnte, die Leute des nächsten Dorfes zusammen rufen, die dann sein Fahrzeug auch gerne gegen Ueberlassung eines halben Cibokos aus gefährdeter Lage befreiten und ihn eine Strecke weit unterstützten, bis er wieder freieres Wasser vor sich sah.
Für die Führer der deutschen Expedition war von Seiten des britischen Kommandanten der Kanonenboote Kapitän Robertson, das für diesen extra erbaute Haus in Chilomo zur Verfügung gestellt worden und war dadrinnen auch nur ein Zimmer und zwei Seitenkabinets vorhanden, so waren ein Tisch und Stühle doch ein ungewohnter Comfort, wenigstens war es etwas anderes als das Einerlei des Zeltlebens. Ich fand hier noch Leut. Bronsart von Schellendorf vor, der auf die angekündigte Auslieferung eines portugiesischerseits angehaltenen Sudanesen wartete und erst am 7. Dezember seinen Marsch nach Katunga antreten konnte.
Hier in Afrika, wo die Ameise in ungezählten Milliarden vertreten ist, tritt sie entweder als alles zerstörende Termite auf, oder siedelt sich in Häusern und Hütten an, wo dann nichts vor diesen kleinen Thierchen, was Nahrung heißt, zu schützen ist, beobachtet man nicht die Vorsicht, alles was Süßigkeiten enthält in Wasserbehälter zu stellen, so sucht sie in wahren Völkerwanderungen sich Zutritt zu verschaffen und durch die Unzahl der dabei umgekommenen Thiere wird oft die Speise, oder der Inhalt nicht gut verschlossener Konservenbüchsen ungenießbar gemacht. Ich erwähne dieses, weil im Lager die Anwesenheit der kleinen braunen Ameise zur wahren Plage geworden war, vor der absolut nichts mehr geschützt werden konnte, und die Behauptung des Obersteuermanns Gerloff, er habe schon das nutzlose Vertilgen aufgegeben und den Ekel, die Ameise gelegentlich mit den Speisen verzehren zu müssen, überwunden, konnte ich glaubhaft genug finden, nachdem es mir bei längerem Aufenthalt nicht besser erging.
Nebenbei zeigte sich noch eine etwa drei Fuß lange Eidechsenart, die insofern für uns lästig wurde, als sie unseren freilaufenden Hühnern nachstellte und diese dadurch so scheu wurden, daß sie Nachts nur auf einem im Lager befindlichen hohen Baum ihr Nachtquartier aufschlugen. Wohl lauerten wir solcher Eidechse auf, aber es wollte nicht gelingen das vorsichtige und höchst gewandte Thier habhaft zu werden oder zu erlegen.
Einen freundlichen Anblick gewährten die hier in den Sträuchern sich aufhaltenden Chamäleons; tagsüber saßen sie ruhig auf einem Ast und schnellten gelegentlich die klebrige Zunge aus, um ein Insekt zu erhaschen, dabei boten sie dem stillen Beobachter ein wechselvolles Farbenspiel dar. Gewöhnlich grün oder[S. 123] oder blaugrau, wechselte die Farbe ihres Körpers im Sonnenstrahl allmählich und ging in bronzefarbener Schattirung untermischt mit goldgrün über; erregt oder gestört wechselten die Farben schneller, sodaß man versucht war anzunehmen, das Chamäleon könne je nach Belieben die verschiedensten Farbentöne annehmen, von grün, blau, bronze in grau, selbst schwarz und weiß. Verfolgt man das sonst träge Thier, muß dieses selbst genau im Auge behalten werden, denn im Blättergewirr, wo es die gleiche Farbe annimmt, entgeht es sonst unfehlbar. Sieht es sich irgendwie bedrängt, zischt es seinen Gegner an und versucht mit seinen unförmlichen großen Kinnladen zu beißen, weicht aber doch immer wieder zurück, dabei geschickt solche Schlupfwinkel wählend, die ihm einen Ausweg gestatten, bis man ermüdet die Nutzlosigkeit das Thier zu erfassen einsieht, und will man das harmlose Thier nicht gerade tödten, von der Verfolgung abstehen muß.
In der hohen steilen Uferwand, die hier an der Mündung des Ruoflusses in den Schire, gebildet ist, haben sich tausende hochrothe langgeschwänzte Vögel tief in das Erdreich ihre Nester gegraben und wenn diese in Schaaren über Land oder Wasser eilig hinfliegen, in wirren Massen sich in den Lüften zusammenhaltend wie die Tauben, dann lassen sich diese mit einer Wolke vergleichen. Mir blieb leider nicht die Zeit, diese interessante Vogelart eingehender zu studiren, über ihr Leben und Treiben Näheres zu erfahren, aber immer boten sie ein anziehendes Bild, wenn sie geschäftig mit Futter im Schnabel zu ihren Nestern zurückkehrten, um schnell wieder über das Wasser hinzuschweben und unermüdlich dem Nahrungsfang oblagen. Unter den ungezählten Erdlöchern, die alle von ganz gleicher Form und Größe, findet jeder Vogel ohne Weiteres seine Wohnstätte, ein Drängen und kreischendes Schreien habe ich nur bemerkt, wenn eine größere Anzahl zu den Nestern sich herandrängte und alle an die Uferwand sich klammernd nicht sogleich Einlaß fanden, welcher aber seinen Eingang gewonnen hatte, vertheidigte diesen sofort gegen einen vermutheten Eindringling.
Chilomo als bedeutender Ansiedelungsort bietet vorläufig nur wenig Anziehendes, wiewohl es am ganzen Zambesi und Schire der einzige Platz ist, wo man mit einem regelmäßigen Aufbau vorgegangen ist und geht man längs der einzigen Häuserreihe die an der Ruoseite erbaut ist, gaben die zur Linken abgesteckten Straßen und Quadrate einen Anhaltspunkt, in welcher Weise sich der spätere Ort entwickeln soll.
Häufig genug hatte ich hier Gelegenheit, in diesem einzig größeren Settlement der Engländer am unteren Schire mit diesen zusammen zu kommen und wie ich schon früher mich bemüht habe auszuführen, zeigt der Egoismus der englischen Nation hier in ihren Vertretern kein sehr anmuthendes Bild, indem nichts Gleichberechtigtes[S. 124] an die Beherrscherin der Meere und Völker gleichen Anspruch erheben darf; allgewaltig herrschend, will es scheinen, als gehöre mit Fug und Recht die Erde nur ihr und der Schwächere muß weichen, will er nicht den Zorn des mächtigen Albion auf sich lenken, um schließlich zu unterliegen; dem gefährlichen Gegner ist im Konkurrenzkampf schwerlich eine andere Nation auf diesem Gebiete gewachsen! —
Das schwache Portugal, heute ohnmächtig, sieht durch das eigennützige aber zielbewußte Vorgehen der Engländer sich hart bedrängt, es fand nicht die Kraft dem Andringenden einen Damm entgegen zu setzen, und man könnte sagen: giebst du ihm die Hand, nimmt er dir den Schopf; aber die große Schuld liegt darin, daß die Portugiesen in diesem jahrhunderte langem Besitz sich nicht über die Bevölkerung empor geschwungen und sie mit sich gezogen haben, um das reiche Erbtheil zur Blüthe zu führen, sondern was sich in dieser Kolonie als lebenskräftig bewährt hat, ist zu ihr hinabgestiegen, das Interesse für das Mutterland ging unter in dem Bestreben der Selbstsucht zu fröhnen.
Eine melkende Kuh ist der weite Besitz geblieben, dessen Hilfsquellen nun nahezu erschöpft sind und kein Versuch wurde gemacht, dessen verborgene Reichthümer zu erschließen, durch Arbeit das Land reich und durch ihr seine Völker frei zu machen; Druck und geduldete Knechtschaft führten Zustände herbei, die heute diesen großen Besitz als eine Illusion erscheinen lassen und dem Kolonisationstalent der portugiesischen Nation, (dies als Resultat betrachtet) kein gutes Zeugniß ausstellt.
Zu spät, nachdem andere Nationen im thatkräftigen Aufschwung durch die Macht geistiger Größe die Saat auszustreuen beginnen und die Früchte ihrer Arbeit zu ernten sich anschicken, sieht Portugal sein Eigenthum gefährdet, aber schon zu tief in Lethargie versunken findet es nicht mehr die Kraft einen neuen Anlauf zu nehmen und mit den Konkurrenten in den Wettkampf einzutreten. Was Wunder also, wenn die Herren Engländer für die unfähigen Portugiesen nur Verachtung übrig haben, die auch unverhohlen zum Ausdruck kommt, weil der kleine schwache Gegner, den der mächtige zertreten möchte, einen Rückhalt an anderen Nationen findet, die der zügellosen Ländergier Englands ein: bis hierher und nicht weiter zurufen! Es spielt sich hier allmählich ein Vorgang ab, der zu einem Abwirthschaften der Portugiesen führen muß und Deutschlands Kolonialpolitik, die mit junger frischer Kraft in den Kampf eingetreten ist, sollte gerade auf diesem Gebiete, wo der verschlagene rücksichtslose Engländer der einzige Gegner ist, mit der Autorität des deutschen Namens der verhängnißvollen Umschließung durch die Engländer entgegentreten. Zu Englands Ungunsten wirft der Portugiese seinen Haß gegen dieses in die Wagschale — und kommt einst die Entscheidung, sollten wir vorbereitet[S. 125] sein, eine Umarmung England durch Besitznahme der portugiesischen Kolonie zur Unmöglichkeit zu machen! —
Acht Tage war ich in Chilomo anwesend, als am 8. Dezbr. Abends von Eltz unerwartet mit dem Leichter Wissemanns eintraf, mit der Nachricht, daß über den Aufbau des Dampfers die endgültige Entscheidung getroffen sei und dieser nun an den Ufern des Nyassa-Sees erbaut werden sollte; zu diesem Zwecke sollte ich nun unverzüglich mich aufmachen und den Major, ehe er seine Weiterfahrt nach diesem See antrete, noch in Mpimbi am oberen Schire zu erreichen suchen.
Auf diesen Befehl hin rüstete ich mich, nach Uebergabe des Kommandos, zur eiligen Abfahrt nach Katunga, nachdem das benöthigte Handwerkszeug noch zusammengestellt und der Zimmermann Ottlich als mein Begleiter ausgewählt worden war. Am 10. schon konnten wir mit einem gecharterten Boote der Afr. Lakes-Co., wie solche zur Beförderung von Reisenden und Lasten benutzt wurden, flußaufwärts abfahren. Beim Abschied von Chilomo ließ sich das freudige Gefühl, daß nun die Zeit thatkräftigen Handelns ist, nicht unterdrücken. Zwar was im Schooße der Zukunft verborgen — wäre das uns zu schauen vergönnt gewesen — hätte das düstere Bild voll Gefahren und Entbehren wohl die Freude, nun gehe es endlich vorwärts, dämpfen können; obgleich ich wohl wußte, welche ungeheuren Anforderungen noch an den persönlichen Muth und an die Thatkraft jedes Einzelnen gestellt werden würden! Aber es ist der höchsten Weisheit Vorbedacht, daß selbst die nächste Stunde in Dunkel gehüllt vor uns liegt und wir nicht Herr unseres Geschickes sind.
Den Windungen des Flusses folgend, zwischen den vielen Sandbänken uns den Weg suchend, bot nach mehrstündiger Fahrt schon die Scenerie einen ganz anderen Anblick, insofern, als Wald und Busch zurücktrat und zu beiden Seiten und so weit das Auge sehen konnte nur hohes Elephantengras untermischt mit Rohr sichtbar blieb. Am ersten Abend schon, am Rande der Graswüste angelangt, die wie der Moramballamarsch, hier den Namen Elephantenmarsch führt, geriethen wir in Verlegenheit wegen Feuerholz; es war nicht genügend Bedacht darauf genommen worden, weil bisher fast überall solches noch aufzufinden gewesen war, hier aber nun gänzlicher Mangel eintrat, sodaß wir uns mit mühselig zusammengesuchtem Rohr behelfen mußten um nothdürftig einen Topf Kaffee zu unserer frugalen Mahlzeit bereiten zu können.
Mit Recht führte diese Gegend ihren Namen, in der ungeheuren Ebene sind nicht allein Heerden von Elephanten, sondern der ganze Thierpark Central-Afrika in allen Gattungen vertreten. Daß hier Wild im Ueberfluß, wie so viele Augenzeugen bestätigt und kühne Jäger erfahren, ließ sich wohl nach der Gegend zu urtheilen, voraussetzen, aber trotzdem war es nicht verlockend, in[S. 126] diese Grasebene einzudringen, worin absolut nichts zu sehen war und nur die Wildpfade, die zum Wasser führten, ein Fortkommen gestattet hätten.
Auf Abrathen unserer Bootsleute wurde ein beabsichtigter Ausflug aufgegeben, so sehr allen auch ein Stück Wild willkommen gewesen wäre, indes die feste Behauptung, der Löwe hause zahlreich in diesem weiten Revier, machte es bedenklich, vielleicht dem König der Thiere auf so ungünstigem Terrain gegenüber treten zu müssen. Wir sollten auch nicht lange im Zweifel darüber sein, denn als die Nacht herabgesunken und die Stimmen der Natur in dieser tagsüber fast feierlichen Stille erwachten, einstimmend in den Accord, den der quakende Frosch und die zirpende Grille angestimmt, dröhnte, wenn auch ferne, das Brüllen des Löwen zu uns herüber.
Während der zwei Tage, die wir in dieser öden sich immer gleich bleibenden Wildniß zubrachten, hatte ich gehofft gelegentlich mehr Wild zu sehen und schußgerecht zu bekommen, allein entgegen der Gewißheit, daß ringsum zahlreiche Thierarten sich aufhalten müßten, zeigte sich sehr wenig am Ufer, dafür aber am Abend des zweiten Tages eine gefährlichere Art, die uns wider unseren Willen zur ernsten Vertheidigung zwang. Wir waren zu den Stellen gekommen, wo nach Brückners Mittheilung ganze Heerden gewaltiger Flußpferde den Fluß versperren sollten und wo es ihm verschiedentlich gelungen war, einige zu tödten; es aber auch gefährlich sei, mit einem Kanoe (hier wurde Bronsart v. Schellendorf mit einem solchen umgeworfen) oder kleinen Boot durchzukommen.
Es war am Rande der Grassavanne, der Fluß schmal und tief, die Ufer wieder mit Busch und Baum bestanden, das Hinterland reicher an saftigem Grün, als in einer schmalen Biegung des Flußbettes eine Heerde von etwa 50 Cibokos beim Erblicken des Bootes wuthschnaubend im Wasser auf- und niedertauchten, was auf eine große Erregtheit dieser Thiere, die hier schon oft Wunden empfangen hatten, und dadurch bösartig geworden waren, schließen ließ. Wir hielten uns beim Anblick einer so großen Zahl auch vorsichtshalber unter dem linken Ufer im tiefen Wasser und suchten so etwaigen Angriffen auszuweichen. Um die Thiere fern zu halten, damit sie nicht unter das Boot kommen und einen Versuch zum Umwerfen desselben machten, gaben wir wenige, aber wohlgezielte Schüsse auf die nur eben über Wasser auftauchenden Köpfe ab, es war dies die einzige Möglichkeit, die wuthschnaubenden Thiere von einem verhängnißvollen Angriff abzuhalten.
Zwei der kühnsten Bullen, mittlerweile verwundet, konnten wir nur durch schnelles Vorwärtsrudern deren Absicht, das Boot zu kentern, entgehen; den neben uns auftauchenden Thieren sandten wir zwar aus nächster Nähe Kugeln zu, aber auf ihrer Panzerhaut haben sich die Bleigeschosse wohl breit geschlagen ohne durchzudringen. Ehe darauf die Thiere einen neuen Versuch machen[S. 127] konnten, war das Boot in den Strom gelenkt und auf flacheres Wasser in Sicherheit.
Geräth das Flußpferd in Wuth, wird sein weitschallendes Grunzen zum dumpfen Gebrüll und aus den Nasenlöchern spritzt es das Wasser fontänenartig in die Luft; ist Gefahr vorhanden, hebt es den Kopf nur so weit über Wasser, daß es mit den Augen frei Umschau halten kann, um sofort wieder untertauchend, dann unvermuthet an einer näheren oder entfernteren Stelle wieder hochzukommen.
Dem Anschein nach hatten in diesem entlegenen Flußgebiet die Flußpferde hier ihr Domizil aufgeschlagen, wo sie bisher kaum gestört, ein beschauliches Leben haben führen können; eine geeignete Gegend haben sie sich aber auch ausgesucht, denn wildromantischeres habe ich an den Ufern des unteren Schire kaum gefunden. Durch das Gebüsch zu dringen, war nur auf solchen Gängen möglich, die das Flußpferd sich darin gebrochen hatte, wenn es nächtlicher Weile weit landeinwärts sein Futter sucht. Hatte man sich auf diesen tunnelartigen Wegen durch Busch und Dorn gewunden, fand man auf ansteigendem Terrain Gras- und Waldflächen, die wohl kaum je von eines Europäers Fuß betreten worden sind, denn einladend ist diese Wildniß nicht, auch nicht eines Jeden Sache, auf schlüpfrigen Pfaden vorzudringen, um die Großartigkeit einer jungfräulichen unberührten Natur zu bewundern und in solcher Abgeschlossenheit das Werden und Sein, das Sterben und Vergehen zu betrachten.
Eine solche Exkursion am anderen Tage, Morgens in aller Frühe unternommen, führte mich schließlich zu einem Nebenfluß des Schire, der aber zur Zeit so flach war, daß vielfach Wassertümpel gebildet waren, die nur Zu- und Abfluß hatten durch schmale Wasserrinnen; aber ansehnliche flachgebaute Fische waren in beträchtlicher Anzahl doch in diesem klaren Gewässer und bedauernd, daß ich diese nicht erlangen konnte, verfiel ich darauf sie von den Leuten nach dem Ausfluß jagen zu lassen, und wenn sie auf Grund geriethen, mit Schrotschüssen zu tödten; alle die getroffen waren kamen hoch und nach zwei Schüssen hatten wir eine reichliche Mahlzeit.
Unter der Beachtung aller Vorsicht, suchten wir an diesem Morgen einer zweiten Heerde Flußpferde, die sich an einer Stelle, wo der Fluß zwei auffällige rechte Winkel gebildet hatte aufhielten, zu entgehen. Alles Geräusch vermeidend, schlichen wir mit dem Boote unter die Ufergebüsche entlang und ob manches Thier auch keine fünfzehn Meter entfernt auftauchte, griff es doch nicht an, wir vermieden aber kluger Weise durch Schüsse die Kolosse erst zu reizen, dazu war das Wasser nicht tief genug, um unnütz sich der Gefahr auszusetzen, umgeworfen zu werden und alles zu verlieren.
So unbehelligt aber sollten wir doch nicht wegkommen. Es[S. 128] mochte gegen Mittag sein, als an der Mündung eines Nebenflusses, wo durch angeschwemmte Sandbänke das Flußbett sehr verengt worden war und nur eine zwanzig Meter breite Rinne der stark strömenden Fluth offen blieb, eine große Heerde, nach Schätzung über hundert Thiere, thatsächlich die Durchfahrt sperrten. Sie ließen auch beim Erblicken des Bootes uns keinen Zweifel, daß sie gesonnen wären uns nicht so ohne Weiteres passiren zu lassen, denn brüllend gingen die Bullen zum Angriff auf uns über ohne daß sie von uns gereizt waren, während die Weibchen sich weiter zurückzogen und mit den auf ihren Rücken hockenden Jungen außer Schußweite blieben.
Das Wasser war klar genug, um die auf dem Grunde laufenden unförmlichen Massen erkennen zu können, wir bemerkten auch einige Male einen schwachen Ruck, bis wir wohl auf eine flachere Stelle gerathen, plötzlich hochgehoben wurden und wäre das Boot nicht so schwer beladen gewesen, unfehlbar hätte der mächtige Bulle, der den Angriff unternommen hatte, uns ein gefährliches Wasserbad bereitet. Schlimmer als dieses wäre in der starken Strömung der Verlust aller Sachen gewesen und wiewohl das Boot ganz nahe dem Ufer, mehr als das Leben hätten wir nicht retten können.
Selbstverständlich gaben wir nun Feuer und geriethen im Eifer mitten in diese große Heerde hinein, kamen aber nicht hindurch, sondern waren gezwungen zu landen und uns durch Gestrüpp und Gras einen Weg zu bahnen, um oberhalb der Heerde zu gelangen. Hier auf die Weibchen feuernd, von denen bald zwei tödtlich getroffen sich im Flusse hin und her wälzten erreichten wir, daß die Bullen die Passage frei gaben und nach einstündigem Schießen, in welcher Zeit noch eine ganze Anzahl verwundet worden war, hatten sich die Thiere in einen tiefen Seitenarm verzogen.
Mit äußerster Anstrengung suchten wir nun das andere Ufer zu erreichen und hatten bald die Heerde hinter uns, die, als das Boot ihnen entgangen war, wüthend hinterher stürmte; brüllend den Oberleib über Wasser hebend, rissen einzelne den gewaltigen blutrothen Rachen auf, dessen Kinnladen wohl alles zu zermalmen imstande wären, wenn die Natur das Thier nicht zum Wiederkäuer, sondern zum Raubthier bestimmt hätte. Einige zugeschickte Kugeln, welche einigen wohl noch recht schmerzhafte Zahnschmerzen verursacht haben mögen bewirkten, daß das Schauspiel ein Ende hatte, worauf wir unsere Reise unbelästigt fortsetzen konnten.
Kurz darauf überholten wir ein anderes Boot mit zwei englischen Gouvernementsbeamten, mit denen wir fortan gemeinschaftlich die Fahrt fortsetzten, auch der Einfachheit halber, gemeinschaftliche Küche machten; in solcher Wildniß findet man sich schnell[S. 129] zu einander, theilt auch gerne und macht sich solche Reise so angenehm wie es die Umstände eben gestatten. Unter anderem erfuhr ich, daß diese beiden jungen Leute am selben Morgen auch ein Renkontre mit jener Flußpferdheerde gehabt und mehrere Thiere verwundet hätten, sonst aber direkt nicht angegriffen worden wären; so erklärte es sich, daß die Cibokos noch höchst gereizt und wüthend, sich ohne Weiteres auf das nächste Boot warfen, mit der ernsten Absicht Revanche zu nehmen für die Schmerzen und der gestörten Ruhe.
Ich habe mich zwar später in noch schlechteren Situationen befunden, aber nie wieder wie hier solche Masse von diesen Colossen beisammen gesehen, die sich in dem Bestreben einig waren, ihren schlimmen Feinden den Untergang zu bereiten. Es ist auch nur zu erklärlich; das beständige Jagen macht die Thiere, die sonst friedlich und nur für die Eingebornen oft eine große Plage sind, bösartig und gefährlich, ihre Vernichtung wird dann eine Art Nothwendigkeit, und mit der fortschreitenden Civilisation verschwindet mehr und mehr das Flußpferd, das in der Urwildniß bisher seine ungestörte Heimath gehabt hat. Je höher flußaufwärts wir kamen, desto wechselvoller und vielgestaltiger wurden die Ufer des Schire, bald hoch, bald niedrig mit starkem, dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen, zwischen denen hindurch die Dörfer der Eingebornen versteckt hingestreut lagen und aus deren zunehmender Zahl auf eine ziemlich zahlreiche Bevölkerung zu schließen war.
Der Fluß selbst ist zuweilen eng und tief, bald breit und dann flach, sodaß es schwer hält mit dem Boote fortzukommen; viele Flußarme bilden größere und kleinere Inseln; man sieht aber wie verheerend der starke Strom bei hohem Wasserstand sein muß, wenn er große Erdmassen abspült oder gewaltige Bäume mit sich stromabwärts führt.
Auf hochgelegenem Terrain, dort wo der Fluß eine Hügelkette durchbrochen hat, fanden wir am linken Ufer einige europäische Ansiedelungen, wo Versuche mit dem Kaffeebau vorgenommen waren und mühselig ein kleines Terrain dem höchst fruchtbaren Waldgrund abgewonnen war; freilich ist alles der Natur und den Mitteln die zu Gebote stehen angepaßt und daher auch nur primitiv, aber die Arbeit findet doch ihren Lohn, indem der dankbare Boden die aufgewendete Mühe reichlich vergilt.
Die Gastfreundschaft ist hier allgemein in Gebrauch, darum fällt es nicht weiter auf, wenn ein von dem abwesenden Besitzer verlassenes Haus von dem Reisenden für eine Nachtruhe in Beschlag genommen wird, selbst die schwarzen Diener desselben erheben dem Europäer gegenüber keinen Einspruch und so ist es eine wohlübliche Einrichtung, daß jedem müden Unbekannten, der[S. 130] viele Tage durch die Wildniß gezogen, am gastlichen Herd die hochwillkommene Ruhe gestattet wird.
Kurze Rast hielten wir noch vorübergehend bei der Etappestation wo der Proviantmeister von Liebermann mit wenigen Soldaten als Aufseher eingesetzt war, mit der Anweisung ein freundliches Verhältniß mit den umwohnenden Häuptlingen anzubahnen, um durch deren Willfährigkeit den großen Mangel an Trägern in etwas abzuhelfen. Weiter hinauf nahm die Gegend schon einen entschiedenen gebirgigen Charakter an, die Felsenmassen rückten immer näher zum Flusse, auch an dem starken Gefälle der zuweilen wirbelnden Strömung, gegen die nur mit aller Kraft anzukämpfen war, konnte man voraussetzen, daß die Murchison (Schire)-fälle nicht mehr allzu ferne seien.
Am 14. Dezember, Mittags, nach achttägiger Fahrt, passirten wir Katunga, Station der African Lakes Co., um etwa zwanzig Minuten oberhalb derselben in Chukwakwa, der englischen Gouvernementsstation, neben der das deutsche Lager erbaut war, zu landen.
Die deutsche Station, unmittelbar am Ufer des Schire gelegen und etwa einen Kilometer vom Fuße der steilansteigenden Gebirgskette entfernt, bestand aus zwei Wohnhäusern für Europäer, den Soldatenhütten und einem Proviantschuppen; während den ganzen Lagerplatz eine undurchdringliche Dornhecke umschloß. Was aber das Vortheilhafteste, es waren mehrere gewaltige Tamarindenbäume im Lager, deren weites dichtbelaubtes Geäst gegen die heiße Sonnengluth kühlen Schatten spendete, auch dadurch den Aufenthalt in den Häusern, während der heißen Tagesstunden, angenehmer machte.
Landschaftlich war es ein ganz anderes Bild, welches den Beobachter hier umgab; umschlossen zur Rechten, wenn man den Blick flußaufwärts nach den Schirefällen richtete, von immer höher ansteigenden Bergmassen, die in dunkler Bläue sich verloren und vom Fuße bis zu den höchsten Kuppen von einem zusammenhängenden Gebirgswald bestanden sind, hob sich das Terrain zur Linken mehr hügelförmig aus der Flußniederung aufwärts, um in der Ferne zur Gebirgsform übergehend, das Flußbett wie ein weites tiefliegendes Thal erscheinen zu lassen. Und trägt die Gesammtheit auch den Charakter einer ungebundenen freien Wildniß, ist dieses wechselvolle Bild der Gebirgsnatur im Gegensatz zur undurchdringlichen Wildniß der Urwälder in der Tiefebene, ein erhebendes. Selbst unter der Gluth der sengenden Sonnenstrahlen weht hier ein frischerer Odem und freier athmet die Brust, fast scheint es als wäre das Gefühl eines auf ihr lastenden Druckes weggenommen,[S. 131] auch die physische Kraft erstarkt, belebt den sinkenden Muth und die Thatkraft und Schaffensfreudigkeit kehrt wieder.
Mein Aufenthalt im Lager sollte nur von kurzer Dauer sein, da ich laut erhaltener Ordre, so schnell als möglich vorwärts gehen und den Major vor seiner Abreise nach dem Nyassa-See noch erreichen mußte; ich setzte mich deshalb auch unverzüglich mit dem englischen Beamten Mr. Bowhill in Verbindung, um mit dessen Unterstützung die benöthigten Träger, etwa 40 Mann, zu erhalten, und dies aus dem Grunde, weil mir der die Aufsicht im Lager führende Maschinist Engelke mitgetheilt hatte, daß ohne Genehmigung des englischen Beamten kaum Träger zu erhalten sein werden. Was nun das persönliche Entgegenkommen des Mr. Bowhill betraf, konnte ich als Unterstützungsuchender mich nicht beklagen, aber die entgegengebrachte Freundlichkeit hatte doch etwas Gezwungenes und, als er mir sein Herz ausgeschüttet, Klage über Klage gegen das eigenmächtige Vorgehen der Deutschen angehört hatte, die darauf hinausliefen, daß man seine gute Absicht und Hilfsbereitschaft so wenig gewürdigt, schließlich ihn zurückgewiesen habe, war es mir bald klar, er wolle nur gegen Jemand, der ihn vollständig verstehen konnte, sich reinwaschen, wenigstens stellte er noch an mich die Zumuthung, da er deutscherseits wegen seiner Handlungsweise höheren Orts angeklagt worden war und die Folgen fürchtete, für ihn, wenn sich die Gelegenheit bieten würde, in Blantyre einzutreten, in dem Sinne, daß er entschieden verkannt worden sei. Anstatt der Zusicherung, mein Ersuchen um Leute nach Kräften zu unterstützen, wäre es mir lieber gewesen, er hätte rundweg erklärt, er wolle oder könne nicht helfen, denn dann hätte ich mir selber helfen müssen und nicht einen Augenblick gezögert mit anderen wegen Träger in Unterhandlung zu treten.
Den Glauben an die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung bemühte er sich aber schnell zu zerstören, indem er am nächsten Abend mit zwei Anliegen zu mir kam, die schwere Beschuldigungen gegen unsere wenigen im Lager anwesenden Leute enthielten. Darnach sei ihm von dem Häuptling eines in der Umgegend liegenden Dorfes folgende Beschwerde zugegangen: es seien in der vergangenen Nacht drei Leute aus dem deutschen Lager in dem Dorfe gewesen und hätten nach dem Fumo verlangt, als dieser aber vor Furcht sich verkrochen hätte, soll einer der Bewaffneten einen Schuß abgegeben haben und schließlich nach Verübung allerlei Unfugs hätten die Ruhestörer sich entfernt.
So unwahrscheinlich mir diese Anklage auch erschien, fühlte ich mich doch verpflichtet, eine strenge Untersuchung anzuordnen; wie ich aber voraussetzen konnte, war unter unsern sechs Leuten keiner, dem ein solches Vergehen nachzuweisen gewesen wäre, denn die von uns Europäern stets ausgeführten nächtlichen Rundgänge[S. 132] hatten ergeben, daß jeder der Leute im Lager anwesend gewesen war. Auch der Sudanesenposten konnte keine Angaben machen, was sicherlich geschehen wäre, wenn ein Suaheli sich entfernt hätte, da der pflichtgetreue Soldat mit dem etwas leichtsinnigen Suaheli nichts zu thun haben mag, und so konnte ich nur annehmen, daß die Beschuldigung auf eine Verleumdung hinauslaufen müsse.
Der zweite Fall, wonach am selben Abend zwei von der Etappestation zurückgekehrte Sudanesen in ein Zuckerrohrfeld Verwüstungen angerichtet haben sollten, war ernster. Eine Anzahl Eingeborner war sofort nach dieser Entdeckung zu dem Gouvernementsbeamten gekommen und hatten bittere Beschwerde geführt, der die Zeugen auch mitgebracht hatte und die aus den aufgestellten Soldaten einen Schauß (Sudanesen-Unteroffizier) dieses Vergehens beschuldigten. Der schwarze Unteroffizier, den ich selbst als einen unserer tüchtigsten Soldaten kannte, leugnete entschieden und bezeichnete die Aussagen der Natives als Lügen; die Ankläger nun ins Verhör genommen, stellte es sich heraus, daß sie wohl zwei Soldaten gesehen hätten auf dem Wege zwischen den Feldern, auch annähmen, diese hätten das Zuckerrohr geraubt, sonst aber nicht beweisen konnten, gerade diese beiden hätten es gethan! —
Solcher Nichtswürdigkeit, die einen schlimmen Verdacht auf unbescholtene Leute warf, war ich daraufhin entschlossen mit aller Energie auf den Grund zu gehen; konnte ich auch eine Bestrafung der Ankläger nicht herbeiführen, wenigstens sollte dann der englische Beamte einsehen, daß er als bestellter Anwalt der Eingebornen, nicht so obenhin diesen glauben und vielleicht durch ungerechte Beschuldigung Unschuldige in Verdacht und harte Strafe bringen könne. Zur Aufklärung der Sache bestand ich nun entschieden darauf, daß die Ankläger nicht entlassen, sondern bis zum nächsten Morgen unter irgend einem Vorwand in Gewahrsam gehalten würden, dann sollten, geführt von einem Europäer die beiden Soldaten zum Thatort geführt werden und aus den Fußspuren, die im weichen Boden nicht verwischt sein würden, festgestellt werden, ob diese Anschuldigungen grundlos seien oder nicht, was sehr leicht bewiesen werden konnte, da unsere Soldaten auf allen Märschen und überhaupt stets Stiefel an den Füßen trugen.
Eine Einwendung von Seiten des Mr. Bowhill, diesen Fall nicht auf die Spitze zu treiben, da wenige Kupfermünzen die Geschädigten schon zufrieden stellen würden, konnte mich nicht bestimmen das Gesagte zurückzunehmen, auch die Prophezeihung, wir Deutsche schädigen uns nur durch solches Vorgehen gegen die Eingebornen, da diese uns boykotieren könnten und hinfort kein Proviant mehr verkaufen möchten, wir also in Noth gerathen würden, war nutzlos, und wohl oder übel, sollten nicht die Folgen auf ihn selbst zurückfallen, mußte er sich fügen.
Als der Morgen kam sandte ich den Zimmermann Ottlich[S. 133] und den Schiffsbauer Zander unter militärischer Bedeckung mit genauer Instruktion versehen zu den weit entfernt liegenden Zuckerrohrfeldern, um an Ort und Stelle die eingehendsten Nachforschungen anzustellen; wie das Ergebniß aber auch ausfallen möge, die Hauptankläger sollten unter allen Umständen wieder zurückgebracht werden. Mit begreiflicher Spannung sah ich der Rückkehr der Abgesandten entgegen und hatte mich auf eine harte Auseinandersetzung mit dem englischen Beamten gefaßt gemacht, indem ich nicht gesonnen war, wenn die Unschuld der Beschuldigten erwiesen würde, die mir unterstellten Leute von nichtsnutzigen Eingebornen beleidigen zu lassen.
Am Nachmittage kamen denn auch alle nach einem ermüdenden Marsch in das Lager zurück, mit dem Bericht, daß sie von den Anklägern kreuz und quer geführt worden seien und schließlich an verschiedenen Punkten nur je eine abgebrochene Zuckerrohrstaude gefunden hätten; ferner sei nur die Fußspur eines Natives bemerkt worden, von Stiefelabdrücken im weichen Boden oder gar einer muthwilligen Zerstörung war überhaupt keine Rede. Nach einer solchen offenbar schimpflichen Handlungsweise, als welche diese grundlose Anschuldigung sich herausgestellt, hatte ich nicht übel Lust, zwei der Hauptankläger solch' einen Denkzettel zuzudiktiren, daß ihnen für die Folge ähnliche Handlungen verleidet würden, jedoch war dieses nicht rathsam und auch nicht möglich, da meine Befugniß nicht so weit ging eigenmächtige Entscheidungen zu treffen und diese dem die Gerichtsbarkeit ausführenden englischen Beamten nur zustanden, der aber auf meine Frage, was er nun zu thun gedenke, die Uebelthäter nur mit einem strengen Verweis bedachte und sie dann laufen ließ. Mir mußte es genügen, daß er mit Beschämung einsah, wie unüberlegt er eine ungerechte Sache zu vertreten sich bemüht hatte und die Nachgiebigkeit seinerseits diesen Vorfall als beendet zu betrachten, ließ mich um des Friedens Willen berechtigte Vorwürfe zurückhalten.
Die Erkenntniß, von dem guten Willen des Gouvernementsbeamten abhängig zu sein und die Thatsache, daß derselbe täglich eine Anzahl Träger über das Gebirge sandte, für mich aber nicht so viel Leute beschaffen konnte oder wollte, als ich für meine nothwendigsten Lasten gebrauchte, ließ mich erkennen, nutzloses Warten sei verschwendete Zeit, und zunächst darauf die englischen Händler in Katunga, dann einige Häuptlinge um Ueberlassung einiger Mannschaften ersuchend — mußte ich doch bald mich davon überzeugen, wie nutzlos meine Bemühungen waren — die Zeit drängte zwar und doch war ich machtlos den Verhältnissen gegenüber! —
Eifrig damit beschäftigt aus den hier lagernden geringen Beständen meine Lasten zu vervollständigen, mußte ich die Entdeckung machen, daß der Inhalt mehrerer Kisten, die Hobeln, Beile und[S. 134] anderes Handwerkszeug enthielten, durch die weiße Ameise zum Theil zerstört und unbrauchbar geworden waren. Solches Ueberhandnehmen der kleinen unscheinbaren Thiere konnte aber nur durch die Unachtsamkeit einzelner Europäer entstehen, die nicht durch zeitgemäßes Umpacken der Kisten der enormen Beschädigung vorzubeugen gesucht hatten, sondern an verschiedenen Orten mehrere Wochen lang die Kisten ohne Unterlage auf dem Erdboden stehen ließen und dadurch den kleinen Nagern Zeit gaben, ihre Erdgänge in das Innere aufzubauen, somit in aller Ruhe ihre Zerstörungswuth ausführen konnten.
Uebrigens wimmelte es geradezu von großen und kleinen Ameisen im Lager zu Chukwakwa, in einer Weise, daß man sich gegen die lästigen Thierchen nicht zu schützen imstande war. Saß man bei brennender Kerze Abends in der einsamen Hütte, ein Kistenbrett als Tisch, ein Koffer als Stuhl und versuchte die Gedanken zu sammeln, um einen längst schuldigen Brief für die Angehörigen endlich zu beendigen, da sobald eine Mußestunde nicht wieder kommen würde, dann dauerte es nicht lange, bis eine Anzahl schwarzer Ameisen durch die Kleider ihren Weg bis zur bloßen Haut gefunden hatten und an den Beinen hinauf oder im Genick ihren Spaziergang unternahmen.
So lange nun das eigentliche Prickeln und Krabbeln nicht überlästig wurde und man Ausdauer genug besaß, die Ameisen nicht zu stören, verhielten sich die kleinen Quälgeister auch einigermaßen anständig, aber fuhr man wüthend nach einer Stelle hin mit der Hand, wo ein Schalk, aus Aerger vielleicht weil ihm auf seinem Wege ein Hinderniß entgegenstand, die scharfen Kneifzangen in die Haut eingegraben hatte, um diesen zu tödten, faßten, durch die Bewegung erschreckt, gleich eine ganze Anzahl Zangen die empfindliche Haut und kniffen, als würden an jeder Stelle glühende Nadeln eingeführt. Sprang man aber auf, war es für alle anderen am Körper befindlichen Ameisen das Signal, herzhaft zuzufassen, suchte man dann vielleicht an den Beinen die Thierchen abzusuchen, zwickten andere tief im Genick, wo man nicht hinreichen konnte, oder im Ohr etc., bis man sich mit starker Willenskraft den Plagegeistern übergab und geduldig den Schmerz ertrug oder genöthigt war, sich auszuziehen um dann den Ameisen beizukommen suchte.
Weniger belästigend, aber auch höchst unangenehm wurden Tausende kleiner Insekten, die nach dem Lichte zustrebten und durch die Flamme verbrannt bald den provisorischen Tisch mit ihren zuckenden kleinen Körpern bedeckten, vom Papier mußten sie fortwährend abgeschüttelt oder weggepustet werden — es war geradezu ein Wettfliegen um den Tod. Ich glaube manch' unbekanntes Insekt, Fliege, Motte und auch Käfer wäre aus der großen Anzahl herausgefunden worden, wenn ein Spezialist der Insektenlehre[S. 135] an Ort und Stelle solchen Vorrath an Nachtschwärmern hätte untersuchen können. Die Gesellschaft vollzählig zu machen, huschten lautlosen Fluges, nur zuweilen einen gespenstigen Schatten auf die erleuchtete Wand werfend, beutejagende Fledermäuse vorüber, sich an der menschlichen Gestalt nicht kehrend, die den Kopf in die Hand gestützt, eilige Buchstaben auf das Papier niederkritzelte, oder unbeweglich eine Zeitlang nachdenkend, dem Hasten und Jagen der Insekten zusah, welche sich nicht eilig genug ihre zarten Flügel verbrennen konnten.
Durch die herrschende Ruhe im halbdunklen Raume kühn gemacht, raschelte auch vorsichtig eine Ratte in der Rohrwand, um nach und nach auf dem Boden der Koffer einen Entdeckungszug nach Genießbarem zu unternehmen, bis sie einem plötzlich mit Wucht zugeschleuderten Schuh oder anderem Gegenstand auszuweichen suchte und mit Schrecken einsah, daß zum nächtlichen Rekognosziren die Zeit noch nicht gekommen sei. Dies sind neben sonstigen Annehmlichkeiten eines Lagerlebens mehr oder weniger unliebsame Zugaben, die aber sofort vergessen sind, sobald die kühle Nachtluft im Freien die heiße Stirne kühlt und das Auge sich in die wundervolle Sternenwelt des tropischen Himmelsgewölbes versenkt, oder dem phosphorartigen elektrischen Lichte des kleinen Leuchtkäfers zuschaut, der sich auf der Stiefelspitze oder den Kleidern zum Ausruhen hingesetzt hat, während hunderte Seinesgleichen in Busch und Gras umherfliegen, sich selbst und anderen den Weg erleuchtend — unergründliche Wunderwelt der Schöpfung, wer ermißt die strahlende Flammengluth jener unendlich fernen Welten im ungemessenen Aether, oder ergründet die Leuchtkraft, welche die fürsorgliche Natur diesen kleinen Lebewesen auf ihren kurzen Lebensweg mitgegeben! Der Mensch mit seinem stolzen Wissen und Können muß vor dem Erhabensten und dem Geringsten in der Natur bekennen, daß alles Stückwerk ist, er im kühnen Wissensdrang wohl in die Geheimnisse der Natur einzudringen sucht, aber Räthsel auf Räthsel sein ernstes Forschen hemmt, die er nicht zu lösen vermag; indes wo nur ein leiser Schimmer der Erkenntniß das Dunkel des Geheimnißvollen erhellt, da muß der forschende Geist das urewige Walten der Gottheit anerkennen.
Drei Tage nutzlosen Bemühens für meinen Weitermarsch Träger zu erhalten, waren hingegangen und am Sonntag den 18. Dezember hatte ich mich schon gerüstet am anderen Schireufer in weit landeinwärts liegenden Dörfern mein Heil zu versuchen, als in den Morgenstunden dieses Tages der nunmehrige Chef der Transportexpedition, von Eltz, von Chilomo per Boot im Lager eintraf um fortan hier, wo voraussichtlich erst nach Monaten die Arbeiten beginnen und Träger zu bekommen waren, sein Domizil aufzuschlagen.
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Nach mehrstündiger Verzögerung konnte ich erst am Nachmittage die beabsichtigte Tour unternehmen, mithin wurde der in heißer Sonne begonnene Marsch etwas strapaziös. Zwischen ausgedehnten, zum Theil bepflanzten Feldern führte ein Fußpfad schließlich zu einem zwischen welliges Waldterrain an steilen Abhängen des Schireufers erbauten Dorfe, dessen Häuptling mit großer Bereitwilligkeit auf mein Ersuchen, mir eine Anzahl Leute zu geben, einging, nur hob er hervor, er könne höchsten 10 Mann stellen — sein kleines Dorf habe nur wenig Bewohner und davon seien die meisten jungen Leute für die Engländer thätig. Die Ueberreichung eines kleinen Geschenkes meinerseits besiegelte den Vertrag, wenn irgend angängig, sollten am nächsten Morgen bestimmt die Leute im Lager eintreffen.
Bevor ich von dem freundlichen alten Fumo Abschied nahm, wollte er mir auch noch ein Gegengeschenk verabreichen lassen und zwar, da sein Besitzthum höchst gering, sollte dieses in einem lebenden Huhn bestehen; es hatte aber seine Schwierigkeit mit den wenigen im Dorfe anwesenden Frauen und Kindern die halbwilden Hühner einzufangen, die auf Hütten und Bäumen flogen und nur mittelst Wurfgeschosse wieder herabzubringen waren; die wilde Jagd blieb schließlich doch resultatlos, bis ich dieser dadurch ein Ende machte, daß ich einen bezeichneten stattlichen Hahn niederschoß. Die Neugierde des Fumo war nun freilich geweckt und wollte er, ich solle mehrere Hühner abschießen, welchen Gefallen ich ihm aber nicht that, weil es mir unnütz erschien, aus reinem Vergnügen die ängstlichen Thiere zu tödten, stillschweigend jedoch ließ ich von einem meiner Leute an einem entfernteren Baumstamm ein handgroßes Blatt Papier befestigen und darauf mehrere Schüsse abgebend, wurde dessen Verwunderung über die Treffsicherheit der Waffe noch gesteigert, er schrieb dieser die Eigenschaft zu, unfehlbar sicher zu sein, sobald der weiße Mann sie benutze. Man gewinnt übrigens eine gewisse Sicherheit in der Handhabung der Waffen, wenn, wie in diesem Lande, die Schieß- und Jagdfreiheit eine ungebundene ist.
Der praktische Engländer, nicht allein daß er die Eingebornen zu gewissen Abgaben verpflichtet, hat die Jagdgerechtsame insofern heutigen Tages beschränkt, als je nach der Thiergattung, d. h. der verwendbaren, eine Taxe erhoben wird, die z. B. auf Elephanten 15 Lstr. = 300 Mk. beträgt. Es finden sich aber nicht viele passionirte Jäger, die unabhängig, speziell der Nachstellung unseres größten Vierfüßlers obliegen, denn dieses ist leichter gesagt als gethan, indem der Muth und die Ausdauer eines Jägers hierbei auf keine geringe Probe gestellt wird, wenn er die mächtigen Thiere auf ihren Wandergängen verfolgen will, die imstande sind ihren Standort derartig zu wechseln, daß zwischen heut' und morgen ein Abstand liegt, der fünfzig und mehr Kilometer[S. 137] beträgt und für dies scheinbar plumpe Thier nicht mal eine allzugroße Leistung ist; bieten doch Wald und Sumpf, Thal und Hügel diesem kein besonderes Hinderniß, auch die Eigenschaft eines vorzüglichen Steigers im gebirgigen Terrain besitzt der Elephant in hohem Grade.
Möge hier gleicherzeit die Aussage eines eingebornen Jägers, der vielfach mit unermüdlicher Ausdauer den Elephanten gefolgt ist und um der theuren Zähne willen ihnen nachgestellt hat, Platz finden. Nebenbei bemerkt steht mein Gewährsmann bei Seinesgleichen um der Erfolge willen im hohen Ansehen und rühmt sich derselben nach Gebühr — er sagt: hatte ich mit meinen Leuten irgendwo den Standort einer Edelelephantenheerde ermittelt, wo noch Voraussetzung dieselbe sich wegen reichlicher Ernährung längere Zeit aufhalten würde, suchten wir unbemerkt diese zu beobachten und den benutzten Pfad zur Tränke aufzufinden. Die Thiere, meistens sicher, da sie von keiner Gefahr bedroht sind, wechseln nicht oft und wo im dichten Gebüsch ein Abweichen nicht leicht vorauszusetzen war, gruben wir möglichst schnell tiefe Fallgruben, die so bedeckt wurden, daß selbst der vorsichtige Führer der Heerde nicht stutzig werden konnte.
Meistens zwar, da die Gruben nicht breit genug angelegt werden konnten, sank das schwere Thier wohl etwas ein, rettete sich aber sofort trotz seiner Plumpheit auf festen Boden und bahnte, den Pfad vermeidend, sich und seiner Heerde durch das Dickicht einen neuen Weg. Wollte der Zufall aber, daß der Leiter stürzte und eingezwängt, unfähig war sich wieder zu erheben und sich herauszuarbeiten, flohen die übrigen Thiere nicht oder ließen ihn im Stich, sondern die Männchen arbeiteten so lange, bis sie mit ihren Rüsseln ihren Führer wieder heraus und auf die Beine geholfen hatten; dagegen, war vorsichtig eine entdeckte Falle umgangen worden, geschah es mehrfach, daß jüngere Thiere, weniger vorsichtig, zu Falle kamen, denen aber nie, wenn es nicht ein ganz junges Thier war, bei dem die Mutter verblieb und es half, die Unterstützung der anderen zu Theil wurde, und erst dann, sobald sie vollständig ermattet und jeden Versuch der Selbstbefreiung aufgegeben hatten, konnten sie von den Jägern mit Speer und Kugel getödtet werden.
Schickt eine Heerde sich an, die Anpflanzungen der Eingebornen zu zerstören, vertheilt, wie es scheint um der Rarität willen, der Führer die wohlschmeckenden Pflanzen und Bäumchen, indem er z. B. Bananen mit seinem Rüssel abbricht und sie den Weibchen hinwirft, die ohne jegliche Anstrengung die weichen saftigen Stämme in den tiefen Schlund verschwinden lassen, auch sonst soll er mit großer Fürsorge auf das Wohl der ihm Anvertrauten bedacht sein. Als das stärkste Thier, entwurzelt er meistens starke Bäume und bricht sie nieder, deren Laub den[S. 138] übrigen dann zur Nahrung dienen muß. Beurtheilen kann man es wohl, wie groß der Schaden sein muß, den eine starke Heerde anzurichten im Stande ist, obgleich der Elephant nicht mehr zerstört, als er zu seiner Sättigung bedarf.
Fühlt sich eine Heerde nicht sicher, übernehmen, wie es auch bei anderen Thierarten der Fall, die stärksten Männchen den Postendienst, die eine erkannte Gefahr durch Trompetentöne anzeigen und ein sofortiges Sammeln oder Abziehen aller dadurch veranlassen. An solche abseits stehenden Thiere schleicht sich nun der schwarze Jäger, sofern ihm ein Vorderlader zur Verfügung steht, möglichst nahe heran und sucht das ahnungslose Thier an der tödtlichsten Stelle, im Ohr, zu treffen, wobei ihm das zu Gute kommt, daß der Elephant, selbst wenn er den schwarzen Mann entdeckt, von diesem nichts Schlimmes erwartet, weil er zu selten belästigt wird und von den ihm bekannten Gestalten gewöhnlich nichts zu fürchten hat.
Geht das getroffene Thier nicht sofort zum Angriff über und sucht den schnellfüßigen Angreifer zu erreichen, den es in wenigen Augenblicken mit seinen Füßen zerstampfen würde, nimmt dieser seinerseits die Verfolgung auf, mit einer Schnelligkeit und Ausdauer, wie solche nur dem Sohne der Wildniß eigen ist, bis er schließlich das schwerverwundete Thier erreicht, das verlassen von allen, den unausgesetzten Angriffen schließlich erliegen muß.
Die Methode, den Elephant mittelst vergifteter Pfeile zu erlegen, erfordert nicht minder Geschicklichkeit, da dem wachsamen Thiere nur im Hinterhalt beizukommen ist und eine Anzahl gut sitzender Geschosse erst Erfolg versprechen, welche das Thier sich schließlich, von Schmerz gepeinigt, durch Wälzen am Erdboden oder Scheuern an Baumstämmen tief in das Fleisch eindrückt und der Einwirkung des starken Giftes dann bald erliegen muß. Aeußerst kühne Jäger schleichen sich heran, um mit einem scharfen Instrument die Hacksehnen der Hinterfüße schnell zu durchschneiden; das dadurch zum Verfolgen oder Fliehen unfähig gemachte Thier fällt dann seinen zahlreichen winzigen Feinden zum Opfer, indem es zusammenbrechend, der geschleuderten Speere sich nicht mehr erwehren kann.
Solches Tödten durch Hinterlist meinte mein Gewährsmann sei eines rechten Jägers unwürdig und werde nur von den in den endlosen Urwäldern Inner-Afrikas lebenden Völkern ausgeführt, wo noch der Elephant in großen Heerden lebe und nicht so vereinzelt wie in der Gegend des Schirehochlandes vorkomme. Hier habe er nur zu oft gefunden, daß Kühnheit und Geschicklichkeit an der Wachsamkeit einer wandernden Heerde gescheitert sei; an einen einzelnen Elephanten, sogenannten wilden, der aus dem Verbande einer Heerde ausgestoßen ist und einsam durch die Niederungen und Wälder streife, sei es nie rathsam sich heranzuwagen,[S. 139] solch' ein Thier, seine sonstige Gutmüthigkeit verleugnend, werde zum gefährlichsten Gegner und gehe leicht gereizt zum Angriff über.
Nach Ankunft der Träger am nächsten Morgen den 19. Dec., nur neun Mann, konnte ich wenigstens das Nothwendigste, Instrumente, Chronometer etc. und einen Theil meiner Privatsachen vertheilen, das meiste mußte zurückbleiben und wurde gelegentlich nach Monaten erst nachgesandt. Es ist übrigens nichts Seltenes, daß man durch die Verhältnisse gezwungen, sich mit dem geringsten Gepäck auf lange Zeit behelfen muß, sich also mit dem Allernothwendigsten zu begnügen hat und noch zufrieden sein kann, wenn ein Zelt, Bett oder Hängematte zur Verfügung steht, nebst dem primitivsten Kochgeschirr. Bei der Vertheilung der Lasten weigerten sich die Träger die sonst übliche Last von sechzig Pfund per Kopf anzunehmen und mußten alle auf weniger als fünfzig reduzirt werden weil, wie die Leute wohl nicht mit Unrecht anführten, ein Aufstieg von nahezu 5000 Fuß, das Tragen schwererer Lasten für alle zu ermüdend sei; ich sollte es selber auch bald erfahren wie drückend selbst eine geringe Last, als Gewehr, Patronentaschen etc. auf die Dauer werden kann, wenn man keuchend die steilen Gebirgsabhänge erklimmen muß.
Der glühenden Sonne ungeachtet, die ihre sengenden Strahlen aus dem blauen Aether niedersandte, zog ich mit meiner kleinen Kolonne nach kurzem Abschied, vom Lager seitwärts mich durch die Gebüsche windend, dem Gebirge zu. Nach zwanzig Minuten vor dem steilansteigenden Abhang stehend, der als Weg zur Höhe führte, keuchten wir mühselig über Steingeröll bergan; öfter ließ ich die schweißtriefenden Träger, die unter ihrer Last und ohne jeglichen Schutz der Sonne ausgesetzt waren und deshalb nur langsam vorwärts kamen, ausruhen, merkte auch bald wie äußerst anstrengend solch' ungewohntes Steigen ist und wie leicht unter der geradezu sengenden Gluth die physische Kraft erlahmt.
Etwa 1500 Fuß über die Ebene hatten wir uns mühsam aufwärts geschleppt, und im Schatten der Bergwände ruhend, suchte ein Jeder der überkommenen Ermattung Herr zu werden. Die Luft war hier schon angenehm kühler, auch die große Schwäche ließ allmählich nach; die Lungen sogen die herrliche Waldluft in vollen Zügen ein und zu neuer Anstrengung gestärkt, strömte bald ein wohliges Gefühl erfrischend durch die Adern. —
Hier oben stehend, ließ ich den Blick ringherum in die Weite schweifen, mag es nun sein, daß ich seit vielen Jahren dergleichen nicht gesehen, oder war es der eigenthümliche Reiz der Landschaft zu meinen Füßen, der das Auge wie gebannt darauf niederblicken ließ — der Anblick war ein unbeschreiblich großartiger: Fernhin zu den Bergen, welche die Ufer des Zambesi-Flusses begrenzen, weit hinaus wo das Himmelsgewölbe sich mit diesen zu vereinen[S. 140] scheint, schaut das Auge durch die klare Luft, aber näher zu mir, fast greifbar, schlängelt sich das Silberland des Schireflußes in malerischen Schlangenlinien auf und abwärts, zuletzt in einen dünnen glänzenden Faden verlaufend. Nahegerückt erscheinen die Felsenmassen des Schirehochlandes, über welche hinweg der Fluß sich seinen Weg gebahnt und in stolzen Cascaden über Felsen donnernd springt und rauscht, bis er in der Tiefe seine Wasser zum ruhigen Laufe sammelt, auf denen weiter unterhalb, losgetrennte Grasinseln den weiten Weg zum Ocean antreten; für manchen Segler der Lüfte ein willkommenes Fahrzeug, das ohne Schwanken sicher von den Fluthen in die Ferne getragen wird.
Der Sonnenglanz, der auf diesem Bilde strahlende Reflexe wirft, verschönt es und erhöht den Reiz; in solchem gewaltigen Rahmen gefaßt, erscheint es als ein Poesiestück der lebenden Natur und wirkt in diesem durch scharf ausgeprägte Conturen gewaltig, übermächtig. Das duftige Grün im Flußthale, Busch und Baum zusammengedrängt, lassen alles von dieser Höhe gesehen, wie einen Garten von endloser Ausdehnung erscheinen, der in den Vordergrund gerückt zu dem stimmungsvollen Bilde erst die rechte Staffellage abgiebt und die Schönheit und Großartigkeit desselben nur vervollständigt. —
Rechts von meinem Standpunkt, das Auge dem Bilde zugekehrt, fallen die steilen Felsenketten in mannigfacher Formation zum Flusse ab, so dichtbewaldet von hohen Farrenkräutern, von Gras, Baum und Busch durchzogen, daß das Auge nirgends die Beschaffenheit des Gesteins entdecken kann; zur Linken dagegen heben in stolzer Höhe, 5 bis 6000 Fuß und darüber, die Gebirgskegel des Schirehochlandes majestätisch von den tiefblauen Massen ab, und diese gewaltigen Steinpyramiden ragen über die weißen Dunstgebilde, welche sich an den Abhängen wie verhüllende Schleier gesammelt haben, himmelanstrebend empor. Gespenstigen Schatten gleich fliehen weiße Wolken, bald tief hängend, bald die höchsten Spitzen verhüllend, vorüber, als scheuche sie die Lichtfluth, die vom reinen tiefklaren Aether niederströmt vor sich her und als suchten sie sich vor der zersetzenden Kraft des Sonnenlichtes irgendwo zu verbergen.
Bis zur höchsten Spitze ist das Gebirge, die Abhänge und Thäler ausnahmslos mit einer gleichen Art von Bäumen bestanden, untermischt mit Farren und wenigen anderen Spezien; soviel eine flüchtige Orientirung ergab, eignen sich die 30 bis 40 Fuß hohen Baumstämme nur zu Bauholz, indes näher nach Blantyre zu und nachdem ich die Gebirgspartien durchzogen hatte, wurde ich eines anderen belehrt und obgleich die gedachte Baumart überall vorherrschend ist, so wird doch sehr viel Nutzholz aus mächtigen Bäumen gewonnen.
Der beschwerliche Weg, den wir verfolgen mußten, war anfänglich[S. 141] mit Steingeröll so besät und uneben gemacht, daß, abgesehen von dem an und für sich gerade nicht angenehmen Bergpfad, daß von Stein zu Stein springen auf die Dauer höchst beschwerlich wurde. Zwischen Bergkegeln verlief der Weg zeitweise ebener und gerader, obzwar zur Linken ein tiefer Abgrund und rechts steile Wände sich befanden, die von Menschenhand bearbeitet, längs denselben erst einen Pfad geschaffen hatten. Ein solcher war jedoch durch die Regenmassen, welche von den Höhen niederrauschten, so zerrissen, daß metertiefe Spalten das feste Gestein zu Tage treten ließen und besondere Vorsicht war erforderlich, um ein Abgleiten oder Stürzen zu vermeiden.
Tief auf dem Grunde der steilen Abhänge donnerten, unsichtbar durch die an den Abhängen üppig wuchernde Vegetation, die Waldbäche und das Brausen der eingeengten Wassermassen drang deutlich vernehmbar bis hinauf zur Höhe, wo der Weg spiralförmig längs den gewaltigen Massen eines Bergkegels hinlief. Hier oben in der vielgestalteten Bergregion, wo in dem tiefen Humusboden vieltausendfältiges Pflanzenleben feste Wurzel geschlagen hat, der balsamische Odem aus dem unabsehbaren Waldrevier wie ein belebendes Elexir die Menschenbrust durchzog, fühlte man die Beschwerlichkeit eines mühseligen Marsches kaum; die Luft so klar und rein, schien die Last, welche sie auf die Schultern des Menschen gelegt, abgewälzt zu sein! so leicht, so frei und frohgestimmt fühlte man sich versucht, das Echo an diesen Felsenwänden zu wecken, oder mit dem befiederten Sänger um die Wette in die blauen Lüfte hineinzujauchzen! —
Mittlerweile gelangten wir auch an den eigentlichen Hauptweg, der auf Veranlassung der englischen Regierung von dem Ingenieurkapitän Schlüter durch das Gebirge vom Schirefluß bis Blantyre geschlagen worden war und nach Möglichkeit immer allmählich ansteigend, zur Höhe führte. Der beträchtlichen Abkürzung wegen hatten wir den steilen Anstieg gewählt, den eigentlichen seit allen Zeiten von den Eingebornen begangenen Fußpfad, der, bedeutend verbessert, in der trockenen Jahreszeit auch nicht so beschwerlich war wie jetzt, dafür aber die ganze gewaltige Größe und Schönheit der Gebirgswelt dem beobachtenden Wanderer vor Augen führte. Der Hauptweg, als eine Fahrstraße gedacht, die unsere deutsche Expedition eigentlich erst durch die Verwendung unserer zweirädigen Wagen die Einweihung geben sollte, ist nicht allein mit unendlichen Mühen unter Benutzung aller Vortheile und technisch genauer Ausführung hergestellt worden, sondern erfordert zur Instandhaltung einer beständigen Arbeitskraft und nicht unwesentliche Mittel.
Als die Schatten des Abends schon auf den Thälern und Schluchten ruhten, den Wald die Dämmerung umfing und nur noch die Kuppeln der höchsten Bergspitzen im goldenen Abendlicht[S. 142] erglänzten, dehnte sich abwärts steigend vor uns ein kleiner Thalkessel aus, in dessen Tiefe einige Grashäuser und Hütten zur willkommenen Ruhe winkten. Es war dies Thal unser Endziel, das wir zu erreichen gestrebt hatten.
Kühl, fast kalt, wallende Nebel im Thal und auf den Höhen, brach der nächste Morgen an. Wir stiegen wieder steil bergan und erst als die Höhe von 4000 Fuß erreicht war, verlief der Weg ebener, wir hatten zur Linken meistens die hohen steilanstrebenden Berge, zur Rechten einen sehr langgestreckten Thalkessel, dessen Grund wegen der dichten Bewaldung an den Abhängen nicht zu erschauen war; aus der Tiefe nur drang das Geräusch tosender Wildbäche, die durch die Regenmassen hochgeschwollen, wild brausend in ihr enges Bette vorwärts schossen.
Die Aussicht zu den waldgekrönten Berggipfeln wurde heute durch tiefhängende Wolkenmassen verhindert, schwarz und regenschwer hingen diese über uns, als wollten sie sich niedersenken, um alles in Nacht und Dunst zu hüllen. Kein freundlicher Sonnenstrahl wollte sich zeigen — mit all' ihrer Gluth konnte die Sonne nicht die Gebilde zerstreuen und auf diesen Höhen die Temperatur schnell erwärmen — bis etwa um elf Uhr in die drohenden Massen Bewegung kam und mit dem ersten zuckenden Blitzstrahl, dem laut wiederhallenden Donner, eine Regenfluth herniederbrauste, daß absolut nichts in der weiten Umgebung dagegen schützen konnte. Mit Gleichmuth mußte das Unabänderliche ertragen werden; schließlich aber machte die intensive Kälte der Regentropfen doch den Körper zittern, sodaß widerwillen die Zähne zusammenklappten, als schüttelte arger Fieberfrost die Glieder. Unter dichtbelaubten Bäumen hockten die Leute wohl zusammen und ertrugen stillschweigend, bebend vor Kälte, das uns zugefallene Loos, als aber die Blitze wie Feuergarben umher sprühten, die Kälte für mich auch unerträglich wurde, jagte ich die völlig in Apathie versunkenen Träger auf, und nichts achtend, nur an Bewegung denkend, liefen wir mehr als wir gingen den Weg entlang, der an manchen Stellen einem rauschenden Bache glich.
Gerne wäre ich zur Rechten, durch dick und dünn thalwärts abgebogen, wenn nur die Aussicht vorhanden gewesen wäre, den geringsten Schutz zu finden, um diesem kaum noch erträglichen Zustand ein Ende zu machen. Mir war es, als hätte das wildeste Fieber mich gepackt und wolle den Körper aus allen Fugen rütteln, solche furchtbare Wirkung übten die kalten Regenschauer auf die höchst empfindliche Haut aus, dazu konnte ich mir denken, wenn dies nicht bald ein Ende nehme, die Folgen gewiß nicht ausbleiben würden. Bis zu einer am Wege liegenden Grashütte mußte geduldig ausgehalten werden — eine andere Zuflucht wußten meine Leute nicht — die endlich nach halbstündigem Laufen auch erreicht wurde, aber von mehr als vierzig anderen Trägern schon[S. 143] mit Beschlag belegt worden war, die hier gemächlich an Feuern auf provisorischen Blechpfannen ihren Mais rösteten.
Platz war unter dem elenden Dache nicht mehr vorhanden, indes dem weißen Manne und den athemlosen Ankömmlingen machten Alle willig Raum, sodaß bald, nachdem trockene Kleider ein behaglicheres Gefühl hervorgerufen, ich mir einen in heißer Asche gerösteten Maiskolben wohl schmecken ließ, denn meine vom Regen aufgeweichten Biscuits waren kaum noch zu genießen, wurden aber von den Leuten als ein besonderes Geschenk unverzüglich verzehrt. Mir war es nichts Neues zwischen halbwilden Völkerstämmen, an deren Feuern gelagert, selbst mit dem Einfachsten vorlieb nehmen zu müssen, hatte auch häufig genug die Gastfreundschaft schwarzer, brauner und gelber Männer in Anspruch genommen. In diesem Falle lagen die schwarzen nackten Gestalten wie eine Heerde Schafe auf- und nebeneinander, um nur etwas Schutz zu finden gegen die Unbill der Witterung. Mancher Europäer würde sich durch herrisches Auftreten Platz verschafft, in Regen und Kälte die Kerle hinausgejagt haben und hätte das Lästige der Umgebung von sich abgewiesen, wer aber die eigene Unbehaglichkeit in solcher Lage auf das Mitempfinden ebenso fühlender Geschöpfe in Betracht zieht, handelt nicht so — man redet sich zu leicht nur empfindliche Nervosität ein, um solches Handeln vor dem Gewissen zu rechtfertigen, die dann auch entschuldbar sein soll, im Grunde genommen ist es nur eine unüberwindliche Abneigung gegen tiefer stehende Wesen, denen doch gewiß das gleiche Fühlen und Empfinden innewohnt — menschlich handeln und denken wird stets auch in unbehaglichster Lage und Stimmung viel edler sein, als einer gespannten Empfindlichkeit die Zügel schießen zu lassen.
Nach längerer Zeit hörte denn auch der Massenregen auf, und wiewohl düster und drohend neue Gebilde heraufzogen, einen neuen schweren Ausbruch verkündend, brach ich doch auf, in der Hoffnung, durch schnelles Vorwärtseilen einem gleichen Bade zu entgehen; auch war nicht viel Zeit zu verlieren, wollte ich bei früher Abendstunde noch Blantyre erreichen. Es währte indes keine halbe Stunde, als sich abermals die Schleusen des Himmels öffneten und wahre Ströme kalten Wassers auf uns ausgossen; in wenig Sekunden war der frühere Zustand völligen Durchnäßtseins wiederhergestellt und die Folge davon, das peinlichste Kältegefühl.
Am ganzen langen Wege wird der gänzliche Mangel an menschlichen Wohnstätten, auch nur der provisorischen Grashütten, bei solchen Wettererscheinungen bitter empfunden, ist man doch deswegen vollständig der Willkür der Witterung preisgegeben und muß auf den schlüpfrigen Wegen mit großer Achtsamkeit vorwärts gehen, um nicht hart am Abgrund abzugleiten, und, wenn auch[S. 144] wegen des dichten Gehölzes keinen tiefen Fall, so doch Verletzungen schmerzhafter Art sich zufügen kann. Mit klappernden Zähnen und zitternd schritten wir dennoch rüstig fürbass, durch ausgedehnte Wasserlachen watend, die weithin eine Senkung des Weges ausfüllten, grollenden Sinnes gegen das widerwärtige Geschick.
Ich hatte mich schon mehrfach nach einem Dorfe oder Hütten rechts unten im Thal erkundigt, aber immer das gleiche »sejni bwana« (ich weiß nicht Herr) hören müssen, bis ich schließlich alle Träger aufkommen ließ und nun von einem der besser orientirt war erfuhr, daß hier ganz auf der Thalsohle ein kleines Dorf liegen müsse, wo jedenfalls in einer Hütte Unterkunft zu finden sei.
Ohne Besinnen, nur darauf bedacht mich und die Leute aus diesem peinvollen Zustand herauszubringen, schlug ich den steilen Felspfad ein, welchen ich entdeckt und der steil abwärts zur Tiefe führte. War aber schon der Hauptweg ein rauschender Bach, stürzten auf diesem die Wassermassen mit solcher Gewalt bergab, daß die Füße auf dem schlüpfrigen Gestein kaum Halt finden konnten und die Umklammerung der Baumstämme vor bösen Sturz uns behüten mußten. Langsam und vorsichtig ging es thalabwärts, bis etwa tausend Fuß tiefer auf ebenerem Terrain, zwischen dünner gesäten Bäumen, an der gegenüberliegenden Bergwand ein größeres Dorf zum Vorschein kam.
Entgegen dem Anschein, hatte das langgestreckte Thal eine beträchtliche Breite und durch fließende Wasser, durch kleine Bäche, nicht achtend des Gestrüpps und triefenden Grases eilten wir vorwärts und plötzlich in einer Senkung eine Anzahl Hütten entdeckend, schickte ich einen Boten schnell voraus, der dem Aeltesten, wenn ein solcher zu finden sei, um die Ueberlassung einer Hütte angehen sollte, in welcher für kurze Zeit einem Europäer Unterkunft geboten werden könnte, auch ließ ich die etwas vertheilten Leute sich erst wieder sammeln. Trotz des noch immer strömenden Regens hockten doch neugierige Gestalten unter den überhängenden Dächern der Hütten, oder lugten aus den kaum zwei Fuß hohen Zugängen hervor, um den neuen Ankömmlingen nachzuschauen, denn gewiß war es eine seltene Ausnahme, daß der Fuß eines Europäers sich bis hierher verirrte.
Ich kam gerade noch zurecht mit ansehen zu können, wie die Bewohner einer Hütte, Mann, Frau und zwei Kinder, ihre ganze Habseligkeiten, zwei Speere, einen Thontopf, ein Wassergefäß und ein Bündel Maiskolben aus der mir zugewiesenen Behausung heraustrugen und nachdem der Eigenthümer in mir unklaren Worten vielleicht noch seine Bereitwilligkeit ausgedrückt hatte, in eine der nächsten Hütten vorläufig sich einquartierten.
War die Luft hier im tiefen Thal auch etwas wärmer, so fror ich doch noch entsetzlich; deswegen suchte ich auch schnell ins[S. 145] Trockene zu kommen und war bemüht, diesem äußerst nachtheiligen Zustand ein Ende zu machen. Aber ob ich auch die Augen zukniff, die der beißende Rauch, im Innern der Hütte angesammelt, thränen machte und mit Gewalt an mich hielt, keine tiefen Athemzüge zu thun, trieb ein Hustenanfall mich doch wieder ins Freie und in den Regen hinaus! Unwillkürlich fragte ich mich, wie können blos Menschen in solcher Athmosphäre athmen und existieren! Kein Abzug für den Qualm, kein frischer Luftzug mochte jemals diese rauchgeschwärzte Höhle durchweht haben, bis ich durch kurzes Nachdenken des Räthsels Lösung fand. Nicht aufrecht stehend, wie ich es gethan, sondern immer in liegender, höchstens sitzender Stellung, kauert sich der Bewohner am Feuer nieder und der benöthigte Sauerstoff, der das Feuer unterhält, giebt auch durch den kleinen Eingang zuströmend, den menschlichen Lungen die nothwendige Nahrung.
Nothgedrungen that ich dasselbe und nachdem erst die glimmenden Holzscheite in den Regen geworfen worden waren, war der Aufenthalt in der Hütte wenigstens einigermaßen erträglich. Solche Hütten sind meistens kreisförmig gebaut, die Wände bestehen aus eingegrabenen Pfählen zwischen denen Gras und Rohr geflochten wird, sie werden innen und außen mit einer Thonschicht belegt, um Wind und Regen am Eindringen zu hindern; auch fast überall findet man eine Art Thonpflasterung, mit welcher der Boden um und in der Hütte erhöht ist, zum Zwecke, daß häufig bei schweren Regenfällen aufgestaute Wasser aufzuhalten. Das Dach ist mit einem bienenkorbartigen Geflecht zu vergleichen, auf welchem übereinander gelegte Grasschichten befestigt sind, es wird auf den Pfählen wie eine ausgeweitete Tüte aufgesetzt und reicht über die Wände noch weit hinaus. Gleich einer runden Pyramide geformt, widersteht solches Dach dem stärksten Regen; kann aber der Wassertropfen auch nicht von außen durchdringen, der Rauch und Qualm innerhalb muß sich durch das dichte Geflecht doch einen Ausweg suchen, und geben häufig die feinen Rauchgebilde, die überall durchdringen den Anschein, als schwele das Gras.
So absolut gar nichts begehrend, als nur die nothwendige Nahrung, höchstens ein Lappen Zeug um die Scham zu bedecken, haben die sorglosen Bewohner auch keinen Sinn, ihre Heimstätte zu schmücken oder auch nur irgend welche Bequemlichkeit darin anzubringen. Ihr Bett ist der nackte Erdboden, ihr Kopfkissen, wenn sie sich solchen Luxus gestatten, ein Holzscheit, und sieht man die schwarzen Gestalten in den Morgenstunden ihre Behausung verlassen, läßt das schmutziggraue Aussehen derselben darauf schließen, daß sie sich während der Nacht in der warmen Asche herumgewälzt haben; namentlich die Kinder machen den Eindruck, als scheuten sie das Wasser, und in der That kommt es nicht oft vor, daß sie[S. 146] sich aus eigenem Antriebe einer gründlichen Reinigung unterziehen. — Länger als ich erwartet hatte und mir lieb war, hielt mich der Regen in diesem Thale zurück, und dann, nachdem die Wolkenmassen die Regenfluth ausgeschüttet, sich erleichtert zur Höhe gehoben und getheilt hatten, die Sonne schon mit wärmendem Strahl hindurchbrach, mußte ich doch noch eine Zeit lang warten, bis sich die Wasser auf den Wegen etwas verlaufen hatten. Als ich endlich die Leute zum Aufbruch rufen konnte, die sich in den Hütten vertheilt und es sich an wärmenden Feuern bequem gemacht hatten, bezeugten diese wenig Lust den unterbrochenen Marsch wieder aufzunehmen, der, wollten wir noch Blantyre erreichen und nicht während der Nacht am Wege kampieren, ein sehr beschleunigter sein mußte.
Das langgestreckte Thal nun durcheilend und gleichmäßig auf schmalem Pfade bergan steigend, wurde meine Aufmerksamkeit durch die triefenden Grashalme und regenschweren Blätter der Gebüsche, unter welche der Weg hinführte, die bei jeder Berührung einen wahren Schauer von Tropfen herabschütteten und abermals die Kleider durchnäßten, von der Umgebung abgelenkt, aber wo der schlüpfrige Weg weniger Achtsamkeit erforderte, ließ ich doch rückwärts oder in die Tiefe schauend die Blicke umherschweifen, um ein Bild festzuhalten, wie es nur die wilde Gebirgsnatur, nachdem die tobenden Wetter sich verzogen, aufweisen kann. Fast verlockend, als wäre zwischen Busch und Wald ein Idyll hingezaubert, lag an der mächtigen Bergwand, vom flüchtigen warmen Sonnenstrahl überfluthet, der blendende Reflexe über das Blättermeer hinstreute, das große Dorf, von welchem das Krähen der Hähne laut herüberschallte, dieses in dieser wilden Einsamkeit als einen Ort des tiefsten Friedens erscheinen ließ. Mehr und mehr flogen die wogenden Schatten vor dem allgewaltig siegenden Licht, und wie die ganze Natur vor den grollenden Elementen eine Zeit lang erzittert, selbst die alten Felsen gebebt, Donnerwogen wie Posaunenstöße des jüngsten Gerichts von den Gipfeln der Berge zu Thale rollten — so erhaben fluthete auf die athmende Natur das segenspendende Licht aus dem reinen Aether hernieder. Wie Silberschlangen durch das Grün der Büsche leuchtend, sprangen von den Berghöhen lustige Bächlein zu Thal, wie kleine Kobolde über Stein und Abhang hüpfend, um am Rendevousplatz, tief in der Bergschlucht, das übermüthige Spiel als wildbrausender Sturzbach fortzusetzen. Der Raubvogel, wie auch der kleine Sänger, ersterer die breiten Schwingen entfaltet über die Tiefe schwebend, badeten ihr Gefieder in der goldenen Lichtfluth und, als erwache nach heftigem Kampfe aufs Neue die Natur, stimmte der Wesen endlose Zahl aufjauchzend mit ein in das Triumphlied, hinausgeschmettert in die Weite aus der kleinen Brust des gefiederten Sängers.
Aufwärts strebend, folgten wir den Schlangenwindungen des[S. 147] Bergpfades an steiler Felswand und erreichten vom scharfen Marsche ermattet den Hauptweg wieder, der jetzt ohne viel Steigung gleichmäßig fortlaufend, von nun an ein schnelleres Fortschreiten gestattete. Nur einmal noch, die Sonne senkte sich bereits bedenklich dem Westen zu und übergoß von hoher Bergkuppe gesehen diese eigenartige Gebirgswelt mit ihrem goldenen Licht, hatten wir, den Weg uns dadurch kürzend, einen beschwerlichen Aufstieg zu überwinden. Dann aber schritten wir thalwärts und bald erschienen in der Ferne einzelne Dörfer und bebautes Ackerland, dessen weicher Boden die große Fruchtbarkeit dieser Gebirgsgegend schon verrieth. Nachdem eine zeitlang noch ein scharfer Abstieg verfolgt worden, standen wir plötzlich an dem Bette eines donnernd und tosend über zerklüftetes Gestein springenden Wildbaches, der durch die Regengüsse hochgeschwollen mit wilder Kraft seine Fluthen im Felsenbett fortwälzte.
Zwei mächtige Tamarindenbäume, die hart am Uferrand standen, fast von den gurgelnden Wassern bespült, gaben einer aus Baumstämmen geschlagenen Brücke zweifelhaften Halt, sodaß es eines beherzten Sinnes bedurfte und sicheren Fußes, um über die glatten ohne jede Verbindung von Ufer zu Ufer liegenden krummen Stämme den Uebergang zu wagen. Ein Fehltritt führte unzweifelhaft den Sturz in die Tiefe herbei, der, abgesehen von dem kalten Wasserbad, noch Schlimmeres im Gefolge haben könnte, da das Felsenbett in der Tiefe kein sanftes Lager wurde. Der Sicherheit halber, um die Lasten nicht zu gefährden, ließ ich eine Fähre aufsuchen, wo die Leute sich einander unterstützend, den Uebergang wagen konnten, der auch an einer eingeengten Stelle, wo die Wasser wirbelnd zwischen mächtigen Steinen hindurchschossen, glücklich vollbracht wurde; ein Jeder mußte aber, bis an den Hals in kaltem Wasser, einige Schritte machen, ehe er die ausgestreckte helfende Hand eines Anderen erreichen und das felsige Ufer erklimmen konnte. Ich indes, vom eiligen Marschiren sehr warm geworden, zog es vor ein kaltes Bad lieber zu vermeiden und über einen der drei Brückenstämme den Uebergang zu versuchen, was ich schließlich, da ein Aufrechtgehen zu unsicher, vermittelst des sogenannten »Hinüberreitens« vollbrachte.
Nach kurzem Ausruhen wieder auf dem breiten im Gestein gehauenen Weg bergan steigend, fand ich an den Abhängen wunderschöne Gebirgsblumen, deren einfache Pracht jedem Botaniker entzückt hätte; ich hatte solche zwar schon vorher, aber nicht in so unmittelbarer Nähe gesehen und machte dabei die Beobachtung, daß diese Arten nur auf der gelbrothen Thonerde, die in mächtigen Schichten vielfach auf dem Gebirge abgelagert war, zu finden sei. Trotz der Eile nahm ich mir doch die Zeit, diese duftenden Kinder der Natur, erblüht auf einem gesegneten Fleckchen Erde, näher zu betrachten und nahm manche Blume von dieser luftigen Höhe mit[S. 148] mir auf die weite Wanderschaft, als eine bleibende Erinnerung an die Flora des Schire-Hochlandes.
Auf der freiliegenden Ebene, an den Abhängen der Berge, überall zogen sich wohlbestellte Felder hin, und das Auge erfreute sich an dem saftigen Grün, das in vielfachen Schattierungen, oft scharf begrenzt, unter den Strahlen der scheidenden Sonne einen herrlichen Anblick darbot. Nachdem nun noch eine Art Hohlweg als letzte Strecke durchschritten war, der aus einer Bergsenkung wieder zu freier Höhe führte, dehnte sich das weite Thal, von langgestreckten glatten Hügeln durchzogen, wie ein Phantasiegemälde vor uns aus. Aus dem saftigen Grün blickten hunderte ringsum zerstreut liegende Hütten hervor, die aus der Ferne gesehen wie Vogelnester an den Abhängen hingen und in Massen oder vereinzelt sich von dem dunklen Hintergrund abhoben; zwischendurch nur vereinzelte größere Bauten, welche europäische Wohnstätten vermuthen ließen und sich aus dem Gewirr der Hütten deutlich hervorthaten.
Der letzte Gruß der scheidenden Sonne vergoldete noch die Bergspitzen, Purpurgluth lag über die Abhänge gebreitet, mit ihrem strahlenden Schimmer die Bergkonturen in scharfer Deutlichkeit zeigend, während schon aus der Tiefe dunkle Schatten emporwallten, die mit mächtigen Armen das erhebende Bild zu verwischen trachteten und höher strebend, mit dem Lichte rangen, das seine ganze Schönheit in diesem Abschiedskuß, über die Gebirgswelt ausgegossen hatte. Das Ziel, welchem wir zugestrebt, lag vor uns, ob das Bild aber der Wirklichkeit entsprach, welches in so überraschenden Formen dem staunenden Auge sich gezeigt, das sollte nun bald die eigene Anschauung lehren!
Meinen Weg thalwärts fortsetzend, fand ich, entgegen der Vermuthung, das Terrain ziemlich schwierig zu begehen, denn die kurzen Abhänge, auf deren Sohle meistens ein Wildbach seine hochgeschwollenen Gewässer hinrauschen ließ, sowie der unbequeme Aufstieg wiederum, waren recht ermüdend. Hätte das Felsenbett der Bäche nicht vom Gegentheil den Beweis geliefert, so würde man versucht gewesen sein zu glauben, daß die Formation der Hügel nicht festes Gestein, sondern reiche hochgelagerte Humuserde sei, denn nirgendwo ließen sich sonst Steine oder Felsen entdecken.
Auf dem platten Rücken des nächsten Hügels, hart am Wege, lag eine große vom Zahn der Zeit zerklüftete Felsenmasse, die allen Schmuckes bar, wohl 30 bis 40 Fuß hoch, ihre kahlen Glieder in die Höhe reckte, und unwillkürlich drängte sich die Frage auf: wie kam diese hierher an einem Orte, wo doch die ganze[S. 149] weite Umgebung im Schmucke des frischen Grün und einer blühenden Vegetation am allerwenigsten solche absorbirte Granitmasse vermuthen ließ. Zu fern lagen die bewaldeten hohen Bergkegel, durch Thal und Hügel getrennt, als daß dieser gewaltige Felsblock von einer Höhe abgestürzt, hier schließlich seinen wilden Lauf beendet hätte, viel eher würde er in seinem verderblichen Sturze gehemmt, am Fuße eines der Bergriesen liegen geblieben sein. Es mußte also eine Gigantenkraft in grauer Vorzeit ihr Spiel damit getrieben haben, und ist seit undenklichen Zeiten diese einst viel höhere kompactere Masse als ein Ueberrest zurückgeblieben, während ringsum die allgewaltige Zeit die Spuren einstigen Kampfes übermächtiger Elemente verwischt hat. Aber welche Mächte auch um dieses einsame Felsenstück einst getobt, es hat dem Ansturm getrotzt, bis es, der einwirkenden Luft und dem Sonnenschein fortdauernd ausgesetzt, wie von Keilen gespalten seine abstürzenden Trümmer umhergestreut hat, zwischen denen, an fester Wand gelehnt, heute der Bewohner dieses Landes seine leichte Hütte erbaut.
Beim letzten Schimmer des scheidenden Tages erreichte ich endlich, auf dem höchsten der Hügel gelegen, unser Lager, wo ich nach einem so anstrengenden Marsche die benöthigte Ruhe zu finden hoffte. Wider Erwarten fand ich nur eine elende Steinhütte, worin nur für den hier die Aufsicht führenden Kesselschmied Wedler, der nach seiner schweren Verletzung wieder ziemlich genesen war, Platz genug vorhanden. Selbst nicht soviel Vorrath an Zeug fand ich vor, um die Träger abbezahlen zu können, die absolut nicht weiter mitgehen wollten, trotzdem ich ihnen erhöhte Zahlung versprach, da ich auf einen vom Major hinterlassenen Befehl unverzüglich weitermarschiren sollte, und mit meinem Diener Mzee allein diesen ausführen mußte, wenn, wie es meine Erkundigung ergab, wirklich nicht ein einziger Träger zu erhalten sein sollte.
Dem einen Mangel war schnell abgeholfen, indem der deutschen Expedition Kredit genug gewährt wurde, die Trägerfrage aber hoffte ich dadurch zu lösen, daß ich den Mr. Johns aufsuchte, welchen ich einst, als er im Lager von Ntoloa in großer Verlegenheit zu mir kam, ihm und seinen Begleiter bei Kapitän Robertson eine freie Mitfahrt bis Port Herald verschafft hatte, und durch seinen Einfluß vielleicht erreichte, die benöthigten Träger zu erhalten. Vorerst jedoch, aller Eile ungeachtet, mußte dem knurrenden Magen sein Recht werden, um so eher, als die verlockende Aussicht, frische Kartoffeln, Salat und Gurken hier erhalten zu können, eine zu verführerische war. Verdiente dieses gesegnete Hochland nicht schon in anderer Weise seinen guten Ruf, die Erzeugung dieser Genußmittel würde solchen ihm bei Allen eingetragen haben, die an Entbehrungen gewöhnt, hier zu Gast sich einfinden.
Neben dem erwähnten kleinen Häuschen stand zwar noch[S. 150] das aufgeschlagene Zelt unseres Expeditionsarztes Dr. Röver, und hätte ich hierin für die Nacht wohl nothgedrungen eine Unterkunft finden können, allein in diesem mit Medizinkisten und ärztlichen Utensilien vollgepackten Zelte erst Raum zu schaffen und vielleicht Unordnung anzurichten, zog ich es doch vor, bei der Firma Scharre & Co., dessen Chef mir wohlbekannt, den Mr. Johns aufzusuchen, wo ich jedenfalls eine Freistätte hätte finden können. Ohne noch einen in dieser Hinsicht gehegten Wunsch aussprechen zu brauchen, wurde mir nicht allein ein Zimmer angeboten, sondern auch, was mir viel werthvoller, ohne weiteres die Unterstützung zugesagt, Träger für mich besorgen zu wollen, sofern ich mich einen Tag nur gedulden könne. Es schien mir unter diesen Verhältnissen natürlich geboten, das gemachte Anerbieten dankend anzunehmen, und dies um so eher, als mit völliger Bestimmtheit die Ankunft von einigen zwanzig Trägern, worunter acht Maschilla-Leute, gegen Abend des nächsten Tages erwartet wurde.
Diesen Tag der Ruhe nun benutzte ich, um in diesem vielgepriesenen Blantyre flüchtige Umschau zu halten, und das Nächstliegende war, der Aufforderung meines freundlichen Wirthes, des Mr. Scharre, eines Deutschen, Folge zu leisten, um sein großartiges Etablissement in Augenschein zu nehmen. Vor allen war es, neben den mit europäischen Erzeugnissen wohlgefüllten Häusern, dessen stattliche Viehherde, die ganz besondere Aufmerksamkeit verdiente, insofern als schon die Herbeischaffung lebenden Viehs mit sehr großer Schwierigkeit verbunden war, weil im ganzen weiten Umkreis der bewaldeten Höhen die Zetsefliege hauste, deren Stich für Rindvieh, Pferde und Esel fast immer tödtlich ist. Daher verdient die aufgewendete Mühe und angewandte Sorgfalt, die Zucht in diesem von dem gefährlichen Insekt freien Distrikt zu fördern, auch besondere Anerkennung, und neben der schottischen Mission, deren Gründung hier Blantyre sein anfängliches Aufblühen verdankt, ist es ein löbliches Bemühen die Kultur dieses vielversprechenden Hochlandes nach Möglichkeit zu heben.
Besonders interessant war für mich noch die Anlage verschiedener Sägewerke, nach dem System eingerichtet, wie man noch in Europa durch Menschenhände Balken zu Bretter etc. verarbeitet, nur mit dem Unterschiede, daß hier nicht auf hohen Böcken das Zerschneiden vorgenommen wurde, sondern die Balken über tiefe Gräben gelegt, von schwarzen Zimmerleuten zertrennt wurden.
Wie mir indes versichert worden, ist das Herbeischaffen der eigentlich kurzen aber recht schweren Balken die Hauptarbeit mit, da man sich wegen des zerklüfteten Terrains keiner Handwagen bedienen kann und diese nur durch Menschenkraft herbeigeschleift werden müssen. Das rothbraune feste Holz, von großem Nutzwerth, dient zur Herstellung aller möglichen Utensilien, und neben Hausgeräth wird solches auch zu Bootsplanken etc. verwendet.
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Gleicherweise hatte der Besitzer neben seinem stattlichen Wohnhause auf einem kleinen Bergabhang eine Versuchsstation für Kaffee angelegt, die vorzüglich gedeiht, was die beträchtliche Anzahl Bohnen an den erst drei- bis vierjährigen Pflanzen zur Genüge bewies; übrigens ist das Klima und der vortreffliche Boden dieses Gebirgslandes vornehmlich geeignet, das Wachsthum der Kaffee- und Tabakspflanzen zu fördern, und sehr ausgedehnte Anlagen mit Millionen dieser so werthvollen Pflanzen bestanden, sind heute schon unter Kultur. Ein Kaffeefeld mit gleichjährigen Bäumchen, deren tiefdunkle grüne Blätter einen eigenartigen Anblick gewähren, bleibt immer eine imposante Erscheinung; man wird stets ein solches mit besonderem Vergnügen betrachten können, zumal, wenn die angewandte Mühe und besondere Pflege, welche die jungen Pflanzen beanspruchen, in Betracht gezogen wird.
Die hohen Bergkegel, die Blantyre wie ein Kranz umschließen, fordern auch ganz besonders die Aufmerksamkeit heraus, und würde man sich auf die Spitze eines dieser trotzigen Bergriesen versetzt denken, den Blick ungehindert in die Weite schweifen lassend, müßte es von solcher luftigen Höhe ein herrlicher Ausblick in die weiten Lande sein — von dort auswärts schauend, lägen Thal und Hügel wie ein grüner Teppich weithin ausgebreitet. Die höchsten der Berge, in ungleicher Entfernung von einander, dem Beobachter aber erscheinend, als verliefe das Fundament, auf welchem sie aufgethürmt, in einer Kreislinie, sind folgende: Pingwe, Bangwe, Malavi, Fotje, der hohe Bergrücken Durandi und Mathiro.
Von dem Wunsche begleitet, nun auch noch die Dörfer in der nächsten Umgebung in Augenschein zu nehmen, fand ich, was aus der Ferne gesehen wie ein Idyll erschienen, doch nichts Besonderes vor; wie überall, lagen auch hier die Hütten bunt durcheinander und verirrte man sich zwischen denselben, hatte man Mühe, aus dem Wirrwar der Wege sich wieder zurechtzufinden. Ganz besondere Aufmerksamkeit schenkten nur die unansehnlichen Hunde einem Fremden, sodaß man zufrieden war, das Gekläffe der Meute hinter sich zu haben. — Die Sitte, ihre Todten in den Hütten zu begraben und diese dann über das Grab einzureißen, üben die Eingeborenen auch hier aus, einem Häuptling hingegen bereitet man die Grabstätte an dem Orte, wo dieser seinen Reichthum, Ziegen, Schafe etc. zu stehen gehabt, also an einer Stelle, welche gerade nicht als sehr ehrenvoll bezeichnet werden könnte — indes kann ich dieses nicht verbürgen, obgleich es nicht unwahrscheinlich ist, da ich verschiedene Begräbnißmethoden gesehen habe, die auf krassen Aberglauben zurückzuführen und je nach der religiösen Anschauung der einzelnen Volksstämme auch verschieden sind.
Beim Durchstreifen eines Dorfes, dem Schlage der Ngoma folgend, fand ich mich plötzlich einer zahlreichen Gesellschaft gegenüber, die um einen mit bunten Bändern (Zeugstreifen) geschmückten[S. 152] Grabhügel eine Art Todtenfest feierten, und die grotesken Aufführungen des Medizinmannes mit Gesang, Händeklatschen und der unerlässigen Ngoma begleiteten. Sämmtliche Theilnehmer waren schon in das Stadium völliger Trunkenheit eingetreten, trotzdem aber tanzten und sprangen die taumelnden Gestalten noch um das Grab und leierten mit widerlichen Stimmen die eintönigen Gesänge her, einige schwankten auch, als ich vorüberging, auf mich zu und vertraten mir den Weg, dabei wie Blödsinnige mich anstierend, und soviel ich aus den lallenden Stimmen entnehmen konnte, waren die mir unverständlichen Worte wohl keine Schmeichelei gewesen.
Solche Sitten und Gewohnheiten sind an der Stätte, wo das Christentum Verbreitung gefunden immer noch eine Erscheinung, gegen die Aufklärung und christlicher Glaubensmuth geduldig ankämpfen müssen, und hat die Kirche auch hier eine reiche Saat ausgestreut, widersteht im Einzelnen das Phlegma des Negers doch ihrer edlen Bestrebung, diesen leicht für die neue Glaubenslehre gewinnen zu können. Es liegt wahrlich nicht an dem Bestreben opfermütiger Männer und Frauen, die ihrem Beruf mit ganzer Liebe zugethan sind, daß unter der erwachsenen Bevölkerung nur verhältnismäßig geringe Erfolge zu verzeichnen sind, sondern der ungebundene Sinn des Negers fügt sich zu schwer, vor allem, da er jedem Zwange abhold, einen solchen in dem Bekenntnisse sehen wird, sich in der Gemeinschaft der Christenheit aufnehmen zu lassen. Dahingegen ist das kindliche Gemüth empfänglicher für das Evangelium, wenn von früh auf Geist und Sinn darauf hingewiesen werden kann, und die großen Erfolge der Mission bauen sich auf die erzogene Jugend auf, die mit Geduld und von treuer Sorgfalt behütet, zu nützlichen Menschen herangebildet wird.
Mag es nun aber sein, daß die Beständigkeit des Negers von äußern Eindrücken untergraben wird und er leicht der Anfechtung, wenn er selbstständig und auf eigenen Füßen gestellt, unterliegt. Thatsache ist, daß an einer ganzen Anzahl jahrelange Mühe, viel Geduld und Liebe verschwendet worden ist und diese zuletzt als räudige Schafe aus der Heerde ausgestoßen werden müssen, weil sie, man möchte sagen zum Aergerniß geworden sind, und ihr Lebenswandel der Erziehung nicht entspricht. Solche, zum Glück nicht viele, entfalten dann die ganze Verschlagenheit der Negernatur, und auf dem Standpunkt stehend, durch ihr bischen mangelhaftes Wissen und Können, dem Europäer nun nahezu gleichgestellt zu sein, werden diese Kreaturen, wenn ihnen für ihren Eigendünkel empfindliche Strafe trifft, arge Hetzer. Gegner des Missionswesens, die eine Aufklärung der Bevölkerung, als ein unzeitiges Uebel betrachten, führen diese Erscheinungen darauf zurück, daß dem Neger, dessen Erziehung als vollendet gilt, gelehrt wird, er stehe, nachdem derselbe in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen ist, dem weißen Manne völlig gleich; sie wollen darin[S. 153] eine Entwürdigung sehen, da bei weitem der Neger noch nicht reif genug, und eine absolute Gleichstellung bei so unselbstständigen Charakteren ein Irrthum ist.
Solche Gleichstellung würde aber doch nur in religiösem Sinne aufzufassen sein. Ein Fehler der Erziehung wäre es, würde man die Zöglinge darauf hinweisen wollen, sie ständen im späteren Leben gleichberechtigt da, das möchte der Kulturaufgabe, welche sich die Missionare vornehmlich unterziehen, doch nicht entsprechen, und ist auch nicht der Fall! Freilich übereifrige Glaubensapostel giebt es wohl genug, die ganz in ihrem schweren Berufe aufgehend, der eigenen Würde als Belehrender nicht genug Beachtung schenken und als verirrten Bruder jedes Menschenkind ansehen, das halb willig, halb neugierig der nie vernommenen Botschaft sein Ohr leiht, ohne dabei genugsam zu bedenken wie eine Hinweisung auf Gleichberechtigung gar leicht eine falsche Auffassung in solchen unklaren Köpfen hervorbringt. Mir sind im Gebiet des oberen Schire und Nyassa-See verschiedene Male später solche Existenzen entgegengetreten, die zunächst auf ihre geringe Schreibkunst pochend, (als sie nicht die gebührende Beachtung fanden, ungezogen wurden) die Dreistigkeit besaßen mir zu erklären »sie sind ganz dasselbe wie der weiße Mann«! Nun das sind wie überall auf dem Missionsgebiete Schattenseiten, die das hochherzige Streben der Gesammtheit nicht beeinträchtigen können, nur das darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Festhalten an Anschauungen in der auszuübenden Lehre, hier zwischen der herwachsenden christlichen Bevölkerung, nicht zu Spaltungen führen muß, die, wenn das Heidenthum den Kampf aufnehmen wird, die kleine Schaar getrennt findet und den endlichen Sieg der Christenheit dadurch sehr erschwert! Auf die Erziehungsmethoden der am Nyassa-See ansessigen Missionsstationen werde ich später zurückkommen und deren Thätigkeit eingehender veranschaulichen.
Neben der Entwickelung, welche das Gemeinwesen in Blantyre genommen und dank der vorzüglichen Lage, der aufblühenden Kultur, sich in ungeahnter Weise entfaltet, wurde es zur Nothwendigkeit, die benöthigten europäischen und ausländischen Handelsartikel auf eine bequemere Art auf und über das Gebirge zu schaffen, zumal schwere Lasten einen großen Aufwand an Menschenkraft erforderten und die auch nur zu Zeiten ausreichend zur Verfügung steht. Darum unternahm das englische Gouvernement die Herstellung des bereits früher erwähnten Weges, mit der Absicht, darauf große Lastwagen mit Ochsengespann zu befördern, wie es in Transvaal und Südafrika geschieht, wo sich diese Art der Beförderung namentlich im gebirgigen Terrain, als die einzig mögliche erwiesen hat.
Mit großen Kosten und nach jahrelanger schwerer Arbeit ist eine Straße nun hergestellt, die in der trockenen Jahreszeit nicht viel zu wünschen übrig läßt, allein, da die Existenz der Zugochsen[S. 154] in gewissen Distrikten durch die Zetsefliege sehr gefährdet ist, und die Ochsen durch diese getödtet wurden, mußte davon Abstand genommen werden. Nach wie vor wandern nun tausende Wangoni-Träger thalwärts und schleppen auf ihren Köpfen die Lasten zur Höhe, wodurch sie sich einen beträchtlichen Verdienst erwerben, da meistens Zeug oder Perlen bevorzugt, in ihrer fernen Heimath beträchtlich noch im Werthe steigen. Obwohl mir bekannt war, daß die erwarteten Träger meine Sachen nur bis Lomba bringen würden, gab ich mich doch der Hoffnung hin dieselben allenfalls durch eine Lohnzugabe bewegen zu können, den besseren und auch kürzeren Weg über Matope, direkt nach Mpimbi zu nehmen; fand mich aber, als nach deren Ankunft darüber verhandelt wurde, getäuscht. Es machte sogar noch Mühe, die Leute zu einem frühen Abmarsch zu bereden, da sie wenig Lust zeigten, den sonst üblichen Ruhetag aufzugeben. Wie mir Mr. Scharre versicherte, sollten die Leute mich zu seiner bei Zomba angelegten großen Kaffeeplantage bringen, wo der Pflanzer Mr. White für neue Träger Sorge tragen würde, und von wo ich auch Mpimbi in etwa 7 Stunden würde erreichen können.
Froh nur, daß mein Wunsch, noch am Weihnachts-Heiligabend das deutsche Lager zu erreichen, sich erfüllen sollte, beeilte ich mich auch am nächsten Morgen meine Sachen zu denen, da Träger genug vorhanden, einige vom Major zurückgelassene Munitionskisten hinzugefügt wurden, nach meinem Absteigequartier hinüberzuschaffen.
In der Voraussicht, daß die Leute trotz ihrer Zusage sich nicht eingestellt haben würden, um am 23. Dezember früh wieder abzumarschieren, hatte man die Auszahlung ihres verdienten Lohnes bis auf diese Morgenstunde verschoben, auch jedem schon seine Last wieder zugetheilt.
Alles ging gut, bei der Auszahlung empfing ein jeder stillschweigend sein abgemessenes Stück Zeug, als es aber hieß die Lasten aufnehmen, weigerten sich die meisten und behaupteten sie hätten mehr zu erhalten, ihnen wäre der übliche Lohn verkürzt worden. Nun sollte den Hauptschreiern das Zeug wieder abgenommen werden, damit es ihnen nochmals vorgemessen und ihre Ungebührlichkeit, die an Unverschämtheit grenzte, bewiesen werde, gleicherzeit wurde dem anwesenden Hauspersonal, etwa zehn Dienern, auch die Anweisung gegeben einen Fluchtversuch der Träger zu verhindern; indes kaum merkten diese, daß die Sache für sie schief ablaufen würde, jagte fast die ganze Gesellschaft davon, mit einer Geschwindigkeit, die einem Schnellläufer Ehre gemacht hätte, hinter sich her wie weiße und bunte Fahnen ihr einige Meter langes Zeug mitschleppend. Vergeblich war der Wettlauf der Diener, es gelang keinen der Ausreißer wieder zurückzubringen, nur diejenigen,[S. 155] welche wir Europäer den Weg vertreten und zurückgehalten hatten, mußten bleiben.
Die Vertheilung der Lasten unter den noch vorhandenen vierzehn Mann, wovon vier als Maschillaträger solche nicht annehmen wollten, sondern sich erboten mich zeitweise zu tragen, ergab, daß nun die Munitionskisten und andere Sachen zurückbleiben mußten, auch war es rathsam, lieber unverzüglich aufzubrechen und den Marsch anzutreten; denn ist der Träger einmal mit seiner Last in Bewegung, fühlt er sich gehalten, dieselbe auch am Bestimmungsorte abzuliefern, trotz vieler Scherereien, die man mit den Leuten sonst hat, wenigstens eine gute Eigenschaft.
Durch diese unliebsame Verzögerung, es war bereits zehn Uhr geworden, schwand die Aussicht bis Abend noch Zomba erreichen zu können, betrug doch die Entfernung einen tüchtigen Tagesmarsch, annähernd etwa vierzig Kilometer; dazu war die Gewißheit, nun doch unter freien Himmel kampiren zu müssen, keine besonders angenehme Zugabe, als fast täglich auf den hohen Bergkuppen Regenschauer niedergingen, deren nachtheiligen Wirkung ich schon zur Genüge erfahren hatte. Der Weg führte anfänglich bergauf und ab, über Bäche und blosliegendem Gestein, oft steilansteigend, um bald darauf wieder abwärts sich zwischen Wald und Busch hinzuschlengen, die Scenerie in ihrer wilden Schönheit war großartig; die Luft kühl und angenehm, trotz der Sonnengluth, die alles mit ihrem blendenden Schein übergoß, belebte die Glieder zum straffen Marsch und man fühlte sich großen Anstrengung gewachsen.
In einem Thalkessel, auf einer europäischen Ansiedelung, wo an den Berghängen die jungen Kaffeebäumchen in langen Reihen angepflanzt waren und noch viel urbar gemachtes Land von regem Fleiße Zeugniß gab, wurde noch kurze Rast gehalten, um den vor uns liegenden mächtigen Bergkegel mit frischen Kräften ersteigen zu können; war doch das Emporklimmen zur Höhe recht ermüdend und ein Jeder froh, wenn der schmale Fußpfad ebener verlief. In dieser Bergregion trat das Felsengestein mehr zu Tage, und mächtige Blöcke von den Höhen herabgestürzt, lagen vielfach am Wege zerstreut. War die Humusschicht auch nicht bedeutend, so hatte doch eine überreiche Vegetation feste Wurzeln in diese geschlagen und dem Auge bot sich nichts als Wald dar, von den Thälern aufwärts bis zu den Höhen, seltener an steilen Abhängen dichtes Gebüsch, oder wo das Erdreich vielleicht zu arm, hohes wogendes Gras. Jede Kultur hatte hier aufgehört und ringsum zeigte sich die Natur in ihrer wilden großartigen Pracht.
In den Bergen hatte es in früher Morgenstunde geregnet, und wo der Weg durch hohes Gras und Gebüsch führte, durchnäßten die schwer an den Halmen und Blättern hängenden Tropfen die Kleider vollständig, sodaß es keine besondere Annehmlichkeit[S. 156] war, naß und fröstelnd fortzuschreiten, zumal ein Kleiderwechsel doch zwecklos, weil die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach der Bäume nicht durchdringen und die Feuchtigkeit aufsaugen konnten. Hart an steilen Abgründen vorbei, wo in der Tiefe weiße Nebelschleier wie Dunstgewebe wallten und nichts erkennen ließen, oder unter einer überhängenden Felswand, kreuz und quer dem Fußpfad folgend, schritten wir auf einer Durchschnittshöhe von 5000 Fuß rüstig vorwärts. Obwohl die Leute schon sichtlich ermüdet unter ihrer Last, den engen Anschluß verloren hatten und auf dem Wege vertheilt, zu folgen trachteten, mochte ich doch nicht eher Halt machen, als bis die letzte Höhe erstiegen war, und sollte von dieser der Weg noch zu weit sein, wollte ich dort eben für die Nacht Quartier machen.
Einige Male, wenn der Weg eben verlief, hatte ich mich in der Maschilla tragen lassen, theils weil ich ermüdet war, theils um den leicht nebenher laufenden Trägern, die noch mehr Bezahlung als die Lastträger erhielten, auch was zu thun zu geben; allein immer nach kurzer Zeit schon konnten sie nicht mehr recht vorwärts kommen und auch einsehend, daß für nur vier Mann meine Körperlast zu schwer werden mußte, lief ich lieber zu Fuß, als mich der Gefahr auszusetzen, durch Stürzen irgend eines Mannes, auf dem steinigen Boden niedergeworfen zu werden. Aber auch diese Erfahrung sollte mir nicht erspart bleiben! Unaufgefordert wollten die Leute ein Uebriges thun und mich auf einer felsigen Strecke, wo es sich mit müden Füßen schlecht marschiren ließ, tragen; um den selten guten Willen nicht zurückzuweisen, ließ ich mich herbei die Maschilla zu besteigen mit der Mahnung, vorsichtig zu gehen, nicht wie üblich in einen kurzen Trab zu fallen, der auf diesem unebenen Wege leicht Unangenehmes zur Folge haben könnte.
Eine zeitlang ging es auch, aber ob den Leuten das langsamere Gehen zu anstrengend war, sie verfielen bald wieder in das gewohnheitsmäßige Traben und die Bambusstange im Laufen bald von der einen auf die andere Schulter werfend, liefen sie schnell vorwärts. Im Begriff halten zu lassen, weil ich keine Lust hatte mit dem harten Steinboden Bekanntschaft zu machen, sah ich, daß die Stelle gerade zum Aussteigen schlecht geeignet war, und bis ein kurzer Abhang mit schlüpfrigem Gestein überstiegen sei, wollte ich noch warten. Da, plötzlich gleitet der Hintermann aus, die Stange fliegt ihm von der Schulter und ich komme mit dem Kopf zuerst auf das harte Gestein zu liegen, während der Vordermann dieselbe krampfhaft hochhält, sodaß die Beine hoch, der Körper wie ein Klotz aus der Maschilla, ausgeschüttet wird. Ich kann nicht behaupten, daß diese etwas unsanftige Bettung zwischen harten Steinen irgend was Anziehendes gehabt hätte, im Gegentheil, mit schmerzenden Gliedern und geschundenem Kopf mich aufrichtend, war der erste Impuls dem Manne für sein Ungeschick einen derben[S. 157] Verweis zu geben, aber die ängstliche verlegene Miene desselben, sowie die Verletzungen an den blutenden Knieen dämpften den Groll, waren doch dessen Wunden schlimmer als meine paar Beulen, obgleich ich noch von Glück sagen kann, so glimpflich dabei weggekommen zu sein.
Ueber Steine und Felsstücke ging es mühsam weiter und als bald darauf der Weg thalwärts zu einem zwischen den Bergwänden wild in eine Felsschlucht abwärtsstürzenden Bache führte, rastete ich an diesen, um die Träger alle herankommen zu lassen, ehe der Weitermarsch, die gegenüberliegende wohl achthundert Fuß hohe Felswand hinauf, angetreten wurde. Hätte ich übrigens geahnt, wie anstrengend der von Anfang an eingeschlagene Gebirgspfad sein würde, der zwar um ein Beträchtliches kürzer und auch die ganze Großartigkeit und Schönheit der Gebirgswelt dem Auge des Wanderers vorführte, so hätte ich doch lieber den direkten breiten Weg von Blantyre bis Zomba genommen, aus dem Grunde schon, weil ich mir hätte sagen müssen, daß ein mehrtägiger scharfer Marsch in solchem zerklüfteten Hochland auf die Dauer ermüdend wirken muß. Freilich in Betracht ziehend, daß es mir nur einmal vergönnt sein möchte diese von Europäern so wenig besuchte Gegend zu sehen, hatte ich einige Strapazen und ein in Aussicht stehendes schlechtes Nachtquartier wenig geachtet und vorgezogen das Schöne dort zu suchen, wo es zu finden ist — Alltägliches liegt genug am breiten Wege, ohne Mühe kein Verdienst, sollte dieses auch nur als Erinnerung das Herz erfreuen — aber selbst für das Erhabenste schwindet allmählich das Interesse, wenn der Körper müde und matt dem festen Willen nicht mehr zu folgen im Stande ist.
Am Rande des Baches, dessen Fluthen zu Zeiten eine beträchtliche Höhe erreichen mußten, wovon die Anzeichen durch die Wassermassen selbst in das harte Gestein gegraben worden, erwartete ich hier die nach und nach eintreffenden Träger, die nach kurzer Rast, als das »Vorwärts marsch« wieder gegeben, wenig Lust bezeigten die steile Felswand mit den Lasten emporzuklimmen und lieber am rauschenden Wildbach Lager gemacht hätten. Mit großer Anstrengung, am Wege öfter haltend, um an einem Felsblock gelehnt neue Kräfte zu sammeln, war auch schließlich dieser letzte beschwerlichste Aufstieg überwunden! Hier oben nun auf diesem platten langgestreckten Gebirgsrücken würde sich eine wundervolle Fernsicht geöffnet haben, hätte nicht der dichte Wald, der dieses Hochplateau krönte, eine solche unmöglich gemacht, und nur über uns erglänzten die Ränder einer vorüberziehenden Wolke, die kurz vorher zum Ueberfluß noch eine Regenfluth herabgesandt, im puren Golde, daran mahnend, daß die Sonne schon tief am Horizonte stehen müsse und auch auf diese tiefe Einsamkeit sich bald die Schatten der aus den Thälern aufsteigenden Nacht lagern würde.
[S. 158]
Nunmehr darauf bedacht einen geeigneten Platz zu finden, wo vielleicht etwas Schutz gegen die hier oben herrschende kalte Luft gewesen wäre, setzte ich die Wanderung noch bis 6 Uhr fort, um doch schließlich unter den Bäumen im nassen Grase Halt zu machen. Anstatt nun aber daran zu denken, nach so anstrengendem Marsche es sich in ihrer Weise bequem zu machen und höchstens noch Feuerholz zu sammeln, legten die Träger, welche bei mir geblieben, schleunigst die Lasten nieder und verschwanden, als ob ihnen von Müdigkeit nichts bewußt sei, schnellen Laufes in den Wald. Dieses Gebahren machte mich auch neugierig, umsomehr als herankommende Leute gleichfalls die Lasten am Wege niederlegten und hinterherliefen, doch bald schwand die in mir aufgestiegene Befürchtung, die Leute könnten etwas Unrechtes im Schilde führen, nachdem einer derselben zurückgekehrt war und mir eine Baumfrucht überbrachte, die ähnlich unserer Eierpflaume aussah. Diese Frucht, von angenehmen aber wiederum herben, beißenden Geschmack, sobald man die äußere Schale mit in den Mund führte und nicht das Fleisch allein nur herausschälte, wurde mir als Masuka-Nuß bezeichnet, welche an etwa acht Meter hohen Bäumen wachsend, zu bestimmten Zeiten in großer Anzahl hier zu finden ist.
Die schnell hereinbrechende Dunkelheit mochte es den Leuten schwer machen, die Nüsse im hohen Grase noch aufzufinden, denn nach nicht allzu langer Zeit kehrten die meisten mit trockenen Zweigen oder Baumstämmen zurück, und ehe noch die letzten Träger angelangt waren, außer meinem Diener Mzee, auf Suaheli »alter Mann«, der ziemlich schlecht auf den Beinen war, loderten helle Feuer auf, um welche auf Grashaufen sitzend, die als Nachtlager zusammengetragen, die nackten Gestalten sich wärmten oder auch ihre Maiskörner rösteten, die sie mit wahrer Gier, so heiß sie waren, in den Mund hineinwarfen und damit sich sättigten. Schlechter dagegen war es mit meinem Abendessen bestellt. Würde ich, wie ich es am frühen Morgen noch gedacht, bis Abend Zanba erreichen, war das Mitnehmen von ausreichendem Proviant eine unnöthige Last, und später in all dem Trubel, als ich nur bestrebt war fortzukommen, hatte ich nicht mehr daran gedacht; so mußte denn als Hauptmahlzeit ein kleines Stückchen Brot, einige Sardinen und ein wenig Cacao dem hungrigen Magen genügen, und wollte ich für den nächsten Morgen von Letzterem noch etwas behalten, mußte, da wir kein Wasser hatten mitführen können, mit diesem haushälterisch verfahren werden. So unangenehm zuweilen auch ein unbefriedigter Magen sein mag — und ich kann sagen der Hunger ist ein schlimmer Gast, wo er sich ungebeten einstellt — kann man es nicht immer auf solchen Expeditionen damit sehr genau nehmen, es muß dann eben den Verhältnissen Rechnung getragen werden, und findet[S. 159] man immer noch so viel, die Kräfte sich zu erhalten, ist es noch nicht schlimm bestellt.
Am nächsten Morgen aus erquickendem Schlummer zeitig erwacht, aber von der empfindlichen Kühle durchschauert, eilte ich, die zitternd um die Feuer hockenden nackten Menschen auf die Beine zu bringen; rasche Bewegung allein konnte das Blut auf dieser luftigen Höhe wieder schneller kreisen machen. So naß vom nächtlichen Thau auch Gras und Halm war, dessen wurde nicht geachtet — im Sturmschritt ging es vorwärts, um nur das Schauergefühl, das jede Fiber zittern machte, durch körperliche Anstrengung los zu werden. Geradeaus ohne Steigung verlief der Weg und, als erst die Lichtfluth der über die Berge scheinenden Sonne auf das weite Waldgebiet ausgegossen war, der Thau wie Millionen Diamanten an Blatt und Gräser blitzte, fühlte sich auch der Geist in dieser morgenfrischen herrlichen Natur wie neu belebt! Die Gewißheit, heute noch am Weihnachts-Heiligabend unter dem Christbaum, vereint mit den Gefährten, stehen zu sollen, — wo das »Stille Nacht, o heilige Nacht« von deutscher Zunge in einem fremden fernen Lande erklingt und die kleine Schaar deutscher Pioniere unter dem Sinnbild der Christenheit den Treuschwur erneut — festzuhalten an das heilige Wort — festzustehen im Tode und Gefahr, wie es deutscher Männer Art, bis das große Werk vollendet, wozu unser kühner Führer uns alle berufen — diese Gewißheit beflügelte meine Schritte und fast wie Sehnsucht zog es mich zum Ziele!
Der bisher lichte Wald ging, als das Steingebilde in schroffen Bergspaltungen wieder mehr zu Tage trat, in einen dichten Busch über; wildromantisch wucherte Strauch und Baum auf diesem Felsengeröll — zwischen den Senkungen der Abhänge aber sprudelte das klare Bergwasser über das Gestein, und in kleinen Mulden angesammelt, bot es dem Wanderer einen kühlen erfrischenden Trunk dar. In dieser Felspartie fand ich zuerst wieder die Spuren der fortschreitenden Kultur, denn in Umzäunungen, auf langgestreckten Beeten, diese gegen die Sonnenstrahlen mit Gestrüpp bedeckt, waren tausende junger Kaffeepflänzchen gezogen, die, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, auf freies Feld verpflanzt werden. Allmählich senkte sich der Weg; der Baumbestand, hier gänzlich von Menschenhand vernichtet, ließ den Ausblick über eine gewaltige Thalmulde frei, die fast ganz unter Kultur genommen, mit abertausenden jungen Kaffeebäumchen bestanden war, und im Gegensatz zu den bewaldeten Berghöhen, die wie ein mächtiger Kranz diese umschlossen, wie ein ungeheures Ackerland sich ausmachen.
Blickte man über das nach allen Seiten sanft ansteigende Land, fielen sofort die darauf gezogenen geraden Linien auf, die meistens rechtwinklich wieder von anderen durchschnitten wurden; man möchte sagen die weite Fläche war wie mit einem Zirkel in[S. 160] Parallelogramme oder Quadrate abgetheilt, so auffallend genau war die Eintheilung vorgenommen worden. Zu welchem Zwecke dieses geschehen, wurde dem Beobachter sogleich klar — ließen doch die breiten Wassergräben zu denen all diese Furchen hinführten keinen Zweifel, daß hier eine Berieselung der bebauten Flächen im großen Maßstabe ausgeführt war. Guter Boden, Wasser und milde Luft sind die Bedingungen, welche der Kaffeebaum zu seiner Existenz gebraucht, und um dem Boden die genügende Feuchtigkeit, der Pflanze den Nährstoff zu geben, mußte dieses künstlich herbeigeführt werden, da in der trockenen Jahreszeit, unter der auch hier oben noch heißbrennenden Sonne, der Boden ausdörrt und die jungen Bäume im lockernen Erdreich verwelken müßten. Der starke nächtliche Thau zwar erfrischt die Natur beständig, ist aber, für die empfindlichere Kaffeepflanze nicht genügend, und doch würden wiederum ohne diesen, trotz der herbeigeleiteten Wassermengen, tausende Pflanzen zu Grunde gehen; mit überaus hoher Weisheit hat die Natur dafür gesorgt, daß die meisten Tropengewächse, wenn sie den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt sein müssen, die nächtlicher Weile reichlich gespendeten Thautropfen in Blatt und Blüthe aufnehmen können und dadurch befähigt werden, der auf sie niederbrennenden Gluth zu wiederstehen. Man hat, wie erfahrene Pflanzer zugeben, hier bei der Kultivirung einen großen Fehler begangen, indem durch gänzliche Rasirung einer zu bauenden Fläche, dieser dadurch alle Beschattung entzogen wurde, daß darauf kein Strauch noch Baum stehen geblieben ist, die von den jungen Kaffeepflanzen die direkte Sonnengluth hätten abhalten können; nicht, wie irrthümlich angenommen, entzieht der Baum dem Boden große Mengen Feuchtigkeit, sondern viel mehr, soweit die obere Bodenschicht in Betracht kommt, wird diese durch denselben darin erhalten! Geiz ist auch hier die Wurzel des Uebels, indem, wo tausend Bäume hätten stehen bleiben sollen, an ihrer Stelle nun tausend Kaffebäumchen mehr gepflanzt worden sind, die nun mühsam im Erdreich Wurzel fassen und eine unendliche Mühe und Pflege bedürfen. Haben hingegen die Bäume einmal kräftige Wurzeln getrieben dann bedürfen sie solchen Schutzes nicht mehr, und wie schon früher gesagt, ist der Anblick einer gedeihenden Kaffeepflanzung großartig, auch der Ertrag wird ein überaus lohnender; namentlich die Qualität des auf dem Schirehochland gewonnenen Kaffees soll eine besonders gute sein. Wir zahlten z. B. am Orte das Pfund mit eine Mark, während der Marktpreis in London dafür zwei und darüber beträgt.
Ganz zur Linken von uns, während der Hauptweg, den wir verfolgten mitten durch die Felder führte und man so eine Uebersicht gewinnen konnte in wie ausgedehntem Maße die Kaffeekultur hier betrieben wurde, lag das Haus des Pflanzers, das von weitem gesehen mit der Umzäunung und Nebengebäuden wie ein einfaches[S. 161] Bauernhaus aussah, über welches weithin Schatten spendend gewaltige Bäume ihre Aeste ausbreiteten. Hätte nicht die ganze weite Umgebung den Anblick einer Tropenlandschaft getragen, man hätte meinen können ein einfaches Gehöft des nordischen Landmannes vor sich zu sehen.
Es mochte etwa zehn Uhr Morgens sein, als ich mit den ersten Trägern die Einfriedigung erreichte und an dieser schon von dem Herrn des Hauses begrüßt wurde, der Empfang war um so freundlicher, als ich ihm sehnsüchtig erwartete Briefe aus seiner englischen Heimath übergeben konnte und die als eine Weihnachtsspende angesehen hätte sein können.
Obgleich bereit, mir nach besten Kräften zu helfen, auch meine Leute auf Kredit auszuzahlen, war der Pflanzer doch höchst überrascht, als ich ihn ersuchte, durch seine Vermittelung mir neue Leute anzuschaffen, da ich so schnell als möglich weiter müsse, um noch bis Abend Mpimbi zu erreichen. Er hatte es nämlich als selbstverständlich angesehen, daß ich wenigstens für eine Nacht seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen würde und sich schon darauf gefreut das »holly Christmas«, Weihnachtsfest nicht so ganz allein verbringen zu müssen; alle Einwendungen, mich wankend zu machen, blieben fruchtlos, so gerne ich auch seinen Bitten bei ihm zu bleiben, unter anderen Verhältnissen nachgegeben hätte, aber die Aussicht, das heilige Fest mit den Gefährten verleben zu können, war mir denn doch lieber. So gab er denn schließlich nach und sandte mehrere Diener zu verschiedenen Häuptlingen der umliegenden Dörfer, dieselben ersuchend, umgehend einige Träger zu stellen. Allein, nach zwei Stunden kamen die Diener mit der Meldung zurück, sie hätten keine Träger auftreiben können und auch die Häuptlinge ließen sagen, die Bewohner trinken Pombe, keiner würde daher bereit sein, vor dem nächsten Morgen irgend welche Arbeit zu verrichten.
Ein solcher Bescheid ist übrigens nichts Seltenes, auch der Pflanzer beklagte sich bitter über die Unverfrorenheit, mit welcher die Dorfbewohner ihn öfters im Stiche ließen, namentlich in der Zeit, wenn die Auspflanzung der jungen Kaffeebäumchen beginnen muß und er allein auf den guten Willen dieser Leute angewiesen sei; später, wenn die Wangoni und Atonga kommen, hat es keine Noth, solange aber zu warten, sei eine Unmöglichkeit. Etwas Fataleres als diese Absage konnte mir kaum in den Weg treten, nach entfernteren Dörfern noch zu senden war Zeitverschwendung auch wohl ebenso erfolglos und nun doch noch bleiben zu müssen, wozu zwar Mr. White entschieden rieth, das wollte mir absolut nicht in den Sinn! Mit meinem halblahmen Diener allein zu gehen, und alles zurückzulassen ging nicht, weil keiner von uns den Weg kannte; da erzählte nach einer nochmaligen Ausfrage einer der Abgesandten, daß in dem Dorfe, wohin er geschickt worden[S. 162] sei, sich zwei Männer erboten hätten mit ihm zu gehen, aber da er mehr habe bringen sollen und nicht bekommen hätte, so habe er auch diese beiden nicht weiter zum Mitkommen aufgefordert. Das war, da ich nun doch einmal entschlossen war unter allen Umständen abzumarschieren, wenigstens eine kleine Aussicht fortzukommen und unverzüglich mußte der Mann zurück, um die beiden Träger herbeizuschaffen.
Ein »warum so spät« schwebte mir auf der Zunge, als die Leute endlich eintrafen, allein bedenkend, daß der Neger es doch nicht begreift wie ein Europäer es eilig haben kann, verschluckte ich die Worte und hastig die Instrumente, ein kleines Bündel Wäsche, Gewehr und Jagdtasche den Leuten gebend, war ich bereit den Marsch anzutreten. Ein kräftiger Händedruck noch, ein flüchtiger Dank, ein herzliches »good-by« an der Pforte und das gastliche Haus, unter dessen Schutz ich alles andere zurückgelassen hatte lag hinter mir! — Es war schon gegen drei Uhr Nachmittags, als ich etwa zwei Kilometer von der Pflanzung erst entfernt, den stark aufsteigenden Felspfad betrat, der zur Höhe hinauf führte, wo um die Bergkuppen tiefhängende drohende Gewitterwolken sich gesammelt hatten, die, wenn sie ihre Schleusen erst geöffnet, eine wahre Regenfluth ausgießen würden und mich leicht auf meinen eiligen Marsch aufhalten konnten.
Wie es vorauszusehen empfingen uns, auf der Höhe angelangt, dichte Wolkenschichten, deren feuchtkalter Hauch die darin aufgespeicherten Wassertheilchen an unsern Körpern ablagerte und ohne daß es schon geregnet hätte trieften wir vor Nässe, ein Zeichen in wie großen Massen die Wasseratome um diese Bergkegel schweben mußten! Dieser Umstand nun trieb uns schon zur möglichsten Eile an, theils, um den Körper durch Anstrengung zu erwärmen, theils, um aus dieser hohen Region, wo die wogenden Gebilde jede Fernsicht benommen hatten, herauszukommen. An einem Abstieg angelangt, der so steil in die Tiefe führte, daß es großer Vorsicht bedurfte, auf dem glatten Gestein nicht auszugleiten oder gar durch die Neigung des Körpers nach hinten ins Laufen zu kommen und dann zu stürzen, mußte dieser wohl 800 Fuß tiefe Abhang recht langsam betreten werden.
Wir mochten aber noch nicht die Hälfte des beschwerlichen Weges zurückgelegt haben, als das Gewitter mit einer Vehemenz losbrach, die jeder Beschreibung spottet. Mit dem ersten zuckenden Blitzstrahl, der über uns das Wolkenmeer zertheilte, dem rollenden Donner, wie solcher nur in der Gebirgswelt das brausende Echo zu wecken vermag, war das Signal gegeben die Schleusen des Himmels zu öffnen — eine Wasserfluth stürzte hernieder, die in tausend Bächlein Erde und Steingeröll mit sich führten. In solchem Wetter noch weiter zu gehen war fast unmöglich, doch nirgends bot sich dem suchenden Blicken der geringste Schutz, unter Baum[S. 163] oder Busch zu stehen war völlig zwecklos; bis, nahezu am Fuße des Bergkegels angelangt, der Neubau eines Pflanzenhauses wenigstens einigermaßen sichere Unterkunft versprach.
Wie festgebannt tobten die Elemente über uns mit ihrer ganzer Kraft, auch der Regen immerwährend niederstürzend, ließ die Wassermassen als unversiegbar in der Höhe erscheinen, gerade als sollte der durstigen Erde das Naß nun im Uebermaß gespendet werden!
Aus Erfahrung wußte ich ja, was es heißt, auf solchen Wegen und in solchem Wetter im Gebirge marschiren zu müssen, und besorgt sah ich daher der kommenden Nacht entgegen, die uns auf den einsamen Pfaden überraschen mußte! Zwar hätte ich warten und schließlich zurückgehen können, um doch noch durch die Gewalt der Elemente gezwungen, die mir angebotene Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen — aber wo blieb dann der erhoffte Christbaum, dessen Lichterglanz zu schauen mein einziges Bestreben war! — Ein Blick auf die auf der nassen Erde hockenden schwarzen Gestalten, die völlig unbekleidet vor Kälte zitterten, ließ mich den schon halbgefaßten Entschluß zurückzugehen, verwerfen, und trotz des Regens folgten die Leute willig der Aufforderung, weiterzugehen.
Immer bergab, bald auf steilen, bald auf ebener verlaufenden Pfaden, wollte es mir scheinen, als müßte die Strecke bis zur Ebene schnell zurückgelegt werden können, allein ein englischer Plantagenaufseher der von diesem Unwetter auch überrascht seiner Behausung zustrebte, belehrte mich eines anderen. Es fällt, wie er durch wenige Worte erläuterte, der Gebirgsstock in drei Terrassen ab, auf der ersten sind wir jetzt und das Schlimmste liege hinter uns, aber es würde auf den jetzt äußerst schlechten Pfaden ein schweres Fortkommen sein, namentlich wenn nach einer Stunde schon die Dunkelheit hereinbricht und ich dann einzig und allein auf die scharfen Augen meiner Führer angewiesen sei; vor Mitternacht könne ich sicher nicht Mpimbi erreichen, außer die beiden Schwarzen mußten ausnahmsweise sehr tüchtige Kerle sein.
Ein schlechter Trost, eine unangenehme Aussicht — aber was half es! Ein kurzer Dank und Händedruck, und zwei Menschen schieden für immer, die das Schicksal auf eine flüchtige Minute auf einsamen Pfade zusammengeführt hatte. Es war kaum noch ein Gehen zu nennen, so eilig und sicher auf dem steinigen und glatten Wege schritten die Leute dahin, ihnen kümmerte nicht der Regen, der das um die Füße rauschende Wasser, während mir die triefenden Kleider am Leibe klebten, die Stiefel voll Wasser das Schritthalten ungemein erschwerten. Keine Hütte am Wege, kein Dorf in der Nähe, nur Felsen, Busch und Wald, und schon immer dichter senkten sich die Schatten der Nacht auf diese wilde Gegend herab, kaum daß ich, als wir den zweiten Abstieg erreicht, in der schmalen Felsenschlucht noch den Vordermann erkennen konnte,[S. 164] Stufenweise kletterten wir tiefer und tiefer, mit äußerster Vorsicht die kurzen aber steilen Abhänge hinab, wo jedesmal zwischen Bergspalten ein Sturzbach wilddonnernd die schäumenden Wasser über Felsblöcke hinjagte und nur ein Baumstamm als Brücke hinüberführte. Solchem unsicheren Steg vertrauten sich selbst die Träger nicht an und durchschritten, einander helfend, die brausenden Wasser, ich hingegen versuchte über die ersten zwei hinüberzureiten, was auf den glatten, schlüpfrigen Stämmen nicht leicht, aber doch auszuführen war.
Und weiter vorwärts ging es in die Dunkelheit hinein, — durch hohes Gras, über Steingeröll, durch Bäche und Wasserlachen —, imstande, den Weg vor mir noch zu erkennen und mußte mich nur auf den voranschreitenden Führer verlassen.
Die nun inzwischen eingetretene völlige Dunkelheit, durch welche kein Stern vom Himmelszelt zu dringen vermochte, weil das Wolkenheer wie ein schwarzer Mantel über die Erde ausgebreitet lag, machte manchmal an Stellen, wo an den steilen Uferwänden eines Sturzbaches hinabgeklettert werden mußte und das dichte Gesträuch eine Art Hohlweg nur frei ließ, die Finsterniß so intensiv, daß nicht die Hand vor Augen zu sehen war, und ich muß sagen, der Orientirungssinn des voranschreitenden Führers war bewunderungswerth, in dieser rabenschwarzer Nacht noch den rechten Weg zu finden. Ein factisches Hinabfühlen, ein Festklammern an Gestrüpp und Stein oder ein Rutschen auf den Knieen war es, ehe der Fuß an solcher schon erwähnten provisorischen Brücke wieder Halt gefunden und der nicht ungefährliche Uebergang über die unterhalb wildtosenden Gewässer darauf unternommen war.
Keiner, der nicht in ähnlicher Lage gewesen, wird ganz verstehen können, was es an Selbstüberwindung kostet, immer wieder die müden schmerzenden Füße vorwärts zu bewegen, gezwungen durch die eiserne Nothwendigkeit und das »du mußt an das Ziel«.
Wir mußten trotz allem doch schnell marschirt sein, denn etwa nach acht Uhr erklärten die Leute, wir hätten die Tiefebene nun erreicht und wenn wir so weiter gingen sei es möglich, nach zwei Stunden in Mpimbi anzukommen; sechs englische Meilen noch durch Gras und Busch! Doch vorwärts ging es so gut wie es gehen wollte. Die Nacht, die kurz nach sechs Uhr Abends in den Tropen hereinbricht, heute aber durch die schwarzen Wolkenmassen viel dunkler geworden war als sonst, wurde, nachdem wir eine Strecke zwischen der wassertriefenden Grasfläche zurückgelegt, wieder klarer, Stern um Stern schimmerte durch das zerrissene Gewölk, bis der weite Himmelsdom wieder in reiner Klarheit sich über die Erde wölbte; und die abertausend Sternenkerzen schienen heller aufzuleuchten, als wären im Weltall die Lichter angezündet, die in dieser Christnacht freundlicher vom Himmelszelt herniederwinkten.
[S. 165]
Der durch die Grasebene führende stark gewundene Fußpfad war nichts weniger als angenehm zu begehen und durch den Regen in eine solche Verfassung versetzt worden, daß, wollte man nicht mit dem Erdboden Bekanntschaft machen, wozu der glatte aufgeweichte Thonboden genügend Veranlassung gab, mußte die ganze Aufmerksamkeit auf diesem gerichtet bleiben, um so mehr, als ganze Strecken völlig unter Wasser gesetzt waren, das einfach durchschritten werden mußte, da es seitwärts kein Ausweichen gab. Von einem großen Wasser, welches wir noch passiren sollten, hatten mir die Leute etwas erzählt, doch hatte ich nicht besonders darauf geachtet was damit gemeint sei, daher war ich einigermaßen überrascht, plötzlich einen hochgeschwollenen, etwa 25 Meter breiten Fluß vor mir zu sehen. Dumpfbrausend und gurgelnd zogen die Wasser dahin, ihre schmutziggelbe Farbe glaubte ich selbst im Dunkel der Nacht erkennen zu können, jedoch von einer sicheren Furth, wie eine solche zu Zeiten hier wohl vorhanden sein mußte, waren keine Anzeichen aufzufinden. Hindurch mußten wir, da, wie ich recht vermuthet dieser ein Nebenfluß der Schire; nur das wie, war die Frage, die umso schwieriger, als schon einer der Leute ohne Besinnen in die Fluthen gestiegen und durchzuwaten versucht hatte, aber schleunigst umkehrte, als das Wasser ihm bis über die Schulter gestiegen war.
Nach kurzer Berathung gingen wir dann eine Strecke flußaufwärts, wo von Neuem ein Versuch gemacht wurde, der auch gelang, und als die Sachen an das andere Ufer hinübergeschafft waren, nahmen die beiden Träger mich auf ihre Schultern und durchwateten den hochgeschwollenen Fluß. Nach einem halbstündigen Marsch weiter durch mannshohes Gras und zum Theil an den kultivirten Feldern vorüber, mußte an einer langgestreckten Einengung Halt gemacht werden, — die Führer wußten nicht weiter, und nachdem ich vergeblich an dem Hause eines Europäers gepocht hatte, das ganz nahe dem Ufer des Schireflusses erbaut war, mußten in daneben liegenden Hütten die Bewohner herausgetrommelt werden, von denen wir auch genügenden Bescheid erhielten.
Der Weg führte uns durch das in tiefster Ruhe liegende Dorf Mpimbi; kein Mensch war darin zu sehen, nur die Hunde heulten auf, dann noch eine lange Strecke durch tiefen Morast, bis aus der Grasfläche hinaustretend, ein tiefdunkler Wald dem Weiterdringen ein Ziel zu setzen schien, — da, ein dumpfes Murmeln vieler Menschenstimmen, ein Aufflammen der Feuer und fest bannte den Fuß das »Halt, wer da« des Postens, — ich hatte das deutsche Lager erreicht! Fast geblendet von dem hellen Schein ringsum, folgte ich mechanisch der voranschreitenden Wache, an Zelten, Hütten und Häuser vorbei; plötzlich eine Art Vorhang zurückgeschlagen, sah ich an langer Tafel eine Reihe bekannter[S. 166] Gestalten sitzen, — im Hintergrund aber herrlich geschmückt, im Glanze vieler Kerzen leuchtend, den ersehnten Christbaum, »das Symbol der Christenheit«!
Freundlich im kleinen Kreise willkommen geheißen, mochte wohl ein Jeder mir die ausgestandenen Strapazen ansehen und war bereit, nach Bedarf das Möglichste zu thun. Bald, nachdem ich noch für die Unterkunft und Verpflegung der beiden wackeren Führer Sorge getragen, saß ich im trauten Kreise der Gefährten und all' die Mühen der vergangenen Tage, alle Müdigkeit waren vergessen beim köstlichen Mahl und fröhlichen Becherklang; vor allem war es für mich ein erhebendes Bewußtsein doch noch, trotz aller Widerwärtigkeiten, mein Ziel und meine Absicht erreicht zu haben. Von dem Christbaum, den anstatt der deutschen Tanne, hier eine dicht belaubte Tropenpflanze ersetzt hatte, mochte ich den Blick nicht wenden, immer wieder fuhr es mir durch den Sinn, wie einsam es wohl um diese Stunde bei dem freundlichen Wirth in Zomba sein müsse. Sein Anblick mahnte auch an die ferne Heimath, wo zur selben Stunde abertausend Bäume im stolzen Schmucke prangten und ungezählte Herzen des herrlichsten Festes sich freuten, an welchem einst das Hallelujah der Engelschöre die göttliche Botschaft kundgethan! Das aber ist ein schönes Symbol des germanischen Volkes, das überall auf der weiten Erde, wo seine Söhne noch nicht der Heimath vergessen, diese, die Treu' im Herzen und die deutschen Sitten waren, selbst im kleinsten Kreise sich zu erheben und zu erfreuen suchen unter dem strahlenden Christbaum, den sie im einsamen Urwald oder auf der entlegensten meerumrauschten Koralleninsel im Weltmeer aus der üppig sprießenden Tropenflora zu finden wissen; und im Rauschen altersgrauer Wipfel, im Brausen der Meereswogen, klingen die Feiertöne der Lieder aus, welche einst die Mutter auf der Heimathscholle ihnen an der Wiege gesungen.
Lange saßen wir noch in später Nachtstunde beisammen, gedenkend vergangener und kommender Zeiten, nachdem noch vorher dem Major von Wißmann, der unpäßlich einsam in seinem Zelte ruhte, für die gespendeten Gaben der Dank abgestattet und die Versicherung gegeben worden war, daß wir alle fest zu ihm stehen werden in Noth und Gefahr und keiner von seiner Pflicht weichen wird, bis das große Werk vollendet ist; beisammen waren Dr. Bumiller, Dr. Röver, Lieutenant Bronsardt v. Schellendorf, de la Fremoire, Illich, Maler Franke, die Zugführer Bauer, Krause, Eben, die Handwerker Knuth und Riemer.
[S. 167]
Die schweren Regengüsse zu dieser Zeit, wie im vorigen Kapitel beschrieben, können recht unangenehm werden, und klärt sich der Himmel für eine Reihe von Tagen auf, muß man auf solcher Expedition bestrebt sein, Versäumtes nachzuholen, darum auch gab es für uns keine Feiertage. Am ersten Festtag schon begann das Beladen der Boote, die zur leichteren Unterscheidung für unsere Leute folgendermaßen benannt wurden: Crocodil, Reiher, Forelle, Pfeil; und an dem Bug eines jeden war die betreffende Bezeichnung en miniature von Franke angemalt worden.
Ehe ich mich als einziger Seemann der Auftakelung dieser Fahrzeuge unterziehen konnte, hatte ich eine eingehende Untersuchung über die vom Major in Vorschlag gebrachten Plätze am Schireufer, wo eventl. eine Werft errichtet werden könnte, vorzunehmen; es lag nämlich die Absicht vor, vielleicht schon hier den Dampfer erbauen zu können, sofern die Verhältnisse dies gestatten sollten. Ein großer Vortheil würde es ohne Frage sein, als nicht von neuem der Transport zu Wasser weiter geleitet werden brauchte, nachdem die so schwierige Ueberführung aller Lasten über das Gebirge vollbracht war. Meine Bedenken, daß die Herbeischaffung des benöthigten Baumaterials hier in dieser waldarmen Gegend vielleicht eine Unmöglichkeit sein würde, auch ob der vollendete Dampfer später zum Nyassa-See geschafft werden könne, da der Schirefluß weiter oberhalb oft nicht tief genug und bedenkliche Stromschnellen habe, schlug der Major durch die Bemerkung nieder: »Wenn wir alles was wir wünschen, zur Hand hätten, wäre es kein Kunststück und keine große Aufgabe, das begonnene Werk zu vollenden, übrigens ich will es und es muß gehen; was die spätere Weiterführung des Schiffes auf den Fluß anbetrifft, habe ich mich der Expedition zum See anzuschließen und eingehend den Fluß zu untersuchen, stellt sich dann die Unmöglichkeit heraus, den Aufbau hier zu unternehmen, ist es etwas anderes, vorläufig aber bleibt es bei dem einmal aufgestellten Projekt!«
Daraufhin, nach eingehender Besichtigung der in Frage kommenden zwei Plätze, der Untersuchung des Flußbettes, das hier 12 bis 14 Fuß tief war, entschied ich mich, den Platz zu wählen der unmittelbar vor dem Dorfe Mpimbi lag, — zwar gänzlich von Hütten umschlossen, aber doch frei und hoch gelegen war; vor allem standen drei mächtige breitästige Bäume auf demselben, die weithin Schatten gaben, was bei der späteren Arbeit nicht zu unterschätzen und in Betracht gezogen werden mußte. Freilich würde die hier nöthige Ausschachtung, das Ufer ist über zehn Fuß hoch, einen enormen Aufwand von Arbeitskräften erfordern, indes, es war die gesundeste und beste Lage und verdiente gegenüber dem anderen Platze, der in der Nähe des Lagers gelegen, in einer sumpfigen, schattenlosen und ungesunden Niederung unbedingt den Vorzug.
[S. 168]
Von einem Vertrage mit dem Häuptling Chikuse, der von der Bevölkerung im weiten Territorium als Erster anerkannt ist, wurde vorläufig Abstand genommen, dann waren auch die Verhältnisse für den Schiffsbau hier einigermaßen günstige, mußte doch erst eine eingehende Untersuchung des Flußbettes vorgenommen werden, ehe weitere Schritte gethan werden konnten.
Rastloser Arbeit waren wie erwähnt die Festtage geweiht; ein Jeder hatte seine bestimmte Funktion zu verrichten, und obgleich zwischen Kisten und Kasten, Munition, Geschütze, Proviant scheinbar Wirrwarr herrschte, hatte doch jeder Gegenstand seine besondere Bestimmung. Ein kriegerisches Bild bot das Lagerleben, Musterung und Exerzitien der Soldaten, Schießübungen mit Gewehr und Geschützen; Signalhörner und Trommeln ertönten, — über alles aber wachte das Auge des Führers, anordnend, tadelnd und befehlend. Einem Ameisenhaufen gleich, geschäftig und bestimmt, regten sich die vielen Glieder des Ganzen und nach jedem Tageswerk war ein bedeutender Fortschritt gethan; müde und abgespannt legte sich Jeder zur Ruhe, bis in früher Morgenstunde die Trompete wieder zu neuer Arbeit rief.
Der Abmarsch der Kompagnien nach Fort Johnston, unter Lieutenant Bronsardt, die aus Mangel an Platz in den Booten den weiten Weg zu Fuß zurücklegen und sich längst dem Schireufer Bahn brechen mußten, brachte wieder eine Abwechselung; auch die scheu und ängstlich sich fernhaltenden Eingeborenen wurden dreister, brachten Mehl, Bataten und auch Pombe, welche Produkte ihnen, da wir sie benöthigten und solche auch billig waren, gern abgekauft wurden. Namentlich die Weiber schleppten auf den Köpfen Gefäße mit Mehl, Bananen und Tomaten heran; im Kreise oder in einer Reihe auf dem Boden hockend, ihre Waaren vor sich, warteten sie geduldig, bis eine jede je nach dem Werthe derselben ein buntes oder weißes Stückchen Zeug erhalten hatte, um dann mit ihren auf dem Rücken gebundenen Säuglingen, die sich meist immer ganz still verhielten, im Gänsemarsch das Lager zu verlassen.
Zur Bedienung der Boote waren etwa siebenzig Mann Sudanesen, Suaheli und der Rest nicht desertirter Zulus zurückbehalten worden, die auf den beiden großen Booten als Ruderer vertheilt wurden, zudem sechs Europäer mit Bedienung, Köchen, etc., machte ungefähr diese Expedition neunzig Seelen aus. Zwei Boote des Dampfers, ohne Besatzung, enthielt das größere das Gepäck, Zelte und Betten, das kleinere nur Pulver und etwas Munition und diese nur von einem Steurer gelenkt, sollten im Schlepptau der großen Fahrzeuge verbleiben. Laut Tagesbefehl vom 27. Dezember, an welchem Tage alle Arbeiten beendet sein mußten, wurde mir der Befehl über das größte der Boote übertragen, während Proviantmeister Illich mit de la Fremoir das[S. 169] zweite führten, d. h. Major v. Wißmann behielt sich die Leitung der ganzen Flottille vor, nur daß Führer ernannt wurden, welche die Boote leiten und dafür verantwortlich waren. Als fünftes Fahrzeug war ein mittelgroßes Canoe dem Maler Franke zur Verfügung gestellt, der dadurch unabhängig in seiner Holzschale, die von vier Leuten gerudert wurde, sich trotz des etwas sehr beschränkten Raumes sehr wohl befand.
So war denn der Tag der Abreise gekommen; um 8 Uhr früh, den 28. Dezember, lösten sich auf Kommando die Boote vom Ufer ab, drei kräftige Hurrah, beantwortet von den Zurückbleibenden, Dr. Röver, Knuth, Riemer, sowie 15 maroden Soldaten, die unter Knuth die Besatzung des Lagers verbleiben sollten, und kräftig tauchten die Ruder in das Wasser, gegen Sturm und Wind die kleine Flottille vorwärts treibend. Wie vorauszusehen, ermatteten die Ruderer bald; die ungewohnte Arbeit, dazu eine Portion Ungeschicklichkeit, wurde durch einen einzigen Fehlschlag oftmals die ganze Gesellschaft außer Takt gebracht und erst wieder eine Gleichmäßigkeit erzielt, wenn ich oder ein anderer den richtigen Schlag angegeben hatte; das Einüben mittelst Zählen von »eins, zwei« wurde von uns Europäern abwechselnd ausgeführt und erklärlich war es deshalb, daß wir nur langsam vorwärts kommen konnten.
Aus diesem Grunde und auch um die Leute nicht zu sehr anzustrengen, denn die niederglühende Sonne machte den Aufenthalt in den offenen Booten nicht gerade angenehm, ließ der Major schon gegen Mittag an einem geeigneten Orte Lager schlagen; meistens an Stellen, wo der Schatten hoher Bäume ausgiebigen Schutz gegen die recht empfindliche Hitze bot. Uebrigens war die Vegetation hier an den Ufern insofern eine reichere zu nennen, als überall zwischen den Gebüschen der Baumwuchs reichlicher vertreten war, sogar stellenweise in der Nähe des Ufers kleine Waldungen sich zeigten, die in mir den Wunsch erweckten, an solchen Stellen den Dampfer erbauen zu dürfen, wo dem Anschein nach so reiches Material vorhanden war. Eine spätere Untersuchung ergab jedoch nicht das erwartete Resultat, da die meisten Bäume nur wenig Nutzholz liefern, weil die Stämme krumm und häufig verwachsen sind. Um ein Beispiel anzuführen, wie dicht und undurchdringlich der Busch, sei erwähnt, daß wir uns mit Leichtigkeit die schönsten Lauben herstellen konnten, indem mit Faschinenmessern nach Belieben ein Gang in diesem geschlagen wurde, worin wir den schattigsten Aufenthalt während der heißesten Tagesstunden fanden; Feldstühle und provisorische Tische darin aufgestellt, und unser Speisezimmer war fertig.
Die Formation der Ausläufer des Schiregebirges, die zur unser Rechten sich dem Ufer auf einige Meilen Abstand nähern, gaben im Verein mit der ringsum wilden Natur ein imposantes[S. 170] Bild; ununterbrochen bis zu den Höhen ist der Pflanzenwuchs ein überreicher und ist einst die Kultur bis hierher vorgedrungen, wird der jungfräuliche Boden jede Mühe reichlich lohnen; ein Schatz liegt in diesem verborgen, der nur der Zeit wartet, wann fleißige Hände sich bemühen ihn zu heben!
Hinziehend auf den im Sonnenlichte glitzernden Fluthen des Schire, den vielen Windungen des Flusses folgend, die des öfteren so scharf, daß weit voraus der Wasserweg völlig abgeschnitten erschien, bis eine neue Biegung wiederum die Aussicht auf den Fluß eröffnete, war es uns nur an wenigen Stellen möglich, einen freieren Ausblick auf das Land zu gewinnen, sonst benahmen das dichte Ufergebüsch, zahlreiche Baumgruppen jeglicher Aussicht. Dahinterliegende ausgedehnte Grasflächen und lichter Wald ließen die Vermuthung aufkommen, daß, wie am unteren Schire, auch hier zahlreiche Wildheerden ständigen Aufenthalt hätten, allein der Umstand, daß eine weit zahlreichere Bevölkerung in der ganzen Gegend des Stromgebietes ansässig ist, hält das Erscheinen der Thiere zurück, mithin hätte man weit wandern müssen, ehe ein Jagdzug lohnenden Erfolg gehabt. Dahingegen boten sich auf diesem fischreichen Gewässer genügende Zielobjekte, als vorüberziehende Züge wilder Enten und Gänse, gewandt im Wasser auf- und niedertauchende Kormorane und der weißköpfige Fischadler, der scharfen Auges, in scheinbar träger Ruhe auf den Zweigen dicht am Wasser stehender Bäume, der in klarer Fluth spielenden Beute geduldig harrte. Aber höchstens den genießbaren Vogelarten, als Enten etc. wurde gelegentlich, wenn sie im Bereich der Waffen kamen, eine Schrotladung zugesandt, andere Thiere wurden nicht gestört, vielmehr machte es Spaß, den schnell schwimmenden und höchst gefräßigen Kormoranen zuzuschauen, wie diese auftauchend einen großen Fisch im Schnabel sich mit der um sich schlagenden Beute abquälten, ehe kunstgerecht der Kopf des Fisches im weiten Schlund verschwand, — eine kräftige Anstrengung und das lebende Thier war heil und ganz verspeißt. Man sollte nicht meinen, wie gefährlich dieser Vogel den Fischen wird, nicht durch seine Gewandtheit im Tauchen und Schwimmen, sondern durch seine Unersättlichkeit verursacht er großen Schaden; seine Verdauung ist so enorm, daß man sagen kann, er ist immer hungrig, ein Nimmersatt.
Eine kleine Schar Kormorane, angenommen 20-30, auf eine nicht lange Flußstrecke vertheilt, wie ich solche häufig genug habe zählen können, fängt täglich hunderte Fische weg, daneben nun noch die anderen Vogelarten gestellt, die ebenfalls ausschließlich vom Fischfang leben, wird es Jedem erklärlich erscheinen, wenn ich sage, daß der Fluß ungemein fischreich ist; dazu ist noch nicht mal des schlimmsten Räubers, des Krokodils, gedacht, welches, wenn es, wie doch meistens der Fall, auf Fischfang angewiesen ist, sicher ein bedeutendes Quantum braucht, um[S. 171] sich zu sättigen und die Anzahl dieser mächtigen Thiere ist gewiß keine geringe in diesem Theil des Schireflusses.
In gleicher Weise wie anfänglich brachen wir jeden Morgen in früher Stunde das Lager ab und nach der dann schnell erfolgten Einschiffung, die immer beendet sein mußte, wenn der Major das Boot betrat, ging es im gewohnten Tempo vorwärts. Die Führung hatte immer das größte Boot, kein anderes durfte vorbeifahren (es hatte sich nämlich herausgestellt, daß die kleineren im Schlepptau zu hinderlich waren, darum wurden diese auch bemannt und folgten hinterher); so sehr wir aber auch darauf bedacht waren nach Möglichkeit tiefes Wasser aufzusuchen, geschah es doch mitunter, daß das Boot auf Grund lief, und fand sich keine tiefere Durchfahrt, was durch in das Wasser gesandte Leute festgestellt wurde, dann sprangen auf Kommando sämmtliche Ruderer ins nasse Element, um mit Halloh das schwere Fahrzeug über die Untiefe hinwegzuziehen.
Am zweiten Tage schon zeigte es sich, daß die Ufer ziemlich bewohnt waren, am dritten aber sahen wir streckenweise Dorf an Dorf sich reihen, deren Bewohner neugierig von der hohen Uferböschung der vorüberziehenden Flottille zuschauten oder verstohlen durch die Büsche ihre braunen Gesichter zeigten. Den 30., Mittags, hatten wie unterhalb und querab des Dorfes Perisi zwei schlechte Stellen im Fluß zu passiren, wovon die Erstere eine Stromschnelle war, ein felsiges Bett mit sehr beengter Durchfahrt, durch welche der Strom wirbelnd hindurchschoß, die ganze Kraft eines Jeden war erforderlich um überhaupt nur vorwärts zu kommen und die wilde Strömung zu überwinden; die zweite, eine Barre aus Steingeröll, mit nur zwei Fuß Wasser darauf, verursachte ungemein viel Arbeit, ehe die Boote, dicht unter das rechte Ufer, wo eine etwas tiefere Passage, hinübergebracht waren. So abgespannt waren alle, daß der Major halten und erst nach längerer Ruhe die Fahrt wieder aufnehmen ließ.
Wenn ich mir in die Erinnerung zurückrufe wie friedlich das Dorf Perisi, in dessen unmittelbarer Nähe wir Rast gemacht, unter den breitästigen Bäumen zu dieser Zeit noch dalag, dazu die Bewohner, die zwar nicht zuvorkommend waren, aber doch noch keine feindliche Gesinnung gegen die Europäer hegten, so taucht das Bild der Verwüstung und des Kampfes wieder vor dem geistigen Auge auf, das nur Brandstätten, Trümmer und Verwüstung zeigte. Wenige Wochen nur sollten hingehen und die Heimstätten der in die Berge geflohenen Bewohner wurden ein Raub der Flammen, die Kriegsfurie hatte die Fackel in das Land geschleudert, Tod und Verderben im Gefolge durcheilte sie die Lande; weithin hallte der Ngoma-Schlag — zur Empörung und blutigen Aufruhr die Männer rufend ....
Der letzte Tag dieses an Arbeit und Mühen für uns so[S. 172] reichen Jahres war gekommen — mühsam gegen Strom und Wind, der bisher unverändert aus nördlicher Richtung wehte, strebten wir vorwärts. Es mochten die letzten Jahresstunden wohl in Manchem von uns gerade nicht heitere Gedanken wecken, die stumme Frage an das Schicksal, was birgt die kommende Zeit, die dunkle Zukunft in ihrem Schooß, konnte wohl ein Jeder beinahe selbst beantworten, — Gefahren und Entbehren war das Mindeste was das neue Jahr uns bringen würde, dieses wußten wir alle .... ob auch der Erfolg auf unserer Seite, — wer konnte das behaupten, und daß für zweien aus unserer kleinen Zahl die Tage gezählt, der Lebensfaden bald abgelaufen, die Parze bereit stand, diesen zu durchschneiden, — wer ahnte dies! Groß und herrlich hat die ewige Weisheit es vorbedacht, daß wir den Schleier nicht lüften können, der das Zukünftige birgt und ein Jeder wie vor dem verhüllten Bilde zu Sais steht, das hinter dem Vorhang die Wahrheit zeigt!, — aber auch den Tod, — und vor dem Geheimnisvollen scheut der Mensch zurück! —
Früher als wir vermutheten, wurde das große Dorf Lionde erreicht, das an beiden Ufern des Schire gelegen war, und nach der Zahl der Hütten zu urtheilen, eine beträchtliche Einwohnerzahl haben mußte. Benannt sind diese Ortschaften meistens immer nach hervorragenden Häuptlingen, die, wie es hier der Fall, aus dem Lande der Makua stammend, vor Zeiten diese Völkerschaften unterjocht, sich zur höchsten Würde aufgeschwungen und solche behauptet haben.
Gleich nach der Landung am linken Ufer, an einem Orte wo sehr wenig Schatten war, befahl der Major das Lager aufzuschlagen, mit der Absicht, nicht weiter an diesem Tage fahren zu wollen, sondern der Rest sollte den Leuten zur Erholung freigegeben sein, damit mit frischen Kräften das Werk im neuen Jahre fortgesetzt werden könnte. Bald waren die Plätze, wo die Zelte stehen sollten, von geschäftigen Händen gesäubert, und diese aufgerichtet, suchte jeder vor den heißen Sonnenstrahlen in denselben Schutz; als die Soldaten dann ebenfalls ihre kleinen Leinwanddächer in Reihen aufgestellt hatten, würde dieses provisorisch errichtete Feldlager, das Leben und Treiben darin, einem Beobachter manches Interessante vor Augen geführt haben. Jedenfalls war es für alle ein behagliches Gefühl, vor den später in Strömen niederstürzenden Gewitterregen Schutz und Unterkunft zu finden, traten diese doch jeden Nachmittag auf, zuweilen noch Nachts, und nicht immer waren wir darauf vorbereitet, uns vor dem schnell heraufziehenden Unwetter zu schützen. Heute nun hatten wir Zeit gehabt, uns vorzusehen. Als die frühe Nacht hereinbrach, wurde die Frage der Sylvesterfeier erörtert, die zu dem Ergebniß führte, daß aus den Beständen von Weißwein, Cognac und Selter ein leichter Punsch gebraut werden könnte; sollte ein Uebriges geschehen,[S. 173] müßten aus einer Bootsladung mitgeführte Raketen hervorgesucht werden, um an der Schwelle des neuen Jahres ein kleines Feuerwerk abzubrennen.
Nur um die liebgewordene Gewohnheit, diese Feier auch hier zu begehen, aufrecht zu erhalten und nicht ohne Sang und Klang in das neue Jahr einzutreten, war ein Jeder bereit, das Seine dazu beizutragen; indes, als alles vorbereitet, — Franke und ich hatten die Ausführung übernommen, — wurde uns die Zeit doch recht lang, jedes Thema kam ins Stocken, und bald suchte der eine oder andere die Ruhe auf, legte sich wenigstens angekleidet nieder und überließ es uns, die letzte Minute nicht zu versäumen. Der Herr Major betheiligte sich wie gewöhnlich nicht daran, hatte aber natürlich seine Einwilligung zu den Vorbereitungen gegeben.
Endlich rückte der Zeiger der Zeit auf die letzte Viertelstunde; die letzte Minute des entschwundenen Jahres fand alle vor dem Zelt des Majors versammelt, und als die Zeitsekunde der Uhr hinübersprang ins neue Jahr, erscholl durch die Stille der Nacht aus deutschen Kehlen ein fröhliches »Prosit Neujahr« — im selben Moment flammten die Windlichter auf und zischend fuhr eine Rakete hoch in die Lüfte, ein buntstrahlender Kugelregen senkte sich zur Erde nieder. Ehe ich aber eine zweite entzünden konnte, war der Befehl zum Aufhören gegeben. Der Major wollte nicht, daß die Bevölkerung durch solche ihnen unbekannte Erscheinung in Aufregung versetzt würde, was nicht so unwahrscheinlich, wenigstens hätten wir bald genug Zuschauer gehabt — so hatte denn das Feuerwerk mit dieser einen Rakete ihr Bewenden. Nicht lange währte es, dann war auch der letzte Tropfen ausgetrunken, eine fröhliche Stimmung aber wollte nicht zum Durchbruch kommen — als lastete etwas drückendes auf Jedem. Keiner wußte den rechten Ton anzuschlagen. — Darum herrschte auch kurz darauf die frühere Stille wieder und nur, als ich auf meinem harten Lager auf kalter Erde gebettet, den Schlummer suchte, hörte ich den gleichmäßigen Schritt der Wachtposten noch, bis der Traumgott auch mir die müden Augen schloß. Ein tiefer Schlaf mußte mich doch umfangen gehalten haben, denn ich war durch den niederstürzenden schweren Regen, sowie von dem Geräusch, welches Franke im Kampfe mit den Ameisen im Zelt verursachte, nicht erwacht, auch davon, daß die kleinen gereizten Thiere ihn in das Freie und zur Flucht getrieben hatten, war mir nichts bewußt; umso überraschter aber war ich, als am Morgen, vom Trompetensignal ermuntert, der Boden um mich von schwarzen, einen Centimeter langen Ameisen wimmelte, die nach allen Richtungen hin und wieder liefen und in Schaaren aus einem dicht an der Wand errichteten kleinen Erdhügel aus- und einströmten. Ich kannte diese Sorte zu gut, darum vorsichtig die über mich hinwegwandernden Züge eine andere Richtung zu geben[S. 174] suchend, wollte ich mich erst nothdürftig ankleiden und dann die Decken aufraffen und ins Freie zu kommen versuchen.
Allein, schon meine Bewegungen hatten die Thierchen stutzig gemacht — wild durcheinander im Kreise herum liefen sie und schienen eine Gefahr zu fürchten, als wollten sie dieser Uebermacht entgegentreten, kamen tausende aus dem Bau wie auf Kommando hervor .... Sehr beeilen mußte ich mich, wollte ich nicht meine Sachen von den nun wüthenden Thieren überlaufen sehen, daher erst halb bekleidet, trat ich entschlossen mitten hinein, raffte alles auf und warf das große Bündel aus dem Zelt; war mein Thun aber auch mit Gedankenschnelle vollführt, hatten doch die Ameisen Zeit gefunden, am Körper hochzulaufen, wovon eine Anzahl den Weg zur blossen Haut gefunden, die nun, als ich mich durch schnelle Flucht den Schaaren entzogen und im Freien sie abzusuchen begann, ein solch höllisches Kneifen auf dem ganzen Körper unternahmen, daß ich umhersprang als würden mir hundert glühende Nadeln zugleich in die Haut getrieben; wäre es angängig gewesen, hätte ich mich am liebsten in den nahen Fluß gestürzt, um diese Quälgeister loszuwerden. Es war eine entsetzliche Tortur und es dauerte einige Zeit, ehe ich mich von den festgebissenen Thieren befreien konnte, d. h. jedes Stückchen Zeug mußte ich ausziehen und die Ameisen aus dem Wollstoff absuchen oder tödten.
Uebrigens erging es mehreren Herren, die ihre Zelte ganz in der Nähe aufgeschlagen hatten, nicht besser; noch nie war ein solch Hasten und Jagen vorgekommen — der Europäer tanzte und schimpfte, die schwarzen Diener sprangen wie besessen umher und alle suchten die Boote zu erreichen. Das Beste aber kam, als die zum Zelteaufrollen abkommandirten Soldaten diese niederlegten — zu Hunderten liefen die Ameisen an den nackten Beinen und Armen hinauf, plagten und bissen die Leute fürchterlich; grotesk waren die Sprünge, welche die armen Kerle aufführten, um nur aus dem Bereich der wüthenden Thiere zu kommen. Obgleich nicht minder geplagt gewesen, konnte man sich doch bei solchem Anblick nicht des Lachens erwehren, es war wirklich über die Maßen possirlich, welche Stellungen die Leute einnahmen, wenn die scharfen Zangen der kleinen Missethäter allerwärts die Haut zwickten und sie sich, gleich wie bei ihren Feinden, darin festbissen. Wenn Volk gegen Volk zum Kampfe auszieht, vieltausend Soldaten im Nahkampf gegen einander wüthen, dann muß solche Ameisenschlacht, sofern die Thiere empfindliche Gliedmaßen besitzen, etwas furchtbares sein, denn die Natur hat sie mit Waffen ausgestattet, vor welchen selbst der Mensch die Flucht ergreift! Was nun die Anwesenheit dieser ungezählten Ameisen in den Zelten anbetrifft, so liegt die einzige Erklärung dafür darin, daß die Thiere während der Nacht, als der starke Regen[S. 175] sie aus den Bauten heraustrieb, auswanderten und natürlicher Weise Schutz suchten, wo sie ihn fanden. Kennt man die Regsamkeit der Ameise, nimmt es kein Wunder, daß bereits am Morgen, also nach wenigen Stunden, ein neuer provisorischer Bau hergestellt war und das erwähnte Umherwandern im Zelte nur den Zweck hatte, Material herbeizuschaffen, um die in Eile geretteten Eier und Jungen wieder in warmen Zellen unterzubringen.
Die eigentliche Ursache dazu hatten wir natürlich gegeben, indem durch das Säubern von Gras und Busch die Hügel der Ameisenhaufen blosgelegt wurden und, wo solche hinderlich, dem Erdboden gleich gemacht wurden; selbstverständlich unternahmen die in ihren Bauten verborgenen Thiere nichts, solange es Tag war, zur Nachtzeit aber suchten sie den Schaden wieder zu repariren, wobei nun der heftige Regen, der ungehindert in Gänge und Zellen eindringen konnte, die Arbeiten unterbrach. Aus der drohenden Ueberschwemmung galt es nun zu retten, was noch zu retten war, und so ist es erklärlich, daß die klugen Thierchen den nächstliegenden Schutz wählten, wo die gerettete Nachkommenschaft, der in solchen Fällen all ihre Sorgfalt zugewendet wird, eine sichere Unterkunft fand. Dieser Ameise gleich, die wüthend den Störer ihrer Ruhe anfällt und Mensch und Thier zum Abzug zwingt, ist die in den Urwäldern hausende Biene, die nur insofern schlimmer ist als man sich der verfolgenden Schaaren nicht entziehen kann und in kurzer Zeit furchtbar zugerichtet wird, wenn es nicht gelingt, durch rasch entzündete Feuerbündel diese Insekten fern zuhalten.
Nicht immer ist es gesagt, daß die Bienen nur angreifen, wenn man versucht, ihnen den aufgespeicherten Honig zu nehmen! Ein starkes Geräusch, z. B. ein Schuß genügt, um sie zur äußersten Wuth zu reizen und wehe dann dem Menschenkinde, das wehrlos ihren Stacheln preisgegeben ist, — sie sind im Stande, es vor Schmerzen wahnsinnig zu machen, selbst es dem Tode zu überliefern —! Will der Eingeborene einen entdeckten Bienenstock ausrauben, nähert er sich so vermummt als möglich dem Baume in welchem der süße Schatz verborgen, setzt ein fortwährend schwelendes Feuer daran nach der üblichen Methode[A] und zwingt die Bienen dadurch zum Verlassen des Stockes; nach Tagen vielleicht erst, wenn keine Gefahr mehr vorhanden ist, kann er sich ungehindert der Arbeit unterziehen und häufig wird seine Mühe durch eine reiche Ausbeute belohnt.
[A] Siehe bei Umpassa.
Erwähnenswerth während unseres kurzen Aufenthalts in Lionde wäre noch der Besuch des hier ansässigen Arabers Baccari ben Umari; dieser Vertreter des Islams, der dienstwillig dem Major seine Aufwartung machte, konnte, sofern er für unsere Sache[S. 176] gewonnen wurde, uns große Dienste leisten, und wäre es auch nur dadurch, daß er hauptsächlich die Verproviantirung des bei Mpimbi errichteten Lagers übernahm.
In dieser Voraussetzung wohl, und um zunächst nähere Erkundigungen von dem wohlunterrichteten Manne einzuziehen, empfing der Major diesen Araber freundlich; derselbe, ein unabhängiger Handelsmann, der, wie sich später auswies, nichts besseres als ein Sclavenhändler war, ließ sich auch gewinnen und mit der Unterwürfigkeit der Araber, welche zur Schau getragen wird, wenn sie einem mächtigen einflußreichen Manne gegenüberstehen, wußte auch Baccari den Major für sich einzunehmen, sodaß selbst unser mit den arabischen Schlichen wohlvertraute Führer über dessen wahren Charakter im Zweifel blieb.
Von nun an, nachdem in früher Morgenstunde die Reise flußaufwärts, am 1. Januar 1893 wieder angetreten worden war, sollte es schneller vorwärts gehen, und nicht mehr wie öfter geschehen, schon frühzeitig Lager geschlagen werden, sondern nach kurzer Mittagsrast die Fahrt wieder aufgenommen und möglichst bis zum Abend ausgedehnt werden; waren doch die Ruderer nun eingeübt, — auch versprach der umspringende Wind uns die Arbeit zu erleichtern. Um Mittag dieses Tages, als wir am rechten Ufer im dichten schattigen Busch zur kurzen Rast uns gelagert und nach alter Gewohnheit unsere Mahlzeit eingenommen hatten, wurden wir vom anderen Ufer aus angerufen; ein Boot darauf hinübergesandt, um die Ankömmlinge abzuholen, hatten wir die Freude, Baccari ben Umari wieder bei uns zu sehen. Bei der später dann erfolgten Vorstellung, als ich Gelegenheit hatte, diesem alten Araber ins Auge zu sehen, konnte ich mir einer Antipathie gegen denselben nicht erwehren und die Zusicherung, welche er abgab, mir immer, wenn ich erst wieder in Mpimbi eingetroffen sein werde, Naturprodukte und Vieh, nach Bedarf senden zu wollen, worüber der Major ein festes Abkommen mit ihm getroffen, wollte mir als eine Heuchelei erscheinen. Das schlummernde Vorurtheil gegen diese Menschenrace war es gewiß nicht, was mein Urtheil beeinflußte! Indeß, die Zukunft mußte es ja ausweisen, — vorläufig empfing der Heuchler reiche Geschenke, als einen arabischen Kaftan etc. und nahm Abschied mit der Würde eines Mannes, dem sein gegebenes Versprechen unter allen Umständen heilig ist; man hätte meinen können, daß dieser Mohamendaner dem Giaur (Ungläubigen) gegenüber wirklich sich verpflichtet fühlte, das gegebene Wort einzulösen!
Das abwechselnd bald weite, bald eingeengte Flußbett, zeigte sich von nun an je nachdem flach oder tief; die Ufer namentlich das Linke, waren flacher und niedriger und ließen den Blick über weite Grassavannen, mit nur vereinzelten Fächerpalmen oder anderen Bäumen bestanden, darüber hinschweifen, seltener waren Bananen-Anpflanzungen; wo sich aber solche zeigten, war immer[S. 177] ein kleines oder größeres Dorf dahinter erbaut. Hingegen das rechte Ufer, meistens hoch und steil, bot ein Bild üppigster Vegetation, oft war daher von einem verdeckt liegenden Dorfe nicht eher was zu sehen, als bis wir querab waren, oder die neugierigen Eingebornen sich am Ufer zeigten.
Die Gefahr auf Sandbänke oder verdeckte Untiefen zu laufen verminderte sich ebenfalls, und zeitweise mit leichtem günstigen Wind, der unsere Segel schwellte, kamen wir ungehindert vorwärts. Am Abend dieses ersten Januars lagerten wir am linken Ufer in der Nähe eines kleinen Dorfes; kaum jedoch hatten wir notdürftig unsere Zelte aufgeschlagen, als ein ausbrechendes Gewitter eine solche Regenfluth auf uns niedersandte, daß in kurzer Zeit alles unter Wasser gesetzt wurde, und wir uns aus dieser Ueberschwemmung nur zu retten wußten, indem schnell Abzugsgräben aufgeworfen wurden, in welchen das Wasser ablaufen konnte. Eigentlich hatten wir das Lager auf einem verfallenen Kirchhof aufgeschlagen, denn obwohl umgeben von Hütten, zeigten sich beim Niederschlagen des hohen Grases doch vereinzelte Gräber; auffällig aber war, daß wir hier ein arabisches Grabmal fanden, dessen flache gemauerte Platte mit erhöhten Seitenrändern, am Kopf und Fußende hochgewölbt, noch ziemlich gut erhalten schien. Solche Nachbarschaft kümmerte uns indes wenig, ein Jeder war nur zufrieden es sich in seinem Zelte für die Nacht so bequem als möglich zu machen.
Hatten wir bisher auch nur vereinzelte Crocodile bemerken können, weil diese im dichten Ufergebüsch verborgen lagen, so zeigte es sich am nächsten Tage, daß sie doch zahlreich hier vertreten waren. Wie wenig Scheu die Thiere vor den Menschen haben bewies der Umstand, daß wir sie häufig kaum zwanzig Meter vom Ufer entfernt, einem Dorfe gegenüber, in aller Ruhe liegen sahen und gemüthlich in heißer Sonnengluth dem Schlafe sich überließen. Was will der Eingeborne dagegen thun! er muß die Unholde, die ihm Weiber und Kinder gelegentlich wegrauben, ruhig gewähren lassen; seine Waffen, welche er besitzt, schaden dem Thiere absolut nichts, auf der Panzerhaut prallt jeder Pfeil machtlos ab, selbst sein Speer, wenn er es damit erreichen könnte, wäre nur ein Objekt mit dem er es verscheuchen würde, dieser ist ihm aber ein zu werthvoller Gegenstand, als daß er solchen aufs Ungewisse verwerfen sollte. Den einzigen Schutz, wie wir von nun an häufiger bemerken konnten, hat er sich gegen die Räuber dadurch geschaffen, daß er ein mehr oder weniger festes Gehege aus eingerammten Stützen, verbunden mit Rohr oder dünnen Zweigen, hergestellt hat, durch welches es dem Thiere nicht leicht wird, hineinzukommen.
Solche abgegrenzte kleine Wasserfläche dient dann als Badeplatz etc. und verhältnißmäßig sicher kann sich der Eingeborne dem Wasser nähern und nach Belieben schöpfen, baden und spielen; ihre Sorglosigkeit aber geht zuweilen doch soweit, daß sie nicht[S. 178] darauf achten, ob auch nach langer Zeit das Geflecht unter Wasser noch immer fest und sicher ist, und es dem wachsamen Crocodil nicht doch möglich gewesen ist hineinzukommen, — bis unerwartet Einer der Ihrigen verschwindet auf Nimmerwiedersehn, — dann ist das Lamentiren groß und dann erst bequemen sie sich den Schaden auszubessern.
Ein Mittel, wie mir mitgetheilt wurde, giebt es selbst in höchster Noth noch dem Rachen des Crocodils zu entfliehen, wenn nämlich der Erfaßte tief im Wasser noch Geistesgegenwart genug besitzt, es anzuwenden, was bei gefaßten Frauen und Kindern indes ausgeschlossen ist; da in den meisten Fällen der Räuber sein Opfer an den Beinen wegzureißen oder auch bei gebückter Stellung einen Arm zu fassen sucht, so kann namentlich im letzten Falle, wenn dem Verunglückten nicht vor Schreck die Besinnung verläßt, es diesem gelingen mit der noch freien Hand die Augen des Unthieres zu suchen, und fest die Finger in eines derselben hineinbohrend, wird das Crocodil vom Schmerz geplagt den Rachen öffnen und sein Opfer freigeben. Jedoch nur in den seltensten Fällen wird dem Kühnen seine Verzweiflungsthat das Leben retten, es sei denn, daß es ihm gelingt, den Räuber auf beiden Augen zu blenden; aber ob auch dies einzige Mittel den Eingebornen bekannt ist, habe ich doch nirgendwo gehört, daß einem Unglücklichen es gelungen sei, auf diese Weise dem furchtbaren Crocodil zu entrinnen.
Eine Lust war es, im kühlen Schatten des hohen Ufergebüsches und unter den weit über das Wasser hinwegragenden Zweigen dichtbelaubter Bäume hinziehen zu können, dazu der günstige Wind, der unsere Segel füllte und gleichfalls erfrischende Kühle spendete, sodaß wir, da die Sonnengluth weniger lästig, dies herrliche Bild einer wilden Natur in seiner ganzen Schönheit aufzufassen vermochten, umsomehr, als die Aufmerksamkeit nicht durch vorausliegende Untiefen oder anderen Hindernissen abgelenkt wurde und man den Zauber dieser wilden Urnatur ganz auf sich einwirken lassen konnte. Herrliche Uferpartien, dicht verschlungene Gebüsche und Bäume, die wie ein Netz ihre Luftwurzeln zur Erde senkten, die Maschen von blühenden Lianen gewoben und bis in die Kronen hinauf gleich lebenden Fäden alles umwunden, zogen vorüber; selbst idyllische Waldpartien, über die sie umwogende Grasmassen hoch emporragend, boten viel Anziehendes, sodaß man ungern den Blick davon abwendete.
Aber bei näherer Anschauung oder einem Versuch durch diese Wildniß vordringen zu wollen, würde sich die Poesie des schönen Bildes bald verlieren, die Anstrengungen und Mühen, welche solch Unternehmen kosten, würden sehr bald dieses des äußeren Reizes entkleiden und die anfängliche Begeisterung in das Gegentheil umwandeln. Dieses zu erfahren hatten wir Gelegenheit, als eine kleine Heerde stattlicher Antilopen (Kudus) zwischen den Waldlichtungen[S. 179] sichtbar wurde, der nahe zu kommen alle Theilnehmer, des vom Major sofort eröffneten Jagdzuges, sich vergeblich bemühten; Sümpfe und undurchdringlicher Busch verhinderten, der sich langsam zurückziehenden Heerde zu folgen; auch eine von de la Fremoire und anderen unternommene Umgehung erwies sich als nutzlos; zerrissenes Zeug, voll Wasser gefüllte Stiefel war das ganze Ergebniß des kurzen aber anstrengenden Jagens.
Ueber die zurückgelegte Distanz im Ungewissen, erwarteten wir bei jeder Biegung des Flusses die weite Wasserfläche des Malombwe-Sees vor uns liegen zu sehen, aber ob auch der Eine oder Andere die Masten hinauf kletterte um Umschau zu halten, wollte doch nicht das gesteckte Ziel dieses Tages in Sicht kommen, selbst nach der im schattigen Buschwald verbrachten Mittagspause verging Stunde um Stunde, bis endlich gegen Abend die Ufer weit zurücktraten, die niedrig und mit hohem Schilf bewachsen, das bis weit in das Wasser hineinreichend sumpfige Niederungen vor diesen vermuthen und ein Landen schier unmöglich erscheinen ließ. Die Station Werra hatten wir schon passirt — nun noch eine kleine Flußbiegung und vor uns lag die ruhige Fläche des Malombwe-Sees! Da aber seine Ausdehnung zu groß ist, um die Ufer erkennen zu können, so schienen die fast den ganzen See umschließenden Bergketten direkt aus dem Wasser emporzustreben, deren vielfach gestalteten Kuppeln auf eine ununterbrochene Felsenmasse angethürmt, erst in weiter Ferne, wo sie sich senkte, vermuthen ließ, das der Schire dort vielleicht seine Fortsetzung haben werde.
Eine Landung an dem Orte zu versuchen, an welchem wir uns befanden war ausgeschlossen, daher ohne einen Versuch zu machen, wurde der Befehl zur Umkehr gegeben und an der sandigen Uferstelle vor der Station Werra gelandet, die etwas landeinwärts auf einem erhöhten Punkte, bestanden mit mächtigen breitästigen Tamarindenbäumen, angelegt ist. Ihren Namen soll diese von dem eine Strecke flußabwärts liegenden großen Dorfe Werra erhalten haben; sie ist nur von einigen schwarzen Soldaten und deren Familien bewohnt und hauptsächlich als eine Uebergangsstation zu betrachten, denn die kleinen Erdwälle und Gräben ohne jegliches Verständniß hin und wieder aufgeworfen, verfallen und zur Vertheidigung ungeeignet, würden einem zahlreichen Feinde schwerlich am Vordringen abhalten. Eigentlich, wie mir mitgetheilt wurde, ist diese Station neutrales Gebiet, auf welchem vorkommende Zwistigkeiten zwischen den umwohnenden Häuptlingen von dem Verwalter der Station Fort Hohnston geschlichtet werden und die Besatzung vornehmlich die Aufgabe zufällt, die ausgeschriebenen Kopfsteuern in Landesprodukten einzutreiben.
Den Umständen gemäß hatten wir hier ein bequemes Nachtlager gefunden, was um so schätzenswerther war, als der nächste[S. 180] Tag voraussichtlich viel Arbeit bringen würde, da wahrscheinlich kein Landen eher möglich sein würde, als bis wir den am Nordende des Sees einmündenden Fluß wieder erreicht hätten, und was das Ungemüthlichste, schwerlich vor dieser Zeit etwas würden genießen können.
Früher als gewöhnlich blies am Morgen des 3. Januar der Trompeter die Reveille. Ein Jeder, darauf bedacht, vor der Abfahrt noch einen Becher voll Kakao oder Kaffee zu erhalten, beeilte sich desto mehr fertig zu werden, denn Rücksicht wurde auf Keinen genommen. Jeder mußte, sobald die Musterung der Soldaten vorüber, das Signal zur Abfahrt gegeben, bereit sein, seinen bestimmten Platz einzunehmen. Laut einer Verfügung des Majors hatte Leutnant v. Bronsardt, der auf dem Landwege früher in Fort Johnston eintreffen konnte als wir, von dort nach Werra einige mit dem Malombwe-See bekannte Leute zu senden, die auch, da selbe sich sehr beeilt hatten, tagszuvor eingetroffen waren, und nun auf den Booten als Führer vertheilt, wurden nach ihrer Anweisung die Fahrzeuge dirigiert. Je näher wir dem See kamen, desto weiter dehnte sich der Fluß aus und fast gewann es den Anschein, als ergieße sich derselbe hier in den See — von einer Strömung war bei der großen Breite und Tiefe nichts mehr zu bemerken und daher kamen wir auch ziemlich schnell vorwärts. Eine ganze Strecke bei sich gleichbleibender Tiefe, waren wir in den spiegelglatten See hineingefahren — zur Linken, wo das Land im Halbkreis den See umschließt blieb das Wasser klar und behielt seinen grünlichen Schimmer, dagegen zur Rechten und Voraus nahm es eine graue Färbung an aus einem Grunde, der uns noch unbekannt war, bald aber als ein Hinderniß auftreten sollte, das zu überwinden wir gewaltige Anstrengungen machen mußten.
Immer dieselbe Richtung nordwärts einhaltend, glaubte ich anfänglich, daß wir in gleicher Weise quer durch den See hinfahren könnten, allein, sobald die genaue Färbung des Wassers als darunterliegender Schlamm erkannt wurde, mußte der Kurs ostwärts, mit dem rechten Ufer gleichlaufend, geändert werden, in welcher Richtung, nach Angabe unserer Lootsen, noch das tiefste Wasser zu finden sei. Der Kiel des Bootes, da die Wassertiefe nur noch zwei und einen halben Fuß betrug, wühlte die leicht-bewegliche Masse auf, so, daß in der Kiellinie ein schmutzig gelber Streifen hinter uns verblieb, der mithin sichtbar den Weg erkennen ließ, welchen wir genommen. Ebenso wurden mit jedem Ruderschlage die Schlammmassen aufgewühlt, in denen durch das klatschende Geräusch erschreckt, fortwährend eine beträchtliche Anzahl großer und kleinerer Fische vor dem Bug des Bootes hin- und herschossen; konnten diese nicht ausweichen, weil ihre Bewegungen ziemlich langsam waren, dann vergruben sie sich plötzlich in die weiche Masse und entzogen sich dadurch dem vermeintlichen Verfolger.[S. 181] Ausnahmlos war es eine Art Sumpffisch, ähnlich unserem Wells oder auch dem sogenannten Katfisch; ein flacher breiter Kopf, die Kinnladen mit Bartfasern besetzt, der Körper langgestreckt von heller gelblicher Färbung, konnte man diese zu derselben Gattung zählen, welche ich früher schon im untern Schire oder später im Nyassa-See zu fangen Gelegenheit gehabt habe. Höchst verwundert über eine solche Versumpfung des ganzen Malombwe Sees, äußerte sich Major von Wißmann dahin, daß eine solche erst im Verlaufe der letzten zehn Jahre allmählich eingetreten sein kann, denn er habe vor dieser Zeit, als er von der Westküste kommend und den Kontinent durchquert hatte, diesen See tief und klar gefunden, und diese Angaben bestätigten sich auch, indem wir überall eine durchschnittliche Tiefe von zehn Fuß fanden. Es war nämlich leicht genug eine Bambusstange bis auf den Grund durch den Schlamm hindurchzustoßen, nur das zurückziehen wurde schwerer, weil die bindende Masse in der Tiefe durch den Druck der oberen Schichten fester und zäher geworden war. Uebrigens erwies sie sich als eine Thonablagerung und es liegt die Vermuthung nahe, daß dieselbe in ihrem Fortbestand im Laufe der Zeiten diesen großen See schließlich zum größten Theil in festes Land umwandeln muß, durch welches der Schirefluß sich eine Straße offen halten wird.
Auf die Ursache dieser ungewöhnlichen Erscheinung werde ich später bei der Beschreibung des Nyassa Sees eingehend zurückkommen, vorläufig nur sei erwähnt, daß dieses Material von den zahlreichen Gebirgsbächen und einiger größerer Flüsse, welche in den Nyassa münden, in diesen hineingeführt wird und durch Strömungen, zum Abschluß des ungeheuren Sees, dem Schirefluß, geleitet, hier im ausgedehnten flachen Bette des Malombwe durch wohl unerklärliche Umstände, jedenfalls durch eine zu schwache Strömung in diesem See in letzter Zeit abgelagert wurde.
Man hätte meinen sollen, die weiche Masse unter uns könne die Boote am Fortkommen nicht sonderlich hindern, indes, als wir nach einiger Zeit nur noch zwei Fuß Wasser fanden, mußten wir die Erfahrung machen, daß dieselbe sich am Boden festsetzte, sodaß durch Rudern oder Schieben nicht mehr weiter zukommen war. Stundenlang arbeiteten wir in heißer Sonnengluth mit aller Anstrengung um hindurchzukommen, aber es wollte nicht gehen, auch der Wind, der in diesem Fall unser bester Verbündeter hätte sein können, wehte, als er endlich aufsprang, aus der entgegengesetzten Richtung und, als schließlich um ein Uhr Nachmittags an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war, beorderte der Major die kleineren Boote längsseit, um eine Erleichterung des großen Fahrzeuges vornehmen zu lassen.
Auch dieses Mittel erwies sich als nutzlos, konnten doch die schon schwerbeladenen Boote nur noch wenig aufnehmen, selbst das Kanoe wurde mit Mehlsäcken beladen, um sein Theil zur Erleichterung[S. 182] beizutragen, — aber trotzdem blieb ein erneuerter Versuch eine vergebliche Mühe. Nun erhielten unter meiner Führung die kleineren Boote den Auftrag, nach allen Seiten hin die Wassertiefe zu untersuchen, ob nicht doch noch ein Ausweg zu finden sei; die Behauptung der Lootsen, daß es zu beiden Seiten noch viel flacher wäre, wollte uns nicht recht einleuchten, — doch alles Suchen war Zeitverschwendung, es gab nur die eine Fahrstraße und diese erwies sich für das große Boot als zu flach!
Thatenlos nach so großer Anstrengung hier mitten im See sitzen zu bleiben und vielleicht auf günstigen Wind zu warten, der allein im Stande war, uns aus diesem Dilemna zu befreien, war des Majors Absicht nicht, auch solches geduldige Abwarten seiner Natur entgegen, darum, nun einmal nicht weiter zu kommen war, beschloß er, das große Boot unter Aufsicht von Dr. Bummiller und de la Fremoire sitzen zu lassen und mit den drei kleineren den Versuch zu wagen, ob nicht Land zu erreichen sein werde. Schwer war dieses Unternehmen nicht; sobald einmal der Schlammgürtel hinter uns lag, hatten wir freies Wasser, auch betrug die Distanz bis zum nächsten Ufer höchstens sechs englische Meilen, aber der Umstand, daß wir am östlichen Ufer überhaupt nicht landen durften, war das Mißliche unserer Lage. Die feindlich gesinnte Bevölkerung dieser Gegend, welche sich bisher unter die Botmäßigkeit der Engländer nicht hat stellen wollen, verwehrte jeden Durchzug durch ihr Gebiet und wehrte mit Waffengewalt jedes Unternehmen der Art, sodaß der Malombwe-See nur an der westlichen Seite von Fußgängern umgangen werden konnte. Gewiß waren wir stark genug, einen Angriff abzuschlagen und eine verweigerte Landung zu erzwingen, — doch nur eine zwingende Nothlage hätte einen Kampf, wie solcher wahrscheinlich unausbleiblich gewesen wäre, in den Augen der Herrn Engländer rechtfertigen können; sie hätten sicherlich die Alarmtrommel gerührt und das anmaßende Benehmen der Deutschen, auf ihrem Gebiet Kämpfe zu führen, mit echt englischer Unverfrorenheit gegeißelt.
Alle solche unliebsamen Verwickelungen zu vermeiden, war natürlich des Majors Bestreben, daher auch von vornherein ausgeschlossen, was solche herbeiführen konnte. —
Wie immer, so wurden auch jetzt die gegebenen Befehle prompt und schnell ausgeführt; bald lag das große Boot weit hinter uns und wir folgten jener Richtung, in welcher ich, auf Rekognoszirung ausgesandt, das tiefste Wasser gefunden hatte, wobei ich einen hohen Bergrücken in der Ferne, der die Form eines langgestreckten Sattels hatte, als Richtobjekt im Auge behielt.
Schon nach halbstündigem kräftigen Rudern hatten wir uns durchgearbeitet und vor uns lag ein tiefer, breiter Wassergürtel, der nordwärts, wohin unser Weg lag, kein Hinderniß aufwies, ebenso nach dem Lande zu in gleicher Weise sich ausbreitete, nur,[S. 183] wie es den Anschein hatte, waren dort die Ufer niedrig und flach, sodaß an den meisten Punkten ein Landen wohl mit einigen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre. Mit der Kursänderung, von Ost nach Nord, hatte ich gehofft, würde sich Gelegenheit bieten, eine weite Strecke segeln zu können, aber der frisch wehende Wind änderte seine Richtung nach NNO und durch den schnell aufgewühlten Seegang wurde uns das Fortkommen sehr erschwert. Die kleinen, tiefbeladenen Boote, die im aufgeregten Wasser auf- und niederstampften, konnten bald nicht mehr folgen, — das Kanoe hatte sich schon dem Lande zugewandt und suchte unter dem Schutz des Ufers besser fortzukommen, — da, als die Boote immer mehr Wasser schöpften und ein Sinken nicht unmöglich schien, weil wir dasselbe nicht so schnell ausschöpfen konnten, gab ich dem großen Boote, worauf sich der Major befand, das Nothzeichen, und bald darauf längsseit gekommen, wurden diese nach Möglichkeit entlastet. Auch dem Kanoe, das zu tiefbeladen war, sollte Unterstützung werden, allein, dieses beachtete die abgegebenen Signale nicht, strebte vielmehr nach dem Lande zu, bis der Major des Wartens überdrüssig, die Fahrt fortzusetzen befahl. Leider wußten wir es nicht, daß das Kanoe, als es hinter eine vorspringende Landzunge verschwunden war und im flachen Wasser vorwärts zu kommen versuchte, von den am Ufer sich sammelnden Eingebornen angegriffen wurde, die dieses zwangen, aus dem Bereich der feindlichen Schußwaffen zu bleiben, wodurch es genöthigt wurde, das tiefe Wasser wieder aufzusuchen und hier selbstverständlich gegen Wind und See nur äußerst langsam weiterkommen konnte. Die abgegebenen Nothsignale hatten wir der großen Entfernung wegen nicht gehört, waren daher auch in völliger Unkenntniß von der Gefahr geblieben, welcher sich unser Artist Herr Franke ausgesetzt hatte. Nach vierstündiger mühevoller Fahrt näherten wir uns endlich dem Nordende des Sees und je näher wir der Einmündung des Schire kamen, die wie ein schmaler blauer Wasserstreifen von uns sichtbar wurde, desto ruhiger wurden die bewegten Wellen, sodaß die Boote schneller vorwärts kamen und die ermatteten Leute nicht mehr so angestrengt zu rudern brauchten. Indeß beim Näherkommen bemerkten wir erst die im weiten Kreise vorgelagerten Grasinseln, zwischen denen hindurch zukommen, da sie auf einer vorgelagerten flachen Barre festlagen, uns nicht gelingen wollte. Um das große Boot zu entlasten, wurde jeder Mann in das Wasser geschickt, aber ob wir auch mit aller Anstrengung schoben, selbst den Sand unter dem Boote wegzuschaffen suchten, mißlang es doch. An jeder freien Stelle, wo Aussicht vorhanden schien, noch durchzukommen, wurde der Versuch erneuert, jedoch immer wieder mußten wir zurück. —
Gleich anfangs hatte ich den Auftrag erhalten, die Wassertiefe überall zu untersuchen, aber mir wollte es auch nicht gelingen,[S. 184] irgendwo eine Passage aufzufinden, die tief genug gewesen wäre für das große Boot, bis ich schließlich, innerhalb des weiten Beckens, wo bedeutend tieferes Wasser, so weit nach Westen zu mit einem der kleinen Boote vorgedrungen war, daß ich es kaum noch für möglich hielt, hier einen Ausweg zu finden. Ein abgegebenes Signal hieß mich zum außerhalb der Barre umhersuchenden Boote zurückkehren und deshalb, die weitere Untersuchung aufgebend, glaubte ich schon einen Mißerfolg melden zu müssen, als ich doch noch auf dem Rückwege unter den äußersten Grasinseln einen schmalen Kanal entdeckte, der sich als tief genug auswies, hier das Boot hindurchzubringen. Vorher, als alles Suchen und Mühen vergeblich gewesen war, drängte sich in mir die Ueberzeugung auf, daß der projektirte Bau des Schiffes in Mpimbi an ein solches Hinderniß scheitern müsse, — wie wollten wir wohl das wahrscheinlich noch tiefer gehende Schiff über solche Barre hinwegbringen, da uns doch keine Mittel zu Gebote standen, nöthigenfalls einen Kanal durch diese Barriere graben zu können. Mit der Auffindung einer Fahrrinne schwand nun diese Besorgniß und zum Boote zurückgekehrt, konnte ich die Mittheilung machen, daß ein Ausweg gefunden sei.
Längst schon war hinter dem dicht an den See herantretenden Höhenzug, dessen zerklüftete Gipfel gleich einer starren Felsenmasse kahl in die Lüfte hineinragten, die Sonne verschwunden, ihre letzten Strahlen umspielten mit schwachem Scheine nur noch die höchsten Spitzen, und bald mußte die frühe Nacht hereinbrechen; über uns aber stand schwarzes Gewölk, das am Horizont graugelb gefärbt dem Kundigen den heraufziehenden Sturm anzeigte. — Ueberraschte uns das Unwetter noch auf dem Wasser mußte die Situation höchst ungemüthlich werden, wozu alle Aussicht vorhanden, als wegen der schnell hereinbrechenden Dunkelheit die zahlreichen Untiefen innerhalb der Barre nicht mehr zu erkennen waren und wir alle Augenblick mit dem großen Boot festsaßen. Schließlich aber kamen wir doch hindurch, und uns plötzlich in der tiefen Schiremündung befindend, strebten wir dem rechten Ufer zu, um auf der äußersten, ganz flachen, mit Rohr und Gras bewachsenen Landspitze zu landen. Wohl hätte das gegenüberliegende Ufer unserem Zwecke viel besser entsprochen, weil es bedeutend höher und trockener war, Baum und Strauch auch Schutz geboten hätten, indeß die Vorsicht gebot eine Landung hier zu unterlassen, da es immerhin nicht ausgeschlossen war, daß unter dem Schutze der Dunkelheit von feindlicher Seite ein nächtlicher Ueberfall ins Werk gesetzt werden könnte, der uns freilich nicht überrascht, aber doch eine unliebsame Störung verursacht hätte.
Sofort nach der Landung war die Aufrichtung der Zelte das nächste und Jeder griff zu, die schützende Leinwand am Erdboden mittelst Pflöcke zu befestigen, während Soldaten und Diener unter Aufsicht eines Europäers Kisten und Kasten nach der trockensten[S. 185] Stelle hinschleppten und aufstapelten, denn laut Befehl des Majors sollten alle Boote möglichst schnell entlöscht und zu der am nächsten Morgen beabsichtigten Aktion, dem verlassenen Boote Hilfe zu bringen, bereit gehalten werden. Schneller aber brach das Unwetter über uns herein! Mit dem ersten gewaltigen Windstoß, der die erst halb aufgerichteten Zelte wieder niederriß, stürzte die Regenfluth derartig hernieder, daß wir im Augenblick vollständig durchnäßt waren und gegen den heulenden Wind die flatternde Leinewand zu bergen suchten; auch glich der Erdboden um uns bald einem Teich, es hatte den Anschein, als wäre der Fluß ausgetreten, weil das mit dem Niveau des Flusses fast gleich hoch liegende Land schon vollständig durchtränkt, kein Wasser mehr aufnehmen konnte.
Zu all den Widerwärtigkeiten, welche uns dieser Tag schon gebracht hatte, kam nun noch das Schlimmste, daß wir kein Feuer anzünden noch irgendwie Aussicht hatten, etwas Warmes genießen zu können, denn Brennholz hatten wir nicht und schwerlich war auf dieser öden Landspitze solches zu finden, — trockenes Rohr und Gras zwar hätte schon genügt, aber auch dieses war nun durch den heftigen Regen unbrauchbar gemacht. Endlich, als das Mannschaftszelt wieder aufgerichtet war, neben das des Majors vorläufig das Einzige, und die nothwendigsten Arbeiten beendet waren, konnten wir daran denken, dem knurrenden Magen, der den ganzen Tag gefastet, zu befriedigen; trockene Bisquits zwar und kalte Konserven, wozu ein gespendeter Cognac kam, mußten genügen, aber es war doch wenigstens etwas, um die Lebensgeister wieder anzuregen.
Zum Glück zog mit dem heftigen Wind auch die Regenfluth bald vorüber, — und es konnte nun an die Aufrichtung einer Signallaterne gedacht werden, die dem einsam in dunkler Nacht auf dem weiten See umherirrenden Canoe als Wegweiser dienen sollte, aber ob auch Minutenlang das flackernde Licht im Winde aufblitzte, wollte es doch nicht gelingen, die Laterne brennend zu erhalten, soviel Vorsicht auch dagegen angewendet wurde, — unsere Zeltlaternen waren eben nicht dazu eingerichtet, im Winde zu brennen. Große Besorgniß um das Schicksal der Insassen des Canoes, von denen immer noch kein Lebenszeichen bemerkt werden konnte und die unzweifelhaft vom Sturm und Regen überrascht worden waren, erfüllte Jeden; verschiedentlich patroullirte ich am Seeufer hin und her, in die Nacht und Dunkelheit hinaus horchend, ob nicht ein Ruf oder Schuß zu hören sei, — war es doch kein Kinderspiel, in einem ausgehöhlten Baumstamm ohne jegliche Seitenstützen auf dem wildbewegten See umherzuirren. Und wenn ich meiner Befürchtung hätte Worte leihen sollen, würde ich wenig Hoffnung haben geben können, daß die Vermißten solches Unwetter glücklich überstehen würden, zumal das Canoe mit etwa dreißig Säcke Ugali (Maismehl) beladen worden war, fast unser[S. 186] ganzer Vorrath, auch mußte die Ladung dieses ungelenkig und ungeeignet machen, Sturm und Seegang zu überdauern.
Stunden voll ängstlicher Spannung gingen hin, jedes entfernte Geräusch ließ uns auffahren, wenn aber die ausgestellten Posten befragt wurden, hieß es immer wieder, es ist nichts zu hören, und jeder Rapport, der dem Major abgestattet wurde, mußte verneinend lauten. Hätte ich nicht die Nutzlosigkeit, in dieser rabenschwarzen Nacht mit einem Boote auf den See hinauszufahren, eingesehen, würde ich längst einen Versuch unternommen haben, — aber leider war die Aussicht vorhanden, selbst irre zu fahren, — in welcher Richtung auch sollte ich die schon halb Aufgegebenen suchen. Auch Signalschüsse wurden in Zwischenräumen abgegeben, da wir vergebens bemüht gewesen, Haufen von Rohr zu entzünden, um Leitfeuer am Seeufer aufflammen zu lassen, — alles vergeblich, keine Antwort kam; nur der wieder beginnende Regen war wie ein leises Rauschen vernehmbar, sonst drang kein Ton durch die tiefe Stille zu uns herüber.
Es verursacht ein eigenes peinliches Gefühl, solch' unbestimmtes Warten — zumal, wenn man mit dem Tode, als einen Faktor zu rechnen hat, der einmal da ist und sich durch keine findige Klügelei aus der Lebensrechnnng wegstreichen läßt, und in diesem Falle stand ein Gefährte zwischen den Faktoren Leben und Tod — nach welcher Seite hatte das Zünglein der Wage sich geneigt? Das war eine stumme Frage an das Schicksal, die die nächste Stunde beantworten mußte; denn entweder bald oder niemals sahen wir die Vermißten wieder. So floh die flüchtige Zeit dahin — im ängstlichen Harren für uns eine Qual — für die draußen auf dem weiten See mit der tiefen Dunkelheit noch Kämpfenden eine Ewigkeit....
Wie eine Erlösung klang endlich der Ruf des äußersten Postens »es seien drei Schüsse gefallen« zu uns herüber, und zum Ufer eilend, horchten wir in die Nacht hinaus, konnten aber nichts mehr vernehmen; hätte der Posten nicht so fest an seine Behauptung gehalten, wir würden geneigt gewesen sein, es als eine Täuschung anzusehen, die aber hinfällig werden mußte, wenn man in Betracht zog, daß das Gehör eines Schwarzen, der Posten war ein Zuluneger, viel feiner ausgebildet ist als das unsrige, wenigstens durch ein freies Leben in der Natur die schwachen Laute viel besser unterscheiden konnte wie wir. Zweifellos mußte der Mann etwas vernommen haben, das nur als ein Nothsignal aufzufassen war, und von unserer Seite nun drei Schüsse abfeuernd, war es nach einiger Zeit wieder derselbe Posten, der eine Antwort vernommen haben wollte; während andere nur ein sehr schwaches Geräusch wie aus weiter Ferne gehört hatten.
Zunächst nun wurde nochmals der Versuch gemacht, an unserer längsten Stange die Laterne wieder aufzurichten, hatten[S. 187] auch die Genugthuung, wenigstens eine Zeitlang dieselbe brennen zu sehen, obgleich das stark flackernde Licht blos einen unsicheren Schein abgab — wir thaten wenigstens, was wir thun konnten, um den Verirrten einen Anhaltepunkt zu geben, wohin sie, wenn überhaupt das schwache Licht sichtbar für sie sein sollte, ihr Fahrzeug lenken konnten.
Das unthätige zweifelhafte Warten wollte mir nicht recht in den Sinn und trotzdem ich nicht gewußt, wohin in solcher Dunkelheit ich mein Boot hätte lenken sollen, kam doch immer wieder das innere Drängen, hinausfahren zu müssen und sei es aufs Geradewohl; auch konnte ich mir es wohl am besten vorstellen, in welcher Verfassung sich die fünf Menschenkinder befinden mußten, waren es doch bereits fünfzehn Stunden, daß sie in solcher engen Nußschale Sonne, Sturm und Regen ausgesetzt gewesen.
Einmal entschlossen, Hilfe zu bringen, wenn es mir gelingen sollte das Canoe aufzufinden, hatte ich die Erlaubniß dazu vom Major einzuholen; eine solche wurde mir auch sofort gegeben mit der Bemerkung: Sie wollen wirklich in dieser Nacht hinaus, — nun das ist recht, — aber vor allen Dingen seien Sie vorsichtig.
Mit dem Boote, mit welchem ich die Fahrt unternehmen wollte, hatte es übrigens keine Noth; mit Luftkästen versehen, konnte ich in demselben jedem Unwetter trotzen. In der Voraussicht, daß die gewaltigen Seen Inner-Afrikas nicht die ruhigen Wasserflächen sind, wie sie nach Ansicht von Laien aufgefaßt werden, hatte ich neben der Zerlegbarkeit auf die Sicherheit der Schiffsboote bei der Herstellung derselben Bedacht genommen, und deshalb alle drei so konstruiren lassen, daß eine Gefahr des Untersinkens bei gewöhnlicher Belastung so lange ausgeschlossen war, als die luftdichten Behälter intakt blieben.
Da wie immer bei dieser Expedition alles bereit war, bedurfte es nur eines Kommandos und in wenigen Minuten schon schwamm ich auf der dunklen Fluth. Meine Aufgabe war es ja, speziell den Wasserverhältnissen des Schireflusses genaueste Beachtung zu schenken, deshalb bei der schwierigen Durchfahrt am Abend, hatte ich mir verschiedene Objekte, als festliegende Grasinseln, zwischen denen ich die tiefste Wasserrinne wieder aufzufinden im Stande sein würde, genau bemerkt. Demnach suchte ich auch in dieser Dunkelheit mich darnach zu orientiren, wobei die Falkenaugen der Bacharias, von denen ich fünf Mann mitgenommen hatte, mir wesentliche Dienste leisteten. Ich war bestrebt nach Süden zu die Barre mit dem Boot zu passiren, indem ich nach dieser Richtung hin am ersten das Canoe zu finden vermeinte, allein ein gefallener Schuß, der hier auf dem freien Wasser deutlich vernommen wurde und ganz von der rechten Seite, also westwärts, herübertönte, ließ mich diese Absicht aufgeben, obgleich es mir nicht recht einleuchten wollte, wie das Canoe soweit nach jener Richtung[S. 188] hin hätte fahren können; es war demnach an der Barre vorbei dem hohen Gebirgszug, der die westliche Seite des Sees begrenzte, zugesteuert. Zweifeln konnte ich aber nicht, denn der leichte Wind, der von den Bergen herüberwehte, hatte mir den scharfen Knall eines Mausergewehres zugetragen, ich wußte mithin, daß nach jener Seite das Canoe oder wenigstens die Vermißten zu suchen seien.
Anfänglich noch schimmerte das Laternensignal durch die Nacht und ich konnte an der geschätzten Entfernung ermessen, wie weit das Boot ungefähr vom Lande entfernt sei, hatte an dieses, da vom flachen Lande absolut nichts zu sehen war, wenigstens einen Anhalt, der es mir ermöglichte, annähernd die Richtung einzuhalten. Plötzlich verschwand aber auch dieses Licht, und, da kein Stern durch das tiefschwarze Gewölk zu dringen vermochte, mußte ich so gut es eben gehen wollte, das Boot zwischen den Untiefen hindurchzuführen suchen. Endlich, ins tiefere Wasser gelangt, gab ich drei Signalschüsse ab, um mich, wenn solche beantwortet würden, über die nun einzuschlagende Richtung zu orientiren, ehe ich mich auf die weite Wasserfläche hinauswagte. Es verging eine ganze Zeit bis das Signal beantwortet wurde, und darauf kräftig die Ruder gebrauchend, flog das Boot durch die Nacht über die dunklen Fluthen hin. In kürzeren Zwischenräumen feuerte ich immer wieder mein Gewehr ab, doch keine Antwort erfolgte mehr, sodaß ich annehmen mußte, Franke habe schon seine letzte Patrone vergossen. Auch als kein Ruf vernommen wurde, wenn ich zuweilen die Leute mit dem Rudern aufhören ließ, schien es mir schließlich das Beste, ruhig zu warten; denn, ist das Canoe noch aktionsfähig, würden die Insassen jedenfalls versuchen, von den Signalschüssen geleitet, das ihnen zu Hilfe gekommene Boot zu erreichen.
Ich hatte mich in dieser Voraussicht auch nicht getäuscht; zwar währte es noch eine beträchtliche Zeit, ehe wir Rufe vernahmen und von diesen geleitet das Boot dahin lenken konnten, woher das Canoe langsam sich zu nähern schien, doch hatte ich aber die Genugthuung, nicht vergeblich in die Nacht hinausgefahren zu sein. Wenigstens konnte ich den wohl aufs äußerste Erschöpften die erste Unterstützung leisten.
Und endlich lagen bald darauf Boot und Canoe Bord an Bord, worauf dann unverzüglich, so schnell es in der Dunkelheit eben gehen wollte, sämmtliche Lasten, die in dem Canoe noch vorhanden und zum Theil halb verdorben waren, in das Boot übergenommen wurden, und dieses so erleichtert, hatte uns zu folgen. Während der Rückfahrt konnte ich aus der Erzählung des Herrn Franke entnehmen, daß er alle Phasen einer solchen Irrfahrt Kampf, Sturm und vermutheten Untergang hat durchkosten müssen. Er hatte auch unsere Signalschüsse, deren Echo vom Winde getragen über den See verhallte, vernommen, jedoch aus keiner bestimmten[S. 189] Richtung, und daher sei es gekommen, daß das Canoe dem hohen festen Lande zugelenkt wurde, bis er dadurch wieder irre wurde, als hinter ihm deutlich vernehmbar plötzlich Schüsse abgegeben wurden. Dann, fast schon an eine Rettung zweifelnd, da das Canoe immer tiefer sank und sich mit Wasser füllte, welches er nicht allein mit seiner Mütze auszuschöpfen im Stande war, sei es ihm wie eine Erleichterung gewesen, als er durch die immer näher kommenden Signale die Ueberzeugung gewann, ein Boot sei ausgesandt worden, um ihn zu suchen. — Gewiß nicht beneidendenswerth ist die Situation gewesen, in welcher er sich seit der Stunde befunden, als wir ihn aus den Augen verloren hatten und konnte von großem Glück sagen, daß das Unwetter so schnell vorüberzog und der Wind das Canoe nicht weit auf den erregten See hinausgetrieben hatte, wo in solcher Nacht jede Aussicht auf Hilfe schwinden mußte.
Sobald wir uns der Barre wieder genähert und flacheres Wasser fanden, saßen wir mit dem Boote bald auf Grund und es wollte nicht glücken, von den Untiefen freizukommen; durch Stromversetzung höchst wahrscheinlich, waren wir auf die südlichen Bänke gerathen. Eine ganze Zeit währte es, ehe ich darüber im Klaren war, wo wir uns eigentlich befanden, bis das Hin- und Hersuchen uns schließlich den tiefen Strom ausfinden ließ und wir glücklich, nachdem noch ein Regenschauer die letzte Strecke höchst ungemüthlich gemacht hatte, zu Lande kamen. Hier war es inzwischen doch gelungen, ein spärliches Feuer im Zelte zu unterhalten und nach abgestatteter Meldung beim Major von Wißmann erwartete uns ein warmer Trunk, wobei nun die Tagesereignisse im kleinen Kreise noch erörtert wurden, ehe alle zur kurzen Rast sich zur Ruhe legten, um im festen Schlummer sich zur neuen Anstrengung zu stärken. Der Befehl, daß am nächsten Morgen das Sektionsboot und das von mir bei der nächtlichen Fahrt benutzte Boot zur Abfahrt bereit liegen sollten, wurde, als der Trompeter die Schläfer weckte, schleunigst ausgeführt, sodaß, als der Major zur Abfahrt bereit, die Boote segelfertig bereit lagen. Neben der Mannschaft sollte ich allein den Major auf dieser Fahrt nach dem verlassenen Boote begleiten, das am vorigen Tage mit seiner ganzen Besatzung von einigen vierzig Mann hatte im Schlamm zurückgelassen werden müssen, und das nun durch Entlöschen aus seiner Lage mitten im See befreit werden sollte. Trübe, nicht wie sonst vom freundlichen Sonnenstrahl erhellt, war der Morgen angebrochen, das schwere Gewölk hing noch immer düster drohend über uns; die endlosen Wolkenscharen ballten sich Unheil verkündend, zusammen, und jene gelbliche Färbung derselben im Norden war wieder das Zeichen, daß der Sturm heraufgezogen kam, vor dessen Hauch die Dunstgebilde in die Höhe umherflohen. Ein Warnungszeichen war uns hierdurch gegeben, — jedoch mit unseren guten Booten jedem Unwetter[S. 190] Trotz bietend, erachteten wir es als einen besonders günstigen Umstand, vor dem Winde laufen zu können und desto schneller unser Ziel zu erreichen; deshalb traten wir auch ohne Bedenken die weite Reise an, obgleich der mit dem Sturm zugleich niederprasselnde Regen uns keine angenehme Fahrt bereiten würde.
Sobald die Barre passirt war, setzten wir Segel und vor dem immer stärker wehenden Wind flog das Boot mit dem kleineren im Schlepptau über die schwarzen schnellerregten Wogen hin. Bald war der breite und tiefe Wassergürtel, der das mächtige Schlammmeer umfaßte, durchquert, und wir konnten dann auf der gelblich schmutzigen Masse den Weg genau verfolgen, den wir gekommen waren. Es lag in des Majors Absicht, den geraden Weg zu nehmen, indem wir voraussetzten, daß der Schlamm für die leeren Boote kein sonderliches Hinderniß sein würde; demnach lenkte ich das Boot jener Richtung zu, in welcher das große Fahrzeug liegen mußte, hoffend, daß es gelingen, und wir Wasser genug unter dem Boote behalten würden, um dieses manövrirfähig zu erhalten.
Bald wuchs der schon starke Wind zum Sturm, die Luft ebenso gelb wie die aufgewühlten Wasser unter uns, dazu der niederströmende Regen machte es unmöglich, auch nur wenige Meter voraus oder um uns irgend etwas zu unterscheiden; eingehüllt von einem undurchdringlichen Schleier waren wir völlig den rasenden Elementen preisgegeben. Vor dichtgerefften Segeln raste das Boot durch die Fluthen, — trotzdem aber war die geführte Leinewand noch zu viel, da die Masten den gewaltigen Druck des wilden entfesselten Sturmes nicht auszuhalten vermochten, und mit Mühe nur konnten wir diese bergen, sodaß, so zu sagen vor Topp und Takel laufend, die Gewalt des Sturmes allein auf die Fahrt des Bootes ihren Einfluß ausübte. Die Schnelligkeit des Bootes wurde naturgemäß dadurch vermindert, und wir erkannten nun, da dieses nicht mehr mit Allgewalt durch den Schlamm vorwärts getrieben wurde, daß wir kaum noch einen halben Fuß Wasser hatten; in der weichen Masse mußte das Boot sitzen bleiben, wenn der Wind so plötzlich wie er gekommen, auch wieder aufhörte, denn sehr weit waren wir vorgedrungen, und rings um uns nur das gelbliche vom Sturm aufgewühlte Gewässer. Bekannt mit diesen gewaltigen Gewitterböen, deren Kraft schnell erlahmt sobald der Hauptstoß vorübergezogen, fürchtete ich sehr, daß die gewöhnlich nachfolgende Stille uns in einer der peinlichsten Situationen finden würde, aus der wir uns, selbst mit Hilfe des kleineren Bootes nicht zu retten vermochten, wenn der Wind uns nun im Stiche ließ; auf die Frage des Majors »was fangen wir nun an, um hier wieder herauszukommen und das freie Wasser zu gewinnen!« konnte ich nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Wind lange genug anhalten möge und seine Kraft uns aus[S. 191] dieser bedenklichen Lage befreien möchte. In dem Augenblick als die Gefahr erkannt worden war, wurde das Boot auch sofort nach links soweit aus seinem bisherigen Kurse abgelenkt, daß dieses vom Sturm nun mehr seitwärts gefaßt, unter der zulässigen Segellast schneller wieder durch den Schlamm fortgetrieben wurde. Mit der abnehmenden Stärke des Windes wurde immer mehr Segeltuch gesetzt, soviel, als das Boot irgend nur tragen konnte und dadurch dessen Geschwindigkeit gesteigert, die jedoch im Verhältniß zur anfänglichen nur sehr gering war, weil die Schlammmassen zu großen Widerstand entgegensetzen. Immer näher an den Wind je schwächer dieser wurde steuerte ich das Boot so, daß dessen Bug schließlich ganz dem Lande zugekehrt war, welches uns die mittlerweile darüber hinweggefegte Dunstmasse wieder erkennen ließ, und konnten nach kurzer Zeit die erfreuliche Beobachtung machen, daß wir auf etwas tieferes Wasser gekommen waren. Mit Hilfe der Ruder, an denen die Mannschaft mit allen Kräften arbeitete, wurde die allmählig erlahmende Kraft des Windes einigermaßen ersetzt und wir hatten denn alsbald die Freude, das tiefere Wasser von der graugelben Masse, in der wir so weit und so lange umhergesegelt, unterscheiden zu können.
Schnell beruhigt waren die Fluthen, nachdem die überaus heftige Gewitterböe vorübergezogen, auch die durch das düstere Gewölk siegreich durchdringende Sonne ließ ihr Silberlicht auf die kräuselnden Wogen tanzen; das Boot aber glitt unter den taktmäßigen Ruderschlägen über diese hin, dem noch entfernten Ziel entgegen.
Nach zweistündiger Fahrt, etwa gegen 8-1/2 Uhr morgens, hatten wir, begünstigt durch wieder aufspringenden Wind endlich das Boot erreicht und fanden die Besatzung dabei, die Spuren zu verwischen, welche der über dasselbe hingefegte Sturm zurückgelassen hatte. Hatten wir im Lager schon eine ungemüthliche Nacht gehabt, so war dieselbe für die Insassen des Bootes, die auf den engsten Raum beschränkt den Unbillen der Witterung völlig ausgesetzt gewesen, gewiß nicht minder unangenehm verlaufen, aber ungeachtet dessen wurde die Entlöschung sofort vorgenommen und bereits nach Verlauf einer Stunde konnte die Rückfahrt angetreten werden. Die Führung des größten Bootes, das trotz der bedeutender Erleichterung noch halb beladen geblieben und deshalb schwerfällig war, hatte ich zu übernehmen, während Major von Wißmann das zweite führte, und unter diesen Umständen auch schneller vorwärts kommen konnte als ich. Vergebens sehnten wir einen auffrischenden Wind herbei, der uns die Arbeit erleichtert und auch die niederglühenden Sonnenstrahlen etwas gemildert hätte, aber erst nach fünfstündigem unausgesetzten Rudern kamen wir zur Barre. Häufig genug noch saßen wir in der schmalen Durchfahrt fest und mußten die Leute in das Wasser schicken, um[S. 192] das Boot zu erleichtern, bis wir schließlich nach drei Uhr Nachmittags den Lagerplatz wieder erreichten.
Da die Weiterfahrt auf den nächsten Morgen in aller Frühe festgesetzt worden war, gab es nun Arbeit vollauf, doch ehe die Nacht hereinbrach, war auch diese beendet, und beim Scheine der Lagerfeuer, wozu von einer bewaffneten Abtheilung, von den nächsten Hügeln an der anderen Seite des Flusses das Material inzwischen herbeigeschafft worden war, konnten wir uns eines herrlichen Abends und einer friedevollen Nacht erfreuen.
Wie erwähnt, war die Stelle wo wir unser Lager aufgeschlagen hatten, nur wenig höher gelegen, als das Niveau des Wasserspiegels, und dieselbe Beschaffenheit zeigte mit wenigen Erhöhungen auch das ganze umliegende Terrain, das dicht mit hohem Rohr und Gras bewachsen, aus einer allmählichen Anschwemmung entstanden war. Diese weite Fläche nun, mußte, sobald der Schirefluß im Steigen begriffen war, zu gewissen Zeiten fast ganz unter Wasser gesetzt sein, was der Fall, wenn die ungeheure Wasserfläche des Nyassa-Sees plötzlich durch große Regenmassen, welche aus den diesen See umgebenden Gebirgszügen zuströmten, um ein weniges erhöht wurde. Zwar steht das Steigen des Flusses hier, gegen seinen Unterlauf, wo er oft bis 10 Fuß Höhe sich anstaut, in gar keinem Verhältniß; einen Fuß oder noch etwas mehr über den gewöhnlichen Wasserstand, ist hier schon ein hoher zu nennen, und einzig davon abhängig, ob dem See während der Regenzeit große Wassermassen zugeführt werden oder nicht. Diese zeitweiligen Ueberschwemmungen machen das erwähnte Terrain für eine Ansiedelung völlig ungeeignet, obgleich der Boden als ertragreich bezeichnet werden kann, denn dessen Zusammensetzung aus Thon, Sand und Erde versprechen mancher Kulturpflanze ein gedeihliches Fortkommen. Aber der Eingeborne braucht ja nicht zu kargen, er hat Land im Ueberfluß und aus diesem Grunde wohl war in weiter Runde von einer menschlichen Ansiedelung auch nichts zu sehen. Desto reicher war diese Niederung von Wasservögeln bevölkert, wenn hier auch nicht so zahlreich und vielartig vertreten, wie auf den Bänken des unteren Zambesiflusses, so konnten doch neben dem schwerfälligen Pelikan, verschiedene Reiherarten, wilde Enten und Gänse etc. bemerkt werden, die in ungestörter Ruhe hier ein beschauliches Leben führten.
Das Gesammtbild der weiten Umgebung trägt den Charakter der Urwildniß mit dem Unterschied nur, daß rechts und links die Gebirgszüge den im Sonnenlicht blitzenden Malombwe-See umziehen; nach Norden hin streben die Felsenmassen höher und kompakter auf, die somit einen anderen Eindruck hervorbringen, als wenn einzig die üppige Vegetation dieser Scenerie ihren Stempel aufgedrückt hätte.
Zur festgesetzten Stunde, am 5. Januar, sagten wir dem[S. 193] Malombwe-See Valet; die nächste Krümmung des Flusses benahm bald die freundliche Aussicht auf diesen und zwischen den Ufern des tiefen Stromes hinziehend, die zur Rechten höher und stark bewaldet sind, wurde manchem Krokodil, das zu spät erwacht oder durch unsere Annäherung sich nicht hatte stören lassen, die tödtliche Kugel zugeschickt. Längere Zeit blieb das Ufer zur Linken so niedrig, wie es am See gewesen, auch dieselbe Eintönigkeit blieb vorherrschend, bis mit einem Male, als wir die Mündung eines Nebenflusses des Schire passirten, der stark strömend, sich in diesen ergoß, die Gestaltung der Ufer eine ganz andere Form bekam, denn fortan blieb dieses steil und hoch, oft 15-20 Fuß, sodaß jeder Einblick in das hinterliegende Gelände benommen wurde.
Die Gewißheit an diesem Tage noch Fort Johnston erreichen zu können, aber über die eigentliche Entfernung im Zweifel, hielten wir bei jeder Biegung des Flusses scharfe Ausschau, ob über Busch und Bäumen nicht irgend etwas zu entdecken sei.
Gegen elf Uhr Morgens, querab vom Dorfe Towowo, glaubte ich wider Erwarten die englische Flagge voraus zu erkennen und als etwas später auch die Masten des Dampfers »Domira« über die Büsche zu erkennen waren, wußten wir, daß das Endziel dieser langen beschwerlichen Reise nun nicht mehr allzu weit entfernt sei. Bald tauchten, als auch Busch und Wald zurücktraten, rechts von uns eine weite Grasebene freie Umschau gestattete, die langgestreckten Bauten der Garnisongebäude auf, denselben gegenüber aber viel hundert Hütten der Eingebornen, sodaß beide Ufer aus der Ferne gesehen, wie ein einziges mächtiges Dorf sich ausnahmen, über welches vom Fort Johnston die buntgestreifte englische Flagge zu wehen schien. Näher und näher gekommen, zu guterletzt noch von einem günstigen Wind getrieben, landeten wir endlich am Fuße dieser kleinen Festung; wonach wir aber vergeblich Ausschau gehalten — uns am Anblick des gewaltigen Nyassa-See zu erfreuen, das sollte uns vorläufig verwehrt bleiben. —
Fort Johnston, unter dessen Wällen Major Wißmann vom Kommandanten Kapitän Johnston, einigen Zivilpersonen, unter denen vornehmlich Mr. Nikol, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf und einer militärischen Ehrenwache empfangen wurde, entsprach bei Weitem nicht der Vorsetzung, welche wir uns von einer so isolirt liegenden Festung gemacht hatten, wenigstens konnte es dem Beobachter erscheinen, als mußten diese niedrigen Sandwälle, nur von einem nicht tiefen, etwa sechs Fuß breiten Graben getrennt, von einem energischen Feind im ersten Anlauf genommen werden[S. 194] können. Aber so beschränkt auch der Raum, der geringen Zahl der Besatzung angemessen, mußte doch dieser Vorposten der englischen Macht, inmitten einer unruhigen und zweifellos feindlich gesinnten Bevölkerung den Anforderungen genügen, da bisher jeder Ansturm abgeschlagen werden konnte und die Feinde sich solche Lektionen geholt hatten, daß sie es nicht mehr wagten, gegen die Verderben speienden Wälle vorzugehen.
Eine günstige Lage hat dieses Fort insofern, als es, am Ufer des Flusses erbaut, die weite Ebene, nur hin und wieder von einigen Gebüschen bestanden, beherrschen kann, also ungesehen ein zahlreicher Feind sich nicht nähern könnte, was aber besonders beachtenswerth, ist das hohe, aus den faserigen Stämmen der Fächerpalme erbaute Gerüst, von welchem aus der Wachtposten im Stande ist, die Ankunft eines jeden Bootes, sowie eines jeden Dampfers auf dem Nyassa-See zu bemerken, nebenbei kann ihm in der Ebene keine auffallende Bewegung entgehen. Ein Maximgeschütz ist auf diesem Wartthurm aufgestellt und würde einer feindlichen Kolonne jedenfalls einen recht warmen Empfang bereiten. Unmittelbar am anderen Ufer, unter den Kanonen des Fort und beherrscht von der so hoch postirten Kugelspritze, liegt das gewaltige Dorf Mponda, dessen Einwohner, etwa 20000 an Zahl, die größte Bevölkerung ausmachten, die wir auf unserem weiten Wege, an einem Orte zusammengedrängt, angetroffen haben.
Nicht immer so friedlich, wie zur Zeit unserer Ankunft haben sich die Bewohner dieses Dorfes verhalten, denn die jeder Zeit 5000 kampfbereiten Krieger sind eine Macht, mit der die vordringenden Engländer zu rechnen hatten; erst allmählich konnten sie Herr einer Bewegung werden, die mit allen Kräften sich gegen die aufgenöthigte Protektion sträubte und die unwillkommenen Eindringlinge aus dem Lande zu jagen versuchte. Anlaß zu verschiedenen Empörungen gab auch die Eintreibung der ausgeschriebenen Steuern, die jedesmal niedergeschlagen, den Eingebornen Freiheit, Rechte und Besitz gekostet hat, und heute ruht die Verwaltung und Gerichtsbarkeit in den Händen der Engländer.
Anders hingegen verhält es sich mit den Volksstämmen hinter Fort Johnston, die sich in die schwer zugänglichen Gebirge zurückgezogen haben, hier hat englischer Einfluß und Macht ein Ende gefunden, denn die noch unbezwungenen Stämme haben sich ihre Freiheit bewahrt, benutzen aber jede Gelegenheit, durch kleine Einfälle die Garnison in Aufregung zu erhalten. Einen Unterschied zu machen sind sie freilich wenig fähig, denn es gilt ihnen gleich, gegen wen sie die Angriffe richten; den Unterschied der Nationalitäten vermögen sie nicht zu fassen, der weiße Mann ist ihr Feind und wo sie diesem Schaden zufügen können, versuchen sie es. So waren auch später bei Anlegung der deutschen Station »Port Maguire«, die ersten Ankömmlinge gezwungen, solche Ueberfälle[S. 195] blutig zurückzuweisen, ehe sie vor den umherstreifenden Banden endlich Ruhe fanden.
Das kameradschaftlich-freundliche Entgegenkommen des Kommandanten Kapitän Johnston gegen Major v. Wißmann und Dr. Bumiller erleichterte nicht unwesentlich unsere Aufgabe; dazu konnte es auch als ein glücklicher Umstand betrachtet werden, daß wir zur rechten Zeit hier eintrafen, um mit der Unterstützung des englischen Dampfers »Domira« die Reise nach dem Norden des Nyassa-Sees fortsetzen zu können. Die anfängliche Absicht des Majors, die Reise mit den offenen schwerbeladenen Booten zu unternehmen, kam zum Glück durch das Entgegenkommen des Führers dieses Schiffes nicht zur Ausführung, denn gänzlich unbekannt mit diesem unruhigen, zu Zeiten gefährlichen Gewässer, würde es eine unglaubliche Leistung gewesen sein, die Boote zum Ziele zu bringen; viel eher würden diese durch die Wogen an den felsigen Küsten zerschellt worden sein und die Vorexpedition hätte aufgegeben werden müssen oder ihren Untergang gefunden.
Einmal nun entschlossen mit Hilfe der Domira die Reise fortzusetzen, wurden die dahinziehenden Anordnungen des Majors schleunigst ausgeführt, und der nächste Tag fand Europäer und Soldaten in vollster Thätigkeit, die nothwendigen Vorkehrungen zur schleunigen Abreise zu treffen.
Viele fleißige Hände regten sich, die Einschiffung der Geschütze, Munition und sonstige Bestände der Expedition auszuführen, der Befehl, daß am Nachmittage des 6. Januar alles beendet sein mußte, gestattete auch kein langes Besinnen. Eine Revue, verbunden mit einer militärischen Uebung, über die gesammte Streitmacht, welche der Major noch abnahm, zeigte, daß unsere Soldaten noch nichts von der Exaktheit im Dienst verloren hatten, und im Vergleich zu den englischen Soldaten, angeworbenen Makua-Leuten, in jeder Weise diesen überlegen waren. Die strenge Disziplin, der Drill, welcher den Leuten beigebracht worden, erweckten die Ueberzeugung, daß in jeder Lage auf eine solche Truppe unbedingter Verlaß ist, was sie später in so manchem heißen Kampf bewiesen, — eine Söldnertruppe zwar, bluteten und starben sie, und ließen niemals ihre Führer oder die deutsche Fahne im Stich. Wie viele ihrer auch die kühle Erde im Herzen Afrikas decken sollten, immer waren sie bereit, ihrem Führer willig zu folgen, und keine Noth, Gefahr noch Entbehrung konnte sie in der Ausübung ihrer Pflicht wankend machen.
Klar und schön, nach einer stürmischen Gewitternacht, brach der Morgen des 7. Januar 1893 an, mit dem ersten Strahlengruß der über die Berge emporsteigenden Sonne schmetterten auch die Trompetensignale, alle mahnend, daß die Stunde gekommen, in welcher die schwankenden Planken des Schiffes betreten und von diesem in die weite Ferne einem unbestimmten Schicksal entgegengeführt[S. 196] werden sollten. Kompagnieweise ging die Einschiffung der Soldaten mit unsern Booten gemäß der Bestimmung vor sich; um zehn Uhr war alles beendet, zum letzten Abschied schüttelten sich brave Deutsche und Engländer die Hände, unter einem brausenden Hurrah stießen darauf die Boote ab und wandten sich dem seeklar liegenden Schiffe zu.
Allein am Ufer zurückgeblieben, mit mir nur unser Artist Herr Franke, dessen Hoffnung, die Expedition begleiten zu können, vereitelt worden war, wurde in mir nicht minder der Wunsch lebendig, das Schicksal jener Kameraden theilen zu können, die jetzt wohlgemuth über die glitzernden Wogen hinzogen und bald auf den Fluthen des Nyassa-Sees die Herrlichkeiten einer unbekannten Ferne schauen durften. Aber die ernste Pflicht war ein strenger Mahner, und zurück mußte ich, das mir anvertraute große Werk zu beginnen und auszuführen, um dessen Willen diese ganze gewaltige Expedition begonnen und ins Werk gesetzt worden war. Lange im Zweifel, ob ich über die Tiefenverhältnisse des oberen Schire, auf welchem der Dampfer später bis zum See geführt werden mußte, mit voller Ueberzeugung ein günstiges Urtheil abgeben könnte, da ich für diese Ueberführung ungeheure Schwierigkeiten voraussah, entschloß ich mich, doch die Möglichkeit dafür einzuräumen, schon aus dem Grunde, als eine entgegengesetzte Ansicht beim Major wenig Anklang gefunden hätte, ich auch nicht zum zweiten Male hören mochte, daß es »keine große Aufgabe und kein Kunststück sei, das Werk auszuführen, wenn wir alles fänden wie wir es wünschten!« Nun aber die Entscheidung gefallen, der Auftrag, den Dampfer in Mpimbi zu erbauen, mir als Befehl mitgetheilt worden war, mußten gehegte Bedenken schwinden; für die glückliche Ausführung hatte ich fortan die Verantwortung zu tragen und sollte bald beweisen, daß für mich kein Hinderniß zu groß, keine Mühe zu schwer, um das auf mein Können gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.
Bis die Mastspitzen des Schiffes hinter Busch und Baum den Blicken entschwunden, solange schauten wir in ernste Gedanken versunken diesem nach, dann trat die Pflicht in ihre Rechte und mit der Wirklichkeit uns abfindend, beschlossen wir zwei nun ebenfalls unsere Abreise zu beschleunigen. Den freundlichen Vorschlag des Mr. Nikol, uns mit einem Boote flußabwärts senden zu wollen, wenn wir uns zwei Tage gedulden wollten, schlug ich aus und wollte, wenn ein Boot nicht zu bekommen sei, lieber mit einem größeren Kanoe unverzüglich die Reise antreten, als unthätig hier zu warten, auch konnte mit solchem leichten obschon unsicheren Fahrzeug der Weg bedeutend schneller zurückgelegt werden.
Nach kurzer Zeit lag denn auch, auf Anordnung des freundlichen Engländers, ein Kanoe mit fünf Mpondaleuten bemannt zu unserer Verfügung, und während ich im store (Magazin des Fort's)[S. 197] noch Einiges, als Kochgeschirr und namentlich Streichhölzer zu kaufen suchte, besorgte Herr Franke das Einladen unserer Effekten. Unserm Bedarf entsprechend, konnte ich auch einen passenden Topf auftreiben, aber von Zündhölzern war auch nicht eines zu bekommen, vielmehr bot der Manager (Verwalter) für eine einzige Schachtel den enormen Preis von 3 Penni = 28 Pfennigen, wenn aus den Beständen der Expedition ihm solche würden abgelassen worden sein, und unter 6 Penni = 50 Pfennig würde er im glücklichen Besitz von einer Anzahl Schachteln keine wieder verkaufen. So abgebrannt wie die Engländer waren wir zwar noch nicht, wir wollten unsern geringen Vorrath nur etwas ergänzen, aber deshalb auch außer Stande den großen momentanen Mangel an Zündwaare abzuhelfen.
Ehe ich mich den Ereignissen wieder zuwende, welche uns auf der Rückfahrt nach Mpimbi entgegentraten, will ich zur Erläuterung erst etwas über die militärische Expedition des Majors von Wißmann anführen, eine Ergänzung aber gelegentlich später, als ich über deren Verlauf besser orientirt war, folgen lassen.
Zuerst wurde in Monkeybai, nahe der nördlichen Spitze der Halbinsel Levingstonia, dem besten Hafen am ganzen See, geankert. Dieser Hafen von mächtigen Felsenmassen eingefaßt und durch vorgelagerte Granitinseln geschützt, ist abgesehen von seiner guten Lage der einzige Punkt im Süden, wo eine größere Menge Brennmaterial für die Schiffe erhältlich ist, und deshalb ein Anlaufen hier nothwendig, weil auf eine Strecke von über 150 Seemeilen keine weitere Holzstation angelegt werden konnte. Von hier über das Vorgebirge Kap Maclair hinaus, in nordnordwestlicher Richtung, erscheint von diesem etwa 30 Seemeilen entfernt, der isolirte Bergkegel Rifu, dessen mächtige Felsenmassen die flache und offene Leopardbai abschließen.
Die Boote im Schlepptau, die nothwendiger Weise stark bemannt wurden, weil es an Deck des Dampfers für so viele Menschen an Raum gebrach, war bis hierher die Reise gut verlaufen, denn die Winde, in dieser Jahreszeit unbeständig, wühlen den See seltener auf, wodurch dieser in seiner erhabenen Ruhe wie ein ungetrübtes klares Gewässer erscheint, das den Anschein erweckt, als würden diese Fluthen niemals vom Winde erregt im wilden Tanze umhergeworfen und gefährlich werden können. Hinter diesem hohen Bergkegel — Kap Rifu — tritt das flache Land, umkränzt nur von niedrigen Hügeln weit zurück und hinter Busch und Baum verborgen, vom See aus schwer zugänglich, liegt hier das Dorf Katuru, von welchem aus nach dem anderen Ufer des Sees, dem Orte Losefa, im Lande Makangilas, eine arabische Fähre mittelst Dhaus unterhalten wird, hauptsächlich zum Zwecke im Dorfe Katuru angekommene Sklavenkarawanen über den See zu führen.
Dem Major war es bekannt, daß sämmtliche arabische Fahrzeuge auf dem Nyassa-See allein nur dem Zwecke dienen, die aus dem[S. 198] fernen Innern Afrikas herangeschleppten armen Sklaven meistens in das portugiesische Gebiet überzuführen, von wo sie dann weiter bis zur Küste des indischen Ozeans gebracht werden, deshalb griff er, als unvermuthet eine solche Sklavendhau hinter Kap Rifu in Sicht kam, sofort ein und nahm die Verfolgung mit seinem großen Boote, in dessen Bug wir noch in Fort Johnston eine kleine Schnellfeuerkanone angebracht hatten, auf. Die Besatzung dieser Dhau, unter Land von Windstille befallen, suchte mit allen Kräften noch zu entrinnen und ihr leichtes Fahrzeug vorwärts zu bringen, was bei der beträchtlichen Entfernung zwischen Boot und Dhau auch wohl gelungen wäre, wenn nicht eine vor deren Bug auf dem Wasser einschlagende Granate, als Warnungsschuß, dem Bestreben ein Ende gemacht hätte. Wie auf Kommando stürzte die Besatzung vollständig kopflos sich auf die eine Seite und in das Wasser, wobei durch das plötzliche Uebergewicht die Dhau zum Kentern gebracht wurde und ihr Inhalt, von welcher Beschaffenheit auch immer, verloren ging, während die Leute sich durch Schwimmen an das Ufer zu retten suchten.
Eine nähere Untersuchung ergab, sobald das kieloben treibende Fahrzeug erreicht war, daß nichts weiter übrig blieb, als es zum Gebrauch unschädlich zu machen, es aufzurichten und eventuell mitzuschleppen, wäre eine unnütze Mühe gewesen; darum, nachdem einige Planken durchgeschlagen waren, zum Sinken konnte es nicht gebracht werden, überließ man es dem Spiel der Wogen. Die Zerstörung dieser Dhau vom Standpunkt des internationalen Vorgehens gegen das schändliche Gewerbe der Sklaverei betrachtet, müßte man diesen Akt unbedingt billigen, schon aus dem Grunde, als den verschlagenen Sklavenhändlern sonst so schwer beizukommen ist; die Vernichtung ihrer Hilfsmittel, wo immer solche zu erlangen sind, aber als ein Gebot der Nothwendigkeit ansehen, um ihnen das Handwerk, wenn auch nicht gänzlich zu legen, so doch nach Möglichkeit zu erschweren. Indes ist die Verurtheilung der Sklaverei auch im Bund der Völker eine allbekannte Thatsache, und werden Anstrengungen aller möglichen Art zu deren Unterdrückung ins Werk gesetzt, so muß man doch sich fragen, ob auch alles Nebeninteresse dabei ausgeschlossen ist. Daß die Leiter der verbundenen Staaten mit redlichem Willen das Ihre thun, ist selbstverständlich, nur wo die Ausführung nicht in bewährte Hände gelegt ist als z. B. im portugiesischen Gebiet, wird auch die beste Verfügung illusorisch — was aber weit auffälliger ist, daß die erfahrene und selbstbewußte englische Verwaltung das Vorgehen des Majors von Wißmann als einen Eingriff in ihre Rechte auszulegen suchte, ohne jemals vorher die ernste Absicht und Mittel gehabt zu haben, auf dem weiten Gebiet des Nyassa-Sees den Sklavenhandel zu steuern.
Freilich das Prinzip auf dem Handelswege möglichst weit[S. 199] die Vorposten vorzuschieben und dadurch sich das allmählige Uebergewicht in unbekannten Ländern anzueignen, hat sich als sehr vortheilhaft bewährt, dabei aber nur auf sehr beträchtlichen Entfernungen einzelne Militärstationen als Stützpunkte anlegend, mußte die unglaubliche Gier nach Länderbesitz das Näherliegende außer Acht lassen und wie weit sich auch im Laufe weniger Jahre das englische Protektorat, was in den Augen des Engländers gleichbedeutend mit Besitz bezeichnet werden kann, über ungeheure Ländermassen ausgedehnt, blieben doch aus Mangel an geeigneten Machtmitteln die bekannten Sklavenausfuhren eine ungehinderte Thatsache. Und hätte nicht der Neid, mehr noch die Besorgniß, das Vorgehen der deutschen Expedition und die in Dienststellung des Dampfers »Herrmann v. Wißmann« könnte dem englischen Einfluß Abbruch thun zu einem energischen Vorgehen Veranlassung gegeben, hätte sich in den letzten beiden Jahren die Sachlage wohl unwesentlich geändert. England, Alleinherrscher auf diesem weiten Gebiet, Portugal kommt garnicht dabei in Betracht, sieht in dem Erscheinen der jungen deutschen Macht einen überaus gefährlichen Konkurrenten und wacht daher um so eifersüchtiger über seine angemaßten Rechte!
Was nun speziell den erwähnten Vorfall betrifft, der auf dem freien Gewässer des Nyassa-Sees stattgefunden, so wurde nach Bekanntgabe des Vorganges darauf von Seiten der englischen Verwaltung Gewicht gelegt, daß das durch die Verfolgung gekenterte Fahrzeug überhaupt keine Sklavendhau, vielmehr ein mit werthvollem Elfenbein beladenes Fahrzeug gewesen sei, und dadurch eine Schädigung englischer Interessen stattgefunden habe. Diese Behauptung zweifelhaften Ursprungs aber fällt in sich zusammen sobald man bedenkt, daß weder das Dorf Katuru noch Losefa in Makangilas Land von einem Engländer betreten werden durfte; diese kriegerischen feindlich gesinnten Volksstämme hatten bisher jeden Eingriff blutig abgewiesen, und, als im Jahre 1894 die englische Flotte aus drei Schiffen bestand, da erst wurde vorgegangen und am selben Orte, wo Major Wißmann die Dhau zerstören ließ, wurden zwei andere voll Sklaven und vielem Elfenbein abgefangen. Dieser große Erfolg schwellte natürlich den englischen Stolz, — aber, als sie noch machtlos waren, solche Dhaus abzufangen, da mußten sie ein gleiches Vorgehen von deutscher Seite einer abfälligen Kritik unterziehen, — würden wir in den Herzen unser uns äußerlich freundlich gesinnten Vettern schauen können, würden wir auf tiefem Grunde wohl herzlich wenig Wohlwollen für uns entdecken können, — dieses ist die ausgesprochene Meinung aller, welche in der weiten Welt auf gleichem Terrain mit den Engländern den Kampf um die Güter der Erde aufgenommen haben. Der englische Leu fühlt die Krallen des deutschen Adlers und sucht ihn vergeblich von sich abzuschütteln, —[S. 200] nicht mehr blos mit dem Volke der Denker, das seinen Idealen nachgestrebt, hat er es heute zu thun, die geistige Erstarkung, verbunden mit der erwachten selbstbewußten Kraft des deutschen Volkes tritt ihm hindernd auf allen Gebieten entgegen, er wehrt sich, aber seine Klauen sind stumpf geworden.
Im weiteren Verlauf der Reise machte zwischen den Bentje-Inseln und Kota-Kota die Expedition auch die Erfahrung, daß der Nyassa-See auch ein anderes Gesicht zeigen kann, wenigstens gab er eine kleine Probe wie ungemüthlich seine Gewässer gelegentlich werden können. Von Bandawe der schottischen Missionsstation, nach Deep-Bai (Pankanga) und von dort querüber nach Amelia-Bai, heute Wind-Hafen, wo anfänglich der Major beabsichtigte, eine Station anzulegen, wurde über Karonga der einzig günstige Platz im Norden des Sees, die Landzunge Kambira, nach großen Schwierigkeiten erreicht. Hier wurde dann die Station Langenburg vom Major v. Wißmann errichtet, die für die weiteren Unternehmungen der Stütz- und Ausgangspunkt sein sollte, später als dann unter diesem Schutz die etwa sechs englische Meilen nördlicher gelegene deutsche Missionsstation Ikombe erbaut war, wurde auch das friedliche Werk der bis hierher vorgedrungenen Missionare gefördert.
Lange Monate später erst gelangten diese erwähnten Vorgänge zu meiner Kenntniß, nachdem ich schon selbst Gelegenheit gehabt hatte, mit dem See und dessen Umgebung mich etwas vertraut zu machen, und werde ich weiterhin bei der Beschreibung des Sees und der Bevölkerung eingehender auf die einzelnen Punkte, sowie auf den weiteren Verlauf der vom Major von Wißmann geleiteten Expedition zurückzukommen suchen.
Indem also nun im Moment der Abfahrt von Fort Johnston die große Expedition thatsächlich getheilt worden, war es der wegen des gewaltigen Materials nur langsam vordringenden Transportexpedition überlassen, die Verfügungen und Befehle des Majors, der von allen Vorgängen nach Möglichkeit unterrichtet werden mußte, nach bestem Können und Wissen auszuführen.
Zwölf Uhr Mittags mochte es geworden sein, als wir das zur Abfahrt bereitliegende Kanoe betraten, um die Rückfahrt zu beginnen. Da mir die nähere Untersuchung des ganzen Flußbettes zur Aufgabe gemacht war, war ich bestrebt, die Tiefenverhältnisse eingehender zu untersuchen, als wie es auf der Fahrt zum See hatte geschehen können, und gleicherzeit möglichst genaue Karten und Entwürfe vom ganzen Flußgebiet anfertigend, brachte mich diese Beschäftigung über das Beschwerliche dieser Reise hin; namentlich bestand das Letztere darin, daß man in solchem schmalen, ausgehöhlten Baumstamm viele Stunden lang ganz still sitzen mußte, höchstens den Oberkörper und die Arme bewegen konnte.
Unkenntniß in der Handhabung eines Kanoe oder Unvorsichtigkeit[S. 201] nur, bringen Gefahr, leicht mit solchem runden Stamm umzukippen, jedoch hat eine Kanoefahrt in den Händen bewährter Leute nichts Besonderes auf sich; wir freilich mit unserer tiefbeladenen Nußschale mußten etwas vorsichtiger sein.
Die Absicht, an diesem Tage nur bis zum Malombwe-See zu fahren, ließ uns Zeit finden, unter dem Berathungsbaum, einer mächtigen Tamarinde, inmitten des Dorfes Towowo (Fumo Towowo) längere Rast zu halten, eigentlich nur aus dem Grunde, eine Zeit lang den glühenden Sonnenstrahlen zu entrinnen. Die Scheu, welche sonst die Eingebornen Europäern gegenüber an den Tag legen, war bald überwunden und dem Beispiel des weißhaarigen Fumo folgend, der neugierig allerlei zu wissen begehrte, kamen selbst Frauen und Mädchen und boten bescheiden ihre geringen Landprodukte an, von denen wir um ein Geringes auch unsern kleinen Vorrath ergänzten; wir stellten auch die schwarzen Schönen durch den Ankauf zufrieden, was hingegen bei den Männern weniger der Fall, als diese von uns Pulver begehrten, welches wir nicht besaßen, auch nicht als Tauschartikel hätten benutzen dürfen.
Späterhin dem Malombwe-See näher gekommen und bis zur Mündung des bereits erwähnten Nebenflusses angelangt, nahm ich mir die Mühe, denselben näher zu untersuchen, war es doch gleichgültig, wo wir zur Nacht unser Quartier aufschlugen, jeder trockene Platz eignete sich dazu, sofern ein solcher nur frei gelegen war und nicht allzu viele blutdürstige Mosquitos uns lästig wurden. Gegen den starken Strom trieben wir also das Kanoe vorwärts und sahen zur Linken bald eine üppige Bananenpflanzung vor uns, hinter welcher, wie wir aus Erfahrung wußten, meistens immer ein Dorf, zum Mindesten einige Hütten verborgen liegen. Bedacht darauf, die in Aussicht stehende Annehmlichkeit, anstatt unter freiem Himmel, die Nacht in einer selbst räuchrigen Hütte verbringen zu können, uns zu Nutze zu machen, suchten wir das kleine verborgen gelegene Dorf auf und hatten auch wirklich den Erfolg, die Gastfreundschaft über Erwarten ausgeübt zu sehen, indem uns die beste Hütte mit zwei Kitanden darin, zur Verfügung gestellt wurde.
Da es noch nicht allzu spät am Nachmittage war, lenkte ich meine Schritte zum Flusse zurück, um hier die mir aufgefallene Fischfangvorrichtung der Eingebornen, wie mir ähnliche schon begegnet waren, näher in Augenschein zu nehmen. Da ich nämlich in dieser Erzählung später auf solche Einrichtungen hinweisen muß, wenn vom Fischfang im Urwald die Rede sein wird, so erachte ich eine kurze Beschreibung hier am Platze....
Fast alle Flüsse, klein oder groß, haben in diesem Theile Afrikas ein starkes Gefälle, was eine rasche, zum Theil wirbelnde Strömung verursacht, die zu Zeiten so stark sein kann, daß die[S. 202] flinken Fische diese selbst nicht überwinden können, auf der Oberfläche aber selbst die leichten Kanoes nur mit größter Mühe und unter dem Schutze der Ufer fortzubringen sind. Diese Strömung nun ist auch die Ursache, daß nach jedem Hochwasser, d. h. der Regenzeit, ein Flußbett anders gestaltet ist, als es vor demselben war, eine Verschiebung der Sandbänke oder Anhäufung solcher, sowie ein Auswühlen tiefer Rinnen sich in solcher Periode beständig vollzieht. Wollen nun die Eingebornen, besser die Uferbewohner, die von dem Zuzug vieler Fische zur Laichzeit unterrichtet sind, ohne Netze und ohne viele Mühe reichen Fang machen, so suchen sie den möglichst weit flußaufwärts gezogenen Schaaren den Rückweg zu verlegen. Zu diesem Zwecke stecken sie an Stellen, wo die Strömung recht stark über flacheren Grund hinzieht mit gespaltenen Bambusstäben den Fluß von Ufer zu Ufer ab, oder auch in einem Bogen, sobald eine vorhandene Rinne dies nicht zuläßt. Die Stäbe, die fest in den Sand eingedrückt und untereinander verbunden werden, widerstehen dem Anprall der Wasser, weil sie dem Durchfluß derselben genügend Spielraum lassen, aber einen größeren Fisch verhindern, zu entweichen. Der Zweck ist, die Fische aufzuhalten, die sich beständig gegen die starke Strömung wenden müssen und auf flacheres Wasser gerathen, immer wieder versuchen durch die Barriere zu entkommen.
Dieses Aufhalten der Fische würde nun eigentlich wenig Zweck haben, wenn nicht innerhalb und zum größeren Theil außerhalb der Barriere aus dünnen Zweigen geflochtene Reusen ausgelegt wären, die ähnlich der in Europa verwendeten, das Herauskommen des eingelaufenen Fisches verhindern können. Die äußeren liegen so versenkt, daß die kleine Oeffnung mit der in der Barriere belassenen zusammenfällt, und der solche entdeckende Fisch wird, vermeinend frei zu kommen, sicher darin gefangen. Auf eines aber wird noch Bedacht genommen, die Fischer nämlich achten stets darauf, immer einen Fisch in jeder Reusen zu belassen, der als eine Art Lockvogel dienen muß; das Wegtreiben der Reusen verhindern sie, indem einzelne Stäbe oder Gabeln durch das Geflecht in den Grund getrieben werden.
Obgleich die Flüsse alle sehr fischreich sind, so ist es doch erstaunlich, welche Anzahl großer schöner Fische auf diese Weise zuweilen gefangen werden und fast immer, wo ich gelegentlich Zeuge gewesen bin, war die Ausbeute eine ergiebige zu nennen.
Noch lagen wallende weiße Nebel, durch das tiefe Sinken der Temperatur während der Nacht erzeugt, über die seitwärts des Dorfes liegende große Grasfläche und über den Schirefluß gebreitet, als ich mit dem ersten Tagesgrauen schon zur Weiterfahrt rüsten ließ. Waren bei unserer Ankunft die wenigen Bewohner des Dorfes versammelt gewesen, um die seltene Erscheinung weißer Männer mit Muße betrachten zu können, so[S. 203] hielten sich am frühen Morgen, der Kälte wegen, alle zum größten Theil noch in ihren Hütten auf, außer einigen alten Frauen, die wohl Stammmütter, die geringsten Dienste verrichten mußten, und unserm freundlichen Wirthe, der auch nicht mit leeren Händen ausgehen wollte. Ein weiter Weg war es den wir zurückzulegen hatten, ehe der Malombwe-See durchschifft und wir den Schirefluß wieder erreichen konnten, darum beschleunigte ich auch die Abfahrt nach Möglichkeit, sodaß wir schon die Barre passirt hatten, als siegend die warmen Sonnenstrahlen die kalten Nebel verscheucht hatten.
In Silberfluth gebadet lag die ruhige spiegelglatte Fluth vor uns, durch die das Kanoe von kräftigen Armen getrieben leicht hindurchschoß. Sechszehn englische Meilen hatten wir bis Mittag zurückgelegt und ungefähr noch zehn vor uns bis zur Station Werra; indes wie flott die Fahrt auch Anfangs über das tiefe Wasser gegangen, als höher und höher der Sonnenball stieg und immer heißere Strahlen niedersandte, die Atmosphäre ein Gluthhauch, der Aether eine blendende Lichtfluth war, da erlahmten auch allmählich die Kräfte der Leute. Denn auf dem Schlammmeer kreuz und quer fahrend, theils um die tiefste Wasserrinne aufzufinden, theils um vermittelst eines Taschenkompaßes die verschiedenen Punkte zur späteren Orientirung festzulegen, geriethen wir öfter in so flaches Wasser, daß es Mühe und viel Zeitverlust erforderte, um wieder frei zu kommen. Meine Ansicht, daß dicht unter Land tiefes Wasser sein müsse, was die Anwesenheit einzelner Flußpferdfamilien unzweifelhaft machten, wurde von Seiten der Leute, die die einzige Fahrstraße kennen wollten mit der Behauptung widerlegt: es gäbe nur den einen eingeschlagenen Weg! Ich hätte mich jedoch schwerlich davon abbringen lassen, wenn die Entfernung nicht so bedeutend gewesen und die Aussicht, dann die Nacht im Kanoe verbringen zu müssen nicht zur Gewißheit geworden wäre.
Als die Sonne im Westen niedersank, die fernen Bergkuppen noch im flüssigen Golde getaucht vor uns lagen, während hinter uns auf dem weiten See schon die Nacht heraufgezogen kam, hatten wir endlich nach vielen Mühen wieder tieferes Wasser unter uns und konnten nach Schätzung vielleicht um 8 Uhr Abends Land erreichen. Die eingetretene Kühle erfrischte die Glieder, das köstlich klare Wasser, nicht mehr lauwarm und widerlich wie am Tage, war zu der trockenen Kost ein Labetrunk, und so in der Hoffnung, das Schlimmste hinter uns zu haben, strengten wir uns alle an, im gleichmäßigen Takte mit den kurzen Paddeln das Kanoe durchs Wasser zu treiben.
Arglos, ohne an Gefahr zu denken, hing jeder seinen Gedanken nach, höchstens ein Ruf des Kapitaos, der die Leute zu größerer Thätigkeit anspornte unterbrach die Stille, bis plötzlich,[S. 204] Keiner von Allen hatte das Geringste bemerkt, neben dem Kanoe das dumpfe Brüllen einer Anzahl Flußpferde vernommen wurde, und in der Dunkelheit neben und vor uns die mächtigen Thiere auftauchten, die wuthschnaubend zum Angriff übergingen. Diese große unvermuthete Gefahr lähmte für einen Moment alle unsere Energie, bis mein Ruf »vorwärts, vorwärts« die Arme der Leute wieder in Bewegung brachte und das Kanoe mit äußerster Kraft durchs Wasser getrieben wurde.
Es war die höchste Zeit, fünf oder sechs der mächtigen Köpfe, soweit im Dunkeln zu unterscheiden, waren schon so nahe, daß es sich nur noch um Sekunden gehandelt hätte, bis sie heran waren, und ein einziger Stoß unser leichtes Fahrzeug dann umgeworfen hätte und dieses mit allen Insassen der Wuth der Thiere preisgegeben wäre.
Gleich im selben Augenblick als die Thiere so erschreckend nahe den Angriff unternahmen, hatten Franke und ich zu den Waffen gegriffen und mit dem Rufe »Vorwärts« krachten auch die Schüsse den Kibokos entgegen. Die Waffen auf die nächsten Köpfe gerichtet, war ein Fehlgehen der Kugeln trotz der herrschenden Dunkelheit und der wohl nicht sehr sicheren Hände, ausgeschlossen. Ich nahm mir nicht die Zeit, die abgeschossene Kugel zu ersetzen, sondern den beiden nächsten Thieren, die halb von vorne herankamen, die Schrotläufe entgegenfeuernd, bezeugte ihr Aufbrüllen, daß, selbst die kleinen Kugeln auf den harten massiven Schädeln nicht ohne Wirkung geblieben waren, untertauchen und verschwinden war eins.
Dieses Schnellfeuer, freilich nur fortgesetzt, hätte uns aber nicht vor dem Verderben bewahren können, wenn das Kanoe nicht so schnell fortbewegt worden wäre wie es geschehen, denn nur dadurch entgingen wir der Gefahr, auf dem breiten Rücken eines der Kolosse festzukommen; wäre es geschehen, keinen von uns hätten die verwundeten Thiere, da jede andere Hilfe ausgeschlossen war, verschont, auch schwerlich wäre jemals bekannt geworden, wo und wie wir geendet, die Krokodile, noch weit zahlreicher hier vertreten, hätten bald jede Spur verwischt. —
Geraume Zeit noch, als wir das bald nutzlose Feuern schon längst eingestellt hatten, arbeiteten wir mit den Paddeln vorwärts, um uns von der Heerde so schnell als möglich zu entfernen; das Brüllen und Grunzen hinter uns war eine gute Anfeuerung, alle Kräfte einzusetzen um fortzukommen. Wie gewandt das mächtige Thier auf dem Grunde laufen kann, dies wußte ein Jeder; es kann sehr schnell verfolgen, und wird nur dadurch Zeit verlieren, wenn es hoch kommt um Luft zu schnappen, oder Umschau hält nach dem verloren gegangenen Gegner. Die Dunkelheit begünstigte in dieser Hinsicht unsere Flucht besonders, aber als wir eine Stunde später die Schire-Einfahrt gewonnen und bald darauf das Kanoe[S. 205] bei Werra auf dem Strande laufen ließen, wußten wir alle, was wir geleistet und wie mit knapper Noth wir dem Tode entronnen waren! Nach einer guten Mahlzeit, die wir uns am Ufer noch bereiteten, der Magen wollte trotz aller Abspannung das Mahnen nicht lassen, muß ich bekennen, daß ich nicht mehr Lust hatte, die Strecke bis zur Station zu gehen, um in eine der Hütten das Lager für die Nacht herrichten zu lassen, sondern es vorzog, in ein hoch auf den Sand geholten Kanoe allein zu schlafen, die Ruhe in der freien, stillen Natur, war auch verlockend; ebensowenig aber kam mir dabei der Gedanke, daß nächtlicher Weile Flußpferde ans Ufer steigen und ihre Spaziergänge unternehmen könnten, viel weniger noch kamen mir die Krokodile in den Sinn.
In tiefem festen Schlaf gefallen, wie solchen körperliche Ermattung herbeiführt, mochte es wohl bereits in den ersten Morgenstunden sein, als ich durch ein Geräusch am Kanoe ähnlich einem Hin- und Herscheuern an der Außenwand, aufgeweckt wurde; halbaufgerichtet und unter der überhängenden Decke durchschauend, konnte ich aber auf der vom Mondlicht beschienenen Sandfläche nichts Auffallendes entdecken, und denkend, mag es sein was es will, ich liege ja sicher genug mit den Waffen zur Seite, schlief ich wieder ein. Am frühen Morgen aber, der dämmernde Tag war schon heraufgezogen, kam mir sofort die nächtliche Störung in den Sinn, und vorsichtig über die Brüstung des Kanoe hinwegschauend, gewahrte ich auch die Ursache. Nämlich drei mächtige Krokodile, nur wenige Meter entfernt, lagen, die Köpfe dem Lande zugekehrt auf dem Strand, und schienen dem Anschein nach die Morgenluft zu genießen, wenigstens waren ihre Bewegungen recht bedächtig und die halbgeöffneten mächtigen Rachen mit den furchtbaren Zähnen klappten in Wohlbehagen auf und zu.
Die Aufmerksamkeit der Thiere schien von mir abgelenkt zu sein, sie beachteten zum wenigsten das Geräusch nicht, welches ich beim Ergreifen meiner Büchse verursachte, und in der sichern Voraussicht, daß ich gewiß einem dieser nächtlicher Wächter einen derben Denkzettel aufbrennen könnte, war ich etwas langsam. In noch liegender Stellung, im engen Kanoe war ein Zurechtsetzen so schnell nicht gut möglich, bemerkte ich, daß irgend etwas die Thiere erschrecken müsse, denn sie wandten sich und krochen zum ganz nahen Wasser. Schnell warf ich die Decken ab und aufspringend, suchte ich für meine Kugel ein Ziel ... schneller aber waren die Krokodile in ihrem Element und nur die Furchen im Wasser zeigten an, wohin jedes sich gewandt hatte. Erst eine Minute später zeigte sich der Rücken des einen auf der Oberfläche, der von der zugesandten Kugel gestreift, das Thier wild aufbäumen machte und einmal mit dem Schwanze das Wasser peitschend, in die Tiefe verschwand.
Zu beiden Seiten des Kanoes fand ich die Abdrücke der[S. 206] Füße der Krokodile und die glatten Furchen, welche der schwere nachschleppende Schwanz derselben auf dem Sande zurückgelassen hatte. Es war zweifellos, die Unholde hatten die Beute gewittert und den Versuch gemacht, sich derselben zu bemächtigen, daher auch das Geräusch, welches mich in der Nacht ermuntert hatte. Jedenfalls aber hätte die unmittelbare Nähe solcher unheimlichen Gesellschaft, wenn mir die Gefahr zum Bewußtsein gekommen wäre, mich doch nicht wieder in so sicherer Ruhe einwiegen lassen; konnte mir auch nichts geschehen, so lange ich nur still liegen blieb, so glaube ich doch, mit dem Schlaf wäre es wohl vorbei gewesen. —
Beim schnell bereiteten Morgentrunk, der aus einem Becher ungesüßtem Kakao bestand, wurde der abendlichen Affaire mit den Flußpferden und dieses nächtlichen Besuches nochmals kurz gedacht, und dann ging es, sobald die Leute mit dem Einpacken fertig waren, wieder wohlgemuth flußabwärts, den träge auf Bänken oder am Ufer liegenden Krokodilen aber, schenkten wir ganz besondere Beachtung, und weckten manches so unfreundlich aus süßer Ruhe, daß ihm solch warmer Morgengruß Schmerzen und Tod eintrug.
Für diesen Tag war unser Ziel das Dorf Lionde, wo wir, wenn nicht die Gastfreundschaft des Arabers Baccari ben Umari in Anspruch genommen werden konnte, zu rasten gedachten, doch jedenfalls aber wollten wir diesen aufsuchen, um ihn an sein Versprechen zu mahnen, damit er uns recht bald Proviant in das Lager zu Mpimbi sende. Es bedurfte von Seiten der Leute keiner besonderen Anstrengung mehr, die Fahrt des Kanoe zu beschleunigen, der Strom allein trieb es schon etwa in der Stunde eine deutsche Meile flußabwärts, sodaß ich einen Mann zum Auspeilen der Tiefe anstellen und mit Gemüthlichkeit meine Aufzeichnungen ausführen konnte. So an Dörfern, Wald und Grasebenen vorüberziehend, war es eine höchst angenehme Fahrt, auch wo wir Einkehr hielten, wurden wir von den Dorfbewohnern freundlich aufgenommen; war noch etwas Pombe irgendwo in einer Hütte aufzutreiben, wurde dieses uns gegen eine angemessene Entschädigung überlassen, denn gewöhnlich geben sie nicht gerne ihr Bier weg, da sie es in dieser Gegend nicht zum Verkauf bereiten; wir aber zogen es bei weiten dem warmen Flußwasser vor.
Gegen Abend, als immer noch nicht das Ziel voraus in Sicht kommen wollte, beschleunigten wir doch etwas unsere Fahrt, denn fern rollender Donner und schwarze Gewitterwolken mahnten uns bei Zeiten an eine sichere Unterkunft zu denken, ehe wir von dem schnell heraufziehenden Unwetter überrascht werden möchten. Die höchste Zeit war es, daß wir Schutz und Obdach fanden; denn als das Kanoe an der Landungsstelle beim Dorfe Lionde am rechten Ufer in das Schilfgras einlief, und wir das steile Ufer hinaufsprangen und unter der nächsten Hütte zu treten suchten,[S. 207] deren überhängendes Dach uns Schutz versprach, prasselte der Regen schon in Strömen hernieder.
Gewohnt, als Europäer von der Hütte eines Eingeborenen nicht weggewiesen zu werden, solange nicht offene Feindschaft ausgebrochen und der Neger der Stärkere ist, war der Empfang, den uns ein altes zeterndes Weib bereitete, etwas überraschend, zumal wir noch keine Miene gemacht hatten, ihre verräucherte schmutzige Hütte zu betreten, und uns nur vor dem ersten heftigen Anprall des Gewittersturms zu decken suchten. Ihr Lamentiren, für uns unverständlich, hatte nur den Erfolg, daß aus den umliegenden Hütten Männer und Frauen hervorkamen, die, wie es schien, diese boshafte Alte, nebenbei ein Urbild von Häßlichkeit, noch mehr aufreizten. Wir ließen uns freilich nicht stören, hatten aber genügend Grund, über die Ursache solcher scharfen Abweisung Betrachtungen anzustellen, um so mehr, als einer unserer Leute das Kauderwelsch der alten Migäre dahin aufklärte, daß wir uns entfernen sollten, sie wolle keinen weißen Mann unter ihrer Hütte haben, auch die Reden der anderen Bewohner waren nichts weniger als freundliche.
Dieser Dolmetscher hatte darauf der Alten zu erklären, daß es von ihr gescheiter wäre den Mund zu halten, wir wollten von ihr nichts, da wir aber nun einmal hier seien, so würden wir auch bleiben, woraufhin sie von der Bildfläche verschwand und in ihren vier Pfälen den angefangenen Prolog mit etwas gedämpfter Stimme fortsetzte. Der Gedanke, daß etwas im Werke sein könne, was Europäern zum ernsten Nachdenken Veranlassung geben könnte, kam uns nicht, so auffällig dieser Vorgang auch war, stand es doch allein dem Dorfhäuptling nur zu, uns wegzuweisen und, daß von dieser Seite uns nichts in den Weg gelegt werden würde, nahmen wir als selbstverständlich an.
Als der erste schwere Regenguß vorüber gezogen war, ließ Herr Franke unsere Sachen heraufschaffen, während ich einen Abgesandten zum Häuptling abfertigte, der denselben unsere Ankunft melden und ihn um Ueberlassung einer Hütte für die Nacht ersuchen sollte.
Die jüngere Generation des Dorfes, die inzwischen sich zu Haufen angesammelt hatte, starrte neugierig die weißen Ankömmlinge in einer Weise an, als hätte diese halbwüchsige schwarze Gesellschaft noch nie Gelegenheit gehabt, einen Europäer zu sehen und müßte sich deren Gebahren und Handeln fest ins Gedächtniß einprägen; im Hintergrunde dagegen standen die erwachsenen Männer, fast nicht minder neugierig als ihre Sprößlinge.
Der zurückkehrende Bote, der sich nur mit Mühe durch die gaffende Menge Bahn brach, brachte mir die überraschend unwillkommene Nachricht, daß der Häuptling mir sagen lasse, er habe für uns keine Hütte zum Nachtquartier und rathe uns sein Dorf[S. 208] lieber zu verlassen! In solch mißlicher Lage war nun guter Rath theuer. Hätte der persönliche Stolz uns nicht verboten, den gegebenen Rath nicht zu befolgen, vielmehr durch unser Bleiben nun zu zeigen, daß wir uns nicht einschüchtern lassen, so hätten wir vielleicht noch am anderen Ufer bei dem Araber Baccari Unterkunft finden können, aber einfach abziehen und das Feld zu räumen, weil die übliche Gastfreundschaft verweigert wurde, hätte den Schwarzen gegenüber wie eine Art Flucht erscheinen können, und ich wenigstens war dagegen, der schwarzen Gesellschaft diesen Gefallen zu thun, wiewohl ich mir den Grund zu einem so unfreundlichen Benehmen, das einer Drohung nicht unähnlich, absolut nicht erklären konnte.
Entschlossen, auf jede Gefahr hin zu bleiben, nahm ich die Gelegenheit wahr, der gaffenden Menge eine Probe von der Treffsicherheit unserer Waffen zu geben; als zufällig inmitten des Flusses auf der Wasseroberfläche ein Krokodil träge sich vorbeitreiben ließ, schoß ich auf dieses und ein Ruf der Verwunderung ging durch die Menge, als das verwundete Tier den mächtigen Rachen weit aufreißend in die Tiefe sank, darauf ohne das Gewehr abzusetzen gab ich noch zwei Schrotschüsse nach einem näheren Gegenstand ab und jetzt prägte sich das Erstaunen der Umstehenden in deren Blicken aus, die sie auf die schnellfeuernde Waffe gerichtet hielten. Diese kleine Schießprobe sollte nur dazu dienen, den bewehrten Männern zu zeigen, daß wir nicht wehrlos ihnen gegenüberstehen und es nicht rathsam sei, uns eventuell zu einem Abzug zu zwingen.
Bei dem Versuche, aus unsern wasserdichten Decken ein Zelt aufzurichten kam uns als unwillkommener aber doch bester Helfer der Ausbruch eines neuen Gewittersturms zu Hilfe; die Wasserfluth machte freilich unser Vorhaben zu Nichte, vertrieb aber gleichfalls auch die gaffende lästige Menge und suchten wir wieder unter dem Dach Zuflucht, wo uns der erste unfreundliche Empfang zu theil geworden war.
Da die Dunkelheit und die Nacht mit diesem Unwetter heraufzog, hatten wir, durch Decken nothdürftig geschützt, nahe der runden Lehmwand der Hütte Platz genommen, um die Koffer und Sachen, die frierenden Leute dazu, nach Möglichkeit der Regenfluth zu entziehen, und mit Geduld uns in das Unvermeidliche fügend, trafen wir die Vorkehrungen, eine lange ungemüthliche Nacht hier zu verbringen.
Nicht eher als bis die furchtbar rollenden Donner sich in die Ferne verloren hatten, die zuckenden Blitze nicht mehr die dunkle Nacht erhellten, fanden wir erst gegen Mitternacht die ersehnte Ruhe; so lange währte der Aufruhr der Elemente, deren ganze Gewalt sich über diese Gegend entladen hatte. Am frühen Morgen des 10. Januar rüsteten wir uns zur schnellen Abfahrt,[S. 209] mit der Absicht, bis gegen Abend noch Mpimbi zu erreichen, um die müden Glieder mal wieder auf ein Feldbett ausstrecken zu können, wurden aber länger aufgehalten, weil die Regenströme unser Kanoe fast voll Wasser gefüllt hatten, das die Leute mit den Händen, in Ermangelung eines geeigneten Apparats erst ausschöpfen mußten, und als wir schließlich von den zahlreich herbeigeströmten Bewohnern umdrängt, das Ufer verlassen hatten, stand am andern der Araber Baccari und wollte uns sein Salam sagen. Genöthigt, nun doch die Abreise etwas zu verzögern, hätte ich gerne etwas Proviant gleich mitgenommen, zumal ein gewisses Quantum bei meiner Rückkehr bereit liegen sollte, aber wir erhielten nichts, nur versprach Baccari uns in den nächsten Tagen einige Kanoes mit Mehl, Bataten und Ziegen senden zu wollen. Seine Einladung, in seine weit zurückgelegene Behausung einzutreten, schlug ich aus Mangel an Zeit ab. Erhalten hätte ich doch nichts, und uns von dem schlauen Patron ausfragen zu lassen, der, wenn nicht die Seele des ausbrechenden blutigen Aufstandes, so doch der Berather der Häuptlinge war, dazu hatten wir keine Veranlassung.
Jetzt, noch vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, von denen uns von Seiten der Bevölkerung ein kleiner Vorgeschmack gegeben worden, stand, wie schon früher erwähnt, das Dorf Lionde auf beiden Ufern des Schire; von den Hütten war die weitaus größere Zahl auf dem rechten Ufer erbaut worden und nach den dichtgesäten beliebig durcheinander errichteten Behausungen zu urtheilen, mußte die Eingebornenzahl eine ganz beträchtliche sein. Darum auf die große Zahl ihrer Krieger pochend, die theilweise mit Vorderlader bewaffnet waren, mochten doch die Häuptlinge, unterstützt von der Bevölkerung des ganzen Distrikts, sich kräftig genug fühlen, den von den Engländern eröffneten Kampf anzunehmen. Aber an Zahl auch noch so groß und überlegen, fehlt die einheitliche Leitung, und anstatt dem vordringenden Feinde die Hauptmacht entgegenzustellen, sucht jeder Fumo allein die geschlossene Macht der Europäer aufzuhalten, wird natürlich geschlagen und die Fliehenden, zwar die Zahl der zurückstehenden Haufen vermehrend, entmuthigen mehr oder weniger die noch kampfbereiten Krieger. Zurückzuführen ist solche Kampfweise auf persönliche Eifersucht unter den Häuptlingen selbst, da jeder wohl zu kämpfen sich bereit erklärt, aber keiner dem andern die Leitung überlassen mag.
Ebenso vermeiden diese Krieger möglichst den offenen Kampf, was der Fall, sobald sie die überlegene Waffe der Weißen zu fürchten haben. Auch werden sie nie ihre Heimstätten und Dörfer energisch vertheidigen, sondern, da Weib und Kind und alles Eigenthum meistens vorher in Sicherheit gebracht worden ist, diese dem vordringenden Feinde überlassen, der die Grasdächer in[S. 210] Brand setzt und in kurzer Zeit ein noch so großes Dorf in einen Aschenhaufen verwandelt, obgleich die labyrinthartigen Wege, gedeckt und geschützt durch den Wirrwarr der Hütten, dem Vertheidiger ein nicht unwesentliches Uebergewicht, dem Angreifenden gegenüber, geben würden.
Wie der spätere Kampf zeigen wird, ist Lionde auch auf diese Weise ein Raub der Flammen geworden und hat das Schicksal aller zwischen hier und Mpimbi liegenden Dörfer getheilt, so daß, als ich diesen Ort wieder sah, von dem mir in der Erinnerung haften gebliebenen Bilde auch nicht das Geringste übrig geblieben war, was an das einstige Lionde erinnert hätte! Nachdem wir uns von dem geschwätzigen Araber frei gemacht hatten, setzten wir unsere Fahrt flußabwärts fort und rasteten erst im Dorfe Perisi; hier mit der gewohnten Freundlichkeit von seiten der Bewohner aufgenommen, konnte ich eine Art Vertrag mit dem Häuptling abschließen, der sich auf Lieferung von Naturalien und Vieh beziehend, wenigstens einige Aussicht bot, von hier unsere Bedürfnisse zu decken.
Auffallend, wie ich bisher noch nirgend bei diesen Völkerstämmen Gelegenheit gehabt zu beobachten, war hier unter dem Schatten eines gewaltigen Baobobbaumes einem verstorbenen Häuptling eine Art Grabmonument errichtet worden, in der Weise, daß über dem flachen Grabhügel eine viereckige Hütte erbaut worden, deren Dach über der Grasbedeckung noch verschwenderisch mit blauem und weißem Zeug bekleidet war und als Zierrath noch Bänder aus diesem und rothem Zeuge an allen Seiten herniederhingen. Die Verschwendung des für den Eingebornen besonders werthvollen Stoffes ließ darauf schließen, daß ein reicher Mann von besonderem Einfluß hier bestattet worden sei, weil sonst nur auf den Trümmern einer über einem Grabe eingerissenen Hütte wenige Fähnchen als Schmuck angebracht zu werden pflegen. Später, nach dem Aufstand, habe ich mich vergebens bemüht, diese Stätte wieder aufzufinden; die sonst heilige Stätte der Todten war von Feindeshand beraubt und entweiht worden.
In den Nachmittagsstunden verhinderten recht schwere Regengüsse, verbunden mit plötzlich hereinbrechenden Sturmböen, verschiedentlich unsere Weiterfahrt und entweder mußten wir unter dem Dache einer Hütte Schutz suchen, oder hinter den mächtigen Stämmen altersgrauer Bäume uns zu decken suchen.
Gegen Abend jedoch passirten wir die eine Strecke oberhalb Mpimbi liegende große Insel im Schire, auf welcher der Häuptling Tschikusi seinen beständigen Wohnsitz aufzuschlagen im Begriff war; denn selbst kein Freund der Engländer, verließ er sein Dorf Mpimbi, um hier unbelästigter seiner üblen Gewohnheit, dem Pombetrinken, fröhnen zu können, man sagte von ihm, daß er niemals nüchtern anzutreffen sei.
[S. 211]
So erreichten wir denn nach fünfzehntägiger Abwesenheit, nach mancher Fährlichkeit und Strapazen, glücklich das deutsche Lager wieder, wo ich nun das Hauptwerk beginnen, und die deutsche Thatkraft beweisen sollte, daß auch ihr nichts unmöglich ist.
Das deutsche Lager, das etwa vier Minuten vom Flusse entfernt war, hatte eine so versteckte Lage, daß es, von zwei Seiten, links und geradezu, von dichtem Wald umgeben, in der Front und rechts, lichter Busch, erst bemerkt werden konnte, wenn man vor der aufgethürmten Dornhecke stand. Als ein trockener und vorzüglicher Lagerplatz hätte in ruhigen Zeiten dieser geschützte Ort nicht besser gewählt werden können. Aber wie es sich in Folge der Ereignisse auswies, die nicht erwartet und nicht vorhergesehen werden konnten, war die Wahl dieses Ortes in Bezug auf Vertheidigung keine glückliche gewesen, obgleich de la Fremoire und Illich, die den Auftrag zur Auswahl gehabt, den besten und einzigen Ort gewählt hatten, der nahe Mpimbi überhaupt gefunden werden konnte.
Betreffs des Platzes, welcher zur Anlage der Werft in Aussicht genommen war, hatte bereits Herr von Eltz von Katunga aus sich mit dem Kommissar Mr. Johnston in Zomba in Verbindung gesetzt, um dessen Genehmigung zum Aufbau einer solchen zu erhalten; ich erfuhr aber von einem Deutsch-Engländer, Mr. Berenger, der, als Manager die Plantage unterhalb des Dorfes Mpimbi, für die Firma Scharrer & Co. verwaltete, daß die ganze Uferstrecke einschließlich dieses Dorfes dem in Blantyre ansässigen Herrn Scharrer gehöre und diesem allein das Verfügungsrecht über dieses Terrain zustehe, und würde blos die Genehmigung des Häuptlings Tschikusi darüber einzuholen sein, ob wir auch sein Dorf ungehindert passiren könnten.
Hatte ich mir damals auch noch keine rechte Vorstellung machen können wie die Verhältnisse in Mpimbi lagen, so war mir jetzt die Erklärung dieses Vertreters — es würde kein Anstand genommen werden, uns den Platz für die Zeit des Schiffsbaus unentgeltlich zu überlassen — eine hochwillkommene, auch Schwierigkeiten, die der Häuptling allenfalls machen könnte, würden von dieser Seite beigelegt werden; ich hätte nur die Eitelkeit des Fumo durch einige Geschenke zu schmeicheln und der sofortigen Inangriffnahme des Werftbaues stände nichts mehr im Wege.
Unterrichtet nun, in welcher Weise ich mit dem Häuptling Tschikusi zu verfahren hatte, schickte ich zu diesem einige Abgesandte mit dem Ersuchen, bald möglichst zu mir ins Lager zu kommen und, da dessen Willfährigkeit von dem Werthe des überbrachten[S. 212] Geschenkes abhängig war, so hatte ich ein ganzes Stück weißes Zeug als vorläufige Gabe überreichen lassen. Etwas erstaunt und verlegen war ich aber doch, als mir die Boten die Meldung brachten, daß der Fumo sie mit dem Geschenke zurückgewiesen, mit dem Bemerken, weißes Zeug sei für einen großen Häuptling keine würdige Gabe, verlegen insofern, als mein Vorrath überhaupt nur sehr gering war, denn bunte Tücher und Taschentücher wollte ich eigentlich erst nach dem Schauri herausrücken. Ein Nichtwillfahren hieß jede Verhandlung abbrechen und die Konsequenzen tragen, die in endlosen Weitläufigkeiten und Hinderung meiner Absichten bestehen würden, darum meinen ganzen Reichthum überschlagend, wählte ich ein halbes Stück blaues Zeug, einige bunte große Tücher, eine Decke und eine Anzahl recht grell gefärbte zusammenhängende Taschentücher und sandte die Boten sofort zurück mit der Anweisung, dem Häuptling verstehen zu geben, er würde noch ein ähnliches Geschenk erhalten, wenn er zugestehen würde, was ich von ihm wünsche. Diese ganze Gabe, deren Werth in Europa nur gering, muß hier, wo dieselbe einige hundert Prozent mehr gilt, doch als eine recht werthvolle angesehen werden, zumal in den Augen des Schwarzen das Bunte immer den Vorzug erhält; die Güte der Waare kommt dabei weniger in Betracht, obwohl er auch hier schon durch die herrschende Konkurrenz gewitzigt, einen kleinen Unterschied zu machen weiß.
Nun dieses Mal hatte ich mit den Geschenken Erfolg, und die überbrachte Botschaft, der Fumo würde am nächsten Morgen zur Verhandlung in das Lager kommen, ließ mich wenigstens einen günstigen Ausgang erhoffen; weniger angenehm war die Mittheilung für mich, daß Tschikusi wieder vollständig betrunken sei und seine Umgebung eigentlich die Zustimmung gegeben habe! Daher sah ich denn auch dessen Ankunft mit begreiflicher Spannung entgegen, namentlich in welcher Verfassung der Fumo sich präsentiren würde! —
Am 14. Januar im Laufe des Vormittags meldete der Wachposten die Ankunft einer Anzahl Kanoes, und bald darauf, die Insassen seien Tschikusi und sein Gefolge, vom hochgelegenen Lager den Weg zum Flusse überschauend. Nicht wenig erstaunt war ich, eine ganze Kalwakade bedächtigen Schrittes sich nähern zu sehen, mehr noch, als fast ebensoviel Weiber folgten, von denen jedes bis auf eine, vor der her ein Ziegenbock getrieben wurde, eine große Schale voll Mehl, Bataten, Bananen oder Tomaten auf dem Kopfe trug. Solch einen Aufzug, dessen Bedeutung mir zwar nicht fremd, als damit eine besondere Ehre erzeigt werden sollte, hatte ich doch nicht erwartet und bekannt mit dem üblichen Gebrauch, daß keine Person leer ausgehen durfte, überschlug ich in Gedanken was mir diese zum größten Theil unnöthige Gesellschaft kosten würde. Nachdem die allseitige Begrüßung vorüber[S. 213] war, während welcher die Frauen im Halbkreise sich auf den Erdboden niederhockten, die vornehmste in Front, die Ziege zur Seite, geleitete ich den Häuptling, für den ein Sprecher alles nöthige sagte, in meine Behausung, wo derselbe sich ohne weiteres in eine Ecke niederhockte und stumm wie ein Fisch seinem Gefolge alles weitere überließ. Die Verhandlung von meiner Seite sodann durch einen Dollmetscher eröffnend, wurde mir erst, ehe irgend eine Erwiderung erfolgte, bekannt gegeben, daß unter den nun vor dem Eingang meines Hauses wieder im Halbkreis sitzenden Frauen die Gattin des Häuptlings sich befinde, die als besonderes Geschenk für mich die mitgebrachte Ziege überreichen wolle. Natürlich erforderte es nun die Höflichkeit, diese schwarze Dame auch zu begrüßen und die Gabe von derselben in Empfang zu nehmen, auch die nun angebotenen Naturalien des Gefolges durften ebensowenig zurückgewiesen werden. Daraufhin bestimmte ich die auszutheilenden Gegengeschenke und ließ durch Knuth einer jeden ein ganz gleiches Stück Zeug verabfolgen, einerlei, ob das Ueberbrachte gering oder werthvoller war, nur mit der Häuptlingsfrau machte ich eine Ausnahme, indem ich den Werth der Ziege mit sechs Faden weißes Zeug und einem größeren bunten Tuch bezahlte.
Diese gleiche Vertheilung der Gegengeschenke schien alle zu befriedigen, und soweit ich die Ausdrücke der zuschauenden Männer beurtheilen konnte, auch diese mit Genugthuung zu erfüllen; sah doch ein Jeder, daß keiner unter ihnen zu kurz kommen würde, wenn die Frauen das erhaltene ihnen wieder abgeben würden. Als die Frauen und Fräulein, halb in Evakostüm, abgefertigt waren, wandte ich mich dem stupide dreinblickenden Häuptling wieder zu und legte der still zuhörenden Versammlung meine Wünsche vor. Es schien, daß über das Für und Wieder meines Anliegens der Sprecher nichts zu erwähnen habe und der Häuptling stillschweigend zu allem seine Zustimmung gebe, nur als ich noch um Stellung einer Anzahl Arbeitskräfte antrug, wurde mir dieses mit dem Bemerken abgeschlagen, die Männer und Frauen sind jetzt in den Matama- und Maisfeldern beschäftigt.
Das absolute Stillschweigen Tschikusis zu allem Gesagten, der übrigens keinen besonders imponirenden Eindruck machte und dessen Kopf vom letzten Rausche noch bedenklich schwer erschien, indem er sein würdevolles Haupt zeitweilig tief sinken ließ, wollte mir nicht gefallen und ob auch der Sprecher die Zusicherung gab, der Fumo ist mit allem einverstanden, so wollte ich doch auch aus diesem schwarzbärtigen Munde selbst die Bestätigung hören, vorausgesetzt, daß er überhaupt sprechen wollte, was wie ich gehört, zeitweise ganz vernehmlich und nachdrücklich geschehen könne. Daher kehrte ich mich nicht weiter an das plappernde Faktotum sondern rückte Tschikusi direkt zu Leibe, und siehe da, die stummen Lippen[S. 214] öffneten sich und ich hörte die Zusage von diesem gefürchteten Häuptling selber — das genügte mir. —
Eigentlich wider Erwarten rasch war diese Angelegenheit von den Betheiligten erledigt worden, nur meinerseits hatte ich den bekundeten guten Willen noch dadurch zu belohnen, daß ich jedem der Männer nun gleichfalls ein Geschenk überreichen ließ; des Häuptlings und seines Ministers selbstverständlich ganz besonders gedenkend. Immerhin waren diese gering anzuschlagen gegenüber der Thatsache, daß hierdurch vielen Scherereien aus dem Wege gegangen war.
Am andern Morgen, als ich zum zehn Minuten vom Lager entfernten Bauplatze mit Handwerkzeug und einigen Suaheli auszog, kamen wir den unter den hohen Bäumen dort Matama stampfenden Weibern etwas ungelegen, denn widerwillig schienen sie nur weichen zu wollen und uns den Platz, worauf sie so lange unbeschränkt ihren häuslichen Verrichtungen hatten nachgehen können, zu überlassen. Unangenehmer noch war es ihnen, von der so bequem gelegenen Wasserstelle ablassen zu sollen, die unter dem Schatten zweier mächtiger Bäume an der hier seichten Uferstelle sich befand; sonst fiel das Ufer überall steil ab und bot sich in der Nähe kein Zugang weiter zum Flusse.
Als Schöpfapparat bedienen sich die Frauen des weitverbreiteten Flaschenkürbis, dessen Form und feste Schale sich ganz besonders dazu eignet; wagen sie es nicht der Krokodile wegen hiermit Wasser zu schöpfen, so wird in dem ebenfalls hohlen Stengel eine Stange eingeschoben und sie können nun damit nach Belieben und mit Sicherheit klares Wasser erlangen; ihre Wasserbehälter sind aus Thon gebrannte Töpfe und werden stets mit Geschick auf den Köpfen getragen.
Ehe ich nun die Reinigung des Platzes vornehmen ließ, der übrigens zum größten Theil mit hohem Grase bestanden war, hatte ich die Grenzen desselben abzustecken, wobei ich, um Raum zu gewinnen die Linie so dicht an einzelnen vorstehenden Hütten entlangführte, daß der projektirte Zaun diese berühren mußte. Zur Linken, dem Flusse zugekehrt, hätte ich wohl Terrain gewinnen können, da hier die Hütten weit genug zurück lagen, aber meine Absicht, soviel zu nehmen als nur möglich, wurde durch den Widerspruch der Dorfbewohner vereitelt, indem sie eine eingerissene Hütte worunter ein Todter begraben lag, nicht in der geplanten Umzäunung eingeschlossen wissen wollten. Auch die Entfernung einiger Hütten, die mir landeinwärts äußerst hinderlich, konnte ich aus diesem Grunde nicht durchsetzen; sie wollten absolut nichts davon wissen, obgleich ich strenge Schonung der Grabstätten zusagte, wenn diese in unserem Bereich verblieben.
Die Länge des Platzes, etwa 150 Fuß hätte mir genügt, nur die Breite von 85´ nicht, denn die tiefe Rinne welche ich[S. 215] graben lassen mußte würde 110´ landeinwärts betragen. Vorläufig jedoch ließ ich mir daran genügen, um Verwickelungen aus dem Wege zu gehen, die sehr leicht durch ein schroffes Auftreten entstehen konnten, zumal es mir nicht unbekannt geblieben, daß auch hier die Gesinnung der Bevölkerung gegen die Engländer keine günstige war, gewährt und hervorgerufen durch die zwangsweise Eintreibung der ausgeschriebenen Kopfsteuer.
Um die Arbeiten nun nach Möglichkeit zu fördern, namentlich die Umzäunung vorzunehmen, suchte ich die Dorfbewohner dazu heranzuziehen in der Weise, daß, wenn sie sich nicht in Tagelohn (d. h. per Woche bekam hier der Arbeiter zwei Faden = 12 Fuß Zeug) annehmen lassen wollten, sie mir alltäglich auf ihrem Rückwege von den Feldern Rohrbündel mitbringen sollten, die ich ihnen à zwanzig Stück, mit einem Faden Zeug bezahlen wollte; aber aus der beträchtlichen Zahl Männer und Frauen fanden sich nur wenige, die auf dieses Anerbieten eingingen, und das Herbeischaffen von Rohr ganz unterließen, als ihnen der ausbedungene Preis nicht schon bei acht oder zehn Bündel voll ausgezahlt wurde. In sumpfiger Niederung oder am Flußufer wächst dieses Rohr in so großer Anzahl, daß es wirklich den Leuten keine Mühe machte es zu schneiden und mitzubringen, allein, jede unnöthige Arbeit hassen sie und machten sich daher nichts aus dem Verdienst; ihre Ansprüche so äußerst gering, — fühlen sie nicht das Bedürfniß nach mehr.
Eifrig bestrebt nach Möglichkeit die angefangenen Arbeiten zu fördern, zog ich mit wenigen Leuten öfter in den das Lager umgebenden Wald, um in diesem passende Hölzer zum Bau der Häuser auszusuchen und zu fällen, hauptsächlich weil das Herbeischaffen der benöthigten Baumstämme von den Bergen für meine paar Leute sehr zeitraubend und schwierig war, konnte ich doch nur des Morgens eine Abtheilung hinaussenden, die um Mittag zurückgekehrt, dann Ruhe haben mußten, damit die Leute Nachts den Postendienst versehen konnten. Der das Lager umgebende Wald, bestand meistens aus hohen Bäumen, jedoch das Untergebüsch war so wild und dicht, daß man nur mit der Axt einen Weg hindurch bahnen konnte und fast kein Sonnenstrahl durch die hohen dichten Kronen der Bäume und diesem Blättermeer zu dringen vermochte, — die vorherrschende Dämmerung, die tiefe Einsamkeit in diesem erweckten das Gefühl, als wäre man entrückt und fern aller menschlichen Wohnstätten, oder befände sich auf einem Kirchhof, auf welchem die gestürzten modernen Waldriesen der Natur den Tribut zahlten. Hier war auch die Behausung der Panther und Hyänen, die nächtlicher Weile das Lager umschlichen; solche die zwar vor den Menschen flohen und nur selten sich blicken ließen, dagegen in der Dunkelheit ohne Scheu die hindernden Dornhecken des Lagers übersprangen um nach Beute Umschau zu halten. Viel[S. 216] Schaden haben uns die Räuber dadurch zugefügt, daß sie trotz der wachsamen Posten uns manche Ziege raubten, oder die Wildkatze in den Hühnerstall eindrang und Verheerungen anrichtete.
Einen Fall von der Kühnheit eines Panthers will ich hier anführen: Im Lager, das von Dr. Röver später bedeutend ausgebaut wurde, verblieben die Soldatenwohnungen an der Waldliesère, wie ich sie hatte aufführen lassen bestehen. Diese langgestreckten Hütten nach der Innernseite zu fast ganz offen, im Hintergrund so niedrig aber, daß das Dach fast den Erdboden berührte, waren für jede Abtheilung in besondere Räume getheilt und mit den provisorischen Schlafstätten der Soldaten, selbsterrichtete Kitandas so angefüllt, daß in der That nur schmale Gänge übrigblieben. So gezwungen immer auf den Kitandas zu sitzen oder zu liegen, wurden im Vordergrund meistens kleinere Feuer unterhalten, die während der meisten Nachtstunden, so lange die Leute noch munter oder sich unterhaltend umherlagen, das dunklere Innere etwas erhellen sollten. Eines Abends also, alles hatte sich zur Ruhe gelegt, wurden die mitten im Lager angebundenen Ziegen unruhig und ein Posten, der es bemerkt, verscheuchte durch seine Annäherung das Raubthier; der auf dasselbe abgegebene Schuß aber alarmirte sofort das ganze Lager. Es war ein Panther, der nun, da er nicht im Stande war, den Ausweg zu ereichen, sich in eine der Soldatenhütten einschlich und unter eine Kitanda verkroch. Der betreffende Schläfer durch den Alarm ermuntert, bemerkte, daß unter seiner Schlafstelle etwas nicht in der Ordnung sein mußte und sich niederbückend, sah er beim Scheine des in der Nähe glimmenden Feuers vor sich die glühenden Augen des gefährlichen Raubthiers. Er folgte dem ersten Impulse das Thier zu verscheuchen, erfaßte einen glimmenden Holzscheit und schlug nach den funkelnden Katzenaugen.
Der Panther, von dem plötzlich entstandenen Lärm nun wohl schon ängstlich gemacht, wich dem Schlage aber aus, und die dünne Graswand durchbrechend, gewann er das Freie. Ein junger Teckel, der einzige den wir noch besaßen, hatte sich zu nahe gewagt und wurde von dem Panther erfaßt, während dieser den Gang zwischen Häuser und Hütten durchlief, hier über die Dornhecke setzte und im Walde verschwand, aus welchem das ängstliche Geheul des Hundes noch vernehmbar, allen anzeigte, welchen Weg der Räuber mit seiner auf der Flucht erfaßten Beute eingeschlagen hatte.
Sehr oft haben auf diese Weise die kühnen Panther uns die Nachtruhe gestört und meistens immer ein Zicklein oder größere Ziege erbeutet; weite Streifzüge sind unternommen worden oder den Räubern Hinterhalte gelegt, nie aber gelang es eines der gewandten Thiere bei der herrschenden Dunkelheit zu erlegen, höchstens wurde ihnen, die durch einen Schlag mit der mächtigen Tatze getödtete Ziege wieder abgejagt.
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Den Wald, den ich wie gesagt nach passenden Baumstämmen absuchte, lernte ich auf diesen Streifzügen genügend kennen ohne jedoch reichliches Material an jungen schlankgewachsenen Stämmen vorzufinden, im Gegentheil die Ausbeute war nur gering zu nennen, auch fand ich nur brauchbares Material an den hohen Ufern des jetzt trockenen Wildbaches vor, der diesen Wald durchschnitt und in der Regenzeit die Bergwasser dem Schireflusse zuführte.
Im tiefsten Walddunkel, wo das Unterholz weniger dicht und nur Farne unter den hohen Bäumen wucherten, fand ich auch unvermuthet eine Grabstätte, etwa fünfzig Gräber dicht an dicht gereiht. Kein Fuß eines Eingeborenen verirrte sich je hierher — selbst meine Leute vermieden diese Stätte zu betreten, wenn ich den einen oder anderen der kürzeren Entfernung wegen von dem Wildbache aus zum Lager sandte, und machten lieber einen Umweg. Einladendes hatte diese Grabesstille gerade nicht, so versteckt lag der Ort und so düster war die ganze Umgebung; jedes Grab war mit Topfscherben übersät, die den einzigen Schmuck der Hügel bildeten, soweit solche noch zwischen Gras und Kräuter erkennbar waren, sonst zeigte nichts an wer wohl unter einem der Hügel die Ruhe gefunden hatte. Genöthigt beständig zwei Leute, die der Sprache der Eingeborenen mächtig waren, zum Einkauf von Proviant auszusenden, — den Einkauf besorgte der Suaheli Hamissi, — sandte ich diese vorerst immer nach Perisi in welchem Dorfe mir die Zusage gegeben worden war meinen Boten Proviant verkaufen zu wollen. Durch diese Leute nun, die meistens auf solcher Tour zwei Tage ausblieben und Gelegenheit hatten Verschiedenes zu hören und zu sehen war ich einigermaßen von der Gesinnung der Bevölkerung unterrichtet und konnte aus den gemachten Mittheilungen entnehmen, daß die überall verbreitete Unzufriedenheit einen schlimmen Ausgang nehmen würde.
Am 21. Januar wieder nach Perisi zurückgekehrt, berichtete Hamissi, er sei durch zugezogene Leute im Dorfe während der Nacht überfallen worden und hätte nur dadurch die Angreifer von sich abgehalten, weil er gedroht habe zu schießen, am Morgen hätte er dann eiligst den Rückmarsch antreten müssen und von den eingekauften Vorräthen wenig mitnehmen können. Dieser Vorfall war um so bedenklicher, als die beste Quelle, woher ich Lebensmittel erhalten konnte, fortan für uns verschlossen war; es blieb mir daher nichts anderes übrig, als die Leute nun in die flußabwärts liegenden Dörfer zu senden, die weit zerstreut und wenig bevölkert, nur in geringem Maaße Naturalien abzugeben vermochten. Im Dorfe Mpimbi selbst war nichts zu erhalten waren auch Ziegen, Schafe und Hühner reichlich vorhanden, so weigerten sich die Bewohner doch, uns das Geringste abzulassen.
Die im Umlauf befindlichen Gerüchte ließen auf eine immer mehr wachsende Erregung schließen, nur wußte man nicht, woher[S. 218] solche kamen, auch fehlte dafür ein bestimmter Anhaltspunkt; so hatte ich auch persönlich das Gefühl, wenn ich auf dem Wege zur Werft oder im Dorf einem Trupp Männer begegnete, daß die schwarzen Gestalten sicher nichts Gutes im Schilde führten und diesen gegenüber Vorsicht geboten wäre.
Etwas freie Hand bekam ich erst durch die Ankunft eines Transportes von Katunga, der mir unter Führung des Maschinenmeisters Spenker und des Zimmermanns Ottlich Schiffsmaterial brachte, allein auch die Sorge für die Verpflegung erhöhte, denn ich hatte eine Verstärkung der Besatzung nicht gewünscht, schon aus dem Grunde nicht, weil es so schwierig war, genügende Lebensmittel zu erhalten; das nur war mir lieb, einen Vertreter jetzt im Lager zu haben, denn nun konnte ich daran denken, am anderen Schireufer eine Exkursion zu unternehmen, um im dichten Urbusch einige Bäume auszusuchen, die gefällt, zu Balken behauen werden mußten.
Auf dem linken Ufer fand ich solche hohen und geraden Bäume die dem Zweck entsprochen hätten nicht, waren doch zur Kielunterlage 200 Fuß Balken nöthig, welche das Gewicht des eisernen Körpers zu tragen hatten, auch mußte jeder Balken möglichst lang sein, um ein Einsinken in dem theils vom Flußwasser, theils vom Regen aufgeweichten Grund zu verhindern. Lange Wochen würde diese Arbeit in Anspruch nehmen und hatte ich mir deren Beendigung mit der Fertigstellung der Ausgrabung auf der Werft zusammenfallend gedacht, sofern das drohende Unwetter sich verziehen würde und ich in Ruhe meinen Plan zur Ausführung bringen könnte, der darin bestand, mit allen verfügbaren Kräften vorzugehen, sobald die nothwendigsten Arbeiten im Lager beendet sein würden. Es sollte freilich ganz anders kommen. —
Ich hatte den Abmarsch zum anderen Ufer nun einmal geplant, deshalb führte ich diesen am Morgen des 24. mit einer kleinen wohlausgerüsteten Truppe auch aus. Hätte mir ein Boot oder Kanoe zur Verfügung gestanden, würde der Marsch sehr verkürzt worden sein, indem ich dann direkt über den Fluß gesetzt wäre und versucht haben würde, durch das hohe Ufergebüsch einen Weg in das hinterliegende Terrain zu bahnen, so aber waren wir gezwungen, weit unterhalb Mpimbi die einzige Kanoefähre zu benutzen, welche von dem der Station Scharrer gegenüberliegenden Dorfe unterhalten wurde. Gegen eine Bezahlung in Zeug setzte uns auch der schwarze Fährmann mit seiner Nußschale hier über den stark strömenden Fluß, dann durch die Irrwege dieses ausgedehnten Dorfes, angekläfft von den höchst unansehnlichen Hunden, folgten wir einer bestimmten Richtung, bis wir schließlich, weithin sich erstreckende Maisfelder hinter uns lassend, an das hohe Ufer eines Nebenflusses des Schire gelangten und hier auf einem schmalen Fußpfad, durch Büsche und hohes Gras, vordrangen.
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Rasch marschirend, hatten wir bald ein welliges Terrain erreicht und konnten von freier gelegenen Punkten bessere Umschau halten, jedoch vergeblich suchten wir auf der weiten Fläche nach passenden Bäumen. Nur zur Linken, wo das tieferliegende Gelände weithin mit undurchdringlichem Gebüsch und Rohr längs dem ganzen Flußufer bedeckt war, ragten die Kronen hundertjähriger Baumriesen empor, deren Stämme schlank in die Lüfte strebten.
Vereinzelt freilich standen diese Bäume inmitten einer Wildniß, wie solche nicht großartiger gedacht werden kann; ein fester Wall, eine lebende Mauer schien hier aufgethürmt zu sein, die sich kein Menschenkind unterfangen konnte zu durchbrechen. Meilenweit schon hatten wir den einzigen Pfad verfolgt, der zu einer bewohnten Stätte führen mußte, aber auch vergeblich versucht, links durch das Dickicht zu dringen, immer wieder mußten wir zurückweichen. Endlich, in einer Senkung sahen wir eine Lücke, wo das Dickicht zurücktretend, einer ausgedehnten saftigen Wiese Raum gelassen hatte und hier gelang es erst einem der mächtigen Bäume nahezukommen. In 50 Fuß Höhe begannen die fast wagerechten Aeste sich erst auszubreiten, die Krone des Baumes war gewaltig, der Stamm wohl zwölf Fuß im Umfang und fast wollte es mir als zu schwer erscheinen, aus solchem Riesen einen passenden Balken zu behauen, aber waren alle anderen im dichten Gebüsch nur annähernd so, dann blieb nichts anderes übrig, als rüstig an die Arbeit zu gehen.
Beim weiteren Suchen fanden wir auch einen Flußpferdpfad, und da dieser sicherlich zum Wasser führt, bot sich die einzige Möglichkeit in das Dickicht vorzudringen; schnell entschlossen folgte ich diesem, hoffend, jenen Bäumen näher zu kommen, die für uns sonst unreichbar waren. Auf ausgetretenem schlammigen Grund, den die Füße der mächtigen Thiere zerstampft hatten, schritten wir fort, über uns Strauch, Busch und Rohr, gleich einer festverbundenen Decke und im Gange selbst tiefe Dämmerung, nur zuweilen brach ein schwacher Lichtstrahl durch die grüne Wölbung. Ueber Wurzeln und wie Hanftaue starke Schlingpflanzen zu stolpern, war kein angenehmes Wandern, Zweige, die einem Kiboko nicht hinderten, sperrten uns den Weg und mancher empfindliche Schlag traf dazu das Gesicht. Indes nach längerem Vordringen kamen auch freiere Stellen, wo man sich besser bewegen konnte und weniger dichtes Gebüsch eine Umschau gestattete. Es gelang auch mit Buschmessern eine Bahn zu hauen und zu mehreren Bäumen heranzukommen, jedoch wider Erwarten waren deren Stämme zu krumm, oder ihr Umfang zu gewaltig und nur zwei hätte ich als brauchbar bezeichnen können.
Da nun der Zweck erreicht war, so folgten wir den Spuren der Flußpferde, nur um unsern Durst am frischen Wasser zu löschen[S. 220] und standen endlich nach vielen Mühen am Ufer des Flusses, den wir am frühen Morgen nahe seiner Einmündung in den Schire bereits gesehen hatten. Das Flußbett schien an dieser Stelle eine Strecke auf- und abwärts tief zu sein, was in mir den Wunsch erweckte, dasselbe genauer zu untersuchen, denn vielleicht wäre es möglich, die Balken später flußabwärts zu flößen, das einfachste und bequemste Mittel, uns die schwere Arbeit zu erleichtern. Gesagt, gethan — an der Uferböschung entlang ging es vorwärts, nicht achtend der spitzen Stacheln, des messerscharfen Schilfgrases und der Stiche blutdürstiger Insekten und möglichst mit dem Flusse Fühlung haltend, bemerkten wir bald flacheres Wasser und indem wir nun den strapaziösen Weg im Gebüsch aufgaben, schritten wir auf dem Flußgrunde und über freiliegende Sandbänke fort.
Der Ausdehnung nach zu urtheilen, welche das größtentheils jetzt trockene Flußbett hatte, mußten hier zeitweise gewaltige Wassermassen dem Schire zugeführt werden und wo wir jetzt trockenen Fußes gingen, sich wilde Wogen wälzen, was aus dem starken Gefälle zu schließen war. Ich hatte mich auch bald überzeugt, daß es eine Unmöglichkeit war, zur Zeit diesen Fluß zu benutzen, selbst sein seichtes Bette bot nicht mal einen bequemeren Weg; darum, sobald das dichte Ufergebüsch hinter uns lag, kletterten wir die steilen Uferwände wieder hinauf und setzten unsern Weg quer landeinwärts fort.
Zwar hatten wir am anderen Ufer eine Strecke ins Land hinein, wo ein unabsehbarer Urwald sich ausdehnte, hunderte der schönsten Bäume erkennen können, doch nahm ich vorläufig davon Abstand, dieses näher zu untersuchen, einestheils weil der Fluß zu überschreiten war, anderntheils auch der Weg dorthin noch schwieriger erschien. Keinen Augenblick im Zweifel, wie groß die Schwierigkeiten sein würden, welche das Schlagen breiter Wege in solchem Terrain verursachen mußten, war mir das Eine klar, daß dieses Werk nur mit Energie begonnen und mit festem Willen zu Ende geführt werden könne. Major von Wißmann selber, in dessen Lexikon das Wort »Unmöglich« nicht verzeichnet steht, würde solcher Aufgabe seine Anerkennung nicht versagt haben, hätte er persönlich sich von den Mühen und Fährlichkeiten überzeugen können; so schwierig wenigstens hätte sich der große Kenner Afrikas diese Arbeit auch nicht vorgestellt. Und doch war es nur erst der Anfang!
In später Nachmittagstunde den Weg wieder kreuzend, den wir am Morgen verfolgt, nahm ich mir einen Mann mit und schritt rüstig dem Schire zu, um mit dem Häuptling jenes Dorfes nähere Vereinbarung zu treffen, uns die Fähre und Wege durch sein Dorf benutzen zu lassen, während Ottlich mit den Leuten weiter vordringen sollte, theils das Terrain zu erkundigen, theils Bäume noch auszuwählen, damit der vorläufige Bedarf an Balken gedeckt würde.
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Um das einmal begonnene Werk nun auch fortzusetzen, da es das schwierigste war, welches vorläufig unternommen werden mußte, so suchte ich mir die besten Leute aus, die eine eigene Kolonne bilden und beständig für die Arbeiten im Urbusch verwendet werden sollten, wenigstens so lange, bis die erbetenen schwarzen Zimmerleute, ausgebildete Missionszöglinge, von Blantyre durch Dr. Röver übersandt werden konnten. Zunächst jedoch führte ich noch selber diese Abtheilung, bis im Dickicht gangbare Wege zu jenen Baumriesen geschlagen waren, dann überließ ich das weitere Ottlich, der nach Bedarf die Leute vertheilen und anstellen konnte. Wäre nicht die schwierige Frage der Proviantirung gewesen, hätte ich den Leuten in der Wildniß Hütten bauen lassen, um diesen den beschwerlichen Marsch von zehn englischen Meilen täglich zu ersparen und durch so verlorene Zeit die Arbeit zu fördern gesucht.
Die deutsche Expedition, in friedlicher Arbeit auf englischem Gebiet, hätte keine Ursache haben sollen, die Verwicklungen weiter zu beachten, welche den Engländern mit den Eingeborenen dadurch entstanden, daß sie deren Häuptlinge zur Botmäßigkeit zwingen wollten, die Ausdehnung der englischen Macht sollte mit dem Wunsche nach Landbesitz gleichen Schritt halten.
So war es möglich, daß zwischen Zomba und Fort Johnston der Aufstand ungehindert ausbrechen konnte, selbst wir Deutsche uns selber schützen mußten, ja mehr, die völlig unzureichende Macht mit allen Kräften zu unterstützen hatten, um von ihr und uns großes Unheil abzuwenden. Die Ursachen zu der allmählich sich entwickelnden großen Unzufriedenheit in der Bevölkerung liegen unzweifelhaft tiefer; zieht man aber die Methode der Engländer in Betracht, wie sie ihren Kolonialbesitz zu mehren suchen, geht man nicht fehl, zu behaupten, daß oft absichtlich der böse Same ausgestreut wird, der aufschließend die Empörung bringt, dann aber den Engländern nach der Niederwerfung eines Aufstandes auch das gewünschte Recht giebt, um den Empörern alles zu nehmen. Was nicht kaufmännische List und diplomatische Kunst fertig gebracht, vollbringt die Gewalt!
Ich greife zurück auf die unter der Asche glimmende Gährung in der Bevölkerung, die nur eines Anstoßes bedurfte, um blutig aufzuflammen; vielleicht war dieser zu früh gegeben, vielleicht auch nicht. Einzugreifen sah sich der englische Kommissar Mister Johnston genöthigt, als Sklavenjäger vom portugiesischen Territorium einfallend, selbst bei Zomba, dem Sitze der Regierung, einen Mann wegraubten, und später, oberhalb des Flusses bei Lionde mit der Bevölkerung gemeinsame Sache gemacht hatten. Unter dem Vorwande nun, daß ein Halbaraber in einem Dorfe am rechten Ufer einen Knaben als Sklaven erstanden habe, dieser wenigstens mit Wissen des Dorfhäuptlings verkauft sei, sandte der Kommissar eine[S. 222] kleine Abtheilung unter Befehl des Sergeanten Hoarse aus, den Sklavenhändler festzunehmen. Hoarse, der während unserer Anwesenheit in Mpimbi bisher die neben unserem Lager befindliche Station vorgestanden und eigentlich nur als Expedient für die mit offenen Booten nach Fort Johnston zu schaffenden Briefschaften und Regierungswaaren fungirt hatte, gleichwohl aber auch in Mpimbi Steuererheber etc. war, brach am 23. Januar auf.
Auf dem Marsche nach seinem Bestimmungsort traf es sich, daß der Kommandant von Fort Johnston, Capitän Johnston, flußabwärts kommend, im Begriff, eine Erholungsreise nach Blantyre zu machen, diese kleine Expedition am Schireflusse begegnete, daher die Weiterreise aufgab, um die Führung zu übernehmen. Es gelang dem Kapitän auch, des Arabers habhaft zu werden, aber, ob mit Recht oder Unrecht, er ließ zur Strafe das von den Einwohnern verlassene Dorf niederbrennen und die wohl hierdurch zur Wuth gereizten Eingeborenen eröffneten den Kampf.
Auf dem Rückmarsch im hohen Grase, wo auf schmalem Fußpfad nur Mann für Mann marschiren konnte, ging der wohlgedeckte, an Ueberzahl viel stärkere Feind zum Angriff über; im ersten Angriff zersprengte er die langgezogene Linie, schnitt die Fliehenden von dem Führer ab und die Nachhut unter Hoarse, ein aufgelöstes Häuflein, rettete sich durch Schwimmen an das andere Ufer. Nur eine kleine Zahl Makualeute blieb dem Führer treu, der, seiner Waffen und Patronen durch die Flucht seines Dieners beraubt, stundenlang die Feinde abwehrte und langsam mit den Verwundeten vordrang, während die Gefallenen liegen blieben. Die That und Opfermuth eines Mannes hebt Capitän Johnston besonders hervor. Umringt von Feinden sieht ein Makua im hohen Grase einen im Anschlag liegenden Feind, die Gefahr erkennend, in welcher sein Führer schwebt, springt dieser Mann vor und jagt dem Feinde einen Handspeer in die Brust, sinkt aber auch, von dessen Kugel getroffen, schwerverwundet nieder. Seinen braven Retter hatte Capt. Johnston nun auch noch mitzuschleppen. Dennoch müssen die Verluste der Angreifer durch das gutgezielte Feuer beträchtlich gewesen sein, denn der Feind zog sich schließlich langsam zurück und verschaffte dadurch den Bedrängten wieder Luft. Unzweifelhaft war es eine tüchtige Schlappe, welche den Engländern beigebracht worden war, es waren weniger die Verluste, die zu beklagen — die meisten der anfänglich Vermißten fanden sich wieder ein — als daß der zweifelhafte Erfolg nun den Aufstand mit einem Schlage ausbrechen ließ.
Entblößt von allen Soldaten — Fort Johnston durfte um keinen Preis geschwächt werden — lag es nun nicht mehr in der Macht des Kommissars, den einmal entfachten Brand zu dämpfen. Ueberraschend schnell waren die Ereignisse gekommen, unerwünscht für jetzt und unerwartet; die hundert längst schon erwarteten[S. 223] Soldaten eines indischen Regiments der Sikhs wollten noch immer nicht eintreffen, daher war es nicht zu verwundern, daß die schutzlosen Bewohner Blantyres den Maßnahmen des Gouvernements keine besonderen Sympathien entgegenbrachten.
Von allen Vorgängen unterrichtet, da solche unter meinen Augen sich abspielten, war es meine Pflicht, auf den Schutz des großen Lagers, das noch reiche Vorräthe der Vorexpedition enthielt, bedacht zu sein, daher ließ ich alle Außenarbeiten auf der Werft und im Urbusch aufgeben, im Lager aber an geeigneten Punkten Erdwälle und Bastionen aufwerfen, ebenso auch Schußlinien in den dichten Wald hauen, während hinter der englischen Station das Terrain rasirt wurde, um uns und dieser frei Feld zu schaffen.
Dem Gebote der Nothwendigkeit folgend, mußte ich auch den Holz und Bambusrohr aus den Bergen holenden Leuten Waffen mitgeben, hatten sie doch stundenweit bis zu diesen zu gehen, in deren Walddickicht und Schluchten sich Aufständige verborgen hielten, um gelegentlich Leute wegzurauben. Das Schicksal derselben war nächst Mißhandlung die Sklaverei, und manchem der frei Aufgewachsenen wurde hierdurch ein trauriges Loos bereitet.
Höchst überrascht wurde ich eines Morgens durch die Ankunft des Arabers Beccari ben Umari, der von Lionde kommend bei mir vorsprach, ehe er weiter nach Zomba und Blantyre marschirte. Mir wollte es scheinen, als wenn der schlaue Fuchs sich hier nur orientiren, in Zomba nur seine Ergebenheit bezeigen und den Verdacht ein Sklavenhändler zu sein von sich abwälzen wollte. Wie dem nun auch sei, er ist mit seinem Gefolge unbelästigt wieder nach Lionde zurückgekommen, betrat aber das deutsche Lager nicht wieder, weil ich ihm Vorhaltungen über seine Wortbrüchigkeit gemacht hatte, erwiederte er doch dreist darauf, ich hätte ihm Boote oder Kanoes sowie den Kaufpreis schicken sollen, dann hätte er das Versprochene übersandt, — ebenso hatte die nicht besonders höfliche Aufnahme seiner werthen Person es ihm gerathen erscheinen lassen schleunigst wieder abzuziehen. Am 26. Januar traf die Nachricht ein, die Aufständigen hätten ein Boot der African Lakes-Komp. genommen, die Besatzung, die vom Nyassa-See zurückgekehrt sei aufgegriffen und getödtet worden. Zwei Tage später kamen zwei arg zugerichtete Leute zu mir ins Lager und baten um Hilfe, sie gehörten ihrer Aussage nach zu dieser Bootsbesatzung und berichteten, daß nur einer getödtet sei, ihnen beiden aber es erst gelungen wäre zu fliehen, nachdem man sie so zugerichtet und halbtodt hätte liegen lassen. Der eine war sehr schwer am Fuß verletzt, sein Rücken durch die Mißhandlungen eine offene Wunde, der andere hatte zwei Speerstiche in der rechten Seite, die Kopfhaut und das rechte Ohr waren stark verletzt, im übrigen hatte er wie sein Kamerad einen ebenso zerschlagenen Rücken. Vollständig[S. 224] nackt durch Blutverlust und Schmerzen aufs Aeußerste erschöpft hatten sich die Kerle zwei Tage lang in glühender Sonne und gequält von den gierigen Insekten bis hierher geschleppt. Es scheint fast übermenschlich, was diese Leute haben aushalten müssen, — ein Europäer wäre sicherlich mit solchen Wunden nicht weit gekommen, er hätte erliegen müssen; die Negernatur dagegen ist anders geartet, das Nervensystem zum mindesten nicht so ausgebildet und feinfühlend, wie das des weißen Mannes.
Da die englische Station in dieser Zeit tagelang nicht besetzt war, denn nach dem Kampfe war alles mit den Verwundeten nach Blantyre marschirt, hatte ich die Sorge für die verstümmelten Leute zu übernehmen. Aber auf alle Fälle vorbereitet, hatte ich die Mittel zur Hand, ihre schlimmen Wunden zu reinigen und zu verbinden; in der That von den schwarzen Körpern blieb nicht mehr viel zu sehen übrig, nachdem die Prozedur beendet war!
Durch solche Vorgänge wurde natürlich die Besorgniß immer mehr gesteigert; schlimme Gerüchte über die Grausamkeit der Feinde waren im Umlauf und in Folge dessen wurden auch alle Stationen bis Matope verlassen, sodaß wir vier Deutsche mit unserer kleinen Anzahl Leute allein in all dem Aufruhr standen. Ich sandte auch bewaffnete Abtheilungen bis zu den nächsten Dörfern, theils um Proviant zu kaufen, theils um Nachrichten zu sammeln, und diese benachrichtigten denn auch, daß die Sachlage nicht so schlimm sei wie die Gerüchte sie machten; erst wenn die Bevölkerung hinter uns in den Aufstand mit eingriff konnte es gefährlich werden, denn dann gänzlich abgeschnitten von allen Verbindungen, wäre die Proviantirung eine heikle Frage geworden, — gab es doch jetzt schon Tage, an welchen ich den Leuten kaum mehr die halbe Ration austheilen konnte! —
Die Macht im deutschen Lager mußte aber doch auf die nächste Bevölkerung eine gewisse Wirkung ausüben, denn ungehindert konnte ich wieder die Suaheli unter Ottlich in den Urbusch senden, wobei täglich die Eingeborenen sich davon überzeugen konnten, daß wir Waffen genug haben, uns zu wehren, und obgleich diese nur mehr zur Schau getragen wurden, da die Nothwendigkeit es einmal bedingte, so sollte doch unter keinen Umständen davon Gebrauch gemacht werden. Nur ein Mal ist der Fall eingetreten, daß eine kleine Abtheilung in den Bergschluchten angegriffen wurde, aber einige aufs Geradewohl abgegebenen Schüsse schon genügten die Angreifer zu verscheuchen.
Am 4. Februar kamen in den Nachmittagsstunden gegen 30 Leute in das Lager und berichteten mir, zwischen Lionde und Perisi sei ein Europäer ermordet worden, sie, seine Träger und Diener hätten vor den Feinden fliehen müssen und alle Sachen, Gewehre etc. seien diesen zur Beute gefallen. Mir fielen die unsicheren Angaben des Kapitaos auf, und eingehender die Leute[S. 225] examinirend, da es für mich von Wichtigkeit war, über die Stellung der Aufständigen genaue Auskunft zu erhalten, wurde es mir klar, daß schon bei den ersten Schüssen die feige Gesellschaft geflohen und ihren Herrn im Stiche gelassen hatte. Ich übergab darauf die Kerle, welche steif und fest behaupteten ihr Herr sei todt, dem Sergeanten der englischen Station, der sie nach Blantyre expedirte, wo später, nachdem der Todtgeglaubte wiederkam, den Händen der Feinde glücklich entronnen, der Kapitao und einige andere bestraft worden sind. Jedenfalls aber setzte diese Nachricht und die Nähe der Aufständigen alles in Alarm, und als mir gemeldet wurde, die Straße nach Blantyre sei nicht mehr sicher, ebenso der Weg nach Zomba, auf ersterer seien schon Träger überfallen worden, durfte ich nicht länger zögern, sondern fertigte Eilboten nach Katunga ab, die dort um schleunigste Unterstützung nachsuchen sollten.
Der Sachverhalt dieses Vorganges war folgender: Vor Monaten waren zwei Sportsleute, englische Offiziere, ein Mister Wetterly und Koe in dieses Land gekommen, um der Jagd nach unsern größten Vierfüßlern den Elephanten obzuliegen. Ich kann nicht behaupten, ob sie Erfolg gehabt, nur soviel ist gewiß, daß sie der mit solcher Jagd verbundenen Strapazen überdrüssig, sich auf dem Rückmarsch befanden, sich aber getrennt hatten und Mister Koe, ohne vielleicht eine Ahnung von dem kürzlich ausgebrochenen Aufstand zu haben, hatte sich sorglos dem Schirefluß genähert. In dieser heißen Gegend empfindet man es als eine Wohlthat, wenn nach beschwerlichem Marsche oder der Tagesgluth ein Bad den erschöpften Körper erfrischen kann, und dieser Gewohnheit gemäß hatte sich Mister Koe verleiten lassen, am Nachmittag des 2. Februar im Schirefluß zu baden, ahnungslos, daß verborgene Feinde nur eine Gelegenheit abwarteten, den Ueberfall in dem Augenblick zu wagen, wenn der weiße Mann wehrlos sein würde.
Er hatte sich weiter vom Ufer entfernt als es nöthig, und der Krokodile wegen wohl rathsam gewesen wäre, da plötzlich umsausten ihn die Kugeln und das Ufer von Feinden besetzt, blieb ihm nichts anderes übrig als durch Tauchen den feindlichen Geschossen zu entgehen. Lieber wollte er dem gefräßigen Krokodil zur Beute fallen, als wehrlos und verwundet den martervollen Tod von den Händen unbarmherziger Menschen sterben. So nackend wie er war mußte er nun am rechten Ufer seinen Verfolgern zu entgehen suchen; durch Gras und Busch, zerschnitten von dem scharfen Schilf und geschunden von Dornen und Hecken in wegloser Oede wandte er sich landeinwärts.
Was die Kälte der Nacht für einen Europäer in solchem Zustand auf sich hat, ist wohl kaum zu beschreiben, noch weniger die glühende Hitze am Tage, die blutgierigen Mosquito und andere[S. 226] Insekten hatten ihn dazu furchtbar geplagt. Wollte er nicht elend verkommen, mußte er am anderen Morgen in der Sonnengluth vorwärts und auf unbetretenen Wegen mühsam sich auf gut Glück weiterschleppen, bis er schließlich vollständig erschöpft an einem Fußpfad niedersank und seine eventuelle Rettung aus dieser qualvollen Lage dem Schicksal anheimstellte. Halb schon bewußtlos schreckte ihn das Geschrei einiger wasserholenden Weiber der Angoni, an deren Landesgrenze er angelangt, aus seiner Apathie auf, wohl flohen diese, als sie den weißen Mann im elenden Zustande liegen sahen, brachten aber doch ihrem Häuptling Nachricht, und dieser, so gut er es vermochte, hat ihn gekleidet und gepflegt bis ein Bote von Mpimbi schleunige Hilfe herbeigebracht hatte. Was für Strapazen, welche Empfindungen dieser Mann durchgemacht, kann wohl keiner nachfühlen, er weiß es nur allein, was es heißt nackend in kalter Nacht, in glühender Sonne, geschunden, bis zum Tode matt vor einem grausamen Feinde fliehen zu müssen; bleich und still verblieb er tagelang auf der Station, ehe er transportfähig war, und ich habe von den verschlossenen Lippen nur wenig vernommen. —
Dieser Vorfall nun, der keineswegs die Gefährlichkeit des Aufstandes mehr unterschätzen ließ, brachte Leben und Bewegung in die englische Verwaltung, vor allem, da es sich noch um das unbekannte Schicksal des Mister Weterly handelte, der ebenso abgeschnitten und vielleicht getödtet werden konnte. Alles was an Makua, Suaheli und Atongaleuten aufzutreiben war, etwa 200 Mann, wurde bewaffnet nach Mpimbi geführt und hier vor dem deutschen Lager unter Kommando von Kapitän Jonston und von anderen, als Mister Sharp, Steavenson und Hoarse gedrillt. Es war eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft, von der etwa 30 Makua das beste Material, mit der ein Kriegszug eröffnet und der Aufstand niedergeworfen werden sollte.
Die Feinde, deren Zahl nach den Nachrichten zu urtheilen beständig anwuchs, hätten leicht, wenn eine einheitliche Führung vorhanden gewesen wäre, alles überlaufen können, und ich bezweifle, ob ich mit meiner kleinen Schaar gegen solche Uebermacht, abgeschnitten von aller Hilfe, hätte Stand halten können, sobald die Bewohner Mpimbis mit ihren Freunden gemeinsame Sache gemacht hätten. Mir wäre nichts anderes übrig geblieben, als bis zum Letzten zu kämpfen und mich unter den Trümmern des Lagers begraben zu lassen. Aber wie ich schon früher erwähnt, liegt die Schwäche dieser zahlreichen feindlichen Krieger in der Uneinigkeit ihrer Häuptlinge, ihre Macht und Stärke kennen sie eben nicht und lassen durch unnütze tagelange Schauri die günstigste Zeit verstreichen. Schon ein kleiner Erfolg versetzt alle in Extase, und ob sie auch nicht feige, werden sie doch, durch Uneinigkeit getrennt, von dem sehr viel schwächeren Gegner geworfen.
[S. 227]
Obgleich die Lage in diesen Tagen bedenklich genug war, kann ich doch ohne Rühmen behaupten, daß die deutsche Vorhut, deren Macht der Feind zum Glück sehr überschätzte, das einzige Bollwerk gewesen ist an welchem der Aufstand sich brach, insofern als die Bevölkerung diesen Vorposten zu sehr gefürchtet hat; sonst, da der Aufstand lawinengleich anwuchs, hätten, die Völker zu den Waffen gerufen, ob uneinig oder nicht, solche Schaaren die wenigen Engländer erdrücken müssen!
In dieser Zeit war ich gezwungen alle meine Leute im Lager zu behalten und alle Arbeiten außerhalb aufzugeben, es wurden nur noch Proviantpatrouillen ausgesandt sonst aber tüchtig exerzirt. In dunkler Nacht, worauf es hauptsächlich ankam, ließ ich durch Schüsse öfter das ganze Lager alarmiren, und fand ich jeden Mann auf seinem Posten, dann rief die Trompete auch wohl zum Rückzug oder schnellem Avanciren — so übte und drillte ich mir die Leute, um allen Eventualitäten nach Möglichkeit gewachsen zu sein. Ottlich zwar, der nun einige Zimmerleute zur Verfügung hatte, Eingeborene dieses Distrikts, ließ ich immer noch in den Urbusch hinausziehen und das Behauen der gefällten Bäume fortsetzen. Diese Leute, die bei freier Station gut bezahlt wurden, 15 bis 20 Rupien den Monat pro Mann, dazu für längere Zeit engagirt waren, konnte ich nicht unthätig im Lager behalten, auch lag mir viel daran der Dorfbevölkerung zu zeigen, daß wir unbeachtet aller Vorgänge weiter oberhalb des Flusses, uns nicht abhalten lassen friedlicher Arbeit nachzugehen.
Mehrmals berichteten mir die Zimmerleute und namentlich Ottlich, der es vorzog öfters im Urbusch Streifzüge zu unternehmen, unter anderen verfolgte er jenen von uns früher begangenen Fußpfad und fand an dessem Ende ein Wangonidorf, auch überschritt er den Nebenfluß des Schire und untersuchte jenen schönen Waldbestand, den wir früher gesehen und der herrliche Bäume aufzuweisen hatte aber eine Begräbnißstätte war, daß sie nebst anderen wilden Thieren Löwen gesehen hätten, auch einst den Thieren unvermuthet nahe gekommen wären und nur durch schnelle Flucht sich ihnen entzogen hätten. Mir war es nichts Neues das zu hören, machte ich doch später selber in jener Gegend die unliebsame Bekanntschaft mit dem König der Thiere, aber die Besorgniß wollte mir etwas übertrieben erscheinen, ich beschwichtigte diese jedoch indem ich einige Leute mehr und alle gut bewaffnet, mit hinausziehen ließ.
Fataler war ein Vorfall der am 6. Februar passirte: Ottlich war wie gewöhnlich am frühen Morgen mit seinen Leuten ausgezogen, und bereits an das andere Ufer des Schire mit der Kanoefähre gesetzt worden, als ihm beim Durchmarsch durch das Dorf von den Bewohnern der Weg verlegt wurde, die drohend die Waffen schwangen und denen er schließlich weichen mußte ohne sich erklären zu können aus welcher Ursache diese feindliche Haltung[S. 228] hervorgegangen war. Er verstand leider kein Wort der Landessprache ebensowenig Suaheli und brachte daher diese Haltung der Dorfbewohner in Zusammenhang mit dem Aufstand, die Zimmerleute indes, die den Sachverhalt erkannten, suchten auf gütlichem Wege den Streit beizulegen und brachten es dahin, daß zwei Abgesandte mit zum Lager gesandt wurden, die mir ihre Beschwerden vorbringen sollten. Als diese ins Lager gekommen waren beklagten sie sich darüber, daß der weiße Mann ihren geheiligten Todtenhain betreten hätte mit der Absicht Bäume zu fällen, worunter ihre Todten begraben liegen, dieses aber würden sie nicht dulden, und voraussetzend meine Leute wollten nochmals dorthingehen, haben sie es verhindert. Obwohl ich wußte, daß Ottlich ohne Auftrag gehabt zu haben jenen Hain betreten hatte, stellte ich mich doch so, als wenn mir dieses neu wäre, konnte aber den Abgesandten die Versicherung geben, daß kein Baum angerührt noch irgend ein Grab beschädigt worden sei, in Zukunft auch Niemand mehr jenen Waldtheil betreten werde. Ein kleines Geschenk stellte sie denn ganz zufrieden. Die Abtheilung aber ließ ich sofort wieder mit ihnen gehen, indem ich die Abgesandten aufforderte sich von jenen Orten zu überzeugen, wo wirklich Bäume gefällt sind und gearbeitet wurde.
Dieser Vorfall bewog mich indes, da ich in dieser Zeit der Aufregung dem geschlossenen Frieden nicht mehr recht traute, an diesem Tage die Leute zum letzten Male hinauszusenden, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß die Abtheilung im Urbusch gelegentlich mal leicht gefährdet sein könne. Auch durch die jetzt schnell heranstürmenden Ereignisse wurden wir verhindert vorerst daran denken zu können diese Arbeit wieder aufzunehmen. —
Eigenthümliche fast kuriose Anschauungen fördert der Ahnenkultus zu Tage, der von allen diesen Völkern geübt wird. Der krasse tief eingewurzelte Aberglaube ist es, der fast immer die Handlungen der Einzelnen sowie der Gesammtheit leitet, auch zu bestimmten Gebräuchen hat dieser die Veranlassung gegeben, namentlich bei den Todtenfesten. Der Medizinmann (Zauberer), die geachteste Persönlichkeit in jedem Dorfe, ist sozusagen die Verkörperung des Unbegreifbaren für Jedem, und achtungsvoll lauscht Jung und Alt seinen Worten, wenn er gelegentlich seine prophetische Gabe zum besten giebt oder Beschwörungen vornimmt. So bannt z. B. dreitägiger toller Lärm den Geist eines Verstorbenen in der Hütte, die über dessen Grab eingerissen wurde; Grabstätten vornehmerer Todten aber, die an einsamen Orten unter den schönsten Bäumen errichtet wurden, dürfen nie zerstört werden damit die dort weilenden Geister nicht vertrieben und umherwandernd Unheil anrichten, namentlich an dem Lebenden sich rächen können, die diesen einst Uebels gethan. Solcher Aberglaube hat mir später noch genug Scherereien und manche schlaflose Nacht bereitet — doch ich will[S. 229] nicht vorgreifen, sondern die Ereignisse wie sie auf einander folgten, aufzählen.
In Mpimbi also wurden nun die in größter Eile von den Plantagen zusammengerafften Leute von den Engländern einexerzirt so gut es eben gehen wollte. Einem Offizier, wie Kapitän Johnston, konnte es natürlich nicht zweifelhaft sein, daß mit solchem Menschenmaterial so gut wie nichts anzufangen sei, vielmehr im ersten Kampf schon die Gefahr nahe lag, es würde die größte Unordnung vorherrschen, war doch zu befürchten, daß Leute, die nie an Ordnung gewöhnt, nie ein Gewehr in Händen gehabt, mit den Waffen Freund und Feind leicht verletzen konnten. Die Exerzitien liefen denn auch nur darauf hinaus, den Abtheilungen beizubringen, auf das Kommandowort ihres Führers zu hören, den Gebrauch der Gewehre zu erklären und Zielübungen vorzunehmen.
Damit auch Freund und Feind zu unterscheiden sei, wurden den Atonga rothe Turbans und Armbinden, den Makua und Suaheli aber gleiche weiße Abzeichen gegeben; die Kapitaos der Atonga, von denen jeder 10-20 Mann hatte, trugen dazu als Abzeichen hinten herabfallende Decken, in allen Farben schillernd, und bunten Federschmuck in den wolligen Haaren. Uebereifrig und kampfbegierig wie diese Leute waren, machte es einen imposanten Eindruck, die so geschmückten Krieger vor der Front hin und her springen zu sehen; führten sie aber ihre Kriegstänze auf, bot die bunt durcheinander, bald im langsamen Tempo, bald im wilden Ansturm tanzende und laufende Menge ein groteskes Bild. Angefeuert durch einen wilden, unharmonischen Gesang, konnten die Leute sich bis zur Wuth dadurch aufreizen lassen — die Wildheit ihrer Bewegungen, das Geheul und Waffenschwingen, wenn sie urplötzlich gegen die Zuschauer anstürmten und kaum einige Zoll vor den Europäern dieselben parirten und zurücksprangen, mußte in Jedem, der nicht mit solchem Waffentanz vertraut war, ein etwas unbehagliches Gefühl erwecken.
Am 8. Februar, Nachmittags, kaum daß etwas Disziplin in die ungeordneten Haufen gebracht war, brach der Kommissar Mr. Johnston mit seiner Kolonne auf und in langen Zügen, voran die Krieger, denen die Träger-Abtheilung folgte, marschirten alle durch unser Lager, um durch den Wald den freien Fußpfad nach Perisi zu gewinnen. Man kann sich kaum denken, wie stolz und selbstbewußt der Neger einherschreitet, sobald sein Lieblingswunsch erfüllt ist, ein Gewehr zu besitzen, unüberwindlich dünkt er sich — obwohl er die Waffe kaum zu hantiren versteht — Pfeil und Speer in seiner Hand sind viel gefährlichere Dinge als das beste Gewehr. Gebräuchlich ist es heute bei den kriegführenden[S. 230] Parteien, die Macht nach der Anzahl vorhandener Gewehre abzuschätzen; der Kampf wird dadurch weniger blutig, weil sie mit diesen Waffen noch nicht recht umzugehen verstehen, allein das Bewußtsein schon, dem gleichartigen Gegner überlegen zu sein, verbürgt oft den Sieg. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr aber erwächst den Europäern, sofern nicht der Gewehrhandel, der im Geheimen trotz aller Verbote schwungvoll betrieben wird, nach Möglichkeit unterbleibt — der Neger lernt schließlich auch das Schießen — und wo heute noch eine Handvoll Europäer gefürchtet wird, ist diese späterhin nicht mehr zureichend, schreitet auch die Kultur unaufhaltsam vorwärts, wird doch der Kampf immer heftiger entbrennen! Ich kenne Volksstämme, deren Unterwerfung sehr viel Blut gekostet hat, ehe die Schuld Weniger ausgetilgt wurde; sicherer noch im Gebrauch der Waffen wie der Europäer, waren die Eingeborenen furchtbare Gegner, — ich will hier nur der Anstrengung Erwähnung thun, welche es den Spaniern gekostet hat, die Carolinen-Inseln zu unterwerfen.
Ich kann wohl sagen, als die kampfesmuthigen Schaaren im Lager an mir vorüberzogen, stieg doch ein leiser Zweifel in mir auf, ob nicht dieser zur Schau getragene Enthusiasmus sehr bald schwinden würde! Mir wollte es scheinen, als könnten solche Leute nur zum Niederbrennen der Dörfer, Marodiren etc. gut genug sein, zu einem geordneten Widerstand gegen einen energischen Feind aber nicht tauglich wären. Meine Leute, in deren Augen die Atonga namentlich, nicht für voll galten, meinten: bwana, diese laufen beim ersten Bumbum weg, indes beide Theile hatten noch kein Pulver im Ernstfall gerochen und es kam erst auf eine Probe an, ob die Atonga nicht besser seien als ihr Ruf. Ich habe freilich im Kampfe sehr schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht, in allem Uebrigen sie aber viel höher schätzen gelernt als jeden anderen Volksstamm. In ihrer Heimath am Nyassa sind sie ein kleines aber tapferes Volk, das seine Unabhängigkeit gegenüber mächtigen Stämmen bis heute gewahrt hat.
Vorläufig noch mit dem Schicksal der kleinen englischen Truppe unbekannt, die allem Anscheine nach auf einen gewissen Sieg rechnend, so frohgemuth dem Kampf entgegengezogen, war ich in den nächsten Tagen nur darauf bedacht, durch scharfe Wachsamkeit bei Tag und Nacht jeden Angriff oder plötzlichen Ueberfall, wie ich einen solchen auf gewisse Nachrichten hin erwarten konnte, unmöglich zu machen. Aufreibend war der Wachtdienst, namentlich für uns Europäer, da in jeder Nacht eine scharfe Kontrole ausgeübt werden mußte; wußten die Posten auch, was bei einer Sorglosigkeit ihrerseits auf dem Spiele stand, so war doch die unausgesetzte Gegenwart eines Europäers nöthig, damit jeder seine Pflicht erfüllte.
Am 10. Februar traf in den Abendstunden die erbetene[S. 231] Verstärkung von Katunga im Lager ein, es waren drei Europäer, 14 Sudanesen und worauf ich nicht gerechnet hatte, ein Schnellfeuergeschütz. In Gewaltmärschen hatte diese Abtheilung die beträchtliche Entfernung von Katunga bis Mpimbi zurückgelegt und glaubte, nach dem was in Blantyre über den Aufstand erzählt worden war, hier sofort in den Kampf eintreten zu müssen, sämmtliche Neuangekommene waren demnach im gewissen Sinne etwas enttäuscht, alles äußerlich so ruhig zu finden, sie hätten sich dann nicht so furchtbar beeilen brauchen, um einer Katastrophe vorzubeugen, die man stündlich in Mpimbi erwartet.
Von den eingetroffenen Handwerkern, als Brückner und Grünhagel, erfuhr ich unter anderem, daß der ganze Schiffstransport bereits in Katunga eingetroffen sei und wohl selbst schon die Etappestation um diese Zeit aufgegeben sei. Die Schwierigkeiten um mit dem Transport zu beginnen, seien aber noch immer dieselben; wohl sind bereits leichtere Sachen bis Blantyre befördert worden, jedoch weigern sich die Träger aus der Umgegend von Katunga weiter als bis dorthin zu gehen und muß daher mit dem Beginn des ganzen Transports gewartet werden, bis tausende Wangoni-Träger ins Land gekommen sind, was erst nach der bevorstehenden Ernte der Fall sein wird.
Ich hatte nun 6 Europäer und 35 Soldaten und konnte den kommenden Dingen ruhiger entgegensehen, wäre nur nicht die leidige Frage gewesen, woher für so viele Menschen, mit Diener, Köchen und den Zimmerleuten über fünfzig, genügend Proviant zu beschaffen sei! Während wir Deutsche im Lager nun die Lage von einer besseren Seite betrachteten, ahnte Niemand in welche äußerst bedrängte Situation die Engländer seit ihrem Abmarsch gerathen waren — bis wenige Stunden später, um zwei Uhr, in dieser selben Nacht ein Abgesandter, der Sergeant Inge, im Lager eintraf und mit der dringenden Bitte um Unterstützung für die gänzlich von Feinden umschlossene englische Kolonne, ein Bild entwarf, das auf eine trostlose Lage schließen ließ. Dieser Bote, der sich beherzt im Schutze der Nacht von Perisi, wo die Engländer fest umschlossen waren, in einem Boote flußabwärts geschlichen, erzählte Folgendes: Die Truppe sei am nächsten Morgen, nachdem sie das Lager von Mpimbi verlassen hatte, von zahlreichen Feinden angegriffen worden, die gedeckt durch das hohe Gras sich unbemerkt nähern konnten. Unausgesetzt wären die feindlichen Kugeln in ihre Reihen eingeschlagen, kein Vorstoß und kein Feuern hätte genützt — der unsichtbare Feind wäre unvermuthet gekommen und wieder verschwunden, ehe daran zu denken gewesen, die ausgedehnte Kette der eigenen Leute zum ersten Angriff zu formiren. Die Zahl der Schwerverwundeten sei zwar nicht groß, hätte aber doch so demoralisirend auf die Atonga und Makua eingewirkt, daß an einen ernstlichen Widerstand nicht mehr zu denken sei. Die[S. 232] Kolonne wäre schließlich zum Flusse abgedrängt worden und nun der Weg durch die verlassenen Dörfer gewählt worden, um allenfalls in diesen Rückhalt zu gewinnen. Jedes Dorf wurde beim Verlassen den Flammen preisgegeben, was die Wuth der Feinde, die durch solche Vernichtung ihrer Heimstätten beraubt wurden, nur noch steigerte, und diese setzten alles daran, ein weiteres Vordringen zu verhindern.
Nunmehr nur von einer Seite angegriffen, hätten sie am zweiten Tage Perisi erreicht, wo, wie sie wußten, seit mehreren Tagen schon der Dampfer »Domira« festsaß. Ein weiteres Vordringen war mit solcher Mannschaft ausgeschlossen und das Rathsamste, sich an diesem Ort gegen die Uebermacht der Gegner so gut es ging zu decken, da auch im schlimmsten Falle das Schiff einen gewissen Rückhalt bot. Bisher seien außer einer Anzahl Schwarzer auch Mr. Steavenson sehr schwer verwundet worden und selbst der Kommissar, sowie Kapitän Johnston nur wie durch Zufall schweren Verletzungen entgangen. Tag und Nacht greife der Feind an, der durch Baum und Gebüsch gedeckt, ungesehen heranschleiche und ihre Stellungen beschösse; die unausgesetzte Wachsamkeit habe die Europäer schon so erschöpft, daß bei einem energischen Vorstoß der Feinde das Schlimmste zu befürchten stehe. Selbst vom gegenüberliegenden Ufer würden sie beschossen und wären zeitweise ohne jeden Schutz dem hartnäckigen Feuer der Feinde ausgesetzt. Der Kommissar bitte daher dringend um schleunige Hilfe, und wären es auch nur zehn Sudanesen, die ich abgeben könnte — diese Soldaten würden wenigstens Stand halten und er würde sich, selbst mit so kleiner Zahl Luft zu schaffen suchen. Bisher hätten sie nur aus Zweigen und Büsche eine leichte Hecke errichten können hinter welcher sie Deckung gefunden — die wenigen Hütten, die stehen geblieben bieten ihnen vor den feindlichen Geschossen auch nur wenig Schutz! — Der Bote nun, dessen Begleiter der Maschinist Fairbrain von der Domira war, machte nebenbei noch allerlei Versprechungen in Bezug auf abzusendende Soldaten; ich habe später nie darnach geforscht, ob derselbe dazu autorisirt gewesen oder nicht, was aber jedenfalls der Fall, da derselbe als dienstlich Untergebener des Kommissars nicht aus eigenem Antrieb Handeln und Zusagen machen konnte, sondern gemäß seiner Instruktion nur den erhaltenen Befehl auszuführen hatte. Ich muß es heute als eine politische Klugheit ansehen, daß der englische Kommissar selbst in seiner bedrängten Lage seine Bitte um schleunige Unterstützung nicht schriftlich aussprach, denn solches Dokument in meinen Händen würde ihn verpflichtet haben für die gemachten Zusagen seines Abgesandten einzustehen. Allein in jener Stunde, wo die volle Verantwortlichkeit der zu treffenden Entscheidung auf mir lag, habe ich allem Nebensächlichen keine Beachtung weiter geschenkt, sondern nur die Gefahr erwogen in welcher sich die[S. 233] Engländer befanden und in welcher ich gerathen mußte, sobald es den Feinden gelänge die Eingeschlossenen zu vernichten oder sie nur zum Rückzug zu zwingen. Ich mußte mir sagen, daß in solchem Falle die feindliche Macht riesengroß anwachsen würde, und hätte ich auch den Ansturm der siegesgewissen und übermüthigen Feinde widerstehen können, so hätte der Umstand, daß mir die Lebensmittel abgeschnitten worden wären, meine Leute doch zu einem längeren Widerstand bald unfähig gemacht.
Es war ein harter Entschluß, meinen Posten zu verlassen, denn da ich Niemand hatte, der die Sudanesen kommandiren konnte, mußte ich selber gehen, oder die Bitte abschlagen. Auch erwägend, daß zwei starke Posten, Perisi und Mpimbi, eine Conzentrierung der feindlichen Macht unmöglich machen mußten, für die eigene Sicherheit es auch gerathener war, wenn ich die erbetene Hilfe nicht abschlug, — so entschloß ich mich kurz und sagte meinen Beistand zu.
Einmal entschlossen den Weg zu gehen, der in dieser Lage mir der einzig richtige erschien, theilte ich den inzwischen versammelten Europäern meinen Entschluß mit und forderte zwei derselben auf, freiwillig mich zu begleiten. Hatte ich aber auf eine freudige Zustimmung auch nicht rechnen können, so waren mir die vielen Einwendungen dagegen, daß ich das Lager verlassen wolle, in Gegenwart der Engländer doch etwas unangenehm, zumal Fairbrain etwas deutsch verstand, und die Bemerkung der Handwerker, daß sie sich nicht berufen fühlen, »für die Engländer sich die Knochen zerschießen zu lassen«, wenigstens dem Sinne nach verstanden worden war. Die Leute hatten freilich Recht und ich befahl auch Keinem folgen zu müssen; als ich ihnen aber alle Eventualitäten klar gelegt hatte, meldeten sich doch zwei gediente Pommern und erklärten sich zu allem bereit.
Die fünfzehn Sudanesen dagegen, trotzdem sie von dem beschwerlichen Marsche über das Gebirge noch ermüdet waren, begrüßten die Aussicht auf einen Kampf mit Freuden und hätten, wenn es angängig gewesen wäre, sofort den Marsch angetreten.
Versetze ich mich heute zurück in jene Zeit der Kämpfe und Sorgen, in jene Rohrhütte, deren Dunkelheit nur vom flackernden Kerzenlicht erhellt, wo ich im Kreise der kleinen Schaar den Entschluß gefaßt, meinen Posten zu verlassen und diese selbst aufforderte zum ernsten Kampfe, selbst mit Blut und Leben zu schützen, was uns anvertraut, dann kommen sie wieder, die quälenden Gedanken jener Nacht und Stunde, in welcher ich den heißen blutigen Kampf der Ungewißheit vorzog und auf jede Gefahr hin einer andern Nation Hilfe und Beistand zugesagt hatte, zur Sicherung der eigenen Lage und für fremde Noth das Blut meiner Leute opferte!
Die wenigen Stunden bis zum frühen Morgen vergingen[S. 234] mit Anordnungen und Vorbereitungen sehr schnell, während dessen die Engländer ein von Matope gekommenes Boot mit welchem der Sergeant Inge von Perisi gekommen, in Stand setzten. Unser Schiffsboot, das mit der am Abend vorher eingetroffenen Abtheilung zerlegt mitgebracht worden war, konnte ich nicht so schnell zusammensetzen lassen, um die anderen Boote, die durch eine während der Nacht noch von Blantyre angekommene Kolonne von 40 Atonga stark besetzt werden mußten, zu entlasten. Den Wasserweg zu nehmen, war ich mit den Engländern nach eingehender Berathung übereingekommen, da es das Sicherste schien, diesen zu wählen, denn zu Lande hätten wir uns Perisi, ohne vorher die feindliche Linie zu durchbrechen, schwerlich ohne heftigen Kampf nähern können, was zu Wasser jedenfalls leichter möglich war.
Nachdem nun noch zum Zweck etwaiger Vertheidigung die Aufwerfung eines Schützengrabens im Lager angeordnet war, der sofort durch die zurückbleibende Besatzung der englischen Station in Angriff genommen wurde, die werthvollen Instrumente, die ich zurückließ, sicherer Obhut anvertraut waren, ließ ich zum Apell blasen. Das Kommando übergab ich dem ersten Maschinisten Herrn Spenker und ermahnte die zurückbleibenden Soldaten den striktesten Gehorsam zu leisten, auch in einem Kampfe nicht feige von der Seite der Europäer zu weichen, ihre Pflicht sei es, als Soldaten des Majors von Wißmann zu stehen oder zu fallen. Die Europäer aber mahnte ich nochmals, unter allen Umständen das Lager zu halten, ein Rückzug, wenn es wirklich zu einem Angriff kommen sollte, könnte allen nur verderblich werden. Ich sah zwar keine unmittelbare Gefahr, dennoch wollte mir scheinen, als wäre die Kampflust, nachdem es nun bitterer Ernst geworden, nicht allzu groß, und nicht gerade leichten Herzens schied ich von meiner Station, vielleicht alles für eine fremde Sache aufs Spiel setzend. Viel schwerer aber wäre es mir geworden meine Zusage einzulösen, hätte ich ahnen können, daß schon in der nächsten Nacht der Muth der Besatzung auf die Probe gestellt werden sollte, die aber von allen, sobald die ersten Schüsse der wachsamen Posten das Lager alarmirt hatten, glänzend bestanden wurde.
Gegen 8 Uhr früh am 11. Februar, nachdem Geschütz, Soldaten und die Atonga eingeschifft waren, konnte endlich der Befehl zur Abfahrt gegeben werden, und fort ging es einem gewissen Kampf entgegen. Die Führung des größten Bootes, das außer der Mannschaft mit 35 Atonga, vier Sudanesen, dem Geschütz und zwei Europäern, Ottlich und Fairbrain, besetzt war, hatte ich übernommen, das kleinere mit 10 Sudanesen, 15 Schwarzen, Knuth und Mister Comaran besetzt, führte der Sergeant Inge. Gegen Wind und Strom die schwerbeladeten Boote mittelst langer Bambusstangen vorwärts zu bringen war für die Besatzung keine[S. 235] leichte Arbeit, dazu thaten die glühenden Sonnenstrahlen das Ihrige. So viel als möglich hielten wir die Mitte des Flusses, wenn nicht Untiefen uns zwangen, den Ufern näher zu gehen, beobachteten auch namentlich die linke Uferseite, da gedeckt durch dichtes Gebüsch die Feinde ungesehen uns folgen und bei gezwungener Annäherung an diese, leicht in die Boote hineinfeuern konnten. Es war aber nichts zu sehen; wo sonst eine friedliche Bevölkerung am Flußufer ein sorgloses Dasein geführt und durch freundliche Zurufe ein vorüberziehendes Boot begrüßt hatten, herrschte jetzt tiefes Schweigen, die Hütten und Dörfer waren rauchgeschwärzte Trümmer — kein menschliches Wesen weilte mehr in den Ruinen, kein Hahn rief mit lauter Stimme sein Volk zusammen und am steilen Uferrand suchte keine Ziege sich saftige Kräuter — todtenstill war es ringsumher, selbst am rechten Ufer, wo die Kriegsfurie noch nicht gewüthet und die Dörfer unversehrt geblieben, war alles in tiefes Schweigen gehüllt.
Die vielen kurzen Windungen des Schireflusses verhinderten jede Aussicht vor und zurück, daher war es mir nicht besonders auffällig, daß ich das zweite Boot aus Sicht verlor und in der Meinung, dasselbe könne nur eine kleine Distanz hinter uns sein, fuhr ich bis Mittag ruhig weiter. Schließlich als die Bootsleute durch die Sonnengluth und angestrengte Arbeit ermattet waren, gab ich dem wiederholten Dringen des Kapitaos nach und landete am rechten Ufer an einer Stelle wo ein Flußpferdpfad durch das dornige Gestrüpp führte, mit der Absicht, hier die Ankunft des zweiten Bootes abzuwarten. Den ausgetretenen sumpfigen Pfad, der in der Regenzeit den Wassern als Abfluß dienen mochte, durch das Dorngebüsch folgend, öffnete sich hinter diesem eine weite Grassavanne ohne Baum noch Strauch in der Nähe, worunter wir gegen die glühenden Sonnenstrahlen hätten Schutz finden können. Wollten wir eine kurze Erholungspause machen, war dieser Ort zufällig am ungeeignetsten dazu, und als das Boot immer noch nicht kam, ließ ich wieder einschiffen, um einen besseren zu suchen. Ich wollte eigentlich ungern am linken Ufer landen, sah mich aber doch dazu genöthigt, wenn ich im Schatten hoher Bäume den Leuten kurze Ruhe gönnen wollte; deshalb, als weiter flußaufwärts an steiler Uferwand einige niedergebrannte Hütten in Sicht kamen, wo das Ufer frei von Gebüsch erschien und eine freie Aussicht auf den Fluß vorhanden war, ließ ich das Boot an einer Stelle, die vom Flußschilf nicht bedeckt wurde anlegen. Wohl war es ein schattiger Ort von breitästigen Bäumen bestanden, den wir betraten, auch genügend Aussicht vorhanden, so gut wie man sie an solchen Ufern eben finden konnte, allein landeinwärts rings um uns, was ich erst zu spät erkannte, war ein hohes mächtiges Maisfeld, bereits soweit ausgewachsen, daß in kurzer Zeit die Ernte hätte beginnen können.
[S. 236]
Alles schien ruhig und die Gegend verlassen zu sein, selbst eine ausgesandte Patrouille von zwei Mann, welche die nähere Umgegend absuchte, hatte nichts bemerkt. Die Atonga nun, deren Sprache leider keiner verstand, konnten trotz einem Verbot das Marodieren nicht lassen, der Reiz war zu groß, als daß sie die schönen reifen Maiskolben in unmittelbarer Nähe hätten ungebrochen gelassen. Sie widerstanden nicht der Versuchung, die begehrliche Frucht, wonach sie nur die Hände auszustrecken brauchten, zu pflücken und einzelne, die sich ins Feld geschlichen, kehrten nach wenig Minuten mit Beute beladen zurück. Bald loderte ein lustiges Feuer, an den halbverkohlten Ueberresten einer Hütte entzündet, empor, in welches die Kolben zum Rösten gelegt und dann so heiß wie sie waren von den Leuten verzehrt wurden. Den Gewehr bei Fuß stehenden Sudanesen, die ebensowenig etwas zu beißen hatten, da der geringe Proviant, den wir überhaupt besaßen im anderen Boot sich befand, ließ ich denn auch durch einen der Ihrigen einige Kolben rösten, sonst aber die zuverlässigen Leute nicht von ihren Posten weichen.
In Ermangelung von etwas Besserem suchten wir Europäer schließlich auch den knurrenden Magen mit frischen Maiskörnern zu befriedigen bis Fairbrain mit einigen Bisquits und einer Dose Jam, die er unter seinen Sachen vermuthete, aufwarten konnte. Während wir nun auf der Erde saßen und die frugale Mahlzeit uns schmecken ließen, dabei erörternd aus welchem Grunde wohl das zweite Boot noch immer nicht sichtbar wäre, das wir doch nicht allzuweit hinter uns vermuthet hatten — stieg in mir plötzlich das Gefühl einer drohenden Gefahr auf und der Gedanke an einen Ueberfall wurde so lebendig, daß ich besorgt die Augen im Kreise herumlaufen ließ und hinter der grünen Wand, die uns umgab, fast mit Gewißheit heranschleichende Feinde vermuthete. Wie durch einen übermächtigen Impuls gezwungen sprang ich auf, ehe ich aber den Befehl geben konnte die Gewehre zu ergreifen, sausten im selben Moment die feindlichen Geschosse auf uns.
Als wenn ein geistiges Empfinden vor einer unmittelbaren Gefahr warnen will, so urplötzlich stellt sich die Gewißheit vom Vorhandensein einer solchen dem Geiste vor; es ist als ob das seelische Leben fähig ist, bei abnormen Fällen eine große Gefahr zu erkennen und zum Bewußtsein bringen kann d. h. mit einem für uns unbegreifbaren äußeren Empfinden in Verbindung tritt. Es scheint mir, als wenn diese unmittelbar gegebenen Warnungen zur Erhaltung des Lebens dienen sollen und dem Seelenleben die Möglichkeit gegeben ist, selbst die Fessel, welche die Seele bindet, zu erhalten. Dieses Unfaßbare, das in ungewöhnlichen Momenten nur zum Bewußtsein kommt, muß zur Erkenntniß führen, daß wir ein Theil des gewaltigen Urgeistes sind, mit dem der unsrige, obgleich nur im beschränktesten Maße, zuweilen in Verbindung treten kann.[S. 237] Ich vermag außer diesem noch auf zwei Fälle hinzuweisen, wo in gefährlicherer Lage zwar, doch in gleicher Weise solche Vorwarnung, wie ich das Empfinden nennen möchte, mir das Leben gerettet hat.
In diesem Falle entging ich der tödtlichen Kugel, indem ich aufsprang und dadurch einen neben mir stehenden Sudanesen veranlaßte einen Schritt vorzutreten, dem im selben Moment das auf mich gerichtete Geschoß auch traf, dessen rechte Hand zerschmetterte sowie durch den rechten Oberschenkel noch hindurch fuhr. Der Feind hatte sich tollkühn von einer Seite herangeschlichen von der wir ihn nicht erwarten konnten und trotz der Wachposten ungesehen aus sicherem Hinterhalt feuerte. Dem dumpfen Schall nach zu urtheilen war die Salve mit Vorderlader abgegeben worden, und da nun ein schnelles Laden dem Feinde nicht möglich war, so mußte sich dieser zurückziehen, während wir sofort ein Schnellfeuer nach jener Richtung hin von welcher die Schüsse gefallen waren eröffneten.
Eine große Verwirrung herrschte im ersten Moment, verursacht durch die wilde Flucht der Atonga, die Ottlich und Fairbrain mit sich reißend, vom Ufer in den Fluß sprangen und zum größten Theil hinter dem hohem Schilf Deckung suchten; erst von dort aus feuerten sie ihre Gewehre ab und gefährdeten die unvernünftigen Kerle, denen ich mich vergeblich entgegengestellt hatte, die Zurückgebliebenen derartig, daß ich mit den Sudanesen weichen mußte, wollten wir nicht von den um uns pfeifenden Kugeln der Atonga getroffen werden. Diese zügellosen Kerle, auf keinen Zuruf achtend, feuern blind drauf los, und ehe sie abdrücken wenden sie den Kopf weg oder machen die Augen zu.
Die Absicht der in das Boot geflüchteten Atonga, die dasselbe vom Ufer abzustoßen suchten, veranlaßte mich, wenn ich nicht mit den Sudanesen abgeschnitten werden wollte, ebenfalls hineinzuspringen und die vergeblich gegen das kopflose Hantiren der Atonga ankämpfenden Europäer zu unterstützen. Sofort entriß ich den Atongas die Waffen, trieb die im Boot zusammenhockende Besatzung auf und ließ, nachdem Fairbrain den Schwerverwundeten hineingeholfen hatte, dasselbe abstoßen.
Während nun das Boot langsam abtrieb kamen die im Wasser und Schilf sitzenden Atonga, die ich erst mit drohend erhobener Waffe zum Gehorsam zwingen konnte, heran, klammerten sich fest und ließen sich mit in die Tiefe des Wassers reißen. Es währte wohl acht Minuten, ehe der Kapitao alle über das Heck ins Boot geschafft hatte; ich lud sie zwar auch nicht mit sanften Worten ein sich zu beeilen, denn aufgebracht durch solche Feigheit, dazu behindert das wieder eröffnete feindliche Feuer erfolgreich zu erwiedern, half ich den Zögernden handgreiflich nach.
Sobald wir indes aus dem Bereich der feindlichen Geschosse gekommen waren, die meistens über das Boot hinweg sausten, brachte[S. 238] ich erst wieder unter die von der Panik erfaßten Leuten Ordnung, dann aber hieß es abermals vorwärts. Möglichst schnell suchte ich mich alsdann, da mir zwei Gewehre als verloren gemeldet wurden, darüber zu vergewissern, ob die Waffen am Lande zurückgelassen seien, weil ich den Angaben der Leute, sie hätten solche schwimmend fallen lassen müssen, nicht recht glaubte, so beschloß ich denn an derselben Stelle nochmals zu landen.
Das zweite Boot, wie ich bald erfahren sollte, hatte nicht allzuweit von uns entfernt ebenfalls Station gemacht und die Insassen sich an dem mitgeführten Proviant gütlich gethan, ohne weiter daran zu denken, daß im ersten absolut nichts zu beißen sei; sie wurden durch das nahe heftige Gewehrfeuer aus ihrer Mittagsruhe dann plötzlich aufgeschreckt und so sah ich dasselbe um die nächste Flußbiegung herumkommen, als ich gerade im Begriff war wiederum zu landen. Als dann beherzte Leute, gedeckt durch schußbereite Waffen, auf den Kampfplatz zurückgesandt waren, brachten diese nichts weiter als einen vergessenen Riemen mit; daraus wollte ich im Wasser weitersuchen lassen, konnte aber keinen rechten Erfolg erzielen und mußte, um nicht zu viel Zeit zu verlieren, das Suchen nach den Waffen aufgeben.
Die nächste Sorge war den Schwerverwundeten zu verbinden, der leise stöhnend auf meinen Sachen niedergelegt worden war; der Mann ertrug die großen Schmerzen wie ein echter Soldat und hatte während der Zeit, wo sich niemand um ihn kümmern konnte kaum einen Schmerzenslaut hören lassen, nur ein leises Klagen, vom Gewehrfeuer übertönt, konnte ich mitunter vernehmen. Aus Vorsicht genügend mit Verbandstoffen versehen, hatte ich die Hand, die in ihrer ganzen Breite durchschossen war, bald verbunden und sah dann erst, als der Mann sich nicht erheben konnte, daß die Kugel durch das dicke Fleisch des Oberschenkels gegangen war; konnte aber anfänglich nicht verstehen wie eine Bleikugel so glatt durch diese Körpertheile hindurchgehen konnte — eine solche hätte eine viel schwerere Wunde am Ausgangspunkt verursachen müssen — bis mir die Gewohnheit der Eingeborenen, mit eisernen Kugeln zu schießen, einfiel.
Noch mit dem Sudanesen beschäftigt, der so gut als es der Raum im Boote gestattete gebettet wurde, hatte der Feind, unsichtbar für uns, vom hohen Busch und Gras gedeckt, das Feuer wieder eröffnet und den Kampf aufs Neue begonnen. An Zahl uns bedeutend überlegen, was aus den zahlreich auf uns abgegebenen Schüssen zu vermuthen war, in sicherem Hinterhalt hinter Baum und Strauch wohl geborgen, blieb uns nur übrig auf solche Punkte zu zielen, wo der Pulverdampf aufstieg, und unsere sicheren Kugeln belehrten dem Gegner bald, daß es nicht rathsam sei sich bis zum Uferrande vorzuwagen.
Die Erfahrung mit den Atongas hatte mir gezeigt, wie[S. 239] ungeschickt diese Leute mit dem Gewehre hantirten und um Unheil zu verhüten, ließ ich allen die Waffen, bestehend aus englischen Schneiderbüchsen und Martini-Henry-Gewehre, abnehmen, nur die Europäer und Sudanesen feuerten. Zwar hatte das Salvenfeuer aus beiden Booten, die nun möglichst dicht nebeneinander blieben und der Mitte des Flusses vorgingen, immer den Erfolg, daß das feindliche Feuer zum Schweigen gebracht wurde, sobald aber die Vorderlader wieder geladen und sichere Deckung dem Feinde sich darbot, ward es so heftig, daß wir große Verluste hätten haben müssen, wenn die Kerle hätten besser schießen können. Die Kugeln hißten und pfiffen zwar von allen Seiten um uns, dennoch gingen dieselben meistens zu hoch oder setzten zu kurz auf das Wasser auf und sausten hinter oder vor den Booten vorüber.
Daß wir im Stande gewesen dem Feinde das Feuern aus einem rechten Winkel zu verleiden, bewahrte uns vor schweren Verlusten, denn derselbe konnte nur selten mehr breitseits auf uns schießen, was er anfänglich hinter dicken Bäumen gedeckt, voll ausgenutzt hatte. Um besser zielen zu können stand ich die erste Zeit im Boote noch ungedeckt, wurde indes bald inne, wie die meisten Kugeln auf mich gerichtet waren, und der Kapitao neben mir klappte jedesmal zusammen, wenn ein pfeifendes Geschoß in unheimlicher Nähe vorüberflog. Schon um die Leute nicht so zu gefährden, die, wenn das Feuer heftiger wurde sich niederduckten und das Boot nicht vorwärts brachten, mußte ich unter das Grasdach des Bootes zu den anderen treten, damit ich dem Feinde nicht mehr als direktes Zielobjekt diene; obgleich dadurch nicht viel geändert ward, denn die Feinde wußten, daß unter dem Sonnendach die Europäer verborgen waren und richteten nur die Geschosse auf dieses.
Es war ein Glück, daß die Waffen der Feinde so schlecht und sie mit diesen so wenig ausrichten konnten, sonst hätten sie uns, wenn wir bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Flusses tieferes Wasser suchend, den feindlichen Stellungen unheimlich nahe kamen, schweren Schaden zufügen können; auch schienen sie es nicht zu wissen, wie leicht man durch Durchlöchern der Boote diese zum Sinken bringen kann! Nur einige Kugeln, ohne direkte Absicht wohl, streiften mein Boot. Indes nicht alle Kugeln verfehlten ihr Ziel, manche fand ihren Weg durch die Grasdächer aufs Geradewohl hingeschickt, Knuth und manch anderer von uns entging den tödlichen Geschossen nur durch Zufall.
Unendlich langsam kamen wir vorwärts, wie sehr die Leute auch angetrieben wurden, immer suchten sie sich zu decken und manchmal, wenn der Feind uns stark beschäftigte, trieben die Boote mit dem Strom und boten diesem die Breitseite dar; unaufhörlich mußte ich die Leute anfeuern und aufmuntern und meine Aufmerksamkeit nach allen Seiten richten. Mehrmals auf Grund[S. 240] gerathen, da wir uns dem rechten Ufer nicht nähern durften, weil auch von dorther schon auf die Boote gefeuert worden war, mußte ich stets mit gutem Beispiel vorangehen und energisch die Besatzung, die kopflos geworden, zur Pflicht zurückbringen.
So dem Feuer der Feinde in den offenen Booten preisgegeben, der unsichtbar für uns am Ufer entlang lief und immer wieder Deckung suchte und fand, wurde uns die Zeit zur Ewigkeit — die verflossenen zwei Stunden, seitdem wir dem Feuer so ausgesetzt, waren namentlich für die zitternden Atongas, die unthätig im Boote wie eine Heerde Schafe übereinanderlagen, eine physische Qual. Nach einem äußerst heftigen Angriff, der Feind hatte vorzügliche Deckung gefunden und uns den Weg verlegt, den wir aber glücklich durch Salvenfeuer abschlugen, machte ich mich während der darauf folgenden kurzen Gefechtspause daran, das Geschütz aufzustellen, aber soviel ich mich auch abmühte, es war nicht möglich dasselbe in dem überfüllten Boote in eine feste Lage zu bringen; nur für den Feind gut sichtbar, konnte es als Schreckmittel dienen. Noch damit beschäftigt, erneuerte der Feind den Angriff, und jetzt von zwei Seiten beschossen, wurde die Situation etwas unheimlich, zumal auch die Bootsleute den Gehorsam verweigerten. Der Kapitao, dem ich mich allein nur verständlich machen konnte, war vollständig gebrochen, sodaß er keine Aufforderung noch Befehl an seine Leute abzugeben im Stande war und als dazu die Atonga in den Fluß springen wollten, zweifelte ich fast an ein Weiterkommen; für eine kurze Zeit schien es, als sollte unser Vordringen ein Ende haben. Wäre es nicht die Furcht vor den Feinden gewesen, welche die Leute abhielt zu fliehen, ich glaube wir Europäer und die Sudanesen wären bald allein gewesen. Ich hatte das linke Ufer dem anderen Boote überlassen und wandte mich, selbst das Boot lenkend, dem rechten zu, wo ich einen an Zahl nur schwachen Gegner vermuthete, den ich mit unsern sechs Gewehren leichter beizukommen gedachte um wenigstens das eine Ufer frei zu haben und das andere, wenn es nicht anders ging mit Granaten zu säubern.
Zu einer Landung freilich hätte ich mich erst in der äußersten Noth entschlossen, wenn absolut keine Aussicht mehr vorhanden gewesen wäre, die Leute vorwärts zu bringen, denn, der Bootsleute und der Atonga durchaus nicht sicher, wäre es ein gefährliches Wagstück gewesen das Ufer zu betreten. Je näher wir nun dem Ufer kamen und die Salven in das dichte Gebüsch hineinsandten, jeden aufblitzenden Schuß mit einem Kugelhagel beantworteten, desto schwächer wurde das feindliche Feuer, und wir hatten die Genugthuung von der einen Seite fernerhin unbelästigt zu bleiben. Mit neuem Muth beseelt nahmen die Bootsleute wieder ihre Stangen auf und brachten das Fahrzeug vorwärts, woraufhin das andere Boot auch folgte und ein vereintes Vorgehen[S. 241] möglich wurde. Die Nothwendigkeit, vorzugehen, überwog alle Bedenken, zurück durften wir um keinen Preis, sollte nicht das Schicksal der eingeschlossenen Engländer besiegelt sein, auch unsern Verwundeten mußte schleunige Hilfe werden, sollten die Armen nicht noch viele Stunden ihrer Qual ausgesetzt bleiben. — Vor uns lag die einzige Hilfe für uns alle! denn wäre es dem Feinde gelungen uns zurückzutreiben, für die schlimmsten Folgen hätten wir nicht sorgen brauchen.
Wohl unter dem Einfluß übergroßer Furcht und in der Hoffnung vielleicht, die Boote würden umkehren, wurde mir auf meine Frage, wie weit ist es noch bis Perisi, die ich des öfteren an den Kapitao richtete, immer das Gleiche geantwortet »Mbale sana bwana« (sehr weit Herr). Will der Neger einen Abstand zwischen zwei Orten näher bezeichnen, die beträchtlich weit von einander entfernt liegen, wird er die Bezeichnung »sehr weit« mit entsprechenden Gesten begleiten und man kann dann voraussetzen, daß es wirklich eine nicht unbedeutende Entfernung ist, die er andeutet; hingegen wird man aber auch getäuscht, wenn er einen Abstand nur als klein bezeichnet; denn schnell zu Fuß legt der Neger ganz andere Distanzen zurück und ich habe öfter gefunden, daß ein Weg für mich sehr lang war, der mir als kurz bezeichnet wurde. Das Sicherste ist sich von einem Eingeborenen, der keinen Begriff von einer gemessenen Entfernung hat, den Stand der Sonne beschreiben zu lassen, wie dieser sein wird, wann der betreffende Ort erreicht ist, darnach läßt sich dann ungefähr eine Distanz abschätzen.
Wir waren an einem Wendepunkt gekommen, der glücklich überwunden war, sobald die Boote wieder vorwärts gingen; und namentlich als die beiden heftigsten Angriffe des Feindes abgeschlagen waren, der die letzten Versuche gemacht hatte uns zum Rückzug zu zwingen. Nicht die eigenen Verluste waren es, die ihn das Feuer allmählich einstellen ließen, sondern, sobald wir eine Strecke weiter gekommen, traten Baum und Busch mehr vom Ufer zurück und boten keine genügende Deckung mehr; auch begünstigte das breiter werdende Fahrwasser unsere Stellung und ein Boot voraus, das andere dahinter, so folgend, daß freies Schußfeld gehalten wurde, ließ ich mit unseren weitreichenden Gewehren die einzelnen Gebüsche unter Feuer nehmen, um ein Ansammeln des Feindes zu verhindern. Der Erfolg war gut, und nur verhältnißmäßig schwaches Feuer erhielten wir fortan. Viel haben wir von unsern Gegnern nicht zu sehen bekommen während des dreistündigen Kampfes; manch ein schwarzer Bursche aber, der sich aus dem Bereich unser Waffen wähnend, vorwitzig hinter einem Baumstamm hervortrat oder auslugte ob sein abgefeuerte Kugel das Ziel getroffen, zahlte theuer für seine Kühnheit, wenn ihn nicht ein fehlendes Geschoß belehrte,[S. 242] schleunigst sichere Deckung zu suchen und für die Europäer unsichtbar zu bleiben!
Nun endlich konnten wir freier athmen — uns kümmerten nicht mehr die vereinzelt aus größerer Entfernung zugesandten Geschosse, wenn sie hinter uns her auf dem Wasser tanzten — und vorwärts ging es mit allen Kräften; die Leute, die wie umgewandelt waren, trieben sich gegenseitig an, ein Kontrast wie ihn nur eine Negernatur aufweisen kann; »Verzweifelnd in Momenten der Gefahr, ist aber die Noth vorüber, wieder die Sorglosigkeit selbst.«
War das Terrain, das von den flacheren Ufern jetzt in eine weite Grassavanne überging, dem Feinde nicht mehr günstig und hatte ihn zum Aufgeben des nutzlosen Kampfes gezwungen, so war die Nähe des englischen Lagers wohl die Ursache, daß er sich nicht eine Strecke weiter flußaufwärts festsetzte, wo wiederum dichtes Gebüsch einen vorzüglichen Hinterhalt geboten hätte, und hier wo der Fluß nur 80 Meter breit, auch die Stromschnelle zu passiren war, auf welcher die Domira sich festgerannt, aufs Neue und gewiß mit besserem Erfolge den Kampf eröffnet haben würde. Eine Viertelstunde später, nachdem der letzte Schuß gefallen, um 4-1/2 Uhr Nachmittags, sahen wir über die Büsche vor uns die Masten der Domira. Waren die Boote noch nicht eilig durchs Wasser getrieben worden, so begann jetzt eine tolle Wettfahrt um zuerst an das Ziel zu gelangen und man hätte nicht meinen sollen, daß vor Schmerzen stöhnende Leute in den Booten gelegen wären — mit solchem Halloh trieben die Bootsleute, die kurz vorher nicht aufzubringen gewesen, die Fahrzeuge dem Ziel entgegen.
Zum englischen Lager gekommen, bot sich uns ein interessantes Bild dar, und wären nicht die vielen Wachtposten, die in Pyramiden aufgestellten Gewehre dem Beobachter sofort aufgefallen, hätte es scheinen können, die hunderte Menschen seien hier nur zu dem Zwecke versammelt, das festgelaufene Schiff wieder frei zu machen. Es wimmelte im Wasser von auf- und niedertauchenden Gestalten, die ringsum das Schiff vertheilt, den Sand unter dasselbe wegzuschaffen versuchten, während an Deck etwa fünfzig Mann von Bord zu Bord liefen und den Schiffskörper in Bewegung brachten, und zu gleicher Zeit mit der Ankerwinde die nach vorne ausgebrachten Taue, aufs Aeußerste straffgespannt, einzuhieven versuchten. Zehn Tage befand sich das Schiff in solcher kritischen Lage und alle Anstrengungen waren bisher vergeblich gewesen; obgleich über sechzig Mann sich an Bord befanden, meistens für die Plantagen angeworbene Atongas, war es den vereinten Kräften doch nicht gelungen, den schweren Körper freizumachen.
Nachdem wir ans Land gekommen waren, wurden wir von dem Kommissar Mister Johnston und den anwesenden Europäern freundlichst begrüßt. Man sah es ihnen an, wie jedem die Hilfe[S. 243] gelegen kam, stand doch die körperliche Abspannung allen auf der Stirn geschrieben; was nicht zu verwundern, da sie während dreier Tage und Nächte kaum die Augen geschlossen, sondern unausgesetzt den Feind abgewehrt hatten, der nur zu gut durch Busch und Baum gedeckt, die tödlichen Kugeln in das fast offene Lager hineingeschickt hatte und niemand die ersehnte Ruhe finden ließ. Ich glaubte es den Engländern gern, was mir im Vertrauen erzählt wurde, daß sie nicht mehr lange hätten Stand halten können: nicht der Feind, gegen diesen hätten sie sich bis zuletzt gewehrt, würde sie zum Nachgeben gezwungen haben, vielmehr der physischen Ermattung hätte jeder schließlich erliegen müssen.
Als ich kurz berichtete, wie heiß der Feind uns zugesetzt, wie schwer es gehalten hatte, die ersehnte Hilfe zu bringen, wurde die Anerkennung dadurch bethätigt, daß den Verwundeten sofort Hilfe gebracht und alle in das provisorische Lazareth geschafft wurden, wo sie neben anderen Leidensgefährten gebettet, von dem Kommissar in Person, der gleicherweise als Arzt fungirte, verbunden und gepflegt werden konnten. Hatte unsere Ankunft allen schon neuen Muth eingeflößt, war es doch vornehmlich das Geschütz auf welches aller Augen mit Spannung gerichtet waren und von dem man sich den besten Erfolg versprach. Schnell war auch eine Position für dasselbe gefunden, indem wir es auf die stumpfe, eilig abgeflachte Spitze eines Termitenhügels hinaufschafften, und dort versicherten, hier konnte es die ganze Gegend beherrschen, die todtbringenden Granaten in die Reihen der Feinde senden, wenn diese noch kühn genug sein sollten den Kampf wieder aufzunehmen.
Bis auf 1500 Meter etwa schätzten wir die Distanz zum nächsten Dorfe, dessen einzelne Hütten über die niedrigen Büsche hinweg sichtbar waren und nachdem ich das Geschütz geladen und gerichtet hatte, hallte der Geschützdonner, hundertfaches Echo weckend, über Fluß und Wald. Die erste Granate schlug mitten in das Dorf hinein. Das krepirende Geschoß mußte die Feinde schnell allarmirt haben, denn diese, die noch nie ein solches Geräusch gehört, wie es eine platzende Granate verursacht, müssen sich sehr gewundert haben, wie der weiße Mann auf so große Entfernung solche gefährlichen Kugeln schießen kann. Die Wirkung des Schusses konnten wir mit unsern Gläsern genau unterscheiden, denn die Dächer der Hütten belebten sich mit Menschen, die neugierig nach dem Lager hinüberschauten. Eine solche Gelegenheit, den Feinden eine derbe Lektion zu ertheilen, ließen wir uns nicht entgehen und da ich die genaue Distanz nun kannte, schickte ich die zweite Granate hinein. Der aufsteigende Pulverdampf bewies uns, das Geschoß sei im Dache der ersten besetzten Hütte geplatzt und ein einstimmiger Ruf von allen Umstehenden erschallte, als die Kerle wie die Fliegen von ihrer luftigen Stellung herunterpurzelten; kaum wohl weil einzelne getroffen waren, sondern mehr aus Furcht und Schreck.[S. 244] Wissen sie auch des weißen Mannes Donnerbüchsen sind gefährliche Dinger, vor denen sie heillosen Respekt haben, so konnten sie nun ein Lied davon singen, und daß es nicht wohlgethan ist im Bereiche der weitfliegenden Kugeln zu bleiben.
Noch mehrere Geschoße hineinzuschicken war zwecklos, mußten wir doch mit unserer werthvollen Munition haushälterisch umgehen, auch lag uns nur daran dem Feinde zu zeigen, daß wir im Stande sind auf großer Entfernung ihn zu beschießen.
Das Lager befand sich noch im primitivsten Zustande und war nur durch eine aus Dorngebüsche und Baumzweigen eilig aufgeworfene Barriere geschützt; einzig um das Zelt des Kommissars hatte man einen stärkeren Verhau aus eingegrabenen Pfählen errichtet, der im Nothfall etwa fünfzig Mann als letzten Zufluchtsort hätte dienen können, aber auch noch nicht vollendet war. Der Feind hatte es immer verhindert Holz herbeizuschaffen, und weiter nichts war erreicht worden als, daß das Terrain auf etwa hundert Schritt im Umkreis von Busch und Gras geklärt war und diese Arbeit hatte erst am Tage unserer Ankunft geschehen können, da aus irgend einem Grunde der Feind seit diesem Morgen den Angriff nicht erneuert hatte.
Die Vorbereitungen zur Nacht, um einen plötzlichen Angriff erfolgreich abzuschlagen, die Vertheilung der Postenkette etc. nahmen die kurze Zeit bis zur völligen Dunkelheit vollständig in Anspruch, und da es beschlossen war, unter dem Schutze der Dunkelheit die Schwerverwundeten flußabwärts nach Matope zu senden, wurden ganz unauffällig die nöthigen Vorkehrungen für deren Transport getroffen, denn einzelne, namentlich der Engländer Steavenson und mein Sudanese, lagen so schwer danieder, daß unter allen Umständen ihnen ärztliche Hilfe zu theil werden mußte. Der Transport wurde auch um 11 Uhr Nachts unter sicherer Bedeckung ausgeführt und im Schutze der Nacht glitt das Boot flußabwärts, begleitet von den Wünschen aller, es möge unangefochten durch das feindliche Gebiet hindurchkommen. —
Verstärkt durch sechs Europäer und der Kerntruppe von Sudanesen, auf deren Zuverlässigkeit unbedingt gebaut werden konnte, war die Lage der Engländer jetzt eine bedeutend bessere und, als alle an der provisorischen Tafel, aus Feldtischen und Kisten aufgebaut, versammelt waren, konnte man wahrnehmen, wie die Stimmung jedes einzelnen eine gehobene war. Jeder blickte auf das weiße Tischtuch so vergnügt, als erwartete er hier in der Wildniß die Freuden eines lukullischen Mahles und knabberte an den herumgereichten Bisquits und einem harten Stückchen Käse mit einem Wohlbehagen, das die Leere der Tafel, die Armseligkeit dieser Hauptmahlzeit nicht zu beachten schien. Von Sattwerden konnte überhaupt keine Rede sein — interessante Themata nur vorübergehend die Gedanken von dem Empfinden ablenken, welches[S. 245] ein knurrender Magen verursacht — ich wenigstens und die mit mir im Boot gewesen, waren sehr enttäuscht, so wenig Eßbares vorzufinden, jeder mußte darauf bedacht sein, auch seinem Nachbar noch etwas übrig zu lassen und man begnügte sich aus diesem Grunde schon mit Wenigem. Aber ein Schelm, der mehr giebt als er hat. Was sonst auf Streifzügen der Fall, daß Ziegen und Hühner erbeutet, Bataten und andere Erdfrüchte vorgefunden wurden, dies fiel alles bei den eingeschlossenen Engländern fort; der Feind hatte sein ganzes Hab und Gut in die sicheren Berge entführt, und nur die fast reife Ernte, Mais und Mtama, preisgeben müssen. Haufen dieses Getreides lagen im Lager aufgestapelt an welches die Leute sich gütlich thaten, Noth brauchten die nicht zu leiden, mit den Vorräthen für Europäer dagegen sah es aber sehr traurig aus, was an Konserven vorhanden war, damit mußte sehr sparsam umgegangen werden. Indes so lange nur noch Genießbares vorhanden, wird der Mangel nicht allzusehr empfunden; in der afrikanischen Wildniß darf man es nicht so genau nehmen. Zu Zeiten lebt man im Ueberfluß d. h. an Wild und einheimischen Naturalien, zuweilen muß aber auch der Leibgurt fester geschnürt werden, nach der Methode wie es der Neger macht, der sich den Magen zusammenpreßt, um den Hunger weniger zu empfinden.
Außer der zum Lazarett eingerichteten Hütte waren nur noch zwei vorhanden, in denen die Europäer so gut es ging Unterkunft gesucht hatten, aber für die Hinzugekommenen mußte nun noch Platz geschafft werden, deshalb, wer es sich leisten konnte, schlug seine Lagerstätte außerhalb unter den überhängenden Dächern auf, was entschieden vorzuziehen war, da in den rauchgeschwärzten Hütten der Aufenthalt für Europäer durchaus kein angenehmer war. Nicht allein die widrige Luft war belästigend, vielmehr machten die ungezählten Ratten ihr Recht geltend und suchten die ungebetenen Eindringlinge zu vertreiben. In dem Erntevorrath, Matamabüscheln in Schaaren hausend, war es ein Jagen, Quieken und Rascheln und man mußte gute Nerven haben, um dabei Ruhe zu finden; doch nicht genug damit, im Uebermuth oder gegenseitigem Verfolgen sprangen die Nager auf die Schläfer herab und nahmen im tollen Spiel ihren Weg über Gesicht und Hände. Im Besitze einiger schön weichgekochter Maiskolben, die mir der Sudanesenschausch (Unteroffizier) als Nachkost gebracht hatte, legte ich mir den Ueberrest am Kopfende mit der Absicht, am Morgen daran noch ein Frühstück zu haben; jedoch hatte ich nicht die ungenierten Gäste in Betracht gezogen, die im Eifer, von der köstlichen Frucht zu naschen, mein Gesicht als Tummelplatz erwählten und, als ich den Schaden recht besah, mich um meinen kleinen Vorrath gebracht hatten. Es wimmelt in jeder Hütte von diesem Ungeziefer und hätte man sich von dieser Plage befreien wollen, wäre nichts anderes übrig geblieben, als solche Behausung niederzubrennen!
[S. 246]
Da der Feind allnächtlich die Belagerten in Aufregung erhalten hatte und vorausgesetzt werden konnte, derselbe würde im Schutze der Nacht seine Angriffe erneuern, so gebot schon die Vorsicht äußerste Wachsamkeit; deshalb kontrolirten die Europäer unausgesetzt die lange Postenkette und führten Patrouillen bis außerhalb des Lagers, wo auf einem hohen Termitenhügel, der von den Ameisen um den Stamm eines mächtigen Baumes aufgebaut worden, eine Art Verhau errichtet war, besetzt von einer starken Wache. Eine Nothwendigkeit, wie solche bei dem unzuverlässigen Neger angewendet werden muß, denn mag der Posten, zu dessen Schutze er aufgestellt ist, noch so gefährdet sein, er wird es nicht begreifen, warum er nicht schlafen soll, wenn er müde ist! Die Folge war, daß jeden Morgen eine Anzahl Atonga und Makua bestraft werden mußte, um es den Leuten begreiflich zu machen, daß sie auf Posten die Augen aufzuhalten hätten. Am nächsten Morgen, Sonntag den 12. Februar, zogen schon in aller Frühe starke Patrouillen aus, die das waldige Terrain zu sondiren hatten, eventuell auch, wie es Tags zuvor dem Mister Sharp, Sekretär des Kommissars, bei einem Ausfall gelungen, im Hinterhalt liegende Feinde zu überraschen. Diesen wieder folgten starke Arbeiterkolonnen unter Aufsicht von Sudanesen, die das vorliegende Terrain zu säubern und Material zum Palisadenbau heranzuschaffen hatten; weiter vorgeschobene Piquets sicherten diesen Abtheilungen einen allenfalls nöthig werdenden Rückzug.
Zurückkehrende Leute brachten unter anderem in verlassenen Hütten gefundene Holztafeln mit, auf denen in kunstloser Schrift arabische Coransprüche gemalt waren, die als ein Glaubensbekenntniß solcher Einwohner anzusehen sind, die sich zu Mohamed bekennen, obwohl sie von dessen Lehren herzlich wenig verstehen. Die meisten dieser Bekenner des Islams sind entlaufene Sklaven, die bei fremden Stämmen eine Zuflucht gefunden haben, sie werden, da sie intelligenter und gewitzter sind, im gewissen Sinne die Träger dieser in Afrika so weit verbreiteten Lehre. Mit den Gewohnheiten ihrer ehemaligen Herrn vertraut und nun bestrebt in der wiedergewonnenen Freiheit selbst die Herren zu spielen, ist ihr Einfluß auf niederer Kulturstufe stehenden Bewohner dieser Distrikte, nicht zu verkennen; leider aber sind es meistens solche Charaktere, die rücksichtslos gewonnene Vortheile ausnützen und nur zu oft die harmlosen Bewohner in Schwierigkeiten verwickeln, die dann dafür büßen müssen. Der Suaheli z. B. blickt mit tiefer Verachtung auf diese Volksstämme herab, wird aber stets eine dominirende Stellung unter ihnen einnehmen, sobald er gezwungen oder freiwillig seinen Aufenthalt hier im Lande wählt. Deserteure dieser Art hatten wir unter unsern Suahelis ebenfalls; bei den mächtigen Häuptlingen am Nyassa willkommen geheißen, zogen sie ein Herrenleben im fremden Lande der Abhängigkeit vor!
[S. 247]
Im Vergleich zu den in das Lager gebrachten Tafeln habe ich verschiedentlich in Dörfern, Häuser mit arabischen und Suaheli-Schriftzeichen verziert gefunden, die den Namen des Besitzers oder Sinnsprüche darstellten, dagegen auch wiederum Hütten, deren Lehmwände mit Arabesken beschmiert waren, denn anders kann man die darstellenden Gebilde von Crocodilen, Vögeln und Menschen nicht bezeichnen. Unschwer läßt sich zwar erkennen, was diese Zeichnungen darstellen sollen, allein sie genügen nicht Mal den bescheidensten Anforderungen als solche, auch einen Sinn oder Zusammenhang habe ich nicht ermitteln können, wenn sie nicht als Sinnbilder heidnischen Aberglaubens zu deuten sind; übrigens muß man nach solchen Anzeichen suchen, einem flüchtigen Beobachter fallen sie nicht auf.
Um 10 Uhr Morgens etwa traf ein Boot mit wichtiger Nachricht für den Kommissar im Lager ein, das sich während der Nacht von Mpimbi flußaufwärts gearbeitet hatte und nach Aussage der Bootsleute wären sie noch unterhalb Perisi beschossen worden. Dasselbe brachte mir auch eine Nachricht vom deutschen Lager, wonach dort alles gut stehe, nebenbei einen Brief, der vergessen worden war an mich abzugeben, denn erst nach meiner Abfahrt von Mpimbi hatte Brückner sich desselben erinnert. In diesem theilte mir der Transportführer v. Eltz aus Katunga mit, daß ich den Engländern in keiner Weise Unterstützung gewähren möchte, vor allem ihnen das Geschütz nicht überlassen solle. Würde der Fall eintreten und sollten die Engländer unserer Hilfe bedürfen, wäre Dr. Röver, der von Blantyre nach Mpimbi unterwegs ist, mit näherer Instruktion versehen auch über unsere Zwecke unterrichtet.
Dieser Brief, der vom 2. Februar datirt war, hätte meine Entschließungen in der Nacht zum 11. beeinflussen müssen, wenn mir derselbe zur rechten Zeit übergeben worden wäre, wenigstens hätte ich nicht der mündlichen Aufforderung des englischen Abgesandten, Hilfe zu bringen, so schnell nachgegeben und, wenn ich auch um der eigenen Sicherheit willen Unterstützung gesandt haben würde, so wäre doch weder ein Europäer noch das Geschütz mit den zur Verfügung gestellten Soldaten abgegangen. Der Zufall hat es aber anders gefügt. Die Kenntniß davon, ich solle keine Hilfe aus mir unbekannten Gründen leisten, würde mir nur die Entscheidung noch schwerer gemacht haben, und doch glaube ich, zwischen Pflicht und Selbsterhaltung hätte ich die letztere gewählt, zumal ich in der schnellen Befreiung der Engländer aus ihrer Bedrängniß, die Sicherheit der eigenen Lage ersah. Zufrieden mit dem wie es gekommen, hatte ich nur den Wunsch, nach Mpimbi zurückkehren zu können. Aber zum Grübeln und Nachdenken blieb mir keine Zeit, die Kräfte eines Jeden im Lager waren voll in Anspruch genommen und während andere Europäer[S. 248] starke Verhaue errichteten, oder mit Patrouillen auszogen, hatte ich den Aufbau einer Pallisadenwand übernommen. Auch schwand bald die Besorgniß, der Feind, der hier bei Perisi eine zu starke Macht gefunden, könne sich rückwärts gewandt haben und vielleicht mit überlegener Zahl mein Lager gefährden. Noch beschäftigt damit das Lager mit allen Kräften gegen einen feindlichen Ueberfall zu sichern, wurden wir kurz nach Mittag durch einen plötzlichen Angriff der Gegner alarmirt; am anderen Ufer nämlich hatte sich der Feind im dichten Ufergebüsch festgesetzt und die »Domira« beschossen. Wir erwiderten das Feuer sogleich, indem wir alle schnell mit eingriffen, auch das Geschütz gebrauchten und eine vom Ufer zurückliegende Hütte, in welcher der Feind vermuthlich Schutz gesucht hatte, mit Granaten beschossen, der sich auch bald aus dem Bereich der gefürchteten Geschosse zurückzog.
Da wir mit Recht vermuthen konnten, die Bewohner des schon am vorigen Tage mit Granaten überschütteten Dorfes wären über den Fluß gesetzt und hätten den Angriff unternommen, so wurden schnell sämmtliche Atonga beordert, einen Ausfall dorthin zu machen, mit der Ordre das Dorf im ersten Anlauf zu nehmen und in Brand zu setzen. Hierbei war in erster Linie die Absicht, den festen Halt des Feindes zerstören zu lassen, maßgebend, sollte es nicht gelingen, dann ließe sich der Gegner vielleicht verleiten, die Atonga zu verfolgen und würde, ehe er sich zur Flucht wenden könne, durch das sichere Feuer der Europäer schwere Verluste erleiden. Ohne jeden Beistand, geführt nur von den Kapitaos, war es den aufziehenden Atongas überlassen, die Methode ihrer Kriegsführung in Anwendung zu bringen. Mit begreiflicher Spannung erwarteten wir Europäer den Ausgang des kommenden Kampfes und, als es übermäßig lange still blieb, bemächtigte sich unser die Ungeduld. Bis plötzlich dumpf herüberhallende Schüsse anzeigten, die durch Gras und Maisfelder schleichenden Atonga hätten den Feind erreicht, der wachsam und noch zahlreich zu sein schien, den Angriff abzuwehren. Es schien anfänglich, als hätten sich die Atonga zur Flucht gewandt und würden verfolgt, was auch der Fall gewesen ist, sie haben sich aber schnell gesammelt und trieben nun ihrerseits durch ihre bessere Bewaffnung den Feind zurück in das Dorf, begnügten sich indes eine Zeitlang aus sicherem Hinterhalt zu schießen, ohne das Dorf zu nehmen. Bald nachdem das Feuern eingestellt worden war, erscholl ihr Triumphgeschrei, auch währte es dann nicht mehr lange, bis sie, ihren Kriegsgesang heulend, in langer Linie anmarschirt kamen.
Als Siegestrophäen überbrachten sie Bogen und Pfeile, sowie das auf einen Speer gesteckte Ohr eines gefallenen Feindes; diese Beute legten sie zu Füßen des Kommissars nieder und schickten sich dann an, ihren Kriegstanz aufzuführen. In langer Linie aufgestellt, von den Kapitaos schnell geordnet, sprangen[S. 249] einige Vorsänger vor die Front und begannen unter grotesken Sprüngen, die Waffen schwingend, ihre Kampfweise aufzuführen, wobei der ganze Chor mit in den Gesang einstimmte. Waren die Tänzer ermattet, sprangen immer wieder andere vor, die jedes Mal einen anderen Gesang anstimmten; klang die Melodie auch etwas eintönig, so lag in manchen Strophen doch ein harmonischer Zusammenhang, der selbst für das Ohr eines Europäers etwas Angenehmes hatte. Man gewann aber doch einen Einblick, wie diese Volksstämme, wenn sie zu tausenden von einem siegreichen Zuge heimkehren, endlos ihre wilden Tänze aufführen und Siegesfeste feiern. — Endlich erschöpft, hielten die Atonga inne und im Bewußtsein, große Krieger zu sein, erzählten sie sich an ihren Feuern im Lager ihre Heldenthaten.
Der Commissar Mister Johnston, der vorläufig einen größeren Ausfall nicht beabsichtigte, bevor nicht der Pallisadenbau in einer Weise fertig gestellt war, daß die aufzuführenden Befestigungen einem kleinen aber starken Fort entsprächen, hatte, als ich ihm meine Absicht mit der an diesem Tage freigekommenen »Dormira« abzureisen, mittheilte, nur den Wunsch, Soldaten und Geschütz für einige Tage noch behalten zu dürfen. Die Lage habe sich ja auch so weit geklärt, daß der Feind es nicht mehr wagen werde, gegen seine bedeutend stärkere Position anzustürmen und so könne er die von Katunga erwartete Verstärkung getrost abwarten.
Am 14. Mittags war die »Dormira« endlich bereit. Die Abfahrt des Schiffes hatte sich durch Herbeischaffung von Feuerholz, sowie durch die vorgenommenen Befestigungen an Bord, (namentlich war die Kommandobrücke mit allem möglichen Material geschützt worden,) sehr verzögert. Aus dem Grunde, weil im Lager für die Europäer herzlich wenig zu essen war, hätte ich die Handwerker, die ungern zurückbleiben wollten, gerne mitgenommen, aber den Engländern Soldaten und Geschütz ohne spezielle Aufsicht zu überlassen, das ging nicht, darum mußten diese bleiben.
Beim Abschied versicherte mir der Kommissar noch seiner vollen Unterstützung in allen Fällen, wo wir solche bei unserm großen Unternehmen bedürfen würden, sonst aber that er keiner der Zusagen Erwähnung, die vor wenig Tagen sein Abgesandter im deutschen Lager gemacht hatte und was erstere anbetrifft, so haben wir späterhin jede Gefälligkeit überreich vergolten.
Gleich anfänglich, sobald das Schiff die Anker gelichtet hatte und mit dem Strome flußabwärts glitt, wurde die beträchtliche Anzahl Schwarzer an Bord in den Vorder- und Hinterräumen untergebracht, damit sie den feindlichen Kugeln nicht ohne Schutz ausgesetzt wären, während die Europäer auf der Kommandobrücke mit Waffen bereit standen und scharfe Ausguck nach den Ufern hielten. Mit Strom und Dampfkraft ist es auf solchem Fluß ein[S. 250] schlechtes Fahren und große Aufmerksamkeit nöthig, den vielen Untiefen sicher aus dem Wege zu gehen; läuft das Schiff aber fest, kostet es viele Mühe es wieder frei zu bekommen. Indes während der Zeit, daß wir auf feindliche Schüsse gefaßt sein konnten ging alles gut, auch ließ sich kein Feind blicken und das linke Ufer schien vollständig verödet zu sein. Erst weit unterhalb Perisi sahen wir auf dem rechten Ufer wieder Menschen, die jedoch friedlich das vorbeiziehende Schiff betrachteten und kein Zeichen irgend welcher feindlichen Gesinnung gaben; nebenbei war unter allen an Bord ausgemacht, daß, sollten sich Leute am Ufer zeigen, keiner eher Feuer geben solle, als bis genügende Veranlassung dazu vorhanden sei, es wäre zum wenigsten nicht hübsch gewesen wehrlose Feinde niederzustrecken.
Etwa eine halbe Stunde oberhalb Mpimbi, liefen wir, da der Führer im Glauben war, er habe freies Wasser vor sich und deshalb mit voller Dampfkraft fuhr, plötzlich so fest auf eine Untiefe auf, daß es stundenlanger Mühe bedurfte, das Schiff wieder frei zu bekommen. Mit vereinter Dampf- und Menschenkraft, und allen in das Wasser gesandten Schwarzen, die den Sand unter dem Schiff wegschafften, gelang es denn doch schließlich, den Dampfer wieder in tieferes Wasser zu bringen, so daß wir, wozu anfänglich wenig Aussicht vorhanden war, doch noch gegen Abend Mpimbi erreichten. Ehe wir noch die Insel, auf welcher der Häuptling Tschikusi seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, etwa eine Viertelstunde oberhalb Mpimbi gelegen, erreicht hatten, sahen wir mächtige Rauchwolken hinter dem das Lager verdeckenden Wald aufsteigen, und unwillkürlich drängte sich mir die Besorgniß auf, das deutsche Lager müsse in Brand stehen. Diese Annahme, von allen getheilt, da sich keine andere Erklärung dafür finden ließ, war keine angenehme Empfindung für mich, meinen Posten als einen Trümmerhaufen wiedersehn zu sollen und die Befürchtungen, immer von der Hoffnung niedergehalten, der Feind werde nicht so kühn sein und das Lager angreifen, lebten doppelt wieder auf. Mit großer Erwartung näherten wir uns endlich dem Walde — welch' eine Erleichterung aber war es für mich, als ich das Lager unversehrt vor mir liegen sah und wir erkannten, daß hinter demselben die weite trockene Grasebene nur in Flammen stehe, die wahrscheinlich von Feindeshand angezündet, die Vermuthung erweckt hatte, alles sei zerstört! —
Im Lager angekommen fand ich daselbst unsern Expeditionsarzt Dr. Röver schon vor, der wenige Stunden vor mir von Matope eingetroffen war, und bald von allem unterrichtet, erfuhr ich Folgendes:
Mit der Absicht direkt von Blantyre nach Mpimbi zu marschiren, hatte Dr. Röver auf die Zusicherung hin, der Weg durch die Ebene sei von Feinden besetzt, sich genöthigt gesehen nach[S. 251] Matope abzubiegen und von dort zu versuchen, ob er die Reise zu Wasser fortsetzen könne. An diesem Orte war es, wo am Nachmittag des 12. Februar der Transport mit den Schwerverwundeten eintraf und die halbtodten Menschen von Dr. Röver in Behandlung genommen wurden, der auch eine Ueberführung nach Blantyre mittelst Maschilla als gefährlich erklärte und das Boot nach Mpimbi zurückzubringen befahl.
In meinem Hause hatte Mister Steavenson Unterkunft gefunden mit dem ich das einzig darin vorhandene Zimmer fortan theilte; für die Schwarzen wurde so gut es ging anderweitig gesorgt bis alle so weit hergestellt waren, daß sie nach Blantyre geschafft werden konnten.
Weiter erfuhr ich, der nächtliche Alarm am 11. Februar sei dadurch hervorgerufen, daß die Posten herumschleichende Feinde gesehen hatten, die gedeckt unter dem Schutze der Dunkelheit wohl einen Handstreich auszuführen gedachten, aber die Wachsamkeit der Soldaten unterschätzten und mit Gewehrfeuer begrüßt wurden, ehe sie ihre Absicht ausführen konnten. Die sofort unter die Waffen getretene Besatzung gab dann auf solche Punkte Salvenfeuer wo man den Feind vermuthete, der aber, als er sich entdeckt sah, hatte schleunigst das Weite gesucht. Das heftige Feuern in der stillen Nacht hatte auch die Bewohner des Dorfes aufgeschreckt, selbst Herr Scharrer und Berenger, die zufällig die Nacht in ihrer Station anwesend waren, kamen mit den bewaffneten Dorfbewohnern herbeigeeilt, um die Gefahr abwenden zu helfen. Diese Willigkeit von seiten der Einwohner der Aufforderung des Herrn Scharrer zu folgen und das deutsche Lager zu schützen ist um so auffälliger, als sich die Bevölkerung bisher zwar neutral verhalten, doch entschieden mit den Aufständigen harmonirte, und ist es nur dem persönlichen Einfluß dieses Herrn zuzuschreiben, wenn die schwankenden Bewohner Mpimbis anderen Sinnes wurden und insofern die Lage änderten, als sie die Sache des Feindes nicht mehr zu der ihrigen machten. Ihr Häuptling Tschikusi, freilich ganz anderer Meinung, hatte sich aber bisher ruhig verhalten, wenigstens deutete nichts daraus hin, daß er seine Leute zu beeinflußen getrachtet hätte.
Am Abend des 15. Februar kam bei strömenden Regen die vom Commissar von Katunga herbeigerufene Hilfe unter Führung des Kapitän Car und Dr. Harper im deutschen Lager an; es war die Besatzung der Kanonenboote »Herald« und »Mosquito«, 36 Marinesoldaten und 2 Feldgeschütze nebst einigen in Blantyre ansässigen Händlern und Beamten, sowie 200 Träger. In Gewaltmärschen hatte diese Truppe den weiten Weg in wenigen Tagen zurückgelegt; unter der Sonnengluth und Regen dazu viel zu leiden gehabt, sodaß alle aufs Aeußerste erschöpft, froh waren als sie unser Lager erreicht hatten.
Die weite Ebene am Fuß des Schiregebirges war durch die[S. 252] furchtbaren Regengüsse in einen See verwandelt worden, daher mußten die Leute viele Stunden durch fußhohes Wasser waten und dazu die Geschütze auf den aufgeweichten Boden fortschleppen; der große Nebenfluß des Schire, den ich in der Weihnachtsnacht durchquerte war jetzt ein reißender Strom geworden, den zu durchwaten es der größten Anstrengung gekostet hatte. Mithin war es kein Wunder, daß die Hälfte der Mannschaft zu jeder weiteren Aktion vorläufig unfähig geworden war und mehrere sich recht böses Fieber weggeholt hatten.
Wir Deutsche thaten denn auch was in unsern Kräften stand, um der augenblicklichen Noth zu lindern und halfen mit Zeug und Kleidern nach Möglichkeit aus, was freilich bei so vielen Bedürftigen nicht viel sagen wollte. Bei der herrschenden Dunkelheit in dieser so stürmischen Nacht passirte es dazu einigen Europäern, die zum englischen Stationshause, worin die Marinesoldaten Unterkunft gefunden, Ordre zu überbringen hatten, daß sie des schmalen Pfades über dem aufgeworfenen Schützengraben nicht achteten und seitwärts zu Fall kamen, wobei sie, wenn sie nicht ein kühles Bad in dem mit schmutzigen Wasser angefüllten Graben nahmen, so doch sich die Stiefel gehörig vollfüllten; derbe Ausrufe des Unwillens und höchsten Unbehagens zeigten jedesmal an, wenn Jemand, der allzueilig dem Regen sich entziehen wollte, dafür ein nasses Bad eintauschte! Es stellte sich auch als eine Nothwendigkeit heraus, den erschöpften Leuten möglichste Ruhe zu gönnen, um sie nur wieder so weit herzustellen, damit sie fähig würden die Strapazen des Weitermarsches zu ertragen und in den bevorstehenden Kämpfen ihre Kräfte nicht durch körperliche Ermattung versagten. Somit blieben die Engländer zwei Tage noch unsere Gäste. Am 17. traf auch unser Transportführer Herr v. Eltz mit dem Proviantmeister v. Liebermann und noch vier englischen Marinesoldaten als Begleitung von Katunga ein, sodaß nun über fünfzig Europäer in Mpimbi versammelt waren, die sich rüsteten, um die kleine Macht des bei Perisi sich verschanzenden Kommissar Meister Johnston zu verstärken und von dort aus dann die Offensive gegen Lionde zu eröffnen. In diesem Theile Afrikas war noch nie eine so zahlreiche englische Macht versammelt gewesen, zu der wir Deutsche außer den in Perisi weilenden noch ein Kontingent von 15 Soldaten und 3 Europäern, v. Eltz, Dr. Röver und v. Libermann, stellten, sodaß ich, nachdem am 19. früh alle abmarschirt waren, zum Schutze des Lagers nur etwa 20 Mann behielt.
Hatte Mister Johnston auch einmal, als er in große Bedrängniß gerathen, um deutsche Hilfe gebeten, so war ihm die jetzt freiwillig zugeführte doch höchst ungelegen, was ich später aus englischem Munde mehrfach vernommen; es mußte ihm erstens unwillkommen sein, für noch ungebetene Gäste sorgen zu müssen[S. 253] und zweitens die deutsche Hilfe mit in Rechnung zu ziehen, deren er nicht mehr bedurfte. Kam doch hierbei der Nationalstolz in Betracht und fühlte sich verletzt dadurch, daß es nun den Anschein gewann, als könne auch jetzt noch nicht die englische Macht die Situation beherrschen und wäre nicht stark genug ohne fremde Hilfe sich der Feinde zu erwehren. Wie dem nun auch sei, der Kommissar war höflich genug, diese neue Unterstützung nicht zurückzuweisen; mit deutscher Hilfe wurde der Vormarsch auf Lionde angetreten und dieses große Dorf nach kurzem Kampf zerstört. Man war übereingekommen, mit der deutschen Macht auf dem einen, mit der englischen auf dem anderen Ufer vorzudringen, damit der Feind, gleichzeitig angegriffen, nur geringen Widerstand zu leisten im Stande sei; jedoch vertheidigte er sich aber gegen die deutsche Truppe hartnäckiger und der Verlust betrug mehrere verwundete und einen gefallenen Atonga. Mit der Zerstörung von Lionde war auch der Kampf beendet, denn mit dem Verlust des letzten Haltes waren die Feinde auch zersprengt und flohen auf dem linken Ufer meistens in die unzugänglichen Berge, auf dem rechten hingegen nach rückwärts in die längs dem Schire oder landeinwärts unzerstörten Dörfer.
Wohl erforderte es noch manchen starken Druckes, ehe die besiegten Häuptlinge sich ergaben und zu Friedensverhandlungen sich herbeiließen; vor allem die unbedingte Auslieferung der Waffen war eine Forderung, der sie sich nur mit größtem Widerstreben fügten. Auch die geraubten Waffen und das Eigenthum des Mr. Koe, sowie die des später ebenfalls überfallenen Mr. Wetterly mußten wieder herbeigeschafft werden. Die Führer jener Banden aber, welche die Ueberfälle geleitet hatten, büßten ihr Vergehen mit dem Tode.
Die Engländer hatten durch den heraufbeschworenen Kampf nun ihren Zweck erreicht, die Widerspenstigkeit der Häuptlinge war gebrochen und die englische Macht über ein bisher noch freies Land entfaltet. War der Druck der englischen Herrschaft vorher unangenehm, wurde jetzt den Unterlegenen der Fuß in den Nacken gesetzt und harte Bedingungen machten die Macht der Häuptlinge fortan illusorisch.
Auch dem Araber Baccari ben Umari, der seine Hand mit im Spiele gehabt hatte, aber zu schlau war, um gänzlich überführt werden zu können, wurde der Prozeß gemacht; als einflußreicher Mann war er gefährlich, als vermutheter Sklavenhändler wurde er schleunigst des Landes verwiesen.
[S. 254]
Auf wie schwachen Füßen die englische Herrschaft hier in Central-Afrika steht ist aus der Anstrengung zu ersehen, welche es gekostet hat, diesen Aufstand niederzuwerfen und hätte nicht die Besatzung der in Katunga liegenden Kanonenboote herangezogen werden können, denen es möglich geworden, soweit den unteren Schirefluß hinaufzudampfen, würde wohl, sofern nicht die gesammte deutsche Macht thatkräftige Unterstützung geleistet, der Kommissar zum Abschluß eines faulen Friedens gezwungen gewesen sein, denn den Kampf fortzusetzen, wäre gegen die zunehmende Siegeszuversicht der Feinde mit so unzureichenden Kräften eine Thorheit gewesen. Die Folge davon war eine beständige Unsicherheit auf allen Land- und Wasserwegen; ist doch der Neger ein unleidliches Subjekt und zeigt seinen Charakter im schlechtesten Lichte, sobald nur ein Schein von Macht in seinen Händen ist und er weiß, daß er ungestraft sich frech und ungebührlich betragen darf. Es wäre auch von englischer Seite zur unbedingten Nothwendigkeit geworden, die Uebergriffe der Häuptlinge zu strafen und den Kampf abermals zu eröffnen in dem Augenblick, wenn die sehnsüchtig erwarteten Sikhs in Blantyre eingetroffen sein würden.
Politische Klugheit und die Einsicht, selbst mit der momentan starken Macht den Kampf nicht lange fortsetzen zu können, bewogen den Kommissar auch nach dem letzten Schlage Unterhandlungen mit dem Feinde anzuknüpfen, der, eingeschüchtert, sich nun zu solchen herbeiließ und willig das Joch der englischen Herrschaft auf sich nahm. Der Feind, wäre er einig gewesen, hätte durch seine Stärke die Kräfte der Engländer schließlich aufgerieben, und daher mußte der Friede geschlossen werden so lange noch die imposante versammelte Macht beisammen und dem Gegner imponirte.
Es ist ein Glück, daß die Bewohner des schwarzen Erdtheils die Macht des Europäers als eine unbegrenzte noch ansehen und solche leicht anerkennen, sobald sie im Guten oder Bösen eine Probe davon erhalten haben, ist aber dieser Nimbus einmal zerstört, dann wehe der kleinen Schaar, die sich in ihrer Mitte wagt, nur ein Aufgebot starker Macht zwingt dann den grollenden Gegner wieder zur Unterwerfung.
Während nun die geschilderten Vorgänge bei Lionde sich abspielten, die Feinde vor der eilig vordringenden Macht in die Berge oder rückwärts flohen, wurde meine Stellung in dem schwachbesetzten Lager gefährlicher als früher insofern, als ich mich viel eher auf einen ernsten Kampf gefaßt machen konnte und gezwungen war, namentlich Nachts die größte Wachsamkeit zu üben. Nach den gemeldeten Nachrichten, es haben sich auf beiden Ufern des Schire Feinde um Mpimbi gesammelt, konnte ich einen Angriff auf meine schwache Stellung erwarten, sobald irgend eine Kunde vom[S. 255] Kampfplatz eintraf, die geeignet war, die im Rücken der Engländer versammelten Haufen mit neuem Muth zu beleben. Ich exerzirte daher meine paar Leute täglich ein, um auf alle Eventualitäten diese möglichst sicher zu haben, ohne jedoch irgend jemand von meiner Voraussetzung auch nur etwas mitzutheilen, denn was so den Anschein einer Uebung hatte, wäre, wenn alle die Besorgniß erfüllt hätte, plötzlich überfallen zu werden, bei den maroden Abessiniern und zu Soldaten untauglichen Suaheli nur von nachtheiliger Wirkung gewesen.
Um die Mittagsstunde des 21. Februar, ein jeder hatte, sofern er nicht durch Ausübung seiner Pflicht davon abgehalten wurde, in Hütte und Haus vor den glühenden Strahlen der Sonne Schutz gesucht und sich im kühlen Schatten der Ruhe hingegeben, ertönten plötzlich in dem das Lager umschließenden Buschwald dumpfe Schüsse aus Vorderladern abgefeuert und so nahe, daß es schien, als habe der unsichtbare Feind die Absicht, aus dem deckenden Dickicht hervorzubrechen. Im Moment war das Lager alarmirt, jeder Mann auf seinen Posten und den Heranziehenden wäre ein schlimmer Empfang bereitet worden, wenn ich nicht jedes voreilige Schießen verboten hätte und keiner eher Feuer geben sollte bis es von einem Europäer befohlen worden war. Diese Instruktion verhinderte zum Glück sofortiges Schießen, auch war ich schnell genug herausgesprungen um noch ein voreilig gegebenes Kommando an der Ausführung zu hindern; kurz nach den Schüssen erschallte auch das deutsche Hornsignal, woraus ich entnahm, daß kein Feind im Anzug war. Gleich daraus erschienen vor der verschanzten Waldpforte die erste Kolonne Atonga, denen in langer Linie viele andere folgten, die Einlaß begehrten.
Der führende Offizier, Leutnant Bronsardt v. Schellendorf, war nicht wenig erstaunt, das Lager so kampfbereit zu finden; klärte aber schnell das Mißverständniß auf, das so leicht sehr üble Folgen hätte haben können, wenn nicht auf beiden Seiten mit Ueberlegung gehandelt worden wäre. Es hatten nämlich gegen sein striktes Verbot einzelne Kapitaos nicht unterlassen können, ihre Vorderlader abzufeuern aus Freude darüber, endlich am Ziel angelangt zu sein, und um die Wirkung dieser unzeitig gegebenen Schüsse sofort abzuschwächen, ließ er schnell das deutsche Signal blasen, was das einzige Mittel noch war, da er nicht so schnell nach vorne springen und dem Feuern Einhalt gebieten konnte. Diese Atonga, 275 an Zahl, waren auf Befehl des Major von Wißmann durch v. Bronsardt in Bandawe angeworben worden, zu der Zeit, als die Vorexpedition an jenem Orte für einige Tage mit der Domira dort gerastet hatte, und von hier, vom Westufer des Nyassa-Sees, durch diesen Offizier bis nach Mpimbi geführt wurden. Der Major, bestrebt, für seine Expedition möglichst viele Kräfte heranzuziehen, da die Trägerfrage der Transport-Abtheilung[S. 256] große Schwierigkeiten bereitete, hatte diese Anwerbung vornehmen lassen, um einen Arbeiterstamm zu beschaffen, der für die Dauer des Schiffbaus zur Verfügung stehen würde und erst entlassen werden sollte, wenn das ganze Werk vollendet wäre. Es war keine kleine Aufgabe und eine nicht zu unterschätzende Leistung mit nur wenigen Soldaten diese Kolonne den weiten Weg von der Mitte des Sees, durch Grassavannen und Gebirgsland, durch das Gebiet unzuverlässiger Häuptlinge, in dieser Zeit des allgemeinen Aufstandes zu führen und obwohl die feindlichen Stämme verschiedentlich den Weitermarsch zu verhindern gesucht, einige Male ernste Rekontre auch stattgefunden hatten, wagten sie doch keinen ernsten Widerstand zu leisten, da der großen Truppe genügend Gewehre mitgegeben worden waren. Anders verhielt es sich mit der Verproviantirung so vieler Leute und es ist sehr erklärlich, daß in den langen Wochen öfters empfindlicher Mangel an Lebensmitteln vorgeherrscht hat, wenn der Verkauf derselben verweigert wurde oder tagelang unbewohnte Gegenden zu durchziehen waren.
Ein tüchtiger Jäger, schaffte v. Bronsardt immer Wild herbei, wo solches zu finden war, und diesem Umstande hatte er es zu danken, daß er oft der Noth gesteuert und noch so viele Leute hatte mitbringen können, denn die Aussicht auf frisches Fleisch hielt in Tagen der Entbehrung die Leute zusammen, die sonst dem Beispiel vieler anderer gefolgt und desertirt wären, so lange es noch Zeit und nicht feindliche Stämme dem einzelnen den Rückweg abgeschnitten hatten.
Erwähnen will ich hier gleich, daß die Kultur des Tabakbaues von den Atongas am Nyasse-See als Spezialität besonders betrieben wird und sie dadurch ein Mittel in Händen haben, die weite Wanderung von ihrem Heimathland bis nach Blantyre und weiter unternehmen können, ohne besonders Mangel zu leiden, denn der in Rollen mitgeführte Tabak, in kleinen Stücken verkauft, giebt ihnen die Möglichkeit Lebensmittel einzutauschen, was sonst unmöglich wäre, da sie an anderen Dingen ebensowenig besitzen wie alle umwohnenden Stämme, auch der Neger gegen den Angehörigen eines fremden Volkstammes nicht gerade freigiebig sich erweist, er reicht dem Hungrigen nichts umsonst. Die Atonga, die kurz nach der Ernte ihre Wanderung nach dem Schirehochland antreten, um bei den Europäern sich auf den Plantagen oder als Träger zu verdingen, versuchen es auch häufig gleich Vagabonden sich durchzuschlagen und wo es angängig aus den Feldern sich Lebensmittel holen, theils um ihren Vorrat an Tabak zu schonen, theils weil der Hunger sie dazu treibt. Freilich laufen sie Gefahr, von den wachsamen Besitzern niedergeschossen zu werden, die diese Selbsthilfe in Anwendung bringen, ohne je für solche That zur Rechenschaft gezogen zu werden, wie es bei Mpimbi vorgekommen und oft geschieht,[S. 257] um die Langfinger, die das Mausen nicht lassen können, abzuschrecken.
Die Atonga behandeln auf folgende Weise den Tabak: die stattliche Pflanze, wie schon früher erwähnt, erreicht oft die Höhe von fünf Fuß und darüber, die Blätter, die lang und breit sind, werden, sobald die Zeit der Blühte vorbei ist, noch grün abgepflückt, um sogleich, ohne eine Art von Fermentierung vorzunehmen, in dicken Strähnen aufgeflochten zu werden, dann in Rollen, die oft von 30 bis 50 Pfund schwer, gewickelt und in Bananenbast gut verpackt, lassen sie den Tabak allmählich trocknen, der aber in sich selbst Feuchtigkeit genug enthält und nicht, wie wohl anzunehmen, von den heißen Sonnenstrahlen ganz ausgetrocknet wird. Gewiß ist solches Kraut etwas kräftiger Natur und erfordert, wenn man dieses zu rauchen sich gewöhnen will, einen gerade nicht empfindlichen Magen, giebt aber in Ermangelung von etwas Besserem doch eine leidlich schmeckende Pfeife Tabak.
Auch starke Schnupfer sind diese Atonga und würde manchem Gewohnheitsmenschen in Europa, für dessen Riechorgan kein genügend kräftiges Fabrikat mehr gefunden werden kann, das noch zum Niesen reizt, der von den Atonga bereitete Schnupftabak als ein Mittel dazu zu empfehlen sein. Sie bereiten sich denselben aus den Blättern ihres Tabaks, indem kleine Stücken desselben gewöhnlich auf einem Stückchen Blech überm Feuer geröstet und durch die Hitze pulverisirt werden, und gerade diese feinen Körnchen, von der Schärfe des Pfeffers, bewirken, wenn sie sich in den Schleimhäuten der Nase festgesetzt haben, ein urkräftiges Niesen, derart, daß der Körper durch diesen übermächtigen Reiz gewaltig durchgeschüttelt wird und ein Nichtschnupfer sobald nach einer zweiten Dosis kein Verlangen trägt.
An den beiden folgenden Tagen, den 22. und 23. Februar kehrten v. Eltz und Dr. Röver mit den Soldaten zum Lager zurück und wurde nun, was mir sehr lieb, das Kommando des Lagers Dr. Röver übertragen. Die soweit getrennt liegenden Orte, Lager und Werft hätten sich doch nur schlecht unter ein Kommando vereinigen lassen, da jedes für sich eine gesonderte Leitung nöthig machte, weil an beiden vorläufig große Arbeiten ausgeführt werden mußten. Entlastet war ich insofern, als die gesammte Verpflegung laut Befehl des Majors, der Kommandant das Lager zu übernehmen hatte, ich mich mit dieser leidigen Angelegenheit fernerhin nicht mehr zu befassen brauchte.
Sobald die Atonga nun abgetheilt waren, von denen ich 30 als beständige Werftarbeiter behielt, wurde die ganze Schaar möglichst schnell nach Katunga geführt, um von dort mittelst der Karren unsere schwersten Lasten über das Gebirge nach Mpimbi zu schaffen; und schwerlich hätten wir für diese mühselige und zum Theil auf den in der Regenzeit sehr schlechten Gebirgswegen[S. 258] bessere und willigere Leute finden können wie es diese Atonga waren. Der übliche Lohn für jeden Arbeiter beträgt hier zu Lande monatlich 6 Faden gleich 36 Fuß Calico (weißes Zeug) geringerer Qualität, im Werthe von 4 Mk. 80 Pf. Ortspreis, dazu wöchentlich zur Verpflegung noch 3 Fuß Zeug gleich 40 Pf. mithin würde der Monatslohn für einen guten Arbeiter 6 Mk. 40 Pf. betragen. Bedenkt man, daß den englischen Firmen die Yard gleich 3 Fuß, direkt von Bombay bezogen, mit Fracht und Trägerkosten, selbst Schädigung eingerechnet, auf 18-20 Pf. zu stehen kommt, wird man zugeben müssen, daß die Arbeit doch noch recht billig ist. Die Träger, sofern sie nicht im Monatslohn stehen, erhalten zwar mehr z. B. für die Tour von Katunga-Blantyre einen Faden, Katunga-Mpimbi zwei Faden Zeug, gemeinhin dann aber keine Poscho, d. h. Verpflegung. In Fort Johnston stellt sich der Preis einer Yard auf 6 Pence, etwas mehr als 50 Pfg., aber im Norden des Nyassa-Sees schon auf 8 Pence gleich 80 Pf., am Tanganjika-See auf einen Schilling gleich 1 Mk. Diese Vertheuerung des gangbarsten Artikels hat seinen Grund darin, daß die African-Lakes-Comp. das Privilegium des ganzen Transportes bis in letzter Zeit ausschließlich in Händen gehabt hat und für jede Tonne Güter gleich 20 Centner, von Chinde bis Blantyre 20 Lstr. gleich 400 Mk. forderte; den gleichen Preis für einen Reisenden und dessen Handgepäck. Im Jahre 1892 noch kostete jedem Reisenden, der kein Abkommen mit der Compagnie getroffen hatte, eine Tour Chinde-Karonga (Nordende des Nyassa-Sees) etwa 1200 Mk. Jetzt jedoch zahlt man nur etwa noch die Hälfte dieser Summe, weil die Konkurrenz der Gesellschaft das Monopol durchbrochen hat. Alle andern Artikel wie bunte Zeuge, Seife, Taschentücher etc. stehen entsprechend der Grundtaxe dann auch in einem viel höheren Preise und nimmt ein Arbeiter nach sechsmonatlicher Dienstzeit seinen Verdienst in diesen verschiedenen Artikeln, kann er bequem die Auszahlung unterm Arm nehmen und den Heimweg antreten.
In Gegenden, wo die Europäer sich festgesetzt haben, ist es nur naturgemäß, daß auch der Neger seine Produkte vertheuert, er merkt es sich sehr schnell, wenn ihn jemand besser bezahlt und wird den erhaltenen Preis alsbald am zweiten Orte fordern und erhält er ihn nicht, seine Hühner, Ziegen, Bataten, etc. ruhig wieder mit nach Hause nehmen; es sind also die Europäer sich nicht einig, sie vertheuern sich selbst die täglichen Bedürfnisse. Gewöhnlich zahlte ich in Mpimbi für eine ausgewachsene Ziege oder Schaaf an Zeugwerth Mark 3.20 bis 4.80, für ein großes Huhn 20 bis 30 Pfennige. Ziegen und Hühner sind das einzige Fleisch was man erhalten kann, Wild wird je weiter man vordringt an den Ufern des Schire immer seltener, am Nyassa schon eine Delikatesse, weil natürliche Hindernisse es zu schwer machen an die sonst zahlreichen Thiere heranzukommen.
[S. 259]
Mein Wunsch war es nach Uebergabe des Lagers sobald als möglich gänzlich zur Werft überzusiedeln und mit den mir vorläufig zur Verfügung stehenden Leuten 30 Atonga, 14 Bacharias (Suaheli) und 12 Sudanesen, letztere als Posten, die Arbeiten zu fördern. Nöthig war es vor allem, mein Wohnhaus zuerst zu beenden, das ich gleicherzeit als Bureau benutzen wollte und deshalb ein Schlaf- und ein Vorzimmer herstellen ließ. Als Beispiel für alle weiteren Bauten, die nur für die Zeit unseres Aufenthalts und unserer Arbeit berechnet waren, will ich hier den Aufbau eines Hauses beschreiben. Je nach der Länge des Gebäudes wurden 4 oder mehr Mittelträger von 14 bis 16 Fuß Länge, jeder oben mit einer Astgabel versehen, etwa 2 Fuß tief in die Erde gesetzt, die Träger für die Seitenwände aus ebensolchen Stämmen bestehend, aber nur 7 bis 8 Fuß über dem Erdboden, und je nach der geplanten Breite des Hauses etwa 6 bis 8 Fuß von den großen Stämmen entfernt, wurden gewöhnlich in einem Abstand von 6 Fuß von einander aufgestellt. Die Zwischenräume dann ringsum mit schlankem Rohr ausgefüllt, das im Erdboden dicht an dicht eingegraben und zwischen den Pfeilern, um solcher Wand Halt und Festigkeit zu geben, durch querliegende Rohrsparren verbunden wurde, ergab eine genügend feste und luftige Einfassung. Auf den Gabeln der Mittel- und Seitenpfeiler ruhten passend lange Stämme, die mit Bambusrohr als Dachsparren verbunden auf diesen wieder querliegende Streifen gespaltenen Rohrs festgemacht, vervollständigten das Dach; die Bedachung selbst bestand aus langem Gras, das in Bündeln, von unten angefangen, schichtweise aufeinander gelegt und an den Sparren mit auf diesem gelegten Flußrohr befestigt wurde. Oben am Giebel wurden über dem Längsbalken feste Graskappen gelegt, die über die an diesem heranreichende Grasschicht so über faßte, daß kein Wasser hindurch dringen konnte.
Die Schräge des Daches gestattet dem Regenwasser schnellen Abfluß und solch ein gut gearbeitetes Dach widersteht lange Zeit d. h. hat solch ein Dach zwei Regenperioden überdauert, legt man um eine weitere Verwitterung vorzubeugen, wieder eine neue Grasschicht oben auf bis es nach Jahr und Tag schließlich nöthig wird die Bedachung gänzlich zu erneuern. Als Bindemittel diente uns der Bast verschiedener Baumarten und gewöhnlich brachten schon die Leute solche Stämme aus den Bergen herunter, deren zähe Borke das gewünschte Mittel abgaben; war solches aber schwerer zu erhalten, dann sandte ich einige Leute aus, um die Blätter der astlosen hohen Fächerpalme herbeizuschaffen, diese für eine Nacht in Wasser gelegt und dann gespalten wurden, ersetzten uns den Bindfaden.
Der vorläufig abgeschlossene Waffenstillstand, der auch zum Frieden führte, sowie die Niederwerfung der Aufständigen, hatte[S. 260] auch die Gemüther der um Mpimbi wohnenden Eingeborenen etwas beruhigt, deshalb konnte ich es wagen die im Urbusch aufgegebene Arbeit, das Fällen und Behauen der Baumstämme, wieder fortsetzen zu lassen. Der Sicherheit halber ging ich selbst mit einer starken Bedeckung hinaus, um mich von allem erst persönlich zu überzeugen und die nöthigen Anordnungen zu treffen, namentlich wie für die nächste Zeit die Aufstellung der Posten gehandhabt werden sollte, da es nicht ausgeschlossen war, daß die von Lionde bis hierher geflohene Bevölkerung doch wider Erwarten einen Ueberfall ins Werk setzen konnte; deshalb schon war es meine Pflicht, die im unzugänglichen Gebüsch Arbeitenden vor einer Ueberrumpelung nach Möglichkeit zu schützen. Daraufhin überzeugt, es sei keine direkte Gefahr vorhanden, ließ ich denn auch die Zimmerleute unter anfänglich starker Bedeckung ihre Arbeiten wieder aufnehmen und sie täglich in den Urbusch und Wald hinauswandern. Auf der Werft, wo inzwischen mit allen verfügbaren Kräften an die Ausschachtung des langen Grabens herangegangen wurde, gelang es mir neben den Atonga und Suaheli auch andere Arbeiter aus dem Dorfe heranzuziehen, wenn auch vorerst nur Weiber und größere Kinder, und rüstig konnte die Abgrabung der Erdmassen, die flüchtig geschätzt, viele tausend Centner betrugen, gefördert werden. Vom Ufer ab, wo eine Wand von 8 Fuß Höhe abzutragen war, die auf 120 Fuß Länge bis auf 4 Fuß abnahm, bei einer Grundbreite von 20 Fuß, sollte diese so gebildete schräge Fläche der Schlipp als feste Lage dienen, zu welcher bereits im Urbusch die Balken behauen wurden.
Ausgerüstet mit reichlichem Handwerkzeug, als Spaten und Pickaxten, nebenbei war der schwere Boden sehr fest und lehmhaltig, war es verhältnißmäßig noch ein leichtes Arbeiten und nur das Wegschaffen der Erde vermittelst flacher Körbe war schwieriger, zumal diese etwas unterhalb der Werft am hohen Uferabhang ausgeschüttet werden mußte. Neben dieser Arbeit konnten indes andere aber auch nicht vernachläßigt werden, namentlich war die Vollendung des schon vor dem Aufstand begonnenen Zaunes, der im ganzen Umkreis über 320 Fuß lang war, dringend geboten; ebenso ein Wachhaus für die Posten am Haupteingang und ein großes geräumiges Magazin.
Hunderte Hände hätte ich anstellen können, um nur genügend Baumaterial aus den Bergen und der Ebene herbeizuschaffen und dann wäre doch noch alles langsam fortgeschritten, das aber lag daran, daß der Weg bis zu den Bergen so weit war und konnte höchstens zweimal am Tage eine Tour dorthin gemacht werden; sollte aber Bambusrohr geholt werden, kehrten die Leute fast immer erst am späten Nachmittage wieder zurück. Anstatt nun aber die Arbeitskräfte zu haben, die zu einer schnellen Förderung nöthig gewesen wären, hatte ich nur die aus dem Lager zur Arbeit auf[S. 261] der Werft abkommandirten Soldaten, deren Zahl nie 20 überstieg, und was die Abessinier anbelangte, dazu eine faule Gesellschaft.
Im Lager, das Dr. Röver nach den Entwürfen unseres Artisten, Herrn Franke, ausbauen ließ, hatte man mit der Zeit auch eine beträchtliche Zahl Arbeiter angestellt, die Häuser und Pavillons aufführten, daß es eine Lust war; zu solcher bequemen Arbeit ließen sich die Bewohner Mpimpis herbei, auf der Werft aber mit schweren Eisenstücken zu hantiren, davor scheuten sie zurück.
Das rege Leben auf der Werft entfaltete sich mehr und mehr — die Erde schleppenden Frauen und Kinder, die mit Spaten und Äxten hantirenden Männer, die Gras- und Rohrbündel, sowie Baumstämme herbeischleppenden Soldaten, dazu von Katunga ankommende Träger der Wangoni, die Handwerkzeug, Feldschmieden, den Kiel des Schiffes und die eisernen Rippen desselben auf Kopf und Schultern über das Gebirge getragen, gaben ein buntbewegtes Bild. Jeder Europäer fand reichliche Beschäftigung, der eine beaufsichtigte den Häuserbau, der andere die Ausschachtung, ein dritter sollte beim Lager nochmals einen Hochofen aufstellen etc., denn ehe noch nicht der Kiel des Schiffes gelegt und ein Mittel gefunden worden war, auf welche Art wir schnell Kohlen brennen konnten, war es zwecklos, die wenigen bisher eingetroffenen Spanten mit den drei Handwerkern zusammenzunieten.
Aus Katunga, wohin der Transportführer Herr von Eltz gleich nach Abmarsch der Atonga zurückgekehrt war und von wo der Transport des gewaltigen Materials über das Gebirge geleitet wurde, trafen immer zuerst nur solche Sachen ein, die auf der Werft nach meinen Angaben benöthigt wurden, und dort von Sachverständigen, als der Schiffbauer Zander und Maschinist Engelke, zusammengestellt wurden; hingegen verpackte der erste Steuermann Gerloff mit anderen wieder die kleineren Sachen, da sich die Träger entschieden weigerten, das Material in der ursprünglichen Verpackung anzunehmen. In Blantyre, als Zwischenstation, leitete erst Wedler, später der zweite Steuermann Wissemann, die Beförderung und diese wurde mit solcher Genauigkeit ausgeführt, daß ich jeder Zeit darüber orientirt war, welche Gegenstände auf der Werft eingetroffen und welche noch unterwegs waren. Kein Kapitao der Träger, wie es doch mehrmals vorgekommen, erhielt seine Bescheinigung von mir eher, als bis die ihm anvertraut gewesene Stückzahl zur Stelle war. Diese strenge Aufsicht war nöthig, einestheils, weil ein verlorenes Stück schwerlich zu ersetzen wäre, anderntheils, weil die englische African Lakes Comp., die 2000 Lasten zur Beförderung übernommen hatte, nicht für Verluste hätte haftbar gemacht werden können.
Hatte ich geglaubt, daß wir, so lange noch unser Stahlboot von den Engländern nicht zurückgegeben worden war, unbehelligt die Canoefähre unterhalb Mpimbi würden benutzen können und[S. 262] der Häuptling die getroffenen Abmachungen respektieren würde, so sollte ich eines schönen Tages nun eines anderen belehrt werden. Schon um das Uebersetzen zu ermöglichen, mußte den Fuhrleuten ein Gratisgeschenk verabfolgt werden, welches in einem Stückchen bunten Zeug bestand und zu geringfügigen Werth hatte, um dieserhalb die Leute widerwillig zu machen; aber der Neger, sobald er sieht, seine Forderungen werden durch eine gewisse Nachgiebigkeit erfüllt, wird er diese bald derart hoch schrauben, daß sein Benehmen an Unverschämtheit grenzt. Verschiedentlich waren schon Verzögerungen eingetreten und, wenn ich die Zimmerleute längst schon am anderen Ufer wähnte, saßen sie noch wohlgemuth auf der linken Flußseite und warteten geduldig, bis es den Fährleuten gefällig war, sie überzusetzen; kam ich dann selbst, von Ottlich benachrichtigt, zeigten diese noch ein unwilliges Nachgeben und kehrten sich an die Vorhaltungen durchaus nicht.
Wenige Tage später kehrte des Morgens die ganze Abtheilung zurück mit der Nachricht, ihr sei der Durchgang durch das Dorf von mit Speeren und Flinten Bewaffneten verlegt und sie ernstlich bedroht worden, als der führende Europäer ohne weiteres sich nicht fügen wollte. Klug war es von Ottlich gehandelt, in solcher Lage scheinbar nachzugeben, denn ein Konflikt von unabsehbaren Folgen wäre durch irgend eine Gewaltthat sofort heraufbeschworen worden und dadurch zum Mindesten unsere Arbeit in jenem Gebiet für lange Zeit in Frage gestellt gewesen. Die Eingeborenen sympathisierten nur zu sehr mit ihren im Aufstand unterlegenen Freunden, von denen sehr viele in diesen vom Schauplatz entfernt gelegenen Dörfern Schutz und Zuflucht gefunden hatten, und fühlten sich scheinbar stark genug, dem einzelnen Europäer gegenüberzutreten.
Auf solche ernste Nachricht hin mußte etwas Entscheidendes geschehen und zwar bald, denn nur zu leicht giebt sich der Neger einem momentanen Erfolge hin und triumphiert, läßt sich dadurch verleiten, oft Thorheiten zu begehen, deren Folgen er nicht im Entferntesten zu beurtheilen vermag.
Schnell entschlossen brach ich daher mit wenigen Soldaten und einem Dolmetscher auf, um nun allen Ernstes mit dem Häuptling ein Wort deutsch zu reden, nicht etwa, daß ich Gewalt anzuwenden gedachte, was doch nur zu sehr unliebsamen Verwickelungen geführt hätte, so lange noch irgend eine Aussicht zu einem gütigen Ausgleich vorhanden war, sondern vielmehr sollte er mir die Motive erklären, die ihn und seine Leute bewogen hätten, eine friedliche Kolonne aufzuhalten, der laut früherer Abmachungen freier Durchzug durch sein Dorf zu gewähren sei.
Zur Fähre gekommen, fand ich am diesseitigen Ufer mehrere Abgesandte des Häuptlings im Hause des Herrn Scharrer versammelt, die dessen angezeigte Ankunft abwarten und demselben[S. 263] ihre Beschwerden verschiedener Art vorlegen sollten. Dieser Umstand bewog mich, nun auch meinerseits zu warten und erst die Ansicht des mit den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen wohlvertrauten Herrn anzuhören, ehe ich kurzer Hand den Häuptling selbst zur Rede stellte. Eine schnelle friedliche Lösung konnte durch die Vermittelung dieses Herrn, der als Besitzer weiter Länderstrecken in diesem Gebiet allen wohlbekannt und vielfach als Schiedsrichter angerufen wurde, viel eher herbeigeführt werden, als wie ich es durch lange Schauris und Geschenke hätte fertig bringen können, um so mehr, als ich sicher war, daß mir ein solcher Gefallen sehr gerne erwiesen werden würde, da gegenseitige Gefälligkeiten schon früher uns einander gut bekannt gemacht hatten.
Bald nach erfolgter Ankunft desselben und der allseitigen Begrüßung wurde nach dem Begehren der am Boden hockenden Abgesandten, meistens ältere Männer, die ihre Vorderlader zwischen die nackten Beine gestemmt, in stoischer Ruhe auf eine Anrede warteten, gefragt. Unwesentliche Beschwerden, bei welchen es mehr darauf ankam, die Meinung des weißen Mannes zu hören, als der Wunsch, diese durch denselben beseitigt zu sehen, waren es nur, welche der Sprecher vorzubringen hatte und fanden nach vielem Hin und Her ihre Erledigung. Hierauf ließ ich die Abgesandten fragen, welche Gründe den Häuptling bewogen hätten, die Verträge zu brechen und in so drohender Weise gegen eine von mir abgesandte Arbeitskolonne aufzutreten, hätte ich doch für die Benutzung der Fähre und für die Freigabe der Wege durch ihr Dorf reichlich Zahlung geleistet.
Nie indes wird der Neger zu bewegen sein, eine direkte Frage kurz und bündig zu beantworten, so lange ihm noch ein Ausweg offen bleibt, und weitschweifig, indem er immer neue Argumente hervorsucht, antwortet er stets ausweichend. Dadurch erfordern die Schauri von Seiten eines Europäers auch eine gute Portion Geduld und nur zu oft muß er sich in die Weitschweifigkeiten einer Verhandlung fügen, will er seine Absicht nicht vereitelt sehen, namentlich wenn keine Macht ihm zur Seite steht, die von vornherein seinen Wünschen Nachdruck giebt.
In diesem Falle wich der Sprecher auch den direkten Fragen gewandt aus, sodaß es Herrn Scharre schließlich überdrüssig wurde, noch länger mit diesen Querköpfen zu verhandeln, die dadurch nach ihrer Meinung dem Europäer zu imponiren glauben, wenn sie ihre fade Weisheit in recht viele nichtssagende Worte kleiden oder in Vergleichen und halben Räthseln stundenlang sprechen. Es wurde ihnen noch nahegelegt, das Benehmen der Dorfbevölkerung den Europäern gegenüber könne schlimme Folgen haben und solches möchten sie ihrem Fumo mittheilen, wenn derselbe es nicht vorziehen sollte, sich mit mir ins Einvernehmen[S. 264] zu setzen. Auf jeden Fall aber würden sie klug thun, am folgenden Tage eine entscheidende Antwort mir zu überbringen, wenn sie unangenehmen Folgen wollten aus dem Wege gehen; ich aber befolgte den Rath, geduldig die Entscheidung des Häuptlings abzuwarten, ehe ich weitere Schritte in dieser Angelegenheit unternahm.
Am folgenden Morgen hatte ich denn auch das Vergnügen dieselben Abgesandten mit dem dazu gehörigen Gefolge, alle der Würdigkeit der Sendung gemäß geschmückt und ein etwas feierliches Gepräge zur Schau tragend, auf der Werft zu begrüßen. Ich eröffnete hierauf das Schauri mit der kurzen Frage, welches die Gründe sind, um derenwillen sie plötzlich eine so feindliche Stellung meinen Leuten gegenüber eingenommen hätten, sogar mit Waffengewalt gedroht wurde, wenn die Abtheilung nicht freiwillig das Feld geräumt hätte. Eine lange Rede des Wortführers war die Antwort, aus der mein Dolmetscher sich nur so viel zusammen reimen konnte, daß das Ergebniß Unsinn, der Sinn Widerspruch sei. Ich forderte sie nach einer Stunde unnützen Parlierens auf, mir eine bestimmte Antwort endlich zu geben, und legte die Fragen so klar und kurz, daß es unmöglich schien, anders als ein Ja oder Nein darauf zu erhalten; aber konnten oder wollten sie mir nicht Rede stehen, ich erreichte nichts und ließ ihnen, als meine Geduld zu Ende ging, erklären, daß, wenn ein gütiges Verhandeln zwecklos wäre, ich Soldaten genug habe und viel mehr Gewehre wie sie, um nöthigenfalls der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen; ich würde morgen früh selbst die Truppe führen und jeden Widerstand zu beseitigen wissen.
Solcher Bescheid war entschieden nicht nach ihrem Sinn und zögernd schickten sie sich an, die Werft zu verlassen, nachdem ich jedes weitere Verhandeln abgebrochen hatte, sie konnten sicherlich nicht den weißen Mann begreifen, der so würdige Abgesandte nicht mal mit dem üblichen Geschenk bedachte. Hätte ich mich dazu herbeilassen wollen, würde ich das gewünschte Resultat wohl erzielt haben, aber ich sah nicht ein, warum ich noch eine Art »Hongo« (Zoll) zahlen und die schwarze Gesellschaft erst ködern sollte, wenn ich schon mehr als genug gegeben hatte und nur darauf bestand, daß die früheren Abmachungen zu Recht bestehen blieben.
Nach reiflicher Ueberlegung aber beschloß ich doch meinen am ersten Tage gefaßten Vorsatz, den Häuptling persönlich aufzusuchen, zur Ausführung zu bringen, erstens erschien es mir gerathener auf friedlichem Wege diese Schwierigkeit zu lösen, zweitens mit Bewaffneten hätte man mich nicht über den Fluß gesetzt und solche Wichtigkeit legte ich der Sache noch nicht bei, um weitgehendere Maßregeln zu treffen. Daher nur in Begleitung von zwei Mann und ohne jegliche Waffen, ging ich am nächsten Morgen zur Fähre, darauf rechnend, der Fährmann würde keinen[S. 265] Anstand nehmen uns überzusetzen. Allein vergeblich wartete ich, kein Fährmann folgte der Aufforderung überzusetzen und ebensowenig ließ sich etwas von dem im dichten Ufergebüsch versteckten Kanoe entdecken. Erst nach geraumer Zeit bequemten sich ein paar junge Leute das Fahrzeug aus dem Uferschilf herauszuschaffen und uns, nachdem sie den Zweck meines Kommens erfahren hatten, der durch Boten wahrscheinlich erst ihrem Fumo mitgetheilt wurde, mit vielem Geschick durch die reißende Strömung am anderen Ufer abzusetzen.
Vertraut mit den Irrgängen eines Negerdorfes, dessen schmale Pfade labyrinthartig zwischen Hütten, hohem Gras, durch Busch und Unrat führen, war ich, gefolgt von nur wenigen Bewohnern, durch das Gras zu dem großen freien Platze gelangt, der als Versammlungsort diente und wo unter dem Schatten eines gewaltigen Baumes die Berathungen abgehalten werden. Einer Tenne gleich so fest und meistens sauber ist der Boden um solchen Baum, eigentlich auch nur der einzige Ort von dem man sagen kann er werde reinlich gehalten; heute aber und fast zu jeder Tageszeit befanden sich hier nur Mais und Matama stampfende Weiber, umgeben von einer Schaar Kinder, die beim Erblicken des weißen Mannes theils schreiend zu ihren Müttern liefen, theils in den naheliegenden Hütten verschwanden.
Die Prozedur des Mais- und Matamastampfens wird nur von den Frauen vorgenommen, die Geräthe sind ein Holzgefäß und zwei Stampfer, ersteres ist aus einem etwas über zwei Fuß hohem Holzklotz gefertigt, dessen Aushöhlung oben weit nach unten zu aber spitz zu läuft, der Stampfer ist ein einfacher Pfahl von hartem Holz an beiden Enden zugespitzt. Ist ein Quantum des Getreides in ein solches Gefäß geschüttet, wird dieses dann meistens von zwei Frauen derart bearbeitet, daß, indem sie die Stampfer abwechselnd in rascher Folge mit aller Kraft hineinstoßen, die Körner auf diese Weise zermalmt werden. Es erfordert eine gewisse Ausdauer stundenlang solche Arbeit zu verrichten, und sehr häufig sieht man, daß die Mütter ihre Säuglinge auf den Rücken gebunden haben, die mit jedem Stoß in eine hüpfende Bewegung gerathen und mit den Köpfen gegen den Körper schlagen. Aber der Negerschädel ist fester gebaut, die Kinder finden in solcher Lage Schlaf und Ruhe, selbst den unbedeckten kleinen Köpfen schadet nicht mal der glühende Strahl der Sonne.
Sind die Körner fein genug gestampft, und bestimmt zu Mehl verrieben zu werden, kommen sie unter die Mühle d. h. sie werden in kleineren Mengen zwischen zwei Steinen gerieben, von denen der größere auf einer reinen Matte gelegt wird, der kleinere mit den Händen gefaßt, durch Hin- und Herschieben das Mehl herstellt. Zur Bereitung des Pombe (Bier) genügt schon das Stampfen; auf ein Quantum zermalmter Körner wird kochendes Wasser gegossen,[S. 266] dann abgekühlt, geht die Masse in Gährung über und nach einigen Tagen noch mehrmals aufgekocht, giebt sie ein braunes ziemlich dickes Gebräu, das, wenn gut und reinlich zubereitet, auch von Europäern gern getrunken wird und selbstverständlich viel Nährstoff enthält.
Zerstreute Körner, welche durch die Wucht, mit welcher die Stampfer aus und eingetrieben werden, herausfallen, dienen der gackernden Schaar von Hühnern und Tauben, die gierig jedes zur Erde fallende Körnchen aufpickten, zur Nahrung. Diese Thiere lassen sich nicht verscheuchen noch zeigen sie irgend welche Scheu vor den herumlaufenden Kindern. Eigentliche Verschläge für das Federvieh giebt es nicht, Bäume, Sträucher und Dächer der Hütten dienen diesem zum nächtlichen Aufenthalt; besser ist es auch, die Thiere sind frei, denn in schlecht gebauten Ställen gelingt es der Pantherkatze gar leicht einzubrechen und richtet diese dann gewöhnlich eine starke Verheerung unter den eingeschlossenen Thieren an; ich habe es zweimal erfahren, wie unersättlich solche Katze morden kann.
Da der Weg zur Behausung des Häuptlings vom Berathungsplatze mir unbekannt war, suchte ich diesen bei den Frauen zu erkundigen, indes aus Furcht oder Scheu gaben sie keine Antwort auf meine Fragen, bis sich ein kleiner kouragirter Bursche meldete, der sich erbot uns den Weg zu weisen. Weiter nun zwischen Hütten und Gras, durch Busch und über Gräben, vorbei an Maisfeldern, näherten wir uns der Behausung des Fumo, die in sich selbst abgegrenzt, außerhalb des Dorfes gelegen war. Eine ausgedehnte Rohrumzäunung umfaßte sowohl das Wohnhaus des Häuptlings, als auch eine Anzahl Hütten in denen die nächsten Angehörigen desselben wohnten. Und zwar leben die nächsten Verwandten immer zusammen, weil es Sitte ist, daß der Schwiegersohn sich stets an der Hütte oder im Gehöft seines Schwiegervaters ansiedeln muß, dessen Arbeitskraft und Besitz fortan der ganzen Familie zugehört. Die Nachfolge in der Häuptlingswürde ist auch hier keine direkte, nicht der Sohn sondern der Neffe, also dem Schwester- oder Tochtersohn fällt die Würde zu; es ist auch gleichgültig ob der Mann einer Häuptlingstochter im gleichen Range steht oder nicht, durch Heirath wird dieser zu dem Stande der Frau erhoben; auch für die Rangstufe eines Kindes aus solcher Verbindung entscheidet nur die Abstammung der Mutter. Weil die Erbfolge eine weibliche ist, haben die Frauen einen gewissen Einfluß, aber auch nur in dieser Hinsicht, sonst im Uebrigen ist ihre Stellung eine wenig beneideswerthe.
Den Eingang zum großen Vorhofe hatten wir bald gefunden, und hatte ich erst die Absicht selbst zum Hause des Häuptlings zu gehen, um nicht zu lange den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt zu sein, allein auf dem ganzen Platze waren so viele große und kleine Pombetöpfe zerstreut umgeworfen, daß man Mühe hatte[S. 267] hindurchzukommen, wollte man nicht mit solchen jetzt schmutzigen Gefäßen in näherer Berührung treten. Zwar gewohnt, die Umgebung einer Negerhütte schmutzig zu finden, zum mindesten für einen Europäer nicht einladend, war dieser Platz doch geradezu zu unsauber, dazu der widerlich saure Geruch, der den Töpfen entströmte, machte ein Verweilen in dessen Nähe unmöglich. Ein großes Gelage war hier abends vorher gefeiert worden — die Ngomatrommel hatte ich bis spät in die Nacht hinein auf der Werft hören können — dafür gaben die vielen zum Theil noch mit Bierresten versehenen Thongefäße beredtes Zeugniß, und dieser üblen Sitte, sich in Unmassen Pombe zu berauschen, opfern die Eingeborenen oft den besten Theil ihrer Ernten.
Ein weiteres Vordringen oder längeres Verweilen in dieser von üblen Gerüchen geschwängerten Atmosphäre blieb mir erspart, da auf dem Rufe des kleinen Führers ein einzelner Mann erschien, der sich nach unserem Begehr erkundigte; unterrichtet davon, brachte er bald darauf den Bescheid, der Fumo ließe ersuchen nur ein wenig zu warten.
Hat ein Pomberausch gemeinhin auch keine nachhaltigen Folgen, so ist es doch erklärlich, daß die Zecher weit in den hellen Tagen hinein schlafen und sich träger Ruhe überlassen um gestärkt, am Abend vielleicht schon, die Fortsetzung zu machen; liegt doch kein Bedürfniß zu irgend einer Arbeit vor, die nicht aus freiem Willen unternommen wird, denn was häusliche Beschäftigungen oder Feldarbeit anbelangt, so sind ja die Frauen dazu da; darum konnte es mir weiter nicht Wunder nehmen, wenn noch um die Mittagsstunde alles im tiefen Schlafe lag.
Ich zog es also vor, außerhalb des Gehöftes die Ankunft des Häuptling abzuwarten, bis mir schließlich das Verweilen in der heißen Sonne etwas unbequem wurde und schon hatte ich einem Boten Ordre gegeben den Fumo zu fragen, ob ich noch lange auf seine Ankunft warten müße, als derselbe mit seiner Begleitung von einer Seite erschien, von wo ich ihn nicht erwartet hatte. Etwas überrascht, den Häuptling und seine männliche Verwandtschaft in halbeuropäischer Kleidung zu sehen, die freilich nur aus bunten baumwollenen Hemden bestand, konnte ich mir leicht die Verzögerung dadurch erklären, daß allerdings der Eingeborene zu solcher Ausstaffirung etwas mehr Zeit gebraucht als der Europäer.
Nach der üblichen Begrüßung konnte ich die mehrfache Aufforderung des Fumo, ihn zum Berathungsplatz zu folgen, als besondere Höflichkeit ansehen, aber mich zu einem Schauri zu bequemen, damit war mir nicht gedient und lehnte ich solches Ansinnen entschieden ab, aus dem Grunde schon, weil mir zur Genüge bekannt war, welche Bewandtniß es damit hat und auch, wenn erst das halbe Dorf sich dazu eingefunden, erstens viel Zeit verloren gehe, zweitens, ich nur wenig oder nichts erreichen würde.[S. 268] Darum den Zweck meines Kommens mit wenig Worten erklärend, drang ich darauf, mir die Gründe anzugeben, warum meinen Leuten der Durchzug durch das Dorf verwehrt worden sei und die Fährleute, die doch reichlich bezahlt würden, uns Schwierigkeiten bereiteten! Die Verlegenheit, in welcher der Häuptling durch diese bestimmten Fragen versetzt wurde, war natürlich groß, als er mit der Wahrheit, das Auftreten der Dorfbewohner ist nur eine Agitation gegen die Europäer gewesen, nicht herausrücken konnte, wußte sich aber zu helfen und gab mir den unerwarteten Bescheid, daß allein nur deshalb seine Leute, ohne seinen Befehl nebenbei, so gehandelt haben, weil sie einen geschlagenen Weg im Urbusch gefunden hätten, der vermuthen ließ, daß doch in ihrem Todtenhain der Europäer Bäume schlagen wolle und einige bereits zertretene Grabstätten gesehen haben wollten. Daß diese Angaben unwahr sind, wußte ich, hatte ich doch seinerzeit selbst, unter Wahrung der mir bekannten Gewohnheit der Eingeborenen, ihre vornehmeren Todten am Fuße der schönsten Bäume zu begraben, alle Anordnungen getroffen und war überzeugt, gegen diese ist nicht verstoßen worden.
Es war das zweite Mal, daß in gleicher Weise vorgegangen und die gleichen Beschwerden vorgebracht wurden; darum ließ ich den Häuptling fragen, warum er denn zur Selbsthilfe geschritten und den Anschein aufkommen lasse, als suche er Streit mit den Europäern, er wisse doch was ich mit ihm abgemacht hätte, und wirkliche Ungehörigkeiten durch eine Anzeige seinerseits sofort abgeholfen wären? Darauf wußte er aber nichts zu antworten. Meine Meinung, sagte ich ihm, hätte ich gestern seinen Abgesandten zu verstehen gegeben, komme er aber nicht mit vielen Gewehren und drohe wie seine Leute, sondern ganz allein, obgleich ich viele Waffen und viele Soldaten (Askaris) habe. Die Wege durch sein Dorf wolle ich nur benutzen, weil sie bequem und gut sind und auch keine anderen durch das Dickicht führen; ferner wiederhole ich es, kein Weißer noch Schwarzer soll das anrühren, was ihnen heilig ist, kein Baum noch Grab soll berührt werden. Wir sind nur hier, um unser Schiff zu bauen, ist das vollendet gehen wir zum Nyassa-See und kehren nie mehr hierher zurück, wir sind keine Engländer und unser Dorf erbauen wir sehr weit von hier, viel weiter noch als Makangilas Land — diesen aufrührischen Häuptling am Nyassa erwähnte ich deshalb, weil dessen Name wohlbekannt war und um klar zu machen, wie weit fort von hier wir gehen würden. —
Unsere gute Absicht schien dem Fumo schließlich einzuleuchten, er gab wiederholt seine Zustimmung zu erkennen mit der Zusicherung, daß ich überall Bäume schlagen könne, so weit sein Gebiet reicht, wenn nur die Grabstätten verschont bleiben. Zufrieden mit dieser Zusage schieden wir dann im besten Einvernehmen und da von[S. 269] unserer Seite streng auf die Abmachungen gehalten wurde, kamen auch weiter keine Mißhelligkeiten vor.
Nun auf diese Weise das alte Verhältniß wieder hergestellt worden war, ließ ich auch sofort die schon drei Tage unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen, mit der Absicht, sobald mir nur erst unser Boot zur Verfügung stehen würde, lieber selbst einen Weg durch das Dickicht zu hauen, sei es auch mit noch so großen Schwierigkeiten, als noch länger gewissermaßen von dem guten Willen der Eingeborenen abhängig zu sein und meine werthvolle Zeit zur Schlichtung von Streitigkeiten opfern zu müssen, denn nur der Mangel eines Bootes hatte mich gezwungen, solche Maßregeln zu ergreifen, und der Zeitverlust, der entstanden wäre, hätte ich mir ohne genügende Mittel einen meilenlangen Weg durch Gebüsch und Rohr hauen wollen.
Indes ehe ich an die Ausführung dieser Arbeit denken konnte, mußten die Erdarbeiten nahezu beendet, auch von Katunga der erste Wagentransport eingetroffen sein, da ich mit zwei derselben die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen gedachte; namentlich mir leichter Wege bahnen konnte, wenn ich, wo es angängig war, mit den Wagen durch Dick und Dünn fuhr. Auf der Werft ging alles seinen geregelten Gang, soweit es mit den vorhandenen Kräften möglich war, auch jedes Unternehmen hatte sichtlichen Fortgang und im Anfang März waren schon die Schmiedeschuppen mit Haus, sowie das große Lagerhaus nebst der Umzäunung beendet. Jetzt aber, wo schon die Feldschmieden und Handwerkszeug, Schiffsrippen und viel anderes Material durch immer zahlreicher eintreffende Wangoni-Träger herbeigeschafft wurden, galt es auch daran zu denken möglichst bald mit dem Zusammennieten der einzelnen losen Theile zu beginnen und die Frage, wie nun Kohlen beschaffen, drängte sich immer unabweislicher auf. Jeder Versuch, den ich hatte unternehmen lassen, war bisher mißglückt, zum wenigsten nicht dem entsprechend, daß wir hätten reichlich auf Vorrath rechnen können und der auch unter der beständigen Aufsicht eines Europäers hätte ausgeführt werden müssen.
So suchte ich denn nun selber eine Methode zur Ausführung zu bringen, die ich mir als praktisch ausgedacht, und die auch schon ein Handwerker früher im Lager ausführen sollte, aber verfuscht hatte, nämlich in Erdlöchern Kohlen zu brennen. Der feste thonhaltige Boden auf der Werft schien mir besonders dazu geeignet den Versuch zu wagen, nebenbei der letzte, da mir sonst keine bessere Idee kommen wollte; Steine brennen und mit Mühe einen Hochofen erbauen, dazu hatten wir kein genügend gutes Material, erst dann hätte ich von Blantyre Ziegelsteine herbeischaffen lassen müssen, verbunden mit vieler Mühe und bedeutenden Geldkosten, wenn dieser Versuch auch mißglückt und sich als unpraktisch erwiesen hätte.
[S. 270]
Zuversichtlich ging ich ans Werk mit der Ueberzeugung es müsse gehen und ließ an jener Stelle, wo zwischen Ufer und der Grabstätte, die ich hatte von der Werft ausschließen müssen, noch reichlich Platz vorhanden war zuerst ein mannstiefes Loch graben, das oben eine möglichst kleine Oeffnung hatte, auf zwei Fuß Tiefe aber so erweitert wurde, das es die Form eines richtigen Kessels erhielt; damit dem Feuer aber der genügende Luftzug nicht fehle, ließ ich anfänglich einige Fuß davon noch ein kleineres gerade herunterführen und unten beide in Verbindung setzen, da letzteres als Luftzufuhr jedoch nicht genügte, so wurde noch ein zweites ausgehoben.
Bedacht darauf nur hartes trockenes Holz zu verwenden, mußten für einen Tag sämmtliche Atonga in die Berge und nach Möglichkeit Stämme herbeischaffen, die zerkleinert im Hauptloch aufgestapelt und in Brand gesetzt wurden. Sobald die Gluth groß genug war, wurde schnell jede Oeffnung mit Aesten, Gras und Erde zugedeckt damit kein Rauch mehr entweichen konnte, und die große Hitze noch nicht durchgebrannte Kloben als Kohle zurücklassen mußte. Der erste Erfolg entsprach noch nicht der Erwartung, die gewonnene Kohle wenigstens nicht der Menge des verbrannten Holzes, aber so viel war gewiß, ich hatte mit der Herstellung eines solchen Ofens keinen Fehlgriff gethan. Die Erfahrung zeigte mir bald, worin der Fehler lag, für die Folge konnte ich denn aber auch mit dem Ergebniß sehr zufrieden sein. Die Nothwendigkeit, noch einen zweiten und später einen dritten Ofen herzustellen, erwies sich als unabweisbar und zwar deshalb, weil die Abkühlung 36 Stunden dauerte, ehe sich ein Mann hineinwagen und die Kohlen herausschaffen konnte, in Folge also umschichtig jeden Tag einer geöffnet und wieder angezündet wurde, um den Bedarf an Kohlen zu decken.
Sehr gelegen kamen mir in diesen Tagen eine Abtheilung Wangoni 21 Mann und eine Frau, die um Arbeit anfragten; unter anderen seien hier einige Namen derselben genannt: Angola, Singano, Aligara, Tarejenji, Kamalami und die Frau Njapine. Diese Leute, die stets fleißig und bescheiden, hatte ich viele Wochen im Dienst, aber ob sie auch täglich Brennholz herbeischafften reichte ihre Zahl mitunter doch nicht aus, den Bedarf für die Oefen zu decken. Unter diesen Wangoni fand ich zuerst Leute mit spitzgefeilten Zähnen, die ihr sonst wirklich prächtiges Gebiß, auf diese Weise verunziert hatten; übrigens wird dies bei den Wangoni als eine Zierde betrachtet, und erfordert es gewiß eine gute Portion Geduld, wenn man bedenkt, mit welchen einfachen Mitteln diese Prozedur ausgeführt wird.
Das Leben auf der Werft war gewissermaßen für mich ein recht eintöniges, sofern ich als einziger Europäer dort lebte und jeder Gesellschaft entbehrte, denn auch Spenker, der anfänglich mit[S. 271] mir übergesiedelt war, wurde durch den Höllenlärm, den die Eingeborenen jede Nacht mit ihren Ngomas machten, vertrieben. Nach des Tages schwerer Arbeit, wenn ich müde und marode geworden, hatte ich auch kaum mehr Lust, den Weg zum Lager zu machen um dort Unterhaltung zu suchen, schon der weite Weg zurück in dunkler Nacht zwischen mannshohem Grase, durch tiefen Schlamm, abgesehen davon, daß um Lager und Dorf nächtlicher Weile der Panther und die Hyäne schlich, wog das Vergnügen nicht auf. Gewöhnlich nach einem erfrischendem Bade, dem frugalen Abendessen, das mein Koch und Diener bereitete, suchte ich schon früh das Lager auf, denn das Feldbett in Ermangelung von Stühlen, bot den bequemsten Ruhesitz, arbeitete ich denn meistens noch stundenlang bei flackerndem Kerzenlicht, bis die Abspannung den Schlaf herbeiführte. Hatte ich aber die Ruhe im traumlosen Schlaf gefunden und war trotz der durch die Stille der Nacht herübertönenden Ngomaschläge aus anderen Orten, fest eingeschlafen, dann antwortete im Dorfe bald eines, bald mehrere dieser dumpf dröhnenden Instrumente und rief an mehreren Plätzen zugleich die träge vor ihren Hütten sitzenden Einwohner zum Tanz und Spiel, und nur zu willig folgt Jung und Alt der lockenden Trommel und jeder nimmt Theil am nächtlichen Reigen, unbekümmert darum, ob sie die Ruhe anderer stören oder nicht.
Der eintönige Gesang, von der Ngoma begleitet, schwillt mehr und mehr an — man kann füglich, wer die Tanzweise der Eingebornen kennt, an den rascheren und lauten Schlägen, sowie an dem Gesange erkennen, in welchem Stadium der Aufregung sich die Tänzer befinden — bis ohrbetäubend, in schrillen Mißtönen plötzlich der wilde Tumult abbricht, um nach kurzer Pause in anderer Tonart, aber in gleicher Weise, als Reigentanz wieder zu beginnen. Wie bei den Volksstämmen am unteren Schire, so ist auch hier das Singen kein eigentlicher Gesang, also wirkliche Lieder, sondern ein Vorsänger leiert irgend eine Idee oder einen Vorgang, eigentlich mehr Erzählung, in roher Versform ummodelirt in singendem Tone her; ein Improvisator also, zu dessen Sing-Sang der Chorus mit Ngomaschlag und Händeklatschen Takt hält und entweder den Vorsang immer wiederholt, oder einen passenden Refrain dazu anstimmt.
Die Ngoma ist ein ausgehöhlter Holzblock mit Ziegenhaut überspannt und giebt einen weittönenden Klang; wunderbare Fertigkeit besitzen die Eingebornen im Schlagen derselben, sowie einen nie fehlenden Takt; durch dieselbe sprechen sie auf große Entfernungen, sie ist der Telegraph, der jede Kunde durch die Lande trägt und man kann sich nicht mehr wundern, wie so sehr schnell Nachrichten unter den Eingebornen verbreitet werden, wenn die Ngoma in Betracht gezogen wird. Es ist ein Instrument,[S. 272] womit sich die Völker zum Krieg und Frieden rufen, sowie zum Klagen und Weinen, zur Freude und Lustbarkeit.
Anfänglich hielt der Lärm fast bis zur frühen Morgenstunde an und kann ich sagen, daß ich kaum eine Nacht habe ruhig schlafen können, wenigstens nicht eher, als bis der Skandal aufhörte oder mich die Müdigkeit übermannte; im Laufe der Zeit jedoch habe ich mich auch daran gewöhnt und waren diese nächtlichen Aufführungen auch unangenehm mit anzuhören, so hatten sie doch nicht mehr den unleidlichen Klang wie im Anfang.
Sehr oft aber, in mondhellen Nächten, in denen die Eingebornen am liebsten ihre Tänze aufführen, übertrieben sie es derart, daß schon lange Gewohnheit oder recht kräftige Nerven dazu gehörten, um solchen Höllenlärm zu ertragen, namentlich, wenn sie unvermuthet in meiner Nähe ihre Ballerbüchsen abfeuerten, die sie hervor holten, sobald ihre Lustigkeit den Höhepunkt erreicht, oder wenn das in Mengen getrunkene Bier ihnen zu Kopf gestiegen war. Wurde mir der Spektakel zu bunt, dachte ich öfter, solchen durch die Wachtposten verbieten zu lassen, aber ich unterließ es stets, denn mit welchem Rechte hätte ich die Freude dieser Naturmenschen stören dürfen? Zeigten sie sich uns gegenüber auch nicht sehr freundlich, so hinderten sie uns auch nicht, und sehr lieb war es mir, daß ich nur allein auf der Werft wohnte, denn die Handwerker hätten doch Anlaß zu Klagen gegeben, und ich wäre dann genöthigt gewesen, um den Leuten die nöthige Ruhe zu verschaffen, die in unmittelbarer Nähe der Werft stattfindenden nächtlichen Aufführungen zu verbieten.
Oft aber giebt es noch ein Nachspiel, indem die Betrunkenen ihre Weiber prügeln, die dann ins Freie laufen und vor jeder Hütte durch Weinen und Heulen jedem der es hören will, ihr Leid klagen; durch die Stille der Nacht hallt ihr Wuthgeschrei solange bis sie nicht mehr können, dazu Gezänk, Kindergeschrei, mäckernde Ziegen und aufgescheuchte Hühner verursachen einen Lärm, vor dem man davonlaufen könnte, und mehrmals bei solcher Gelegenheit, wenn sie es gar zu toll trieben, schickte ich den Sudanesen Effendi (Wachtoffizier) hinaus und ließ Ruhe gebieten. Uebrigens soweit ich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, sind die älteren Frauen den Männern gegenüber nicht blöde, sie ertheilen recht derbe Lektionen und ihr Redefluß bringt selbst wehrhafte Männer zum Schweigen. Widerwärtiger ist es, wenn zwei alte Weiber sich zanken; wie überall, so kehren sie auch hier die Furie heraus und ich glaube, verstände man ihre Sprache gut genug, würde man finden, sie drücken sich nicht höflicher aus, als wenn z. B. in Europa Xantippen aneinander gerathen; eine Vorstellung aber kann ein Laie sich kaum davon machen, wie solch' ein altes wüthendes Weib in schwarzbrauner Färbung aussieht!
Es war in diesen Tagen auch, als man mir die Mittheilung[S. 273] machte, in einer der nächsten Hütten liege ein schwerkranker sterbender Mann, der sehr alt und schwach sei und kaum mehr genesen würde. Ich sah auch den Medizinmann des Dorfes ein- und ausgehen, der seine Kunst mit Beschwörungen an dem Kranken versuchte, ihm aber zu helfen doch nicht imstande war. Die mir gemachte Mittheilung vom Zustand des Mannes zielte darauf ab, ich sollte mich herbeilassen, mittelst Daua (Medizin), wie solche nach dem Glauben der Eingebornen der weiße Mann besitzt, zu helfen, allein ich hütete mich wohl, dem würdigen Dorfarzte ins Handwerk zu pfuschen, denn das ist bei dem Aberglauben dieser Bevölkerung ein kritisches Unternehmen, namentlich wenn es nichts mehr zu helfen und zu verderben giebt. Auch die Hütte betrat ich nicht und sah mir nur im Vorübergehen den im Todeskampfe liegenden Mann an, davon überzeugt, es sei bei diesem keine menschliche Hilfe mehr möglich. Hätte ich hier wirklich, wie sonst bei vielen anderen, helfen wollen und der Mann wäre, was augenscheinlich war, bald darauf gestorben, so hätte ich nur dem Ansehen des Europäers geschadet, denn daß die Medizin des weißen Mannes nicht mehr hätte helfen können würden die Angehörigen nicht begriffen haben. So war es besser ich hielt die Hände davon und überließ alles dem Zauberer, der möglicherweise, wenn er seine Kunst mißachtet sah, durch seinen Einfluß mir hätte schaden können, und wäre es auch nur dadurch, daß die Arbeiter aus dem Dorfe von der Werft ferngehalten worden wären.
Schon um Mitternacht des nächsten Tages, während ich noch durch die Ngoma und das laute Geräusch im Dorfe wachgehalten wurde, hörte ich wie mehrere Männer und Frauen die Posten baten, sie einzulassen, sie wollten zu dem weißen Mann, der kommen und helfen solle, der Kranke sterbe sonst. Die Sudanesen aber öffneten nicht und sagten ich schliefe; einer aber kam doch und machte mir Mittheilung von dem Begehren der Leute und fragte an, ob er öffnen solle oder nicht. Ich war aber schon auf und dachte, wenn es nicht anders sein kann, um wenigstens den Bittenden den guten Willen zu zeigen, kann ich auch zusehen wie der Mann stirbt, denn ich war überzeugt, nur der letzte Kampf, der für den Sterbenden recht schwer sein mochte, hatte sie zu mir getrieben, und weil sie sich nicht mehr zu helfen wußten.
Wenige Minuten später, noch hatte ich das Thor nicht erreicht, tönte aber schon ein Schuß durch die Nacht und gleicherzeit ein wildes Klagegeheul, das Gesang und Ngoma übertönte; nun wußte ich, es sei alles vorbei und hatte, als ich wieder auf meinem Lager lag, nur den stillen Wunsch, das überlaute Klagen und Weinen der Weiber möchte ein Ende nehmen. Aber im Gegentheil, der Spektakel ging erst los, als die schnell versammelten Bewohner sich anschickten, vor jeder Hütte, in welcher meines Erachtens[S. 274] ein Anverwandter des Verstorbenen wohnte, eine halbe Stunde lang zu klagen und zu heulen; dazu feuerten dann noch die glücklichen Besitzer eines Gewehrs fortwährend ihre Donnerbüchsen ab, daß es wirklich das tollste Beginnen war, welches ich bisher in Afrika gehört.
Bei solchem Lärm zu schlafen war einfach unmöglich, recht heiter wurde es aber erst, als in der an meinem Hause anstoßenden Hütte, nur durch den Rohrzaun von einander getrennt, ein paar kleine Kinder mit einstimmten, die von den am Umzuge im Dorfe theilnehmenden Eltern allein gelassen, aus vollen Hälsen brüllten. So ging es mit wenig Unterbrechung zwei Tage und Nächte hindurch, bis am dritten der Spektakel einfach übertoll wurde. Wie schon früher erwähnt, glauben die Eingebornen durch solchen Höllenlärm den Geist des Todten im Grabe zu bannen, Ngomaschlagen, lauter Gesang, Weinen und Heulen sollen ihn zurückscheuchen, damit er auch mit in das Grab hinabsteigt und bei dem Körper verbleibt. Während der ganzen Zeit, in welcher das Grab in der Hütte noch offen ist, spricht der Medizinmann seine Beschwörungsformeln oder jagt phantastisch in Affen- und Pantherfellen gekleidet, wie toll um die Hütte mit dem Rufe üich, üich, als habe er den Geist erblickt und verfolge und jage ihn wieder zum Grabe zurück; hört er endlich athemlos auf, und erklärt, der Geist sei wieder in den Körper oder ins Grab gebannt, dann soll durch noch wilderen Lärm sein Wiederentweichen verhindert werden. Bei alten Leuten bricht gewöhnlich der Geist drei oder vier Mal aus und macht dem Zauberer, der ihn nur allein sehen kann, viel zu schaffen, bis er diesen schließlich, wenn alles bereit ist, zum letzten Mal in das Grab scheucht und dann eilig zuschütten läßt, damit er nicht mehr entweichen kann.
In kluger Berechnung, nur um sein Ansehen zu fördern, unterzieht sich der Zauberer gerne solcher Anstrengung, denn von klingendem Lohn kann überhaupt keine Rede sein; er betreibt den Hokuspokus mit einer Raffinirtheit, die unglaublich ist, damit alle in ihm den klugen Mann erblicken, der Geister sehen und mit ihnen verkehren kann, der einfach Dinge versteht, die für den beschränkten Verstand des Negers als übernatürliche gelten müssen. Diese Gabe der vorgespiegelten Hellseherei vererbt sich, indem der Nachfolger immer wieder aus der Familie des Zauberers hervorgeht und die streng gewahrten Geheimnisse somit zu keines Fremden Kenntniß gelangen. Der eigentliche Todtengesang vor und nach dem Begräbniß tönt aus in leiser, harmonischer Klage, ein Rhythmus, von allen gesungen, kommt die Melodie unsern lieblichen einfachen Liedern nahe und unwillkürlich lauschte ich, wenn dieser leise melodische Gesang ertönte, der in all dem tollen Lärm das einzig Erhebende war.
Nach der Ceremonie beginnt erst das Fest und die zuweilen[S. 275] recht zahlreiche Verwandtschaft des Verstorbenen singt und tanzt unter Anleitung des unermüdlichen Medizinmanns, sie trinken solche Mengen von Pombe bis alle, öfter mitsammt den Weibern, so betrunken sind, daß sie nach so langem Wachen und so großer körperlicher Anstrengung in einen festen langen Schlaf verfallen.
Jetzt wo auf der Werft mehr und mehr körperliche Arbeit von den Europäern verlangt wurde, da ja ausschließlich, was Nieten, Schmieden etc. anbelangte, solche nur von den Handwerkern ausgeführt werden konnten, zeigte es sich bald, daß die aus der bisher eigentlich geringfügigen Arbeit herausgerissenen Leute den Anstrengungen nicht gewachsen waren. Die Folge war, die jetzt ungewohnte Arbeit verursachte Störungen im körperlichen Wohlbefinden, die sich in Fiebererscheinungen und Schwäche äußerten, und von den bis jetzt Anwesenden lag die Hälfte immer krank im Lager. Ich will gewiß keinem den guten Willen am endlichen Gelingen des großen Werkes absprechen und bin überzeugt, es ist keiner ohne Grund von der schweren Arbeit ferngeblieben, nur das muß ich erwähnen, es wären nicht so viele Krankheitsfälle an Fieber eingetreten, wenn nicht bei jedem kleinen Anfall schon die Betroffenen die Arbeit niedergelegt und sich körperlicher Ruhe überlassen hätten, sondern mit festem Willen dem Fieber entgegen getreten wären.
So kam es dahin, daß ich verschiedene Male, als bereits mit dem Zusammennieten der Spannten begonnen worden war, mit nur einem Handwerker auf der Werft diese Arbeiten allein ausführte. Gewiß bedingte es einer eisenfesten Natur, um ohne Schaden am Körper zu nehmen, bei einer Hitze von 10° R. am Morgen aufsteigend meistens bis 38° R. um 11 Uhr Vormittags im Schatten, angestrengt zu arbeiten, dabei häufig der Sonnengluth noch ausgesetzt, die um letztgenannte Zeit 48° R. betrug und um Mittag in der Sonne so enorm groß war, daß man sich als Europäer nicht mehr den glühenden Strahlen aussetzen durfte, ohne Gefahr zu laufen vom Sonnenstich befallen zu werden.
Die Arbeitszeit war so eingetheilt worden: Morgens um 6 Uhr Beginn der Arbeit, um 8 Uhr bis gewöhnlich 8-3/4 Frühstückszeit, um 11 Uhr Aufhören. Nachmittags von 2 bis 5 Uhr; dabei ist aber zu erwähnen, daß während der Zeit von 10 bis 11 und 2 bis 3 Uhr meistens nur leichtere Arbeiten im Schatten der kühleren Schuppen vorgenommen werden konnten und seltener nur, wenn kühle Winde von den Bergen herüberwehten eine Ausnahme gestatteten. Gewaltige Gewitterregen, die in dieser Zeit häufig auftreten und während ihrer Dauer jede Arbeit unmöglich machten, kühlten zwar die heiße Luft ein wenig ab, jedoch so unmerklich, daß sobald die Sonne wieder hinter den Wolken hervortrat, die Hitze eine empfindlichere Wirkung hatte als vorher.
In den ersten Tagen des Monat März machte mir Ottlich[S. 276] die Mittheilung er habe annähernd 200 Fuß Balken im Urbusch fertig behauen und glaube in einer Woche die benöthigten 26 schweren Klötze, die je zwei übereinander gelegt zur Aufklotzung dienen sollten, fertig stellen zu können und schlug vor, hierfür von ihm näher dem Schirefluß aufgefundene Bäume fällen zu dürfen, deren Stämme zwar nur kurz aber doch die genügende Dicke hätten. Nach persönlicher Ueberzeugung pflichtete ich diesem Vorschlage auch bei um so eher, als uns die Arbeit erspart blieb abermals mehrere Baumriesen, die mit ihren Pfeilerwurzeln 5 Fuß über den Boden noch 16 bis 18 Fuß Umfang hatten, zu fällen, Bäume die ich ihrer Dicke und krummer Stämme wegen bei der Durchforschung des weiten Gebiets als ungeeignet übergangen hatte. Nun hieß es nur noch, ehe ich die gewaltige Arbeit unternahm, um die schweren Balken aus dem Dickicht herauszuschaffen, die Ankunft der Wagen abzuwarten, die als ersten Transport, die Kielplatten, Hintersteven des Schiffes und noch fehlende Theile des Kiels (der im Ganzen in sechs Theile des leichteren Transport wegen zerlegt worden war), über das Schiregebirge bringen sollten.
Alle Wagen bis auf zwei, seinerzeit in Hamburg hergestellt, waren mit ihrer eisernen Unterlage so eingerichtet, daß bequem darauf die Schiffsplatten befestigt werden konnten, die zwei mit geraden Achsen, aber ohne Unterlage und 6 Fuß hohen Rädern, sollten die unhandlichsten Theile des Schiffes, als Hintersteven und Ruder befördern. Es wäre jetzt ohne diese Karren ein furchtbares Stück Arbeit gewesen, die Schiffsplatten, Cylinder und andere Maschinentheile über das hohe Gebirge zu schaffen; an Trägerkräften hätte solcher Transport eine enorm größere Zahl bedurft, da schon jede Platte mit weniger als 8 Mann, die sich auf so weitem Wege abwechseln konnten, nicht gut hätte befördert werden können.
In den späteren Nachmittagstunden des vierten März vernahmen wir auf der Werft laut tönenden Gesang vieler Menschen und konnten bald das Halloh der heranziehenden Atonga unterscheiden. Eine Wagenkarawane von 10 Karren, schwer beladen mit Platten, Kesseltheilen etc., begleitet von Soldaten und geführt von zwei Handwerkern, Eikershoff und Dohmann, kam darauf durch das Dorf gezogen, zu der sich eine große Schaar Eingeborener gesellt hatte und einschwenkend zur Werft fuhren sie mit wildem Gesang in Reihen auf. Sobald der letzte Wagen zum Stillstehen gekommen war, schaarten sich die Atonga zusammen und stimmten einen dreimaligen Ruf an, daß einem die Ohren gellen wurden, dann erst begann die Begrüßung und die auf der Werft arbeitenden Stammesgenossen hatten einen wahren Sturm auszuhalten, so drängten sich alle heran und bekundeten ihre Freude ob des Wiedersehns.
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Nur ein armer Teufel lag auf einem der Wagen, zur Sicherheit noch festgebunden, dieser allein konnte nicht an der Freude aller theilnehmen, denn mit zerquetschten Beinen war er unfähig sich zu rühren. Wie mir die Europäer mittheilten, war er von einem der schweren Wagen überfahren worden; und sobald die Atonga sahen, daß ich mich dem Verletzten zuwandte, erklärten sehr viele, mit solchen ungeschickten Dingern, die von selber laufen, wollten sie nicht mehr nach Katunga zurückkehren, lieber die schweren Eisentheile tragen. Jedoch besänftigte ich sie bald, indem ich ihnen ein Poscho versprach, wofür sie sich Mais kaufen sollten, und stellte alle zufrieden, als mein Diener einige Faden Zeug unter die Kapitaos vertheilte; bald konnte ich sie danach zum Lager absenden, wo sie Verpflegung und einen Ruhetag nach so großer Anstrengung finden sollten.
Für die Bewohner Inner-Afrikas ist ein Wagen auf welchem man mit Leichtigkeit Lasten transportiren kann, die sonst keine 40 Mann tragen würden, ein kurioses Ding; überaus viel Spaß macht es ihnen anfangs damit herum zu fahren und ausgelassen wie Kinder haben sie ihre helle Freude daran. Nur wie mit allem womit der Europäer sie beglückt, außer Waffen, verlieren sie, wenn die Sache ihnen über den Spaß geht, sehr leicht die Lust daran und der Gegenstand wird ihnen gleichgültig, sobald sie sich ihr Urtheil gebildet haben, das meistens sehr oberflächlich ist und bei unverständlichen Dingen auf die geheimen Kräfte, die der Europäer ihrer Meinung nach besitzen muß, zurückgeführt wird. So lange auf ebenen glatten Wegen mit einer Last von durchschnittlich 12 Zentnern gefahren wurde, waren auch die Atonga frohen Muthes, da von den je 16 bis 24 Mann, die jedem Wagen zugetheilt waren die Hälfte gemüthlich nebenher gehen konnte; anders aber kam es sobald sie auf den ausgewaschenen Gebirgswegen alle Kräfte anspannen mußten um die Wagen in die Höhe zu bringen und den Führern des Transportes glaubte ich es gerne, daß sie an steilen tiefen Abgründen ihre ganze Kraft zusammen nehmen mußten, um einen Absturz zu verhindern; namentlich, wo an gefährlichen Stellen der Weg etwas abfiel und die Wagen durch ihre Last von selbst in Bewegung gesetzt sehr leicht abweichen konnten, da die Leute es nicht begreifen wollten wie ein solcher durch Gegenstemmen gehemmt werden kann. Konnte ein Wagen auch nicht, wegen der vielen Bäume und Sträucher in einen Abgrund stürzen, wäre solcher doch sicherlich mit seiner Last zerschellt, wie es mit einem geschah, der mit den langen schweren Schiffsmasten beladen, auf scharfen Krümmungen des Weges nicht zu halten gewesen war und abstürzte; die Masten mußten liegen bleiben, den zerbrochenen Wagen aber brachten sie mit. Von Blantyre bergabwärts, hatten sie den Weg über Matope genommen, der recht beträchtliches Gefälle hat, hier aber wußten die Atonga sich nicht[S. 278] zu helfen, anstatt zu halten ließen sie die Wagen laufen und wer dann, wenn an ein Aufhalten nicht mehr zu denken, nicht flink genug beiseite sprang, der Wagen ihm auf den Fersen saß, konnte schweren Schaden erleiden. Keine Tour ist ohne Unfall vorüber gegangen, bei der zweiten sogar wurde ein Atonga todtgefahren. Ich weiß aus Erfahrung, welche Mühe es dem Europäer kostet den Leuten es beizubringen, damit sie vorsichtig handeln, denn als ich später 40 Zentner schwere Balken steile Abhänge hinabfahren mußte war meine Gegenwart unerläßlich, um nur ein Unglück zu verhüten.
Wieder im Besitze unseres Stahlbootes gelangt, das die Engländer nicht mehr zum Provianttransport benöthigten, beschloß ich nun mit der ganzen verfügbaren Mannschaft aufzubrechen, und vorerst querüber der Werft einen Weg durch das Dickicht zu hauen, der, wenn es möglich wäre, in gerader Richtung bis zu einem Hügelplateau führen sollte, nach welchem ich zuerst die Balken aus dem Urdickicht heraus, hinzuschaffen gedachte.
Mit 60 Mann, 2 Europäern und vorläufig einem Wagen, setzte ich über den Fluß und suchte, da es unmöglich war, direkt durch das Gebüsch vorzudringen, längs dem Ufer im hohen Schilf und Rohr einen Weg zu bahnen. Aber ob auch mit langen Buschmessern alles niedergemäht wurde, war es in der immer heißer brennenden Sonne doch eine beschwerliche Arbeit; dazu kam das messerscharfe Schilfgras, das die nackten Leute an den Beinen und am Körper verletzte, auch traten sich viele die scharfen Dornen dazwischen wuchernder Sträucher in das Sohlleder ihrer Füße ein und erst nach Stunden angestrengter Mühe waren wir etwa 100 Meter vorwärts gekommen. Daß es so nicht weiter gehen konnte, wenn das Dickicht so überaus dicht bleiben würde, sah ich bald ein und gab es daher auf, einen breiten Weg zu schlagen, der uns als Straße dienen sollte. Einzeln, Mann hinter Mann ließ ich die Leute Bahn brechen und auf diesem schmalen Pfade dann den Wagen mit Gewalt hinterher ziehen, höchstens räumten wir noch Hindernisse weg, wo es absolut nicht anders gehen wollte.
Schließlich auf freies Feld gekommen, das mit unzähligen Erdhaufen und Löchern bedeckt war, sah ich erst recht ein, daß wir niemals im Stande sein würden, über diese brachliegende Fläche einen schwerbeladenen Wagen zu schaffen. Die Nothwendigkeit, die Felder uneben zu machen, bedingt darauf gepflanzter Mais und Mtama, weil diese mächtigen Stauden zur Zeit der Blüthe gehäuft werden müssen, nach Art, wie in Europa die[S. 279] Kartoffel etc. und da jede Staude 5-6 Pflanzen zusammenfaßt, die mehrere Fuß voneinander entfernt sind, nach Belieben hier und da gesät, wird zur angegebenen Zeit mit der denkbar primitivsten Hacke so hoch als möglich gehäuft, was äußerst praktisch ist, weil dann das Regenwasser nirgends abfließen kann, auch sehr leicht die Wurzeln der Pflanzen erreicht und diese trotz der glühenden Sonne frisch und fruchtbar macht.
In der Weise, wie wir unsere Spargel, werden auch die Bataten gepflanzt. Die oft 1-1/2-2 Fuß langen Wurzeln erhalten so nur genügend Feuchtigkeit zum Gedeihen. Verliert der Erdboden, der niemals gedüngt oder umgearbeitet wird, schließlich seine Kraft, dann sucht sich der Neger ein neues Feld, das Feuer und Hacke urbar macht und läßt das verlassene einige Jahre unbebaut liegen, bis Gras und Gebüsch, sowie verwesende Pflanzen den Boden neugestärkt haben. Ein solches war es, worauf wir jetzt hinschritten, stolperten und fielen, weil hohes Gras und Strauch alle Unebenheiten verdeckten. Bemüht, nicht zu weit aus der Richtung zu kommen, mußten wir bald rechts bald links kleinere Schambas ausweichen, doch sah ich mich schließlich genöthigt, die weit ausgedehnten vor uns liegenden Maisfelder zu durchqueren, wenn ich nicht einen gewaltigen Umweg machen und in glühender Sonne längs denselben vordringen wollte. Um nun nicht viele Pflanzen mit dem Wagen zu knicken und nieder zu brechen, ließ ich diesen auseinander nehmen und hindurch tragen; auch um den Eingebornen keinen Anlaß zur Klage zu geben, wenn, was nicht zu vermeiden war, doch einzelne Beschädigungen vorkommen sollten, fertigte ich einen Boten zum Häuptling ab, der diesem die Mittheilung machen sollte, daß ich mit vielen Leuten nur dies eine Mal durch die Schambas ziehe.
Erfrischend ist der Aufenthalt in solchem grünen Hain, kühlen Schatten spendet das Blättermeer, das über einem wie ein Baldachin ausgebreitet ist und seltsame Melodien hervorbringt, wenn leise der Wind hinüberweht, die schlanken biegsamen Rohre niederbeugt, sonst aber ist das Wandern des unebenen Bodens wegen ein äußerst mühevolles. Als endlich die weite Grassavanne wieder vor uns lag, suchte ich links ab, Rohr und Busch so viel als möglich meidend, den bekannten Fußpfad zu erreichen, auf welchem wir ungehinderter vorwärts kommen konnten; war es im Grunde genommen auch eigentlich eine Thorheit gewesen, einen neuen Weg mit so großer Mühe zu suchen und theilweise zu schlagen, da mir der bequeme Weg durch das Dorf offen gestanden hat und eigentlich die Leute nutzlos angestrengt worden waren, so hatte ich mich doch orientirt und wußte nun, welche Schwierigkeiten überwunden werden mußten und welche Richtung ich einzuschlagen hatte, um eine möglichst gerade Straße bis zum[S. 280] Schirefluß durchzubrechen, die oberhalb an den Maispflanzungen vorbei, an dem Ufer des Flusses ausmündete.
Sobald die Hütte erreicht war, die Ottlich sich am Rande des Urdickicht, worin die mächtigen Bäume gefällt und zu Balken behauen lagen, sich errichtet hatte, traf ich erst die nöthigen Vorkehrungen zum Lagerplatz, nach der Vertheilung der Posten aber sorgte ich dafür, daß genügend Proviant, Mais, Mehl und Bataten für die Leute in dem weiter landeinwärts liegenden Wangoni-Dorfe aufgekauft wurde, denn jeden Tag zur Werft zurückmarschiren und dann mit abgespannten Leuten an die schwierige Arbeit zu gehen, das wäre zwecklos gewesen. Ich wollte auch nicht eher wieder aufbrechen, als bis die Balken aus dem tiefen Gelände und aus dem Dickicht, das wie eine lebende Mauer jedes Eindringen wehrte, zur freieren Höhe, wo wir rasteten, geschafft worden wären.
Das nächste war, die bereits im Dickicht geschlagenen direkten Pfade nun zu breiten Wegen zu erweitern und zwar zunächst bis zum ersten Balken, unter dessen Last die Räder alles zermalmen sollten, was die Menschenhand verschont hatte. Wo nun ein Baumriese gefällt lag, hatte dieser im Sturze alles mit sich gerissen, Baum, Busch und Rohr mit seiner Wucht zerschmettert und so den Zimmerleuten viel Arbeit erspart, da sie nur aufräumen brauchten und nicht genöthigt wurden, sich erst Platz zu schaffen, um den Riesenleib zu zersägen und mit Aexten zu bearbeiten.
Glaubte ich genügende Kräfte zu haben, die über 30 Fuß langen Balken hantiren und heben zu können, sah ich mich denn doch getäuscht; das Holz war so fest und schwer, wie das unserer Eichen, dazu bei weitem noch nicht so behauen, wie es hätte sein müssen. Deshalb kostete es sehr großer Anstrengung, solchen Balken auf sehr beschränktem Raum erst handgerecht hinzubringen, ehe er auf den Wagen gehoben und an Achse und Deichsel befestigt werden konnte um ihn dann bergaufwärts zu ziehen, auf einem Grund, worin die Räder unter der schweren Last tief einsanken; das war in der sengenden Sonnengluth über 45° R. eine Arbeit, wie solche selten wohl ausgeführt worden ist. Nimmermehr hätten wir solches vollbringen können, wenn wir nicht unsere vorzüglichen Karren gehabt hätten, nicht hundert Leute wären im Stande gewesen, auf solchen Wegen diese Balken zu transportiren; freilich, dann hätte ich mich auch nie an solche Arbeit wagen dürfen! Wenn auch noch viel schwierigere Aufgaben vor uns lagen, so sah ich bei dieser schon ein, daß nur unbeugsame Energie das Werk vollenden konnte. Die Anforderungen, welche ich an meine Leute stellen mußte, waren große, den sinkenden Muth suchte ich aber stets durch das eigene Vorgehen aufzurichten.
Nur vier lange Balken waren es, die wir aus dem Dickicht[S. 281] herauszuschaffen hatten, aber je weiter wir in dieses hineindrangen und Bahn brachen, desto schwieriger gestaltete sich der Transport derselben. Nach Mühen und schwerer Tagesarbeit geschah es oft genug, daß wir kaum halb gesättigt und allem Comforts bar, in der luftigen offenen Grashütte uns zum Schlummern niederlegten, geplagt von den blutdürstigen Mosquitos, wachgehalten von dem Lachen der umherschleichenden Hyäne, dem lauten Knurren der Panther und dem Brüllen des Löwen, dessen Stimme grollend durch die Stille der Nacht herübertönte und Ruhe gebietend, in seinem Reiche die nächtlichen Räuber zum Schweigen brachte.
Zwei Tage genügten diese schwere Arbeit in der glühenden Sonne zu vollenden, dann aber galt es durch die Grassavanne, durch Dorngebüsch und Busch, durch Niederungen mit mächtigem Sumpfrohr bestanden, über ein welliges Terrain, aufs Neue in solchem Urgebüsch einen Weg zu finden und zu bahnen. Die ganze Kolonne von 60 Mann theilte ich deshalb so, daß, wo nicht Aexte und Buschmesser voraus, mußten die Soldaten mit breitgelegten Gewehren Rohr und Gras Schritt für Schritt niederdrücken, das hinter denselben möglichst niedergehauen und von den schwerbeladenen Karren, unter Aufsicht von zwei Europäern, Ottlich und Knuth, niedergefahren wurde. Kilometer weit sahen wir uns von solcher Wand umgeben, die nur einen Ausblick zum Himmel gestattete, der im bläulich weißen blendenden Glanze strahlte so, daß das den Aether durchfluthende Licht die Augen schmerzen machte.
Manchmal ging uns der Athem aus bei solcher Arbeit — nur auf gut Glück drang ich vor, gefolgt von den Soldaten und sah, als das erste mächtige Rohrfeld durchbrochen war, außer diesen keinen Weißen noch Schwarzen mehr, alle lagen am Wege im Schatten oder schleppten sich mühsam fort. Es war eine heiße übermenschliche Arbeit, aber vorwärts mußten wir; das Einzige was ich thun konnte, wollte ich bis zum Abend den Fluß erreichen, war, daß ich die Wagen im Dickicht verlassen stehen ließ und mit abwechselnder Mannschaft, wo die Hindernisse zu groß waren, vorging. Oft traten Verzögerungen dadurch ein, daß streckenweise die Dornengesträuche überreich wucherten, die dann für die nackten Beine und Füße der Leute eine Qual wurden; 5-10 Mann hockten sich oft mit einem Male hin und ließen sich die eingetretenen Dornen von ihren Kameraden aus den harten Fußsohlen herausziehen, ging dies nicht, wurde mit einem scharfen Stückchen Rohr, das mit den Zähnen schnell spitz gebissen war, so lange die harte Haut erweitert bis der schmerzende Gegenstand entfernt war.
Schmachtend nach Wasser, wir Europäer nicht minder, als unsere mit Blümchenkaffee gefüllte Feldflaschen längst leer geworden, konnte ich den bewunderungswürdigen Instinkt der Atonga daran erkennen, daß sie selbst in dieser Wildniß in solchem Urgebüsch die Wildpfade der Antilopen entdeckten und diesen nachgehend auch[S. 282] Wassertümpel fanden, woraus wir alle unsern brennenden Durst löschten, obwohl das labende Naß nichts weniger als rein war oder gar angenehm schmeckte. So bahnten wir uns die Straße zum Schirefluß, und wenn auch todtmüde und matt hatte ich doch auf fast geradem Wege, noch ehe um 6 Uhr die Sonne hinter den fernen Bergen zur Rüste ging, das Ufer erreicht. Querüber dem Lager, nur wenig oberhalb, waren wir herausgekommen gerade wie ich es gewünscht hatte und so konnte die Mannschaft mit herbeigerufenen Kanoes übergesetzt werden, während ich mit wenigen Leuten nochmals den Kampf mit dem Urgebüsch aufnahm und am rechten Ufer flußabwärts vordrang um mich zu überzeugen, ob es möglich sein werde eventuell die Wagen solchen Weg zu führen, damit die Balken bis gegenüber der Werft geschafft würden. Aber nie wieder habe ich solchen Weg in der Dämmerung unternommen, Wassergräben und Tümpel, Morast und Sumpf, Gestrüpp mit zolllangen Dornen, die Kleider und Haut zerrissen, mußten übersprungen und durchwatet werden, bis schließlich die Körperkraft versagte und mir nichts anderes übrig blieb, als landeinwärts zu dringen. Endlich das Boot und endlich die Werft erreicht, weckte mich in dieser Nacht kein Ngnomaschlag, noch Gesang — Körper und Geist nach solchen Strapazen aufs Aeßerste ermattet, fand ich auf hartem Lager im festen, tiefen Schlaf die stärkende Ruhe. —
Für den nächsten Morgen hatte ich die Bestimmung getroffen, daß alle Leute direkt vom Lager über den Fluß gesetzt würden und auf dem neuen Wege die verlassenen Wagen erreichen sollten, während ich mit der Werft-Mannschaft durch die Pflanzungen den Ort erreichen wollte. Bei meiner Ankunft fand ich aber niemanden vor, konnte mir solche Verzögerung auch nicht zu erklären, bis ein Bote die Nachricht brachte, daß während der Nacht sämmtliche Kanoes von den Eingeborenen weggenommen wären und nur mit einem kleinen, das nur wenige Mann zur Zeit zu fassen vermochte, die Uebersetzung ausgeführt würde. Es war mir nichts Neues zu hören, es haben die Bewohner jener Dörfer, die im Aufstand zerstört worden waren, die ihnen einst abgenommenen Fahrzeuge sich heimlich wiedergeholt; waren sie doch so dreist gewesen, selbst von der Werft ein solches sich anzueignen. Erklärlich ist es ja, daß die früheren Eigenthümer bestrebt waren durch List die für sie ungemein werthvollen Kanoes wieder zu erhalten, denn abgesehen von dem Nutzen hat solch ein ausgehöhlter Baumstamm einen sehr hohen Werth, erstens, als die Verfertigung nur vorgenommen werden kann an Orten, wo ein passender Waldbestand vorhanden ist, und zweitens, wenn man bedenkt, welche Mühe es macht, mit dem primitivsten selbstgefertigten Handwerkszeug Riesenbäume zu fällen und deren Stämme dann so gut auszuhöhlen, daß die Wandung 1-1/2-2 Zoll nur beträgt; freilich ist bei solcher Arbeit das Feuer[S. 283] der beste Helfer, allein es erfordert doch Geschick und unermüdliche Ausdauer.
Da der Morgen kalt war und wallende Nebel noch über die Wildniß gebreitet lagen — Gras und Strauch war vom Thau der Nacht getränkt und erfrischt, daß jede Berührung einem die Kleider durchnäßte — war das unthätige Warten höchst unangenehm und kalte Schauer durchrieselten den Körper, bis die Gluth der Sonne erwärmend durchdrang. Nach Ankunft der Mannschaften wurde mit frischer Kraft die am Nachmittage vorher unterbrochene Arbeit wieder ausgenommen; die Wagen wurden so geführt, daß sie alles niederfahren mußten, was uns an Rohr und Strauch entgegenstand. Auf diese Weise bahnten wir uns einen breiten Weg, der zwar alles zu wünschen übrig ließ, indes wenigstens passirbar war. Am Ufer des Schire angelangt, wurden die Balken abgeladen, dann kehrte ich den etwa 12 Kilometer langen Weg sofort zurück, um die beiden schwersten Hölzer noch so weit zu führen, bis ich den Pfad, den ich am Morgen gekommen war, wieder erreicht hatte und erst dann ließ ich die Handwerker von hier aus den Transport weiter führen, da ich nothgedrungen zur Werft zurück mußte.
Die Ausgrabungen waren nämlich so weit vorgeschritten daß die genaue Planierung des Bodens vorgenommen werden mußte, sollte nicht die Arbeit ins Stocken gerathen, auch wollte ich bestimmt am 9. März 1893 den Kiel des Schiffes legen lassen. Uebereiltes Hasten war nicht der Grund dafür, vielmehr der Umstand, die Arbeiten außerhalb so viel als möglich zu beschleunigen, da die Handwerker schon mißmuthig geworden waren, weil sie der glühenden Sonne und dem empfindlichen Regen, der fast jeden Nachmittag für kurze Zeit aus schweren Gewitterwolken niederströmte, schutzlos ausgesetzt gewesen und über Fieberanfälle klagten.
Mühselig und langsam, auf dem primitivsten aller Wege, ging die Fortschaffung der schweren Hölzer vor sich; zu jedem der weit zerstreut liegenden Baumstämme mußten neue Wege gebahnt werden. Und nicht immer war es die heiße Sonne, welche uns die Arbeit so erschwerte, auch die in dieser Jahreszeit häufiger auftretenden Gewitterstürme thaten das ihre. Urplötzlich wälzten sich schwarze Wolkenmassen am Horizont herauf, die, erst von der graugelben Dunstmasse, welche der Sturm vor sich herfegt, verdeckt, sich über das ganze Himmelsgewölbe mit unglaublicher Geschwindigkeit ausdehnen. Schlangen gleich zuckten die Blitze aus den tiefhängenden Massen hernieder. Als schaute man in eine Gluth von zuckendem Feuer, so erhellt erschienen momentan die Wolken und mit einer Gewalt rollte der Donner durch die Lüfte, wie wenn das Firmament zerspringen sollte. Nur die Tropenwelt erzeugt solchen Aufruhr in der Natur, den man im fernen Norden kaum zu beurtheilen vermag. Kurz darauf strömt dann eine Regenmasse[S. 284] hernieder, als würden in der That Eimer Wasser auf die Erde ausgegossen, die alle Wege in Bäche verwandeln, Ebenen in große Wasserteiche.
Empfindlich kalt ist die Nässe, im Gegensatz zu der kurz vorher glühenden Luft und vor ihr sucht alles Schutz und Deckung, wenn es irgend möglich ist. Von solchen Ungewittern wurden wir mehrmals in der freien Wildniß überrascht und waren aller Unbill schutzlos preisgegeben; ich versuchte zwar anfänglich, da es doch nutzlos war, unthätig die Kälte auf sich einwirken zu lassen, die Leute zu einer energischen Thätigkeit anzuspornen, jedoch mein »Vorwärts, Atonga« hatte bei den frierenden Leuten wenig Erfolg. Es ist mit dem Neger, wenn er naß und kalt geworden ist, namentlich im Regen absolut nichts anzufangen; kann er keinen Schutz finden, dann löst er sein Lendentuch, wenn er eins besitzt, hängt es über Kopf und Schultern und wartet vor Kälte zitternd, bis die warme Sonne wieder hervorbricht und ihn trocknet und erwärmt; ist er nackend, kreuzt er die Arme über der Brust, sodaß die Hände auf den Schultern ruhen, hockt sich nieder und den Kopf zwischen die Knie gesenkt, ergiebt er sich in das Unvermeidliche.
Schlimmer war es für uns Europäer, so durchnäßt und kalt unthätig zu warten, da jedes Mal ein Fieber hiernach zum Ausbruch kam; wenn solches auch durch Chinin beschränkt werden konnte, so war es doch höchst unangenehm, denn es bricht gar zu leicht die Willenskraft und Energie, wie ich es so oft bei den Handwerkern Gelegenheit gehabt habe zu beobachten. Zweimal ließ ich, als keine Aussicht vorhanden war, daß der Regen schnell vorübergehen würde, die Wagen auf dem Wege verlassen stehen, und kaum war der Befehl zum Aufbruch gegeben, als gleich gehetztem Wilde die Leute davon eilten, um unter irgend einem dichten Strauch oder Baum einigermaßen Schutz zu suchen, zum Theil aber auch mit wildem Halloh zum Flusse liefen.
Als die Balken alle zum Fluß geschafft worden waren, mußte ich an der Abladestelle das Ufer vom dichten Gebüsch erst säubern lassen, auch die hindernden Wasserpflanzen möglichst entfernen, ehe das Boot nahe genug herankommen konnte. In der Meinung, die Hölzer würden sicherlich im Wasser schwimmen, ließ ich eines der längsten vom steilen Ufer abrollen und ohne Befestigung in die Strömung fallen; aber der Balken rollte wie ein Stein in die Tiefe und hätte nicht Wurzelwerk diesen aufgehalten, der starke Strom würde ihn aus unserem Bereiche bald entführt haben; so aber gelang es doch noch nach vieler Mühe ihn wieder aus zehn Fuß Wassertiefe empor zu bringen.
Mit je zwei Balken, die an den Seiten befestigt wurden, trieb ich dann stromabwärts und hatte, bei der Werft angekommen, nur aufzupassen, daß der Strom das nun ungelenke Boot nicht[S. 285] vorbeiriß; mit aller Kraft strebten die Ruderer um die vorstehende Schilfwand herum zu kommen und das Ufer zu gewinnen, wo mit bereit gehaltenen Leinen die Werftleute aufzupassen hatten. Einmal nur schlug der Versuch fehl; Boot und Balken vom Strom breitseits gefaßt, trieben wirbelnd vorbei, kein Mann war fähig, so weit sie auch am Ufer mitliefen und Taue zu werfen versuchten, wegen des hohen Ufergebüsches das Boot zu erreichen, bis ich mich mit aller Anstrengung unter Land gearbeitet hatte und einen guten Schwimmer aufforderte, eine Leine zwischen die Zähne zu nehmen und solche an irgend einem Strauch zu befestigen. Gefährlich war das Unternehmen schon der Krokodile wegen, doch der muthige Atonga schwamm aus Leibeskräften und brachte das Boot zum Stehen. Stundenlang in heißer Mittagsgluth, fast betäubt von der furchtbaren Hitze, arbeiteten wir uns mühsam wieder aufwärts; es gelang aber erst vollständig, als ich die Ordre zur Werft geschickt hatte, es solle irgendwo ein Kanoe aufgetrieben und solches mit langen Leinen abgeschickt werden. Ich hätte um keinen Preis die werthvollen Balken mögen fahren lassen, die dann unfehlbar verloren gewesen wären; hatte es doch wochenlanger Mühen bedurft, vieler Arbeit und Entbehrung, um solche fertig zu stellen.
Am 8. März hatte ich endlich alles glücklich ohne besonderen Schaden zur Werft geschafft, höchstens ein oder zwei der schweren Klötze waren verloren gegangen, die nun eiligst von den Zimmerleuten aus noch im Urbusch liegenden Stämmen ersetzt werden mußten; schlimmer war, daß mir Ottlich als einziger Zimmermann abging, weil ihn und Knuth das Fieber gepackt hatte und ich nun gezwungen war, mit den Blantyre-Leuten die noch rückständigen Holzarbeiten allein anzufertigen. Der Schiffszimmermann Riemer war längst schon krankheitshalber nach Europa zurückgesandt worden und die beste Kraft zum Aufbau der Schlipp etc. war durch ihn verloren.
Die Erdarbeiten waren inzwischen soweit ausgeführt, daß in der ganzen Länge des Grabens, 110 Fuß, eine glatte Fläche von 15 Fuß Breite hergestellt war, ich ließ die steilen Erdwände nur noch an einer Seite, links, vom Fluß aus gesehen, abtragen, um dort einen stufenweisen Abstieg herzustellen, der es ermöglichte leichter hinabzukommen, ich begnügte mich also mit der hergestellten Basis, da solche nach Bedürfniß immer noch erweitert werden konnte. Nur ein Umstand gab zu Bedenken Anlaß: nämlich das Steigen und Fallen des Flusses, der in dieser Regenzeit, um einige Fuß gestiegen, seine Wasser über 20 Fuß in die Ausschachtung hineindrängte und nicht allein den Boden durchweichte, sondern mich zwang noch 10 Fuß weiter vorzugehen. Es mußte deshalb der Zaun wieder eingerissen und der Steven des Schiffes dicht an das Grab aufgestellt werden, das sich rechts hinter meiner Wohnung befand und welches die Bewohner Mpimbis sich standhaft[S. 286] geweigert hatten, an mich abzutreten, jetzt aber weiter keinen Einspruch erhoben, als ich nun den Zaun einfach vorrücken ließ.
Das Legen der beiden Balkenreihen war in sofern mühevoll und schwierig, als erstens der Grund nicht so genau geebnet, zweitens die Hölzer auch ungleich behauen waren, so daß bald ein Balken etwas versenkt, der andere erhöht werden mußte und dabei war Bedacht darauf zu nehmen, daß die Balken fest und sicher lagerten; genaue Ausrichtung mit Leinen und Pfählen, namentlich die von mir aus Vorsorge mitgeführten Wasserwagen, erleichterten aber die Arbeit wesentlich. Schwieriger noch war es die Aufklotzung und die Keillagen auszurichten, da die Klötze, worauf der Kiel gelegt werden sollte (der mithin 3-1/2 Fuß über den Erdboden zu liegen kam, um auch unter dem Schiffe später nieten zu können) von den schwarzen Zimmerleuten nicht so genau gearbeitet werden konnten, denn jeder derselben mußte eine ganz bestimmte Höhe haben; es war deshalb so schwierig, als der aus 4 Theilen bestehende eigentliche Kiel, zusammengestellt und aufgerichtet, durchaus nicht die geringste Biegung haben durfte, sondern schnurgerade in seiner ganzen Länge verlaufen mußte. Viel Geduld und Umsicht war dabei erforderlich, um bei Zeiten alles zu bedenken, denn später, wenn erst der eiserne Körper aufgestellt sein würde, hätte ein Versehen oder begangener Fehler sich schwer gerächt. Trotz allem aber wurde es doch erreicht, daß am Abend des 9. März 1893 der Kiel des »Hermann von Wißmann« gelegt werden konnte! —
Wie erwähnt, war der Fluß beträchtlich gestiegen, überfluthete sogar den unteren Theil der Balkenlage und das Wasser durchweichte den Boden derartig, daß es mir sehr bedenklich scheinen wollte, den Hintersteven eher aufzurichten, als bis fester sicherer Halt gefunden war. Leicht könnte die schwere Last später die Balken wegdrücken, und wäre es auch nur um ein sehr Geringes, so würden die oberen Platten bei der Zusammenstellung nicht genau passen können. Den Gedanken, das Wasser durch einen Erdwall abzudämmen, der mir das Praktischste schien, mußte ich wieder aufgeben, da das Untergrundwasser doch durchdringen würde, ein Feststampfen des Bodens hätte auch wenig genutzt; darum die doppelte Arbeit zu vermeiden, riß ich lieber die letzten Balken auf und rammte, um eine feste Unterlage zu gewinnen, starke Pfähle in den Grund auf welchen wieder Querhölzer gelegt wurden, bis schließlich nach tagelangen Mühen ein fester Halt gefunden war.
Nun ich die gesammte Mannschaft wieder auf der Werft zur Verfügung hatte, vertheilte ich diese so, daß ein Stamm Atonga bei der Aufstellung des Schiffskörpers beständig verblieb, die übrigen, etwa 15, tagtäglich aber in die Berge gesandt wurden, um passende Stämme herbeizuschaffen, von denen wir nach und nach eine große Anzahl und von jeder Größe benöthigten, um das[S. 287] Gerippe des Schiffes zu stützen. Die Suaheli hingegen mußten die Feldschmieden bedienen und den Handwerkern nach Möglichkeit beim Nieten der Spannten zur Hand gehen. Ich hatte es zwar mehrfach versucht das Nieten einfacherer Stücke von den Suaheli ausführen zu lassen, indes, nicht intelligent genug, war ihnen die Handhabung eines Niethammers nicht beizubringen. Uebrigens von Natur träge, häufig widerspenstigen Charakters und eigenwillig, habe ich diese Suaheli oft mit Strenge behandeln und im Gegensatz zu den Atonga, Masaua und Wangoni haben sie häufig bestraft werden müssen, wo hingegen bei den letzteren, wenn Ungehörigkeiten vorkamen, eine einfache Rüge schon genügte. Namentlich hielt ich streng darauf, daß die Suaheli, welche die anderen Arbeiter als Sklaven betrachteten und deshalb verachteten, nicht, wie sie es beliebten, den Herrn herauskehrten, ich nahm ihnen den thörigten Glauben, daß sie mehr seien wie diese freien unabhängigen Menschen. Kamen mir Klagen zu Ohren, oder sah ich eine unwürdige Behandlung eines Eingeborenen Inner-Afrikas von seiten der Suaheli, die jedem mit den verachteten Namen »Waschensi« bezeichneten, dann entging der Attentäter seiner Strafe nicht, und sie hüteten sich in Folge, als einige Male Strafen in Gegenwart der Beleidigten sofort verhängt wurden, ihrer Mißachtung und Herrschsucht die Zügel schießen zu lassen; an den Beschützten aber hatte ich treue und ergebene Arbeiter, die sich willig jeder Mühe unterzogen und zum nicht kleinen Theil habe ich die schnelle Ausführung der schwierigsten Arbeiten, dieser Bereitwilligkeit und der gerechten Behandlung zu verdanken. Rief um 6 Uhr Morgens die Trompete zur Arbeit, wurden durch das gegebene Signal die noch auf der Werft beschäftigten Dorfbewohner, sowie die in der Nähe angesiedelten Wangoni und Masaua zusammen gerufen; die Leute kamen dann meistens zitternd vor Kälte in kleineren oder größeren Trupps an und standen in Reih und Glied bis ich alle gezählt und ihnen die Tagesarbeit zugewiesen hatte. Auch mit den Atonga mußte ich gleicherweise verfahren, da einzelne sich gelegentlich zu drücken gesucht hatten, sie merkten aber bald was die Glocke geschlagen, wenn durch Namensausruf die Fehlenden leicht herausgefunden wurden und ein abgesandter Wachtposten sie herbeischaffte. Zweimal aber kamen sie mit tiefbetrübten Mienen und erklärten, nachdem der Fehlende herausgefunden war, daß eine Mal Gabbujab, ein andermal Tasikana, beim Wasserschöpfen von einem Krokodile weggeraubt sei. Es war hier seltener der Fall, daß solche Unglücksfälle vorkamen, da wegen der belebteren Ufer diese Untiere sich nicht recht sicher fühlten, mehr aber, da keine Sandbänke vorhanden waren, worauf sie in träger Ruhe sich sonnen konnten. Manch einen auf der Oberfläche des Wassers schwimmenden Räuber habe ich, wenn er arglos mit dem Strome sich treiben ließ, vom Ufer aus die tödtliche Kugel zugesandt, wollten wir aber mal auf[S. 288] Krokodiljagd gehen, dann fuhren wir Sonntags gelegentlich flußabwärts und verleideten den gefährlichen Thieren die süße Ruhe auf den von zwei Nebenflüssen des Schire gebildeten Bänken.
Das Erste war von seiten der Atonga, ehe sie zur Arbeit antraten, sofort nach Ankunft auf der Werft ein Feuer irgendwo anzufachen, um welches sie sich niederhockten und die nackten Glieder zu erwärmen suchten, und hatte ich allen die Arbeit zugewiesen, so war ich sicher, daß solche, welche über den Fluß oder in die Berge gesandt wurden, nicht allzuweit gingen, sondern sobald sie sich im hohen Grase oder Busch befanden, sich gemüthlich um warme Feuer niederließen, und nicht eher an ihre Arbeit gingen, als bis die Sonne ihre heißen Strahlen niedersandte und die Luft durchwärmt hatte. Mehrmals, wenn sie glaubten, daß ich ihnen nicht folgen würde, um die Arbeiten zu leiten, und sie sicher vor Ueberraschung ein Stündchen am Feuer verplaudern konnten, dabei die primitivste aller Pfeifen im Kreise umgehen ließen oder schnupften, versetzte sie mein unerwartetes Erscheinen in nicht geringe Verlegenheit und aufspringend jagten sie in wilder Hast davon. Es war ja natürlich, daß ich solche Schwänzereien nicht dulden durfte, zumal die Leute oft einen weiten Weg zurückzulegen hatten, aber ich begnügte mich auch nur damit sie aufzutreiben, denn trotz warmer Kleidung fror ich selbst, und durchnäßt vom kalten Thau, konnte ich es wohl begreifen wie empfindlich die Kälte auf den nackten Körper einwirken mußte.
Wir empfinden es in Europa als unangenehm, wenn die Temperatur bis auf + 5.7 und 8° R. herabsinkt und hüllen uns in warme Kleidung ein, wie viel mehr aber muß der Unterschied empfunden werden, wenn Morgens um 7 Uhr die Luft nur 8° Wärme hat und erst rapide steigt, sobald die Sonne die kalte Luftschicht durchwärmt und bis Mittag eine Gluth erzeugt hat die unerträglich wird, im Schatten 38° R., in der Sonne weit über 50° R. Solche große Abkühlung während der Nacht, im Gegensatz zur Hitze des Tages, bedingt es auch, daß die Wassertheilchen in der Atmosphäre sich zu Tropfen verdichten und gleich Regen niederfallen und die ganze Natur erfrischen. Erde und Wasser noch von den Sonnenstrahlen erwärmt, erzeugen, sobald die kalte Luftschicht auf sie herabsinkt, ein gewaltiges Nebelmeer so, daß über die weiten Ebenen, in einer Höhe von ungefähr 15 Fuß, — nach Mitternacht bis zum Morgen, selbst oft bis nach 7-1/2 Uhr früh, — alles wie ein weißes wallendes Meer erscheint und vom Fluß und Grassavanne, vom niedrigen Gesträuch und Busch absolut nichts zu erkennen ist; nur in der Ferne ragen die blauen Spitzen der Berge in die klare Luft, deren Fuß von weißen Dunstgebilden umhüllt ist, auch jedes Thal noch so hoch gelegen wird mit solcher Nebelschicht überdeckt. Nicht eher, als bis die Sonne etwa 25° über dem Horizont gestiegen und ihr Strahl die[S. 289] kalte Luft durchwärmt, wichen gleich Gespenster die Nebel und hoben sich zusehends, bis sie in beträchtlicher Höhe in ein Nichts verschwanden.
Erklärlich ist es, wie solch' ein Temperaturwechsel auf die weniger widerstandsfähigen Europäer einwirken muß; die Naturen, solchen Wechsel nicht gewöhnt, bieten dem Fieberbacillus, der in den aufsteigenden Miasmen enthalten ist und sich verbreitet, (wie es namentlich in den sumpfigen Niederungen um Matope und Mpimbi der Fall) keinen genügenden Widerstand, häufige Anfälle von minderer oder heftigerer Art sind die Folge; selbst die Eingebornen werden nicht verschont und vielfach habe ich solche Krankheitserscheinungen bei diesen beobachten können. Empfindlich ist die Kälte namentlich in den ersten Morgenstunden, und die oben angeführten Temperaturen habe ich durchschnittlich in den Monaten März und April verzeichnen können; wußte man bei Tage sich nicht vor der Hitze zu retten, fand man in den luftigen Häusern wiederum nicht genügend Schutz vor der nächtlichen Abkühlung. Sogar zwischen 6 und 7 Uhr Morgens waren mir öfters die Finger noch so steif, daß ich mit Mühe nur schreiben konnte. Natürlich war es deshalb, daß morgens in der ersten Arbeitsstunde nicht viel gefordert wurde, da sowohl Weiße wie Schwarze erst das unbehagliche Gefühl, verursacht durch die feuchte Kühle der Luft, von sich abschütteln mußten.
Die Wangoni-Träger, die jetzt immer zahlreicher mit allerhand Schiffsmaterial eintrafen, nahmen meine Zeit auch beträchtlich in Anspruch, zumal eine scharfe Kontrolle geübt werden mußte; ebenso das Sortiren der vielerlei Sachen, die meistens sofort unter Dach gebracht und geöffnet werden mußten, da sie vielfach während des langen Transportes dem Regen ausgesetzt gewesen und nachzusehen und zu reinigen waren. Spenker mit seinen Arbeitern hatte sich der Einrichtung der Schmieden und der Werkstätten unterzogen, während die schon anwesenden Handwerker, soweit sie nicht krank lagen, die Spanten zusammen nieteten und ich nach vorhandenen Zeichnungen die Kielplatten nach Nummern aussuchte, reinigen und mit Farbe an solchen Flächen streichen ließ, wo nach Anlegen derselben später nicht mehr anzukommen war. Erwähnenswerth ist es, daß auf der Werft in Hamburg alle Platten und überhaupt jedes Stück mit Nummern versehen wurde, die auf den Eisentheilen extra noch nachgekörnt und so unverwischbar gemacht waren, auch wenn die Farbe der Zahl längst verschwunden war, und trotzdem haben wir oft lange suchen müssen, ehe die Nummer eines unbekannten Theils gefunden wurde und bis wir wußten, wohin es gehörte. Nach der Aufrichtung des Hinter- und Vorderstevens, begannen wir mit dem Anlegen der Kielplatten, die am Kiel mit starken Schrauben fest angezogen und vermittelst Ueberschienen in sich verbunden wurden. Das Festnieten[S. 290] der Platten und Schienen sofort ausgeführt, würde uns die Arbeit wesentlich erleichtert haben, da an vielen Stellen anfangs bequem anzukommen war, allein das durfte nicht sein, wir hätten, obwohl jedes Stück passen sollte, beim Weiterbau sicherlich die oberen Platten nicht in die richtige Lage bringen können; die ganze Masse würde steif und ungelenkig dadurch geworden und wir schlecht damit gefahren sein. Vielmehr mußte der ganze Körper so aufgeführt werden, daß er beweglich blieb und wo Theile nicht passen wollten, wurden sie mit Gewalt in ihre Lage gebracht. Tausende Heftschrauben, die wir zu diesem Zwecke mit uns geführt, dienten dazu, alles erst in dieser Weise fest, aber doch nachgiebig aufzubauen, ehe, mit wenigen Ausnahmen, ein einziger Niet angezogen wurde.
Allmählich nieteten wir Spant um Spant zusammen, über welchen die Decksbalken als Verbindung gelegt wurden, wodurch diese den Anschein langer Rippen erhielten und dann auf den Kielplatten festgeschraubt, gestützt durch lange Pfähle, sah man schon nach 14 Tagen, welchen Umfang das Schiff haben würde.
Höchst unlieb war es mir, daß die schwarzen Zimmerleute, nach Ablauf ihres zweimonatlichen Kontraktes, die Arbeit niederlegten und einen neuen nur eingehen wollten, wenn ihnen ihr Lohn bedeutend erhöht würde. Darauf aber wollte ich mich nicht einlassen, weil die Forderung nach Negerart unverschämt war. So ließ ich sie lieber ihres Weges ziehen, da doch, wenn ich erst wieder hinaus in den Urwald mußte, um Bäume zu suchen, diese von den Atongas ebenso schnell gefällt werden würden, wie von den von der Civilisation beleckten und auf ihr bischen Können übermäßig eingebildeten Leuten. Freilich hätte ich nicht lange zögern dürfen, da es mir wohl bekannt war, daß ich die Balken, zur Schlipp und Schlitten nebst Zubehör noch 360 Fuß, nicht so leicht wie die ersten 200 Fuß würde herstellen lassen können, sondern sehr weit ins Land hineinziehen müßte, um passende Bäume dazu zu finden, auch, daß mit der Entfernung die Schwierigkeiten wachsen würden. Weite Touren landeinwärts, gelegentlich Sonntags unternommen, hatten mir eine Wildniß gezeigt, durch die ich kaum hoffen konnte durchzudringen, es aber doch schließlich versuchen mußte, sobald ich irgend wieder einige Tage von der Werft abkommen konnte. Die Leute allein auszuschicken war zwecklos und da auch Ottlich krank war, so hätte ich an seiner Stelle keinen anderen Handwerker hinaussenden können.
Mit dem nächsten Wagentransport, der um diese Zeit von Katunga her eintraf, verstärkte sich meine Mannschaft bedeutend, als neben einer Anzahl Suaheli auch vier Europäer Zander, Eikershoff, Wedler und Dohmann ankamen, sodaß außer dem Maschinenkonstrukteur Spenker nun acht Handwerker auf der Werft[S. 291] waren und nur der zweite Maschinist Engelke und die beiden Steuerleute Gerloff und Wissemann fehlten.
Leider waren jedesmal nach so anstrengendem Marsche über das Gebirge und durch die fußhoch mit Wasser überschwemmte Matope-Ebene, alle so marode, auch theils fieberkrank, daß sie acht Tage und länger erst im Lager sich erholen mußten, ehe sie die schwere Arbeit auf der Werft beginnen konnten.
Mit diesem zweiten Transport waren auch die schweren Kesselböden angekommen, ebenso die zu den beiden Dampfkesseln gehörenden Platten, 16 an der Zahl, die nun zu je acht mit zwei Böden zusammengestellt werden sollten, was für die vier Kesselschmiede keine leichte Arbeit war, abgesehen von der viel schwierigeren, das Einziehen der zölligen Niete, deren zu jedem Kessel annähernd tausend nöthig waren. Die Kesselböden, jeder fünf Centner schwer, hätten wir unmöglich auf den Gebirgswegen fortschaffen können, wenn ich nicht schon seinerzeit in Hamburg darüber ernstlich nachgedacht und auf eine Möglichkeit gesonnen hätte, wie es wohl am praktischsten wäre, diese, außer unseren Dampfcylindern, schwersten Eisentheile, bequem und leicht fortbewegen zu können. Die Idee, solche als komplette Wagen zusammen zu stellen, war das einzige, und wurde auch vermittelst angeschraubter Lager, eiserner Achse und Deichsel ausgeführt.
Eifrig bemüht, nach besten Kräften vorwärts zu streben, suchte ich auch die Europäer, wenn Mißmuth und Unlust sich ihrer bemächtigt, wenn sie an das Gelingen des großen Werkes zweifelten und ihren schwachen Kräften es nicht zutrauten, die ungeheure Arbeit glücklich zu vollenden, mit gutem Beispiel voranzugehen, indem ich immer wieder darauf hinwies, daß jeder seine Kraft und Können dem nationalen Werk weihen muß; die kleine Schaar, die wir hier versammelt sind, darf nicht wanken noch weichen, wir sollen es beweisen, wie deutsche Energie und deutscher Muth auch vor dem Schwersten nicht zurückschreckt. Viel Tausende zwar zweifeln in Deutschland an das Gelingen des Werkes — wir aber dürfen nicht zagen, nicht zurückschrecken und sei es noch so schwer. Ich konnte den Leuten Muth und Zuversicht zusprechen, als ich fest davon überzeugt war und nie gezweifelt hatte, daß ein fester, muthiger Wille alles überwindet — mehr aber noch suchte ich den Ehrgeiz zu wecken, jedem es als eine besondere Ehre und Auszeichnung darstellend, wenn es heißt, auch er gehört zu jener kleinen Zahl, die unentwegt Großes gewollt und kaum Glaubliches ausgeführt hat.
Alle Bauten, selbst der große nachträglich noch errichtete Zimmermannsschuppen, waren bis Ende März aufgeführt und vollendet, ebenso war die Aufrichtung des Schiffsgerippes nahezu beendet und mit dem Anlegen der Versteifungen, der vielfachen Verbindungen und dem Einsetzen der wasserdichten Schotten konnte[S. 292] begonnen werden. Je weiter der Aufbau aber vorschritt, und mehr und mehr die Arbeiten, welche bisher im Schatten der Schuppen hatten vorgenommen werden können, wegfielen, ausschließlich nun am Körper selbst gearbeitet werden mußte, ergab sich die Nothwendigkeit, um die Leute vor der Sonnengluth zu schützen, daß Vorkehrungen getroffen werden mußten, ein Schutzdach über die ganze Länge des Schiffskörpers zu errichten. Ich trug mich erst mit dem Gedanken, ein mächtiges Grasdach aufzubauen, was jedem anderen vorzuziehen war, da immer unter solchem eine angenehme Kühle vorherrschend ist, ich machte auch Anstalten dazu und ließ die Atonga lange Baumstämme herbeischaffen. Indes bald sah ich ein, daß solch kolossaler Bau nicht aufzuführen war, schon aus dem Grunde, als ich dem Dache keine Mittelstützen geben konnte; daher auch nicht genügende Festigkeit erzielen würde, welche unbedingt nothwendig war, damit das Dach den starken Gewitterstürmen, die wöchentlich mehrmals heranbrausten, widerstehen könnte. In anderer Weise nun vorgehend, errichtete ich einen starken hohen Baumstamm, einige Fuß vor dem Schiffe und zog von den starken Aesten der beiden hohen Bäume, die dicht am Ufer standen, eine lange Kette in der Kielrichtung des Schiffes dorthin, sodaß diese straffgezogen, imstande war, unterstützt durch einige auf den Decksbalken stehende Stützen, eine beträchtliche Last zu tragen. Rings um das Schiff wurden dann hohe Stämme errichtet, auf deren Gabeln dann wieder Verbindungsstangen lagen, die an der Kette befestigt wurden. Darüber nach beiden Seiten hin Segel oder unsere getheerten Wagentuche ausgespannt und befestigt, war ein provisorisches Dach hergestellt, das genügend Schatten gab und selbst den heftigen Winden widerstand. Wollten wir uns aber noch, was später beim Nieten nothwendig wurde, gegen die schrägen Sonnenstrahlen schützen, zogen wir bewegliche Segel zwischen den Baumstämmen auf.
Furchtbare Gewitterregen, wie solche in der gemäßigten Zone fast unbekannt sind, behinderten in den Monaten März und April nicht selten die Arbeit, und mancher Nachmittag war für uns verloren, wenn Schauer auf Schauer folgte und in kurzer Zeit die weite Ebene, Dorf und Werft, in einen See verwandelt waren. Die Wassermassen, von der Erde nicht so schnell aufgesogen, setzten sich naturgemäß in Bewegung nach tiefergelegenen Stellen; aus Rinnen wurden schließlich wilde Bäche, die alles mit sich rissen, was ihren Lauf hindern wollte. Unmerklich, aber doch etwas höher als die Werft lag das Dorf und das hinter diesem liegende Terrain, und so kam es, daß nach jener Rinne hin, die früher schon vorhanden gewesen, ehe ich mit der Ausschachtung begonnen hatte, sich die Wassermassen einen Abfluß zum Flusse suchten, mit Gewalt durch den schwachen Zaun brachen und sich in dieser ergossen. Der anfängliche Schaden war nicht groß, auch suchte[S. 293] ich das Wasser abzulenken und einzudämmen, aber als eines Nachmittags in den letzten Tagen des März ein furchtbares Gewitter sich entlud und ein wolkenbruchartiger Regen niederstürzte, waren gegen die abfließenden Regenmassen alle Vorkehrungen Kinderspiel. Immer wilder strömte das Wasser in die Ausschachtung hinein, riß die feste Erde weg, unterspülte die Balken, worauf das Schiff erbaut wurde und rief die drohende Gefahr dadurch hervor, daß der schwere Körper durch das Nachgeben der Balkenlagen sich neigen und gar umfallen könnte. Die Wasser abzulenken, daran war nicht mehr zu denken, nur so viel konnte ich mit den eiligst zusammengetrommelten Leuten, Soldaten und Dienern thun, um einen Ausstich zu machen, der das Wasser nicht mehr neben die Balken, sondern seitwärts davon ablenkte. Der entfesselte Sturm peitschte dazu das ausgespannte Segeltuch und bog die schlanken Stämme, woran dieses befestigt war, wie Weidenruthen.
In mancher finsterer Nacht auch heulte der Wind, strömte der Regen und die angesammelte Elektrizität entlud sich mit furchtbarer Gewalt — dann stand ich wohl stundenlang und schaute besorgten Blickes hinüber zum Schiff, prüfte, vor Kälte bebend, die Stützen, ob diese sich nicht gelöst oder nachgegeben hätten, denn die Erschütterungen des Körpers waren stark genug, solche in dem aufgeweichten Erdboden weichen zu lassen. Ein Glück ist es oft, das die entfesselten Naturgewalten, je heftiger sie auftreten, von nur kurzer Dauer sind, sonst würde die schwache Menschenhand wohl nicht im Stande sein, ein zerbrechliches Werk zu schützen; im Aufruhr der Elemente erst erkennt der Mensch, daß es doch noch Gewaltigeres giebt, als sein Wollen und sein Wille.
Einen nicht minder gefährlichen Feind, als die zeitweiligen Fluthen, fand ich in einem unsicht- und unscheinbaren Thierchen, das vieltausend an der Zahl sich in die noch kaum ausgedörrten Balken eingenistet und sein Zerstörungswerk begonnen hatte. Jeden Morgen war die Erde längs den Hölzern mit Häufchen Holzmull bestreut, die von den scharfen Zangen der kleinen Käfer herausgestoßen waren, kleine, oft noch wieder verkittete Löcher zeigten an, wo sie sich ein Luftloch geschaffen hatten. Wer die Wuth kennen gelernt hat, mit welcher die weißen Ameisen und auch die Käfer die verschiedensten Holzarten in unglaublich kurzer Zeit zerstören, wird sich erklären können, daß ich dem Treiben dieser kleinen Nager mit Besorgniß zusah, ohne ein Mittel zur Hand zu haben solcher Zerstörung Einhalt zu thun; diese konnte nach Monaten soweit vorgeschritten sein, daß ich mit Bestimmtheit die vollständige Werthlosigkeit der Balken voraussetzen mußte. Zwar schaute ich diesem Werke der allmählichen Zerstörung nicht unthätig zu, und den Beweis zur Hand habend, das solche Nager saures oder bitteres Holz, wie unser Teakholz, nicht angehen, machte ich freilich zu spät einen Anstrich mit schwedischem Theer, verdünnt mit Petroleum,[S. 294] erreichte aber damit nur das Eine, nicht mehr sehen zu müssen wie auch äußerlich das Holz zerfressen wurde.
Woher diese Thierchen kommen und wie zahllos sie sich vermehren können blieb mir ein Räthsel; so viel nur beobachtete ich, daß, wo durchaus keine Anzeichen von der Anwesenheit dieser Nager in der Erde vorhanden waren, sie sofort in Thätigkeit traten, sobald ein Stück Holz in ihrem Bereiche kam. Der Erdboden in meinem Hause, gewiß hart und trocken, barg diese gefährlichen Thierchen aber doch in solcher Menge, daß ich nie auch nur für eine Nacht eine Kiste auf der Erde stehen lassen durfte, wollte ich nicht am Morgen den Boden halb zerstört vorfinden. Vollständig feucht und klebrich war der Fleck, wo eine solche Kiste gestanden hatte und abertausend weißer Thierchen eilten beim Tageslicht besehen ängstlich hin und her, wenn sie plötzlich gestört und ihre in Bildung begriffenen Gänge freigelegt wurden.
Von unsern vier Transportleichtern hatten schon im September 1892 die Engländer zwei davon als eine Art Abschlagszahlung für die der deutschen Expedition geleisteten Dienste erhalten, über die uns verbliebenen zwei sollte laut Bestimmung des Majors von Wißmann, nach Beendigung des ganzen Transportes, so verfügt werden, daß einer auf dem unteren Schire verblieb, der andere aber zerlegt über das Gebirge geschafft und in Mpimbi wieder zusammengesetzt werde. Demgemäß trafen dann auch nach und nach die Leichtertheile auf der Werft ein und mir fiel auch die Aufgabe zu, die Zusammensetzung derselben in die Wege zu leiten. Die Hauptfrage aber war, wo einen Platz zum Aufbau finden; das zehn Fuß hohe steil zum Fluß abfallende Ufer nochmals an einer anderen Stelle abtragen zu lassen, war schier unmöglich; querüber dem Lager, wo das Ufer flach, eine provisorische Schlipp herzustellen, war deshalb ungünstig, weil eine solche so weit von der Werft entfernt und auch in der Grasebene ohne jeglichen Schutz gelegen sein würde. Schließlich fand ich etwa 100 Meter oberhalb der Werft einen vollständig mit Gebüsch und Bäumen ausgefüllten Graben, der vor langer Zeit den Dorfbewohnern als Vertheidigungslinie gedient hatte, geschützt durch einen vorgelagerten Erdwall. Lange bevor die Europäer sich in diese Gegenden festgesetzt hatten und naturgemäß die Volksstämme zu schützen suchten, mit denen sie in Verbindung getreten waren, ist hier oft hart und heiß gekämpft worden; die Wangoni, ein mächtiges Volk, suchten sich der Ufer des Schire zu bemächtigen, hatten auch schon durch ihre Ueberzahl manches Dorf genommen; ehe sie aber in jahrelangen Kämpfen Herr des weiten Gebietes werden konnten wurden sie mit europäischer Hilfe und Waffen zurückgetrieben, sodaß sie heute nicht mehr wagen, den ungleichen Kampf zu eröffnen. Man kann sich jetzt von dem wilden Leben keine Vorstellung mehr machen; plötzliche Ueberfälle, gegenseitiges[S. 295] Rauben, Zerstören der Felder und Dörfer, war viele Jahre lang der Ruin der Eingeborenen, und ihre Zahl schmolz sichtlich zusammen, mehr durch die Zahl derer, die geraubt und in die Sklaverei geführt, als durch die, die im Kampfe erschlagen wurden. Die heutige Generation wächst in Frieden heran, es kann von einem Kampfe nur noch die Rede sein, wenn die Häuptlinge sich nicht fügen und im Vertrauen auf ihre Macht gegen die immer zahlreicher eindringenden Europäer die Waffen erheben, wie es der kürzlich niedergeschlagene Aufstand gezeigt hat. — So recht für meine Zwecke passend, war dieser Graben angelegt worden, da ich ihn nur zum Theil vom Gebüsch reinigen, ebenen und etwas erweitern lassen brauchte. Hätte ich von dessen Vorhandensein im Anfang unserer Arbeit Kenntniß gehabt, würde ich entschieden hier die Werft angelegt haben und mit Benutzung mancher natürlichen Vortheile mir viel Arbeit erspart haben können.
Nach Einverständniß mit den Dorfältesten, Tschikusi selbst ließ sich nicht sehen, nahm ich unverzüglich die Arbeit in Angriff und in Ermangelung geeigneter Vorkehrungen, auf welchen der Aufbau des Leichters sich hätte bewerkstelligen lassen, hatte ich mich aufs Erfinden zu verlegen, insofern, als eine erhöhte Stellage hergestellt werden mußte, damit man unter dem Boden des Fahrzeuges auch arbeiten konnte, denn der ganze Leichter in seinen einzelnen Theilen nur mit Schrauben verbunden, mußte vor allem darauf Bedacht genommen werden, daß dieselben auch fest und wasserdicht eingesetzt würden. Der Mensch muß sich zu helfen wissen, heißt es, und in diesem Falle machte ich es so: eine ganze Anzahl parallel sich gegenüberstehende Hölzer, oben mit Gabeln versehen und in gleicher Höhe fest in die Erde gesetzt, sollten mit starken Winkeleisen, welche in Reserve für das Schiff mitgeführt waren, verbunden und so auf diesen eisernen Balken der Boden des Fahrzeuges zusammengesetzt werden. Zum späteren Ablaufen hatte ich die beiden langen Schiffsmasten inmitten der Stellage legen lassen; der Leichter nach seiner Vollendung darauf niedergeführt, konnte somit leicht auf Rollen ablaufen.
Diese Arbeit ging natürlich nicht leicht von Statten, da der Werft selbst kein Abbruch an Kräften gethan wurde, und ich nur solche Leute, namentlich Suaheli, hier anstellte, die sonst zu anderem wenig nützlich waren; gleicherweise konnte der Aufbau auch erst dann begonnen werden, sobald Brückner sich wieder so weit hergestellt fühlte, daß er, vertraut mit dem Bau der Leichter, die Aufsicht übernehmen konnte.
Zurückgreifend auf jene Zeit, als die deutsche Seen-Expedition ins Werk gesetzt wurde, haben auch die Engländer, eifersüchtig auf das deutsche Unternehmen und besorgt, ihre Weltherrschaft in Central-Afrika könne gefährdet werden, sogleich den Plan gefaßt, in derselben Weise vorzugehen und dem deutschen Machtobjekt ein[S. 296] Aequivalent zur Seite zu stellen, und zwar nicht blos mit einem, sondern gleich mit zwei Kanonenbooten und einem Flußdampfer. Ihr Streben ging dahin, wenn irgend angängig, ihre Schiffe mit den deutschen zu gleicher Zeit in Dienst zu stellen, und sie setzten demnach alles daran, mit uns Schritt zu halten. Allein war der Transport ihres Schiffsmaterials gegen dem unsrigen auch ein Kinderspiel zu nennen, als alles so fein und dünn, z. B. die Platten nur 1-1/4 mm stark, so konnten sie den Transport über das Gebirge doch nicht eher unternehmen, d. h. der schwereren Schiffs- und Maschinentheile, bis ihnen unsere Wagen zur Verfügung gestellt wurden. Ebenso große Verlegenheit bereitete ihnen die Wahl eines praktischen Bauplatzes, und nichts konnte dem Leiter dieser englischen Expedition, Kapt. Robertson, willkommener sein, als die Ueberlassung jenes Werftplatzes, den ich für den Bau unseres Leichters hatte herrichten lassen und der für den Aufbau der kleinen englischen Schiffe wie geschaffen war.
Die tägliche Arbeit auf der Werft, die meine ganze Zeit und Kraft in Anspruch nahm, nicht nur soweit die Aufsicht und Leitung des Ganzen es erforderte, sondern auch das Mithandanlegen ans Werk, war es schwer, mich einige Tage freizumachen, um endlich die nunmehr anfangs April unaufschiebbare Expedition ins Innere des Wangoni-Landes vorzunehmen, denn zur Herstellung der noch benöthigten Balken und anderer Hölzer konnte ich mindestens zwei Monate rechnen. Leicht würde es nicht sein, passende Bäume zu finden, das hatten von mir unternommene Streifereien in die Wildniß schon erkennen lassen, und recht verlangende Blicke warf ich jedesmal nach jenem herrlichen Waldbestand, der von den Eingeborenen zum Begräbnißplatz auserwählt war und der dadurch für uns unnahbar geworden, als ich strikte die eingegangene Verpflichtung, den Ruheplatz ihrer Todten nicht zu betreten, einhalten mußte; folglicherweise hieß es die Hände davon lassen! So war ich denn darauf angewiesen aufs Neue in der weg- und steglosen Wildniß vorzudringen, und vielleicht viele Meilen weit zu wandern, ehe ein Terrain gefunden, worauf die Jahrhunderte alten Waldriesen in genügender Anzahl vorhanden waren.
Zur Genüge bekannt mit dem Leben und den Mühsalen in der afrikanischen Wildniß, mußte ich auch darauf bedacht sein, daß nunmehr die Leute viele Wochen lang, abgeschlossen von allem Verkehr in einer Gegend leben sollten, wohin sich keines Menschen Fuß je verirrt hatte. Darum entschlossen, auf keinen Fall zwecklos zurückzukehren und vor keinem Hinderniß zurückzuschrecken, ließ ich gleich die nöthigen Vorbereitungen treffen, allenfalls Tage lang[S. 297] abwesend sein und meine Begleiter zurücklassen zu können. Der Mannschaft, bestehend aus 10 Atonga und Ottlich, hatte ich, um sie auf dem höchst wahrscheinlich sehr beschwerlichen Marsche zu entlasten, den auf der Werft vorhandenen Wagen, worauf das nöthige Handwerkszeug geladen werden sollte, mitgegeben, und zur frühen Morgenstunde uns einschiffend, wollte ich auf den früher von uns geschlagenen Wegen vordringen. Langsam zwar, aber durch nichts behindert, erreichten wir jenes mir noch unbekannte Wangonidorf mit dessen Häuptling sich Ottlich schon bekannt gemacht, als er noch vor dem Aufstand die Aufsicht über die im Urbusch gefällten Bäume führte.
Heiß und glühend brannte die Sonne auf die weite baumlose Grassavanne nieder und herzlich froh war jeder, als wir nach dreistündigem, gewiß nicht einen Spaziergang zu nennenden Marsch, im Schatten des gewaltigen Baobabbaumes in mitten des kleinen Dorfes ausruhen konnten. Idyllisch im Urbusch versteckt, umgeben von kleinen Schambas mit Mais, Mtama und Bataten bepflanzt, lagen hier etwa 15 elende Hütten; rauchgeschwärzt, vom Wetter zerzaust, paßten sie so recht zu dieser wilden Umgebung. Gewiß hatte sich bis hierher selten der Fuß eines Europäers verirrt, und neugierig, halb furchtsam, lugten Frauen und Kinder aus den niedrigen Eingängen ihrer Hütten, während die Männer um ihren Häuptling, einem weißköpfigen Greise, versammelt, aufmerksam den Verhandlungen folgten, welche ich mit diesem angeknüpft hatte. Bald wurden auch die Kinder zutraulicher, aus respektvoller Entfernung starrten sie die ihnen fremden Erscheinungen an, und was sie am meisten, namentlich an meine Person, bewunderten, war der lange blonde Vollbart, wenigstens war aus den Zeichen, die sie sich machten zu entnehmen, daß sie Vergleiche zwischen mir und Ottlich anstellten, der einen solchen in den Tropen lästigen Gesichtschmuck nicht besaß.
Erwähnenswerth ist der Haarschmuck der Wangoni, es kann dieser als besonderes Merkzeichen des ganzen Volksstammes betrachtet werden; ein leichtes Unterscheidungsmal jedenfalls, nämlich: sie tragen auf dem Kopfe 4-6 festgewickelte, gerade abstehende Strähnen; die 3-4 cm lang am Ende mit einem kleinen erbsgroßen Erdkügelchen abschließen. Die krausen Haare werden so um ein kleines Stäbchen oder Stückchen Rohr festgewickelt und durch die klebrige Thonkugel am Ende festgehalten, daß sie in dieser Lage bleiben müssen, und dienen wie erwähnt als besonderer Schmuck und Kennzeichen. Ob solche Haarfrisur für lange Zeit nicht erneuert wird, kann ich mit Bestimmtheit nicht sagen, denn ich habe nur sehr selten Gelegenheit gehabt solcher Toilette beizuwohnen und kann nur so viel behaupten, daß, nach dem schmutzigen Aussehen des Kopfhaares zu urtheilen, höchst selten eine neue Frisirung vorgenommen wird. Ihre primitive Kleidung, die meistens[S. 298] nur aus einem 3-4zölligen Zeugstreifen besteht, dient noch dazu ihre Habseligkeiten, eine Schnupftabakdose und ein kleines selbstgefertigtes Messer zu bergen, indem diese Gegenstände an einem Ende dieses Bekleidungsstückes eingewickelt werden und handgerecht vorne am Bauch herunterhängen, jedoch wird letzteres auch am linken Oberarm in einer aus Ziegenhaut gefertigten Scheide getragen, dieses Messer, eine äußerst rohe Zusammensetzung aus Eisenstücken, ist ihnen so handgerechter.
Ein sorgloseres Leben, wie es diese Eingeborenen führen, ist kaum denkbar, keine Pflicht, keine Arbeit rüttelt sie aus ihrer trägen Ruhe auf, und während meines Aufenthalts hier konnte ich beobachten, wie sie sich die Zeit vertrieben. Mit Vorliebe dem Spiel und Tanz ergeben, hat der Neger eine besondere Zuneigung zu den bunten Karten gefaßt, und kann er sie von den Europäern erlangen, wird er meistens nach seiner Kombination ein Spiel veranstalten; hat er aber die Glücksblätter und ihre Bedeutung noch nicht kennen gelernt, behilft er sich mit anderen Methoden. In diesem Falle lernte ich eine Art Spiel kennen, das nach meiner Auffassung dem Damspiel zu vergleichen ist, und zwar: der flache Erdboden als Brett benutzt, stellten kleine Löcher dicht an dicht die Felder vor, nur daß das provisorische Brett hier kein Quadrat, sondern ein großes Parallellogramm war; eine Anzahl kleiner Steine ersetzten den Spielenden das nöthige Zubehör. Klug bin ich nicht daraus geworden, da kein geeigneter Erklärer zur Hand war, fand es aber doch interessant genug und konnte es mir erklären, daß solche Spieltische eigenartiger Konstruktion vor Beschädigung bewahrt wurden; als nämlich das Hühnervolk mit Eifer nach Beendigung des Spiels die zahlreichen gleichmäßigen Löcher aus- und durcheinander zu kratzen begann, wurde ein Wachtposten in Gestalt eines kleinen Jungen dabeigestellt, der mit perfekter Sicherheit jedes vorwitzige Huhn ein Steinchen zusandte, das dieses zur eiligen Flucht veranlaßte.
Die Unterhandlung mit dem alten Häuptling betreffs einiger Führer hatte dahin geführt, daß er willig mir solche stellen wollte und auch sich erbot die gesammten männlichen Dorfbewohner mir zu überlassen, wenn sie beim Fällen der Bäume benöthigt würden; kleine Geschenke nämlich hatten seine Begierde nach mehr gereizt, und mit kluger Berechnung sah er voraus, daß kaum jemals wieder eine solch günstige Gelegenheit sich bieten würde, so leicht und bequem sich zu bereichern, er war daher auch, als ich seinen Antrag, der mir höchst willkommen, annahm, von ganz besonderer Liebenswürdigkeit und plapperte mir so viel vor, als ich nur mit anhören wollte, obgleich ich selbst mit Hilfe eines Dolmetschers schwer daraus klug werden konnte.
Daraus, daß die bestellten beiden Führer durch eine tüchtige Mahlzeit sich erst stärkten, konnte ich schon entnehmen, der Weg[S. 299] würde lang und beschwerlich sein, was sich auch bestätigte, als wir nach halbstündiger Rast das hinter dem Dorfe ansteigende Gelände betraten und mühsam die schmalen Fußpfade verfolgten. Bald ging es über durch wildrasende Waldbäche zerrissenes Terrain, auf- und abwärts durch Schluchten und über Hügel, bis schließlich in der wegelosen Wildniß unser Wagen durch die immer dichter zusammenstehenden Sträucher und Bäume nicht mehr fortzubringen war. Proviant und Handwerkszeug mußte vertheilt werden und ich bedauerte nur, aus dem Dorfe nicht mehr Leute mitgenommen zu haben, die die ziemlich stark belasteten Atonga, von denen 6 den zerlegten Wagen theilweise zu tragen hatten, hätten erleichtern können, aber zu spät und schon zu weit entfernt, mußte es eben so gut als möglich vorwärts gehen. Reich an Widerwärtigkeiten war der Weg, bald durch dichtes Gebüsch, bald an steilen Abhängen hinziehend, zerstachen und zerrissen Dornhecken uns die Haut und unsere dünnen Kleider; die nackten Menschen nicht imstande, sich gegen die scharfen Dornen zu schützen, krochen oftmals mehr als sie aufrecht gingen hindurch. Die Wege, welche die Führer verfolgten waren nur Wildpfade und ganz angethan darnach, daß diese der Löwe und Panther, wie mir die Wangoni versicherten, zur nächtlichen Streife benutzten; war doch die ganze zerklüftete Umgegend so recht geeignet den gefährlichsten Raubthieren als sicherer Zufluchtsort zu dienen. Dazu kamen wir durch Dickichte, in welchen eine bienengroße Fliege förmlich Attacke auf unsere unbedeckten Körpertheile machte, deren Stich so empfindlich und schmerzhaft war, daß wir vorwärts eilten, so gut und schlecht es gehen wollte, um nur diesen Quälergeistern zu entgehen.
Nach mühevollem Wandern am Fuße eines steilen Hügels angelangt, wo das Terrain wieder in eine Art Lichtung überging, hieß ich den Wagen hier zusammensetzen, und nun die Mannschaft davor, suchten wir den bewaldeten Höhenkamm zu erreichen. Oben angelangt und im Schatten knorriger aber breitästiger Bäume stehend, eröffnete sich vor unsern Augen eine wilde, doch in ihrer Eigenart herrliche Gegend. Rechts strebten die Hügel immer höher an, bis zu den fernen Bergen mit Wald und Busch bestanden. Vor uns in der Tiefe lag eine Grassavanne ausgebreitet, unterbrochen mit größeren Weideplätzen, auf denen ungestört in kleineren Trupps verschiedene Antilopenarten, selbst das Kudu, weideten, und weiter, an deren Grenze, mächtiges Rohrgebüsch, das den Uferrand des uns schon bekannten Flusses einfaßte. Links von uns aber, fiel das Terrain in sanfter Wellenlinie ab; es breitete sich ein Waldidyll vor uns aus, wie ich solches in der afrikanischen Wildniß noch nie erblickt hatte. Schlank und hoch, gleich einem herrlichen Dom, unter dessen Schatten grüne Grasmatten ausgebreitet lagen, hoben Baumfarren und Kaktusbäume ihre stolzen Kronen in die Lüfte und als wir in diesem lichten prächtigen[S. 300] Wald wandernd, die ganze Herrlichkeit der jungfräulichen Natur um uns bewundern konnten, war der Wunsch in uns lebendig, an solcher Stätte verweilen und ruhen zu dürfen.
Von jener Höhe, von der ich herniederschaute auf diese sonnenbeglänzten Gefilde, erschien die weite Ferne näher gerückt, aber es war nur ein Trugbild der Reflexion, denn stundenweit dehnte sich das Waldgefilde aus, ehe wir dieses durchzogen, wieder in die Grassavanne hinaustraten und in der vollen Sonnengluth durch das mannshohe Gras vorwärts strebten, die steilen Ufer eines jetzt nur wenig bewässerten Baches hinab und hinauf, standen wir vor einer undurchdringlichen Mauer jener Rohrmassen, wie solche hier allerwärts die sumpfigen Niederungen an den Flüssen ausfüllten; dem Urbusch gleich, verwoben mit Schling- und Dorngesträuch, war nur das plumpe Flußpferd und das Warzenschwein fähig, hier hindurch sich Bahn zu brechen; auch die scheue Antilope folgt in nächtlicher Stunde diesen Spuren, um zum frischen, klaren Wasser zu gelangen, das sie während der heißen Tagesgluth vielfach entbehren muß.
Ehe ich mich nun entschloß, aufs Geradewohl den dunklen Gängen, deren mehrere in nächster Umgebung hier ausmündeten, zu folgen, fragte ich die Führer, welche selbst nicht mehr wußten, wohin sie uns den Weg zeigen sollten, (da ich solche Bäume, die sie für dick und hoch bezeichnet hatten, für unbrauchbar erklärte,) ob nicht an dieser Seite des Flusses irgendwo noch stärkere und geradere Stämme zu finden seien. Dieses verneinend, wiesen sie in die Ferne nach den Bergen hin und meinten, dorthin allein könnte es möglich sein, zu finden was wir suchten. Nun solch einen weiten Weg durch die offene Grassavanne auf gut Glück in glühender Sonne zu machen, das hielt ich denn doch für zwecklos, und wie hätten wir wohl allenfalls dort gefundene Bäume auf solchen Wegen, wie wir sie anfänglich durch Dickicht und Busch uns gebahnt, zum Schire schaffen sollen? Also vorwärts — der Wagen zerlegt, die Leute, wie schon einmal, mit den Lasten bepackt, ging es in einem der dunklen Gänge hinein. Kühl und feucht, selbst modrig war die Luft da drinnen, und unwillkürlich schärften sich die Sinne bei dem Gedanken, daß nächtlicher Weile der König der Wildniß und der blutgierige Panther hier auch hindurch schlichen, um die wehrlose Antilope, wenn sie vom Durst geplagt, zum Wasser eilte, nach Katzenart zu beschleichen. Es war ja nicht das erste Mal, daß ich in solche Reviere eindrang, wo unumschränkt die Gewaltigen der Thierwelt herrschten, und an die Einsamkeit sowohl, wie an die Schrecken der Wildniß gewöhnt, war die Beklemmung, die selbst den Muthigsten erfaßt, wenn er auf solchen Pfaden geht, längst geschwunden, obgleich man doch das Herz klopfen fühlt, sobald in der Dämmerung solcher Gänge das lauschende Ohr irgend ein unerklärliches Geräusch vernimmt.
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Nach halbstündigem Hindurchwinden, wobei es mit den Wagentheilen recht mühsam vorwärts ging, traten wir wieder hinaus in hellen Sonnenschein und silberglänzend lag der Fluß vor uns. Wissend, daß überall, wo Flußpferde ihre Ausgänge im Uferdickicht gebrochen haben, sich tiefes Wasser befindet, wollte ich hier gleich, da eine Messung nur Mannstiefe ergab, den Uebergang versuchen, dagegen aber erhoben die Führer Protest, indem sie erklärten nicht folgen zu wollen und dadurch auch die Atonga zaudern machten. Es seien, wie sie behaupteten, an solchen Stellen in diesem sonst seichten Flußbett immer Krokodile gefährlichster Art vorhanden. Ich konnte mich hiervon auch bald überzeugen, denn nach kurzer Umschau hatten die Leute drei mächtige Thiere entdeckt, die nur mit dem Oberkörper über Wasser, halb im Ufergebüsch verborgen lagen. Gleichzeitig feuernd, störten wir sie aus ihrer behaglichen Ruhe auf, sahen auch dann, wie durch das Echo der Schüsse erschreckt, eine ganze Anzahl im Wasser verschwand; selbst wie ein Flußpferd weiter unterhalb den Kopf neugierig über Wasser hob und dumpf grunzend sein Mißbehagen ausdrückte. Es blieb also nichts anderes übrig, als nun längs dem Ufer vorzudringen, bis wir das Ende des tiefen Beckens erreicht, eine seichte Stelle fanden, wo mit Ausnahme einer tieferen Rinne der Uebergang leicht bewerkstelligt werden konnte.
Hier im Waldesschatten, dessen tiefes Dunkel sich endlos vor uns auszudehnen schien, veranlaßte mich die überstandene Anstrengung kurze Rast zu halten, und nun drängte sich mir der Zweifel auf, ob ein weiteres Vordringen von Nutzen sei, da auch die Führer erklärten, sie wüßten in dieser Wildniß sich nicht weiter zurecht zu finden; rings um uns sei undurchdringlicher Urwald — einen anderen Weg zurück wären sie nicht imstande anzugeben. Doch bald entschied ich mich zum Vorwärtsgehen, die Nothwendigkeit war ein Zwang, der alle Bedenken beseitigte. Und weiter wanderten wir in der Walddämmernng westwärts durch Urdickicht und lichteren Urwald, bis wir in später Nachmittagstunde uns schließlich von undurchdringlichem Busch umgeben fanden.
Wildromantisch war die nächste Umgebung, die dichte lebende Wand, von Luftwurzeln und Lianen gebildet, die tausendfältig durcheinander gewoben, jedes Eindringen gewehrt hätten, erschien wie eine Mauer, durch die hindurch noch nie eines Menschen Hand Bahn gebrochen hat. Und wo niemals vorher der müde Fuß eines Europäers Rast gehalten, schleichend nur der Panther auf Beute ging, die Hyäne das sterbende Wild zu finden weiß, das in tiefster Waldeinsamkeit sein letztes Lager bettet, der Ruf der Nachteule die Stille unterbricht, rasteten wir, um nach einem langen ermüdenden Marsche auszuruhen.
Recht lang schon wurden die Schatten der Bäume, wenn die scheidenden Sonnenstrahlen vereinzelt durch das dichte Laub zu[S. 302] dringen vermochten, als wir längs diesem Dickicht nach einer Stelle suchten, wo es weniger schwierig war, durchzukommen, und die westliche Richtung wieder eingeschlagen werden konnte. Nicht möglich war es, auch nur auf kurze Distanz etwas genau zu unterscheiden, bis es zwischen den Bäumen nach längerer Zeit plötzlich heller wurde, und eine Lichtung sich vor uns aufthat, die zu einem ehemaligen breiten, jetzt aber trockenen Flußbett führte. In diesem der Richtung folgend, wohin einst die Wassermassen geflossen sein mußten, verengte sich das Bett mehr und mehr, bis wir vor einer wildverwachsenen Schlucht weiteres Vordringen aufzugeben gezwungen waren. Erst als wir links über die einstigen hohen Ufer einen Weg uns suchten, kamen wir unverhofft zum Laufe eines kleinen Flusses mit kaltem kristallhellem Wasser, und hier sahen wir zu unserer Freude über den etwas niederen Urwald die Kronen riesenhafter Bäume hoch in die Lüfte emporragen.
Zu spät, um mich noch von der Beschaffenheit jener Waldriesen zu überzeugen, da mit der scheidenden Sonne zugleich sich tiefe Dunkelheit über diesen endlosen Urwald lagerte, beschloß ich hier Halt zu machen und auf einem freien Platze für die Nacht Lager zu schlagen, d. h., wir hatten nämlich nichts weiter zu thun, als das gesammelte Holz zu entzünden und im Scheine der Feuer zu lagern, denn ohne jeden anderen Schutz, als die Gipfel der Bäume über uns, mußten wir uns eben damit begnügen. Nach einem über fünfzehn englische Meilen langen Weg, auf einem Terrain, wie es schwieriger kaum gedacht werden konnte, sehnten wir uns alle nach Ruhe, und bis auf den Posten, der die leuchtenden Feuer der wilden Thiere wegen zu unterhalten hatte, lagen bald alle nach einer frugalen Mahlzeit im tiefen Schlafe. Schlummernd in süßer Ruh auf harter Erde, entrückt der Wirklichkeit, hallte plötzlich die leise Stimme des Postens, der, mich rüttelnd, die Worte zurief: bwana, simba (Herr, ein Löwe), mir wie ein Donnerwort ins Ohr! Die Waffe ergreifen und aufspringen, konnte ich kaum, vom Frost geschüttelt, die Frage »wo ist er« hervorbringen und fast athemlos starrte ich in die tiefe Finsterniß hinein. Erst nach einigen Minuten war in der angegebenen Richtung wirklich ein dumpfes Brummen, mehr grollendes Knurren, zu vernehmen, jedoch entfernt genug, um noch eine böse Absicht des hier herumschleichenden Panthers, denn solch ein Raubthier war es, nur voraussetzen zu können, obgleich ich der Versicherung des Postens wohl Glauben schenken konnte, daß er das Thier ganz nahe gehört habe.
Eine angenehme Ueberraschung hatte mir der Mann gerade nicht bereitet, dennoch war ich zufrieden, daß er mich aus tiefem Schlaf geweckt hatte, da ich, naß vom nächtlichen Thau, der gleich Regentropfen auf der dünnen Kleidung lag, bei längerem Liegen auf der jetzt kalten und nassen Erde, sicherlich mir ein schweres[S. 303] Fieber zugezogen hätte. Längst ermuntert, kauerten nun auch die schwarzbraunen nackten Gestalten, zitternd wie Espenlaub, um die halberloschenen Feuer. Die Kälte der Nacht, dazu ein befürchtetes Renkontre mit solcher gefährlichen Katze, hatte alle aus der Ruhe aufgeschreckt, und ich glaube, wäre das Raubthier kühn genug gewesen, einen der Schläfer zu überfallen, mit seiner Beute wäre es wahrscheinlich im Dunkel des Waldes entkommen; die aufs Geradewohl abgegebenen Schüsse hätten den Panther schwerlich daran gehindert.
Als nun zunächst die Feuer wieder angefacht worden, war über deren Schein hinaus nichts zu unterscheiden, gelblich hell nur schimmerte es im Kreise, und feuchtkalt wehte es vom Flusse herüber; ein weißer, dichter Nebelschleier hatte sich über die weiten Gefilde ausgebreitet, der selbst, als nach wenigen Stunden der junge Morgen anbrach, uns verhinderte, unsere nächste Umgebung zu erkennen.
Erst als wieder goldenes Sonnenlicht durch das Dunkel des Waldes brach, die wärmenden Strahlen die Nebel hob und zugleich den Körper neu belebte, machte ich mich trotz des nassen Grases auf, um die nächste Umgebung zu besichtigen. Ueber den Fluß hinweg, der in den am Tage vorher durchschrittenen Nebenfluß des Schire münden sollte, erkannte ich auf einige Kilometer Entfernung ebenfalls hohe, passende Bäume in genügender Zahl, aber bis dorthin vorzudringen, da das tiefer liegende Terrain ein einziger dichter Rohrbusch war, hätte enorme Anstrengung gekostet; auch wollte ich höchst ungern den Fluß wieder verlassen, da wir hier so bequem das benöthigte Wasser zur Hand hatten. Aus diesem Grunde schon zog ich es vor, am rechten Ufer des Flusses zu bleiben, selbst wenn sich hier noch größere Schwierigkeiten uns entgegenstellen sollten.
Glück muß der Mensch haben, das hätte ich sagen können, als wir kaum 200 Fuß vom Flusse entfernt, rings umgeben vom mächtigen Wald, eine kleine, mit nur wenigen Bäumen bestandene Lichtung fanden, und dazu, wie der nähere Augenschein ergab, in der Nähe vier jener Baumriesen, wie solche unserm Zwecke nicht besser entsprechen konnten. Ohne langes Zaudern, beschloß ich hier das Lager zu erbauen, denn schwerlich hätte sich ein gleich günstig gelegener Ort im Urwald gefunden, der nicht erst von Menschenhand mit Axt und Messer gesäubert werden brauchte. Zwar blieb die Frage betreffs eines geeigneten Rückweges noch offen, aber ich dachte, auch hier wird sich ein Ausweg finden müssen, da niemals daran gedacht werden konnte, die Balken auf dem Wege zum Schire zu schaffen, auf welchem wir bis hierher vorgedrungen waren.
Passende dünne Baumstämme fanden sich zum sofortigen Aufbau der Hütten nicht vor und mußte sich Ottlich solche später[S. 304] erst, wenn er genügende Kräfte zur Hand habe, beschaffen; vorläufig mußte ein provisorisches Unterkommen genügen, sowohl für die Schwarzen als auch für den Europäer, und ein schnell gefällter Baum, dessen Aeste dem Zwecke entsprachen, gab uns das nöthige Bauholz dazu. Man lernt es in der Wildniß, sich mit den geringsten Mitteln zu behelfen. Auch in diesem Falle waren von Zweigen, die mit bindfadengleichen Lianen zusammengehalten wurden, mit Gras und Strauchwerk, bald von den Atongas das Nothwendigste geschaffen. Schon vorher hatte ich unsere Wangoni-Führer nach ihrem Dorfe zurückgesandt, mit der Weisung, möglichst schnell Mehl, Bataten und Hühner herbeizuschaffen, und auch ihrem Häuptling zu sagen, er möchte mir die angebotenen männlichen Einwohner nun senden, je mehr desto besser.
Bestrebt, nun das weite Revier kennen zu lernen, namentlich einen besseren Rückweg zu finden und nach mehr Bäume Umschau zu halten, brach ich, begleitet von dem Zimmermann und einigen Leuten, bald darnach auf, um im weiten Umkreis, so gut als dies möglich, den Wald abzusuchen. Unglaublich schwierig aber ist ein Marsch in solchem Urdickicht, tausend Hindernisse stellen sich einem entgegen. Besser vorwärts ging es nur, wenn wir den Wildpfaden folgten, führten solche aber entgegen unserer Richtung, dann waren die Schwierigkeiten wieder da und die Faschinenmesser bahnten uns Wege durch Dornhecken und mit Schlingpflanzen unzerreißbar durchwobene Luftwurzeln der Bäume.
Anfänglich westlich, nachher südlich vordringend, mochten wir wohl eine halbe deutsche Meile vom Lagerplatz entfernt sein, als plötzlich ein ausgetretener Fußpfad, nordwestlich nach den fernen Bergen führend, vor uns lag. Es war keine Frage, durch den Urwald führte dieser Weg zu menschlichen Wohnungen, aber rück- oder vorwärts, das war schwierig zu sagen. Indes verfolgten wir diesen in der angegebenen Richtung eine Strecke weit und kamen bald auf freieres Terrain mit zwischenliegenden Grasebenen, durch welche aber der Weg wieder nach Südwesten abschwenkte und uns in Zweifel ließ, ob dieser, der sich bald wieder im Dickicht und Urwald verlief, uns nicht gerade in die entgegengesetzte Richtung führte, da, soweit ich mich orientiren konnte, der Schirefluß südöstlich von hier liegen mußte. Sehr schwer ist es, auf Vermuthungen hin die Richtung eines gewundenen Negerpfades zu bestimmen, als nicht selten, nur um Hindernisse zu umgehen, ein solcher rechtwinklig abbiegt und man leicht auf die Idee verfällt, derselbe führe ganz wo anders hin. Aus freien Stücken wird der Schwarze nie einen anderen Weg wählen, als den ihm bekannten, selbst gewaltige Umwege ändern daran nichts. Freilich ein tüchtiger Fußgänger ist der Neger, er liebt glatte Wege, auf denen er ungehindert schnell fortschreiten kann und wird solche auf jeden Fall eher vorziehen, als daß er bedeutend[S. 305] kürzere benutzen sollte, auf welchen er Dornen und Gesträuch vorfinden könnte, die ihm seiner nackten Füße und Körpers wegen unangenehm sein würden, ihn auch zwingen vorsichtiger zu sein, welche Eigenschaft, wenn sie nöthig und überflüssig erscheint, gerade nicht seine Passion ist.
Mit dem festen Vorsatze, an diesem Tage noch, wenn die Führer zurückgekehrt sein werden, auszuforschen, wohin dieser Weg führe, traten wir den weiten Rückweg wieder an an der Stelle, wo wir vorsichtshalber den Austritt aus dem Dickicht mit unsern Handbeilen an Baumstämmen gekennzeichnet hatten, indes wir merkten uns nur solche Bäume, die schlank und hoch, zu schönen Balken sich am besten eigneten, da hiervon gerade keine große Auswahl vorhanden war. An einer Stelle, zu der wir mühsam uns durchgerungen, fanden wir ein paar prächtige Stämme, gleich zwei Zwillingen, die ihre prächtigen Kronen hoch in die Lüfte wiegten. Ihr Anblick erweckte in mir den Wunsch, diese beiden zum Ersatz unserer durch das lange Liegen und den Transport reduzirten Schiffsmasten zu verwenden; aber als die Zeit dazu gekommen und ich nach Wochen ausging, sie wieder aufzusuchen, war es mir nicht möglich, sie wieder aufzufinden. Wie manches Mal ich Leute darum aussandte, wie oft ich auch selber zum Suchen ausging, es war vergeblich, jede Spur verwischt, konnte im dichten Urwald, der sich überall gleich blieb, jene Stelle nicht wieder aufgefunden werden, und die Folge war, da keine gleich passenden Bäume aufzufinden waren, daß das Schiff keine neuen Masten erhielt. Großer Achtsamkeit bedurfte es übrigens, um in einem solchen Walde sich wieder zurechtzufinden, war doch das Untergebüsch und zum Teil auch das Gras so dicht, daß es jede Aussicht benahm und sehr aufmerksam mußte auf die Zeichen geachtet werden, welche wir uns durch Knicken von Zweigen, Anhauen der Stämme, oder Wegschlagen den Weg sperrender Luftwurzeln gemacht hatten. Die Zahl der brauchbaren Bäume, welche ich auf dieser Streife gefunden hatte, war noch unzureichend, doch hoffte ich, wenn Ottlich erst näher mit der Umgebung bekannt sei, würde er dann noch einige finden; obwohl manch anderer Baum sich wohl geeignet hätte, so waren doch die meisten nur von kurzem Stamm und ergaben von den untersten Aesten ab, selten mehr brauchbares Kernholz. Die größte Zahl der ungezählten Tausenden aber war verkrüppelt, d. h. der Stamm kurz und gedrungen, meistens krumm dazu, was erklärlich, da es dem jungen Bäumchen an Platz, Luft und Licht zur Entwickelung gefehlt hat.
Zum Lagerplatz zurückgekommen, trafen bald darauf die sehnlichst erwarteten Wangoni mit dem Proviant ein; sie hatten in 7 Stunden den weiten Weg hin und zurück gemacht und waren doch noch bereit, gegen eine Entschädigung sofort mit mir aufzubrechen, um den gefundenen Weg zu erforschen, der nach ihrer[S. 306] Ansicht ein aus den fernen Bergen nach Matope führender Angoni-Pfad sein müsse.
Den zurückbleibenden Leuten, unter Ottlichs Aufsicht, gab ich den Auftrag, vorerst möglichst gerade Wege nach den aufgefundenen Bäumen durch Dick und Dünn zu schlagen; solche hätten strahlenförmig vom Lager auszugehen und könnten später, wenn die Bäume gefällt wären, von den Wangoni nach Bedarf erweitert werden. Ich würde auch unverzüglich Nachricht senden und fehlendes Handwerkzeug, sobald ein besserer Weg und vielleicht eine nähere Verbindung zwischen hier und der Werft gefunden sei.
Als das Nothwendigste geordnet war, brach ich mit den Führern, einem Diener und einem Atonga auf, um den gefundenen Weg nun in der entgegengesetzten Richtung zu verfolgen, mit der stillen Hoffnung, daß derselbe durch ein weniger schwieriges Terrain führen werde, wie wir es Tags zuvor durchwandert hatten. Und es war wirklich so, der Weg führte Anfangs etwas bergauf, dann aber, nachdem der dichte Urwald hinter uns lag, schlängelte er sich bald von durch Busch umsäumte Grasebenen, bald durch lichten Waldbestand hin, auf einem gleichmäßigen Plateau. Hin und wieder nur wurde der Weg schlechter und, zerrissen durch abgeflossene Wassermassen, unebener.
Ueberraschend war es weiter, daß wir in später Nachmittagsstunde unter schattigen Bäumen und provisorisch am Wege hergerichtetem Grasdach, am lustig flackernden Feuer, eine Truppe Angoni, Männer und Frauen, letztere selbst mit kleinen Säuglingen auf dem Rücken, antrafen, die erschreckt und verwundert zugleich die Erscheinung des weißen Mannes anstarrten, der unverhofft ihnen hier entgegentrat. Schnell orientirt über das Wohin und Woher, erhielten wir von den Führern der Truppe den Bescheid, diesen jetzt westlich laufenden Weg nur zu verfolgen, bis sich ein Arm nach Süden, der andere flußaufwärts abzweigen würde, der letztere führe uns am diesseitigen Ufer des Schire nach Mpimbi.
Nach einer Stunde etwa, immer durch lichten Wald marschirend, standen wir endlich am Scheidewege und schauten von hier aus in die gewaltige Niederung des Schireflusses, die von unserm erhöhten Standpunkt terrassenförmig abfiel. Wie abgeschnitten war der Wald, der das weite Plateau umsäumte — vor uns lag die wilde undurchdringliche Ebene, bestanden mit Busch und Rohr, die allein nur das Flußpferd und der Büffel zu durchbrechen vermochte. Müde und ermattet vom weiten Marsch, rastete ich hier im Schatten des Waldes und überlegte, wie ich wohl später die schwer beladenen Wagen die steilen Abhänge hinabbringen könnte. Es waren soweit keine unüberwindlichen Schwierigkeiten uns entgegengetreten, der Weg würde für Wagen nur zu erweitern sein, ob es aber möglich sein würde, die Abhänge und tiefen Gräben, wie solche durch abfließende Wasser entstanden, zu[S. 307] passiren, schien eine fragliche Sache, denn das Erdreich zu ebnen, eventuell abzutragen, würde eine ungeheure Arbeit kosten, die jedoch ausgeführt werden mußte, da sich bis jetzt kein anderer Ausweg darbot.
Meine Leute, nicht minder durstig als ich, waren ausgegangen, den hier nach der Angabe jener am Wege lagernden Wangoni vorhandenen Wassertümpel aufzusuchen und, allein zurückbleibend, wurde ich plötzlich von einer Anzahl mit Schildern, Speer und Bogen bewaffneter Angoni-Krieger überrascht, die aus dem Gebüsch herauskamen und eiligen Schrittes Mann hinter Mann den Waldpfad betraten. Wie angewurzelt standen sie, als sie mich erblickten und ihre geschulterten Waffen senkten sich unwillkürlich, aus Furcht, der ihnen hier unvermuthet entgegengetretene weiße Mann führe vielleicht Böses im Schilde. Scheu wichen sie zurück, als ich auf sie zutrat und machten mir Platz, dabei starr die Augen auf meine Waffe gerichtet, auf der ich mich stützte. Selbst meine freundliche Anrede verscheuchte ihren Zweifel nicht, da sie mich nicht verstanden, und wären ihrer so viele nicht dem einen gegenüber gewesen, sie hätten, glaube ich, am liebsten Reißaus genommen, zumal ein schriller Pfiff aus meiner Signalpfeife, der meine Begleiter herbeirufen sollte, sie erst recht erschreckte, soviel begriffen sie nur, daß ich die Absicht hegte, sie aufzuhalten. Scheu und Furcht war aber ebenso schnell geschwunden, sobald sie von den beiden Führern begrüßt und um Auskunft gefragt wurden, welcher von den drei Wegen hier, anstatt der uns angegebenen zwei, nach Mpimbi führe.
Die Leute erzählten, sie hätten, auf der Jagd begriffen, ein Kudu, die größte Antilopenart, am Wasser überrascht und schwer verletzt, es sei ihnen aber, dessen Spur sie sehr weit verfolgt, im Dickicht abhanden gekommen und von der nutzlosen Verfolgung absehend, wollten sie sich wieder an einen großen Wassertümpel im Hinterhalt legen, zu dem nächtlicher Weile das Wild zur Tränke komme. Ich habe später an jenem Wasser selber gestanden und muß bezeugen, daß der Ort nicht schlecht gewählt war. Aber da dorthin nicht blos die harmlose Antilope kam, um ihren Durst zu stillen, sondern ich auch die Panther- und Löwenspur, des Büffels und Zebras fand, so kann man wohl den beherzten Jägern persönlichen Muth zutrauen, zumal nur List und Verschlagenheit einen Erfolg verspricht, die entschieden dazu gehören, um sich an die vorsichtigen Thiere heranzumachen. Ihre Waffen, im Nahkampf so gefährlich, waren doch nutzlos, sobald sie solche nicht auf nur ganz kurze Entfernung schleudern konnten, auch daß sie sich nie damit an Raubthiere wagen dürften, war selbstverständlich.
Sehr zufrieden, daß uns der richtige Weg bezeichnet worden war — ich hätte ohne diese Begegnung den falschen gewählt und wir hätten sicherlich, da der Tag zur Neige ging, in der Wildniß[S. 308] umhergeirrt — brachen wir sogleich auf und verfolgten den wenig begangenen Fußpfad, der uns durch hohes Gras und Gebüsch führte. Drei Terrassen niedersteigend, erkannte ich erst, wie ungeheuer schwierig es sein würde, hier die Balken hinabzuschaffen und welche zeitraubende Arbeit es sein müßte, durch solches Gehege einen Weg zu bahnen.
Schon nahte der Abend, als wir Anpflanzungen und Felder der Eingeborenen vor uns liegen sahen, und bald darauf ein von einer Rohrwand umgebenes kleines Dorf betraten. Nur wenige Frauen fanden wir in der Umzäunung, die eiligst bei unserm Anblick in den Hütten verschwanden, nur ein altes Mütterchen stand uns Rede und Antwort; mürrisch zwar, ob der unliebsamen Störung, gab sie uns doch den Bescheid: wir sollten nur den hinter dem Dorfe zum Flusse führenden Weg verfolgen, den Fluß durchschreiten, so würden wir in einer halben Stunde etwa nahe Mpimbi sein. Und wirklich standen wir bald am hohen Ufer desselben Nebenflusses, den wir meilenweit oberhalb durchwatet hatten und auch hier, ebenso flach, bot der Uebergang keine Schwierigkeit. Hätte dieser Fluß nur durchweg einige Fuß Wassertiefe gehabt, so wäre es trotz allem der bequemste und kürzeste Weg gewesen, mittelst eines Bootes die Hölzer herunterzuflößen, so aber war dieses leider unmöglich und nichts anderes blieb übrig, als den erkundeten Weg für den Transport zu wählen.
In der Dunkelheit durch Gras und Busch folgten wir den einsamen Pfaden, kamen schließlich zu den Mais- und Mtamafeldern, die die Dörfer jenes Häuptlings umgaben, der uns einst den Durchzug verwehrt hatte; hier besser orientirt, drangen wir bis querüber der Werft vor, und bald scholl aus dem dichten Ufergebüsch in dunkler Abendstunde das »Boot ahoi!« hinüber.
Höchst zufrieden mit dem schönen Verdienst, welchen ich den beiden Führern auszahlen ließ, waren sie sehr bereit, mehrere Tage lang als Boten zwischen dem Lager im Urwald und der Werft zu dienen. Sie hatten demnach Proviant und Handwerkszeug tragende Atonga, sowie einzelne von Blantyre neu engagirte Zimmerleute den unbekannten Weg zu führen, auch die Verbindung mit ihrem Häuptling aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, daß die 30 Mann schnell zur Unterstützung abgesandt würden. Mit der Verproviantirung so vieler Leute, die an und für sich schon schwierig war, hielt ich es dort im Lager ebenso, wie auf der Werft; jeder Mann mußte für das ihm ausgezahlte Poscho seinen Bedarf selber kaufen und, um diesen zu decken, hatten zwei Mann den Einkauf zu besorgen.
Da meine Anwesenheit auf der Werft nun für längere Zeit nöthig war, konnte ich die Arbeiten im Urwald keiner regelmäßigen Kontrolle unterziehen, höchstens eine Verständigung auf schriftlichem Wege erzielen, oder jeden Sonnabend, wenn Ottlich zur Werft[S. 309] kam und über seine Arbeit berichtete. Wohl hatte ich mich anfänglich, wenn die Nothwendigkeit vorzuliegen schien, auch Sonntags früh aufgemacht und die weite Wanderung bis zum Lager angetreten; indes einen Weg von nahezu 45 Kilometern in heißer Sonnengluth an einem Tage zurückzulegen, um zur rechten Zeit wieder am Platze zu sein, solcher Anstrengung war der Körper doch nicht recht gewachsen, und schon darum, weil sich jedesmal nach solchem Marsche Fieber einstellte, das mich für den nächsten Tag fast zur Arbeit unfähig machte, mußte ich mir an den Berichten genügen lassen.
Der Monat April, ein wetterwendischer Geselle, wie er mit Recht in der gemäßigten Zone bezeichnet werden kann, zeigte auch hier kein allzufreundliches Gesicht. Gewitter, Regengüsse, kalte Nächte und heftige Winde bildeten den Uebergang zur trockenen Jahreszeit. Solcher Witterungseinfluß war auf die Gesundheit der Europäer nicht günstig und ob nach Möglichkeit ein jeder Handwerker sein Theil an der schweren Arbeit auf der Werft zu thun suchte, war es doch den meisten nicht möglich; sehr selten nur konnte ich einen Tag bezeichnen, an welchem alle gesund und ihr Tagewerk zu schaffen im Stande waren. Eine eigentliche Verzögerung fand aber nur bei dem Aufbau der Dampfkesseln statt, insofern, als das Einziehen der Niete die Kräfte der Leute bei dieser schweren Arbeit stark mitnahm, während am Schiffe, wo schon mit dem Anlegen der Stahlplatten begonnen war, die Schwarzen hilfreiche Hand leisten konnten, und unter meiner und Zanders Aufsicht, namentlich die Atonga-Abtheilung, mit Geschick arbeiteten.
Im Anfang Mai, mit dem letzten Wagentransport und den letzten Trägern, war das ungeheure Schiffsmaterial über das Gebirge geschafft; also in weniger als drei Monaten annähernd 7000 Lasten, wenn das mit eingerechnet wird, was die Wagen an Arbeitskräften erspart haben, und das auf Wegen und zu einer Jahreszeit, die gewiß die ungünstigsten waren. Kein Stück der tausenden Theile, dank der scharfen Kontrolle, war verloren gegangen, nichts in der Weise ruinirt, daß es hätte verworfen werden müssen und was an minderwerthigen Sachen verdorben war, konnte dem Einfluß der Witterung und den gefährlichen Termiten zugeschrieben werden. Wie schon erwähnt, waren alle wesentlichen Holztheile aus Teakholz gefertigt, an das die weiße Ameise nicht heranging, und waren Beschädigungen, namentlich an den langen Decksplanken auch vorgekommen, so waren doch so viele in Reserve, daß der Ausfall uns keinen Abbruch that.
Um diese Zeit nun wurde mir die Aufsicht über alles wesentlich dadurch erleichtert, daß, nach erfolgter Ankunft in Mpimbi, der Führer der Transport-Expedition, Herr v. Eltz, den Aufbau unseres Leichters übernahm und diesen mit den Sudanesen[S. 310] vollendete. Als das Fahrzeug zu Wasser gebracht war, sollten mit demselben alle Gegenstände, welche erst später zur Vollendung des Schiffes gebraucht wurden, zum Nyassa-See geschafft werden, da es nicht rathsam erschien, den Dampfer mehr als nöthig zu belasten. Doktor Röver, nun auch vom Lagerkommando entbunden, erhielt den Auftrag, mit Unterstützung von etwa 30 Soldaten und des Artisten Herrn Franke, am Südende des Sees die Station Port Maguire anzulegen, damit nach vollendetem Stapellauf des Schiffes und dessen Ueberführung zum See dort alles vorbereitet wäre. Eile, um diese gewiß sehr umständlichen Arbeiten auszuführen, war um so mehr geboten, als es galt, in einem eigentlich feindlichen Lande sich festzusetzen, und die Schwierigkeiten, welche sich der Gründung einer Station entgegenstellen konnten, nicht vorher zu beurtheilen waren.
Zur Zeit als der Leichter nach seinem Bestimmungsort abgesandt wurde, waren auch alle Arbeiten am Schiffskörper soweit vollendet, daß mit dem Nieten begonnen werden konnte und jeder Europäer wurde herangezogen, um mit tausenden von Nieten die Schiffsplatten in sich und an den Spanten zu befestigen. Lustig klangen auf der Werft Hammer und Ambos, loderten die Feuer der Schmieden, und viel fleißige Hände regten sich, das große Werk der Vollendung näher zu bringen. Ging aber auf der Werft auch alles mit regem Eifer vorwärts, so wollte es mir scheinen, daß im Urwald das Fällen der Bäume, das Behauen derselben, nicht so rüstig gefördert würde, denn wiederholt lauteten die Berichte sehr unklar, so daß ich zweifeln mußte, ob die Arbeit auch zur rechten Zeit würde beendet werden. Auch zeigte Ottlich, des einsamen Lebens im Urwald überdrüssig, nicht mehr so viel Eifer für die Sache, da ihm ein Gefährte nicht beigegeben werden konnte.
So war ich denn gezwungen, sollte nicht eine unliebsame Verzögerung eintreten, die Aufsicht der Werft an Herrn v. Eltz abzutreten, was um so eher angängig war, als beim Nieten des Schiffes keine speziellen Anordnungen getroffen werden brauchten. Dringender noch wurde meine Anwesenheit im Urwald, als mir die Nachricht zu Ohren kam, daß der Zimmermann, aus Furcht vor einem Ueberfall von Seiten der Wangoni, wohl mehr noch vor den dreister werdenden wilden Thieren, zu dem uns bekannten Wangoni-Häuptling geflohen sei und das Lager während verschiedener Nächte schon preisgegeben habe; darum zögerte ich nicht mehr und siedelte mit dem zweiten Steuermann über, um für Wochen im Urwald ein einsames, abgeschlossenes Leben zu führen.
Da die Regenzeit vorüber war, deren Dauer die Natur verjüngt hatte, machte die glühende Sonne, von keinem Wölkchen mehr getrübt, nun ihren ganzen Einfluß geltend, und was ihr heißer Strahl aus der vom vielen Regen getränkten Erde zum Leben geweckt, das versengte sie jetzt wieder mit ihrer Gluth. Das[S. 311] mannshohe Gras in der Savanne war gereift; trocken und gelb hingen die Blüthenähren und die weiten Massen, wie ein ungeheures Kornfeld anzusehen, harrten nur des Feuerfunken, um sie zu vernichten. Auch Baum und Strauch, versengt, ließen die fahlen Blätter hängen. Wie ein Herbstgemälde war das Waldrevier anzuschauen, als wäre nicht mehr fern die Zeit, wann alles Leben unter dem Gluthhauch der Tropensonne ersterben würde, nur die Schmarotzer und Lianen prangten noch im frischen Grün und ließen mit ihrem Blüthen- und Blätterschmuck den Baumriesen, den sie umschlungen hielten, voll von Kraft strotzend erscheinen, während ihm doch schon der Lebenssaft zu schwinden begann.
Das Unangenehmste aber war der befiederte Grassame; federleicht, vom Windhauch hinweggeführt, setzte sich derselbe in den Kleidern fest, und, nadelscharf, zu hunderten das dünne Zeug durchdringend und die Haut spickend, verursachten die Körnchen eine höchst unangenehme Pein. Fast unerträglich wurden sie aber dann, wenn man gezwungen war, durch das Grasfeld selbst zu marschiren, jede Berührung schon schüttelte den Samen ab, und hätte ich es wagen dürfen, ich hätte mich gleich dem Neger aller Kleidung entblößt, um nur solcher Qual zu entgehen.
Sobald der Waldbestand auf dem Plateau erreicht war, fand ich hier, soweit es nöthig gewesen, überall solche Bäume aus dem Wege geräumt, die dem Wagentransport hätten hinderlich sein können, ebenso die zwischen den Waldflächen liegenden Grasmassen waren vom Feuer zerstört. Die Wangoni, um sich die Arbeit zu erleichtern, hatten alles was brennen wollte, in Flammen gesetzt, und im weiten Umkreis, wohin man sonst nicht wegen der wogenden Grasmassen hatte blicken können, war alles vernichtet und viele tausend Baumstämme standen geschwärzt bei einander, um welche die Feuersgluth getobt hatte.
Der gerade Weg, der auf diese Weise bis zum dichten Urwald geführt worden war, zeigte erst hier, welch eine Arbeit Axt und Buschmesser verrichtet hatten. In dem undurchdringlichen Gebüsch, das geradezu wie eine Mauer von Luftwurzeln und Schlingpflanzen verwachsen war, waren über 30 Meter lange Gänge geschlagen worden, in denen bei hellem Tage Dämmerung herrschte, und modernde Stämme gestürzter Baumriesen waren weggeräumt, um einen Weg für die Wagen zu schaffen. Breite, lange Wege, wie ich es angeordnet, waren von dem Lagerplatz aus nach den gefällten Bäumen geführt, und hatten solche auch nicht der dichtstehenden Bäume wegen in gerader Linie geschlagen werden können, so waren sie doch wenigstens so beschaffen, daß ein beladener Wagen passiren konnte. Vier lange Wochen hatten 30 Wangoni tagein und -aus gearbeitet, um solches Werk zu vollbringen und nur wer sich einen Begriff von der Beschaffenheit[S. 312] eines afrikanischen Urwaldes machen kann, wird eine solche Arbeit beurtheilen können, wie sie hier ausgeführt worden war.
Indes war nun auch alles Mögliche geschehen, geeignete Verbindungswege herzustellen, so war doch die Arbeit, worauf es hauptsächlich ankam, das Behauen der bereits gefällten Bäume, sehr vernachlässigt und thatsächlich fand ich von den benöthigten 400 Fuß Balken kaum 40 fertiggestellt vor. Die schwarzen Zimmerleute, in letzter Zeit sich selber überlassen, hatten ohne genügende Aufsicht nach Gutdüncken gearbeitet und wenn auch die Stämme durchschnittlich 3-4 Fuß Durchmesser hatten, aus denen Balken von einem Quadratfuß behauen werden sollten, so war doch bei weitem während so langer Zeit nicht genug geschaffen worden. Auf solche Weise konnte es nicht weitergehen und unbedingt nothwendig wurde es, daß ich selber die Leitung der Arbeiten in die Hand nahm, denn sonst wäre der Schiffskörper viel eher fertiggestellt gewesen, ehe noch an das Legen der Schlipp gedacht werden konnte.
Die Furcht vor den Wangoni, die zwar jetzt oft in das Lager kamen, um Lebensmittel zu verkaufen, war grundlos, wahrscheinlich, was ich nicht recht erfahren konnte, hatten die Zimmerleute Streit mit den Verkäufern gehabt, der zu einer Drohung von Seiten der Wangoni die Veranlassung gewesen, dagegen war die Furcht vor den dreister gewordenen wilden Thieren wohl berechtigt, allen eine gewisse Scheu einzuflößen; hatte ich doch vorher schon oft genug Nächte im Urwald verlebt, um genügend bekannt zu sein mit den nächtlichen Stimmen, die bald fern bald nah ertönen, die Anwesenheit unheimlicher Gäste zur Gewißheit machten, abgesehen von denen, die bei Tage aufgejagt, vor den Menschen scheu schnell im Dickicht und Gras verschwanden.
Da die 30 Mann starke Hilfstruppe der Wangoni-Arbeiter nun entbehrlich war, ließ ich die Leute mit schönem Verdienst wieder in ihr Heimathsdorf abziehen; dafür aber soviel Atonga von der Werft kommen, als zum Fällen noch benöthigter Bäume und zum Anschlagen derselben gebraucht wurden. Auch mehr Zimmerleute und Brettschneider mußten von Blantyre herbeigeschafft werden. Jeder der eine Axt nur zu handhaben verstand (und wer es nicht konnte, dem wurde es dutzend Mal gezeigt) fand als Vorschläger eine Anstellung d. h. die Leute mußten die Stämme nach vorgezeichneter Linie so einkerben, daß die Zimmerleute mit Leichtigkeit das überflüssige Holz abschlagen konnten und eigentlich nur das Beputzen auszuführen hatten. Weithin hallte der Urwald wieder von den Axtschlägen, die auf 6-7 Stellen zugleich ertönten, und die sonst hier herrschende feierliche Stille wurde von dem Gesang der immer lustigen Atonga unterbrochen.
Tagsüber hatte ich unablässig zu kontrolliren und anzuordnen, damit nur die Balken nicht verhauen wurden, kam es doch den[S. 313] Atonga garnicht darauf an, oft viel tiefere Kerben einzuhauen, als sie sollten; warum ihnen eigentlich der Strich vorgezeichnet war konnten einige absolut nicht begreifen. Ebenso hatte Ottlich genug zu thun Axtenstiele zu verfertigen oder Sägen zu schärfen; wurde am Abend das Handwerkszeug abgeliefert und überzählt, fanden sich jedes Mal verschiedene Beile und Äxte die unbrauchbar waren.
Mit allen Kräften ging es nun an das Behauen der bereits vorher gefällten Bäume. Auch eine Abtheilung Atonga, 8 Mann stark, mußte die aufs Neue ausgesuchten Bäume fällen und, da eigenthümlicher Weise solche Riesen nur im dichtesten Gebüsch aufgewachsen waren, galt es erst, um solchen mächtigen Stamm Raum zu schaffen, was nicht so leicht war, als ein Netz von Luftwurzeln und Lianen eine Annäherung verhinderte. Von den oft 40-50 Fuß wagerecht nach allen Seiten vom Stamme abstehenden Aesten, in deren dichtem Laubwerk viel andere minder hohe Bäume verwachsen, waren die das ganze wie eine wirre Masse verbindenden Schmarotzerpflanzen nicht herabzureißen, und nur in Mannshöhe zu entfernen. Armdicke Pflanzen, die den Stamm schlangengleich umwunden und bis zur Krone hinauf ihre endlosen Fühler ausgebreitet hatten waren oft so mit dem Holz verwachsen, daß nach ihrer Entfernung, solcher Baumstamm von tiefen Furchen durchzogen war; übrigens im unglaublich dichten Dickicht konnte nur so weit Raum geschaffen werden, daß mit Aexten und Sägen ein freies Hantiren möglich wurde.
Die 4-6fach vom Stamme abstehenden, oberhalb des Erdbodens befindlichen Stützwurzeln eines solchen, oft über 12 Fuß Umfang haltenden Baumes, machten uns viel Arbeit; sie behinderten sehr das Durchschlagen des Baumes, dem nur wenige Fuß über der Erde anzukommen war. Zäh und fest gleich Eichenholz, konnte mit unsern Baumsägen wenig erreicht werden, und war nach 3-4tägiger schwerer Arbeit der Baum wirklich durchhauen, wollte einige Male, gehalten durch andere Baumkronen, solch Riese nicht stürzen; bei zweien gab ich den Versuch schließlich auf sie herunterzubringen, da sie sich in den Zweigen ebenso mächtiger Bäume verwickelt hatten und vom Stumpf abgleitend, aufrecht stehen blieben. Stürzte aber solch ein Riese, dann war es wie das Rauschen eines Wirbelwindes und mit furchtbaren Krachen Bäume, Aeste und Sträucher niederreißend im Fallen, war es für die Arbeiter rathsam sich eiligst aus der näheren Umgebung zu entfernen.
Zwei am Rande steiler Abhänge gefällte Baumriesen stürzten trotz angewandter Vorsicht doch in die Tiefe und mußten, so wie sie niedergestürzt waren, behauen werden, da keine Menschenkraft im Stande war, die mächtigen Stämme in eine andere Lage zu bringen. Den einen dieser Balken gelang es uns mit vieler Mühe mit 50 Mann und einem Wagen doch noch zur Höhe zu schaffen,[S. 314] den zweiten aber mußte ich liegen lassen, weil wir ihn nicht regieren konnten. Um nun aber die langwierige Arbeit nicht vergeblich gethan zu haben, wollte ich den noch 2-1/2 Fuß im Quadrat haltenden Koloß an Ort und Stelle zu Planken zersägen lassen. Zu diesem Zwecke wurde dicht daneben ein mannstiefer Graben aufgeworfen, dann der Balken auf starke Unterlagen gewälzt, mit dem Auftrennen begonnen. Diese Arbeit wurde den von Blantyre beorderten Brettschneidern übertragen und freute ich mich, daß aus einem einzigen Stamm fast der ganze Bedarf an Planken gedeckt werden konnte, auch achtete ich besonders darauf, daß die Schnitte möglichst gerade ausgeführt wurden. Als bis auf 2/3 der Länge jede Planke aufgetrennt war, glaubte ich nun getrost die weitere Aufsicht andern überlassen zu können, aber von der Werft zurückgekehrt, wohin eine nothwendige Anordnung mich gerufen hatte, auch dort zwei Tage vom Fieber festgehalten wurde, fand ich die ganze Arbeit verdorben vor. Nämlich: es nicht für nöthig haltend, die Leute anzuleiten und zu kontroliren, hatte der mit der Aufsicht beauftragte Europäer dieselben nach Gutdünken lustig darauf los schneiden lassen, sodaß die Säge in jedem Schnitt nicht mehr senkrecht, sondern unter einem Winkel von schließlich 20 Grad geführt worden war, und in Folge dessen sämmtliche Planken auf ein Drittel ihrer Länge fast unbrauchbar wurden. Den Leuten, die zwar auch ihre Arbeit verstehen sollten, konnte ich eigentlich weniger Vorwürfe machen, weil sie gewohnt sind, unter Anleitung und Aufsicht zu arbeiten, sie hatten aber auf meine Hinweisung, daß sie doch gar zu dumm wären, nur die lakonische Ausrede: wir machen es in Blantyre immer so! Es ist schwer, die vielen Widerwärtigkeiten, die ich mit den Blantyre-Leuten hatte, zu schildern, vor allem war ihre angeborene Trägheit und Gleichgültigkeit schwer zu überwinden; ich kann sagen, wenn ich mich nicht auf Ueberraschung verlegte, fand ich jeden Mann sehr eifrig bei der Arbeit, vorher aber, wenn sie mich weit entfernt wußten, hatten sie herzlich wenig gethan. Dennoch zwang ich sie ein bestimmtes Pensum fertig zu machen, das mir als Tagesarbeit genügend schien; hatten sie es vollendet, waren sie frei, wenn nicht, mußten sie bis zur Dunkelheit arbeiten. Dieses Mittel einige Male angewendet, half, sie wußten sich dann schon für die Folge einzurichten.
Panther, Hyäne, Leopard und selbst die Pantherkatze, die unserm auf Pfählen erhöhten Hühnerstall vergebliche Besuche abstatteten, waren beständig unsere nächtlichen Gäste; lautlos schlichen diese Raubthiere um Hütten und Lager, aber nie wollte es uns gelingen, auch wenn wir einen Theil der Nachtruhe opferten, einem dieser Besucher einen Denkzettel aufzubrennen. Nur eines Abends, als um die helllodernden Feuer die Zimmerleute versammelt lagen, gelang es einem der Kapitao, einer langsam und[S. 315] vorsichtig heranschleichenden Hyäne eine Kugel zuzusenden. Aufs Blatt getroffen, brach das Thier unter Feuer zusammen, schleppte sich aber doch noch eine Strecke weit und war verendet, ehe wir es erreichten. Sprichwörtlich ist die Feigheit der Hyäne, doch glaube ich, nach der Größe dieses ausgewachsenen Thieres und nach dessen furchtbarem Gebiß zu urtheilen, ist es kein zu verachtender Gegner, wenn es in die Enge getrieben, zur Gegenwehr gezwungen wird. Im Uebrigen aber verdient es die Nichtachtung als Leichenräuber und betrachtet man die kräftigen, mit großen Krallen versehenen Pfoten, nimmt es nicht Wunder, daß es schnell Gräber aufwühlen und tiefe Höhlen sich graben kann. Ungemein widerlich ist der Anblick solchen langhaarigen zottigen Thieres, mehr noch der Aasgeruch, der von diesem ausgeht.
Entfernt genug vom Lager ließ ich das todte Thier wegschleppen, ohne es zu verscharren. Ich war neugierig, ob nicht andere Hyänen es aus Hunger anschneiden würden, das war aber nicht der Fall, nur Geier konnte ich beobachten, die daran ihre ekelhafte Mahlzeit hielten.
Etwas anderes, als mit diesen schon gefährlichen Raubthieren, die doch eigentlich eine gewisse Scheu vor dem Menschen zeigten, war es mit dem König der Thiere, dem furchtlosen Löwen; drang dessen Stimme auch nächtlicher Weile durch den Urwald und machte alles verstummen, wenn er grollend sein dumpfes Brüllen erschallen ließ, das das Echo des Waldes weckte, so war es noch unheimlicher, sobald der Beherrscher des Thierreichs in unsere unmittelbare Nähe kam. Schon in der vierten Nacht meiner jetzigen Anwesenheit im Urwald, hatte uns die Stimme des Löwen geschreckt und nur wenige Tage später, in früher Morgenstunde, war einer im Lager selbst.
In tiefdunkler Nacht, die glimmenden Feuer von der schlafenden Wache vernachlässigt, schreckte uns plötzlich das mächtige Brüllen des Königs der Thiere aus tiefem Schlafe empor. Halb betäubt noch, hallte im ersten Moment seine Stimme wie ein grollendes Brausen uns in die Ohren und wie ich eigentlich von meinem harten Lager heruntergekommen bin und dann mit der Waffe schußbereit durch die Oeffnungen in die tiefe Dunkelheit hinausspähte, wußte ich und die Gefährten kaum; wenigstens war der erste Impuls, dem Ruhestörer entgegentreten zu müssen. Totenstill war es ringsumher, als erzitterten Mensch und Thier vor der Stimme des Gewaltigen, bis alles wieder aufathmete, als erst von ferne das Brüllen durch den Urwald drang.
Erkennbar war in solcher Dunkelheit nichts, und als ich aus meiner Hütte in die Nacht hinaustrat und vergeblich mit lauter Stimme nach dem Posten gerufen hatte, fand ich alle Leute wie eine Heerde Schaafe in ihren Behausungen zusammengedrängt vor, nicht einer hatte sich getraut, die Feuer wieder anzufachen. Bald[S. 316] darnach wurde es wieder laut im Urwald, und, als wäre ein Alp von allen genommen, so munter schrieen die Nachteulen und viele andere nächtliche Wanderer, als Leopard, Panther etc., das kreischende Lachen der Hyäne vollendete das Konzert.
Beim Durchwandern des weiten Waldes fanden wir auch eine vereinsamte im Dickicht verborgene menschliche Wohnstätte; niedergebrannt war das Dach und rauchgeschwärzt die Lehmwände. Eine aus einem Dorfe verstoßene Familie, wie mir die Wangoni erklärten, hätte hier eine Zufluchtstätte gesucht, bei der Abwesenheit des Mannes aber sei einst ein Löwe eingedrungen und habe ihm sein Weib und seine Kinder getödtet und geraubt, und nun als ihm sein Alles genommen, habe er Feuer an diese Hütte gelegt und der friedlichen Stätte den Rücken gekehrt.
Daß der Wald mit seinem vielfach undurchdringlichen Untergebüsch eine Zufluchtstätte für allerlei Raubgesindel sei, wozu neben anderen der blutdürstige Panther, Leopard und die mit der Schnauze immer am Boden umherwitternde Hyäne gerechnet werden muß, erfuhren wir mehrmals, denn namentlich in den Morgenstunden, wenn ich zu einer besonderen Arbeit eine Kolonne auf wenig betretenen Wegen, die uns als Richtsteige dienten, hinausführte, sprang plötzlich über Gras und Busch hinwegsetzend, ein Leopard vor uns auf und verschwand im dichten Grase; an den schwankenden Halmen konnten wir dann nur noch erkennen, welchen Weg, in kurzen Sätzen springend, das Raubthier genommen hatte.
Bevölkert sind die weiten Ebenen mit einem großen Wildstand, als Kudu, Busch- und Riedbock, Zebra, Büffel, Warzenschwein, Tauben, Perl- und Waldhühner etc., aber die Dringlichkeit unserer Arbeit machte es, außer Sonntags, unmöglich, Leute auf die Jagd zu schicken, um Fleisch herbeizuschaffen, so sehr wir solches auch entbehrten. Mit unserem Proviant war es übrigens auch nur spärlich bestellt, ohne Brot, das wir seit langen Monaten nicht mehr gesehen, ohne süße Kartoffeln, die Zeit der Ernte war noch nicht dafür gekommen, wollten uns allein mit Tomaten die Hühner nicht schmecken. Meine zum Einkauf ausgesandten Leute kehrten erst immer nach zwei bis drei Tagen aus den fernen Angoni-Bergen zurück, oft dann nur für wenige Tage Proviant mitbringend; weniger schwer war es für die Arbeiter, Matamamehl, welches durchziehende Wangoni in Körben oder Ziegenfellen zum Kauf anboten, zu erhalten.
So anregend die Jagd auch war, so war es doch eine zu große Strecke und ein zu beschwerlicher Weg, ehe das Ende des Urwalds erreicht werden konnte, wo das Wild in Heerden auf der Savanne gefunden wurde, außer einem Büffel, übrigens ein nicht zu verachtender Gegner, wenn das mächtige Thier verwundet den Jäger annimmt, einem Schwein und ein paar Antilopenarten, wurde nichts geschossen.
[S. 317]
Eines Sonntags Morgens ging ich allein, nur begleitet von einem Angoni, zur Jagd; ich fand auch im mannshohen Grase, durch das ich stundenweit wanderte, eine große Menge Hühner, die meist unter den Füßen erst aufflogen, um sofort mit heiserem Geschrei wieder einzufallen. Mir schien es leicht zu sein eine Ausbeute zu erhalten, aber ich pürschte auf Großwild und wollte mir durch Schießen solches nicht verjagen. Am Rande eines Buschwaldes, aufmerksam geworden durch das Wiehern eines Zebras, überraschten wir drei dieser stattlichen Thiere, die auf einer Lichtung grasend, uns bald bemerkten und mit den Hufen den Boden stampfend, abgaloppierten. Angeschossen stürzte eines der Thiere nieder, sprang aber sofort wieder auf und jagte mit den anderen, die nicht wußten, was mit ihrem Gefährten passirt war, weiter, vergeblich folgte ich im hohen Grase der Spur der Fliehenden, aber selbst der Spürsinn meines Begleiters reichte nicht aus, das schwerverletzte Thier aufzufinden.
Ich mußte den Gedanken an weitere Verfolgung schließlich aufgeben, schon darum, weil Gefahr vorlag, uns in dieser endlosen Wildniß zu verirren, denn nirgends Weg noch Steg, das Gras zu hoch, um eine Orientirung zuzulassen, gebot schon die Vorsicht den Thieren nicht weiter zu folgen. Nur um jenen Buschwald wieder zu erreichen, sah ich mich mehrmals genöthigt, auf die Schultern des Angoni zu klettern, damit ich über die Grasfläche hinblicken konnte.
Sobald im Urwald einige Balken fertig behauen waren, schafften die Atonga diese auf dem jetzt in seiner ganzen Länge erweiterten und ausgehauenen Wege mittelst der Karren, etwa 8 englische Meilen vom Lager entfernt, zum ersten Abhang. Weiter zu fahren, gestattete ich nicht, da es die steilen Abhänge hinab mit den 30 bis 40 Centner schweren Hölzern zu gefährlich war, solche Arbeit von den Leuten allein ausführen zu lassen. Nur Planken und Klötze (von letzteren gebrauchten wir eine ganze Anzahl, um sie auf dem Schlitten, als mächtige Keile verarbeitet, dem Schiffskörper anzupassen), ließ ich bis zum Flusse gelegentlich durchbringen, mit der Weisung, dabei gleicherzeit den Weg so viel als möglich bei kleineren Schluchten zu ebnen.
Es wurde immer so eingerichtet, daß die Leute bis zum Abend zurückkehren konnten, dennoch fanden diese auf solchen Transporten noch Zeit, gelegentlich mit den ihnen zum Schutze beigegebenen Waffen auf eigene Faust im Busch und Wald umher zu pürschen und kamen manchmal mit der Nachricht im Lager an, da und dort auf saftigem Weideplatz stehe eine Heerde Busch- oder Wasserböcke; sonst war ihre Beute nur ein Vorder- oder Hinterviertel von einer in der Nacht vorher vom Löwen oder Panther zerrissenen Antilope. Solche aufgefundenen Ueberreste, welche das Raubthier sich für eine spätere Mahlzeit aufgespart hatte, waren mehrmals[S. 318] so frisch und gut, daß wir uns insgesammt das Fleisch schmecken ließen, selbst die starken Knochen wurden von den Leuten ihres Markes wegen zerschlagen und ausgekocht.
Ebenso pfiffig waren die Atonga beim Fischfang. Leider etwas spät erfuhren wir von einigen Wangoni, daß der kleine Fluß weiter unterhalb sehr fischreiche Bassins habe, was denn auch nach Möglichkeit ausgenutzt wurde; die Atonga, als geborene Fischer, machten sich diesen Umstand in der Weise zu Nutze, wie ich es in einem früheren Kapitel, gelegentlich meiner Rückkehr vom Nyassa-See, beschrieben habe, sodaß wir fortan fast täglich große schöne Fische zur Verfügung hatten.
Eigenartig und reizvoll, trotz der Entbehrungen und Gefahren ist doch solch Urwaldleben in dieser freien und ungebundenen Natur, es gestattet einem viele Einblicke zu thun in das geheimnißvolle Leben und Weben, auch der kleinsten und größten Geschöpfe und wie flüchtig man auch darüber hinsieht, so fordert doch der vor Augen liegende Kampf um das Dasein, den selbst die kleinsten Lebewesen um ihre Existenz zu unternehmen gezwungen werden, zum Nachdenken auf. Wie viel mehr würde der ernste Forscher hier finden, der gewohnt ist, mit klarem Verständniß in die Tiefen der Natur einzudringen, und auch das Kleinste nicht unbeachtet läßt, so weit Menschenwissen eben dringen darf und dazu befähigt ist! Der Reichthum der Fauna ist hier ein übergroßer — ein solches Leben in so reicher Vielfältigkeit zu betrachten, ist für den denkenden Menschen schon ein Leben in der freien ungestörten Gottesnatur werth — die Natur in ihrem Wirken und Streben betrachten zu können, wiegt allein schon die Einsamkeit und das Entbehren auf. Wundervoll und unfaßbar sind die Werke des allmächtigen Schöpfers, der mit gleicher Liebe auch das Kleinste und uns Unscheinbarste umfaßt! —
War auch das Leben im Urwald besonders durch die Vielfältigkeit der Fauna recht anregend, so trugen die Atonga, die immer lustig und zufrieden, solange nur ihren leiblichen Bedürfnissen Rechnung getragen und sie gut behandelt wurden, auch das Ihre dazu bei, die Einsamkeit zu beleben. Beim Abgang mit schwer beladenen Wagen oder bei ihrer Rückkehr, stimmten sie stets den Nationalgesang ihres Stammes an; wollte es aber mal nicht recht vorwärts gehen, begeisterten sie sich durch ihre Kriegsgesänge und weithin hallte der Wald wider, wenn sie ihr »ho, ho, Atonga« erschallen ließen. Diese Atonga, wie schon mehrfach erwähnt, waren mir die liebsten Arbeiter; man kann ihnen gewisse Intelligenz nicht absprechen, und schon durch ihr Wesen und Auftreten stellen sie sich über alle anderen Stämme mit denen ich im Innern Afrikas bekannt geworden bin. Persönlichen Muth freilich haben sie in einigen Fällen gerade nicht gezeigt, indes wie ich sie später in ihrer Heimath am Nyassa-See kennen gelernt habe, sind sie dem[S. 319] mit gleichen Waffen kämpfenden Gegner immer überlegen, und unbesiegt bisher, gaben sie noch niemals Fersengeld. Es ist ein schöner Menschenschlag, mit regelmäßigen Gesichtszügen; sie stechen gegen andere Stämme auffallend ab, obgleich auch unter ihnen viele Mißarten vorkommen, da viele die sich Atonga nennen, namentlich in der Gesichtsbildung eine andere Abstammung vermuthen lassen, was auf die Unsitte der Sklavenhaltung naturgemäß zurückzuführen ist.
Nur passionirte Schnupfer, sind die Atonga keine starken Raucher; gelegentlich nur am Feuer, wo sie meist immer eine animirte Unterhaltung pflegen, kreist die Pfeife, d. h. ein Stückchen Rohr oder ein abgekörnter Maiskolben, dessen Herz mit einem Stäbchen Holz ausgestochen und mit Tabak gefüllt wird, dient als Pfeife, die dann von Hand zu Hand geht und aus der jeder ein paar kräftige Züge thut. An ihren Schnupftabaksdosen, die meistens aus Bambusrohr gefertigt und mit Schnitzereien versehen sind, kann man einen gewissen Schönheitssinn auch erkennen. Der glückliche Besitzer einer Dose aber hat auch, so weit ich beobachten konnte, die Verpflichtung, dieselbe mit dem starken Reizmittel zu versehen, das er gewissenhaft in der Ruhepause austheilt. Mit Vorliebe aber benutzten sie auch dazu unsere abgeschossenen Metallpatronen; sie waren dadurch des geduldigen Wartens überhoben und konnten eine frische Priese sich leisten, wann immer es ihnen beliebte.
In rastloser Arbeit waren nahezu 3 Wochen hingegangen und nur das letzte Auftrennen zweier 28 Fuß langer Balken hielt mich noch zurück, da ich nicht zum zweiten Male so mühsam hergestellte Hölzer ruiniren lassen wollte. Als aber auch dieses Werk beendet war, nahm ich Abschied von der Stätte, wohin mein Fuß nie wieder zurückkehren sollte; der letzte wilde Gesang der Atonga, die unter den Wipfeln uralter Bäume noch ihren Kriegstanz aufführten, hallte durch die Stille des Waldes, wo fortan Axt und Hammerschlag verklungen waren. So schwer es aber auch alles gewesen, es hat doch einen eigenen Reiz, in dieser Einsamkeit zu leben, die Natur in ihrer wilden Schönheit zu beobachten und das Bewußtsein, fern aller zivilisirten Stätten, in einem jungfräulichen Urwald zu streifen, wo kaum je eines Menschen Fuß gewesen, lockt zu einem weiteren Forschen, auch die Jahrhunderte alten Riesen des Urwaldes zu schlagen und mit donnerndem Krachen stürzen zu sehen, gefällt von schwacher Menschenhand, ist auch eine eigene Lust. —
Welchen Kontrast bilden doch die stolzen Paläste der Heimath und aller Comfort gegen die elende Grashütte im Urwald und gegen die Entbehrungen und Gefahren! — Unsere Hütten werden noch eine zeitlang den wandernden Wangoni eine Rast- und Zufluchtstätte bieten, bis sie zerfallen; bald werden die gewaltigen[S. 320] Gänge und Wege, die wir gehauen, von sprießendem Gras und Strauch verdeckt und unkenntlich werden, und wo deutscher Fleiß rastlos geschafft, um ein großes Werk zu fördern, rastet wieder des Waldes und der Thiere König, wenn er sein weites Gebiet, Beute jagend, durchzieht. — —
Unbehindert noch durch andere Arbeiten, da das Nieten am Schiff noch nicht ganz beendet war, begann ich den Transport der an dem ersten Abhang lagernden Balken und nachdem die Kronen der Abhänge etwas geebnet waren, wodurch der Steilheit derselben ein wenig abgeholfen wurde und auch das dichte Gebüsch für den Fahrweg niedergehauen war, konnte der erste Versuch gewagt werden. Der Balken wurde auf die Achse des Wagens so festgebunden, daß er mit seinem Hauptgewicht am Boden schleifen mußte, dann zwei gewandte, flinke Leute an die Deichsel postirt, die ein Ablenken verhindern sollten, fuhr der Wagen in wilder Hast in die Tiefe; wurde jedoch durch die Steilheit des Weges die Schwere des Balkens hinten aufgehoben, lief der Wagen mit solcher Gewalt in das dichte Gebüsch, daß es viel Mühe machte, ihn wieder herauszubringen. Tiefe Gräben auf unserem Wege wurden meistens in vollem Laufe genommen; es zogen oft dreißig Mann, um den Wagen nicht zum Stillstand kommen zu lassen. So ging alles gut, und nur der Durchzug durch das Flußbett, das Hinaufschaffen der steilen sandigen Ufer hinan, wohinein die Räder bis an die Achsen versanken, erforderte ungemein viel Arbeit, selbst 50 Mann schleppten den Wagen nicht hindurch, und erst auf herbeigeschaffte Planken war es möglich, die schweren Lasten durch- und hinaufzubringen.
Eine beträchtliche Zeit, bis zum Anfang Juni, erforderte es, diese Arbeit zu vollenden und mit den verfügbaren Kräften die Hölzer über den Schirefluß und zur Werft zu schaffen. Hier nun wurden die Balken und Bohlen von allen Handwerkern, die irgend ein Verständniß dafür zeigten, bearbeitet und beputzt; darauf legte ich, gut und fest im Erdboden versichert, die Bahn, auf welcher mittelst des Schlittens das Schiff zu Wasser laufen sollte. Nichts was irgendwie zur Sicherheit dienen konnte, unterließ ich, mit eisernen Bolzen, Schienen und Klammer wurde alles so in sich, namentlich der Schlitten verbunden, daß nach menschlicher Berechnung ein Nichtgelingen unmöglich schien. Und doch, nicht an dem Gelingen des Werkes, welches ich vor Augen hatte, zweifelte ich, vielmehr erfüllte mich ein Umstand mit geheimer Sorge, gegen[S. 321] den ich völlig machtlos war. Ich hatte nämlich lange vorher, bald nachdem der Fluß wieder auf sein gewöhnliches Niveau zurückgegangen war, durch Auspeilen gefunden, daß sich langsam zwar, aber doch beständig, gerade vor der Werft eine Sandbank zu bilden beginne, die während dreier Monate die Tiefe von 12 Fuß bis auf 9 bereits vermindert hatte. Es war deshalb beim Stapellauf zu befürchten, der Hintersteven des Schiffes könnte sich eventuell festlaufen, bevor dieses soweit von der Schlipp abgeglitten, daß das Wasser es hinten hochheben konnte; somit halb im Wasser, halb auf Land in eine schwierige Lage gerathen mußte. Auch konnte die Schlipp nur bis zum Wasser gelegt werden und nicht wie üblich, in dasselbe noch hinein, da gleich am Ufer eine beträchtliche Tiefe dies nicht gestattete. Ebenso konnte, wenn wirklich wider Erwarten etwas verkehrt gehen sollte, auch der starke Strom, der den Schiffskörper sofort abdrängen mußte, recht bedenkliche Folgen haben.
Allein nur mit dieser voraussichtlichen Gefahr bekannt, von deren Vorhandensein Niemand sonst eine Ahnung hatte, überdachte ich in manchen schlaflosen Stunden, wie dem Uebelstand abzuhelfen sei. Wohl gab es Mittel, aber solche hatte ich nicht zur Hand; so mußte ich es denn eben auf gut Glück ankommen lassen, mehr als gethan worden war, konnte nicht geschehen. Am Sonnabend den 10. Juni 1893 war alles vorbereitet, sodaß das Schiff nur auf der seitlichen Keilklotzung des Schlittens ruhte; von dem Gerüst und Stützen befreit, war es fertig zum Stapellauf. Wohl wäre es angängig gewesen, in den späteren Nachmittagsstunden dieses Tages das Schiff noch laufen zu lassen, allein ich widerstand der Versuchung und geduldete mich, beherzigend, daß der Wahrspruch: procautia mater sapientiae est (Vorsicht ist die Mutter der Weisheit) sicherer ist, als eine unzeitige Ueberhastung; ein kleines Versehen nur konnte hierbei schlimme Folgen haben.
Der 12. Juni also wurde für den Stapellauf des »Hermann Wißmann« festgesetzt, und würdig einer solchen Feier, die den ersten Abschluß für ein deutsch-nationales Werk bilden würde, woran eine kleine Zahl Männer ihr ganzes Können und Wollen gesetzt, sollte auch die Umgebung dieser entsprechen. Zum letzten Male sandte ich die Atonga hinaus in die Berge, mit der Weisung, hoch in den Schluchten und Thälern des Schiregebirges das längste Bambusrohr zu schlagen, welches zu finden sei. Zweierlei Zweck war damit verbunden, erstens sollten die über 30 Fuß langen Stangen vorerst als Flaggenstangen, dann aber zum Staken dienen, um, wo nöthig, mittelst diesen das Schiff bei der Ueberführung zum Nyassa-See gegen den Strom den Schire hinauf vorwärts bringen zu können.
Der Morgen des 12. Juni tagte. Ein viel regeres Leben als sonst entfaltete sich auf Werft, wollte doch keiner fern bleiben[S. 322] und sich ein Schauspiel entgehen lassen, wie solches hier nie zuvor gesehen worden war. Was die Umgegend an Eingebornen aufweisen konnte, war am Ufer des Flusses oder an der Umzäunung der Werft zu Haufen versammelt. Schon die Aufrichtung der vielen Flaggenstangen, an denen die bunten Signalwimpel wehten, die Ansammlung aller in Mpimbi anwesenden Europäer, erregte die Neugierde der Bevölkerung auch ohne daß sie gewußt hätte, welcher Vorgang sich hier in Kürze abspielen sollte.
Die letzte Inspizirung war beendet, jede Klammer nachgetrieben, die Bahn mit grüner Seife und Talg gut geschmiert, unsere starken Daumkräfte zum sofortigen Gebrauch fest am Schlitten angesetzt, konnte in Gegenwart aller Europäer, Deutsche wie Engländer, zum Taufakt, den Herr von Eltz als Vertreter des Majors von Wißmann vornehmen wollte, geschritten werden. »Zur Ehre des deutschen Namens führe stolzes Schiff allezeit in Ehren die deutsche Flagge auf den Fluthen des Nyassa-Sees, sei es im Krieg, sei es im Frieden, zeige dich würdig des Namens, den du trägst immerdar — fahre hin in dein Element« — und schallend zerschellte am Bug die Champagnerflasche, ein edles schäumendes Naß netzte die Stahlplatten, die später in manchem wilden Sturm durch die aufgeregten Wogen des gewaltigen Sees sich Bahn brechen sollten.
Die Fallreep aufenternd, gefolgt nur von wenigen Atonga, die den Anker zu bedienen hatten, gab ich den Befehl zum Laufen — rasselnd fielen die Ketten, die das Schiff gehalten, zitternd rückte es durch den schweren Körper, als die starken Schrauben angedreht wurden und langsam, wie wenn es sich zum Anlauf rüsten wollte, glitt es wenige Fuß auf der glatten Bahn herunter, aber ehe es im Laufen kam, scholl mein Kommando »hol Atonga« und an beiden Seiten legten sich wohl 50 Mann mit aller Kraft in die am Schlitten befestigten Taue. Schnell und schneller die steile Bahn hinab, das Heck tief in das aufschäumende Element drückend, das brausend um die Seiten des Schiffes aufwallte, glitt der »Hermann v. Wißmann« hinab, umbraust von dem Hurrah viel hunderter Kehlen. Rasselnd fiel der Anker in die Tiefe und auf den Strom schwingend, lag das Schiff nahe dem Ufer vor seinem ersten festen Halt.
Der kritische Moment bei dieser rapiden Fahrt abwärts war, als der Hintersteven des Schiffes im Sande der angeschwemmten Bank sich durchwühlte, mehr noch, als der mit Ketten am Schiffe aufgefangene Schlitten den Grund berührte und mit Krachen die Ketten entzwei sprangen. Aber zu gewaltig war der Andrang des schweren Körpers, um durch diesen Widerstand aufgehalten werden zu können; nur so viel geschah, die schwere am Grunde liegende Holzmasse hemmte den starken Rücklauf des Schiffes und brachte es, mit dem Vordersteven keine 15 Fuß vom Ufer entfernt, zum Stehen,[S. 323] der Anker fiel zwischen die Hölzer des gesunkenen Schlittens, sonst, von den schweren Hölzern befreit, hätte das Schiff weit in den Fluß hinein laufen müssen.
Sekunden nur waren es, doch dünkten mir solche lang, und erst mein Kommando, »fallen Anker« löste die spannnende Erwartung! In diesem Augenblick, als der Stapellauf nun so glücklich beendet war, wollte mir alles Kommende nichtig und gering erscheinen gegenüber dem was hinter mir lag, was auch die Zukunft bringen mochte an Mühen und Arbeit, die Krönung des Werkes sah ich mit diesem glücklichen Ausgang als vollendet an. — —
Schon bald nach dem Osterfeste hatten die Engländer, mit aller Kraft den Bau ihrer kleinen Schiffe fördernd, mit der Aufstellung des Flußdampfers »Dove« begonnen, der auch zu dieser Zeit soweit fertiggestellt worden war, daß die Probefahrt abgehalten werden konnte; der Bau eines ihrer Kanonenboote war auf unserer Leichterwerft erst soweit vorgeschritten, daß sie uns nicht gut mehr überholen würden, obgleich ihre Arbeiten im Vergleich zu unseren eine Kleinigkeit genannt werden konnte.
Die nicht zur Ausführung gekommene Absicht des Majors von Wißmann, sein Schiff, am Tanganjika-See zu erbauen, ließ dem Leiter des englischen Unternehmens, Kapt. Robertson, nun seinerseits den Entschluß fassen, mit dem zweiten Kanonenboote dieses Projekt zur Ausführung zu bringen, welches, wenn es vonseiten der englischen Regierung genehmigt worden wäre, für die an diesem See längst eröffneten Handelsbeziehungen Englands ein starker Stützpunkt sein mußte, und der zu dieser Zeit schon stark in Vorbereitung befindliche Plan, den englischen Einfluß in der Längsaxe Afrikas zu entfalten, würde durch die Stationirung eines solchen Machtobjekts auf dem Tanganjika-See nur gefördert worden sein. Aber aus politischen Gründen wohl wurde die Ausführung dieses Planes vereitelt und es mußte auch das zweite Fahrzeug in Mpimbi erbaut werden.
Die Beziehungen zu einander, welche von Eltz und Kapitän Robertson verbanden, waren überaus herzliche, und schon in Anbetracht unserer den Engländern so vielfach geleisteten Dienste, war es wohl kein zu großes Entgegenkommen, wenn, um uns viel Zeit und Arbeit zu sparen, der Raddampfer »Dove« unser Schiff bis nach Fort Johnston schleppte. Zur Abfahrt wurde der 14. Juni festgesetzt; die Zwischenzeit aber benutzen wir, um mit vieler Mühe den auf Grund liegenden Schlitten wieder herauszuholen, weniger des Holzes, das immerhin gewissen Werth besaß, als der eisernen Bolzen und Klammern wegen, die verwendet worden waren; denn der Werth dieses Metalles wächst je weniger davon vorhanden ist. Unsere beiden Dampfkessel, der eine noch nicht ganz vollendet, mußten, da sie durch ihre Schwere das Schiff zu sehr belasten würden, zurückbleiben und sollten von dem kurz vor dem Stapellauf[S. 324] noch Port Maguire abgegangenen Leichter später nach Fort Johnston, wo deren Einsetzen stattfinden sollte, übergeführt werden.
Wesentlich nur leichte Sachen, als vorräthig gebrannte Kohlen etc. wurden an Bord genommen. Ich war mehr darauf bedacht das leere Schiff, das hinten 3 Fuß 4 Zoll, vorne 2 Fuß Tiefgang hatte, auf ebenen Kiel zu bringen, und erreichte dieses auch, weniger durch Anhäufen vorläufig unnöthiger Gegenstände, als durch eine Anzahl Leute, diese waren wenigstens eine nach Willkür bewegliche Masse, und auch nöthig, weil wir über die Stromschnellen nicht mit leichter Mühe würden hinwegkommen können.
Die Fahrt flußaufwärts, dank des geringen Tiefgangs unseres Schiffes, ging gut von Statten, erst die Stromschnelle bei Perisi wurde ein Hinderniß über das hinweg wir nach schwerer Arbeit das leere Schiff zu schaffen vermochten; wieder in tiefes Wasser gelangt, war die Kraft der »Dove« nicht ausreichend, den wirbelnden Strom der nächsten Stromschnelle zu überwinden, und von den Strudeln gefaßt, wurden beide Schiffe auf die Sandbänke geworfen. Mit Warp- und Buganker die Schiffe wieder abgeholt, erforderte es am nächsten Morgen die äußerste Anstrengung mit Dampf und Menschenkraft vorwärts zu kommen, namentlich lag beim Mißglücken die Gefahr vor, auf die unter Wasser liegenden Felsblöcke getrieben zu werden, und um nicht Gewonnenes zu verlieren, mußten mittelst Anker und langen Leinen die gefährlichsten Stellen passirt werden.
An Lionde vorbei, das von den einst an beiden Ufern des Flußes liegenden großen Dörfern, nichts mehr aufwies, als nur zerstreute Hütten, mitten darin die beiden englischen Forts, bot dieses nur den Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Ungehindert, da auch der Wind zu unseren Gunsten war, erreichten wir Werra. Am dritten Tage aber im Malombwe-See, führte Kapitän Robertson, meinend, es müsse eine gerade Durchfahrt geben, sein Schiff so in den Schlick hinein, daß es Stunden währte, bis der flachgehende Dampfer wieder frei war, unser Schiff aber mußte rückwärts aus der zähen Masse geschleppt werden. Am Nordende des Sees, wo wir einst, durch die vorgelagerten Sandbänke behindert, mit den Booten der Vorexpedition viel Scherereien gehabt hatten, gelang die Durchfahrt besser, als ich gedacht. Als wir aber den Schirefluß wieder erreicht hatten, gaben die Engländer aus Mangel an Feuerholz es auf, uns weiter zu schleppen, und den ganzen vierten Tag gebrauchte ich mit unsern langen Bambusstangen das Schiff bis in die Nähe von Fort Johnston zu bringen.
Weit unterhalb des Forts, an sumpfigen Wiesen hatten wir eine Anlegestelle angewiesen erhalten, und meine erste Arbeit war es neben der Herstellung eines Dammes, für Europäer und Schwarze eine Unterkunft am Lande zu beschaffen. Aber wie schon früher[S. 325] erwähnt, war es nicht rathsam sich aus dem Bereich des Fort zu entfernen, da die feindlich gesinnte Bevölkerung in den nicht allzufernen Bergen Gelegenheit suchte und fand kleinere Trupps zu zerstreuen und abzufangen. Holz in der weiten Umgegend war nicht erhältlich, so war ich gezwungen unsern Bedarf vom Fuße der Berge holen zu lassen und die zu diesem Zwecke ausziehenden Leute zu bewaffnen oder denselben zum Schutz eine starke Eskorte mitzugeben. Als der Damm dann auf sumpfigen Wiesengrund fertiggestellt worden war, wurde es noch nöthig, auch für den aus unsern Masten später aufzurichtenden Bock, mit dem die schweren Dampfkessel eingesetzt werden sollen, festen Halt und Untergrund zu schaffen, mußte doch diese schwere Arbeit hier vorgenommen werden, weil das Seeufer bei unserer Station zu flach war. Schon waren etwa 14 Tage verflossen und noch immer nicht war der Leichter, der zunächst die Kessel und Schiffsmasten bringen sollte, eingetroffen. Sonst brauchte Brückner von Mpimbi bis zum See nur 7 bis 8 Tage und jetzt mußte der heftig wehende Süd-Ost-Passat um so mehr die Reise fördern, als er auf der ganzen Strecke fast den Gebrauch der Segel gestattete. Um so auffälliger war es, daß der Leichter, längst nun fällig, nicht ankam, statt dessen aber traf Ottlich mit einigen Leuten am 16. Tage ein und brachte die Nachricht, das Fahrzeug sei vorne im Malombwe-See festgerathen, aber schon, als er mit einem vorüberfahrenden Boote seine Kameraden verlassen habe, hätten sie es frei gehabt, in spätestens zwei Tagen müßten sie ankommen. Die Zeit aber verrann und kein Leichter kam — am zwanzigsten Tage von Besorgniß nun erfüllt, daß irgend etwas passirt sein mußte, da auch in den letzten Tagen ein äußerst stürmischer Wind geweht hatte, machte ich mich mit unseren Booten auf und fuhr zum Malombwe-See. In heißer Mittagsgluth, um welcher Zeit ich den See erreichte, brütete eine Dunstmasse über die weite spiegelglatte Fläche, und daher konnte ich, so weit ich auch mit scharfen Gläsern die sichtbaren Ufer absuchte, nichts entdecken. Am späten Nachmittag nach Fort Johnston zurückgekehrt, beschloß ich, mit genügend Proviant versehen, am nächsten Morgen, wenn es nothwendig werden sollte, selbst bis zur Station Werra zurückzufahren, um dort Erkundigungen einzuziehen, denn nun hegte ich nur noch wenig Hoffnung, das Fahrzeug unversehrt auffinden zu können. Desto überraschender war es für mich, am nächsten Tage — noch hatte ich nicht den Malombwe-See erreicht — den Leichter vom starken Winde getrieben, herankommen zu sehen und auf demselben alles in guter Ordnung und alle wohl und munter zu finden.
Als Grund der Verzögerung und des langen Ausbleibens erfuhr ich nun Folgendes: Nochmals inmitten des Sees festgekommen, hatte die Besatzung mit hereinbrechender Nacht die Versuche, das Fahrzeug wieder aus dem Schlick herauszubringen, aufgeben[S. 326] müssen; eine Sturmböe von langer Dauer habe den Leichter dann in der Dunkelheit abgetrieben und, machtlos gegen die Gewalt des Windes, wären sie immer weiter, dem südöstlichen Ufer zu, fortgedrängt worden und hätten am nächsten Morgen nicht mehr gewußt, wo sie sich eigentlich befanden. Nun, gänzlich vom Schlammmeer umgeben, war selbst der starke günstige Wind nicht im Stande, den Leichter fortzubringen, und was das Schlimmste, auf solche unliebsame Verzögerung nicht rechnend, wäre ihnen der schon knappe Proviant ausgegangen. Um nun die beträchtliche Zahl der Soldaten und der Besatzung bei Kräften zu erhalten, hatten sie sich aus den Schiffsmasten, den Deckplanken etc. ein Floß herstellen müssen und damit versucht, das nicht allzuferne Land zu erreichen. Nach gelungener Landung sei dann eine Zahl Bewaffneter aufgebrochen und habe, von der Noth getrieben, in der weiten Wildniß nach menschlichen Wohnstätten gesucht, und in einem am Fuß der östlichen Berge aufgefundenen Dorfe zum Glück reichlichen Proviant aufkaufen können.
Nach der Rückkehr der Ausgesandten hatten sie dann soviel Lasten als das Floß zu tragen fähig gewesen auf dieses geschafft, um ihr Fahrzeug zu erleichtern, und am Abend vorher erst, nach vieler Mühe, sei es gelungen, tiefes Wasser aufzufinden; dann die Nacht hindurch, mit günstigem Winde segelnd, hätten sie alles daran gesetzt, um nur vorwärts zu kommen. Zufrieden, daß meine Besorgniß, der Leichter könne mit seiner werthvollen Ladung eventuell verloren gegangen sein, unbegründet gewesen war, sandte ich sofort nach unserer Ankunft einen Eilboten zum Lager, der die Anzeige zu machen hatte, der Leichter sei angekommen, denn dessen langes Ausbleiben hatte auch dort bei allen schon Besorgniß erregt.
Die Aufrichtung und Auftakelung des aus den beiden Masten hergestellten Bockes, mit dem die schweren Kessel nun eingesetzt werden sollten, erforderte große Umsicht, da an diesem ein Gewicht von über 80 Centner mit starken Flaschenzügen (Taljen) hochgezogen und in das Schiff niedergeführt werden mußte. In nahezu senkrechter Stellung mußte dem Bock ein starker Stützpunkt vom Lande aus gegeben werden und, da nichts in der Nähe war, woran die Drahttaue befestigt werden konnten, sah ich mich genöthigt, den gewünschten Halt durch einen vergrabenen Anker herzustellen. Da das Schiff nicht nahe genug an das Ufer heranzubringen war, mußte ich, wenn erst ein Kessel aufgehißt sein würde, dem Bocke eine beträchtliche Neigung geben können, wodurch aber auch eine sehr straffe Anspannung der nach dem Lande führenden Taue verursacht wurde, und es lag die Gefahr vor, der Anker könne in dem losen Wellsand, der hinter dem sumpfigen Uferstreifen angehäuft lag, nachgeben. Dies zu verhüten, ließ ich so tief graben, bis fester Grund gefunden war und hier durch Einrammen von Pfählen eine Art Verhau herstellen, hinter welchem der schwerste Buganker einen starken Halt finden konnte.
[S. 327]
Mit großer Vorsicht und dem vorhandenen Material, wie ich solches seinerzeit zu diesem besonderen Zweck beordert hatte, wurde die Arbeit beendet; das Einsetzen der Kessel begann und war nach zwei Tagen, verzögert nur durch die ungünstige Lage des Schiffes, glücklich, ohne besondere Zwischenfälle, ausgeführt.
Donnerstag, den 6. Juli, nachdem unser kleines Lager bei Fort Johnston aufgegeben war, brach ich ganz früh mit dem Schiffe auf, um es zum Südufer des Nyassa-Sees, nach unserer Station Port Maguire überzuführen. Das Fort passirt, streckte sich zur Rechten das mächtige Dorf Mponda längs dem hier höher gelegenen Ufer aus, zur Linken hingegen nur sumpfige Niederung mit Schilf, Busch und Rohr bestanden, die landeinwärts bis zum Fuße der Berge zu einem mächtigen Dickicht überging über das hinweg nur zahlreiche Fächerpalmen ihre stolzen Kronen in den Lüften wiegten. Bald lag die letzte Krümmung des Schire hinter uns, und noch ehe wir die Barre erreicht, öffnete sich schon ein Ausblick auf den See. Ein Bild voll Schönheit und Eigenart lag vor unseren Augen ausgebreitet; erhebend wirkte die weite, nach Norden zu unbegrenzte Wasserfläche. Als sähe man den Spiegel eines gewaltigen Meerbusens im Sonnenglanz und tiefster Ruhe vor sich liegen, eingefaßt von gewaltigen Bergmassen, die in weiter Ferne verschwindend, wie Inseln auf den Fluthen des Sees erschienen. So weit das Auge reicht, sieht man noch die Ufer an beiden Seiten; die hohen Bergketten, höher und höher anstrebend, treten scheinbar zurück, und am Horizont, wie Punkte verschwindend, scheint ein Meer ohne Grenzen ausgedehnt zu liegen.
Und in der That, hunderte englische Meilen weit erstreckt sich diese Wassermasse — den Wunsch, auf diesen Fluthen gewiegt unbekannten Fernen zuzustreben, erweckt der Anblick jener gewaltigen Bergformen, wie die Natur sie hier aufgebaut hat — unabsehbar verschmelzen Land und Wasser, und lassen ahnen, daß dieses terra incognita für uns noch Schönheiten aufzuweisen hat, die bei weitem das übertreffen, was hier vor unseren Augen ausgebreitet liegt.
Am Ausfluß des Sees fand ich die vorgelagerte Barre flach und schwer passirbar, daher mußten sämmtliche Leute in das Wasser, theils um das Schiff zu erleichtern, theils um es mit Leinen an aufgefundenen tieferen Stellen durchzubringen. Nach viel Mühen und stundenlanger Arbeit gelang auch dies, und darauf längs dem Seeufer hinziehend, erreichten wir am selben Tage die deutsche Station.
Unsere Station Port Maguire in 14° 24´ 26´´ S. Br. und 35° 23´ 30´´ Östl. Länge, dicht am Südufer des Sees gelegen, macht, wenn man die Verhältnisse, unter denen sie erbaut worden, in Betracht zieht, einen guten Eindruck; entschieden besser als das Fort der Engländer, Fort Johnston. Die nach Norden gelegene hohe Bastion, die tiefen Gräben, welche zum Schutz aufgeworfen[S. 328] und deren Ränder dichte Dorngebüsche einschließen, sowie der hohe künstlich aufgeführte Wachtthurm sind ganz imposant. Ein hoher breitästiger Tamarindenbaum mitten im Fort, in dessen Schatten Zelte und Hütten aufgebaut sind, trägt auch viel dazu bei, das Fort einladend zu machen. Ringsum, namentlich landeinwärts, ist der dichte Busch niedergehauen, selbst lange Wege in diesem gelichtet, um freie Aussicht zu haben. Da die Fächerpalme hier in bedeutenden Mengen vorhanden ist, deren schlanker astloser Stamm (eigentlich nur ein dichtes Zellengewebe, umgeben von harter Rinde) sich besonders zu den Bauten eignet, so wurden solche für die Bastionen so verwendet, daß Stamm an Stamm aufgerichtet einer Mauer glich, hinter welcher die Sandmassen angeschüttet und mit Dornhecken gekrönt wurden und selbst dem verwegensten Feinde das Eindringen verwehrt hätten; denn die scharfen Stacheln halten fest was sie gefaßt und zerreißen dem die Haut der hindurchzudringen wagt, wofür die nackten Eingeborenen natürlicherweise berechtigte Scheu haben.
Es sollen nach Aussage, als Doktor Röver dieses Fort anzulegen begann, anfänglich von den feindlich gesinnten Bergbewohnern, mehrere Versuche unternommen worden sein, den Anbau hier zu verhindern. In größeren Trupps zum Angriff vorgegangen, gelang es ihnen auch, einige der angeworbenen Arbeiter abzufangen, natürlich um solche armen Teufel als Sklaven zu verkaufen; sonst aber war die anwesende Militairmacht stark genug sie immer zurückzuschlagen, bis sie durch Verluste klug gemacht weitere Belästigungen aufgaben und sich in ihre Gebirgsheimath zurückzogen, wohin ihnen zu folgen bis jetzt noch kein Europäer gewagt hat und vorzudringen vermochte. Es wäre auch wohl nicht rathsam gewesen, ohne eine starke Macht hinter sich zu haben, die kriegerischen Stämme anzugreifen. Die Engländer nach der Besitzergreifung dieses weiten Gebiets haben es unternommen, sind aber gründlich mit Verlust von einem Geschütz und Waffen zurückgeschlagen worden; selbst einige Europäer sind zeitweilig gefallen und seither alle weiteren Versuche, die Gebirgsstämme unter Botmäßigkeit zu stellen, aufgegeben worden, wenigstens so lange, bis die Engländer kräftig genug sein werden, die Feinde zu Paaren zu treiben und ihre Macht zu brechen. Für jetzt ist Fort Johnston der einzige Stützpunkt, über dessen Umkreis hinaus die englische Macht aber illusorisch.
Zur Sicherheit, solange die Besatzung noch schwach war, hielt Dr. Röver seine kleine Macht im Fort, um aber in dieser entlegenen wilden Gegend nicht gänzlich des Amüsements zu entbehren, hatte er und Herr Franke sich mit einheimischen Hausthieren umgeben, als Hühner, Ziegen, Tauben und Hunden, sowie verschiedene Arten zahmer Affen. Alle diese Thiere im Fort in Freiheit gesetzt, waren es die Affen, die immer die unglaublichsten[S. 329] Dinge ausführten, und durch ihre Possirlichkeiten eine ganze Gesellschaft unterhalten konnten. Spielten die Hunde zusammen, waren auch bald die Affen dazwischen, sie entrissen flink und gewand, diesen ihre Spielsachen, als Stücke Zeug oder Papier, um dann damit von den Hunden verfolgt, auf einen erhöhten Gegenstand zu springen, wohin diese ihnen nicht folgen konnten. Aus dem Bereich der bellenden Hunde gekommen, kehrten die Affen diesen ihr Hintertheil zu und kratzten sich, sprangen aber sofort, sobald die Hunde sich abwandten, auf deren Rücken und die Balgerei ging von Neuem los; lief einer der Hunde, hing sich ein Affe an dessen Schwanz und ließ sich mitschleppen, bis der Hund wüthend gemacht den Affen zu fassen versuchte, aber gewand sprang dieser über und unter dem Hunde und spottete dessen Bemühen.
Wollten die Hunde sich nicht zum Spielball der unbegreiflichen Affenlaunen hergeben, begnügten die Affen sich mit den Hühnern; ganz leise heranschleichend, faßten sie die Schwanzfedern derselben und ließen sie erst los, wenn die Hühner Zeter schrien. Auch die Tauben, die auf dem Baume nisteten und sich gerne zwischen den Hühnern aufhielten, verschonten sie nicht.
Aber nicht genug damit, war niemand in der Nähe, holten die Affen sich von unserm im Freien unter dem Baume aufgeschlagenem Tische alles mögliche herab oder rissen gar das Tischtuch sammt allem was darauf war in den Sand. Wurden kleine Flaschen, Saucen, oder Pickels vermißt, konnten wir sicher sein, daß einer der Affen diese irgend wohin verschleppt hatte. Unangenehmer aber noch war es, wenn es einem der Affen einfiel in einem Zelt oder Behausung Unordnung zu schaffen; nichts war vor ihrer Neugierde sicher, und hatte ein Affe Zeit und Muße gehabt, sich mit den Habseligkeiten eines Europäers vertraut zu machen, dann ade Gemüthlichkeit, der Betroffene war zum Mindesten fuchswild und schwor dem Uebelthäter das Genick zu brechen, wenn er ihn nur hätte bekommen können!
Höchst possirlich und zum Lachen reizend, waren die Vorstellungen, häufig aber doch die Dreistigkeit der Affen lästig, stand z. B. jemand vom Stuhle auf, so lag derselbe entweder im nächsten Moment umgeworfen im Sande oder der Sitz der Feldstühle war verzerrt. An Strafen und Greifen war kaum zu denken, die Thiere sind zu gewand und schnell, sie lesen auch im Auge des Menschen was dieser für Absicht hat; kein Schmeicheln, kein Locken hilft, sobald der Affe etwas merkt, was ihm nicht geheuer scheint, und keinem gelang es, eines der Thiere zu fassen, wenn die Absicht vorlag, für ausgeführte Streiche ihnen das Fell zu gerben.
Die Arbeiten am Schiffe wurden nach der Ueberführung sogleich wieder aufgenommen und sobald die Aufrichtung der Verschanzung beendet war, konnte ich mit dem Einlegen des Decks[S. 330] beginnen, während Maschinenmeister Spenker mit seiner Kolonne ausschließlich die Maschine und Kessel montirte. Wochen harter rastloser Arbeit waren es, bis alles soweit vollendet, daß ich mit dem Einsetzen der Masten anfangen konnte, und ohne jegliche seemännische Unterstützung auch die Auftakelung beendete, wobei nur ein ehemaliger schwarzer Matrose mir nennenswerthe Hilfe zu leisten im Stande war.
Der Auf- und Ausbau der Kajüten, die vielen hundert Theile, die zur Ausrüstung eines Schiffes gehören, dies alles an seinen Platz gebracht, nahm auch viel Zeit in Anspruch; doch einer Arbeit, das Abdichten des Deckes, wurden wir durch die Gefälligkeit von Kapitän Robertson, der seine schwarzen Zimmerleute uns zur Verfügung stellte, überhoben. Die Ausführung aller dieser Arbeiten nach Gebühr zu beurtheilen vermag nur ein Fachmann und kann ich es füglich unterlassen in Details näher einzugehen, da hier nicht mehr wie es in Mpimbi der Fall war, große Nebenarbeiten auszuführen waren, obwohl auch diese nicht minder Besonnenheit erforderten und an Mühen gewiß kein Mangel war. Die Temperatur während der Monate Juli, August am Lande glühend heiß, wurde auf dem See theils durch das Wasser, theils durch zeitweilig abwechselnde Winde in etwas abgekühlt, namentlich wenn die frische Brise von den Bergen herabwehte. Aber auch sehr heftige Böen, die plötzlich über die sonst ruhige Wasserfläche hinfegten, wirbelten die Fluthen auf und an Deck des Schiffes, wo die Feldschmieden in Thätigkeit waren, fegte der Wind die glühenden Holzkohlen herab und versetzten die nackten Arbeiter in nicht geringer Aufregung, sobald die heißen Kohlentheilchen ihnen auf der Haut brannten.
Die Luftströmung, (Passatwinde) die vom indischen Ocean herüberwehte, wurde hier schon durch die fast parallel laufenden hohen Gebirgszüge, die den großen Nyassa-See einfassen, abgedrängt und nahm schließlich eine Süd-Nord-Richtung an, so daß die zu Zeiten sehr heftigen Winde, längs dem ganzen See fegten und die Fluthen gleich Meereswogen aufwühlten. Seltener nur in dieser Zeit, wenn für ein oder zwei Tage heftiger Nord-Ostwind geweht hatte, trat gegen die Regel, nachts keine Stille ein, sondern der Wind sprang nach Norden über, der dann die Wassermassen gegen das südliche Ufer warf, und langrollende weißköpfige Wogen brausten heran. Hätte jemals der Nordwind solche Stärke erreicht wie aus süd- und nordöstlicher Richtung, alle unsere vom Ufer bis zum Fort errichteten Bauten würden unter Wasser gesetzt und vernichtet worden sein. Schon gegen die im Verhältniß doch nur schwachen Wellen waren wir nicht imstande unsere mit Mühe hergestellte Werft, die bis zum tieferen Wasser hinausgebaut worden war, zu schützen; in den drei eingetretenen Fällen wurde diese jedesmal theils ganz oder theilweise zerstört[S. 331] d. h. die Sandmassen zwischen den eingerammten Pfählen wurden weggewaschen. Gleich beim ersten Auftreten dieser ungewöhnlichen Winde, mußte das Schiff weiter vom Lande verankert werden, da es durch die Wellen gehoben, den Grund berührte.
Jedesmal beim Wechsel des Mondes, Voll- oder Neumond, traten in der Atmosphäre Veränderungen ein, und zwar wehte der Passatwind, der vorher von Windstillen unterbrochen gewesen, zu diesen Zeiten stets sehr heftig auf, oder wurde durch ebenso starken Gegenwind aufgehoben. Die Wissenschaft hat in Abrede gestellt, daß auf noch so großen Binnengewässern die Erscheinung von Ebbe und Fluth möglich sei, ich kann aber auf meinen Beobachtungen fußend, die positive Behauptung aufstellen, der Nyassa-See weist zu den angeführten Perioden Fluth und Ebbe auf! Die Fluthwelle stieg und fiel während 2 bis 3 Tagen regelmäßig, das Niveau des Sees am Südufer hob und senkte sich 6 Zoll in 12 Stunden, es trat die Fluth stets um 3/4 Stunden später ein, und zwar in dem Verhältniß später, als der Mond um diesen Zeitunterschied später im Zenith eintrat; nur das Auffallende war bei dieser Erscheinung, daß, wenn der Zeitpunkt des direkten Zusammenwirkens von Sonne und Mond gekommen, erst genau sechs Stunden später Hochwasser war, also eine Verspätung eintrat, die ihre Erklärung darin finden würde, daß die bekannte Einwirkung der Sonne und namentlich die des Mondes auf der Erdoberfläche, die Wassermassen des unergründeten Sees in der Mitte, wo derselbe die größte Breite hat, aufhielte und deren Zurückfluthen dann, namentlich am Südende, die Fluthwelle erzeugte, um wiederum nach Verlauf von 6 Stunden Ebbe eintreten zu lassen.
Ich war bei dem ersten beobachteten Auftreten dieser Erscheinung geneigt, den stark wehenden südlichen Winden solche Einwirkung zuzuschreiben, da diese naturgemäß die Wassermassen nordwärts treiben mußten und eine Zurückfluthung derselben erst nach eingetretener Windstille, also mit Sonnenuntergang, gestatteten. Längeres Beobachten aber, und nicht immer zu diesen Zeiten mitwirkende Winde zeigte, daß diese Vermuthung falsch war; und sofern noch nicht bekannte Ursachen diese auffällige Erscheinung einer Ebbe und Fluth hervorbringen, muß der Einwirkung der Sonne und des Mondes diese zugeschrieben werden, als sich schlechterdings keine andere Erklärung dafür finden läßt, so auffällig es auch ist und mit der Annahme, daß ein Binnengewässer von beschränkter Ausdehnung keine Flutherscheinungen haben kann, in Widerspruch steht. Einmal aufmerksam darauf geworden, sind von englischer Seite an verschiedenen Punkten die gleichen Beobachtungen gemacht und wenn später die englischen Kanonenboote wegen ungenügender Wassertiefe auf der Barre ein Einlaufen in den Schire unmöglich fanden, wurde der Eintritt des Voll- oder Neumondes abgewartet, dann machte die für zwei, selbst drei Tage[S. 332] zu bestimmter Zeit auftretende Fluthwelle erst ein Passiren möglich.
Wie sich übrigens bei der Beschreibung des Sees ergeben wird, zeigt dieser in seiner ursprünglichen Bildung sowohl, wie auch noch in seiner heutigen Beschaffenheit soviel Auffälliges, daß er jedem ernsten Beobachter zu tiefem Nachdenken Veranlassung geben muß.
Das Lagerleben, wie solches nur natürlich war, bot auf die Dauer herzlich wenig Abwechslung und jeder, dem eine ernste zweckmäßige Thätigkeit zugewiesen war, konnte sich glücklich schätzen; denn die Langeweile, ohne geistige Anregung, wie es hier der Fall, mußte zu einer Plage werden. Auch lag eine Beschränkung gewissermaßen darin, daß dem Jagdsport, es waren Elephantenspuren und Antilopen gesehen worden, nicht nachdrücklich gehuldigt werden konnte, da die feindlich gesinnte Bergbevölkerung dem einzelnen Jäger eine Annäherung zu den nicht fernen Wildständen unmöglich machte. Nur Sonntags, wenn das einzige Boot, das wir zur Verfügung hatten, frei war, konnten Jagdausflüge unternommen werden, wobei es einmal Herrn Wyneken gelang, ein mächtiges weibliches Flußpferd zu erlegen, das auch, wie gewöhnlich nach drei Stunden an die Wasseroberfläche gekommen, von den Leuten zur Station bugsirt wurde, und hier, als selbst mit langen Tauen der Fleischkoloß nicht aufgeschleppt werden konnte, sämmtliche Atonga und Soldaten bei Feuerschein und Laternen das Thier langsam strandaufwärts kugelten. Der Ueberfluß an Fleisch, das in Streifen geschnitten am Feuer oder in der glühenden Sonne getrocknet wurde, diente, trotzdem über hundertfünfzig Mann sich in das Thier getheilt, noch als Tauschartikel und die im Lager verkehrenden Mpondaleute schleppten mächtige Erdtöpfe voll Pombe, Mehl und andere Erzeugnisse heran, um sich gleichfalls an der selten gebotenen Delikatesse gütlich thun zu können.
Die Krokodile, die hier in den größten Exemplaren vertreten sind und niemals gestört werden, waren auf den fischreichen Gründen in beträchtlicher Zahl vorhanden, und zogen die Eingebornen mit ihren aus Baumbast gefertigten Netzen zum Fischen aus, mieden sie wohlweislich Stellen, wo die gepanzerten Unthiere zu vermuthen waren. Nie gejagt und verfolgt, waren diese Thiere anfänglich sehr dreist, erst als sie vom Schiffe aus mit heißem Blei recht unangenehme Bekanntschaft gemacht hatten, hielten sie sich von diesem und dem Ufer etwas fern.
Der See, der überhaupt an seinen Ufern äußerst fischreich ist, namentlich im Süden beherbergt er neben dem stark vertretenen Pelikan auch eine ganze Anzahl Fischreiherarten, ebenfalls bemerkten wir mehrmals am Ausfluß des Sees die äußerst vorsichtige Fischotter; es gelang, jede Thierart, wenn wir es ernstlich[S. 333] wollten, zu erlegen, nur das kostbare Fell dieser großen Otternart haben wir nie zu erlangen vermocht.
Gelegentlich habe ich früher erwähnt, daß unsere Soldatentruppe aus verschiedenen Völkerstämmen zusammengesetzt war unter denen in gewisser Beziehung eine strenge Absonderung sich bemerkbar machte, was namentlich in Bezug auf den Glauben, soweit bei einigen überhaupt von Religion die Rede sein kann, der Fall war. Abessinier als Christen, Egypter, Sudanesen und Somali als strenggläubige Mohamedaner, Suaheli auch zu solchen gerechnet, nur mit dem Unterschied, daß sie die Lehren ihres Propheten weniger streng beachteten und last not least Angehörige einiger Stämme Inner-Afrikas, die dem Ahnenkultus zugethan waren. Selbstverständlich mußten unter so verschiedenen Typen Gegensätze zu Tage treten, die nur durch strenge Handhabung der Disziplin in etwas ausgeglichen werden konnten, was auch immer gelang, nur in einem Falle waren Strenge und selbst Strafen zwecklos. Bedacht darauf, daß die Umgebung eines Lagers, oder wie hier unser Fort, durch die Exkremente so vieler Menschen nicht verunreinigt würde, was an und für sich schon unangenehm, mehr aber noch Krankheitsstoffe hervorbringen konnte, wurden stets zur allgemeinen Benutzung Latrinen erbaut. Indes wie sehr den Leuten auch die Nothwendigkeit derselben nahegelegt wurde, sie umgingen doch das strenge Gebot. Da durch Zwang nun keine allgemeine Benutzung einzuführen war, weil der strenggläubige Mohamedaner nicht denselben Ort besuchen wollte zusammen mit dem Giaur, so wurde für jeden Stamm eine besondere Latrine erbaut; diese aber wurden doch nur so lange benutzt, als scharfe Aufsicht ein Umgehen unmöglich machte.
Hier in der Umgebung des Forts nun, wo gleichwohl solche Vorkehrungen getroffen wurden, war es für die Leute leicht sich dem Zwange zu entziehen, da dichter Busch eine strenge Aufsicht vereitelte, und die Folge wäre eine Verpestung der Luft gewesen, wenn nicht ein kleiner Käfer sich der schnellen Beseitigung der Exkremente unterzogen hätte. Diese äußerst zahlreich hier vertretene Käferart, wühlte nämlich unter jedem Abfall den Boden fort, sodaß derselbe in eine Höhlung versank, die wieder mit Erde verschlossen, nun den Thieren als Brutstätte diente. Aber wie sehr am Lande hierdurch auch einer Verseuchung vorgebeugt wurde, gegen die Verunreinigung des Wassers war schwerer anzukämpfen. Ich kann die in den letzten Wochen unseres Aufenthalts vorgekommenen Fälle schwerer Dyssentrie, die mehrere Europäer, darunter auch mich befallen, bei einigen Schwarzen sogar tödlich verliefen, nicht direkt darauf zurückzuführen, als sofort beim Auftreten dieser gefährlichen Krankheit alle Vorsichtsmaßregeln getroffen wurden, indes die Keime mußten doch in dem benutzten Wasser, welches wir nur aus dem See selbst schöpfen konnten, gelegen[S. 334] haben, und wie nöthig eine strenge Aufsicht war, erhellt daraus, daß unsere Diener und Köche aus Faulheit und Bequemlichkeit dicht am Strande Wasser schöpften, sobald sie sich unbeobachtet glaubten, wurden sie ertappt und es gab für solche grobe Nachlässigkeit gelegentlich Strafe, kam es ihnen noch sonderbar vor, daß der weiße Mann sie zwang, möglichst weit vom Ufer entfernt reines Wasser zu schöpfen. Jedenfalls war es unablässig nothwendig bei der Zubereitung unserer Speisen den schwarzen Köchen und ihren Gehülfen scharf auf die Finger zu sehen.
Mittlerweile war unser Dampfer soweit fertiggestellt, daß wir an die zu unternehmende Probefahrt denken konnten, die gleich bis Monkey-Bai am Nordende der Halbinsel Livingstonia gelegen, nebenbei der sicherste Hafen im ganzen Nyassa-See, ausgedehnt werden sollte. Ich stimmte diesem Plane auch zu, namentlich weil schon wenige Tage später der größte Theil unserer Handwerker, die doch auch gerne vorher noch eine kleine Fahrt mit dem Schiffe machen mochten, an dessen Herstellung sie mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft so brav gearbeitet hatten, zur Entlassung kommen sollten.
Ein Aufschieben war also nicht gut mehr möglich und am 10. August, einem gerade sehr unfreundlichen Morgen, als mit Sonnenaufgang schon ein äußerst heftiger Nord-Ostwind eingesetzt hatte, lichteten wir die Anker. So lange wir noch im Schutze der Ufer uns befanden, wo der starke, halb von vorne wehende Wind die Fluthen des Sees noch nicht aufzuwühlen im Stande war, ging es auch einige Meilen mit halber Dampfkraft gut vorwärts, aber als wir erst freies Wasser gewonnen und uns den felsigen Boazuru-Inseln genähert hatten, rollten die Wogen so mächtig gegen den Bug und die Seite des Schiffes, daß das Wasser gleich Sprühregen über die hohe Kommandobrücke gefegt und dieses, so leicht wie es noch war, ein Spiel der Wellen wurde. Es rollte und stampfte in die aufgeregte See, daß Jeden, der nicht ganz taktfest war, die Seekrankheit heimsuchte. Die anfänglich fröhlichen Gesichter der meisten wurden blaß und bleich und Gott Neptun forderte unerbittlich den ihm schuldigen Tribut. Hätte nur mit dem schlechten Feuerholz eine größere Dampfspannung erreicht werden können, Wind und Wellen hätten uns nicht abgehalten, doch noch Monkey-Bai zu erreichen; aber je weiter wir kamen, desto schwerer wurde die See und hemmte die an und für sich nur mittelmäßige Geschwindigkeit des Schiffes so, daß, wollten wir die 36 Meilen lange Distanz zurücklegen, wir bei solchem Wetter erst am späten Nachmittag den Hafen hätten erreichen können.
Ungünstig zwar, unter solchen Witterungsverhältnissen, und keineswegs zufriedenstellend war, als wir gegen 2 Uhr Nachmittags die Station wieder erreicht, die Probefahrt verlaufen; ein jeder aber war doch davon überzeugt, daß der Nyassa-See, wenn der[S. 335] Sturm seine Fluthen aufgewühlt hat, kein ganz ungefährliches Gewässer sein müsse. Nach dem zu urtheilen, was er uns in dem langgestreckten Golf gezeigt, mußte inmitten des Sees selbst, bei südlichem Sturm, eine wilde gefährliche See laufen. Die englischen Kanonenboote haben denn auch, da sie nur darauf berechnet waren, auf wenig bewegtem Wasser zu laufen, nie sich hinauswagen dürfen, um mit Wind und Wellen den Kampf aufzunehmen; in der Periode der heftigen Winde, die vor und nach der großen Regenzeit auftreten, mußten sie immer erst ruhiges Wetter abwarten, ehe sie eine Fahrt unternehmen konnten, denn in bewegter See rollten sie so heftig, daß es nicht rathsam war, mit ihnen irgend welches Risiko zu unternehmen; war doch selbst der »H. v. Wißmann« oft nicht im Stande, gegen die hohe See anzudampfen.
Auf dem Nyassa-See nun, bereit dessen weitgezogene Grenzen zu erforschen, stark und bewehrt jedem Feind zu trotzen und den Kampf aufzunehmen mit den Elementen, lag das schöne Schiff und harrte der Stunde, wo es die Fluthen durcheilen und die entfaltete deutsche Flagge zu fernen Küsten und zu unbekannten Volksstämmen tragen sollte. Das große Werk, unternommen und vollbracht von einer kleinen Schaar deutscher Männer, die keine Gefahren und Entbehrungen scheuend, ihr ganzes Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt, war vollendet. Das größte Schiff auf den Binnengewässern des gewaltigen Kontinents lag im Sonnenglanz auf der silberglänzenden Fluth und stolz wehte im Sturm, wie im Hauch des Zephyr-Windes, von seinen Masten nun die stolze deutsche Flagge, die unüberwunden vor keinem Feinde je sich senken möge!
Auf den Fluthen des in trügerischer Ruhe schlummernden Sees, dessen Grenzen in unabsehbare Ferne gerückt erscheinen, wiegt sich das schöne Schiff, bestimmt, ein Schrecken zu sein dem gewissenlosen Sklavenräuber, den unter dem harten Joche aber seufzenden Völkern ein starker Schirm und Schutz; es soll die Fesseln zerreißen, in die Willkür und Despotenmacht der Araber die wehrlosen Stämme zum Hohn und Schmach der Menschheit geschmiedet haben. Ein Träger der Zivilisation, soll es den in tiefster Lethargie versunkenen Völkern eine neue Aera und einen Morgen goldener Freiheit verkünden! Groß zwar werden auch hier noch die Opfer sein und gewaltig der Kampf, aber auch die Zeit wird kommen, wo in den fruchtbaren Thälern der mächtigen Gebirge und an den sanften Abhängen bewaldeter Höhen friedlich und ohne[S. 336] Furcht auf saftigen Gründen der schwarze Hirte sein Vieh wird weiden können, nicht mehr sorgend, daß er einem heimtückischen Ueberfall erliegen kann und Weib und Kind dem harten Sklavenloos verfallen weiß.
Alle Europäer nun, zu deren beschleunigten Abreise zur Heimat eilige Vorbereitungen getroffen wurden und die am 13. August mit unserem Leichter abreisen sollten, waren bitter enttäuscht, als mit der am 11. eingelaufenen »Domira« Major von Wißmann nicht ankam. Die meisten hatten ihren Führer seit Beginn der Expedition nicht wieder gesehen und gewiß verständlich war es, daß jeder gerne für sein Streben und seine Mühen ein Wort der Anerkennung mit auf den Weg genommen hätte; manches wäre geklärt und manch bitteres Empfinden wäre zerstreut worden. Nach den Nachrichten zu urtheilen, die vom Norden des Sees, wo Leutnant Bronsart von Schellendorf als derzeitiger Chef der Station Langenbuch fungirte, sollte Major von Wißmann sich auf dem Rückmarsch vom Tanganjika-See befinden; laut einer schriftlichen Ordre hatte der Major auch die bestimmte Absicht, selbst zu kommen, denn der Befehl, keine Fahrt mit dem Schiffe zu unternehmen, bevor er nicht eingetroffen sein würde, bestätigte dies.
Die Abreise der Steuerleute und der Handwerker, sowie einige unserer Soldaten, die gleichfalls mit entlassen wurden, erfolgte am bestimmten Tage unter Leitung von Dr. Röver, der den Transport übernommen und gleichfalls die Heimreise angetreten hatte. Zurückgeblieben und in Gouvernementsdiensten übergetreten waren von Eltz, als Stationschef, die beiden Maschinisten Spenker und Engelke, ebenso Zander und ich als Führer des »H. v. Wißmann«. Also aufs Aeußerste eingeschränkt und nur das absolut nothwendige Personal zurückbehalten, war nach der Abreise der Herren Wyncken und Prince mit der »Domira«, die entschlossen waren auf der Steavenson-road, die Straße zum Tanganjika-See, dem Major entgegen zu gehen, unser Fort »Port Maguire«, im Gegensatz zu der früher vorherrschenden Lebendigkeit, todt und still, vor allem, als ich erst mit der Schiffsbesatzung mich an Bord heimisch eingerichtet hatte.
Eine wenige Tage später unternommene zweite Probefahrt, ergab ein ganz anderes Resultat, als die erste, unter ungünstigen Verhältnissen ausgeführte. Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Schiffes betrug 9 Seemeilen die Stunde, keines der englischen Schiffe hat diese Fahrt erreicht, sodaß der »H. v. Wißmann« nicht nur der größte, sondern auch an Schnelligkeit unerreicht geblieben ist. Der Befehl des Majors, der Dampfer habe seine Ankunft abzuwarten und soll keine Fahrt vorher unternommen werden, gab mir nach so langer schwerer Arbeit nun Muße, das Schiff erst recht in Stand zu setzen, vor allem strebte Spenker dahin, unsere[S. 337] elektrische Maschine in Betrieb zu bringen und alle Räume mit Glühlampen zu versehen.
Auch unsere Atonga, soweit sie noch in einer Stärke von annähernd 100 Mann im Fort beschäftigt worden waren, drängten nun, da ihre Zeit abgelaufen war, immer entschiedener in ihre Heimath zurückbefördert zu werden, was eines Theils nicht möglich, als ich keine Fahrt machen durfte, anderen Theils weil für ihre Abbezahlung nicht genügend Zeug und andere Stoffe vorhanden waren und damit erst begonnen werden konnte, nachdem von Blantyre das Bestellte eingetroffen war. Die Leute, die nun schon ein halbes Jahr lang brav für uns gearbeitet hatten, nun noch länger zu halten, dafür lag kein Grund vor, und so wurde beschlossen, die 500 Mark Passagegeld, die eine Beförderung der Leute mit der »Domira« gekostet hätte, unser Schiff verdienen zu lassen.
Am 29. August lichteten wir die Anker, um die erste längere Tour bis zur Mitte des Nyassa-Sees anzutreten. Erst nachdem die niedrigen, eng aneinander liegenden Felsenmassen der Boazuru-Inseln passirt waren, die, kahl und unfruchtbar, nur Seevögeln und zeitweilig Fischern zum Aufenthalt dienten, war es möglich, einen Ueberblick über die zum Theil dicht an den See herantretenden Bergmassen zu gewinnen. Die vorspringenden Bergkegel, als Satobe, Mwmama, im Norden von Livingstonia, die nur durch sehr enge Passagen vom Festlande getrennten Inseln Mbibue, Domwe, 2000 Fuß hoch, fallen besonders auf. Das Innere der Halbinsel, von Höhenzügen durchzogen, die vielfach durchbrochen sind und dadurch den Anschein erwecken, als wären es verschiedene Bergketten, zeigt von der Tiefe der langgestreckten Thäler bis zu den Höhen der höchsten Berge überall eine üppige, wilde Vegetation, selbst die Niederungen am See, als die ausgedehnte Malabwe-Bai etc, umschließen dichter Urbusch. Rechts erscheinen die Ufer flacher, sind aber in ihrer ganzen Länge von ansteigenden Hügelketten eingefaßt, die landeinwärts höher und höher aufstreben, bis sie als mächtiger Gebirgskamm sich dem Ufer des Sees allmählich wieder nähern.
Näher zur Nordspitze von Livingstonia gekommen, erscheinen hier die steil aus dem See aufstrebenden Felsenmassen eng zusammengedrängt ein kompaktes Ganzes zu bilden von 1500 bis über 2000 Fuß Höhe, selbst die vorgelagerten Felseninseln, 200 bis 300 Fuß hoch, scheinen auf geringe Entfernung noch mit den waldgekrönten Höhen verbunden zu sein, so dicht liegen diese unter Land. Die Wassertiefe inmitten des Golfs ist eine beträchtliche und nimmt von den Boazuru-Inseln, wo diese 60 bis 100 Fuß beträgt, schnell zu, schon an der Nordspitze der Domwe-Insel ist sie 150 bis 200 und über Kap Maclair hinaus 300 bis 600 Fuß.
Wie ein ausgesprengter schmaler Durchstich, der die hohen Bergmassen von einander trennt, in welchem Felstrümmer umhergestreut liegen, erscheint die tiefe Einfahrt zur Monkey-Bai; sie[S. 338] öffnet sich erst sobald man die vorgelagerte Insel Pundsi querab peilt und man sich inmitten der etwa 150 m breiten Oeffnung befindet. Die Kursänderung von West nach Süden läßt dann das Schiff in der etwa 60 m breiten Einfahrt zwischen Land und der Insel Pundsi gelangen, und die vielleicht 600 m tiefe Bai, rechts von einer 1500 Fuß hohen steilen Bergwand eingefaßt, liegt wie ein herrliches Bassin vor dem erstaunten Auge offen da. Die Wassertiefe von 60 Fuß vermindert sich erst, wenn man dicht unter dem flacheren Strand, der nach Süden zu den Ausblick auf eine sich ausbreitende dicht mit Baum und Busch bestandene Ebene freigiebt, angelangt ist, der Anker fällt dann auf eine Tiefe von 24-30 Fuß.
Ein stillerer abgeschlossener Ankerplatz, wie diese kleine Bai läßt sich kaum denken. Umschlossen von Felsen, ist fast allen Winden der Zutritt verwährt, höchstens bei starkem Südwind fegt derselbe stoßweise von den Bergen herab und kräuselt die sonst immer ruhige Fluth. Am aufsteigenden Strande und zum Theil dicht unter die kahlen Felsmassen liegen die zerstreuten Hütten der Eingebornen, die um nichts besser oder schlechter wie alle anderen Behausungen der Einwohner dieses Landes sind, trotzdem hier die Bewohner als reich gelten müssen. Sie haben, seitdem überhaupt die Schifffahrt auf dem Nyassa-See eröffnet und als Feuerungsmaterial Holz benöthigt wurde, hier eine Holzstation errichtet und betreiben den Verkauf der aufgestapelten Holzmassen an die einlaufenden Schiffe; nebenbei sind sie noch gute Seeleute und jedes Schiff, das eingeborene Besatzung braucht, rekrutirt solche in dieser Bai.
Das Erscheinen eines so großen neuen Schiffes rief nicht geringe Verwunderung bei den Eingebornen hervor. Ein förmlicher Ansturm erfolgte aber, als ich den von hier stammenden Kapitao Kambajalika mit dem Auftrage an Land sandte, er solle einige tüchtige Leute, namentlich Heizer (Leute die schon mit der »Domira« gefahren hätten) aussuchen und an Bord bringen. Viele nun, zum größten Theil aus Neugierde, wollten sich anwerben lassen und immer mehr kamen, so viel ihrer auch abgewiesen wurden. Die zwei vorhandenen Kanoes reichten nicht aus, die Stellung suchenden zwischen Land und Schiff hin- und herzubefördern, und mehrere, kurz entschlossen, schwammen einfach an Bord; namentlich 8-10jährige Jungens, wenn sie mit Mühe das hohe Schiff erklommen hatten, präsentirten sich, pudelnaß und die scharzbraune Haut von Wasser triefend, in Adamskostüm und baten darum als Boy (Diener) angenommen zu werden, und nicht eher gab sich die kleine Gesellschaft zufrieden, bis sie Gelegenheit fanden ihr Anliegen mir vorzubringen, erst wenn ich ihnen gesagt, ich brauche keinen Boy, waren sie befriedigt und verschwanden.
Ich war einzig zu dem Zwecke nur in Monkey-Bai angelaufen,[S. 339] um für die Reise Brennholz anzukaufen, fand aber wider Erwarten nicht genügend Holz am Strande vor und mußte mir an sieben Bootsladungen, für die ich 70 Yard Zeug bezahlte, genügen lassen. Es ist nur ein Tauschhandel, der Besitzer eines Holzstapels erhält stets so viel Zeug als dieser Stapel lang ist, und von Rechtswegen muß das Holz so hoch aufgeschichtet sein, als das Zeug breit ist. Der Bequemlichkeit halber hatte ich den Atongas erlaubt, für die Nacht an Land zu logiren. Um uns nun am Abend das Treiben am Strande etwas näher zu besehen, ließ ich ganz plötzlich den elektrischen Scheinwerfer auf die zerstreut umherliegenden Gruppen richten. Das helle Licht, das blitzschnell erstrahlte, erleuchtete die dunklen Hütten, aus denen Weiber aufkreischten und Kinder schrien, selbst die Ziegen und Hühner vom blendenden Strahl getroffen, schreckten aus ihrer Ruhe auf. Furcht war das erste Empfinden, das diese noch nie gesehene Erscheinung auf Mensch und Thier hervorbrachte, und hätten die Atonga die Einwohner nicht beruhigt, diese hätten der Ursache dieses Lichtes irgend welche dämonischen Kräfte zugeschrieben; so aber bald aufgeklärt darüber, daß nur der weiße Mann solches Licht erzeuge, blieb wohl nicht ein Bewohner in den Hütten; mit staunender Bewunderung sahen sie sich vom Licht umstrahlt, das im nächsten Moment wieder einen anderen Gegenstand taghell erleuchtete. Das Licht vom Dorfe fort zu den Berghöhen geleitet, wo jeder Baum zu unterscheiden war, über Wasser und an den Ufern lang huschend, und wieder blitzschnell über die erstaunten Gesichter fliegend, machte auf diese unwissenden Naturkinder einen nachhaltigen Eindruck.
Unser nächstes Ziel, welches ich am anderen Tage zu erreichen hoffte, war Kota-Kota, wo einige Polizeisoldaten des englischen Gouvernement abgesetzt werden sollten, die die Eintreibung der fälligen Steuern bis zu meiner Rückkehr vorzunehmen hatten. Da nämlich das weit ausgedehnte Gebiet des mächtigen Häuptlings Jumbe unter englischen Protektorat gestellt ist, war auch hier schon eine Art Abgabe eingeführt worden, die wie überall nicht gutwillig gezahlt wurde, sondern erst eingetrieben werden mußte, deshalb hatte die Bevölkerung als Kopfsteuer, ein gewisses Quantum Reis, der in den sumpfigen Niederungen am Fuße der Berge in vorzüglicher Qualität kultivirt wurde, zu entrichten.
Monkey-Bai (14° 4´ S. Br., 35° 4´ 0´´ Öst. Länge) verließ ich am nächsten Morgen und dicht unter den steil aus dem Wasser aufstrebenden Felsmassen hinfahrend, erweiterte sich bald, als Kap Maclair passirt war, der mächtige See und der Livingstonia-Golf mit den vereinzelt umhergestreuten Inseln, als Elephanten-Island, Tumbi, Malere, Mamkowa-Inseln, lag vor uns offen. Von hier setzten wir den Kurs auf den weithin erkennbaren Berg Risu, ein vereinzelter Bergkegel, der scheinbar wie abgetrennt von der kompaktem Gebirgsmasse, am See lagerte und erreichten jenen[S. 340] Ort, wo Major v. Wißmann seiner Zeit die Verfolgung einer Dhau aufgenommen hatte, welche durch ihre Besatzung in dem Augenblick zum Kentern gebracht, als ein Warnungsschuß die Fliehenden zum Streichen des Segels aufforderte. Kap Rifu, so kann ich den Felsvorsprung nennen, lag bald hinter uns und direkt auf die Bentje-Inseln steuernd, sahen wir plötzlich im klaren Wasser Grund unter dem Kiel; die Tiefe von 90-24 Fuß abnehmend, zeigte es sich, daß die weit zurückliegende Kuturu-Bai sehr schnell abflachte. Ich hätte mich zu einer näheren Untersuchung wohl nicht sogleich eingelassen, wenn nicht weit in die Bucht hinein eine Dhau in Sicht gekommen wäre, die offenbar mit dem leichten Winde das Ufer zu erreichen suchte und zu entkommen strebte. Leider unbekannt mit den Tiefenverhältnissen, mußte ich, als immer flacheres Wasser gelothet wurde, vorsichtshalber die Fahrt des Schiffes mindern und sah mich schließlich genöthigt, da ich mit dem Geschütz die Dhau noch nicht erreichen konnte, die Verfolgung aufzugeben. Das Fahrzeug, unzweifelhaft mit einer lebenden Fracht nach Losefa, dem Sklavenhafen am gegenüberliegenden Seeufer, bestimmt, entkam und lag wohlgeborgen in einem der sumpfigen Creeks, ehe ich mich mit langsamer Fahrt dem Ufer beträchtlich genähert hatte. Zwischen Kuturu und Losefa befindet sich eine bekannte Araberfähre; vom ersteren Ort werden die weit aus dem Innern herbeigeschleppten Sklaven nach Losefa übergeführt und von dort durch portugiesisches Territorium weiter bis zur Küste.
Mit schlauer Berechnung sind auch hier im Nyassa-See von den Arabern die flachsten verborgensten Winkel ausgesucht, um das schmähliche Gewerbe ungehindert betreiben zu können; die Schleichwege über die Untiefen hinweg sind nur den Führern der Sklavendhaus bekannt, und gelingt es nicht, auf freiem Wasser die Menschenräuber zu überraschen, entkommen sie unbelästigt.
Ich sah die Unmöglichkeit ein, mit dem großen Schiffe dem Ufer näher zu kommen, deshalb suchte ich mir den Weg ins tiefe Wasser zurück und den felsigen Bentje-Inseln näher gekommen, nahm die eigenthümliche Beschaffenheit derselben meine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch.
Die Hauptinsel, ein runder 500 Fuß hoher, vollständig kahler Kegel, scheint nach allen Seiten hin wie abrasirt; am Fuße nur befindet sich ringsum ein Kranz verkrüppelter Bäume und Sträucher und zeigt wie wenig die Vegetation hier hat Fuß fassen können. Auch die nach Südost abliegenden zwei niederen kaum 100 Fuß hohen Massen bilden, getrennt von einander durch schmale Passagen, ein Conglomerat von übereinander gethürmten Felsmassen. Was aber das Eigenthümlichste ist, diese niedrigeren Inseln erscheinen auf jeder Entfernung wie mit Schnee bedeckt, und Baum und Strauch spärlich vertreten, bieten das Bild einer eintönigen Winterlandschaft dar. Der Grund dafür ist der, jedes Felsstück,[S. 341] jeder Baum ist mit einer Guanoschicht überdeckt und infolgedessen erscheint alles weiß. Tausende Vögel, als Cormorane, Pelikane, Fischadler, Gänse und Enten etc. haben hier ihren Aufenthalt und Brutstätte. Keines Menschen Fuß betritt diese Inseln, kein Geräusch, als die nur oft wild gegen die steilen Felsen anstürmenden Wogen des Sees, stört die Thiere hier; da Nahrung in Ueberfluß vorhanden ist, so konnten sich die friedlich bei einander hausenden Vogelarten keinen gelegeneren Ort auswählen. Aus großer Tiefe aufstrebend, sind diese Felsen eine starre todte Masse und es war dicht unter Land kein Ankergrund zu finden; erst später als Forschungsreisen gemacht wurden, gelang es mir an der Nordseite, geschützt gegen den südlichen Wind, einen sicheren Zufluchtsort zu finden.
Die Gebirgszüge, die unterhalb Kap Rifu schon weiter zurücktreten und erst einige Meilen landeinwärts schnell bis 6000 Fuß ansteigen, lassen infolgedessen die ganze Küste auf eine beträchtliche Strecke nordwärts flach verlaufen und ebenso verflacht auch der See, obwohl auf einer Seemeile Abstand immer noch genügend Wassertiefe ist. Von 12 Fuß schnell zunehmend, bis 60, fällt der See bis zu hunderten von Fuß plötzlich steil ab und meine über 500 Fuß lange Lothleine hat selten nur den Grund berührt. Da das Wasser klar ist, so läßt sich jede Veränderung in der Tiefe leicht wahrnehmen, was für mich vorerst von großem Vortheil war, weil ich auf diesen unbekannten Gewässer vorsichtig sein mußte.
Schon dunkelte es, als wir uns den weitausliegenden Sandbänken vor Kota-Kota, die im Laufe der Zeiten niedrige Inseln geworden sind, näherten, und als diese nach Weisung des Kapitaos Kambajalika, der mehrmals hier schon gewesen war, umsteuert waren, mußte der geringen Tiefe wegen, wohl 2 Seemeilen vom Ufer entfernt, geankert werden. Wie überall im Nyassa-See, der seit seiner Entstehung eine sehr beträchtliche Tiefe hat, wo solche Verflachungen sich finden, sind diese Anschwemmungen durch im See mündende Flüsse, die das Material von den Bergen herabschwemmen, entstanden. Und wie bedeutend die Zufuhr sein muß erhellt daraus, daß, wo immer sandige Ufer oder sumpfige Niederungen sich finden, diese im Laufe der Jahrtausende auf dieselbe Weise gebildet wurden.
Obgleich es ganz dunkel geworden war, ehe das Schiff sicher zu Anker lag, wollte ich dennoch für die Landung der schwarzen Polizeisoldaten nicht den Morgen abwarten, sondern, um Zeit zu gewinnen, ließ ich sogleich das Boot in Bereitschaft setzen, und geleitet von dem Wunsch, den berüchtigten und gefürchteten Häuptling Jumbe bei dieser Gelegenheit auch kennen zu lernen, übernahm ich die Führung des Bootes selber.
Jumbe's Residenz, sowie das ganze Dorf Kota-Kota ist durch hohe Bäume und Gebüsch verdeckt und deshalb auch dieser[S. 342] verborgene Sklaventransport für jeden Unkundigen schwer aufzufinden. Zwischen hier und dem am anderen Seeufer gerade gegenüberliegenden Orte, Mluluka wurde seit langer Zeit die Sklavenausfuhr mittelst mehrerer Dhaus aufrecht erhalten; und ob auch englischerseits das Verbot erlassen war, der Menschenhandel habe aufzuhören, so waren die Sklavendhaus den Eigenthümern doch nicht genommen worden, vielmehr setzte Jumbe unter dem Schutze der englischen Flagge das schmähliche Handwerk fort. Denn wohl Protektor des weiten Gebiets, waren die Engländer doch nicht Beherrscher des gewaltigen Sees geworden, einfach aus dem Grunde, weil es ihnen bisher an Schiffen gefehlt hatte. Meine Unkenntniß des Weges und die Dunkelheit machten eine genaue Orientirung unmöglich, bald saßen wir auf Grund, bald befanden wir uns in tiefem Wasser und erst nach einer Stunde, als die scharfen Augen meiner Leute drei auf den Strand geholte Dhaus entdeckten mußten wir nahe Kota-Kota sein, wir hörten auch bald menschliche Stimmen am Strande, die das sich nähernde Boot anriefen.
Als wir mit dem Boote landeten, war ich sofort von einer Anzahl schwarzer Gestalten umzingelt, die meine Frage nach der Behausung des Häuptlings mit der Gegenfrage beantworteten, was das für ein Schiff sei, was da draußen liege; erst als hinter mir die bewaffneten Soldaten herangekommen waren, änderte sich das Benehmen der Kerle und mehrere, jetzt aufgefordert uns den Weg zu weisen, weigerten sich nun nicht mehr. Das Gerücht von der Ankunft eines weißen Mannes hatte sich mit Blitzesschnelle im Dorfe verbreitet und von allen Seiten strömten die Bewohner herbei. Dem Hause des Häuptlings nahe gekommen, waren vor und unter der vorgebauten Veranda schon hunderte Eingeborene versammelt, sodaß ich durch eine Phalanx von Neugierigen mußte, geleitet von entgegengesandten Boten, die den Weg freihielten. Zum Eingang gelangt, stand unter dem Vorbau, umgeben von seinem Hofstaat, der Häuptling, ein alter schwarzbrauner Araber, der meinen Gruß, »Jambo, Fumo«, mit dem Gegengruß »Jambo sana, bwana« erwiderte und mir die Hand reichend, lud er mich ein, neben ihm auf ausgebreiteten Matten und schmutzigen Polstern Platz zu nehmen.
Erst jetzt, beim flackernden Lichte einiger von Sklaven herbeigebrachten Talgkerzen, konnte ich mir diesen Sultan näher anschauen, der mit untergeschlagenen Beinen, umgeben von seiner ganzen Pracht, würdevoll auf seinem Throne saß. Alt und verfallen, das Gesicht voller Runzeln, der vorstehende Oberkiefer mit den schmutzigen, von immerwährendem Betelkauen rothen Zähnen, saß die zusammengedrückte Gestalt, fortwährend von hohlem Husten geplagt, vor mir und suchte sich einen Anstrich von Würde und Macht zu geben. Nicht die abschreckende Häßlichkeit, vielmehr der lauernde, trotz des matten Auges noch grausame Blick war es,[S. 343] der mich abschreckte, und das Vorurtheil, welches ich gegen diesen Menschenhändler gefaßt hatte, noch bestärkte. Auch später, wenn ich durchaus mit diesem Halbaraber verhandeln mußte, schwächte sich der erste Eindruck nicht ab. Seine geriebene Pfiffigkeit, mit welcher er mich später bewegen wollte, ihm Zucker, Mehl und Salz für einen Elfenbeinzahn zu überlassen, als wenn ich den Werth eines solchen nicht zu schätzen wüßte, wirkte unangenehm. Dieses Lockmittel, ein Wink mit dem Zaunpfahl, das Gewünschte ihm als Geschenk zu überlassen, beachtete ich aber nicht, worauf er mir wüthend sagte: »Die Engländer geben es mir dafür, warum giebst Du es nicht?«
Peinlich berührt durch die versammelte Menschenmenge, die dicht um uns zusammengedrängt, jedes Wort auffing und mich neugierig anstarrte, beeilte ich mich, ohne viel Worte zu machen, dem Häuptling das für ihn bestimmte Schreiben zu übergeben. Die 15 Minuten, welche vergingen, ehe von den Schriftkundigen die arabischen Zeichen entziffert wurden, waren eine Tortur. Während des darauf folgenden Disputs mit den Polizeisoldaten spielte Jumbe, der alle werthvolleren, ihm von Europäern gemachten Geschenke neben sich liegen hatte, anhaltend mit einer Weckeruhr, deren Glocke er erklingen ließ; er setzte diese bald vor, bald neben sich, und mir wollte es scheinen, als sollte dieses Hantieren eine Aufforderung für mich sein, auch mit meinem für ihn bestimmten Geschenk herauszurücken.
Endlich, als nach meiner Ansicht alles was nöthig gesagt war, auch meine Frage, ob die Soldaten hierbleiben sollten, bejaht wurde, übergab ich dem Häuptling zwei Maskattücher und empfahl mich, um aus dieser Gesellschaft fortzukommen. Mit wiederholtem Händedruck begleitete mich der alte Sünder bis zum Ausgang; die Höflichkeit schien sich nach dem Werthe des Geschenkes zu richten, denn auch die Vornehmsten streckten ihre schwarzen Patschen aus und wollten diese gedrückt haben. Sicher durch das Labyrinth von Hütten zum Strande geleitet, war ich froh, als ich mit meinem Boote in die Dunkelheit hinaus fahren und den Weg wieder zu dem fernab ankernden Schiffe suchen konnte.
Am nächsten Morgen setzte ich die Reise fort und folgte nordwärts steuernd, der niedrigen, landeinwärts mit dichtem Busch und Gras bestandenen Küste. Die weite tiefe Bucht von Marenga Sanga abschneidend, war ich gegen 3 Uhr Nachmittags in die Nähe der felsigen, steil aus dem See aufsteigenden Makusa-Hügel, die isolirt von dem weit zurückliegenden Gebirge abgetrennt liegen, angelangt und ankerte hier am Bestimmungsort Bandawe, in der sehr flachen Bucht zwischen dem Festland und einigen großen Granitblocks. Da diese Bucht offen und ungeschützt ist, so bieten die vorspringenden Felsen nur Schutz gegen den südlichen Wind; die westlichen Winde, die seltener und nur zur Regenzeit zuweilen[S. 344] mit einer Böe auftreten, sind fast immer schwach. Gefährlich nur wird der zu Zeiten äußerst heftige Südost-Wind. Fast immer ist eine langgezogene Dünung wahrzunehmen, die schnell zu hoher See anläuft, sobald aus der genannten Richtung der Wind zu wehen beginnt, und dann ist es nicht rathsam mehr, in Bandawe zu ankern, da es auch völlig ausgeschlossen ist, den Versuch zu wagen, hier landen zu wollen. Zugänglich für Boote ist nur ein schmaler Uferstreifen, denn große Steinblöcke, die durch das stetig anspülende Wasser stark zerklüftet sind und am Strande liegende Felsmassen machen bei Seegang eine Annäherung gefährlich.
Beim Betreten des Strandes fällt es einem auf, daß der freie Sand vollständig mit Glimmertheilchen durchsetzt ist, und namentlich wenn die Strahlen der Sonne darauf fallen, sieht es aus, als wären Millionen Silberstäubchen umhergestreut, die im Sonnenlichte blitzen und funkeln, ein Zeichen, daß die vom Zahn der Zeit oder anderen Einwirkungen allmählich zerstörten Felsmassen Glimmer in Mengen enthalten haben.
Wie überall, wo der »H. v. Wißmann« zuerst erschien, erregte das Schiff das Staunen der Eingeborenen und was Beine hatte, war am Strande versammelt. Fast mehr noch stieg die Verwunderung, als die gelandeten Atonga, mit reichen Schätzen heimgekehrt, ihren Landsleuten erzählten, woher das große Schiff gekommen sei und wie sie dieses hätten mit erbauen helfen. Umlagert von der Menschenmenge konnte ich mich am Strande kaum derer erwehren, die Lust bezeugten, an Bord zu arbeiten, und nur, wenn ich ihnen bedeutete, daß sie mitkommen könnten, wenn sie für die Engländer arbeiten wollten, dämpften die meisten ihre Neugierde, das wollten sie doch nicht. Hauptsächlich um Feuerholz zu erhalten, welches an Bord stark abgenommen hatte und womit ich nicht nach Monkey-Bay zurückkommen würde, war ich schon mit einem der ersten Boote an Land gegangen, um mit den Eingeborenen zu unterhandeln, damit sie mir solches in genügender Menge beschafften. »Kumi, Kumi« (Holz, Holz), hallte der Ruf, und bald stürzten Frauen und Kinder fort, aus dem Dorfe Holz herbeizuschleppen. Meine Andeutung, sie möchten die Knüppel, denn anderes Holz brachten sie nicht, nur aufzustapeln, ich würde ihnen dann am andern Tage mit Zeug bezahlen, war ihnen neu. Bald sah ich ein, daß solche Art Bezahlung hier nicht angebracht sei und so mußte ich mich bequemen, jedem Einzelnen sein bischen Holz mit Salz abzukaufen.
Wäre mir die Methode, für Salz oder Perlen Holz aufkaufen zu können, bekannt gewesen, hätte ich mir von ersterem einen Vorrath mitgenommen, und zwar nicht unser gutes Kochsalz, sondern von dem Erdsalze, wie es im Süden die Mpondaleute aus einer salzhaltigen Erde zu gewinnen wissen, das sie verhältnißmäßig billig verkaufen. So aber war ich nun gezwungen, für[S. 345] jedes Stückchen Holz eine Prise Salz zu bezahlen, das alle Weiber und Kinder gleich Zucker aufleckten. Raffinirt aber gingen sie dabei doch noch zu Werke; denn anstatt für ein ganzes Bündel Holz dem entsprechend eine Quantität Salz zu empfangen, mußte für jedes einzelne Stückchen ihnen eine Prise bezahlt werden, und meistens, da meine Leute es nicht so genau nahmen, kamen sie besser dabei weg.
Für zehn Pfund Salz kaum drei Boote voll schlechtes Holz zu erhalten, das war mir denn doch ein Bischen zu wenig, und hier wenigstens habe ich nie wieder mich zum Ankauf von Feuerholz verleiten lassen. Die drei Tage, welche ich hier in Bandawe bleiben mußte, um die Anwerbung neuer Atonga abzuwarten, die von schwarzen Kommissionären für das englische Gouvernement ausgeführt werden sollte, benutzte ich dazu, um der schottischen Mission, oben auf den Makusa-Hügeln erbaut, einen Besuch abzustatten. Von einem Führer geleitet, stiegen wir anfänglich durch verkrüppeltes Gebüsch auf schmalen Fußpfaden aufwärts und kamen bald zu einem langen regelrechten Weg, der zur Höhe des Bergkammes führte. Das erste, was sich hier den Augen darbot, war eine lange Reihe nach europäischer Art ausgeführter Häuser.
Etwa 400 Fuß auf dem zur Straße erweiterten Weg fortgeschritten, stand ich vor dem gefälligen Wohnhause des Leiters der Mission, Dr. Elmslie, einer netten schottischen Cottage, wie die Engländer ihre Landhäuser zu bezeichnen pflegen. Aufs Freundlichste von dem Doktor und dessen Gattin begrüßt, erkannte ich bald, wie die Nachfolger Livingstons unermüdlich und muthig vorwärts schreiten auf der Bahn, die der große Forscher sie gewiesen, das Wort des Heils verkündend den Völkern, die, in Nacht und Unglauben befangen, so schwer Christi Wort und Lehre begreifen können. Bereitwillig und mit berechtigtem Stolz konnte Dr. Elmslie mir sein seit etwa zehn Jahren begonnenes Werk zeigen und erklären; gab die beträchtliche Anzahl der Missionszöglinge schon Zeugniß von seinem Wirken auf geistlichem Gebiet, so erregte seine Vielseitigkeit, als Lehrer, Arzt und Bauleiter, ebensoviel Bewunderung. Alles was man sah, nur aus den Mitteln hergestellt, die das Land bot, war hier mit großem Verständniß eine kleine Industrie geschaffen worden. Jeder Ziegel ist selbst gebrannt, jedes Fenster (außer Scheiben), Thür, Tisch und Schulbänke ist aus dem Holze gefertigt, das vom Gebirge herbeigeschafft und in der Säge- und Tischlerwerkstatt bearbeitet worden war; alle Bücher, Lehr- und Schulhefte, sowie Bibel und Gesangbücher sind in der Sprache der Atonga gesetzt und gedruckt, und das alles ist unter Aufsicht weniger Europäer von den Zöglingen der Mission ausgeführt worden; man muß zugeben, daß der Leiter solcher Anstalt wirklich Großes gewollt und geschaffen hat. Aber nicht auf Bandawe allein, der Zentrale, ist das Wirken beschränkt, sondern weit landeinwärts im[S. 346] Gebirge liegen die kleineren Stationen zerstreut. Ausgebildete Lehrer und Prediger lehren in den Dörfern ihren schwarz-braunen Brüdern, was sie von den weißen Männern gelernt und begriffen haben. Langsam zwar, aber mit nie erschlaffender Energie, wird das Christenthum eingeführt und verbreitet.
Mit ganz besonderem Geschick weiß Dr. Elmslie das Interesse der Eingeborenen auch dadurch zu wecken, daß er alljährlich eine Ausstellung im Schulgebäude veranstaltet, zu der ein Jeder berechtigt ist beizusteuern, und zwar alles was von den Händen der Eingebornen selbst gefertigt ist, als Bogen, Pfeile, Speere, Pfeifen, Thongefäße, Messer etc. wird geordnet und wer seine Sachen verkaufen will, dem steht es frei. Die besten Arbeiten aber werden prämiirt, und mit wie großem Interesse die Bevölkerung sich solch nützlicher Beschäftigung hingiebt, wie jeder bestrebt ist, mit Geschick etwas Originelles und Schönes anzufertigen, das habe ich später selbst auf einer solchen Ausstellung gesehen und beurtheilen können. Ein wahres Museum von hunderterlei Dingen, lernt man erst hierdurch die Kulturstufe, auf welcher die Bevölkerung steht, recht beurtheilen.
Die Atonga, die ebenso wie alle anderen Stämme am Nyassa-See dem Ahnenkultus huldigen, haben vielfach die Gewohnheit, in ihren im Urwald angelegten Totenhainen, die Verstorbenen fest in Matten genäht, im Gezweige mächtiger Baumriesen aufzuhängen, und abergläubisch, glauben sie, daß die Grabstätten von den Geistern der Todten belebt werden, daher ist das Betreten derselben nur den Medizinmännern und Zauberern gestattet, die auch nur allein es wissen, wo solche Leichen verbleiben; kann freilich die Hyäne, die die frischen Gräber aufzuscharren liebt, nicht herankommen, so sind es die Raubvögel, die ihre scharfen Schnäbel daran versuchen.
Am Fuße der Berge, die etwa acht Seemeilen nördlich von Bandawe zum See herantreten und von Cap Chirambo in Gebirgsformation übergehend, eine hohe ununterbrochene Felsenkette bis Cap Mschewere 10° 25´ S. Br. bilden, haben die Atonga auf fruchtbarem Boden ihre Tabakpflanzungen angelegt, deren Erträge es ihnen gestattet, wie früher erwähnt, so weite Wanderungen bis nach Blantyre zu unternehmen, wo sie sich als Arbeiter und Träger verdingen; auf dem ganzen langen Wege also nur durch Austausch gegen Tabak sich ihren Lebensunterhalt erwerben können.
In der Nacht vom 2. zum 3. September unternahm ich die Einschiffung der neu angeworbenen Atonga, 176 Mann, verließ mit Tagesanbruch Bandawe und wollte noch am selben Tage Kota-Kota, von wo die dort gelandeten Polizeisoldaten wieder abgeholt werden mußten, erreichen. Der südliche Wind, der während der letzten Tage frisch geweht, hatte aber den See ziemlich unruhig[S. 347] gemacht, sodaß das Schiff gegen Wind und Wellen nur mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts kam und wir daher zu der 65 Seemeilen langen Strecke nahezu 11 Stunden gebrauchten. Soviel ich noch am selben Abend vom Ankerplatz aus erkennen konnte und was mir die von Kota-Kota zurückkehrenden Bootsleute bestätigten, lagen anstatt 3 Dhaus deren 2 nur noch vor dem Dorfe und so war ich etwas überrascht, am anderen Morgen etwa zwei Meilen nördlich vom Schiffe, die dritte Dhau vor Anker liegen zu sehen. Nun wurden mir die unauffälligen aber eingehenden Erkundigungen, welche Jumbe an jenem Abend an mich, mehr noch an die Polizeisoldaten gerichtet hatte, klar, denn ihm schien besonders daran gelegen zu sein, genau zu erforschen, wann ich wohl zurückkommen würde und wann wohl die »Domira« passiren könnte. Wahrscheinlich also wollte der alte Fuchs sich vor Ueberraschung sichern, was ihm leider auch gelungen ist, da sicherlich die Fracht, welche er nach Mluluka mit seinem Fahrzeug befördern wollte, gewiß nicht zollfreie Waare gewesen sein mag.
So oft ich auch den Nyassa-See kreuz und quer durchfahren, wie scharfe Ausguck ich auch nach Sklavendhaus gehalten habe, niemals gelang es mir oder einem anderen Schiffe eine solche aufzubringen, immer fand ich die Dhaus wohl geborgen am Strande liegen und keine Handhabe war gegeben, dieselben wegzunehmen oder zu zerstören.
Mein erster Impuls war, die zwar auf neutralem Gebiet liegende Dhau Jumbes einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen und sie wegzunehmen, wenn sich irgend ein Anhalt dafür bieten sollte, daß mit derselben Sklaven befördert worden wären. Allein als ich den Kurs des Schiffes auf diese richtete und meine Absicht erkannt war, ging die englische Flagge hoch, und mir bekannt, daß Jumbes Fahrzeuge unter solchen Schutz gestellt waren, durfte ich nicht fremdes Eigenthum anrühren. — Welchen Lärm hätten wohl die Engländer geschlagen, wenn ihre selbst auf einem Sklavenschiff geführte Flagge, als was ich diese Dhau wohl mit Recht ansehen mußte, niedergeholt worden wäre; zu sehr unliebsamen Erörterungen mindestens hätte solcher Gewaltakt geführt. Diese Bedenken, mehr noch, daß eine Untersuchung der Dhau jedenfalls resultatlos verlaufen würde und namentlich der große Holzmangel an Bord ließen mich davon abstehen.
Als der Kurs wieder südwärts gegen die hohe See gerichtet war, mußte ich nun mit der Thatsache rechnen, daß in wenig Stunden unser Holz verbrannt sein würde und unbedingt ein Ort gefunden werden mußte, wo es möglich war, solches zu schlagen, betrug doch die Distanz bis Monkey-Bai noch 75 Seemeilen und gegen Wind und See lief das Schiff, ohne genügend Ballast, kaum 5 Knoten Fahrt.
Einige meiner Leute, die den See schon befahren hatten,[S. 348] bestätigten mir, daß an den steilen Bergabhängen der Ostküste, deren Conturen am fernen Horizont sich abhoben, viel Holz zu finden sei, aber keiner wußte einen einzigen Ort anzugeben, wo mit Sicherheit könnte geankert werden. Soviel nur wußten sie, daß am Fuße der Felsenmassen kein Grund zu finden sei, kein Schiff, weder die »Domira« noch »Ilala«, jenes kleine Dampfboot, welches noch Livingston selbst zum See gebracht hat, liefe jene Gebiete an, und niemals hätte mit dem feindlichen Volksstamm der Yao, der die ganze weite Küstenstrecke und Gebirge bewohne, eine Verbindung stattgefunden. Auch ein Heizer, ein gepackter strammer Neger, ein Yao, Katiolola mit Namen, konnte mir keine Auskunft geben, und bestätigte nur die Angaben des Kapitao Kambajalika, daß mit seinen Landsleuten im Guten und Bösen nicht viel anzufangen sei, wir jedenfalls mit einem feindlichen Empfang zu rechnen hätten.
Schon weit in den See hineingesteuert mit der festen Absicht auf gut Glück die Ostküste anzulaufen, machten mich die Aussagen der Leute doch stutzig, und obwohl ich nichts zu fürchten hatte, da hinlängliche Vertheidigungsmittel, Geschütz und Gewehre an Bord waren, so war das Risiko doch zu groß, denn vorläufig wußte ich nur, daß die Wassertiefe dicht unter Land 180-600 Fuß betrug.
Kurz entschlossen — es blieb mir auch nichts anderes übrig — richtete ich den Kurs des Schiffes nun direkt auf die Westküste zu und im flacheren Wasser, auf eine Seemeile Abstand vom Lande südwärts laufend, fand ich endlich gegen 1 Uhr Nachmittags einen einigermaßen guten Ankerplatz. Daß ich mit dem Schiffe nicht eher hatte herankommen können, lag daran, weil die ganze Strecke, von 5 Meilen unterhalb von Kota-Kota bis wo die Bentje-Inseln in Südost-Richtung gepeilt wurden, also 12 Meilen lang, mit tausenden ober- und unterhalb der Wasserfläche liegenden Rocks und Steinen besäet war und es den Anschein hatte, als hätte der Zahn der Zeit oder eine andere Naturkraft hier eine einst kompakte Felsenmasse in Trümmern gelegt. Selbst die Ankerstelle war von solchen großen Steinen umgeben und nur Raum genug, daß das Schiff vor seinem Anker schwoien konnte. Sobald eine genügende Zahl der Atonga an Land gesetzt war, unternahm ich mit den Leuten eine Streife durch die nähere Umgebung, fand auch an den Ufern eines in der Nähe befindlichen kleinen Flusses viele Bäume, jedoch zu wenig trockenes Holz. Weiter landeinwärts, in einem mehrere Acker großen dichten Buschwald fanden wir zwar mächtige abgestorbene Bäume, allein das Unterholz war zu dicht, um an ein Fällen geeigneter Stämme denken zu können, auch war es aus dem Grunde schon nicht rathsam, in diesem zu verweilen, weil Schlangen und giftiges Ungeziefer den Beinen und nackten Körpern der Atonga gefährlich werden konnten. Besser gelang es uns[S. 349] außerhalb des Busches aufgefundene Stämme niederzulegen und zu zersägen, sodaß wir bis zum Abend einige Boote voll Holz am Strande aufgestapelt hatten. Während an Ort und Stelle das Zerkleinern des Holzes vorgenommen wurde, was bei hellen Feuern geschah, die genährt und unterhalten wurden durch herbeigeschleppte trockene Blätter der Fächerpalme, kam eine Kolonne von etwa 100 Atonga anmarschirt, die für die Nacht hier rasten wollten. Es waren Leute, die den weiten Weg von Blantyre zu Fuß zurückgelegt hatten, um in ihre Heimath zurückzukehren, und uns stolz ihre Schätze zeigten, den Lohn halbjährlicher Arbeit. Was mir besonders aber auffiel, war, daß sämmtliche Capitaos mit neuen Vorderlader-Gewehren abbezahlt waren, somit von den englischen Händlern, für die diese Leute gearbeitet hatten, das bestehende Verbot, »an keinen Eingeborenen Waffen zu verkaufen«, wieder einmal umgangen worden war.
Auf meine Erkundigungen hin erfuhr ich auch den Namen dieser Ortschaft: »Molomba«; es habe hier einst, wie ein Capitao mir versicherte, ein größeres Dorf gestanden, das von Sklavenhändlern überfallen, die die Bewohner getödtet oder weggeführt haben, von den Flammen zerstört wurde.
Unsere Feuer, hell in der sternklaren Nacht über die Wasser aufleuchtend, hatten wohl einige Flußpferde herbeigelockt, die ihr dumpfes Grunzen ob der Störung in ihrem sonst so stillen Gebiet ertönen ließen und nicht übel Lust bezeugten, das zwischen Schiff und Land hin und herfahrende Boot anzugreifen, auch als ich um 9 Uhr Abends an Bord zurückkehrte, tauchten mit dieser löblichen Absicht zwei Kolosse neben dem Boote auf und erst einige zugeschickte Kugeln ließen die aufgeregten Thiere in die Tiefe verschwinden.
Am nächsten Tage, der See war ruhig und die im Sonnenlicht blitzende Wasserfläche spiegelglatt, dachte ich die Bentje-Inseln zu umlaufen und direkt nach Monkey-Bai zu fahren, doch da Spenker, der Maschinenmeister, im Zweifel war, ob unser Holzvorrath ausreichen würde, so hielt ich auf Leopard-Bai, wo mehr Holz zu finden sein sollte. Wir ankerten hinter dem Berge Rifu auf 300 Meter Entfernung vom Lande, auf 12 Fuß Tiefe, weil die langgesteckte kleine Bai versandet und flach, eine weitere Annäherung für den Dampfer nicht gut gestattete.
Kap Rifu ist durch eine Ebene, etwa 2000 Meter breit, von dem über 2000 Fuß hohen Gebirgsstock Mont Isenga und dessen Ausläufer getrennt und erhebt sich dicht am See in felsigen Massen; hinter diesem Kap aber liegt das feindliche Dorf Kuturu, daher war es eigentlich etwas gewagt, hier zu landen, zumal der Dorfbevölkerung, Freunde und Verbündete des am andern Seeufer herrschenden mächtigen Häuptlings Makangila, nicht zu trauen war; denn immer besorgt, ihr Hauptgeschäft, die Sklavenausfuhr zwischen[S. 350] Kuturu und Losefa, durch die Europäer gefährdet zu sehen, standen sie gegen die Engländer stets in Waffen. Waren doch bei Pandimba, wenig unterhalb Losefa, wo früher die Domira einmal mit Streitkräften landete, um die Macht Makangilas in dem Sklavenport zu brechen, die Engländer unter Verlusten zurückgeschlagen worden (Kapitän Maguire wurde hier getödtet). Sobald alle verfügbaren Leute an Land geschafft und Vorkehrungen getroffen waren, etwaige feindliche Absichten der Bewohner Kuturus zu verhindern — die an Bord befindlichen Suaheli standen Vorposten — ging ich mit der Mannschaft, den Gängen der Flußpferde im dichten Rohr und Gebüsch folgend, vor, bis die vorgelagerte Niederung durchschritten, wir am Fuße der gewaltigen Felsmassen nach trockenen Bäumen Umschau halten konnten. Nirgends habe ich solch ein Chaos von Steinmassen gesehen, wie hier, die zu tausenden dicht am Fuße dieser Felswände zerstreut lagen. Ueber und nebeneinander gethürmt, schienen diese Granitmassen wie von Gigantenhänden umhergeworfen zu sein; haushohe Blöcke, durch die ungeheure Kraft der Sonne in Verbindung mit Feuchtigkeit senkrecht durchspalten, ließen erkennen, wie allmählig im Laufe der Zeiten das Zerstörungswerk vorgeschritten ist. In klaffende Spalten dieser riesigen Steinblöcke zwängte ich mich hinein und konnte dann sehen, wie schnurgerade diese harte Masse durchspalten war, und kühn behaupten kann ich, daß kein Sprengstoffe im Stande gewesen wäre, in gleicher Weise solche gewaltigen Blöcke mitten durch zu sprengen. Dies Conglomerat von umhergestreuten Felstrümmern, von der 2000 Fuß hohen steilen Gebirgswand abgesprengt, konnte nicht ein Produkt der alles zerstörenden Zeit und der einwirkenden Sonnenkraft sein, vielmehr, worauf ich eingehend zurückkommen werde, hat hier, wie überall an den Felsmassen, die den See umgeben, in grauer Vorzeit eine ungeheure Gewalt ihre Kraft erprobt.
Leopard-Bai hat der Forscher diese kleine Bucht benannt und mit Recht, denn in dieser Steineinöde, in den labyrinthartigen Gängen giebt es für das gefährliche Raubtier keinen besseren und sicheren Zufluchtsort. Die Ebene zwischen Rifu und Tsenga, von allerlei Wild belebt, das diesen einzigen Zugang zum See offen hat, um nächtlicher Weile zur Tränke zu kommen, ist für den Leoparden und Panther ein ergiebiges Jagdgebiet. Dumpf hallte in mancher Nacht das zornige Knurren dieser großen Katzen an der Felswand wieder, und habe ich auch nur einmal hier am Tage den schleichenden Räuber gesehen, so vernahm ich zu Zeiten, wenn ich hier vor Anker lag, in den stillen Stunden der Nacht doch immer jene, vom Echo über das Wasser getragenen Laute.
Nach längerem Suchen fanden wir in genügender Zahl trockene Bäume, nur Schwierigkeit machte es, das Holz von der Höhe herab und zwischen die Steinmassen hindurch zum Strande[S. 351] zu schaffen, aber viele Hände machen der Arbeit bald ein Ende — so war auch bis zum Abend unser Bedarf reichlich gedeckt.
Die Methode der Atonga, im freien Wasser Fische zu fangen, lernte ich hier auch kennen; erblickten sie einen Schwarm abertausend kleiner Fische im flachen Wasser, die vor dem Boote herflohen, sprangen sie, wenn zahlreich genug, in das Wasser und sich schnell im Halbkreis vertheilend, trieben sie solche vor sich her, indem sie gleicherzeit ihre Lendentücher als eine Art Netz benutzten, sie fingen auf diese Weise eine beträchtliche Zahl fingerlanger Fische. Primitiv, oder gar nicht gereinigt, wurden die getödteten Thiere dann auf dünnen Stäben aufgespießt und meistens sofort an Feuern geröstet. Die Eingeborenen sind stets sehr begierig nach Zündhölzern, die ihnen die Mühe ersparen, auf ihre Weise Feuer zu machen, darum bieten sie auch für eine Schachtel einen beträchtlichen Gegenwerth; haben sie aber keine Zündhölzer, wird auf einem weichen Stückchen Holz ein zugespitzter Stab von hartem Holz senkrecht aufgesetzt und dieser dann zwischen den flachen Händen schnell gequirlt, es erzeugt die rasche Reibung Rauch und Feuer auf dem weichen Holz und eine Hand voll trockenes Gras ist schnell in Flammen gesetzt. Auf dem Marsche haben sie meist immer einen glimmenden Holzscheit, der zum Bedarf mitgeführt, die Mühe des Feuermachens ihnen erspart, droht die schwache Gluth zu erlöschen, schwingt der Träger das Holz durch die Luft und facht es so von neuem an.
Da unsere Expedition von Kolonialfreunden mit manchem Gegenstand bedacht worden war, worunter auch große Fischnetze, so habe ich später solche häufig benutzt, um, wo es angängig, prachtvolle Fische uns zu fangen. Karpfen, Bleie und andere, unsern besten Fischen in der Heimath zu vergleichen, wählten wir am liebsten aus der großen Zahl aus, was nicht verzehrt werden konnte wurde geräuchert; nur darauf mußten wir achten, ehe jede Art uns bekannt war, daß wir keine giftigen Fische wählten. Waren es auch nur wenige Arten, so war es doch rathsam bei der Auswahl jedesmal einen Eingeborenen hinzuzuziehen. Einst vom Norden des Sees zurückkommend, hatte ich fast 200 Eingeborne verschiedener Stämme an Bord, für die ich nirgends genügend Proviant hatte aufkaufen können, auch wider Erwarten durch Wind und Seegang aufgehalten, erreichte ich erst Leopard-Bai, als ich mit dem Schiffe schon vor Port Maguire sein sollte. Da die Leute hungrig waren (seit zwei Tagen hatten sie nichts mehr zu essen gehabt) äußerten sie den Wunsch an Land gehen zu dürfen, sie wollten versuchen sich Fische zu fangen. Ich hatte kaum Zeit und Gelegenheit gehabt, in dieser Bai fischen zu können, daher glaubte ich, ein Versuch würde nicht schaden und mit 26 Mann im Boot begann ich unser Netz im weiten Bogen auszustellen. Darauf wurden alle Leute ins Wasser geschickt, damit sie an den Flügeln des[S. 352] Netzes aufgeschlossen, dieses an Leinen strandaufwärts ziehen sollten, und bald sah ich, daß eine Unmasse Fische gefangen waren.
Eitel Jubel und Freude war es, solch einen Reichthum durch einen einzigen Zug erhalten zu haben; bei der Vertheilung an Bord ergab eine flüchtige Zählung 530 Fische, die zum größten Theil noch am selben Abend verzehrt wurden.
Nachdem Monkey-Bai am nächsten Tage erreicht worden war, wurde dort so viel Feuerholz als möglich aufgekauft, auch überzeugte ich mich auf welche Weise die Eingebornen so viel trockenes Holz gewinnen können, da in so wenig Tagen eine beträchtliche Masse herangeschafft worden war. Ihre Methode ist einfach genug. Sie wissen nämlich, daß grünes Holz ihnen nicht abgenommen wird, deshalb lösen sie die Borke von vielhundert Bäumen und lassen diese absterben und dann erst, wenn die Stämme ausgetrocknet sind, werden sie gefällt. Zurückgekehrt nach Port Maguire, warteten wir unthätig auf die Ankunft des Majors von Wißmann, der nach den letzten Nachrichten bestimmt mit der Domira eintreffen wollte. Indes als am 15. September die Domira zurückkam war der Major nicht an Bord, vielmehr nur der Befehl, der »H. v. Wißmann« sollte so viel als möglich von den Beständen des Lagers an Bord nehmen und dann die Reise nordwärts nach der Station Langenburg antreten.
Zwei Tage später, am 17. September, mit mehreren Passagieren an Bord, unter denen ein deutscher Missionar, Herr Wolf, der für die Missionsstation Wangemannshöhe bestimmt war, verließ ich die Station und über Monkey-Bai direkt weiter, fuhr ich unter der hohen steilen Felsenküste an der Ostseite des Sees entlang, der größten Insel im Nyassa-See Likoma zu. Die ganze Küstenstrecke von Malambe Point 13° 25´ S. Br. bis Cap Mala 12° 12´ S. Br. erscheint, wenn man geraden Weges, ohne den Einbuchtungen zu folgen, auf einige Meilen Abstand vorbeifährt, als eine mächtige Gebirgskette, die immer höher nach dem Innern zu ansteigt, bis solche zu dem 6-7000 Fuß hohen Plateau übergeht.
Einen reizvollen Anblick gewährt es im hellen Sonnenlicht über die tiefblaue unergründete Fluth hinsegeln zu können; der See, vom frischen Ostwinde leicht bewegt, der die schneeweißen Segel des Schiffes straff aufbläht, war es gewiß nicht zu verwundern, wenn, wo immer wir dem Lande nahe kamen, die Eingebornen in hellen Haufen herbeiströmten, um dieses noch nie gesehene Schauspiel näher zu betrachten. Auch auf den Beobachter macht die wechselvolle großartige Scenerie einen erhebenden Eindruck; gleich einem gewaltigen Meerbusen liegt der See ausgebreitet da, Nord und Süd eine unbegrenzte Wasserfläche und nur nach Westen heben sich die Bergmassen des Angoni-Hochlandes in schwarzblauer Färbung über dem Horizont empor.
Da auch ich noch ebenso unbekannt war mit der ganzen[S. 353] Küste wie der Kapitao Kambajalika, der mir nur den Hafen von Likoma 12° 7´ S. Br. und 34° 45´ O. Lg. näher zu bezeichnen wußte, so mußte ich in der Dunkelheit, 6-1/2 Uhr Abends über Cap Mala hinaus weiter dampfen und versuchen, die von diesem Punkte aus erst sichtbare Insel Likoma noch zu erreichen. Tiefe Nacht war es, als das Schiff zwischen Rocks und vorliegende Felseninseln hindurch langsam in die ziemlich offene Bai einfuhr, und erst dicht unter Land fiel der Anker auf 30 Fuß Wassertiefe.
Im Sonnenlichte des neuen Morgens aber zeigte sich dem erstaunten Blick ein neues Bild voll eigenartiger Gestaltung; nicht hohe aber desto zerrissenere Felsmassen, bestreut mit bröckelndem Gestein, kegelförmige Hügel, deren Kronen abgerundet, die alle ein gleichmäßiges Aussehen hatten, ließen die Inseln fern und nah wie ein großes Trümmerfeld erscheinen. Jahrtausende haben hier wenig Einfluß geübt, als auf den kahlen Felsen nur eine kümmerliche Vegetation Fuß gefaßt und ein spärlicher Baumwuchs seine Wurzeln im harten Gestein geschlagen hat. Auffällig waren nur nahe dem Strande einige mächtige Baobab-Bäume, Zeugen grauer Vorzeit, die ihre viele Jahrhunderte alten Kronen in den Lüften wiegten.
Vom Ufer aufwärts führte ein primitiver Weg zu der nach Norden von hohen Felsen geschützten Mission »Universities Mission«. Der flache große Platz ist von einer Felssteinmauer umgeben; hin und wieder nur einige Büsche und niedrige Bäume, bietet er dennoch dem Besucher einen überraschenden Anblick dar, ganz anders als wie man sich die Anlage einer großen langjährigen Missionsstation denken würde. Vollständig unregelmäßig, ohne jeglichen Plan oder Symmetrie, liegen die aus Baumstämmen mit Rohrwänden und Grasdächern kunstvoll errichteten Häuser der Missionare zerstreut umher, jedes Haus, mit Absicht getrennt, für sich allein, ebenso das Schulhaus, die Zimmer- und Schmiedewerkstatt, die Druckerei und ganz zurück die große, aus Steinen aufgeführte Kirche mit einem mächtigen Grasdach über die starken, aber primitiven Mauern. Die ganze Anlage wird auf Jeden anfänglich einen unschönen Eindruck machen, aber bedenkt man, daß auf der Insel kein anderes Material vorhanden ist, vor allem, wie in Bandawe kein Lehm- und Thonlager, so muß man doch zugeben, es ist mit großem Geschick und Benutzung der gebotenen Mittel viel gethan worden. Seit Begründung der Mission im Jahre 1876 war die Lage der Häuser von vornherein eine andere gewesen, aber seitdem im Jahre 1892 eine Feuersbrunst die ganze Station, einschließlich der Kirche bis auf den Grund zerstört hatte, hat namentlich der Archdiakon Mapple eine möglichst getrennte Lage aller Bauten eingeführt, um so dem verheerenden Element nicht wie früher ein schnelles Umsichgreifen zu ermöglichen. Jeder Tropfen Wasser muß durch die weiblichen Zöglinge vom See heraufgeholt werden, die mit Gefäßen auf den Köpfen, das köstliche[S. 354] Naß, wie es klarer und reiner kein Brunnen liefern könnte, aus der Fluth schöpfen, und so ist es wohl erklärlich, daß aus Mangel an Wasser ein einmal ausgebrochenes Feuer nicht mehr eingedämmt werden kann.
Aufs Freundlichste jetzt und zu jeder Zeit, so oft auch der »H. v. Wißmann« in Likoma zu Anker lag, von den Missionaren begrüßt, war es mir ein um so lieber Aufenthalt, als eine gewisse Herzlichkeit und gegenseitiges Wohlwollen uns Deutsche mit den englischen Missionaren verband. Wochenlang haben später der Bischof Hornby, Dr. Robinson und andere mit dem deutschen Schiffe Erholungsreisen auf dem See gemacht, und dem uneigennützigen Streben, der für das Christenthum hier in so weltentlegener ferner Gegend wirkenden Männer kann man nur alle Hochachtung zollen.
Wie schon beim ersten Anblick Felsen und Felstrümmer ins Auge fallen, so bleibt diese Erscheinung auf der ganzen großen Insel sich überall gleich. Der wenig fruchtbare Boden verspricht nur einen mäßigen Ertrag, und etwas erstaunt war ich, zu hören, daß diese doch über 2500 Einwohner zählt; freilich, ein großer Theil der Bedürfnisse wird mittelst Canoes von dem 6 Seemeilen entfernten Festlande herübergebracht und zu Zeiten, wenn die Ernte kümmerlich ausgefallen ist, soll sich ein enger Handelsverkehr zwischen Insel und Land entwickeln. Auch mächtige Häuptlinge am Festlande üben eine gewisse Oberhoheit noch über die Bevölkerung aus und öfter haben die Missionare unerhörte Ansprüche derselben ernstlich zurückzuweisen. Schlimm für die Bewohner der Insel ist es, daß eine Unmenge giftiger Schlangen, denen im Felsgestein nicht beizukommen ist, hier sich aufhalten, und keine Woche soll vergehen, in welcher nicht mehrere gebissen werden. Das Gift der Schlangen ist unbedingt tödtlich, dennoch werden viele von den Missionaren gerettet, wenn sie sich sofort zur Mission bringen lassen; vernachlässigte Fälle ziehen manchen, sobald sie zu spät einsehen, daß die Kunst ihrer Zauberer sie nicht retten kann, ein langes Siechthum zu. Zum Beispiel, wenn Giftzähne in der Wunde geblieben, versucht der Medizinmann solche auf folgende Weise zu entfernen: zuerst nimmt er von vier verschiedenen Wurzelarten kleine Stückchen, kaut diese mit etwas Holzkohle und Salz zu einem Brei und saugt dann, die Mischung im Munde behaltend, so lange an der bezeichneten Stelle, wo die Giftzähne sitzen sollen, bis durch Beißen und Quetschen mit den Zähnen diese herausgedrückt sind. Die Giftzähne hebt der Medizinmann sorgsam auf, um sie mit irgend einer Daua (Medizin) zu vermischen, die als ein Mittel gegen den Schlangenbiß betrachtet wird. Die Thätigkeit der Missionare beschränkt sich nicht auf Likoma allein, vielmehr an der portugiesischen Küste, den Orten Kaango, Utonga, Umba, Panzo, Pachia, Msomba und andere sind[S. 355] Kirchen und Schulen errichtet, wo Zöglinge als Lehrer und Prediger schon fungiren. Die nothwendige Verbindung mit der Hauptstation unterhält der kleine Missionsdampfer »Charles Janson«, ein flinkes Fahrzeug, mit dem der Prediger, Mr. Johnson, immerwährend von Station zu Station unterwegs ist.
Mit der ganzen Küste weiter nordwärts völlig unbekannt, konnten mir auch die Missionare keine nähere Auskunft geben, als nur den Rath, da ihres Wissens nirgendwo Feuerholz zu erlangen sei, das Schiff mit solchem genügend zu versehen. Den mir in Vorschlag gemachten Plan, lieber einen Tag zu versäumen und nach dem Festlande, dem Orte Kaango hinüber zu laufen (12° 5´ S. Br. 34° 51´ 45´´ O. Lg.) und dort gegen Salz und Perlen Holz einzutauschen, acceptirte ich um so lieber, als dort der Bedarf reichlich gedeckt werden würde und wir dem aus dem Wege gingen, vielleicht irgendwo an der Küste Holz suchen zu müssen.
Am 20. früh setzten wir die Reise fort und fuhren unter der hohen steilen Felsenküste auf einen Abstand von etwa 5 Meilen entlang, möglichst direkt von Cap zu Cap, wie ich die vorspringenden Bergmassen bezeichnen kann. Einen schönen Anblick gewährten die Conturen der über 7000 Fuß hohen Gebirge, tiefe Schluchten und Thäler öffneten sich, von steilen Felswänden stürzten aus gewaltiger Höhe Wasserfälle herab, die im Sonnenlichte gleich Silberfäden erglänzten, durch den Sturz in die Tiefe aber Wasserdämpfe erzeugten, in denen sich die Farben des Regenbogens in reinster Klarheit spiegelten. Zwar Berg und Höhen mit dichtem Busch und Baumwuchs bestanden, zeugte dennoch die Oberfläche der Felsen von der gewaltigen Zerstörung der Wassermassen; die reißenden Sturzbäche, die im wilden Laufe alles mit sich nehmen, haben tiefe Furchen in die ursprünglichen Formen gegraben und nur die Spitzen der Granitmassen zeigen noch die uralte Formation. Bis zum Abend hatten wir 90 Seemeilen zurückgelegt und auf 10° 50´ S. Br. angelangt, suchte ich an verschiedenen Stellen, wo eine kleine oder größere Bucht einigen Schutz versprach, einen Ankerplatz, allein meistens auf ein bis zwei Schiffslängen dem Ufer nahe gekommen, lotheten wir noch 25, 20, 15 Faden Wassertiefe (1 Faden = 6 Fuß) und völlige Dunkelheit war eingetreten, ehe an einem ungeschützten Platz weniger Wasser gefunden wurde. Wo immer das Schiff so nahe dem Ufer kam, liefen die Eingebornen, die furchtsamen Wampotto, mit ihrem geringen Hab und Gut in die Berge und verbargen sich hinter Felsblöcke; sie haben wohl noch nie einen weißen Mann, noch nie vorher ein Schiff gekannt, das gleich einem grauen Ungethüm so schnell daher kam, darum scheuchte der erste Anruf auch die waffenführenden Männer hinweg und alles Winken und Rufen war vergeblich. Von Furcht und Schrecken aber wurden sie erst erfaßt, als ich einsehend, alle Liebesmüh sei vergeblich, die dumpfheulende Dampfpeife zog, deren[S. 356] mächtiger Ton ein hundertfaches Echo an den Felsen weckte. Auch aus dem Dorfe, vor welchem wir schließlich Ankergrund gefunden hatten, flohen die Bewohner.
Hier zuerst zogen die Pfahlbauten, von denen viele Ueberreste im nördlichen Theil des Sees noch vorhanden sind, die Aufmerksamkeit auf sich; viele im Wasser eingebohrte lange Pfähle dienten früher dazu, die Hütten der Eingebornen zu tragen, die dicht aneinander gedrängt, ein ganzes Dorf ausmachten. Ein solches war für die von ihren Feinden hart bedrängten Küstenbewohner dann eine sichere Zufluchtsstätte, da der herankommende Gegner im Wasser ungeschützt, den Pfeilen und Speeren der Vertheidiger ausgesetzt, sich nicht weiter vorwagen durfte und sich mit dem aufgegriffenen Vieh, einigen Gefangenen, die in die Sklaverei geschleppt wurden, begnügen mußte.
Seit der Zeit, daß die mächtigen Wagwangwara, die armen Wakissi und Wampotto tributpflichtig gemacht haben, sind die Pfahlbauten in Verfall gekommen, wenigstens selten nur findet man noch eine Hütte auf solchen erbaut. Um die aberhundert Pfähle, die zu einem Dorf benöthigt wurden, im harten Grunde fest einzubohren, bedienten sich die Eingebornen folgender Methode: der oft nicht gerade Baumstamm wurde nach unten zu angeschärft, dann fest aufgesetzt und mit primitiv an diesem befestigten Hebeln fortwährend gedreht, bis der Pfahl fest und sicher stand.
In der Voraussetzung, daß der nächste Tag uns bei guter Zeit nach der Rambira-Bai, Station Langenburg bringen würde, die Distanz von annähernd 70 Seemeilen glaubte ich bequem zurücklegen zu können, eilte ich am nächsten Morgen nicht zu sehr, sondern, nicht allzu weit von Amelia Bai, heute Wiedhafen, suchte ich, vorsichtiger unter Land laufend, die große Bai und ihre Umgebung näher in Augenschein zu nehmen, zumal ich ohne Karten, ohne jeglichen Anhalt mich vorläufig auf flüchtig, im Vorüberfahren aufgenommene Skizzen zu orientiren suchen mußte. Von Cap Bango tritt das hohe Livingstone Gebirge unmittelbar zum See heran und von hier in ununterbrochener Linie heben sich die 2 bis 3000 Fuß hohen Felsmassen steil und direkt aus dem See empor. Manche Bucht und mancher Felsvorsprung unterbricht die Küstenlinie, aber nirgends findet sich ein geschützter Punkt, außer in der Kaiser Bai, wo ein Schiff mit Sicherheit ankern könnte, wenn die Wassertiefe unter Land nicht zu groß wäre.
In reicher Abwechslung zogen die Berg- und Gebirgsformationen vorüber, vom Fuß bis zum Gipfel mit Busch und Baum bestanden; an Stellen, wo tiefe Bergschluchten sich aufthaten, aus welchen donnernd die Sturzbäche in Cascaden ihre Wasser über Fels und Stein springen ließen, konnten wir im Schutze mächtiger Baobab- und Tamarindenbäume auch Hütten Eingeborner bemerken, die idyllisch am Fuße majestätischer Bergriesen[S. 357] in einer großartigen erhabenen Natur hingestreut lagen. Schon war der Nachmittag weit vorgerückt und noch immer wollte die Station Langenburg nicht in Sicht kommen, bis endlich, als ich noch im Zweifel war, ob es nicht besser sei mit dem Schiffe weit von Land abzulaufen und die Nacht auf dem See zu verbringen, öffnete sich, als wir eine Strecke weiter gelaufen waren, plötzlich eine weite Thalschlucht; die Gebirgsmassen schienen wie durchgespalten, und mit Recht vermuthete ich, daß die vorausliegende Landzunge die Mündung des Rambira-Flusses verdecken könne. Immer weiter öffnete sich das Thal, ein Wald von mächtigen Bäumen bedeckte die niedrige Landmasse und bald darauf erblickten wir am Ende derselben das starke Fort Langenburg. Dicht unter Land auf die jetzt auch offene Mündung des Rambira-Flusses zusteuernd, fand ich, als überall das Loth keinen Grund erreichte, daß an der südlichen Seite ein Ankern unmöglich sei und erst als die Sandspitze passirt war öffnete sich die eigentliche Bai. Dem Fort gegenüber, das hier dicht am Ufer aufgebaut ist, vermeinte ich, müsse sich hier auch Ankergrund vorfinden, allein nur noch 120 Fuß vom Strande entfernt, fand ich noch 100 Fuß Wassertiefe vor, so sah ich mich genöthigt, hier das Anker fallen zu lassen. Dieses konnte natürlich an dem steilen, gleich dem Abhang eines Berges, abschüssigen Grund keinen festen Halt finden, und sollte nicht jeder Wind außer dem Nord-West-Wind das Schiff abtreiben können, mußte es mit starken Leinen vom Heck aus am Lande festgehalten werden, zu welchem Zwecke auch schon festeingerammte Pfähle vorhanden waren. Solche Lage, das Schiff hatte hinten 2 Fuß, vorne 65 Fuß Wasser unter dem Kiel, war nicht angenehm, und manche schlimme Nacht, wenn aus dem Rambira-Thal stürmische Ostwinde von den Höhen niederbrausten, oder der Nord-West-Wind das Schiff auf den Strand drängte und dieses in der aufgewühlten See stampfte, habe ich hier mit der Mannschaft in Sturm und Unwetter durchgemacht. Die Behauptung, die gewaltigen Binnenseen Inner-Afrikas seien flach, wenigstens die Annäherung für Schiffe meistens unmöglich, ist hier auf dem Nyassa-See völlig unbegründet.
Bald darauf kam auch der derzeitige Kommandant des Fort, der Sergeant Bauer, an Bord, in dem wir einen Gefährten begrüßen konnten, der über ein Jahr von uns getrennt, in blutigen Kämpfen am Tanganjika-See und anderen Orten mit dem Major weite Gebiete durchzogen hatte. Er benachrichtete mich auch, der Major und sein Adjutant, Dr. Bumiller, seien nicht allzufern, vielleicht in der neu angelegten deutschen Missionsstation Ikombi oder in deren Nähe, darum wurde sofort ein Bote abgesandt, der den Herren die Ankunft des Schiffes melden sollte. Die Veste Langenburg ist eine Staketenpalisade, ein umfangreiches Viereck besetzt mit dreifach hintereinander im Boden eingesetzten 20 Fuß[S. 358] langen Pfählen, von denen 7000 Stück verwendet worden sind. An den ausliegenden Bastionen, bewehrt mit Schnellfeuer- und Maximgeschützen, den vielen natürlichen und angebrachten Schießscharten, würde es jedem Feinde schwer fallen, heranzukommen. Was übrigens die Sicherheit der Station anbetrifft, so ist, wie ich mich später überzeugen konnte, bei der geringsten Vorsicht ein Ueberfall ausgeschlossen, die zu der Landzunge führenden Pässe im Rambira-Thal sind im Nothfalle schon mit wenigen zuverlässigen Leuten bequem zu halten; ein Angriff auf die Station selbst, wie sie von Major von Wißmann erbaut worden, würde mit einer kleinen entschlossenen Schaar stets zurückgewiesen werden können. Auch liegt eine Gefahr vor den im Gebirge und am See wohnenden Wakinga und Wakissi nicht vor, viel zu armselig und nicht sehr zahlreich sind diese kleinen Stämme, als daß sie je an einen ernstlichen Widerstand denken könnten.
Eine prächtige Lage hat die Station auch in sofern, als zwei mächtige breitästige Tamarindenbäume sehr viel Schatten spenden durch deren dichtes Gezweig die glühenden Pfeile der Sonne nicht hindurchdringen; in der Messe oder im Hause des Majors war immer ein kühler und angenehmer Aufenthalt. Uebrigens sind nach der Methode der Wakonde alle Häuser erbaut, die Wände bestehen nicht aus Gras oder Rohr, sondern zwischen horizontal gelegtes Bambusrohr, sind breite Bananenblätter eingezogen wodurch dem Aeußeren der Bauten ein gefälliges Aussehen gegeben wird. Auffällig war, alle Soldaten mit verbundenen Füßen umhergehen zu sehen, und erfuhr ich durch Nachfrage bald, daß hier der gefährliche Sandfloh stark vertreten sei, dessen Eindringen in die Haut nur durch eine dichte Umhüllung verhindert werden kann. Kein Schuhzeug sei dicht genug; das mit bloßem Auge nicht sichtbare Thier, setze sich mit Vorliebe unter den Zehen fest, und wird nach Eintreten des anfangs geringen Schmerzes dieses nicht sofort entfernt, vermehrt sich unter der Haut das Thierchen derartig schnell, daß häufig der Verlust eines Zehen, selbst des Fusses die Folge der Vernachlässigung ist. Ohne Ausnahme, trotz großer Vorsicht und Reinlichkeit, haben wir Europäer alle daran zu leiden gehabt; mit Sicherheit konnte man nur über den Sand gehen, wenn derselbe naß oder feucht war, und jeden Morgen wurde im Fort gesprengt. Ein schöner Anblick war es, die stattliche Heerde Kühe, Ziegen und Schaafe aus den Bergen herabkommen zu sehen, zum großen Theile Geschenke der Wakonde Häuptlinge an den Major. Frische Milch, die reichlich vorhanden, war ein köstlicher Labetrunk, der nach so langer Zeit uns gespendet wurde.
Um Mittag des nächsten Tages den 22. September 1893 traf Major von Wißmann auf der Station ein und sah hier zum ersten Male sein Schiff, das nach Jahr und Tag nun doch vollendet,[S. 359] nach so vielen Widerwärtigkeiten und Hindernissen sich stolz auf den Fluthen des Nyassa-Sees wiegte. Die Hauptaufgabe der großen Expedition war glänzend gelöst, eiserner Wille und und unermüdliche Thatkraft bezeugten an diesem Werk wiederum mit wie weitschauendem Blick der beste Kenner Afrikas die Aufgaben einer nationalen Kolonialpolitik aufzufassen und auszuführen verstand! Mit berechtigtem Stolze konnte unser Führer auf den Abschluß seines großen Unternehmens schauen und, um seiner Freude den würdigsten Ausdruck zu geben, befahl er das Schiff im Schmucke seiner Flaggen und in duftiges Grün zu kleiden, die glückliche Vollendung und die Ankunft des H. v. Wißmann sollte gebührend gefeiert werden.
Die Masten und Raaen mit Grün geschmückt, darüber im Sonnenlichte die Flaggen, Deck und Kommandobrücke ein einziger Laubwald, nahm sich das Schiff in solchem Schmucke ungemein prächtig aus. Lichtkronen aus Laub gewunden erhellten die auf der Brücke errichtete Tafel und was an Vorräthen noch vorhanden war wurde herbeigeschafft, selbst die Restbestände an Cognac und Wein wurden nicht geschont und davon eine duftende Annanasbowle gebraut. Eine kleine Zahl aus den Mitgliedern der Expedition war es nur, die sich hier um ihren Führer versammeln konnte, eine kleine Schaar Deutscher lauschte im Sternenschimmer der Tropennacht den Worten und dem Dank, welchen Major v. Wißmann allen, die treu in jeder Lage ihm zur Seite gestanden, aussprach, er schloß mit einem Hoch auf den Schutz- und Schirmherrn der Deutschen im In- und Auslande und jubelnd hallte unter dem Hurrah, der Donner der Geschütze, das Hoch auf den deutschen Kaiser an den Felsenwänden des Livingstone-Gebirges wieder, ein mächtiges Echo weckend, wie solches über die Fluthen des Nyassa-Sees noch nie zuvor gebraust! —
In Verbindung mit den nach wenigen Tagen schon aufgenommenen Entdeckungsfahrten längs der ganzen Küste des deutschen Gebietes, will ich versuchen alles zusammenzufassen, was mir über Land und Völker bekannt geworden und was ich aus eigener Erfahrung während der Zeit kennen gelernt und beobachtet habe, während welcher ich den »H. v. Wißmann« auf dem Nyassa-See führte. Die gewaltige, großartige Natur, hier in hehrer Majestät entfaltet, birgt soviel des Unbekannten, daß man mit vollem Interesse den Schöpfungen einer vorweltlichen Periode nachzuforschen bestrebt ist; nicht die unerforschten Tiefen des[S. 360] mächtigen Sees, die noch kein Senkblei ergründete, in dessen klarem Gewässer sich das Azurblau des wolkenlosen Tropenhimmels widerspiegelt, nicht die senkrecht aufstrebenden Felsenwände, die gigantisch in kolossalen Massen aufgethürmt, sich in die weite Ferne verlieren, allein sind es, welche Bewunderung und Staunen hervorrufen, vielmehr, da viele Jahrtausende noch nicht die Spuren einer einst gewaltigen Umwälzung, wie wir solche wohl ahnen, aber nicht erfassen können, verwischt haben, bieten sich dem Auge des Beobachters Räthsel auf Räthsel dar, zu deren Lösung darum die rechte Handhabe fehlt, weil alle Behauptungen auf ungewisse Vermuthungen aufgebaut sind und mit Recht kann in wissenschaftlicher Beziehung Afrika noch immer als der dunkle Erdtheil bezeichnet werden. Ehe ich mich aber auf das Feld ungewisser und unbewiesener Thatsachen begebe, eine bloße Theorie aufstelle, will ich vorerst die Wirklichkeit zu schildern suchen.
In südwestlicher Richtung von Langenburg in 10° 0´ S. Br. liegt am Westufer des Sees der Haupt-Handels- und Stapelplatz Karonga; eine einfache Niederlassung, wie alle in das Innere Afrikas vorgeschobene Posten, von gewöhnlich nur zwei Europäern ohne sonstigen militärischen Schutz besetzt. Am Strande erbaut, ist die Anlage und Wahl des Ortes keine glückliche zu nennen, schon deshalb nicht, weil die Annäherung zu Wasser für Schiffe und Boote eine schwierige und zu Zeiten unmögliche ist; weitabliegende Riffe, mit nur wenigen Ausläufern, auf denen ein Schiff ankern kann, findet es nirgends vor der von heftigen Süd- und Südost-Winden aufgewühlten gefährlichen See hier Schutz, und das Sicherste ist es, wenn keine zwingende Nothwendigkeit vorliegt, in der Periode der Passatwinde lieber die offene See während einer stürmischen Nacht zu halten, als vor Anker einen plötzlich auftretenden Sturm auszureiten. Zweimal war ich gezwungen es thun zu müssen, solche Situation ist aber in dunkler Nacht, wenn die schwere See über das Schiff hinwegbrüllt, die Ankerketten aufs Aeußerste durch den Anprall der Wogen straff gespannt werden und der Bug des Schiffes in die schäumenden Wellen unablässig eintaucht, keine angenehme.
Der »Domira« erging es hier einst bei heftigem Südwind sehr schlecht; nachdem die Ankerketten gebrochen waren, wurde das Schiff aufs Riff geworfen und wochenlanger Arbeit mit hunderten von Schwarzen bedurfte es, das gänzlich leere Schiff, zum Glück nicht schwer beschädigt, wieder abzubringen. Die ganze nördliche Küste des Sees, von der Pankanga-Bucht bis herum nach Langenburg bietet gegen die einzig zu fürchtenden Südwinde keinen Schutz. Die Wogen des tiefen, über 325 Seemeilen von Nord nach Süd sich erstreckenden Sees, brüllen, vom Sturme aufgewühlt, mit furchtbarer Gewalt gegen das nördliche Ufer und schützten nicht hohe natürliche Dämme die weite mit dem Niveau des Sees[S. 361] gleichliegende Konde-Ebene, die Wellen müßten sich über das fruchtbare Land ergießen. Cap Mshewere, 10° 30´ S. Br., der letzte nördliche Felsvorsprung des Angoni-Hochlandes, das oberhalb Pankanga-Bucht steil aus dem See aufstrebt, bildet den Abschluß der am See vorgelagerten Felskette dieses Gebirgsstocks. Nördlich von diesem Cap tritt es weiter und weiter zurück und vom Ufer des Sees bis zum Fuße der Berge erstreckt sich eine wellenförmige hügelige mit dichtem Busch bestandene Ebene. Gleichwie überall an der Westküste des Sees, wo die Gebirgsmassen zurückliegen, die verflachenden Ufer eine Annäherung nur auf 2 bis 500 Meter gestatten, so sind auch hier von der oberhalb Cap Mshewere liegenden Mdoka-Bucht nordwärts bis zum Kiwira-Fluß, auf dieser Küstenstrecke mehr oder weniger Sandanhäufungen vorgelagert, entstanden und gebildet durch das Material, welches die Flüsse und Bäche aus den Bergen herabschwemmen. Die bedeutendsten befinden sich bei Kaiguni, Karonga und an der Mündung des Saisi-Flusses. Das landschaftliche Bild dieser wilden, pitoresken Gegend, von den armen Wakamanga bewohnt, deren Dörfer vereinzelt am Seeufer oder im dichten Busch versteckt liegen, bietet als Urwildniß nichts erfreuliches für das Auge, zumal von einer Kultur noch keine Rede sein kann, wiewohl die ziemlich gut bewässerte Ebene und die Abhänge der Berge einen ertragreichen Boden vermuthen lassen.
Erst unterhalb Karonga, einige Kilometer von der englischen Station, finden sich von Arabern angelegte Schambas, namentlich eine ausgedehnte Pflanzung dem uns befreundeten Araber Mirambo gehörend, von welcher wir, wenn Zeit und Umstände es gestatteten, unsern Bedarf an Zwiebeln, Salat etc. deckten. Major von Wißmann hatte Mirambo als Dolmetscher und Führer in seine Dienste genommen und soweit ich diesen Araber beurtheilen kann, konnte ein begrenztes Vertrauen in dessen Gesinnung uns Deutschen gegenüber gesetzt werden, besonders da er den Major schon früher und nicht nur von Hören-Sagen kennen gelernt hatte. Uebrigens sind die Araber seit Jahrzehnten hier ansässig und haben sich etwa 8 Kilometer hinter Karonga einen festen Stützpunkt errichtet, der im Jahre 1880-81 von den vordringenden Engländern vergeblich berannt wurde; war auch nach dem Friedensschluß die Macht derselben gebrochen und die Sklavenausfuhr von dem westlichen Ufer, von Pankanga aus nach Amelia-Bai unterbrochen, so leiteten sie nun die Karawanen doch ungehindert durchs Gebiet der Wakonde, am Fuße des Livingstone-Gebirges entlang, dann im Rambirathal aufwärtssteigend, gewannen sie portugiesisches Territorium, in welchem sie eine noch heute mit ihnen sympathisirende Bevölkerung und Schutz und Beistand bis zur fernen Küste am indischen Ocean finden. Die Engländer, ohnmächtig dem schändlichen Gewerbe zu wehren, auch als Händler nur darauf[S. 362] bedacht ihre Stationen soweit als möglich nordwärts den Tanganjika hinauf vorzuschieben, um den Elfenbeinhandel möglichst nach Karonga abzulenken, haben erst vor Kurzem, seitdem ihre Kanonenboote den Nyassa-See befahren, mit der unbequemen Nachbarschaft hinter Karonga aufgeräumt und den Arabern wenigstens den Sklavenhandel auf dem See selbst verleidet.
Wie ertragreich und lohnend der Handel mit Elfenbein ist, der neben anderen Produkten meistens am Westufer des Tanganjika-Sees, ja selbst von der Ostseite aus deutschem Gebiet, von den vereinzelt auf der weiten Strecke vertheilten Händlern eingetauscht wird, erhellt daraus, daß ich selbst 1893 theils in Karonga, theils in Fort Johnston, nach meiner Schätzung 15 Tons = 300 Centner prachtvoller Elfenbeinzähne habe zur Verschiffung gelangen sehen und kann nicht umhin darauf hinzuweisen, mit welchem Vortheil das englische Kapital auch in den entlegentsten Theilen Afrikas zu arbeiten versteht. Es ist die deutsche Bedächtigkeit, die ein langsames aber sicheres Vorgehen empfiehlt, und man will nicht erkennen, daß, wo andere Nationen mit Riesenschritten vorwärts dringen, wir auch gleichberechtigt eintreten können und theilnehmen müßten an den Früchten, die jene ernten. Wie ganz anders, mit wie viel großartigerem Erfolge würde die koloniale Bestrebung, die Länder im Innern Afrikas uns zu erschließen, gefördert worden sein, wenn der geniale Gedanke des Majors von Wißmann, auf den gewaltigen Binnenseen Afrikas die deutsche Macht durch starke Schiffe vertreten zu sehen, die allmählich dem aufblühenden Handel bahnbrechen und schirmen sollten, nicht durch zagende Bedächtigkeit fast illusorisch geworden wäre; die Wege hat er wohl gewiesen und gezeigt, daß es vollbracht werden kann. Da der deutsche Besitz ein werthvolles Objekt ist, worauf so oft und leider so vergeblich die besten Kenner Afrikas hingewiesen haben, so ist es gewiß an der Zeit uns der Erkenntniß, das Versäumte doppelt eifrig nachzuholen, nicht mehr zu verschließen. Durch bedächtige Zögerung finden wir auf allen Wegen erstarkte Gegner vor, die sich das Errungene nicht leicht streitig machen lassen; aber vielleicht ist dieses erst nöthig, um für die deutsche Energie ein Sporn zu sein auch hier thatkräftig einzutreten in den Kampf mit der Konkurrenz, und es erkannt wird, daß sich auch hier im Ringen und Streben für des deutschen Volkes Wohl ein weites Feld eröffnet.
Die Thatsache, daß ein deutsches Schiff auf den Seen Inner-Afrikas vielen nur als ein geringes Werthobjekt bis jetzt erscheint, da wir leider unsere Handelsbeziehungen mit den Völkern des inneren Afrika noch nicht eröffnet haben sondern anstandslos den Engländern freies Feld lassen, Handel und Macht ihrerseits immer weiter auszudehnen, so ist es wenigstens ein Machtobjekt, das schirmen und schützen kann, was wir besitzen, und würdig die[S. 363] Flagge des deutschen Reiches, die über weite ausgedehnte Gebiete entfaltet ist, repräsentirt. Bezeugt die deutsche Energie aber auch hier einst, wie sie es im Dienste fremder Völker und Nationen so oft glänzend bewiesen, daß der befähigste Kulturmensch der Deutsche ist, dann, und die Zeit liegt nicht so fern, wird das Hochplateau des Central-Afrikas, die Gebirge, Thäler und Höhen, dem deutschen Fleiße ihre Schätze erschließen, eine Kultur entfalten, wie wir solche uns nicht haben träumen lassen.
Die Steavenson-road, die alte vom Nyassa- bis zum Tanganjika-See führende 225 englische Meilen lange Karawanenstraße, windet sich, etwa 5 Meilen hinter Karonga, auf heute bequemeren Pfaden zum Hochplateau, das zwischen diesen Seen gelagert liegt, hinan, und soll der einzige gangbare Weg sein, da vom deutschen Gebiete aus, durch die am Fuße des Gebirgsstocks zerstreut liegenden Felsentrümmer, kein geeigneter Pfad zur Höhe führt. Indes es würde sich wohl doch von der Konde-Ebene aus ein Weg finden lassen, längs den, von demselben Plateau entspringenden Flüssen Songwe, Saisi und Kiwira, die sich durch die Felsenmassen einen Weg gebahnt haben. Es kommen vorläufig nur Träger in Frage — also ein deutsches Handelsunternehmen würde unabhängig von den Engländern und wahrscheinlich unter viel besseren Bedingungen ins Leben treten können, wenn, was die erste Vorbedingung ist, eine sichere Straße vom Nyassa-See bis zur Küste am indischen Ozean eröffnet sein wird. Die gut bewässerte Ebene oberhalb Karonga, welche von den Flüssen Kukuru, Lufira, Kaporra durchzogen wird, zeigt schon bei flüchtiger Beobachtung eine äußerst reiche Vegetation, welche einestheils auf den fruchtbaren Boden zurückzuführen ist, anderntheils darauf, daß hier die Unsitte, Grasflächen durch Feuer zu zerstören, wie es sonst überall üblich und wodurch weite Waldbestände mit vernichtet werden, nicht gebräuchlich ist.
Die englische Missionsstation Njerenya, auf einem dem weit zurückliegenden Gebirge vorgelagerten hohen Hügelrücken erbaut, zeugt als Kulturstation auch in agrikultureller Hinsicht von der bedeutenden Ertragfähigkeit des Bodens, und ohne Frage eignen sich die Gebirgsabhänge zur Anlage von tropischen Pflanzungen und Plantagen, zumal auch auf den Höhen ein für den Europäer leidlich gutes Klima gefunden wird. Eine Gebirgswelt voll wilder Schönheit ist es, die der Fluß Songwe, der als deutsche Grenze festgesetzt ist, durchzieht; durch die granitenen mit Feldspat stark durchsetzten Felsenmassen sich hindurchwindend, ist er gleichfalls eine Scheidegrenze der hier in der Ebene vorhandenen Volksstämme. Während die an seinen Ufern zahlreiche Bevölkerung durch den Ansturm der verwüstenden Araberhorden auf beständige Abwehr bedacht sein mußte, ist diese in den Gebieten der heutigen Häuptlinge Makirime, Makjembe, Makinsa weniger der völkervernichtenden Plage[S. 364] ausgesetzt gewesen. Auch haben die eingewanderten kriegerischen Zulustämme nach allmählicher Eroberung des Nyassa-Hochlandes vor dieser Barriere Halt gemacht, und die Urbevölkerung, ein muskelöser schlanker Volksstamm von dunklerer Hautfarbe als die Zulu, hat die reiche Ebene behaupten können und ist nicht durch scheußliche Sklavenjagden dezimirt worden.
Was im Allgemeinen von den Wakonde gesagt werden kann, so haben sie neben der markanten kriegerischen Eigenschaft einen hervorragenden Sinn für Ackerbau; der fruchtbare Boden lohnt hundertfach die geringe Mühe und Arbeit, welche seine Bearbeitung erfordert. Die Gärten in schöner Gleichmäßigkeit angelegt, zeugen von Kunstsinn und Fleiß, der darauf verwendet ist. So auch sind die Hütten, eigentlich kleine, bunt bemalte Häuser, von angenehmen Aeußern und peinlicher Reinlichkeit im Innern, was man sonst in den Negerhütten nirgendswo findet. Mit Vorliebe in einem Bananenwald erbaut, bieten die Häuschen ein idyllisches Bild und dort wo die Bevölkerung eine dichtere, an den Ufern der Flüsse, reiht sich Haus an Haus zu beiden Seiten, und auffällig ist die Symmetrie, die in der Anlage langer Straßen vorherrscht. Das Weib steht auch bei den Wakonde auf einer höheren Stufe, es ist nicht wie bei den übrigen Volksstämmen die Sklavin und Arbeiterin des Mannes, sondern nimmt hier einen gleichberechtigten Platz ein und theilt die meisten legalen Rechte des Mannes, vor Allem steht die Frau eines herrschenden Häuptlings, »Mwehe« genannt, in hohem Ansehn und besitzt einen beträchtlich ausgedehnten Einfluß.
Auf Grund solcher gesitteten Anschauungen fällt dem männlichen Theil denn auch eine beträchtliche Arbeit zu; als besondere Spezialität mag die Verfertigung von Waffen erwähnt werden, die, neben anderen hervorragenden Eigenschaften dieses Volkes, von künstlerischer Fertigkeit Zeugniß geben. Die Nkonde-Speere sind berühmt und mehr als 20 verschiedene Arten von auffallend schöner Arbeit in Gebrauch. Schon bei flüchtiger Untersuchung findet man, daß die Gebirgsmassen sehr eisenhaltig sind, es liegt so zu sagen auf der Oberfläche und mit leichter Mühe sammeln es die Bewohner, denn eisenhaltige Steine, wie ich mich selbst habe überzeugen können, liegen in großer Zahl an den Abhängen des Livingstone-Gebirges zerstreut umher. Einfache Hochöfen sind es, die zur Gewinnung von reinem Eisen zur Anwendung kommen. Aus Thon fest aufgeführte Röhren, die mit einem starken Mantel umgeben sind, werden solche zum Theil mit zerkleinertem Eisenstein, zum Theil mit Holzkohle angefüllt; am Boden befinden sich meistens drei Feueröffnungen, die die Luftzirkulation ermöglichen. Die in Gluth gerathene Kohle entwickelt solche enorme Hitze, daß in verhältnißmäßig kurzer Zeit das flüssig gewordene Eisen abfließt. Erkaltet, muß der Ofen meistens niedergebrochen werden; die[S. 365] Ausbeute an Eisen aber, wenn auch nicht groß, verlohnt doch die gehabte Mühe.
So primitiv wie diese Prozedur, ist auch die Bearbeitung des Eisens; zum Schmiedehammer dient ein Stein, zum Ambos ebenfalls, der Blasebalg aber ist ein Ziegenfell. Einer getödteten Ziege wird das ganze Fell so abgezogen, daß nur die Hals- und Beinöffnungen vorhanden sind; in eine der letzteren wird dann ein kurzes Bambusrohr befestigt und damit dieses an der Feuergluth nicht so leicht verbrennt mit Eisen umgeben, alle anderen aber werden fest zugebunden. Die Halsöffnung nimmt der Bläser so in die Hand, daß er die Luft nach Belieben eintreten lassen kann und zwar, wenn geschmiedet wird, drückt er mit Knie und Armen den Balg zusammen, wodurch die Luft schnell durch das Bambusrohr austritt und das Feuer schnell anfacht. Geschick und Uebung mit Ausdauer, machen es möglich das zähe Material selbst auf so einfache Weise zu bearbeiten. Man sollte meinen ein aus weichem Eisen hergestellter Gegenstand, Speer oder Messer, könne keine scharfe Schneide erhalten, jedoch durch das unausgesetzte Hämmern der so kleinen aneinander geschweißten Eisentheilchen wird doch eine beträchtliche Härte erzielt, obschon die Methode, auf einfachere Art Eisen zu härten, den Bewohnern dieser Gegend noch unbekannt ist.
Weiter nördlich, in das Gebiet des Kiwira und Mbaka-Flusses steigt die tiefliegende Konde-Ebene allmählich an und man gelangt in die Region der Krater, die amphitheatralisch sich über die ganze weite Strecke von der Felsenwand des Livingstone-Gebirges bis zu den genannten Flüssen erstrecken; hier hat die zersetzte Lava einen überaus ertragfähigen Boden hinterlassen und die denkbar reichste Vegetation blüht auf dem Trümmerfeld erloschener Vulkane. Zudem fördert reichlicher Regen selbst in der eigentlichen Trockenperiode das Wachsthum der Flora ungemein, Bananen, Palmen (Fächerpalme), Bamboo, Schlingpflanzen etc. bedecken überall den Boden. Durchfurcht von langgestreckten Thälern, die sich zum Nyassa-See erweitern, hebt sich zu einer Höhe von 4000´, vielfach in Kegelform und umgeben von zerklüfteten Massen, das vulkanische Plateau über die Konde-Ebene empor; Lavaströme, Aschenfelder, heiße in Thätigkeit befindliche Schwefelquellen geben der ganzen, im Schmucke überreicher Vegetation erscheinenden Gegend einen ausgesprochenen plutonischen Charakter.
Im Innern der erloschenen Krater, deren weite ausgedehnte Oeffnungen heute mit Wasser ausgefüllt sind, haben sich mehr oder weniger umfangreiche Seen gebildet, belebt mit Fischen, wilden Enten etc., sogar auch Flußpferde haben sich in diese abgelegene in wilder Schönheit prangende Einsamkeit zurückgezogen. Die bedeutendsten dieser Seen sind der Kiangururu, Itende, Kisiwa,[S. 366] neben einer ganzen Anzahl kleinerer von unbedeutender Ausdehnung, die jedoch nach Lage der einzelnen Kraterkegel über das weite vulkanische Gebiet zerstreut liegen. Gleich Zwergen aber, müssen diese einst Feuer und Flammen speienden Berge, gegenüber den Vulkanen Rungwe und Kieyo, erscheinen die heute wie alle anderen todt und erloschen, ihre mächtigen bis zum Gipfel dicht mit Bamboo und anderen Pflanzen bewachsenen 9000´ hohen Häupter, als isolirte Bergkegel, über ihre weite Umgebung empor heben, und versetzt man sich zurück in die graue Vergangenheit, müssen hier plutonische Kräfte in ausgedehntestem Maße gewirkt haben.
Wie erwähnt bewohnen die weite Ebene die Wakonde und zu diesen gehörig die Awanzakuisa und Wundale, näher dem Livingstone-Gebirge die Wa-Tukwa, in deren Gebiet die deutsche Missionsstation Wangemannshöhe erbaut ist.
Sitten und Gebräuche dieser hier lebenden Volksstämme weichen von einander wenig ab und was ich anführen will, gilt im Allgemeinen für alle. Bemerkt wurde schon, daß die Bevölkerung ein schlanker, muskulöser Menschenschlag ist, in ihrer Weise der harten Arbeit zugethan, dabei treu und offenherzig; freimüthig geben sie Versprechen ohne sich bewußt zu sein, daß solche gehalten werden müssen. Dem Gaste, der Einkehr hält, bringt der Wirth ein Bananenbündel, das er zur Sättigung herbeiholt. Zum Abhacken der oft recht schweren Fruchtbündel bedienen sie sich eines eigenartig geformten Handmessers, dessen praktische Anwendung jeder Europäer zugestehen muß. Verstümmlungen an Armen, Beinen, Ohren oder Lippen, wie solche barbarische Strafen bei fast allen afrikanischen Völkern in Gebrauch sind, findet man unter diesen Stämmen kaum, obgleich sie auch nicht gänzlich von diesen Gebräuchen frei zu sprechen sind. Vorgekommen soll es sein, und wahrscheinlich wohl öfter, daß beim Tode eines großen Häuptlings mit diesem Leute lebendig begraben worden sind, jedoch ist diese Unsitte zumeist auf den verhängnißvollen Einfluß ihrer Zauberer zurückzuführen, die neben den Priestern (Waputi) unbeschränkte Macht besitzen.
So zum Beispiel üben an einigen Orten alte Zauberer eine extraordinäre Gewalt über die Bevölkerung aus; ihr Thun und Treiben im Dunkeln gehüllt, sprechen sie in Versammlungen nur des Nachts, zu denen allein die Ersten des Stammes Zutritt haben. Während einer solchen, vorher bestimmten Zusammenkunft müssen alle anderen Stimmen schweigen und jedes Feuer ausgelöscht sein. In Wundale glaubt die Bevölkerung, daß ein Zauberer sogar die Macht besitzt, Löwen als Boten des Uebels auszusenden, wohin es ihm beliebt. Haben Streitigkeiten stattgefunden und eine Partei verweigert eine gütliche Beilegung, so sendet er die Löwen, die nach dem Glauben in dem hohen Grase, welches die Behausung des Zauberers umgiebt, gleich Hunden leben sollen, aus und läßt[S. 367] den Viehstand der Unfolgsamen zerreißen. Natürlich ist dies nur eine berechnete Spekulation des unnahbaren Weisen, der mit seinen Helfershelfern in Löwenfelle gekleidet, Uebels zu thun imstande ist, zumal der krasse Aberglaube der Eingebornen ihm kein Hinderniß in den Weg legt. Uebrigens bedienen sich auch die Zauberer bei anderen Stämmen mit Vorliebe des Hyänenfelles und führen nächtlicher Weile in solcher Verkleidung ungehindert ihre meist bösen Absichten aus.
Die alten Begräbnißstätten »Isyeta« genannt, dichte und undurchdringliche Waldreviere, deren Dickicht kein Sonnenstrahl zu durchdringen vermag, sind geheiligte Orte, wo ihre Voreltern begraben liegen sollen; diese werden nur von den Waputi (Priestern) betreten, um dort in Zeiten der Bedrängniß zu den Geistern der Vorfahren zu beten. Antwort bringen ihnen die Awa-raghusi (Propheten), denen, wenn Krieg oder Seuche den Stamm heimgesucht hat, von den Priestern das Blut und der Kopf eines Bullen geopfert wird.
Eine eigenthümliche Art, sich über den Tod eines ihrer Angehörigen Gewißheit zu verschaffen, ist bei allen Stämmen im Norden des Nyassa-Sees Sitte, mit Ausnahme der im Kriege Gefallenen, nämlich: ist jemand verstorben, wird von einem schon älteren Angehörigen des Todten diesem sogleich mit einem scharfen Bamboohölzchen der Leib soweit aufgeritzt, daß die Eingeweide hervortreten, dann nach einer eingehenden Inspiezirung derselben wird der Verstorbene sofort vor dem Hause in sitzender Stellung vergraben. Selbstverständlich weichen dabei die Zeremonien von denen anderer Volksstämme wenig ab. Treten Seuchen auf, namentlich die gefürchteten Pocken, werden die Todten bei größerer Sterblichkeit außerhalb der Dörfer an entlegenen Orten begraben, aber schon nach Verlauf eines Jahres werden die Gräber von den betreffenden Angehörigen wieder in einer gewissen Nacht geöffnet und die Gebeine in dichten Gebüschen zu Haufen umher gestreut, sodaß hauptsächlich in Wundale, überall die Gebüsche mit bleichenden Menschenknochen voll sind.
Haben diese Stämme, vor allen die Wakonde, ihre Geschicklichkeit in der Bearbeitung von Eisen bewiesen, so sind sie doch nie darauf verfallen ihre Kleidung zu verbessern, sofern überhaupt von solcher die Rede sein kann, da die Frauen allein nur im bescheidensten Maaße des Feigenblattes sich bedienen, wenn auch nicht gerade dieses, weil es nicht erhältlich, so doch mit feinen Geweben, welche die Fächerpalme und auch Bananenstämme ihnen liefern, und die ganze Bekleidung ausmachen.
Besonderer Erwähnung verdient noch die Aufführung eines Hochzeitsreigen bei den Wakonde. Die Braut wird von den jungen Mädchen und Frauen am Hochzeitsmorgen am Bache, nachdem ihr die Haare abgeschoren worden, was mit so primitiven Werkzeugen[S. 368] als ihre Messer es sind, eine ziemlich schmerzhafte und umständliche Prozedur ist, gebadet und mit Oel eingerieben. Der einzige Schmuck, da von einem Brautgewand aus Mangel an einem solchen Abstand genommen werden muß, die Braut sich also fast in Eva-Kostüm präsentirt, ist ein Kranz von rothen Blumen um den Kopf gewunden. Darauf hält aus dem Kreise der Frauen eine würdige Matrone an die Braut eine Ansprache, die dieser die ihrer wartenden Pflichten aufzählt; dann rangiren sich die Brautjungfern, meistens zehn an der Zahl, vor und hinter der Braut, nachdem dieser vorher ein Körbchen mit Korn, in welchem ein kleineres, ebenso gefüllt und auf dieses wieder ein Topf mit Erde steht, überreicht und auf deren Kopf gesetzt worden ist. Alle legen die Hände auf die Schultern der Vorstehenden, und so umgeben von Palmenblätter tragenden Frauen setzt sich der Zug im Gänsemarsch nach dem Dorfe in Bewegung. Ein leiser Gesang, nach dessem Rhythmus marschirt wird, wobei die Körper in taktmäßiger Bewegung sich hin und her wiegen, ertönt; die mitziehenden Weiber aber suchen rechts und links umher um die Braut und den Zug vor einem vermeintlichen Feind zu schützen.
Zum Dorfe gelangt, geht der leise Gesang in ein anhaltendes ohrbetäubendes Geschrei über, bis aus dem Dorfe eine Schaar bewaffneter junger Männer auf die Gruppe einstürmt, die, geführt von dem Bruder der Braut, sich zu derem Schutze, die Speere schwingend, bereitstellt. Eine andere Schaar, geführt von dem Bräutigam, stürmt nun auf erstere ein mit der Absicht durchzubrechen und sich der Braut zu bemächtigen; ein unblutiger Kampf mit wildem Kriegsgeschrei beginnt nun, alle wehren den Bräutigam ab, bis die Weiber die Braut in Sicherheit gebracht haben, dann erst stellt ihr Bruder den umhersuchenden jungen Mann mit den Worten: Wen suchst du? — Meine Braut! ist die Antwort. — Wenn du sie findest, willst du mit ihrem Volke leben und ernten? — Der Bräutigam antwortet: Laß mich suchen meine Braut und finde ich sie, will ich mit ihrem Volke leben, ich will kämpfen vereint mit diesem und als Beweis gebe ich dir meine Waffen. Die beiden Führer tauschen die Speere, heben sie über ihre Köpfe und brechen sie entzwei, die Stücke in das Gras werfend. Nun verbinden sich beide Parteien und ein endloses Suchen nach der Braut, die von den Weibern gut verborgen gehalten wird, beginnt, das oftmals bis in die sinkende Nacht fortgesetzt wird; bei Tanz und Gelage feiern sie dann die Nacht hindurch. Am anderen Morgen aber gehen die jungen Mädchen von Haus zu Haus und sammeln Geschenke für das junge Paar ein.
Was ich Näheres über die große Konde-Ebene gesagt, der Beschaffenheit und Fruchtbarkeit des Landes, so ist diese für uns ein nicht zu unterschätzender Besitz; reich an Erzeugnissen afrikanischer Kultur, kann man solche als eine Vorrathskammer betrachten.[S. 369] Die Ackerbau treibenden fleißigen Stämme daselbst haben auch, was für viele andere der Untergang gewesen, bisher die Sklaverei von sich fernzuhalten gewußt, selbst die Araber gewannen keinen bedeutenden Einfluß, auch nicht mit Waffengewalt, und heute unter deutschem Schutz verspricht das Kondeland für die Zukunft, nach friedlicher Entwicklung der gesegneten Fluren, in Wahrheit eine Perle unserer Besitzungen zu werden.
Nicht nur an Naturerzeugnissen reich, als mehrere Arten Bananen, Erbsen, Bohnen, Bataten und Gartenfrüchten, war früher, ehe die durch Afrika ziehende furchtbare Viehseuche den Viehbestand mit Einschluß der gewaltigen Büffelheerden fast vernichtet hatte, in der Konde-Ebene der Reichthum an Rinder ein sehr großer; mächtige Heerden weideten an den Abhängen der Gebirge, wo heute fast nur Ziegen und Schafe zu sehen sind. Eine geraume Zeit wird es währen, bis durch sorgsame Nachzucht der Viehbestand sich wieder gehoben hat; sonst war ein Stück Rind den Bewohnern von sehr geringem Werthe, für ein wenig Kupfer- oder Messingdraht schon erhältlich, jetzt aber sind einem glücklichen Besitzer seine Rinder nicht mehr wohlfeil.
Wie eine von mir mit Sorgsamkeit aufgenommene Karte zeigt, erheben sich die Sanddünen, ein Schutzwall für die dahinter tiefliegende Ebene, erst in der eigentlichen Wißmann-Bay aber so hoch, daß, vom Mastkorb des »H. v. Wißmann« aus, diese nicht zu überblicken waren, höchstens sind die Dächer der in grünen Bananenhainen zerstreut liegenden Häuser und Hütten und die Kronen gewaltiger uralter Baobobbäume zu erkennen.
Steil zur großen Tiefe fallen die Ufer ab, und es kann schon an den Mündungen des Mbaka- und Lufirio-Flusses kein Ankergrund mehr gefunden werden, auch unter den mit ganz schmalem Vorland fast senkrecht aufstrebenden Felsenmassen des Livingstone-Gebirges ist es möglich, auf nur ganz geringem Abstand vom Lande mit dem Schiffe entlang zu laufen. Ueberall aber auf dem verwitterten Gestein zeigt sich eine reiche Vegetation, vor allem an den Ausflüssen einiger Sturzbäche, die sich aus gewaltigen Felsenschluchten in den See ergießen; entsprungen dem höchsten Felsengebiet, stürzen sich die Wasser die steilen Granitwände herab und bilden auf Terrassen kleine Seen und Strudel, in welchen Fische und andere Thierarten zahlreich leben. Vornehmlich die Felsschlucht, vor welcher die deutsche Missionsstation Ikombe im Schatten mächtiger Tamarinden- und Baobobbäume erbaut ist, bietet einen wildromantischen Anblick; herausgerissen, abgesprengt, gleichsam als hätten Gletschermassen in grauer Vorzeit hier ihre Kraft erprobt, thürmt sich Fels auf Fels, die Schlucht verengend, in welcher das kalte kristallklare Wasser eines Baches brausend hinfließt.
Neben dieser ist oberhalb Langenburg, 3/4 Stunden von der[S. 370] Station entfernt, eine ähnliche Schlucht, tief und weit ragen die Felsen in mächtiger Form empor, Giganten, an deren Fuß abgestürzte Blöcke zerstreut liegen. Eine Exkursion mit dem Major hierher einst unternommen, zum Zwecke, in dem hohen Waldbestand, der die steilen Höhen krönt, einen schönen schlanken Flaggenmast für die Station auszusuchen, trat uns hier so recht die erhabene, großartige Natur vor Augen. Die Felsenwand in der Nähe von Langenburg geht mehr zur abgerundeten Bergform über; durchschnitten vom Rambirathal, erheben sich die Granitmassen keine tausend Fuß von der Station entfernt, fast senkrecht bis zu einer bedeutenden Höhe, dicht bestanden mit Bäumen, zwischen denen grüne Matten sich leuchtend hervorheben, saftige Weidegründe für das Vieh. Ein grausig-schönes Bild aber ist es, in der Rambiraschlucht aufwärtssteigend, tief unter sich die braunen Fluthen des Flusses wilddonnernd von den Bergwänden herabstürzen zu sehen; mit rapider Schnelligkeit wirbeln sie dahin und färben zur Regenzeit weit hinaus in den See dessen klare Wasser, daß der meinen könnte, auf eine Sandbank laufen zu müssen, welchem die Ursache dieser Erscheinung unbekannt ist.
Die ausgedehnte Landzunge, von der Felswand bis zur äußersten Spitze ist 1500´ lang und etwa 600´ breit, querdurch bis zum Flusse, ist sie einzig nur gebildet durch das Material, welches der Fluß aus dem Gebirge zugeführt und abgelagert hat; es haben Lehm und Thonschichten, vermengt mit Granitgeröll, allmählich dieses Vorland entstehen lassen. Die Frage, wieviel Jahrtausende hat wohl der Rambirafluß gebraucht, diese Erdmassen hier abzusetzen, muß unbeantwortet bleiben, da solche einen Zeitraum umspannen würden, der für die für die Ewigkeit erbauten Felsenmassen ein Nichts, für das Fassungsvermögen des Menschen aber ein ungeheurer sein muß!
Die ganze Fläche, die 6 bis 8 Fuß über dem Niveau des Sees liegt, bedecken verschiedenartige Bäume und Sträucher, wovon einzelne, Tamarinde etc. für die Bewohner willkommene Früchte bieten. Der kleine Bananenwald aber, am Ufer des Flusses auf sehr fruchtbarem Erdreich angelegt, thut das Seine dazu, das schöne Bild, wie es hier die Urnatur geschaffen, zu vervollständigen.
Am Strande und weit aufs Land haben Wind und Wogen Sandflächen gebildet, wo spärlich dürftige Kräuter und Gras nur fortkommen können; jedoch der Untergrund muß ein kompakter sein, was aus dem hinter der Station aufgefundenen thon- und lehmhaltigen Erdreich zu schließen ist. Diese Funde, wovon heute Ziegel gebrannt werden, um die Station und Wohnungen aus Stein zu erbauen, sind von vorzüglicher Qualität und vor langer Zeit, als der Fluß noch eine nordwestliche anstatt wie jetzt südwestliche Richtung gehabt, abgelagert worden.
Die Verbindung mit der sehr reichen Konde-Ebene, die[S. 371] meistens mit den Booten oder Kanoes hergestellt wurde, hat es bis jetzt noch nicht nothwendig erscheinen lassen, nur auf den Ertrag des Landes angewiesen zu sein, gleichwohl sind bereits Anpflanzungen und Gärten angelegt worden, doch an eine Ernte ist wegen der alles zerstörenden Heuschreckenschwärme, die das ganze Central-Afrika überfluthet haben, in diesem Jahre (1894) nicht zu denken, nur die wenigen auf Rambira ansässigen Wakissi gewinnen ihre geringen Bedürfnisse dem zum Theil spärlichen Boden ab. Ich hatte hier auch Gelegenheit, die Geschicklichkeit der Wakissi-Frauen zu beobachten, wie sie kunstgerecht aus freier Hand ihre großen Vorrathtöpfe aus Thon formen, und nach dem dazu verwendeten Material zu urtheilen, mußten ihnen Thonlager von überaus guter Qualität bekannt sein, die sie uns aber weder zeigen, noch deren Lage angeben wollten. Obgleich die Station Langenburg zwar geschützt gelegen ist, haben doch die Winde freien Zutritt, ihr kühlerer Hauch lindert die erdrückende Hitze und während der Nächte weht häufig ein kalter Luftstrom von den hohen Bergen herab, zuweilen brechen auch sturmartige Böen aus dem Rambirathal hervor. Das Klima ist als ein mittelmäßig gutes zu betrachten, obwohl Fiebererscheinungen nicht ausgeschlossen sind; zwar starben hier in 1-1/2 Jahren zwei Mitglieder der Expedition, Eben und Zander, beide aber nur infolge geschwächter Gesundheit und weil sie den ärztlichen Rath, Afrika zu verlassen, nicht befolgt hatten. Die günstige Lage der Station, am Fuße des Gebirges, würde es gesundheitlich sehr empfehlenswerth erscheinen lassen, wenn auf den hohen Bergabhängen, wegen der freieren und frischen Luft dort oben, Wohnstätten für Europäer errichtet würden; ist das Felsenterrain auch sehr zerrissen und schwierig zu begehen, so sind die Vortheile doch nicht zu unterschätzen! —
Bald nach unserer Rückkehr von der ersten Forschungstour beabsichtigte Major von Wißmann mit dem Schiffe eine Reise südwärts anzutreten, und so lichteten wir am 26. September die Anker.
Von Rambira südwärts, heben sich die Felsenwände wieder steil aus dem See empor und man kann auf einen Abstand von weniger als hundert Fuß ungehindert mit jedem Schiffe längs der Küste entlang fahren; nur an Stellen, wo Sturzbäche, Kies und Erde im Laufe der Zeiten angesammelt oder kleinere Schluchten solchen freieren Spielraum zur Ablagerung dieses Materials gelassen haben, wird durch das so gebildete Vorland ein größerer Abstand nöthig. An solchen Orten hat aber auch die Vegetation zur freien Entwicklung genügend Raum gefunden und hauptsächlich an solchen Stellen haben sich Wakissi ihre Wohnstätten errichtet. Schutz- und rechtlos, bisher von ihren Feinden hart bedrängt, lebt dieser Volksstamm zum großen Theil nur von Fischfang; sie bestellen aber auch an lohnenden Orten, wo sich die Felsabhänge[S. 372] zur Anlage eignen ihre Felder, in denen als eine Art Wachtposten immer einzelne Hütten errichtet sind, zum Schutz gegen die räuberischen Wagwangwara, die das Hochplateau und die Thäler des Gebirges bewohnen. Häufig genug nehmen diese den armen Wakissi ihre Ernte weg, dazu zerstören Schaaren großer Affen, welche wir häufig genug auf den Höhen und am Strande zu sehen bekamen, gelegentlich die Felder. Ueberall an der Küste, wo abgelagertes Vorland die Anlage größerer und kleinerer Dörfer gestattet, sowie in zurückliegenden Buchten, haben sich die Wakissi niedergelassen, sie treten einzig nur mit ihren Nachbarn, den höher im Gebirge wohnenden Wakinga und Wagogo in Verkehr, die sich zur Sicherheit und Schutz meistens an isolirt stehende Bergkegel angebaut haben, um im Fall der Noth auf schwer zugängliche Abhänge sich zurückzuziehen, sobald die raublustigen Wagwangwara sie heimsuchen, gegen die sie machtlos sind. Wohl zahlreich genug, sammeln sie sich doch zur Abwehr der Feinde nur selten, auch meistens erst, wenn den Wegelagerern ein Ueberfall gelungen ist und solche mit ihrer Beute längst entkommen sind.
Als die hauptsächlichsten Ortschaften der Wakissi wären Mbimbi, Waboja, Bifungo (Busse-Hafen), Pamboeja und Bopingo (Kroyser-Bucht) zu erwähnen, letztere ein tiefer Landeinschnitt von bedeutender Ausdehnung. Die mächtigen Felsenmassen erscheinen hier getrennt und weit ins Land erst, über abgerundete hohe Hügel hinweg, steigt das Gebirge wieder in massiven Massen auf. Eine ruhige stille Bucht, offen nur gegen westlichen Wind, würde hier ein guter Hafen sein, wenn nicht die Wassertiefe, 950 Fuß und mehr, bis dicht unter Land 40 bis 50 Meter vom Ufer, so enorm wäre; steil gleich den Felsenwänden fällt das Ufer ab und ein Anker findet nirgends festen Halt; die Nächte, welche ich in dieser Bucht gezwungen war zu verbringen, kann ich mit zu den ungemüthlichsten rechnen.
Erwähnenswerthe Abwechselungen bietet weiter südlich die steile Küste nicht, außer der wechselvollen Scenerie der Bergformationen, Zeugen einer vieltausend Jahre zurückliegenden Zeitperiode, der zersetzenden Kraft der Wasser, die das harte Gestein allmählig tief durchfurcht haben, wäre nur noch der in Felsschluchten und an den Abhängen wild und üppig sprießenden Vegetation Erwähnung zu thun. Mit Kap Bango auf 10° 27´ S. Br. als letzten Felsenpfeiler, schließt die kompakte Gebirgsmasse des Livingstone-Gebirges plötzlich ab; von hier auf eine Strecke von 37 Seemeilen südwärts, sind dem (Amelia-Bai Windhafen) wieder zurückfallendem Hochgebirge, das seine Ausläufer auf 11° 3´ S. Br. erst zum See vorschiebt, zerrissene Hügelketten und Flachland vorgelagert.
Man muß, wie ich im nächsten Kapitel zeigen werde, auf die Vermuthung kommen, daß dieses plötzliche Abbrechen der soliden Granitmassen nicht auf ursprüngliche Bildung zurückzuführen ist,[S. 373] vielmehr ein Ausgleich zerstörender Kräfte stattgefunden hat, da auch das gegenüberliegende Kap Mschewere — der See ist hier am schmalsten, nur 22 Seemeilen breit — ebenso abbricht; während von diesem Kap nordwärts Hügel und flaches Land das Ufer des Sees bilden, ist solches von Kap Bango südwärts der Fall.
Am Morgen des 28. September, mit dem Schiffe dicht unter die massiven steilen Felsen hinziehend, das Wasser des Sees hier tiefblau und ruhig, konnten wir weitab von der Küste die vom heftigen Ostwinde stark aufgewühlten Fluthen beobachten, während am Kap Bango selbst aus der tiefen Amelia-Bai ein stürmischer Wind herausfegte, sodaß, als wir auf keine hundert Fuß Abstand um dieses herumsteuerten, wir plötzlich von der Gewalt des Windes erfaßt, mit Mühe nur unsere Sonnensegel zu bergen imstande waren. Stoßweise mit furchtbarer Gewalt gleich Wirbelböen faßte der Wind das Schiff und erst weit in die tiefe Bucht hinein wurden die Windstöße minder heftig.
Zur Linken die starren Felsenmassen, lag vor uns ein öder Sandstrand, der aus zermalmten Granit, Gneis und Feldspat bestand, während halb zur Rechten, einen Vorsprung in die Bai bildend, hohe abgerundete, isolirt liegende Bergkegel vorgeschoben waren, die im Gegensatz zu den zerrissenen Felsenthürmen des Gebirges die Vermuthung erwecken können, als wären sie hier aufgethürmt worden, oder ihre solide Granitmasse habe den Ansturm einer verheerenden Gewalt, welcher minderhartes Gestein hat weichen müssen, erfolgreich widerstanden.
Als wir uns dem Sandstrand näherten, wollte es scheinen, als erstrecke sich von diesem in die Bai hinein ein flacherer Grund, der auf genügendem Abstand vom Lande dem Schiffe guten Ankergrund bieten würde, allein näher und näher gekommen berührte das Loth erst ganz nahe dem Lande auf 120 Fuß Tiefe den Grund; dicht am Strande noch 6 Fuß Wasser, fiel auch hier das Ufer wie überall bisher, gleich einer steilen Bergwand ab. Wohl ankerten wir hier, da Major v. Wißmann mit der Bevölkerung sich in Verbindung setzen wollte, aber nur durch ein am Strande eingesetztes Warpanker war es möglich das Schiff vor dem Abtreiben zu bewahren; hätte ein anderer als der starke östliche Wind geweht, wäre es unmöglich gewesen hier zu verbleiben. So Schutz verheißend und ruhig die weite Bai auch erschien, nirgendswo in derselben fanden wir, außer in gefährlicher Nähe des Landes, Ankergrund und es für rathsam haltend lieber nochmals einen Versuch zu machen, ob nicht unter dem flach und weit in den See sich erstreckenden Südufer solcher zu finden sei, lichteten wir nach mehrstündigen Aufenthalt wieder Anker d. h. nachdem der Halt am Lande dem Schiffe genommen war, trieb dieses mit 100 Fuß Kette, einfach ab, da das Anker ohne zu fassen abrutschte.
Günstiger gestaltete sich die Lage unter dem flacher verlaufenden[S. 374] Südufer der Bai insofern, als Tiefen von 18-45 Fuß auf eine Entfernung von 100 Meter vom Strande gefunden wurden und darüber hinaus erst das Loth kein Grund mehr fand, indes für diesmal und später war es nöthig ein Anker auf flacherem, das andere auf tieferem Wasser fallen zu lassen, um sowohl gegen südlichen als nordwestlichen Wind gesichert zu liegen.
Der große Luhobu-Fluß, der in weit größerer Ausdehnung als der Rambira sich aus einer Felsschlucht des Gebirges herauswältzt, hat ebenso wie letzterer im Laufe der Zeiten dieses ausgedehnte Vorland gebildet; Thon, Lehm und Granitgeröll, durch viele Bäche von den Bergen in dessen Bett geschwemmt, lagerte sich dieses Material immerwährend an der Mündung des Flusses ab und von keiner Strömung hinweggeführt, konnte sich solche Landzunge auch hier bilden. Von den starken Südwinden zusammengeweht, gleich niedrigen Dünen, liegt der leichte Sand am Ufer der Bai aufgethürmt eine weite Strecke bedeckend, während das Gebiet, welches der Fluß in der von ihm gebildeten Ebene durchfließt, viel niedriger ist, hier aber auch die Thon- und Lehmschichten unbedeckt sind. Wanderungen durch diese mit spärlichem Baumwuchs, desto reicherem Busch und Gras bestandene Anschwemmung längs dem Ufer des Luhobu, ließen es mir wegen der von der Sonnengluth zerrissenen harten Morastschicht als wahrscheinlich erscheinen, daß der Fluß in der Regenzeit seine Ufer weit überschwemme und dadurch auch die Ablagerung der zugeführten Thon- und Granitmassen begünstigt werde. Reich bebautes Land fand ich nur an der Mündung des Luhobu, wo eine Ortschaft Mikamira von armseligen Wakissi angelegt ist; diese sind den Wagwangwara tributpflichtig, was aber diese armen Menschen eigentlich zahlen blieb mir ein Räthsel. In der Bai selbst fand ich noch 3 Pfahldörfer, verfallen und abgerissen, und habe ich später, um Feuerholz hier zu erhalten, die über Wasser stehenden Pfähle abschlagen lassen. Die Wakissi haben also aus den früher schon angeführten Gründen auch hier ihre Zufluchtsstätten auf dem Wasser gänzlich aufgegeben.
Amelia-Bai, einst der Stapelplatz für die Sklaveneinfuhr, welche, als die gegenüberliegende Deep-Bai und Pankanga-Bucht noch nicht den arabischen Händlern verschlossen war, hier in voller Blüthe stand, eignet sich durch die Verbindungswege mit der Küste nach Liudi, Mikindani wohl am besten zum Ein- und Ausfuhrhafen, wenn die zwingende Nothwendigkeit an uns herantritt einen Verkehrsweg zum Nyassa-See eröffnen zu müssen. Die Route würde uns unabhängig von der englischen Konkurrenz hinstellen, was freilich erst denkbar, wenn das deutsche Kapital weniger zurückhaltend, thatkräftig von der Regierung unterstützt, sich hier ein lohnendes Feld seiner Thätigkeit sucht. Wohl ist es heute noch schwierig die gedachte Route zu eröffnen, als feindliche Volksstämme ein großes Hinderniß sind, dennoch, wenn gleich wie an der Küste[S. 375] des indischen Ozeans, im Hochland am Nyassa-See starke Positionen diese schützten, würde bald durch die Entfaltung des deutschen Ansehens dieses beseitigt sein. Empfehlenswerther noch wäre der Wasserweg im reichen Gebiet des Rowuma-Flusses, dessen Quellen zum Theil im Gebiet der Wagwangwara liegen. Zwar ist dieser Fluß nicht allzuweit von seiner Mündung aufwärts schiffbar, auch sind Katarakte unüberwindliche Hindernisse, die umgangen werden müßten, indes eine eingehende Untersuchung würde wohl ein besseres Resultat ergeben als bisher angenommen worden ist, denn kann der Rowuma auch mit dem Zambesi und Schire nicht gleich gestellt werden, so muß er doch zu Zeiten, wenn seine Wasser hochgeschwollen sind auf weite Strecken schiffbar sein — ruht doch selbst auf dem Zambesi und Schire in der trockenen Jahreszeit die Schifffahrt fast gänzlich und nur Boote halten den Verkehr aufrecht — in welcher Ausdehnung und Großartigkeit aber blüht auf diesen Flüssen der Verkehr und Handel schon empor! —
Arm an Wasserstraßen ist Deutsch-Ostafrika wohl, die vorhandenen aber werden und müssen der vordringenden Kultur als Verbindungswege dienen, da naturgemäß in der Zukunft an diesen zuerst der Aufbau lohnender Niederlassungen sich vollziehen wird. Sind erst die Bewohner des centralen Afrika zur Kulturarbeit bekehrt, werden und müssen reiche Gebiete sich erschließen lassen und neben dem jetzt bevorzugten Hochland von Usambara, Usagara etc. wird sich sowohl im Gebiete der großen Seen, wie in den Flußgebieten ein reicher, ertragfähiger Handel entwickeln.
Wie insgesammt alle das Nyassa-Hochland bewohnenden Volksstämme, Ngoni, Yao, Atonga etc. kein enggefügtes Staatswesen bilden, sondern in Settlements zusammen gezogen patriarchalisch regiert werden, den mächtigsten der Häuptlinge, dessen Macht nach seiner Gefolgschaft beurtheilt wird, als Oberhaupt des Stammes anerkennen, so ist ein Gleiches im deutschen Gebiet bei den Wagwangwara der Fall. Als kriegerische Zulustämme, haben sie die Urbevölkerung vertrieben und vernichtet, oder sie durch das Sklavensystem in sich aufgehen lassen, die heutigen Ueberreste sind Wakissi und Wampotto, armselige, durch beständige Furcht verkommene Existenzen. Schnell genug haben die erobernden Zulu, angelockt durch reichen Verdienst, den gewissenlosen arabischen Sklavenhändlern Gehör geschenkt und dadurch in gewissem Sinne weite Strecken entvölkert. Was aber mehr, stark mit Negerblut vermischte Abkömmlinge der Araber und auch der Ausschuß der intelligenteren Küstenbevölkerung, als Suaheli und Makua, haben sich großen Einfluß auf die angestammten Häuptlinge zu erringen gewußt, eigentlich zu Herren gemacht, als jeder Häuptling zum größten Theil die Rathschläge seiner verschlagenen Rathgeber befolgt, seinen Stamm und Volk also der Willkür solcher Fremden dadurch preisgiebt.
[S. 376]
Was thun wir jetzt, wo der mächtige weiße Mann den Sklavenhandel uns zerstört! Die Folge aber ist, daß die schlecht berathenen Stämme sich auflehnen werden gegen die Herrschaft der Europäer, bis sie zu ihrem Schaden erkannt haben, daß der weiße Mann doch der mächtigere ist. Ganz Central-Afrika ist dem Einfluß der Araber unterworfen gewesen, die ihre Herrschaft mit Geschick gefestigt hatten, sie sind auch heute noch, wo der Arm des Europäers sie noch nicht erreicht hat, in Wahrheit die Herren und von den Eingebornen weit mehr gefürchtet wie dieser, dessen Kommen sie nur als ein Eindringen auffassen und eben nicht begreifen, mit welchem Rechte der weiße Mann ihren ihnen liebgewordenen Erwerb durch Sklavenraub zu zerstören kommt. Der echte Araber, wo er seine Herrschaft bedroht und seinen Einfluß gefährdet sieht, wird, wenn er sonst nichts zu fürchten hat, sich diese durch Nachgiebigkeit dem Europäer gegenüber zu erhalten bestrebt sein; es ist weniger die Existenzfrage, die ihm sich dem Mächtigeren beugen heißt, vielmehr befürchtet er den Boden unter seinen Füßen zu verlieren, wenn er die eng durch Jahrhunderte verknüpften Bande mit der Bevölkerung freiwillig aufgiebt. Mit Recht muß er fürchten, wenn ihm nicht ein Schein ehemaliger Macht mehr verbleibt, vogelfrei zu werden, sobald die so lange geknechteten Völker das Joch abschütteln und zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde erwachen. Gerieben und schlau, an Intelligenz dem Europäer nicht nachstehend, begnügt er sich mit der Hoffnung, die alte verderbliche Macht wiedergewinnen zu können, da er, doch nicht mit den Machtverhältnissen der europäischen Nationen so vertraut, diesen von allen Seiten andringenden Sturm auf seine Herrschaft nicht für dauernd hält.
Unbewußt macht er den Werdeprozeß, die ihm die fortschreitende europäische Kultur aufzwingt mit durch, und klug genug, beugt er sich, gebietet doch die politische Klugheit schon, mit ihm ein Bindeglied sich zu erhalten, das an Macht und Einfluß beschränkt, durch sein Ansehen leichter die Kulturaufgaben lösen hilft, bis die Organisation durchgeführt, der kulturfeindliche Mohamedanismus weichen und verschwinden muß.
An den vorwiegenden Hauptpunkten der Karawanenstraßen haben die Araber sich festgesetzt, so auch an der Route Lindi-Amelia-Bai und als mächtigster Häuptling der Wagwangwara kann der Araber Raschid bezeichnet werden. Sklavenhändler im eigentlichen Sinne, gewann er mit seinen Anhängern doch die Herrschaft und hat vielfach zum Verdruß unabhängiger Häuptlinge seinen Einfluß geltend zu machen gesucht. Er war Eigenthümer jener Sklavendhau, die Major von Wißmann in Amelia-Bai unerwartet weggenommen hatte und zu deren Wiedererlangung er alles Mögliche aufstellte, was aber, so lange der Major am Nyassa-See weilte, vergeblich war. Erst später, um dessen Gesinnung[S. 377] gegen uns Deutsche zu ändern, wurde ihm solche von anderer Seite zurückgegeben. Die Wegnahme seiner Zeit hatte folgende Bewandniß: Major von Wißmann, in Amelia-Bai gelandet, ging, da ihm hier mitgetheilt wurde, daß Schaaren großer Affen die Felder der Eingebornen an den Bergabhängen zerstören, was auch auf Wahrheit beruhte, auf Jagd. Während seiner Abwesenheit wollte die Besatzung einer im Fluß verborgenen Dhau diese in Sicherheit bringen, was auch gelungen, wenn sie nicht gesehen worden wäre und Hornsignale den Major schnell zurückgerufen hätten, der sofort mit einem Boote die Verfolgung aufnahm und die Dhau mit sich nach Langenburg führte. Ich habe sie dort später noch aufgeriggt, was aber wohl unterblieben wäre, wenn der Major das Fahrzeug wieder hätte zurückgeben wollen.
Das Gebirge fällt hinter Amelia-Bai etwa 15 km zurück, es umschließt im weiten Bogen die vom Seeufer ansteigenden Hügelketten, zwischen denen ausgedehnte Busch- und Grassavannen sich hinziehen. Erst unter dem 11. Breitengrade treten die Felsen wieder zum See heran, sind aber eine steile zerbröckelte Masse, insofern als am Fuße dieser nur wenige Seemeilen langen Felswand, Felsentrümmer mit Sandstein abwechseln und hat Major von Wißmann dies das »Zwölf-Hafenkap« benannt. Hier war es, wo dem Major die schnell vom südlichen Wind aufgewühlte See sein großes, schwerbeladenes Stahlboot auseinanderbrach, als er nach Gründung der Station Langenburg, und bevor er seinen an kriegerischen Erfolgen reichen Marsch zum Tanganjika-See antrat, die erste Entdeckungstour längs der deutschen Küste unternommen hatte. Zum Glück dicht unter Land, konnte das sinkende Boot, an dem die Verbindungsschrauben einer Sektion mit lautem Knall zum Theil gesprungen waren, noch zwischen die Felsenrocks auf den Strand gesetzt werden. Da die Soldaten und die Mannschaft zu schwach waren, das schwere, 50´ lange Fahrzeug aufzuziehen, so kann man sich denken, daß an der unwirthlichen Küste die Situation keine angenehme gewesen ist, dazu boten die zersprengten Steinmassen gegen die See auch nur geringen Schutz. Der Major mußte die Fahrt südwärts hier abbrechen und war nur zufrieden, mit dem beschädigten Boote die Station Langenburg wieder erreichen zu können.
Gleich, wie hinter Kap Bango die große Amelia sich öffnet, so wird auch hier hinter dem letzten abgerundeten Felskegel dieses Gebirgsausläufers eine weite Bucht frei, und nur weiter südwärts faßt die flache Küste mächtige Felsentrümmer ein. Es war am späten Nachmittage des 29. September als wir dieses Zwölf-Hafenkap passirten, schon hatten wir auf dem in südsüdöstlicher Richtung wieder vorspringendem Lande den Kurs gerichtet, als sich die dem niederigen Lande vorgelagerten Felsen als Inseln[S. 378] erwiesen, und zur näheren Orientirung steuerten wir nun in die Bucht hinein.
Meinem Vorschlage, die Hauptinsel Neu-Helgoland zu benennen, stimmte der Major auch zu, und ob auch nicht in Form und Ausdehnung dem so theuer erkauften Eilande im deutschen Meere (Nordsee) entfernt ähnlich, wird die Felsenmasse im Nyassa-See dieses doch weit überdauern, da ihr massiver Granitbau der Zeit und den Fluthen widerstehen wird. Was kaum zu erwarten war, nach den Erfahrungen, die wir an der ganzen Küste gemacht hatten, fanden wir hier unter dieser Insel einen prächtigen geschützten Ankerplatz, zu dem nur westlicher Wind und See Zutritt haben, die aber nie so stark auftreten, daß sie hier ein Schiff gefährden würden; ich kann neben Monkey-Bai diesen Ankerplatz als den besten im ganzen See bezeichnen. Die Insel wird durch einen etwa 50´ hohen Hügelrücken aus massive Granit gebildet, neben dem mächtige ungezählte Steintrümmer umhergestreut liegen, an der Süd- und Ostseite sind sogar vorzügliche Bootshmäfen durch Steinbarrieren entstanden.
Der Name dieser Insel, die etwa 1/4 deutsche Quadratmeile groß ist, soll, wie ich später erfahren habe, Mpuulu sein, wahrscheinlicher aber ist sie unbenannt, als solche Benennung sich mehr auf den Häuptling oder den Volksstamm bezieht. Auf den Felsen und zwischen den Steinmassen eingezwängt, liegen die Hütten der kaum einige Hundert zählende Bewohner; ein umgestülpter Trichter, auf kurzen Pfählen ruhend, sind solche die denkbar primitivste Behausung und mehr einer dunklen rauchgeschwärzten Höhle, denn menschlichen Wohnungen ähnlich, in deren Innern man hinein kriechen muß, so niedrig ist der Eingang. In beständiger Furcht vor den Wagwangwara, wagen sich die Bewohner nur auf das Festland, wenn die Luft rein ist oder sie ihre dort befindlichen Felder bestellen müssen; aber nur die Weiber, von mit Speer und Bogen bewaffneten Männern beschützt, führen diese Arbeit aus. Ihr einziger Reichthum ist eine zahlreiche Ziegenheerde, früher auch Rindvieh, die lustig auf den Felsen und Steinblöcken umherspringt; bei jedesmaliger Annäherung unseres Schiffes aber aus übertriebener Furcht schnell zusammengetrieben und mit Kanoes über den tiefen die Insel vom Festlande trennenden 200 Fuß breiten Wasserarm gebracht wurde, bis die Einwohner schließlich einsahen, daß sie von uns für ihre Habe nichts befürchten brauchten.
Der Häuptling, ein alter weißhaariger Greis, klagte uns oft seine Noth; ihre Feinde nehmen ihnen die Ernte weg und schutzlos wie sie seien, könnten sie sich nur auf ihre Insel flüchten und den Räubern den Uebergang, hinter Steinen gedeckt, verwehren. Die einzige Vegetation, außer spärlichem Gras, die auf dem steinigen Grund hat Fuß fassen können, sind die Papaya-Bäume.[S. 379] In ziemlich beträchtlicher Anzahl aus den Felsenspalten, wo sich mit der Zeit eine Humusschicht gebildet hat, herausgewachsen, heben sich ihre schlanken Stämme bis 6 Meter hoch, mit der palmenähnlichen Krone über die spitzen Hüttendächer empor. Zwar geben diese Bäume nicht viel Schatten dafür aber eine wohlschmeckende große melonenartige Frucht, deren saftiges Fleisch mit Vorliebe von uns Weißen gegessen wurde.
Ueberall an der Küste, wo wir gelandet und mit der Bevölkerung in Verbindung getreten sind, waren wir bestrebt Holzstationen errichten zu lassen, indem wir den Eingebornen für ihre Mühe guten Verdienst in Aussicht stellten, allein wirklichen Erfolg hatte ich später nur hier auf Neu-Helgoland wo, nachdem die Inselbewohner ihre Scheu vor uns verloren hatten und ihren Vortheil erkannten, wir immer unsern Bedarf decken konnten. Soweit ich konnte unterstützte ich auch diese Wakissi, namentlich, um es ihnen anfänglich zu ermöglichen auf dem Festlande sich freier zu bewegen, gab ich dem Häuptling auf dessen wiederholtes Bitten etwas Pulver, damit er im Nothfalle seine beiden uralten Steinschloßbüchsen auch laden konnte; zwar waren diese kaum als Schreckmittel gut genug, für den alten Mann aber immer noch ein großer Schatz. Meine Weigerung ihm nicht eher Pulver zu geben, als bis er mir gesagt, wofür er solches verwenden wolle, beantwortete er die Frage stets damit, daß er dann auch kein Holz beschaffen könne, die Wagwangwara würden seine Leute hindern solches zu schlagen — schließlich kam er aber doch mit den beiden Donnerbüchsen zum Vorschein.
Woher diese stammten und wofür er solche erhalten blieb mir unbekannt, sehr fehl aber geht man wohl nicht mit der Annahme, daß solche von Sklavenhändlern für lebende Waare einst gezahlt worden sind. Die Gewißheit, daß auch hier der Sklavenhandel immer noch in Blüthe steht, da es an den Küsten dieses Sees vorläufig unmöglich ist mit den wenigen Schiffen solche streng zu bewachen, ließ mich einst, als ich unerwartet Neu-Helgoland anlief und hier ein großes vom Westufer des Sees, also 36 Seemeilen, von Uziza herübergekommenes Kanoe vorfand, strenge Nachforschung halten und erst auf die Versicherungen des Häuptlings und der Kanoebesatzung, die einen plausiblen Grund anzugeben vermochten, gab ich es wieder frei. Obwohl mir es nicht recht einleuchten wollte, daß die Leute solche gefährliche Fahrt in einer Nußschale quer über den See nur unternommen haben sollten, um hier Proviant einzutauschen, konnte ich doch absolut nichts Verdächtiges finden und keine Handhabe war mir gegeben diese Seefahrer und ihr Fahrzeug mitzunehmen. Bemerkenswerth war auch, daß unter der Bevölkerung sich Männer und Knaben befinden, deren Ohrlappen mit einem Speer durchlöchert sind, ein Zeichen, daß sie früher geraubt und als Sklaven bei den[S. 380] Wagwangwara gelebt haben, die auf verschiedene Art ihre Freiheit wiedergewonnen und den Weg zur heimathlichen Insel zurückgefunden hatten. Die Bekleidung beider Geschlechter ist auch hier die denkbar primitivste, ein Stück von einem Ziegenfell oder ein Grasbündel die einzige Bekleidung; bei jüngeren und Kindern das Naturkostüm. Muscheln und Perlen ist der einzige Schmuck, wenn solcher erreichbar ist, den sie sich gestatten können, erst als der Holzhandel eine gewisse Quelle des Reichthums für sie geworden war, kleideten sich die Bewohner auch etwas anständiger.
Zu eingehenden Nachforschungen veranlaßten mich die hier an der Nordseite der Insel, wo das Wasser fast immer ganz ruhig ist, auf den am Lande freiliegenden Felsblöcken gefundenen Wasserzeichen. Scharf abgegrenzt gaben diese an, wie hoch der See zu verschiedenen Zeitperioden gewesen sein mußte — waren die über Wasser gebliebenen Theile des Gesteins rauh und verwittert von grauschwarzer Färbung, sind die damit bedeckt gewesenen noch weiß und rein. Ein ganz unregelmäßiges und zwar immer plötzliches Zurücktreten des Sees hat stattgefunden und die Höhe dieser wie mit einem Lineal so scharf gezogenen Linien ergab, daß das Niveau des Sees 12-15 Fuß höher gelegen hat; auch der alte Häuptling versicherte mir, der doch lange zurückdenken konnte, sie hätten früher mit ihren Kanoes viel weiter heranfahren können als heute. Untrügliche Merkzeichen, wogegen kein Einwand erhoben werden kann, gaben mir diese viel zu denken, zumal ich auch an weitentfernten Orten z. B. Monkey-Bai gleiche gefunden hatte — ich werde bei der Beschreibung und muthmaßlichen Entstehung des Nyassa-Sees später darauf zurückkommen und zu beweisen suchen, was wohl zu solcher auffallenden Erscheinung die Ursache gewesen sein kann.
Da der Wasserweg zwischen Festland und Insel tief genug war, dem »H. v. Wißmann« die Durchfahrt zu gestatten, so sahen wir hier, an der Südseite der Insel, wie zerrissen und umhergestreut die Felsenmassen im und über Wasser lagen und wie tiefe Höhlungen an der Südwestseite die See ausgespült hatte. Die flache Küste ist weithin förmlich mit 100´ hohen Felsblöcken eingefaßt, Rocks- und Steininseln nebeneinander gethürmt, bieten ein wüstes Trümmerfeld. Ebenso lassen weit vom Lande abliegende Rocks- und Steinmassen vermuthen, daß der Zahn der Zeit allmählich diese Granitfelsen zerstört hat; nur zwei mächtige Massen zersplittert und zersprengt, ragen noch zusammenliegend aus bedeutender Tiefe steil empor. Diese mehrere Meilen lange Strecke, mit Felsen unter und über Wasser besät, hat Major von Wißmann die Prager-Insel, Rock und Riff benannt; weiter südlich, einige Felsen als der Schloßstein und die Mehlsäcke, runde Granitkegel mit Guano bedeckt, erhielten ihrer Form wegen diese Namen, den Abschluß dieser eigenartigen Felsenbildungen und Steinmassen macht erst die zwei[S. 381] Seemeilen vom Lande entfernt liegende Insel Lundo. Zwar bewohnt, wie auch die Prager-Insel, und auch mit sehr spärlicher Vegetation bestanden, sind beide ein öder Steinhaufen nur; der eine halbe Quadratmeile große Flächenraum dieser Insel erscheint wie ein hoher von Felsblöcken aufgethürmter Granithügel. Von hier bis zur weiten Mbampa-Bucht, 4 Seemeilen südlicher faßt ein hoher isolirter Bergrücken die Küste wieder ein, der steil abbrechend in getrennter Hügelform die Bai umschließt. Isolirt aber und steil aus dem See aufragend, hebt sich der über 1000´ hohe Mbampa-Berg, der die Bucht im Süden abschließt, von seiner Umgebung ab; eine massiv und festgefügte Granitmasse. Läuft man in diese Bai ein, glaubt man einen prächtigen, gesicherten Hafen vor sich zu haben, aber auch hier täuscht die spiegelglatte, tiefblaue Fluth, und am steil aus großer Tiefe aufsteigenden Ufer erst findet sich unsicherer Ankergrund; wenigstens hatte es seine Schwierigkeit den »H. v. Wißmann« auf genügenden Abstand vom Lande fest zu verankern. Auf den getrennten, schwer zugänglichen Rocks an der Einfahrt zur Bai unter dem Mbampa-Berg, haben sich die Eingeborenen zurückgezogen, nachdem auch hier die ehemaligen Pfahlbauten von ihnen verlassen worden waren, sie schufen sich eine feste Position hinter den aufgethürmten Steinmassen, wo sie leicht genug ihr bischen Eigenthum vor der Raublust der Wagwangwara schützen können. Uebereinstimmend mit den Wakissi, haben die hier und südlicher lebenden Wampotto die unzugänglichsten Orte an der Küste sich als letzte Zufluchtsstätte ausgesucht, und wohl wäre deutscherseits es als eine ernste Pflicht aufzufassen den Raubzügen der Wagwangwara energisch Einhalt zu gebieten und den in steter Furcht lebenden Stämmen ein starker Schutz zu sein, damit sie wieder aufathmen und ihres Lebens froh werden könnten. Sicherlich fügen sich die mächtigen Wagwangwara nicht gutwillig und Strafexpeditionen werden nothwendig sein, aber je eher sie wissen, daß ihr verwerfliches Treiben Ahndung und Vergeltung findet, desto besser ist es. Sehr furchtsam und ängstlich zeigten sich diese Wampotto, die kaum jemals in näherer Berührung mit Europäern gekommen waren, und viel später erst wurden sie vertrauter; kamen sie auch längsseits des Schiffes mit ihren Kanoes, währte es doch lange, ehe sie es wagten dasselbe zu betreten. Als Beweis dafür diene folgender Vorfall. Drei Meilen von Land in etwa südwestlicher Richtung hatten wir als letzten Ausläufer eines unterbrochenen Felsenriffs einen hohen Granitblock gesehen dessen Umgebung der Major näher zu besichtigen wünschte. Das Riff sowohl, als auch der Felsen ragten aus tiefem Wasser auf, zwischen denen es möglich war überall mit dem Schiffe durchzufahren, so waren wir bis auf 100 Fuß dem Felsen nahe gekommen, als zwischen dem nächstliegenden Felsenriff zwei Kanoes, die zum Fischen ausgezogen waren, in Sicht kamen. Nothgedrungen,[S. 382] um wieder freies Wasser zu gewinnen, mußten wir den Kurs des Schiffes auf diese richten, kaum aber sahen die Fischer das Schiff näher kommen und sich eine übertriebene Vorstellung von solchem Seeungeheuer wohl machend, das ohne Segel und Menschenkraft so schnell herannahte, ließen sie ihr Netz im Stich und paddelten aus Leibeskräften der etwa eine deutsche Meile entfernten großen Insel Nuangwe zu. Diese unbekannte Insel war aber auch unser Ziel und wieder im freien Wasser, mußten wir bald genug die Kanoes überholen. Als die Fischerleute einsahen, daß sie vor dem schnelllaufenden Schiffe nicht fliehen konnten, legten sie die Kanoes Seite an Seite, besetzten die eine Nußschale die andere gaben sie preis, und mit 8 Mann aufrechtstehend, jagten sie über das stille Gewässer dahin. Aber auch diese Mühe war vergeblich, das Schiff, in dessen Kurs sie unbegreiflicher Weise verblieben, kam ihnen näher und näher; schließlich als ihre Anstrengungen vergeblich waren, warteten sie, zu viele in der Nußschale um sich setzen zu können, in Ruhe ihr vermeintliches Schicksal ab; wir aber wichen dem Kanoe aus und zogen an ihnen vorüber. Beim ersten Anruf indes sauste das Kanoe wieder durch die Fluthen und die geängstigten Menschen gaben die Flucht nicht eher auf, bis wir weit von ihnen entfernt waren.
Vermuthlich hatten die Leute uns Weiße als Araber und Sklavenjäger angesehen und unnöthige Furcht hatte sie kopflos gemacht; uns aber hatten sie gezeigt, mit welcher Gewandtheit sie ihre Kanoes zu handhaben verstehen. Aufrechtstehend und mit aller Kraft paddeln, in einem kaum acht Fuß langen ausgehöhlten schmalen Baumstamm, der durch die geringste unregelmäßige Bewegung zum Kentern gebracht werden mußte, war es nur das taktmäßige Arbeiten Aller, durch das das leichte Fahrzeug im Gleichgewicht gehalten werden konnte. Mit der Zeit werden sie sich wohl an den Anblick eines großen Schiffes gewöhnen, namentlich wenn sie eingesehen haben werden, daß ihnen kein Leid geschieht und die Furcht vor dem weißen Mann unnöthig war.
Für die auffallende Erscheinung der plötzlich abbrechenden und wieder zum See herantretenden isolirten oder kompakten Gebirgsmassen, während landeinwärts an beiden Seiten des Sees, ununterbrochene zusammenhängende Gebirge hunderte Meilen Süd und Nord sich hinziehen, werde ich versuchen, eine Erklärung zu finden und namentlich auf die Bildung der Inseln, ohne Ausnahme öde Steinmassen, hinweisen.
Im Gegensatz zu den Gebirgen, die zum Theil terrassenförmig ansteigen, mit fruchtbaren Thälern, Bergen und Abhängen, wo mit Vorliebe die Gebirgsstämme sich angebaut haben, sind einzelne Ebenen öde und unbewohnt; obwohl mit dichtem Buschwald und Gras bestanden, scheint der Mangel an genügender Bewässerung hierfür die Ursache zu sein. Solchen Anblick gewährt[S. 383] das hinter Mbampa-Berg südwärts sich hinziehende Gelände, in der Regenzeit grün und blühend, in der Trockenperiode von der Sonnengluth verbrannt, trübe und einsam. Nur wenige elende Wampotto-Dörfer, meistens an Stellen erbaut, wo Felsenreste aufgethürmt liegen, zeigten sich hier am Ufer des Sees, aber Versuche, mit den Bewohnern in Verbindung zu treten, waren völlig nutzlos, da unbegreifliche Furcht sie vertrieb.
Im Gebirge, das hier 10 bis 12 Kilometer vom See zurückliegt, öffnet sich eine weite Schlucht in Südost-Richtung an deren Ende bis zum See verlängert gedacht, da sonst kein auffallendes Objekt vorhanden war, bestimmte Major von Wißmann einen zum Strande heranreichenden Hügel, auf 11° 29´ S. Br. und 34° 46´ O. Lg., als das Grenzkap; von diesem, die gedachte Linie durch die Schlucht fortgesetzt, sollte diese die deutsche Grenze ergeben. Von hier, wo nun die portugiesische Küste beginnt, treten die Gebirgsmassen von 11° 37´ S. Br. bis 11° 56´ S. Br. wieder zum See heran und bilden von 11° 56´ S. Br. in weitem Bogen zurückfallend, hier die zweitgrößte Bucht im Nyassa-See, so daß, wenn man von Norden kommt und sich dicht unter dieser steilen Felswand befindet, erst nur die 14 Seemeilen von der Küste abliegende Insel Kissimulu, 12° S. Br. und 34° 35´ O. Lg., ein hoher abgerundeter Felskegel mit nach Süden verflachendem Lande, gesehen werden kann, ehe die größte aller Inseln, Likoma, vier Minuten südlicher in Sicht kommt.
Die Bevölkerung dieser Inseln, der Küste und des Hochlandes, sind hier die Anyanja, unter denen es den Missionaren gelungen ist, die Worte des Heils zu verkünden, und in vielen Dörfern schon hebt sich aus dem Wirrwarr der Hütten, das Dach einer Kirche, weithin erkennbar, hervor. Unter den Orten Bakobon, Njafua, Kango, Utonga, habe ich die beiden letzteren nur besucht, namentlich Utonga mehrmals, das an den Ufern des gleichnamigen Flusses gelegen, in einer furchtbaren Wildniß sozusagen verborgen liegt. Perlen und Salz waren hier die eigentlichen Tauschartikel für Holz, Hühner und Eier aber solcher Handel war meistens ein langweiliges Geschäft, da meine Leute oft mit den Weibern nicht handelseinig werden konnten.
Ueberaus weit würde es führen, wollte ich in gleicher Weise, wie bisher das deutsche Gebiet, auch die Länder und Völker am ganzen Nyassa-See beschreiben. So interessant und wissenswerth es auch ist, was die Natur hier geschaffen und aufgebaut hat, wie auch das Leben und Treiben der Völker, so muß ich mich doch darauf beschränken, nur in großen Zügen das Wichtigste anzuführen.
Von Kap Mala 12° 12´ S. Br. verläuft das Gebirge in ununterbrochener Linie längs der Küste südwärts, wenn auch nicht in so kompakten Massen wie das Livingstonegebirge, und dieses ganze portugiesische Gebiet ist gut bevölkert, vornehmlich von den[S. 384] Anyanja- und Yao-Stämmen. Während aber Deutsche und Engländer bestrebt waren, ihre Macht auf dem See und in ihren Gebieten zu festigen und zu entfalten, thut der Portugiese absolut nichts; eine Küstenstrecke von über 120 englischen Meilen, 11° 29´ S. Br. bis 13° 30´ S. Br., mit dem weiten ungeheuren Hinterland, ist für ihn vollständig ein terra incognita. Anzuführen wären als die bedeutendsten Orte noch die Pango-Bucht 12° 25´ S. Br., die Msumba-Bai 12° 35´ S. Br. und der Mtengula-Hafen 12° 46´ S. Br.
Msumba, neben Kota-Kota und Makangilas Sitz der größte Ort am See, (es wird gesagt 30000 Anyanja sollen hier leben, wenigstens so weit ich mich orientirt habe, kann diese Zahl annähernd richtig sein, denn das mächtige Dorf ist ein unentwirrbarer Knäuel von Hütten), kann mit der Rambira-Landzunge verglichen werden, nur ist diese weiter und ausgedehnter. Mächtige Bergkegel von 1000-3000 Fuß ragen landeinwärts gleich steilen Wänden auf, bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Das fruchtbare Land wird von hunderte Weiber und Männer, die täglich zur Saat- oder Erntezeit in die Berge ziehen, bestellt, Heerden von Ziegen, Schafen, selbst noch Rinder weiden an den Abhängen. Geschützt vor den heftigen Südwinden, auf gutem Ankergrund, liegt hier ein Schiff sicher; alle Bedürfnisse, Ziegen, Hühner, Eier, selbst Honig, 3 Pfund etwa für 1/4 Meter Zeug, vor allem Brennholz sind erhältlich, deshalb war Msumba für uns meistens Haltestation. Die ersten Male, als ich hier zum Holzkauf anlief, erhielten wir für unser Zeug auch gut gestapeltes Brennholz, später jedoch, gleichwie in Monkey-Bai, verlangten die Verkäufer schon für die Hälfte denselben Preis und als ich diesen ihnen zu geben mich weigerte und nördlicher in der Pango-Bucht den Bedarf deckte, wurden sie unverschämt.
Einmal auch, meine Leute sollten Eier und Mehl am Strande aufkaufen, wiesen diese viele angefaulte zurück; ich kam gerade dazu, als die Leute mit den Weibern schon in Streit gerathen waren, weil diese absolut für ihre faulen Eier, gleich denen, die gute gebracht hatten, auch ein Stückchen Zeug haben wollten. Sofort ließ ich den Einkauf abbrechen, und während ich mich noch mit dem schwarzen Missionslehrer über den Ankauf einiger Perlhühner verständigte, umgeben von einer großen Zahl aus Gewohnheit mit Speer und Bogen bewaffneter Männer, drängte sich einer zu mir heran und hielt mir mit der Frage: Sind diese nicht gut? drei Eier vors Gesicht. Etwas erstaunt über solche Dreistigkeit prüfte ich dennoch ein Ei, fand aber, daß es schlecht war, und alle zurückweisend hieß ich den Burschen seiner Wege gehen — indessen hielt er mir aber wieder andere unter die Augen und nun, in solcher Handlungsweise eine Provozierung sehend, schlug ich ihm die Eier aus der Hand und eine schallende Ohrfeige hinterher.[S. 385] Schon eng umschlossen und auch waffenlos, drängte nun die Menge auf mich ein, während der Gezüchtigte wie ein Rohrsperling schimpfte. Hätte der Missionslehrer mir nicht den Rücken gedeckt, wäre es nun wohl zu einem ernsten Konflikt gekommen — ehe aber noch ein thätlicher Angriff erfolgte, rief der Kapitao Kambajalika: Fast den weißen Mann nicht an, es sind mehr Wasungus (Europäer) auf unserm Schiff, die viele Gewehre haben, sonst geht es euch sehr schlecht. Diese Worte thaten ihre Wirkung und die Leute, noch nicht sehr gereizt, auch zurückgehalten von dem Lehrer, öffneten den Kreis und ich konnte ungehindert ruhig mein Boot erreichen. Die Bewohner Msumbas sind zu oft mit Europäern, den Missionaren, in Verbindung getreten, die Ausschreitungen wohl rügten aber nie straften, deshalb wagte ein übermüthiger Bursche nun mal, die wahre Natur des Negers herauszukehren und den Versuch zu machen, ob denn jeder Europäer nur freundliche Worte selbst für Ungezogenheiten habe.
Weiter südlich liegt der tiefe felsige Hafen von Mtengula, 12° 45´ S. Br.; eigentlich durch eine Thalöffnung von einer gebirgigen Halbinsel gebildet, er bietet, nach SSW offen, zwar nur wenig Schutz, dafür aber einen wildromantischen Anblick durch die steilen, fast senkrecht aufsteigenden Felswände und der üppig wuchernden Vegetation. Mluluka 12° 57´ S., ein Sklavenhafen, wie schon erwähnt, gegenüber Kota-Kota gelegen, wird durch das vorgelagerte Danger-Riff schwer zugänglich und verdient als Wohnsitz des mächtigen Häuptlings Kalanje, dem Aliirten des Häuptlings Jumbe, keiner besonderen Erwähnung. Von hier weit landeinwärts haben, wie nördlich von Mluluka, die englischen Missionare auf dem Berge Unangu eine Station errichtet und sind die einzigen Europäer, die es gewagt haben, sich in des Löwen Höhle niederzulassen. Gewiß gefahrvoll ist das Unternehmen, da die Yao's gedroht haben, jeden Weißen zu tödten, wenn ihnen, wie angekündigt, ihre Sklavendhaus genommen werden; sie begreifen nicht, warum ihnen der einträgliche Handel zerstört werden soll und werden blutige Rache üben, wenn es geschieht.
Der Portugiese scheint ohne Bedenken das allmählige Vordringen der Engländer auf seinem Gebiet zu gestatten und fürchtet scheinbar deren wachsenden Einfluß nicht, ich meinestheils aber betrachte neben der unverkennbar segensreichen Thätigkeit dieser Missionare und ihrem hohen edlen Streben solche Stationen doch gewissermaßen als politische Fühlhörner, denen bald der Handelsmann folgt und englische Macht und Kapital dann schnell überwiegenden Einfluß gewinnt; das moralische Uebergewicht wird aber im Nothfall durch einige Kanonen schnell in ein positives umgewandelt werden. Die Erfahrung hat es gelehrt, daß der Sohn Albions sich wenig an das Eigenthumsrecht anderer Nationen kehrt und schwerlich das wieder freigiebt, worauf er seine Hand[S. 386] bereits gelegt hat. Das arme Portugal sieht den mächtigen, rücksichtslosen Gegner in seinem Gebiete vordringen und kann in seiner Ohnmacht es nicht hindern! —
Einen unverkennbaren Einfluß, welche Macht das Kapital besitzt, kann man auch in Central-Afrika bemerken, denn heute sind durch die englischen Kanonenboote alle Sklavendhaus weggenommen oder zerstört und doch haben die Yao's ihre Drohung nicht wahrgemacht, selbst Yumbe's Reich ist konfiszirt worden, deshalb mag man sich fragen — welches Equivalent haben die klugen Engländer den Häuptlingen geboten für den erträglichen Sklavenhandel, den sie zerstört haben! einfach genug, der Handelsmann dringt vor mit seinen Waaren und ebnet die Wege! — Geld ist Macht. — Trotz alledem aber ist die englische Macht dennoch in diesem ungeheuren Gebiet viel zu schwach, dem Unwesen ganz zu steuern, die feindliche Bevölkerung leistet demselben allen nur erdenklichen Vorschub; feindlich gesinnte Häuptlinge, als Kassembe etc., in unzugänglichen Bergen, schüren das Feuer der Empörung und ist auch der Sklavenhandel über den See hinweg fast unmöglich, werden die arabischen Händler nun südwärts ziehen und im Gebiet Mpondas den Schirefluß zu überschreiten suchen, so portugiesisches Territorium gewinnend, wo sie vorläufig noch ihre Waare an den Mann bringen können.
Längs der steilen Felsenküste südwärts am Kap Malambe vorbei, bogen wir in die Zirambo-Bai ein und fanden hinter Losefa vor Pandimba eine Dhau Makangilas liegen. Ein leichtes wäre es gewesen, uns dieses Fahrzeuges zu bemächtigen, aber hier, schon auf englischem Gebiet, hätte ein Eingriff nur zu unliebsamen Erörterungen führen müssen, als dann unsere liebenswürdigen Vettern den Mund wieder mal recht voll genommen hätten. Da uns auch bekannt war, daß in Kürze mit Makangila abgerechnet werden sollte, so hatten wir keine Veranlassung, den Kriegsruhm der Engländer zu schmälern, obgleich die am Strande versammelte Menge in nicht wiederzugebender Weise höhnend die Waffen schwang. Unser Zweck nur war, die niedrige, durch Sandbänke und Untiefen schlecht zugängliche Küste kennen zu lernen, deshalb dampften wir ohne Aufenthalt vorbei und weiter über Monkey-Bai nach unserer Station Port Maguira, wo wir am 6. Oktober anlangten.
Da Port Maguira sowohl zu Lande als auch zu Wasser eine beträchtliche Strecke von Fort Johnston entfernt liegt und gänzlich isolirt ist, hätte in diesem, um es zu schützen, eine genügende Besatzung zurückbleiben müssen, deshalb war Major[S. 387] von Wißmann mit der Anlage einer neuen Station oberhalb Fort Johnston, wo Herr von Eltz sich ein Stück Land, direkt am Schire gelegen, von den Engländern ausbedungen hatte, einverstanden; und da nun diese Station aufgegeben werden sollte, erfolgte daraufhin die Einschiffung der gesammten Bestände. Zurück blieben nur, unter Befehl von Zander, diejenigen Soldaten, welche nach erfolgter Uebergabe des Schiffes und der Station Langenburg an das Reich mit dem Major zur Küste zurückkehren sollten.
Am 10. Oktober schon traten wir die Reise nordwärts wieder an und jetzt, unter der Westküste des Sees entlang laufend, ankerten wir zunächst in der Papendula-Bucht; dann, über Kap Maklair hinaus, unter der felsigen Elephanteninsel, die nach Aussage der Eingeborenen mit Elephanten bewohnt gewesen sein soll, entlang, untersuchten wir südlich von Leopard-Bai, zwischen den Inseln Marenje und Mankowa den See und die Küste eingehend.
Der um diese Zeit frische Südwind, anstatt erst gegen 9-10 Uhr Morgens, wie es sonst der Fall, plötzlich aufzuspringen, um mit Sonnenuntergang wieder still zu werden, wehte mit zunehmender Stärke auch des Nachts, und fast kann ich sagen, den schwersten Sturm, den ich während meines langen Aufenthalts am Nyassa-See durchgemacht habe, war der vom 12. bis 14. Oktober 1893. Mit vollen Backen blies der entfesselte Sturm über die beiden niedrigen Inseln der Bentje-Gruppe, unter denen wir Ankergrund und Schutz gefunden hatten, mit einer Gewalt, daß ich besorgte das Schiff könnte von dem ziemlich steil abfallenden Grund abgetrieben werden. Auch Major von Wißmann, der diese Nacht am Lande im Zelt verbrachte, fand es am Fuße des hohen Bergkegels im höchsten Grade ungemüthlich. Wären wir gezwungen gewesen, am nächsten Morgen gegen die wilde See andampfen zu müssen, würden wir wohl schwerlich vorwärts gekommen sein, so aber liefen wir vor derselben und dem Sturme, mit einer Geschwindigkeit von über 11 Knoten die Stunde durch die schäumenden Fluthen. Trotz dieser Geschwindigkeit überlief uns dennoch die See und Wasserberge brüllten an den Seiten des schwerrollenden Schiffes auf, ihre Schaumkronen über das Hinterdeck ergießend, die zuweilen die hochgehißten Boote gefährdeten. Der Aufruhr der Elemente, wie man es hier kaum vermuthet hätte, bot ein grausig-schönes Bild, man konnte sich versetzt denken in den Ozean, wo die langrollenden Wogen fast weniger gefährlich sind wie hier, weil das süße, und darum leichtere Wasser des Sees schneller und wilder aufgewühlt wird und die kurzlaufenden Seen deshalb auch gefährlicher werden.
Hinter den Bänken vor Kota-Kota fanden wir erst wieder Schutz und ruhig Wasser. Kaum hatte Jumbe aber die Ankunft des Majors erfahren, als er selber an Bord kam und dem ihm[S. 388] wohlbekannten »bwana mkuba« begrüßte, auch bat er den Major ihm gegen einen seiner abtrünnigen Häuptlinge zu helfen, der sich mit seinem Anhang in einer Boma innerhalb Kota-Kota fest verschanzt hatte und die Jumbe trotz seiner zahlreichen Krieger nicht zu stürmen imstande war; namentlich wollte er, daß vom Schiffe aus die Boma bombardirt werden sollte. Diese Bitte mußte ihm natürlich rundweg abgeschlagen werden, da es Sache der Engländer war, ihren Schützling und Alliirten aus der Klemme zu befreien und nichts weiter konnte geschehen als daß wir ihn auf der Rückreise abholen und nach Fort Johnston bringen konnten, wo er sich bei seinen Freunden Hilfe und Assistenz erbitten könnte. Es geschah auch, und sobald die Kanonenboote »Pionier« und »Adventurer« fertig gestellt waren, war ihre erste Aktion die Feinde Jumbes zu vertreiben.
Major von Wißmann folgte der Einladung Jumbes und stattete diesem einen Besuch in dessen Barasa (Behausung) ab, eigentlich nur um sich dieses Nest Kota-Kota mal näher anzusehen. Jumbe aber, der diese Ehre zu schätzen wußte, hatte seine gesammte Kriegsmacht aufgeboten, an die 3000 Mann, und ließ die beliebten Kriegstänze aufführen. Ein wilder Tumult ist es gewesen, den die durch den Tanz halb unsinnig gewordene Menge verursachte, fortwährendes Schießen mit alten Donnerbüchsen, wildes Geheul, Ngomaschlagen etc.; es konnte einem Zuschauer der Appetit vergehen, namentlich, wenn Hunderte zugleich mit gesenkten Speeren einherstürmten und erst wie eine wilde Fluth plötzlich standen und zurückwallten, wenn die Speere fast den Zuschauer berührten. Kaltes Blut, ein fester Blick und keine Furcht bei solchem eigenartigen Spiel ist es, was den Kriegern an dem Fremden imponirt, der desto höher in ihrer Achtung steigt je ruhiger er dem unvermeidlichen Tod entgegen sieht, wenn das Spiel mit solchen gefährlichen Waffen ernst gemeint wäre. Gut thut man auch, solchen Schauspielen bald den Rücken zu kehren, ist der Gast auch sicher und würde ihm kein Haar gekrümmt werden, so kann man doch der unberechenbaren Leidenschaft solcher Krieger nicht vertrauen.
Eine fruchtbare gut bewässerte Ebene ist es, die hinter Kota-Kota zwischen den Flüssen Chamimbe, Chukapulu und Chiningola bis zum hohen Gebirge sich ausbreitet, gut bebaute Schamben, Reisfelder etc. bestätigen dies, auch heiße Schwefelquellen südlich von Kota-Kota entquellen dem Boden, deren Werth keiner zu schätzen weiß. An der flachen Küste nach Bandawe zu, muß ich einen Ort in der Marenga-Sanga-Bucht erwähnen, den ich später öfter, um dort Holz zu kaufen, anlief. Ein felsiger Bergkegel, mit zerstreuten Rocks umgeben, hebt sich am sandigen Rande der Ebene, zerklüftet und zersprengt, gleich einem Wartthurm von seiner Umgebung ab, hinter diesem auf flachem Grund, getrennt[S. 389] durch einen Wasserarm, befindet sich erst das Dorf des Häuptlings Mbiwis. Einen ungesunderen, schmutzigeren Ort als dieses Dorf habe ich kaum je angetroffen, schon das morastige Wasser, schwarz und übelriechend, über welches ich mit einem elenden Kanoe gesetzt wurde, verpestet die Luft. Zur Berathungshütte gekommen, fand ich um diese eine ganze Zahl mit allerlei Gebrechen behaftete Kranke auch Krüppel vor; da ich dies nicht erwartet hatte, weil ich eigentlich etwas anderes erforschen wollte, wurde mir auf meine Frage, was diese wollen, gesagt, der weiße Mann habe Dhaua (gute Medizin) die jedem helfen würde und ich möchte ihnen doch helfen und solche geben.
Ich sah mir auch die mit scheußlichen Wunden Behafteten an, fand bei einigen Elephantiasis und vollständig vertrocknete Gliedmaßen vor — doch was konnte ich dagegen thun? Absolut nichts. — Die offenen Wunden waren meistens durch irgend eine Verletzung entstanden, durch Unreinlichkeit und namentlich durch die schrecklichen Fliegen entzündet und sehr schlimm geworden, so daß bei den meisten schon Knochenfraß eingetreten war. Um nun aber doch nicht achselzuckend mich abzuwenden, weil jede Hilfe unmöglich war, ließ ich diesen Unglücklichen wenigstens sagen, was sie thun sollten. Durch den Dolmetscher rieth ich ihnen, die Wunden jeden Abend und Morgen mit warmen Wasser auszuwaschen und solche immer mit dem Zeuge, das ich geben werde, gut verbunden zu halten. Keine Fliege noch Schmutz darf hineinkommen, wenn sie dieses thun, werden die Schmerzen abnehmen. Ich zeigte ihnen darauf, wie sie es zu machen hatten und ließ die Elendsten sogleich von deren Angehörigen reinigen, mit herbeigeschafften Carbolwasser die Wunden auswaschen und dann verband ich sie. Auch wies ich sie an, zu den weißen Männern nach Bandawe zu gehen, das von hier nicht so weit entfernt ist, dort finden sie Hilfe, wenn sie thäten was der Msungu ihnen sagt. Dr. Elmslie, dem ich den Zustand in diesem Dorfe gelegentlich mittheilte, war aber mit mir auch der Ansicht, daß sie erst die Hilfe des Europäers suchen werden, wenn ihre Medizinmänner durch Beschwören und anderen Hokus-Pokus sie nicht mehr helfen können, überhaupt jede Hilfe zu spät ist — auch werden sie keinen Rath genau befolgen und darum meistens elend zu Grunde gehen.
Tintatsche, etwa eine Stunde oberhalb Bandawe gelegen, ist das Hauptdorf der Atonga und ist der Ort, wo wir unsere Arbeiter sowohl, als auch die von der englischen Administration gewünschten, anwarben; auch an anderen Orten, wenn sich welche meldeten, nahm ich solche mit, die gewillt waren einen halbjährlichen Kontrakt einzugehen, denn zu Zeiten war der Arbeitermangel im Schirehochland sehr fühlbar und daher jeder Mann den Engländern willkommen, die gerne die Passage und Unkosten bezahlten. Jedesmal, wenn ich vor Tintatsche vor Anker ging, war der Andrang der Atonga groß[S. 390] und ein sehr bewegtes Leben entfaltete sich bei solcher Anwerbung auf und um dem Schiffe, eine Flottille von Kanoes fuhr beständig ab und zu und brachte immer neue Bewerber, namentlich halbwüchsige Jungens priesen sich in großer Zahl an, die aber zurückgewiesen werden mußten. Ergötzliche Scenen spielten sich auch ab, wenn im Gedränge mehrere dieser leichten Fahrzeuge kenterten; aber ob im Wasser oder im schwankenden Kanoe, blieb diesen lustigen Naturkindern einerlei.
Ein Höllenspektakel ist natürlich dabei unausbleiblich, auch werden die Leute leicht zudringlich; einmal machten sie mir den Spaß denn doch zu bunt, und die dumpfheulende Dampfpfeife ertönen lassend, hatte der laute Schall einen wunderbaren Effekt, wo sie auch standen, hoch oder niedrig, im Nu waren sie über Bord gesprungen und suchten das Weite.
Die Küstenstrecke von Kap Chirombo bis Mschewere, etwa 90 englische Meilen, ist nun wieder eine steil anstrebende, gewaltige Bergmasse, unterbrochen von tiefen Schluchten, als der Uziza-Bucht, Neu-Helgoland gegenüber, der Benzantze-Bai 11° 7´ S. Br., der Pankanja-Bucht und Deep-Bai, letztere ein gewaltiger NN.-W. in das Land eindringender tiefer Busen. Hier speziell sind die Gebirgsmassen getrennt, als habe ein verheerender Strom die Felsen weggefegt und vernichtet, so erscheint vom Hochlande her ein geebnetes Bett herunter gegraben zu sein, nur langgestreckte, runde Hügelkuppen erheben sich in demselben, gleich starren mächtigen Wogen. Ueberreste sind der Pankanga-Kegel und Trümmermassen als die Mtawale-Insel und weit vom Lande abliegende Rocks. Keinen Schutz bietet die nach Süden offene tiefe Bai, ganz dicht unter Land ist erst Ankergrund zu finden, auch wird es für ein Schiff unmöglich, sich gegen die zu Zeiten einlaufende schwere See dort zu halten. Geeigneter ist die nur wenige Meilen nördlicher, der Amelia-Bai gegenüberliegende Pankanga-Bucht, die nördlichste englische Militärstation; wenigstens ein guter Ankergrund ist in dieser zu finden, und brandet auch oft die See vom heftigen Ostwind hineingetrieben über die Steine und Felsen, die überall umhergestreut liegen, sodaß ein Landen fast unmöglich ist, liegt ein Schiff doch weit genug vom Lande und mit guten Ankern sicher genug. Eine besonders auffallende Form zeigt der Mont Waller, Peri oder Mjonce genannt, der das Kap Nikuru 10° 43´ S. Br. bildet, und an den hohen Gebirgsstock sich anlehnt; nahezu 3000´ hoch, scheint derselbe terrassenförmig aufgethürmt worden zu sein, wenigstens liegt dazu die Vermuthung nahe, als derselbe nicht mit den massiven Felsenmassen eng verbunden ist und eine andere Zusammensetzung des Gesteins aufweist.
Nach der werthvollen Steinkohle ist schon vielfach in den Nyassa-Ländern geforscht worden, bis jetzt aber vergeblich und fragt es sich, ob nicht Mont Waller solchen Schatz bergen sollte. Mir[S. 391] sind vom Agenten der Station Pankanga Mr. Crawshay große auf der Oberfläche des Berges gefundene Stücke gezeigt worden, wonach anzunehmen wäre, wenn, wie es den Anschein hatte, diese Stücke wirkliche Kohle war, ein Abbau möchte vielleicht lohnend sein, indes schon die ganze Bildung der Gesteinmassen läßt die Annahme, daß möglicher Weise compacte Kohlenlager gefunden werden könnten, unwahrscheinlich erscheinen, als unter den Granitmassen der mächtigen Gebirge alles andere nur nicht Kohle zu vermuthen ist, und müßte Mont Waller in Form und Bildung so verschieden eine Ausnahme machen. Abzuwarten bleibt, ob an Ort und Stelle, wenn erst ernstlich an eine genaue Untersuchung herangegangen wird, bessere Kohle, als die mit Gestein stark durchsetzten Beweisstücke ergaben, gefunden wird, welchen Versuch man aber wohl erst dann unternehmen wird, wenn das Brennholz für die Schiffe schwerer zu erlangen ist; vorläufig, so lange die Höhen dicht mit Baum und Busch bestanden sind, ist Mangel an Holz ausgeschlossen.
Als wir am 15. Oktober nach Langenburg zurückgekehrt waren, hatte Major von Wißmann erwartet, die Herren Wyncken und Lieutenant Prince, die auf eine Expedition nach dem Sultan Marara schon längere Zeit abwesend waren, bestimmt anzutreffen, da er die Station an das Reich übergeben und seine Heimreise baldmöglichst anzutreten gedachte. Wider Erwarten war dies nicht der Fall und erst 5 Tage später traf die Abtheilung in Langenburg ein, aufgehalten am Wege durch die nothwendige Erstürmung einer Boma, die ein den Deutschen und Marara feindlich gesinnter Häuptling besetzt hielt.
In den Morgenstunden unter Kanonensalut von Fort und Schiff, der aufmarschirten, präsentirenden Sudanesenkompagnie wurde die deutsche Reichsflagge im Fort gehißt, und weithin hallte das Hoch auf den deutschen Kaiser. Darauf lichtete H. v. Wißmann sofort die Anker und der Kanonendonner von Fort Langenburg grüßte zum letzten Male den scheidenden Führer, der seine schwere Aufgabe und sein Werk so glänzend beendet hatte.
Einen großen, kühnen Plan, der leider nicht in Erfüllung gehen sollte, hatte Major von Wißmann gehegt, nämlich: den Rachezug gegen die Wahehe, die bisher ungestraft sich ihres Ueberfalls und der Vernichtung der Zelewkischen Expedition noch immer rühmen konnten, wollte der Major von hier aus mit seiner kampfgeübten Truppe ins Werk setzen. Die zahlreichen Stämme auf dem Livingstone-Gebirge, vor allem die Wagwangwara sollten südwärts in das feindliche Gebiet einfallen, auch Marara, unser Aliirte und früherer Sultan der mächtigen Wahehe, war bereit, mit tausenden seiner Krieger vorzugehen, und die deutsche Besatzung Taboras von Norden heranziehend, erübrigte es nur noch, das ebenfalls von der Küste aus über Mpwapwa und Kilwa[S. 392] starke Kolonnen zum Angriff vorgingen und das schönste Kesseltreiben wäre fertig gewesen — dieser großartige Plan aber, der unter Führung des Majors zur vollständigen Unterwerfung der Wahehe geführt hätte, kam jedoch nicht zur Ausführung. Auch andere Vortheile wären uns aus solchem gemeinsamen Vorstoß erwachsen, z. B. würde das Ansehen der deutschen Macht mit einem Schlage gehoben worden sein; die Völker hätten nicht nur unsere überlegenen Waffen, sondern auch die zielbewußte Führung gesehen und selbst als unsere Bundesgenossen uns fürchten gelernt. Die voraussichtlich kommenden Kämpfe, wenn die Gebirgstämme sich gegen die Autorität der deutschen Macht später auflehnen werden, würden unterbleiben und minder heftig sein, die Folge wird sein, daß sie nun erst an sich selbst erfahren, wie Widerstand und Rebellion gestraft wird. Zwar hat Seine Excellenz Freiherr v. Schele den Wahehe später eine exemplarische Lektion ertheilt, ihre stärkste Veste gestürmt und zerstört, allein sie werden sich schwerlich fügen lernen und uns noch viel zu schaffen machen. Ueber Karonga südwärts laufend, ankerten wir am Abend des 23. Oktober zwischen den Felsenroks unterhalb Panganga, vor der Insel Mtawale; hier aber dem heftigen Ostwind und der schweren See ausgesetzt, war es eine schlimme Nacht, die wir verbringen mußten. Am nächsten Morgen wurden wir durch die breitseits anrollenden Wogen, die das Schiff überspülten, gezwungen, den Kurs zu ändern um unter der Ostküste Schutz zu suchen, und so erreichten wir über Likoma, Msumba, Monkey-Bai am 29. Port Maguire.
Da die neue Station am Schire nun bald beendet war, befahl der Major, Fort Maguire zu demoliren, und schon nach zwei Tagen war der Ort, der so lange uns Schutz und Aufenthalt gegeben, nur noch ein Trümmerhaufen. Am 31. Oktober 1893, nachdem nun auch der »H. v. Wißmann« dem Reiche übergeben und die Flagge gewechselt worden war, verließ Major v. Wißmann unter dem Salut der Schiffsgeschütze den deutschen Boden, das Hurrah der Besatzung war den Scheidenden der letzte Gruß!
So hatten denn nun auch die letzten Theilnehmer der großen Expedition Abschied genommen, der Major, Dr. Bumiller, de la Fremoire und Franke — die Schaar der schwarzen Kämpfer war gelichtet und mancher brave Soldat vom Feinde oder dem tückischen Fieber hingerafft, ruhte in fremder Erde, und doch sollte schon nach wenigen Tagen einer der Bravsten, der tollkühn oft im Kampfe den feindlichen Kugeln sich preisgegeben und unerschrocken dem Tode so oft ins Auge geschaut hatte, rasch und unerwartet hingerafft werden. Der Vetter des Majors von Wißmann, de la Fremoire, gesund und hoffnungsfroh, lag, ehe noch Matope erreicht worden war, sterbend darnieder. Schnell erlöste ihn der Tod und er fand die Ruhe und ein einsam Grab am Waldesrand hinter[S. 393] Matope — sein Andenken wird aber in allen denen fortleben, die ihn lange Jahre als einen tapfern, lieben Kameraden gekannt und schätzen gelernt haben.
In nun neue Verhältnisse und mit dem Schiffe in Reichsdienst übergetreten, machte ich mit dem H. v. Wißmann noch manche Reise, den Nyassa-See kreuz und quer durchziehend; viel Interessantes fand ich an manchen Orten und widmete meine Aufmerksamkeit namentlich der Beschaffenheit des Sees und seiner umwohnenden Bevölkerung. Ueber letztere will ich, so weit meine Erkundigungen und Nachfragen vornehmlich bei den Missionaren genau genug sind, einiges über deren Sitten und Gebräuchen sagen, vorher aber bemerken, daß das, was ich in kurzer Schilderung erwähne, nur ein Bruchtheil dessen ist, was eigentlich über die Völker der Nyassa-Länder gesagt und geschrieben werden könnte, auch ziehe ich es vor, nur das anzuführen, was ich aus eigener Erfahrung und Urtheil kennen gelernt habe, sowie was mir von Männern verbürgt worden ist, die inmitten dieser Völker schon lang leben und gewiß sich ein maßgebendes Urtheil angeeignet haben.
Zulustämme im eigentlichen Sinne, wie verschieden auch ihre Namen, sind heute vorwiegend die Bewohner der Nyassa-Länder; an Zahl groß und gleich allen Zulus kriegerischen Sinnes, haben sie die Urbevölkerung verdrängt oder vernichtet und sich in den reichen Gebieten des Gebirgslandes festgesetzt. Natürlich hat die allmählige Eroberung und Besitznahme nicht damit ihren Abschluß gefunden, vielmehr nachdrängende Stämme vertrieben die ersten wieder oder solche besiegt, gingen in den stärkeren schließlich auf. Ein periodisches Wandern, Verdrängen und beständiges Kämpfen um den Besitz ist auch heute noch Gebrauch und aus Erzählungen älterer Eingeborenen kann man entnehmen, wie hart und heiß von vielen Häuptlingen um einen beneideten Besitz gestritten wurde, ehe z. B. die Ngoni sich das ganze westliche Land erobert hatten.
Was Gebräuche und Sitten anbetrifft, worauf ich speziell eingehen werde, so ist für diese ein gleicher Ursprung anzunehmen, als fast alle Stämme des Nyassa-Hochlandes gemeinsamer Abstammung sind. Das Familienleben vor allem, bei zivilisirten Völkern die stärkste Stütze eines Staates, weicht hier weit von der christlichen Auffassung über solches ab und namentlich die Ehe wird bei diesen Völkern ganz anders beurtheilt, nicht in dem Sinne wie wir sie aufzufassen gewohnt sind. Leicht löslich von Seiten des Mannes, ist die Ehe meistens nur ein Uebereinkommen, oft ohne eine besondere Zuneigung von Seiten der Frau, was der Fall, wenn der Mann ein Polygamist ist und schon mehrere Frauen hat. Die Vielweiberei ist jedem gestattet, der imstande ist, der erwählten Schwiegermutter, vor allem deren Bruder, das eigentliche Haupt einer Familie (der Vater hat kein Verfügungsrecht[S. 394] über seine Töchter), das übliche Brautgeschenk, bestehend in Zeug, Ziegen etc., zu machen, auch sich verpflichtet, von Zeit zu Zeit bei der Ernte oder einem Hausbau zu helfen. Polygamie wird in dem Sinne als zu Recht bestehend angesehen, als dadurch der Mann zurückgehalten wird, Ehebruch zu begehen, der hingegen für eine überführte Frau meistens verhängnißvoll ausfällt. Nach der Verheirathung mit einer dritten oder vierten Frau lebt der Mann zunächst mit dieser längere Zeit, dann aber verläßt er sie, um bei einer andern zu wohnen und ist er dieser auch überdrüssig, kehrt er zurück, oder geht die Reihe herum, so daß außer der einen, bei welcher er sich aufhält, die anderen angewiesen sind, sich von ihren Blutsverwandten unterhalten zu lassen. Die nun so allein und unbewachten Frauen erliegen sehr oft der Versuchung sich schadlos zu halten und schenken einem Verführer nur zu willig Gehör, obwohl sie wissen, daß eine Entdeckung für beide Theile schlimme Folgen haben kann. Nur zu oft, und das ist das Verwerflichste bei solcher Polygamie, beschuldigt mit und ohne Grund der nach langer Abwesenheit zu einer seiner Frauen zurückkehrende Mann diese des Ehebruchs. Selten wird die Frau, außer wenn sie überführt ist, eingestehen, sich vergangen zu haben; doch auf bloße Verdachtsgründe hin steht dem Ehemann das Recht zu (wir würden es einfach als vorsätzlichen Mord bezeichnen) seine Frau zu zwingen, »pande« Gift zu trinken. Giebt sie es wieder von sich und bleibt am Leben, wird sie als unschuldig angesehen, stirbt sie aber und ihre Unschuld wird nachgewiesen, tritt häufig von seiten ihrer Verwandten die Wiedervergeltung ein, die dann für den Mann gewöhnlich von schlimmen Folgen begleitet ist.
Fällt bei solcher Beschuldigung der brutale Zwang fort und handelt der Mann in Uebereinstimmung mit den Verwandten seiner Frau, wird einem Hunde oder Huhn »pande« gegeben. Bricht solches Thier das Gift wieder aus, wird die Anklage als falsch angesehen, stirbt es aber, bekennt die Frau ihre Schuld und nennt auch vielleicht den Verführer, ob sie aber wirklich schuldig ist oder nicht, gegen das Ergebniß eines solchen Urtheils giebt es keinen Widerspruch. In solchem Falle, wenn durch Vergiftung ein Thier stirbt, also die Schuld erwiesen ist, beansprucht noch der Mann eine Entschädigung, welche die Verwandten seiner Frau aufzubringen haben — er erhält meistens das Brautgeschenk zurück — was dann gleichbedeutend mit einer Scheidung ist; wird hingegen solche nicht gegeben oder verlangt, erhält die Frau eine schwere körperliche Züchtigung.
Um eine Scheidung herbeizuführen bedarf es aber nicht immer so triftiger, oft gewiß frivoler Gründe, es genügt auch, wenn der Mann erklärt, daß dies oder jenes Weib ihm überdrüssig ist; auch machen sich die betroffenen Frauen nicht viel Kopfzerbrechen darüber, welche Gründe den Mann veranlaßt haben, sie verlassen zu wollen,[S. 395] vielmehr ist ihnen eine Veränderung häufig willkommen, da gemeinhin einer geschiedenen Frau die Wiederverheirathung gestattet ist; nur in Fällen, wenn sie fürchten müssen, begangene Untreue könnte nachgewiesen werden und sie würden, solche leugnend, gezwungen »pande« zu trinken, nehmen sie die Sache durchaus nicht so leicht. Von gegenseitiger Zuneigung kann daher, weil die Sitte der Polygamie kein rechtes Familienleben möglich macht, keine Rede sein oder doch nur in den seltensten Fällen. Hingegen auf solche Art verlassene Häuptlingsfrauen, denen das Recht der Wiederverheirathung genommen ist, zeigen sich viel erregter und untröstlicher. Ein großes soziales Uebel ist die Polygamie wohl bei allen afrikanischen Völkern und hindert wesentlich die Verbreitung des Christenthums, weil dieses der eingewurzelten Unsitte entgegen treten muß.
Der verbrecherischen Sitte, den Gifttrank, den im Verdacht der Untreue stehenden Weibern, aufzuzwingen, kann leider nicht entgegen getreten werden, aus dem Grunde schon, weil noch die Macht der Europäer in diesem ganzen großen Gebiete so gut wie belanglos ist und bekannt gewordene Fälle der strafenden Gerechtigkeit unerreichbar sind. Auf den Inseln Likoma und Kissimulu allein, wo englische Gerichtsbarkeit eingreifen konnte, wurden zwei Uebelthäter erfaßt. In dem einem Falle war ein Mädchen gezwungen worden »pande« zu trinken und, da es als unschuldig befunden wurde, zahlte der Ankläger die übliche Strafe, in dem anderen wurde das Gift einem Hunde eingegeben. Beide Anstifter hatten aber ihre That mit mehrmonatlicher harter Gefängnißstrafe zu büßen, was, da die Strafe solchen unbegründeten Anschuldigungen auf dem Fuße folgte bei der Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck machte.
Obgleich diese Volksstämme in moralischer Hinsicht auf eine tiefe Stufe stehen, ist doch in ihnen das Bewußtsein lebendig, daß Unmoralität Uebels im Gefolge haben kann, z. B. ist die Ansicht bei den meisten Stämmen, als Angoni, Atonga, Tumbuka, Chewa und andere vorherrschend, daß je nachdem in einem Dorfe mehr oder weniger Ehebrecher wohnen, die Bewohner, im Falle einer ausgebrochenen Pockenepedemie, auch demgemäß von der Seuche befallen und weggerafft werden. Ein Dorf von dem gesagt wird, es ist »ufudumele« (warm) hat einen schlechten Ruf d. h. alle die erkranken sterben auch, »umakaza« (kalt) aber ist ein solches, in welchem die Seuche wenige Opfer fordert. Nach dem Glauben der Angoni hassen sich Ehebruch und Pocken und wer solches Vergehen begangen hat stirbt durch die Pocken oder andere für ihn. Betritt ein Ehebrecher eine Hütte in welcher Erkrankte liegen, müssen diese sterben; es wird gesagt, derselbe ist mit Feuer eingetreten. Zutritt zu einem Pocken-Kranken haben nur dessen nächste Anverwandte, versucht hingegen ein mit solchem Vergehen Beschuldigter[S. 396] diesem dennoch nahe zu kommen, wird angenommen er habe es absichtlich gethan und der Eintritt wird ihm eventuell mit Gewalt verweigert. Erkranken in einer Familie mehrere, werden die noch Gesunden beschuldigt, sich vergangen zu haben, denn der Glaube, für andere leiden und sterben zu müssen, ist zu tief eingewurzelt, als daß er erschüttert werden könnte.
Die in Europa mit vollem Recht verpönte Sklaverei, die zu unterdrücken die zivilisirten Völker sich verbunden haben, ist den meisten Laien doch nur als ein verabscheuungswürdiger Handel bekannt, unternommen von arabischen Händlern, deren Horden, vornehmlich durch plötzlichen Ueberfall, wehrlose Stämme und Dörfer vernichten und die eingefangenen Menschen gleich dem Vieh zur oft fernen Küste treiben. Weniger bekannt sind die Ursachen, um welcher willen häufig Eltern ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen, Freie und Häuptlinge bestrebt sind sich durch den Menschenhandel zu bereichern. Weit verbreitet über Afrika ist diese Unsitte, speziell aber will ich hier anführen wie sich die Völkerstämme des Nyassa-Hochlandes hierzu verhalten!
Der friedlichen Arbeit, dem ehrlichen Handel abhold, sind es namentlich die Jav's und Wagwangwara an der Ostküste des Nyassa-Sees, die den Menschenhandel mit Vorliebe betreiben und denen jedes Mittel recht ist, wenn sie nur Sklaven erlangen und erwerben können. Schutz- und rechtlos ist in diesen Ländern der Schwächere und der Willkür des Stärkeren preisgegeben, so z. B. gelüstet es oft einem Häuptling auf Menschenraub auszugehen, ein fremdes Dorf im nächtlichen Ueberfall auszurauben oder sich der arglos auf den Feldern arbeitenden Bewohner zu bemächtigen. Gelingt der Ueberfall oder Raub, werden die Gefangenen schleunigst hinweggeführt, und ehe vielleicht Hilfe nahen könnte sind sie aus dem Bereich ihrer Freunde. Wohl wissend, das die Ueberfallenen zu schwach sind, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, lassen sich die Räuber mitunter später auf Unterhandlungen ein und geben die Gefangenen gegen ein entsprechendes Lösegeld, Ochsen oder Ziegen, wieder frei; war es jedoch auf Sklaven abgesehen, weisen sie dieses zurück und dann bleibt nichts anderes übrig als die gefangenen Männer durch Knaben auszulösen. Die betroffenen Familien müssen zunächst einen der Ihrigen zu veranlassen suchen für den Vater, Onkel etc. in die Sklaverei zu gehen.
Gewöhnlich trifft das Loos solche, die eine Sklavin zur Mutter haben, trotzdem sie ebenso gut Blutsverwandte der Geraubten sind, wie die Kinder einer freien Frau, einer aber muß gehen und die bittere Nothwendigkeit zwingt die unfreie Mutter ihr Kind zuerst wegzugeben. Ist eine Familie aber nicht imstande solches Opfer zu bringen, findet sich meistens doch jemand der für ein Stück Rind etc. einen Sklaven hergiebt; unerläßlich jedoch wird solch Lösegeld, wenn es gilt einen Häuptling oder sonst[S. 397] Angesehenen des Stammes wieder zu befreien. Gewiß wird man in solcher Handlungsweise große Herzlosigkeit sehen können, aber die Familienbande durch Polygamie, durch die überall zu Recht bestehenden Sklaverei gelockert, werden solche Opfer nicht allzuhoch veranschlagt und vorherrschend ist die Anschauung, daß es besser ist große Opfer zu bringen, als sich der erwachsenen Männer berauben zu lassen. Solche Räubereien, so häufig sie auch vorkommen, geben den Ueberfallenen wenigstens Gelegenheit sich ihrer Haut zu wehren und werden einzelne auch hinweggeführt leiden dadurch doch nicht alle; andere Fälle aber sind ernster, und schlimm steht es erst, wenn heimtückische Feinde vor der Ernte die Felder zerstören oder verwüsten und die Bewohner eines Dorfes verhindern sich Nahrung zu suchen; unerbittlich zieht dann der Hunger ein und überliefert die Einwohner auf Gnade oder Ungnade ihren Feinden. Solches Treiben mächtigerer Stämme bringt über ganze Distrikte häufig genug Noth und Elend; schlimmer aber noch ist es, wenn eine allgemeine Hungersnoth eintritt, dann wandern wankende Gestalten viele Meilen, um nach den Masukafrüchten zu suchen, die neben oft giftigen Wurzeln und anderen Pflanzen die einzige Nahrung bilden. Von solchem harten Loos werden häufiger die Stämme an den Ufern des Nyassa-See's heimgesucht, weniger die im Hochland wohnenden, und wenn dann die Noth am höchsten gestiegen ist, kommen, um nur ein Beispiel anzuführen, die Yao's zur Küste mit Waffen und geringem Vorrath und geben namentlich den hungernden Kindern ein wenig zu essen, verlangen aber, wenn solches Almosen angenommen wird, sofortige Bezahlung dafür und, da die Halbverhungerten absolut nichts zu geben haben, führen sie solche mit sich in die Sklaverei.
Eine grausame Methode ist es, für ein Stückchen Cassava (Wurzel) oder eine Hand voll Korn ohne Mitleid den Hungrigen die Freiheit zu nehmen, aber zu solchem Zweck gerade ist der Yao gekommen und läßt sich die günstige Gelegenheit, auf so billige Art Sklaven zu erhalten, darum nicht entgehen. Bringt der herzlose Käufer größeren Vorrath, dann wird oft, um nur für Tage den Hunger stillen zu können, ein Glied einer Familie ihm für wenig Essen verkauft — die Armen sagen sich, es ist besser, daß einer geht, für den die bittere Noth ein Ende hat, denn daß sie alle sterben — wenigstens für kurze Zeit haben sie etwas besseres als Gras, giftige Wurzeln und Wasserpflanzen zu essen! Freilich trifft zuerst das harte Loos den Unfreien, aber auch der Freie wird in Zeiten höchster Noth nicht geschont, und einem harten Geschick sind die Verkauften verfallen, die vielleicht doch nicht die Ihrigen vor dem Hungertode haben bewahren können. Allein wie allgemein auch der bittere Zwang den Menschenhandel begünstigt und es den Anschein hat, als würden die Bande des Bluts ohne viel Mitgefühl zerrissen, so kommt es doch noch häufiger[S. 398] vor, daß viele lieber dulden und sterben, ehe sie ihre Kinder verkaufen — die Mutterliebe ist oft stärker als die bitterste Noth — und bietet der eigennützige Yao seinen verhängnißvollen Bissen an, weigern sich trotzdem viele, solchen anzunehmen und widerstehen der Versuchung; denn die Kinder retten, heißt sie auf immer verlieren. — Der Neger liebt die Scholle, auf der er geboren, ob er sie willig oder unfreiwillig verlassen muß, sein ganzes Sinnen bleibt doch für lange Zeit darauf gerichtet, wieder zu ihr zurückkehren zu können und scheut dafür keine Noth noch Gefahr; lieber leidet und hungert er mit den Seinen, theilt Freud und Leid mit den Gespielen, als daß er auf lange Jahre sie verlassen sollte, auch wenn ihm die Aussicht winkt, sein einziges Begehren erfüllt zu sehen, seinen Magen immer füllen zu können.
Oft habe ich die Erfahrung gemacht, daß, wie häufig auch die Eingeborenen sich erbieten mit einem Europäer zu gehen, sie dies nur unter der Bedingung thaten, in nicht allzu langer Zeit wieder zu ihrem Heimatsort zurückkehren zu dürfen und auf dem »H. v. Wißmann« war das längste Engagement nur 3 Monate; wohl kamen die Leute wieder, sobald sie ihren Verdienst aufgezehrt, oder sie Lust zur Arbeit hatten, indes anhaltend zu arbeiten, dazu waren sie nicht zu bewegen. Ob sie auch meilenweit über Berg und Hügel wandern mußten, nichts hielt diejenigen, welche Urlaub bekamen, zurück, auf wenige Stunden nur bei den Ihrigen weilen zu können.
Was die Liebe zum Heimathlande anbetrifft, die den Neger beseelt, wird dieser als Freigegebener erst recht die Macht des weißen Mannes schätzen lernen, wenn derselbe ihn zurückzusenden vermag von wo ihn ein grausames Geschick hinweg geführt hatte, das aber sollte, wenn irgend angängig, immer geschehen, denn dann, welchen Begriff von Dankbarkeit der Neger auch immer haben mag, wird er sie dem weißen Manne entgegen bringen. Abgesehen nun von der Art und Weise, wie die Stämme unter sich mit Gewalt oder List sich in den Besitz von Sklaven zu setzen wissen, wäre noch anzuführen, daß für jedes Verbrechen, welches irgend jemand begeht, dessen ganze Familie haftbar gemacht wird; der Thäter selbst geht straflos aus, sobald er einen Sklaven oder einen Verwandten als Sühne stellen kann; oder auch, glaubt nur ein Glied einer Familie an Hexerei — übrigens ein weiter Begriff bei diesen Stämmen — so haften alle Angehörigen für dieses, und ebenfalls ein näherer Verwandter muß in die Sklaverei wandern; solche Opfer aber, für die in diesen beiden Fällen niemand ein Lösegeld zahlt, werden gelegentlich an Sklavenhändler verkauft. Weit und breit im portugiesischen Gebiet leben die Yao in zahlreichen, mächtigen Stämmen und haben sich mit Vorliebe ihre ausgedehnten Dörfer an hohen Bergen angebaut, z. B. Unangu, Mangoche, Mtonga, Lisali u. a. Ein Handelsvolk im gewissen[S. 399] Sinne, da der Sklavenaustausch ihr Haupterwerb ist, lieben sie es, in Karawanen zur Küste zu ziehen, sie sind vielfach mit den bekannten Wanjamwesi verglichen worden, denen auch ein gewisser Wandertrieb inne wohnt. Den Bedarf an Zeug und Pulver gewinnen sie einzig durch den Handel mit Sklaven, auf welche Art aber sie sich solche beschaffen, habe ich zu zeigen versucht.
Die Yao's, die von den Stämmen am Nyassa-See sehr gefürchtet werden, haben den Namen »Angulu« erhalten, welcher so viel als Ostwind bedeutet, denn so wie dieser die trockenen Blätter von den Höhen in mächtigen Wirbeln niederführt, fegt er auch nach Ansicht derselben die Yao's von dem Gebirge herab. Kühnheit und Intelligenz kann dem Yao nicht abgesprochen werden, die angeborene Grausamkeit aber, um welcher er gefürchtet ist, hebt seine guten Eigenschaften wieder auf; viele bezeichnen ihn auch als verrätherisch und feige, doch so viele ich kennen gelernt habe, waren sie letzteres nicht und namentlich als unerschrockene Jäger sind sie muthig und besonnen. Mit Speer und Pfeilen allein treten sie dem Löwen und Elephanten entgegen, wagen sich so nahe an die gefährlichen Thiere heran, daß ihre Waffen zur Geltung kommen müssen, und gewiß als furchtlos muß man den bezeichnen, der es unternimmt, sich unter den Leib des mächtigen Vierfüßlers zu schleichen, der die Stelle sucht, wo er gewandt und schnell den breiten Speer in den Körper des Thieres zu stoßen vermag, das tödtlich getroffen zusammenbricht.
Höchst verderblich auf den Charakter der Yao's einwirkend ist der regsame Verkehr mit der Küstenbevölkerung, schnell haben sie sich dem Einfluß gewissenloser Suaheli untergeordnet, die der Ansicht huldigen, daß sie das Elitevolk aller Bantustämme sind, mithin nur verächtlich über die im Innern wohnenden denken und solche auch, als tief unter ihnen stehend, demgemäß behandeln. Die Untugenden der Küstenbevölkerung sich aneignen zu können, rechnet sich der Yao zur Ehre an, und wunder nimmt es daher nicht, wenn er zum Theil verrätherisch und hinterlistig geworden ist. Die Berather der Häuptlinge sind die Suaheli und Halbaraber, oft der Schrift kundig und äußerst verschlagen, haben sie sich genugsam unentbehrlich zu machen gewußt; verleiteten zu Menschenraub und Verwüstungen nur zu oft diejenigen, welche ihnen ein willig Ohr geschenkt haben.
Trotzdem die Yao's sich beständig in den Haaren liegen und sich gegenseitig in blutigen Fehden zu schwächen trachten, zu welchem der geringste Vorfall Veranlassung geben kann, mehr aber auf den Neid der Häuptlinge unter sich zurückzuführen ist, wächst doch ihre Macht und Einfluß, und wären die drei mächtigsten Häuptlinge Kalanje, Makanjila, Mponda, überhaupt alle, sich einig, sie könnten heute noch die Europäer aus dem Lande jagen — vor[S. 400] ihren ungezählten tausenden Kriegern müßte das Häuflein weißer Männer weichen.
Gleicherweise sind die Yao auch für die Wangwangwara unliebenswürdige Nachbarn, wiewohl letztere ihnen auch sicherlich nichts schuldig bleiben und gegenseitiges Berauben der Felder und Dörfer zur Gewohnheit geworden ist. Als Beispiel sei hier die charakteristische Ansicht Häuptlings »Songea« angeführt, der einst zu Ehren seiner anwesenden weißen Gäste Tanz, Singsang und Trinkgelage aufführen ließ und sich diesen gegenüber in seiner ganzen zweifelhaften Würde zu zeigen bemüht war. Seine um ihn in großer Zahl versammelten Krieger redete er folgendermaßen an: ihr seht hier die weißen Männer, wenn es solche nicht gäbe, hätten wir kein »Calico« (Zeug) und gäbe es kein Calico, könnten die Yao-Karawanen solches nicht ins Land bringen, gäbe es aber nun keine Karawanen, woher in aller Welt sollten wir dann Zeug stehlen und uns bereichern? Somit ist es also klar, daß der weiße Mann ermuthigt werden muß, in unser Land zu kommen, er muß respektirt und geachtet werden und niemand soll ihn tödten, geschieht es dennoch, werden wir kein Zeug mehr bekommen, auch die Quelle verschließen, von woher der weiße Mann sich solches beschafft oder in seiner Weise anderen wegnimmt.
Ermuntert durch den Beifall seiner Zuhörer fuhr Songea fort: Du siehst, Mzungu (Europäer), meine Krieger, wenn sie Karawanen begegnen, flößen namentlich den mit Zeug beladenen Trägern solche Furcht ein, daß die einfältigen Yao ihre Lasten wegwerfen und eiligst fliehen, thun diese aber so was Unvernünftiges, ist es doch erklärlich, daß meine Leute, die nie etwas mögen umkommen lassen, die Lasten natürlich aufnehmen und nun als ihr Eigenthum betrachten — darin kann der weiße Mann doch auch nichts Unrechtes finden, nicht wahr? — und in der That findet solches Beispiel nur zu willige Nachahmer.
Da der Aberglaube unter den Negerstämmen stark verbreitet ist, meist religiöser Natur, so werden die Handlungen des Einzelnen wie auch ganzer Stämme durch denselben beeinflußt, und unter vielen Abweichungen sei ein Beispiel hier erwähnt und zwar, wie die Yao sich verhalten, wenn sie beabsichtigen, kürzere oder längere Wanderungen zu unternehmen. Jedes Unternehmen, welcher Art es auch sei, geschieht gewöhnlich mit Zustimmung des Häuptlings und der Aeltesten eines Stammes, und so ist es denn Gebrauch, sich über den glücklichen Ausgang eines solchen Garantien zu verschaffen. Zu diesem Zwecke sendet der Häuptling einen kleinen Korb mit Mehl zu dem Grabe seines Vorgängers, der dort niedergelegt wird und daselbst für mehrere Tage verbleiben muß. Wird nach dieser Zeit der Korb nun in derselben Verfassung gefunden, so ist dieses ein gutes Omen und Vorbereitungen zur Reise werden getroffen, hingegen ist das Mehl zerstreut und der Korb[S. 401] leer gefunden worden, ist dieses ein schlechtes und der Aufbruch wird verschoben. Es wird also nach dem Glauben des Ahnenkultus dem Geiste des Verstorbenen die Entscheidung überlassen, um so zuversichtlicher, als keiner es wagen würde, ein solches Grab zu berühren.
Die Ceremonien beim Begräbniß eines Häuptlings, der gewöhnlich in seinem Viehkraal begraben wird, sind ebenfalls eigenartig. Von allen Seiten strömen die Männer herbei und bezeugen durch lautes Lamentiren ihre Trauer; im Kraal versammelt, schauen sie dem Aufwerfen des Grabes zu, während dessen unaufhörlich das »Baba bè! Baba bè!« erschallt. Ist alles beendet, wird der Verstorbene in Zeug gerollt und aus seiner Hütte gebracht, dann ordnen sich vor dem Zuge dessen Weiber, die mit großen Federbündeln geschmückt sind. Mit lautem Wehklagen eröffnen sie die Prozession und krauchen auf Knieen und Händen dem Zuge voran bis zum Grabe; hierauf weichen sie mit lautem Klagen bis hinter die Linie der in weitem Umkreis dicht gedrängt sitzenden Männer zurück. Sodann wird der Todte in sitzender Stellung, das Gesicht nach Osten gewendet, in seinem Grabe postirt; ist dies beendet, ist es für die Zuschauer, meistens Krieger, das Signal, mit wildem Geschrei aufzuspringen, sich dicht um das Grab zu drängen und, ihre Schilde über die Köpfe haltend, dem Todten durch lautes Klagen die letzte Ehre zu erweisen. Dann kommen die Jüngeren an die Reihe, truppweise zum Grabe tretend, bis alle ihrem verblichenen Häuptling den letzten Tribut gezollt haben. Darauf werden zu dessen Füßen eine Masse Zeug, vielleicht in Jahren aufgespart, Kochtöpfe, Trinkgefäße, Matten und Pfeifen gelegt, und sind genug Liebesgaben gespendet, damit der tote Häuptling nicht mit leeren Händen bei den Geistern seiner Vorfahren zu erscheinen braucht, wird das Grab geschlossen. Die Sitte aber erfordert, daß noch Tage lang um den Todten geklagt und lamentirt wird und namentlich geberden sich dabei die Weiber, als hätte der Verlust sie ihrer Sinne beraubt.
Eines von Interesse möge noch angeführt werden, und zwar das Verhalten der Angoni in Fällen schwerer unbekannter Krankheit. Liegt jemand ernstlich erkrankt darnieder, gehen die Verwandten zunächst zu einem Wahrsager, »Itschanusi«, und suchen von diesem zu erforschen, welche Art von Krankheit es sein möge, die einen der Ihrigen befallen hat. Vor dessen Hütte angelangt, rufen sie den Wahrsager an mit »Yebobani«, d. h. wir haben eine Angelegenheit für dich. Darauf ordnet der Itschanusi seine Instrumente, bestehend aus Ziegenknochen, Theile eines Elephantenhufes, Holzstücke und den Rinden verschiedener Fruchtarten. Eine überall erhältliche Pflanze, genannt »Itschitùta Kazana«, reibt er sodann in den Händen und zieht mit dem Munde deren Duft ein,[S. 402] was zur Folge hat, daß er den Athem mit Geräusch gleich einem schwachen Bellen ausstoßen muß. Hierauf wirft er die Instrumente mehrmals auf den Erdboden, ruft nach Beendigung dieser Prozedur die Leute zu sich in die Hütte und, da er nicht wissen kann, ob der Kranke ein Mann, Weib oder Kind ist, verlegt er sich zunächst aufs Rathen. Trifft der Wahrsager das Richtige, rufen alle laut »Siyavuma« — du hast recht — und knipsen mit dem Zeigefinger und Daumen, räth er hingegen falsch, wird das Siyavuma nur leise gesagt und der Wahrsager weiß, daß er auf falscher Fährte ist. Ist das Geschlecht des oder der Kranken auf diese Weise schnell festgestellt, dann nennt er eine Anzahl Krankheiten, unter denen eine wohl die richtige sein wird.
Zwar ebenso klug fast als vorher, befolgen doch die Rathsuchenden die Weisung des Itschanusi, nämlich erst den »Amadhlozi«, den Geistern der Vorfahren ein Opfer zu bringen und dann die Hilfe des Medizinmannes in Anspruch zu nehmen. Sind sie zu ihrem Dorfe zurückgekehrt, wird also eine Kuh, Ziege oder auch »Ulofioko«, d. i. Korn, woraus Bier bereitet wird, den Amadhlozi geopfert — Schafe werden den Geistern nicht angeboten. Kommt der Medizinmann, ordnet dieser ebenfalls an, eine Kuh, Ziege oder Huhn zu schlachten; ist eines dieser Thiere gewählt, wird das Fleisch zerschnitten und in einen Topf mit der mitgebrachten Medizin gethan, der Inhalt der Gedärme oder des Magens, »Umswani« genannt, wird hinzugefügt und dann die unappetitliche Mischung gekocht und dem Kranken zum Essen vorgesetzt. Hilft diese Mischung dem Kranken, zahlt er später dem Doktor für dessen Mixtur eine Kuh oder Ziege, auch der weise Rathgeber, der »Itschanusi«, geht nicht leer aus. Eine Art Krankheit, eigentlich Nervosität, begleitet von Schlaflosigkeit, »Amalombo« genannt, wird folgendermaßen kurirt: eine stark pfeffermünzhaltige Pflanze wird in einem Gefäß mit Wasser gekocht, dann legt man die Kranke (meistens Frauen werden davon befallen) nieder, stellt neben ihr das Gefäß und deckt beide dicht zu, so daß der heiße Dampf den Körper erwärmen muß. Der Medizinmann, der solches Mittel angeordnet hat, schlägt nun seine Ngoma (Trommel), nach der die Angehörigen oft vom Sonnenuntergang bis zum nächsten Morgen tanzen und singen. Das Resultat ist, daß meistens die Kranke nach solcher Schwitzkur schließlich aufspringt und an der eigenartigen Lustbarkeit theilnimmt. Darauf bereitet man die wie oben schon erwähnte Medizin und die Krankheit gilt als gehoben. Somit käme hier eine Methode in Anwendung, die in letzter Zeit auch in Europa versucht worden ist, daß nämlich Musik Kranken die Schmerzen lindern und sie auch beruhigen kann.
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Eingehend, und soweit es zum vollen Verständniß des nun Folgenden dienen kann, habe ich mich bemüht, ein anschauliches Bild von der Beschaffenheit des Nyassa-Sees, den Küsten, Gebirgen und Inseln zu geben. Mit Hilfe der von mir möglichst genau angefertigten Karte, vornehmlich der nördlichen Hälfte des Sees, wird es leicht sein, genau zu verfolgen, was ich im besonderen über die vermuthliche Entstehung dieses gewaltigen Sees anführen werde. Vielleicht werden die Ansichten gelehrter Geologen weit von einer Theorie abweichen, die nur auf Vermuthungen beruht, jede andere hat jedoch denselben Anspruch, als die muthmaßlich richtige zu gelten. Aber ein Gebiet, das vor wenig Jahrzehnten noch ein terra incognita war, über das wenige Forscher nur unter Mühen und Gefahren gesammelte Auskunft geben konnten, kann so lange in wissenschaftlicher Hinsicht als unbekannt gelten, so lange es nicht, wie hier der Fall, wissenschaftlich erschlossen ist. Zweifelhaft und unzuverlässig waren die Ueberlieferungen der alten Egypter, erst die Forschungen der Jetztzeit bestätigen die bezweifelte Sage von der Existenz gewaltiger Gebirgsmassen im Herzen Afrikas, auch das sagenhafte Mondgebirge wurde dadurch aufgeklärt, wohl haben kühne Handelsleute schon vor Jahrtausenden die mächtigen über die Wolken hinaus ragenden Höhen gesehen, aber Kunde von dem ausgedehnten ungeheuren Seeengebiet, eingebettet in das felsige Hochgebirge, wie auf der Erde nicht annähernd ein gleiches, brachten sie nicht.
Wer diese Gewässer geschaut im Sonnenglanz ein Silbermeer, in stiller friedevoller Nacht, wenn vom Firmament das Sternenheer in hehrster Pracht herniederleuchtet, eine Wunderwelt, deren Glanz erhöht wird durch die in der Ferne auf den Bergen sich gleich glühenden Schlangen hinwälzenden Feuer, und weiter zurück in tiefblauer Färbung die Gebirge gleich schlafenden Riesenmassen liegen sieht, die wie ein Wall in unabsehbarer Ferne diese zu Zeiten spiegelglatten Fluten umschließen, fühlt sich versucht, in die Geheimnisse der Natur, die hier Werke von gewaltigen Formen geschaffen hat, einzudringen. »Nyanya Ya Nyenyesi« See der Sterne haben mit stolzen Worten die Eingeborenen den Nyassa-See genannt; keine Ueberlieferung aber giebt Aufschluß, woher diese Benennung stammt, nur unter den vielen Fabeln, welche meistens den Eingeborenen als Einleitung zu ihren Gesängen dienen, deutet eine auf die mythische Entstehung des Nyassa-Sees hin — so dunkel und unklar aber, daß solche einfach als eine schwache Vorstellung, wie sich die Eingeborenen die Entstehung dieses Sees gedacht, aufgefaßt werden muß — ihnen sowohl wie uns bis zur Stunde ein ungelöstes Räthsel! —
Vor langer, langer Zeit, so erzählt die Sage, war der See nur ein schmales Gewässer, zu diesem kam aus dem fernen Westen ein Mann mit silbernem Scepter und wählte sich aus der[S. 404] Bevölkerung am See ein Weib, das er beredete ihm nach seiner entlegenen Heimat zu folgen; es sagte auch zu und auch ihr Bruder war bereit seine Schwester zu begleiten — dies aber wollte sein Schwager nicht dulden und verwehrte es ihm — darauf nun, als er seine Schwester wegziehen sah über den See, weinte er bitterlich, wurde dann aber sehr ungehalten und schlug mit seinem Stock das Wasser, bis dieses anschwoll und die Fluthen alles bedeckten; dafür nun mußten die Geschwister sterben, konnten auch nicht im Tode vereint bleiben, da die Fluthen den Körper des Weibes zum fernen Norden, den ihres Bruders nach Süden hin trieben.
Es ist nutzlos, hieraus irgend etwas muthmaßen zu wollen, da wir mit Bestimmtheit annehmen müssen, daß die Entstehung des Nyassa-Sees, wie überhaupt des ganzen ungeheuren Seeengebietes, in prähistorische Zeit zu verlegen ist. Die Ansicht, die langgestreckten Thäler im Hochlande des zentralen Afrikas seien Erdsenkungen, entstanden durch zusammenstürzen gewaltiger Bergmassen, hat wohl die Wahrscheinlichkeit für sich; jedenfalls aber müssen zwischen den ungeheuren kompakten Gebirgsmassen, große ausgedehnte Ruinen vorhanden gewesen sein, die, wie ich nachzuweisen versuchen will, durch eine verheerende Gewalt erweitert und vertieft worden sind, ehe sie mit Wasser angefüllt, die heutigen Seeenbecken darstellen konnten. Denn ragen auch unberührt wie es scheint, die Bergspitzen der Gebirgsmassen in ihrer ursprünglichen Gestalt hoch in die Lüfte, muß man doch, da die Felswände steil und senkrecht noch unter Wasser abfallen, nach einer weiteren Erklärung für die Vertiefung suchen.
Ein Beobachter darf nicht auf beschränktem Gebiet nach Anhaltepunkten suchen für eine Idee oder Theorie, wenn wie hier ein ungeheures Gebiet in Frage kommt, auf welchem sich Vorgänge abgespielt haben, die nur mit weitem Blick, sozusagen aus der Vogelperspektive, ganz erfaßt und beurteilt werden können, sondern muß sich vergegenwärtigen, was in Jahrhunderttausenden geschehen und sich verändert haben kann, mit Berücksichtigung der unabänderlichen Naturgesetze, die im Kleinen wie im Großen schaffen und zerstören. Die Auffassung des Geologen Sir Roderick Murchisons über Afrika möge hier, soweit sie Anwendung findet auf das, was ich angeführt habe, Platz finden: Darnach ist Afrika unser ältester Kontinent, der nie wieder, wie alle übrigen, seit seiner Geburt aus dem Flammenmeer unseres Globus durch Wasser getauft und verjüngt worden ist, also nichts von dem Reichthum, den die anderen Kontinente von den Ozeanen empfangen haben, ist ihm zu theil geworden. Es ist das ärmste Land geblieben, weil es seit der Eisperiode nie wieder unter Wasser gesetzt war. Es steht bis zum heutigen Tage, ein Produkt plutonischer[S. 405] Hitze und eisiger Kälte, ein unvollendetes Werk der Natur, tot, während andere Kontinente ihre Jugend erneut haben.
Abgesehen nun von den massiven starren Felsenmassen, die, wo immer sie zum See herantreten, gleich granitenen Mauern sich aus diesem erheben, zeigen doch viele Strecken, wo solche durchbrochen sind, ein Chaos übereinander getürmter Granitmassen, oder vereinzelte Bergkegel isolirt stehend, lassen vermuthen, daß sie ursprünglich zu einer zusammenhängenden Kette gehört und zu fest gebaut, einer verheerenden Gewalt widerstanden haben. Gebirgszüge, wie die tiefen Einschnitte als Denp-, Amelia-, Mbampa-Bai etc. zeigen, sind einfach von ihrer Basis weggefegt worden, Ueberreste nur, Rocks und einsame Bergkegel als Zeugen einer vorgeschichtlichen Zeit sind übriggeblieben.
Vergegenwärtigen muß man sich, um die Möglichkeit solcher Vorgänge zu verstehen, daß unser Erdball verschiedene Stadien durchgemacht hat, große Verschiebungen stattgefunden haben, sogar mächtige Kontinente in die Tiefe der Ozeane versunken, andere gehoben sind, auch was die Wissenschaft erwiesen, die Kälte- und Wärmezonen ganz anders auf der Erdoberfläche vertheilt gewesen sind als heute und hierauf fußend, muß das Hochgebirge Zentral-Afrikas in einer Ausdehnung Nord und Süd von über tausend englischen Meilen mit einer starren Eisdecke bedeckt gewesen sein. Dieses Hochland, in seiner großen Ausdehnung heute der Ursprung aller bedeutenden Ströme und Flüsse Afrikas, war also ein einziges Eisfeld von dem, Strömen gleich, in gewaltiger Breite die Gletscher nach verschiedenen Richtungen ausgingen und den vorrückenden Eismassen widerstanden selbst die soliden Felsmassen nicht. Der Hauptstrom, von Nordwesten her in südlicher Richtung vordrängend, kam von dem Hochland zwischen Tanganjika- und Nyassa-See herunter; alles vor sich her zermalmend, brach sich seine Gewalt an den Granitfelsen des Livingstone-Gebirges. Wie anzunehmen, ragten über das ungeheure Eisfeld, das sich langsam aber mit unwiderstehlicher Gewalt südwärts zwischen die Gebirgsmassen fortschob, die Vulkane Rungwe und Kieyo hoch empor, während das heutige erstorbene Kratergebiet auf 4000 Fuß Höhe, nur von kleineren Eismassen durchzogen wurde und erst in einer späteren Zeitperiode nach jahrtausendlanger Thätigkeit vielleicht, die heutige Form hinterließ.
Diesem großen von Nord bis Westen, also die Konde-Ebene bis Cap Mschwere ausfüllenden Eisstrom widerstand, wie erwähnt, die ganze Gebirgsstrecke im Osten bis Amelia-Bai und welch ein tiefes Bett hier die Eismassen gegraben haben erhellt daraus, daß längs dem ganzen Livingstone-Gebirge die Tiefe des Sees noch über tausend Fuß betragen muß, da ich nach dem Ergebniß, welches meine Tieflothungen ergaben, solche Tiefe voraussetzen kann. Von Osten haben nur vereinzelte Gletscher die Felsenwand[S. 406] durchbrochen, der breiteste wäre, welcher sich in die Kayser-Bucht »Bopinga« ergossen, sonst erwähnenswerth sind nur einzelne tiefe Schluchten, das Rambira-Thal und andere.
Zwischen Cap Mschwere und Cap Bango, der schmalsten Stelle des Sees, mußten sich die Eismassen aufstauen; zwei andere Ströme, einer von Westen aus der Deep-Bai, der andere von Osten aus der Amelia-Bai, verhinderten die freie Bewegung, und hier zuerst, vor der Pankanga-Bucht, sind am Rande der Gletscher mächtige Felsblöcke abgewälzt worden, sogar die Begegnung des westlichen Stromes mit dem südwärts dringenden Hauptstrom hat Massen auf Massen getürmt und die starren Granitmassen der Pankanga-Hügel, der Insel Mtwele und der vielen hier zerstreut liegenden Rocks, von der Zeit und den Fluthen allmählich zerstört, sind dadurch gebildet worden. Selbst Mont Waller, der eigenthümlich geformte Bergkegel, muß auf diese Weise entstanden sein. Felsenmassen und Moraine auf den Rücken dieses Gletschers liegend, von weit her mitgeführt, konnten seitwärts abgelagert werden, zumal ein Eisstrom sich nicht in seiner ganzen Ausdehnung vorwärts schiebt, sondern den Schwerpunkt gewöhnlich in seiner Mitte hat, also die Ränder desselben auf lange Zeit vielleicht bewegungslos liegen bleiben. Auch der isolirte Bergrücken, hart am Rande der Amelia-Bai, besteht zum Theil aus aufeinandergetürmten Felsblöcken; unzweifelhaft hat sich an der zu fest fundirten Granitmasse der im Verhältniß nur kleine Eisstrom getheilt, den Bergrücken nur abgerundet und mitgeführte Felsentrümmer auf diesem abgelagert und zurückgelassen.
Betrachtet man aufmerksam die Karte des Nyassa-Sees, ist das auffällig, daß, wo immer die Ufer des Sees von mächtigen Granitmassen gebildet sind, fast genau dieselbe Strecke am gegenüberliegenden Ufer Flachland oder niedrige Hügel bilden, also die Gebirgszüge auf 15-20 Kilometer zurücktreten. Um nur einige Punkte zu bezeichnen: es befindet sich z. B. an der Westküste von Cap Nikuru bis Chirambo eine zusammenhängende Felsenwand, die nur in der Benzantze-Bai und in der Uziza-Bai von Gletscher durchbrochen wurde, ungefähr 60 Seemeilen lang von 10° 40´ bis 11° 39´ S. Br. Dieselbe Strecke an der Ostküste von Cap Bango bis zur etwas südlich von der deutsch-portugiesischen Grenze wieder zum See herantretenden Gebirgskette besteht mit Ausnahme des 12. Hafenkaps und des isolirten Mbampa-Berges aus flachem Vorland, wiewohl, wie ich früher erwähnt, auch hier eine gleich enorme Wassertiefe gefunden wird. Durchbrochener freilich zieht sich, namentlich von Cap Mala bis Cap Malambe, eine kompackte Felsenmasse längs dem See, während die Westküste von Cap Chirambo bis zum Cap Rifu, außer den Makusa-Hügeln (Bandawe) den Sani-Hügeln, südlich von Kota-Kota, flach ist. Der links von Cap Maclair bis nahe zum Schirefluß tiefe Busen hat dagegen[S. 407] westlich wieder Felsen und östlich dem Gebirszuge vorgelagertes Flachland.
Die Frage nun, wie so weite flachere Strecken an beiden Seiten des Sees gebildet wurden, da doch angenommen werden kann, daß zusammenhängende Felsenketten von Nord bis Süd vorhanden gewesen sind, muß damit beantwortet werden, daß der breite Eisstrom, wo er an der einen Seite Widerstand gefunden, an der anderen weniger solide Massen fortriß und dadurch den seitwärts auf beiden Seiten vom Hochland herab andrängenden gewaltigen Gletschermassen den Weg frei machte. Wo immer aber die Eismasse durch den gewaltigen Gegendruck zum Stillstand kamen, häuften sie mitgeführte Felsentrümmer über einander, wovon die klarsten Beweise die öden Felsenkonglomerate an der Ostküste geben, als die Insel Neu-Helgoland, Prager, Lundo-Inseln und die Küste bis Mbampa-Bai einsäumenden Felsentrümmer. Vor der gegenüberliegenden Uziza-Bai findet man das gleiche, wenn auch nicht in so ausgedehntem Maße, wo ebenfalls Rocks und Inseln zurückgeblieben sind. Die solide Granitmasse des Mbampa-Berges, umsäet mit Felstrümmern, die sogar bis auf 5 Seemeilen vom Lande ab liegen, konnte, da der die heutige tiefe Bai gebildete Gletscherstrom zu schwach war, sie zu erschüttern, auch dem Druck des Hauptstroms widerstehen und ganz dasselbe ist an der Westküste wiederum mit den soliden Makusa-Hügeln der Fall gewesen. Die großen Inseln Likoma und Kissimulu: wie ich in der Beschreibung erwähnt, ein Conglomerat von Felsen und Hügeln, öde und arm, hat auch hier der von ostwärts herandrängende Gletscherstrom zu der Anhäufung dieser kolossalen Felsmassen beigetragen, wenigstens, da hierzu die granitene Unterlage vorhanden war, konnte auf dieser die mächtigen Felsblöcke mit Steingeröll und Moraine abgelagert werden; auch hier ragen mächtige Felsblöcke aus großer Tiefe auf.
Des weiteren sind der Sani-Berg, Cap Rifu, vor allem die eigenthümlich gestalteten Bentje-Inseln zu erwähnen, ihre Entstehung und Isolirung sind aus denselben Ursachen hervorgegangen. Das Trümmerfeld von Kota-Kota sowohl, wie auch das in der Leopard-Bai zeugt davon, welche Gesteinmassen die Gletscher mit sich geführt haben, und dennoch sind alle erwähnten nur ein kleiner Bruchtheil von denen die der Hauptstrom auf seinem Rücken fortgeführt hat. Ein größeres Hinderniß fand der Eisstrom erst am heutigen Cap Maklair; ohne Frage waren es hier die massiven Felswände, die eine gewaltige Anstauung der Eismassen verursachten und schließlich zu einer Schpaltung führten, die die Bildung der beiden tiefen Einschnitte zur Folge hatte.
Natürlich ist es, daß die Spaltung des mächtigen Eisstromes nun eine größere Ablagerung zur Folge hatte, Felsentrümmer und Morainen in Massen, vielleicht schon vom fernen Norden mitgeführt,[S. 408] häuften sich an, wodurch Inseln, Berg und Hügelketten am Rande des Eisstromes gebildet wurden, die zum Theil die ganze Oberfläche der Halbinsel bedeckten. Der östliche Strom wälzte sich nun längs der hohen Gebirgswand in südöstlicher Richtung fort, Berg und Felsenketten auf seinem Wege durchbrechend, bis in dem heutigen Schirwadistrikt seine Macht durch mehrfache Spaltungen gebrochen war, die einzelnen Arme aber zermalmte Felsentheile und Moraine aufstapelten. Vorausgesetzt ist, daß das heutige Zambesi-Schire-Gebiet in jener Zeitperiode ein tief einschneidender, vielleicht noch weit über den Moramballa-Höhenzug hinausreichender, wenn auch flacher Bestandtheil des indischen Ozeans gewesen ist, in welchem die Eismassen als Eisberge abflutheten.
Der westliche Strom hingegen drang südwärts vor, längs dem heutigen Kirks-Höhenzuge, dessen Verbindung zwischen Cap Maklair und Cap Rifu schon vom Hauptstrom zermalmt wurde, ehe es zur Spaltung desselben gekommen war. Kaum 10 engl. Meilen südlicher durchbrach er dann die Felsenkette, um den heutigen Malombwe-See gelegen und wälzte sich zum jetzigen Schire-Hochland fort. Eine Spaltung dieses Armes muß hier wiederum stattgefunden haben, da der östliche Strom sich im heutigen Michiru-Thal aufwärts schob — thatsächlich aufwärts, als man erstens die Mächtigkeit des Gletscherstromes in Betracht ziehen und zweitens sich vergegenwärtigen muß, daß vom Nyassa-Hochland bis hierher ein starkes Gefälle die Gewalt des Eisstromes begünstigte — und bei Blantyr den Durandi-Höhenzug durchbrach. Der andere, der sich über und neben die Murchison-Fälle (den Katarakten) fortwälzte, spaltete sich in viele Arme und füllte, zum Stillstand gekommen, durch die Erd- und Steinmassen das heutige Schire- und Zambesithal aus.
Die heutige Fruchtbarkeit des Schire-Hochlands, die mächtigen Thonlager um Blantyr, abgelagert in tiefen Schichten, daneben gewaltige Bergriesen aufgebaut aus granitenem Gestein, sind alles nur Ergebnisse jenes Gletscherstromes, dessen Gewalt gebrochen, hier Moraine in Massen aufhäufte.
Es ist ein kühnes Facit, zu dem man gelangt, auch nur möglich, wenn die heutige Gestaltung dieses weiten Gebietes als Folge einer viele Jahrtausende währenden Eisperiode zugeschrieben wird; ob darnach auch ein langsames oder plötzliches Schmelzen der Eismassen stattgefunden, jedenfalls hat die Kraft fließender Wasser das Werk vollendet, deren Gewalt um so größer sein mußte, als vom heutigen indischen Ozean bis zum Nyassa-Hochland das weite Terrain terrassenförmig ansteigt. Diese Wasserkraft hat denn auch im Laufe der Zeiten sehr viel verwischt, nicht nur, daß unablässig Material herabgespült wird, tiefe Furchen im harten Gestein gegraben worden sind, mußte zur Zeit, als die Eismassen[S. 409] verschwanden, die Kraft der fließenden Wasser eine ungeheure gewesen sein, die überall in Massen angehäufte Moraine weggeführt und an geeigneten Stellen abgelagert haben.
Ehe nach der Eisperiode Zeit und Wasser dieses alles vollbracht, ehe die heutige, muthmaßlich schon vor Jahrtausenden geschaffene Lage der Ländermassen beendet, waren die Grenzen des Nyassa-Sees in grauer Vorzeit ganz andere; weit ausgedehnt bis zu den im Norden und theilweise im Osten und Westen zurücktretenden Gebirgszügen bespülten die Fluthen fast ein Drittel an Flächenraum mehr als heute, namentlich, wenn man sich den im Verhältniß kleinen Malombwe-See mit dem Nyassa verbunden gewesen denkt. Der Malombwe-See, einst ein tiefes Becken, ist heute nahezu ausgefüllt. Mit wenig Mühe findet man die verschiedenen Stadien heraus, in denen sich der Nyassa-See befunden hat, da zu verschiedenen Zeiten die wellenförmigen Ablagerungen ganz bedeutende gewesen sind. Selbst der Abfluß dieses Sees, der Schirefluß, lag früher weiter östlich, dicht unter den hohen Bergen, Niederungen und Sümpfe lassen sein altes Bett heute noch erkennen.
Es bleibt späterer eingehender Forschung überlassen, diese Theorie, die wie jede andere noch gleiche Berechtigung hat, anzuerkennen oder zu verwerfen, wenigstens habe ich, aufmerksam gemacht, die mir gebotene Gelegenheit benutzt und mit prüfendem Blick, wie es niemand vorher sich hat angelegen sein lassen, nach Beweisen für diese gesucht. Wohl kann es gleichgültig sein und wird dem Laien wenig interessiren, wie dieses mächtige Seeengebiet entstanden ist, doch sieht man selbst die Werke der Natur, hat sich das Verständniß dafür durch weite Wanderungen geschärft, hat man das Walten schaffender Kräfte gesehen und beobachtet, werden überall auf der Erde tiefernste Fragen an einem herantreten, und man fühlt sich versucht zu forschen und nach einer Lösung zu suchen. Entschieden würde eine genaue Untersuchung der Tiefenverhältnisse des Nyassa-Sees, die heute noch gänzlich unbekannt sind, so daß ein vollständiges Bild, sich daraus ergäbe, welches die Beschaffenheit des Beckens klar erkennen läßt, dahin führen, der Wahrheit, zum mindesten der Wahrscheinlichkeit näher zu kommen, auch die Erforschung des tiefen Tanganjika-Beckens, über 100 deutsche Meilen lang, müßte ungemein zur Entstehungsursache des weiten Seeengebietes beitragen; meine zeitweilig auf dem Nyassa vorgenommenen Lothungen, da ich, wo es drauf ankam, keinen Grund gefunden, geben keinen Anhalt.
Die früher schon angeführten, in Stein gegrabenen Zeichen, die ich auf Neu-Helgoland, in Monkey-Bai und an anderen Orten beobachtet hatte, nach denen der See 12-15 Fuß höher gewesen ist, ja selbst nach Aussage alter Eingeborener soll derselbe noch in diesem Jahrhundert mehrere Fuß gefallen sein, lassen kein[S. 410] zweifeln und deuteln zu, wie mit einem Lineal so scharf sind sie abgegrenzt; die verschiedenen Linien aber lassen auf ein ganz unregelmäßiges Zurücktreten des Sees schließen.
Sind nun diese Zeichen Jahrtausende alt oder nicht, das wäre die nächste Frage, dann aber mußten an steilen Felswänden, wo die Fluten des Sees ungehindert anprallen, tiefe Auswaschungen im Gestein zu finden sein, was in der Höhe von 12 Fuß und darüber nicht der Fall ist, die ich gefunden, liegen 4-5 Fuß über dem heutigen Niveau des Sees. Und wäre dem so, daß der See solche Höhe gehabt hat, kann dieses nur vor sehr langer Zeit gewesen sein, denn dann müßten die schon benannten Ebenen, als Konde, Rambira, bei Amelia und im Süden alle unter Wasser gestanden haben, was freilich auch einst der Fall war, da diese erst durch Anschwemmungen entstanden sind; dann aber müßte ein solch gewaltiger Zeitraum die Zeichen, nach meiner Schätzung höchstens Jahrhunderte alt, auf diesen Granitblöcken verwischt haben.
So bleibt nur die eine Annahme übrig, daß hier, wie auf vielen Orten unserer Erde, geheime Naturkräfte, und zwar erst in neuerer Zeit, die Ländermassen periodisch gehoben haben, die es auch bewirkten, daß, wie wir es von den ersten Forschern wissen, der Schire- und der Zambesi-Fluß, die ein bedeutend tieferes Bett gehabt haben, heute flach und zu Zeiten unpassirbar sind.
Eine eigenthümliche Erscheinung auf dem See, meistens in der nördlichen Hälfte, sind die Kungu-Fliegen; zu Milliarden vereinigt erscheinen sie wie Rauchwolken, die vom Winde bis zu den Wolken säulenartig emporgewirbelt werden und aus der Ferne gesehen wie Wasserhosen aussehen. Oft zählte ich, soweit das Auge reichte, bis dreißig dieser Schwärme und ging später, da ich aus Neugierde unliebsame Bekanntschaft mit diesen Thierchen gemacht hatte, diesen wohlweislich aus dem Wege.
Als ich solche Erscheinung zum ersten Male sah, steuerte ich direkt in solche Wolke hinein, aber nur bis in die äußere Peripherie dieser wirbelnden Masse gekommen, war es unmöglich, noch die Augen aufzuhalten, selbst die Haut wurde wie mit Nadeln gespickt; im Moment war das ganze Schiff mit lebenden und todten Fliegen bedeckt, die der Wind zu kleinen Haufen zusammenfegte.
Wahrscheinlich auf dem Wasser erzeugt, enden sie auch wieder darauf, so daß, wenn solche Masse in sich zusammengefallen ist, weite Wasserstrecken vollständig mit todten Fliegen bedeckt sind; fegt der Wind eine Wolke aber auf das Land, dann verschwinden Baum und Strauch für einige Zeit, Schluchten und Einschnitte sind wie mit einer braunen Dunstmasse ausgefüllt, so dicht ist die Masse der Fliegen. An bewohnten Orten klatschen bei solcher Gelegenheit die Eingebornen die Fliegen mit den Händen zusammen und zu Kügelchen geformt, werden dieselben gegessen.
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Nicht minder unangenehm ist eine Art Eintagsfliege, etwa 1 Centimeter lang, die während der Abendstunden unter Land dem Lichte zueilen und zu Tausenden verbrannt niederfallen; nichts konnte vor denselben geschützt werden und mit manchem Löffel Suppe wurde solches Thierchen als Zugabe verzehrt. War der elektrische Scheinwerfer des »H. v. Wißmann« in Thätigkeit, dann wirbelte es in dessen grellem Schein von unbekannten Nachtschwärmern, und wäre es möglich gewesen, solche zu fangen, manch seltenes Exemplar würde gefunden worden sein.
Zu bestimmten Monaten nur, und, wie ich beobachtet habe, während der Regenzeit, treten diese Fliegenschwärme auf, ebenso erscheint das sonst tiefblaue Wasser des Sees für einige Zeit schmutziggelb, es blüht, würde man sagen können, ob dieses aber hier zutrifft, ist eine offene Frage, wiewohl nicht unwahrscheinlich, als selbst tiefe stillstehende Gewässer häufig solche Erscheinung aufweisen.
Gefährlich für ein Schiff werden auch die vom wirbelnden Winde erzeugten Wasserhosen. Der Wasserdampf, bis zu den Wolken geführt, bildet nach der Entwicklung einen ungeheuren Trichter, in welchem das Wasser spiralförmig in die Höhe gezogen wird, die auf- und niedersteigenden, man kann sagen fallenden Massen, erzeugen auf dem Wasserspiegel im weiten Umkreis eine schäumende, zischende Brandung und erst wenn die Wolke schwarz und genügend mit Wasserstoff gesättigt ist, stürzt der Trichter in sich zusammen. Ratsam ist es nicht, sich in die Nähe einer Wasserhose zu wagen, mit großer Geschwindigkeit vor dem Winde eilend, können sie mitunter einem Schiffe, das nicht zu fliehen vermag, höchst gefährlich werden.
Mit der Uebergabe des »H. v. Wißmann« an das Reich hörten die bisher ununterbrochenen Fahrten auf, das Schiff der Station Langenburg zur Verfügung gestellt, wurden nun regelmäßige Touren eingerichtet und als Postschiff verließ der Dampfer an bestimmten Tagen sowohl die Station im Norden, als auch Fort Johnston im Süden; Passagier- und Güterbeförderung wurden ebenfalls nach einem bestimmten Tarif geregelt. Alle Stationen am See erhielten die Hauptpost durch den deutschen Dampfer und lief derselbe deshalb sämmtliche von Europäern bewohnte Orte an, als Karonga, Bandawe, Likoma und später noch das im Gebiete Makangilas neuerrichtete Fort Maguire.
Im Oktober 1893 schon, nachdem die englischen Kanonenboote in Kota-Kota den dortigen Aufstand gegen Jumbe gebrochen, wurden nach Eintreffen der erwarteten indischen Soldaten, 100 Sikhs, in Fort Johnston große Vorbereitungen getroffen, allen[S. 412] Ernstes nun mit dem unbotmäßigen Yao-Häuptling Makangila abzurechnen; der früher schon mit der »Domira« unternommene aber zurückgeschlagene Angriff auf Pandumba bei Losefa, wobei Kapitän Maguire gefallen war, sollte nun erneuert werden, auch ebenfalls mit dem zwischen Kuturu und Losefa bestehenden Sklavenhandel energisch aufgeräumt werden. Die gesammte Streitmacht der Engländer, die Truppen unter Major Edwards, die Schiffe, wozu die »Domira« und die kleine »Ilala« herangezogen wurden, unter Befehl vom Kapt. Robertson, wurde dirigirt durch den Kommissar Mister Johnston und in Monkey-Bai zusammengezogen. Unvermuthet sollte der Feind überrascht und geschlagen werden.
Wohl unterrichtet von der Annäherung einer Sklaven-Karavane, die von Kuturu nach Losefa über den See setzen wollte, führten die Engländer ein Manöver aus, wodurch die vorsichtigen Araber vollständig getäuscht wurden, und zwar passirten die Kanonenboote nordwärts steuernd Kap Rifu, um, aus Sicht gelaufen, in der Dunkelheit unter den Bentje-Inseln zu ankern. In der Meinung die Luft sei rein, beschleunigten die Araber ihre Abreise mit zwei Dhaus, um möglichst weit im Dunkel der Nacht zu kommen; allein in frühester Morgenstunde, ihre Fahrzeuge hatten noch nicht Kap Rifu passirt, tauchten unvermuthet die Schiffe auf und schnitten ihnen den Rückzug ab, so daß sie, auch von Leopard-Bai umgangen, eine Zuflucht auf dem Berg Rifu suchen mußten; nach zweitägigem Widerstande, abgeschnitten von jeder Hilfe, ergab sich mit seinem reichen Elfenbeinvorrath und seinen Sklaven denn auch der Führer der Karawane.
Was ich früher schon angeführt, bestätigte sich hier wiederum, die Sklaven, von den Arabern eingeschüchtert, bezeugten alle, daß sie nur freiwillig mit ihren Herren zur Küste zögen, sie seien keine geraubte Sklaven und die Araber nur Elfenbeinhändler. Furcht vor grausamer Strafe, die der Sklavenhändler über die Wehrlosen verhängt, wenn er geschädigt wird, schließt diesen den Mund. Sklaven, die noch nie einen Europäer gesehen und dessen Macht nicht kennen, verrathen ihren Herrn selbst dann nicht, wenn sie erkennen müssen, daß deren Einfluß über sie gebrochen worden sei, sie wählen lieber die Sklaverei als die Freiheit, denn wer schützt sie vor der weitreichenden Rache der Sklavenjäger; recht- und schutzlos in diesem Lande, wenn der Europäer sie wieder ziehen läßt, nimmt ein anderer ihnen wieder die Freiheit und ihr Schicksal wird nur ein um so traurigeres.
So weit ich unterrichtet bin, mußten aus diesem Grunde die Engländer die gefangenen Araber mit ihrem Elfenbein ruhig ziehen lassen, da diesen nicht nachgewiesen werden konnte, daß ihre Träger geraubte Sklaven waren, nur die beiden Dhaus, Makangila gehörend, wurden konfiszirt. Die Zahl der Angreifer auf Pandumba zu verstärken, war auch Jumbe verpflichtet worden, mit hunderten[S. 413] seiner Krieger sich am Kampfe gegen Makangila zu betheiligen. Plötzlich und überraschend geschah der Angriff auf Pandumba und Losefa, und ob der zahlreiche Feind auch die Landung zu verhindern suchte, gegen das Feuer der Schiffe und der indischen Soldaten hielt er nicht Stand. Er sammelte sich zwar und unternahm nach Art der Neger immer wieder zwecklose Vorstöße, indes da die Engländer nun einmal festen Fuß gefaßt hatten, schickten sie, geschützt durch ein schnell errichtetes Fort (Maguire benannt), die tausende Feinde immer mit blutigen Köpfen heim.
Längs der ganzen Küste, am Strande und auf den Hügeln waren die zahlreichen Dörfer nur Brandruinen; die Einwohner waren geflohen und die sonst so belebte Küste öde und verlassen. Aber auch dieser langwierige Kampf ging zu Ende; nachdem Major Edwards die Feinde mehrmals empfindlich geschlagen und Makangila die Macht der Europäer erkannt hatte, nahm er die Friedensbedingungen an. Jumbe und dessen Krieger, die herzlich wenig geholfen hatten, und die die Engländer sich beeilten mit der ersten Gelegenheit wieder los zu werden, nahm ich, Fort Maguire anlaufend, an Bord des »H. v. Wißmann« und brachte sie nach Kota-Kota zurück und war selber herzlich froh, als ich erst diese Gesellschaft mit Sack und Pack gelandet hatte. Ein halbes Jahr später schon war Jumbe, der nicht mehr Herr über seine widerspenstigen Häuptlinge zu werden vermochte — die Engländer mochten den alten Sünder auch wohl nicht mehr schützen —, entthront und starb, seiner Würde und Macht entkleidet, bald darauf. Sein Nachfolger Jumbe II., ein noch junger Mensch, erfreute sich nicht lange der Herrschaft, denn durch einen Akt brutaler Grausamkeit, indem er 5 Fremde, Leute eines anderen Stammes, die sich seit längerer Zeit in Kota-Kota niedergelassen hatten, tödten ließ, auch ansässige europäische Händler gefährdete, verfiel er bald dem Verhängniß.
Er hatte nämlich nichts Geringeres geplant, als die Engländer zu tödten und dann gegen die englische Macht einen Guerillakrieg zu eröffnen. Dieser Plan aber blieb nicht unentdeckt, zu offen zeigte der junge übelberathene Tyrann seine Absichten, und als eines Tages der »H. v. Wißmann« mit dem englischen Magistrat Mister Nikol in Kota-Kota einlief und dieser sehr bald von allem unterrichtet war, erklärte er den jungen Häuptling, der ihn ohne Scheu, auf seine Macht pochend, am Lande empfangen hatte, sofort für verhaftet. Zwar setzte der Häuptling mit seinem Gefolge seiner Gefangennahme Widerstand entgegen, war aber bald nach kurzem Messerkampf von den zur Vorsicht mitgenommenen indischen Soldaten (Sikhs) entwaffnet und überwunden. Als nun am nächsten Morgen noch die Kanonenboote einliefen, bemächtigte sich der Bevölkerung eine solche Panik, daß alle Einwohner aus der Stadt in die Berge oder zu den Schambas flohen, das[S. 414] Wenigste, was sie erwarteten, war, ihre Hütten in Flammen aufgehen zu sehen.
Bei einer Untersuchung der zahllosen Hütten wurden wohl 10 Centner Pulver gefunden, welches Quantum für den beabsichtigten Aufstand angesammelt worden war. Um nun für die Folge den Gefahren vorzubeugen, Leben und Eigenthum durch die Willkür eines Häuptlings gefährdet zu sehen, wird bald in Kota-Kota ein englisches Fort jeden Widerstand beseitigen und auch die Sklavenausfuhr wird für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Während der Zeit noch, als die endlosen Festlichkeiten, Pombetrinken und wilde Tumulte, zu Ehren des neugewählten Oberhauptes stattfanden, kam hier ein Fall des krassesten Aberglaubens vor. Ein junger Mann, der der Hexerei beschuldigt ward, hatte sich, wie es bei solchen Fällen der Brauch ist, auf ein Gottesurtheil berufen und »pande« trinken müssen, und wie immer, stets zu spät, kam dieser Vorfall zur Kenntniß der Europäer. Man muß den Neger, wenn in ihm der Fanatismus geweckt worden ist, gesehen haben, um von solchen Scenen sich eine Vorstellung machen zu können; in Wahrheit, schwarze Teufel in Menschengestalt sind es, ohne Mitleid und Erbarmen, die gegen den- oder diejenige wüthen, welche durch ein solches Gottesurtheil schuldig befunden und verdammt werden. Der Schwerkranke wurde zwar den Händen der fanatischen Horde entrissen und gepflegt, starb aber trotz aller angewendeten Gegenmittel bald.
Als der Todte darauf seinen Verwandten ausgeliefert worden war, damit er von diesen begraben werde, übergaben dieselben statt dessen den Körper einer Anzahl junger Männer, die ein Tau am linken Fuß des Verstorbenen befestigten und ihn mit wildem Halloh aus der Stadt schleiften. Außerhalb derselben, an einem Orte wo zwei Wege sich kreuzten, ließen sie ihn liegen, bedeckten den Toten mit trockenem Gras und legten an dieses Feuer, wodurch er dann scheußlich entstellt wurde. Um die Wegschaffung und Beerdigung des Körpers zu erzwingen, mußte erst auf den betreffenden Häuptling, in dessen Distrikt solche Scheußlichkeit verübt worden war, ein ganz energischer Druck ausgeübt werden, ehe dieser sich bereit fand den Toten beerdigen zu lassen.
Auf diesen Vorfall hin wurden alle Häuptlinge und Aeltesten, die das pande-Trinken nicht verhindern oder zur Anzeige bringen würden, mit schweren Strafen bedroht, und dafür verantwortlich gemacht, wenn solches nicht unterbliebe.
Erst Ende November 1893 kehrte ich mit dem Schiffe nach Langenburg zurück und fand dort die Herren Prince und Wyneken auch zur Abreise bereit. Da der Kompagnieführer Prince den kühnen Plan gefaßt hatte, von Amelia-Bai aus quer durch das Gebiet der Wagwangwara zu marschiren, so hatte ich dort anzulaufen und bis zum Abmarsch der kleinen Karawane zu warten.[S. 415] Es bedurfte aber vieler Unterhandlungen, ehe von Seiten des Arabers Raschid die Erlaubnis zum Durchzug erlangt werden konnte und dieser hätte niemals solche gegeben, wenn nicht seine gestellte Bedingung, die ihm von Major Wißmann genommene Sklavendhau wieder zu geben, erfüllt worden wäre. Nicht minder schwierig war es, Träger zu erhalten, weil von den Wakissi und Wampotti keiner zu bewegen war weiter als bis zum Fuße des Gebirges mitzugehen. Erst als nach Tagen der Unterhändler Mirambo zurückgekehrt war, konnte der nicht ungefährliche Marsch längs dem Luhobu-Fluß aufwärts angetreten werden. Eine größere Schwierigkeit aber stellte sich dem kühnen Unternehmen nochmals entgegen. Nämlich ehe noch der Weitermarsch vom Hauptsitz Raschid's angetreten werden konnte, gelangte die Nachricht dorthin, daß eine Araber-Karawane in der Konde-Ebene durch deutsche Soldaten (Sudanesen) ausgehoben und nach Langenburg geführt worden sei; Herr von Eltz hätte derselben Träger und Elfenbein abgenommen und sie dann ziehen lassen.
Aus einem an mich gerichteten Schreiben des Leutnants Prince, das Mirambo, den ich auf der Rückreise von Amelia-Bai wieder abholte, mir übergab, ersah ich, wie sehr das Unternehmen gefährdet gewesen war und der glückliche Ausgang der endlosen Verhandlungen allein dem Eingreifen des Arabers Mirambo zu danken sei.
Mit der abgefangenen Araber-Karawane hatte es indes folgende Bewandniß: schon weit in das Gebiet der Wakonde vorgedrungen, versuchte eine große Sklavenkarawane das Livingstone-Gebirge zu erreichen, um auf einsamen Pfaden das Gebiet der Wagwangwara zu durchziehen und so Sklaven und Elfenbein in Sicherheit zu bringen. Allein die Wakonde sandten frühzeitig Boten nach Langenburg und hielten die Karawane, die einmal das Gebirge erreicht, sicher entkommen wäre, unter allerlei Vorwänden auf. Die Araber aber, doch wohl davon unterrichtet, sandten ihrerseits ebenfalls eilige Nachricht dorthin und ließen um ungehinderten Durchzug bitten; Sklaven hätten sie nicht, nur Träger für ihr Elfenbein. In kluger Voraussicht, daß sie in Sicherheit sein würden, ehe vom Fort aus ihnen Halt geboten werden könnte, da die Entfernung ziemlich groß war, hatten sie ihre Boten erst abgesandt, als sie befürchten mußten, gänzlich aufgehalten zu werden.
Wahrscheinlich ist, daß die Araber gewußt haben, daß der »H. v. Wißmann« zur Zeit weit im Süden sich aufhielt, ein schnelles Eingreifen also nicht befürchten brauchten, aber unbekannt muß es ihnen gewesen sein wie schwach das Fort besetzt war — thatsächlich machten nur 15 Soldaten, einige Sudanesen und der Rest Suaheli, die ganze Besatzung aus — sonst, da sie wohl bewehrt und zahlreich genug waren, würde es dem abgesandten[S. 416] Sudanesenchaus und seinen 3 Untergebenen schwerlich wohl gelungen sein die ganze Karawane nach Langenburg zu bringen. Wohlbedacht war es, daß Herr v. Eltz zu solcher Aufgabe keine Suaheli mitgesandt hatte, denn mit den Arabern sympathisirend, wäre, wenn diesen die wirkliche Stärke des Forts verrathen worden, das Aufhalten der Karawane und deren Ueberführung nach Langenburg der kleinen Truppe wohl nicht möglich geworden. Es gelang indes und stellte sich heraus, was die Wakondeboten berichtet, daß es eine Sklavenkarawane war. Mit Vorsicht, da Herr v. Eltz seinen Suaheli nicht allzusehr trauen durfte, wurden allen bewaffneten Männern zunächst die Gewehre abgenommen, dann wurde die Karawane im Bereich der Geschütze gelagert und eine Untersuchung eingeleitet, wer von den Arabern im Besitze von Sklaven sei. Ueber 200 Weiber und Kinder konnten als geraubte Sklaven frei gemacht werden, darunter nur 5 junge Männer, alle übrigen, vornehmlich die Träger des Elfenbeins, bezeugten, daß sie keine geraubten Sklaven seien und mußten deshalb den Arabern zurückgegeben werden.
Entschieden ungünstiger, namentlich für die Sklaven-Besitzer, wäre die Sache ausgefallen, wenn Herr v. Eltz eine entsprechende Macht hinter sich gehabt hätte, oder wenn wenigstens der »H. v. Wißmann« vor Langenburg gelegen hätte; keinesfalls würden dann die Sklavenjäger, die nach Recht und Gerechtigkeit für das Elend, welches sie über Hunderte unschuldiger Menschen gebracht, den Tod verdient hatten, so glimpflich weggekommen sein. Somit war es jedenfalls das Richtigste, die äußerst erbitterten Sklavenjäger mit den Elfenbeinhändlern, die Elephantenzähne und Waffen wieder zurückerhielten, weiterziehen zu lassen, und möglichst schnell solche Gesellschaft abzuschieben, weil ihre Zahl der Besatzung der Station nahezu zehnfach überlegen war, und es gewiß auch nicht rathsam war durch längeres Aufhalten den Arabern Gelegenheit zu geben, vielleicht einen Ueberfall zu versuchen; für die kleine Mannschaft würde es sehr schwer geworden sein einen nächtlichen Ansturm auf die Pallisaden abzuschlagen, und hätte bei dem ungleichen Kampf die Araberhorde möglicherweise das Fort überlaufen. Mit Recht führte Herr von Eltz an, daß er in solchem Falle den Suaheli nicht habe vertrauen können.
Wie richtig die Vermuthung gewesen, die Araber könnten vielleicht doch einen Handstreich unternehmen, zeigte sich, als in Wirklichkeit ein solcher geplant worden war, und zwar hatte sich die Kolonne in der ersten Nacht nicht weit das Rambirathal aufwärts gelagert, um durch einen nächtlichen Ueberfall sich wieder in den Besitz der Sklaven zu setzen. Wie eine zuverlässige Nachricht ergeben hat, war der Führer besonnener als die rachedürstenden Sklavenjäger und weil keine rechte Einigkeit erzielt wurde, unterblieb ein Angriff auf die Station.
[S. 417]
Es war gewiß ein schwerer Verlust den die Räuber erlitten hatten, als sie ohne ihre Sklaven abziehen mußten; sie trachteten daher sich durch Jagden auf die im Gebirge wohnenden Wakinga schadlos zu halten, fanden aber solchen ernsten Widerstand, daß sie unter Verlust von Trägern und Elfenbein fliehen mußten.
Weit her vom Innern Afrikas, wo diese Räuberhorden die friedlichen Dörfer überfallen, die Männer, Väter und Brüder der befreiten Sklaven erschlagen lagen, wurden diese Opfer unmenschlicher Raubgier in die Sklaverei und einem ungewissen Schicksal entgegengeführt. Wie viele der Unglücklichen, in die Sklavenscheere gespannt, sind wohl am Wege niedergesunken, kraftlos und schwach, die selbst der unbarmherzige Treiber nicht mehr mit harten Schlägen vorwärts bringen konnte, und wurden verlassen in der Wildniß, ein Raub der Hyänen und anderer Thiere. Kann auf monatelangem Marsch, oft Hunger und Durst erleidend, eine Mutter, erschöpft und unfähig, ihr Kind, neben der ihr aufgebürdeten Last, nicht mehr nähren oder tragen, reißt ihr ein Unmensch den Säugling fort und schleudert das hungernde Wesen ins Gebüsch am Wege, um dann noch die Unglückliche mit Peitschenhieben weiterzutreiben. Barmherzig ist noch der zu nennen, der einen Sklaven, wenn er absolut nicht mehr fort kann, den Gnadentod giebt — der Gefesselte kniet nieder und ein Schlag mit dem schweren doppelschneidigen Dolch macht dessen Leiden ein Ende. —
Hier hatte man den Müttern nur die Säuglinge und die kleinsten Kinder gelassen, sonst alle Bande mit grausamer Hand zerrissen. Was wunder, wenn sie mit stoischem Gleichmuth alles über sich ergehen ließen, selbst die Wiedergabe ihrer Freiheit für nichts achteten, in dem Befreier eher einen neuen Herrn als einen Wohlthäter erblickten. Was war die Freiheit noch werth für sie, wo man ihnen die Heimath und alles Liebe genommen!
Sieht man an Ort und Stelle dieses Elend, dann möchte man an das Schicksal die Frage richten, wann endlich werden die Völker Afrikas von dem furchtbaren Joch, unter dem sie seit Jahrhunderten seufzen und verkommen, befreit, wann wird die Macht der Araber gebrochen und ihrem schändlichen Gewerbe ein Ende gemacht sein! —
Segensreich ist das Wirken der Missionare, in ihrem Schaffen und Streben bethätigen sie die Liebe zur Menschheit und den Antheil, den sie an der Kulturarbeit haben, ist ein großer, es ist ein Pflichtgebot aller Kolonial-Staaten, den christliche Konfessionen das Feld frei zu geben, sie mit der ganzen Macht zu schützen; in dem Vertrauen, das sie sich durch stille mühevolle Arbeit erringen, liegt schon die hohe Gewähr für ein aufkeimendes Kulturleben. Dies erkennend, hat auch Major v. Wißmann den deutschen Missionaren im Norden des Nyassa-Sees freie Hand gelassen, ihnen Schutz und Beistand gewährt, soweit es in seiner Macht[S. 418] lag. Das dankten sie nun und nahmen in Ikombe und Wangemannshöhe die befreiten Sklaven auf, die auf die Dauer für die Station Langenburg eine Last geworden wären, insofern als die Verpflegungskosten für eine so große Zahl beträchtliche waren, auch lag es außer dem Bereich des deutschen Kommandos die Befreiten in ihre ferne Heimat zurücksenden zu können.
Um hier den Angriffen entgegen zu treten, denen Major v. Wißmann ausgesetzt gewesen, weil er konfessionelle Unterschiede gemacht haben soll, sei erwähnt, daß er den deutschen und den am Tanganjika-See wirkenden französischen Missionaren sein Schiff vorläufig auf ein Jahr zur Verfügung gestellt hatte, d. h. es wurde allen, welche mit dem »H. v. Wißmann« süd- oder nordwärts zu fahren wünschten, freie Passage gewährt, was schon allein in Betreff der bedeutenden Kosten große Anerkennung verdient, da eine gleiche Beförderung mit der langsamen »Domira« für den Betreffenden recht kostspielig war und ich selbst habe während der Zeit, in welcher ich den deutschen Dampfer geführt, eine ganze Anzahl Missionare befördert; trotz solchem beträchtlichen Ausfall an Passagiergeld aber doch noch in wenigen Monaten 8000 Mk. mit dem Schiffe verdient, so daß die Unkosten für Schiff und Station gedeckt werden konnten.
Die Bereitwilligkeit der deutschen Missionare, die armen Sklaven in ihre Obhut zu nehmen, führte dazu, daß so eingehend als möglich nachgeforscht wurde, in welchem Lande diese geraubt worden waren und das Resultat war, daß alle diejenigen, etwa 30 Weiber und 20 Kinder, die angaben, an der Grenze der englischen Interessensphäre aufgegriffen zu sein, zurückbehalten werden mußten, da der englische Vertreter in Dunp-Bai Mister Crawshay solche reklamirt hatte, um sie, wenn angängig, in ihre Heimath zurückzusenden. Viel zu ängstlich und nicht begreifend, was der weiße Mann mit ihnen vorhat, kam es vor, daß bei der Feststellung Mütter ihre Kinder irrthümlich zur Mission ziehen ließen und erst als die Einschiffung stattfinden sollte, nach diesen verlangten und weinend baten bleiben zu dürfen wo ihre Kinder sind, sie sahen nun erst ein, es würde eine Trennung für immer sein.
In Abwesenheit des Herrn v. Eltz, der am 13. Dezember auf die Nachricht hin, der Häuptling Marara sei gestorben, eilig hatte aufbrechen müssen, um, wie es von den Söhnen des Verstorbenen gewünscht wurde, aus ihrer Mitte den neuen Sultan zu wählen und einzusetzen, suchte ich der Schwierigkeit, die Mütter mit ihren Kindern wieder zu vereinen, dadurch abzuhelfen, daß, wo letztere nicht so schnell herbeigeschafft werden konnten, erstere auf ihren speziellen Wunsch zurückblieben und später ebenfalls der Missionsstation überwiesen wurden, bei welcher die halberwachsenen Kinder Aufnahme gefunden hatten. Die Einschiffung der Weiber[S. 419] und Kinder unternahm ich am 14. erst dann, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alle, die bestimmt waren, den Engländern übergeben zu werden, keinen Wunsch mehr hatten, namentlich keine Mutter durch ihr eigenes Versehen von einem ihrer Kinder getrennt werde. Manch armes Weib, von übernatürlicher Furcht beherrscht, konnte aufgefordert nicht mal für sich sprechen, kroch auf Händen und Füßen heran und weinte nur, erst von den Schicksalsgenossen konnte mit Mühe erfahren werden, wie es um solches bestellt war und warum es weint.
Schrankenlose Furcht muß der Araber den geraubten Sklaven einzuflößen wissen, sonst ist es nicht verständlich, wie menschliche Wesen gleich gescholtenen und geschlagenen Hunden vor ihren Herren so sich beugen und im Staube kriechen können. Selbst das offenbare Wohlwollen, das der Europäer ihnen zeigt, selbst die Aufforderung aufrecht vor diesen zu stehen oder wenigstens zu sitzen fruchtet nichts, und wahrlich, jeden muß es mit äußerster Erbitterung gegen diejenigen erfüllen, die den freien Menschen solchen Sklavensinn einzuflößen vermochten. Herzlose Grausamkeit, die Beraubung alles dessen was solchen Geschöpfen einst lieb und theuer war, kann diese nur so tief beugen. Vor dem Richterstuhl menschlicher Gerechtigkeit müßten solche Räuber, die Feuer, Tod und Elend in die Hütten friedlicher, wehrloser Menschen tragen, niemals Gnade finden, unerbittlich dem Tode verfallen, der für all den Jammer und Elend kaum eine Sühne zu nennen ist; es sollte jeder erreichbare Sklavenjäger damit bestraft werden und so für seine Thaten büßen.
Mehrfach kam eine Kunde zu uns, die meines Wissens keine Bestätigung gefunden hat, daß weit im Innern Afrikas ein Volksstamm von heller Hautfarbe wohnen soll; kaum denkbar ist es, und befanden sich unter den geraubten Sklaven zwei, ein Mädchen und ein junger Mann, die ich für Geschwister hielt, von heller kupferbrauner Färbung. Auch diese gehörten zu der Zahl, welche ihre Heimat weit im Westen vom Nyassa-See liegend, bezeichnet hatten und auch an der englischen Administration in Pankanga ausgeliefert werden mußten. Ich war erst versucht, diese beiden für die Nachkommen eines reinblütigen Arabers zu halten, doch wiederum die Gesichtsbildung, die keinen Negertypus verrieth, ebenmäßig, hübsch sogar zu nennen, machte mich zweifeln, wozu die Annahme, daß, wäre meine Voraussetzung richtig gewesen, diese wohl nicht als Sklaven von den Arabern behandelt worden wären, das ihre beitrug, allein ich konnte nichts genaueres erfahren.
Noch am Abend des 14. Dezembers, nach einer stürmischen Ueberfahrt — zu allem schon ausgestandenen Leiden mußten die Weiber und Kinder noch die Seekrankheit kennen lernen — traf ich in Pankanga ein und übergab im englischen Fort dem in Abwesenheit des Mister Crawshay den Befehl führenden Sikhs Unteroffizier[S. 420] alle, dafür sorgend, daß ihnen Wohnung und reichlich Speise und Trank verabfolgt wurde.
In Bandawa angekommen erfuhr ich, daß etwa 20 Seemeilen südlich vor der Bana-Point, der Dampfer »Ilala« zusammengebrochen sei. Auf diese Nachricht hin, die von Eingeborenen vor mehreren Tagen schon an Dr. Elmslin überbracht worden war, beschloß ich dennoch unverzüglich aufzubrechen und das Schiff zu suchen, weil mir bekannt war, daß erstens an Bord der »Ilala« kein Boot sich befand und zweitens ein etwas heftiger Südost-Wind, der eine schwere See in der Marenga-Sanga-Bucht hineinfegen mußte, das Schiffchen äußerst gefährden konnte. Die ganze Küste von Bandawa südwärts und die große Bucht suchte ich ab, und schließlich fand ich den Dampfer noch unterhalb der Bana-Point auf flachem Wasser, in gefährlicher Lage vor.
Da es nicht möglich war, mit dem »H. v. Wißmann« der »Ilala« nahe zu kommen, war es das Erste, diese in tieferes Wasser zu bringen, dann erst wurde versucht ob wir den Schaden am Dampfkessel nicht repariren könnten. Dies indes stellte sich nach 36stündiger Arbeit als unmöglich heraus und dem Führer blieb nichts anderes übrig, als mein Angebot, sein Schiff nach Fort Johnston zu schleppen, anzunehmen. Zum Glück, was in dieser Jahreszeit seltener der Fall, behielten wir einigermaßen gutes Wetter, sodaß wir schon nach einigen Tagen ohne weiteren Unfall vor der Schirebarre ankern konnten.
Schon die Reise vorher, als ich kaum vor der Schirebarre vor Anker gegangen war, kam mit mehreren kleinen Kanoes, der mit der Bewachung der deutschen Nation betraute Suaheli Hamissi mit der überraschenden Nachricht an Bord, daß sowohl die deutsche, als auch die nebenliegende englische Handelsstation von Leuten Kassambe's und im Einvernehmen mit diesen, Mgonda-Leute, die Stationen überfallen hätten, aber, obwohl die Banden zurückgeschlagen wurden, wären die Angriffe doch nächtlicher Weile immer wieder erneuert worden. Mir blieb darauf hin nichts anderes übrig als von den für die englische Administration angeworbenen Abonga eine Anzahl guter Leute auszuwählen, alle gut bewaffnen und sie als Verstärkung in die deutsche Station zu legen; ich rechnete darauf, es würde den Feinden unbekannt bleiben, wieviel Gewehre in der Station seien und sie sich großer Gefahr aussetzen, wenn sie aufs neue einen Ueberfall versuchen sollten. Fast unter den Kanonen von Fort Johnston — die beiden Stationen liegen nur etwa 10 Minuten oberhalb desselben — wagten doch die Feinde, wohlunterrichtet wie schwach das Fort besetzt war, solche Angriffe und es blieb zum eigenen Schutz nichts übrig, als die unbeschützten Stationen ebenfalls durch Erdwerke und Pallisaden zu befestigen.
So war die Weihnachtsnacht herangekommen und in Sicherheit gewiegt, da seit mehreren Wochen alles ruhig geblieben war,[S. 421] hatten die drei auf der englischen Station anwesenden Europäer, wozu sich noch später der Führer der »Ilala« gesellte, auch ich war eingeladen worden, beschlossen, Christmas (Weihnachten) zu feiern.
Wie gewöhnlich, da der Engländer, die deutsche Sitte, einen Christbaum auszuschmücken, weniger kennt, besteht die Feier nur aus einem Festessen, das mit Whisky und Sodawasser oder anderen Getränken, wenn solche vorhanden und erhältlich sind, gewürzt wird. Mir lag an solcher Feier nichts, zumal ich an Bord einen provisorischen Christbaum ausgeschmückt hatte und es vorzog, mit meiner Mannschaft das Fest in deutscher, sinnigerer Art zu begehen, darum folgte ich der Einladung nicht, obwohl ich, hätte irgend ein Anzeichen vorgelegen, daß die Stationen gefährdet sein könnten, sicher Vorkehrungen getroffen haben würde, wenigstens die deutsche, nach Möglichkeit zu schützen. Fraglos war es, daß die Engländer scharf bewacht wurden und von Spionen umgeben waren, denn jeder nächtliche Angriff hatte gezeigt, wie gut die Feinde orientirt waren. So war es auch in dieser Weihnachtsnacht 1893. Die Europäer, die wohl nicht mehr recht taktfest gewesen, suchten erst in später Stunde ihre getrennten Lagerstätten auf um bald in festen Schlaf zu fallen. Da sie sich nur auf die fragwürdige Zuverlässigkeit zweier Wachtposten verlassen hatten, so wurden sie plötzlich durch heftiges Gewehrfeuer aufgeschreckt. Die Feinde, die durch Verräther unterrichtet waren und wohl im Glauben die Weißen würden zu einer schnellen Abwehr nicht fähig sein, hatten ihr Feuer auf die Lagerstätten der Europäer gerichtet und mit solcher Sicherheit, daß die Engländer nur durch Zufall den tödlichen Kugeln entgangen sind. Wie schnell aber auch die immer bereiten Waffen ergriffen und das Feuer auf die Feinde erwidert wurde, schneller war die Besatzung der deutschen Station; sie eilte zu den Erdwällen und, trotz der Dunkelheit, die Feinde auf dem rasirten Terrain hinter der englischen Station erkennend, eröffnete sie ein nutzloses Schnellfeuer, das aber doch die Feinde stutzig machte und diese zum eiligen Rückzug hinter deckendes Gebüsch veranlaßte.
Wohl war von Seiten der Angreifer versucht worden, Feuer an die Grasdächer zu legen, und hätten diese gebrannt, wäre der Ausgang des Kampfes wohl fraglich, zum mindestens der Schaden ganz enorm gewesen, diese aber zündeten zum Glück nicht, weil sie vom Regen durchnäßt waren, der am Abend vorher durch ein furchtbares Gewitter in Strömen niedergegangen war, das auch mich, auf der Fahrt nach dem Schiffe zurück, überrascht hatte. In früher Morgenstunde des ersten Festtages wurde ich durch Boten von den Vorgängen in der Nacht unterrichtet, und an Land gekommen, fand ich auf den Stationen alle noch in ziemlicher Aufregung. Eifrig wurde das Für und Wider erwogen, namentlich wie es den zahlreichen Feinden möglich geworden wäre, ihre[S. 422] Waffen so nahe den in den Häusern Schlafenden abzufeuern, was die Kugellöcher in den Wellblech- und Lehmwänden bezeugten. Die Posten, die nichts vorher bemerkt haben wollten, mußten entweder mit den Feinden im Einverständniß gewesen sein, oder was wahrscheinlicher, ebenso fest wie ihre Herren geschlafen haben.
Wie immer waren auch jetzt vom Fort unternommene Streifzüge im Urbusch vollständig nutzlos, längst hatten die flinken Feinde die sicheren Berge wieder erreicht und waren in Sicherheit, von wo sie wiederkommen, wenn ihnen die Gelegenheit günstig scheint und nicht eher werden solche Ueberfälle unterbleiben, als bis die Engländer stark genug geworden sind, mit dem Häuptling Kassembe gleichwie mit Makangila, abzurechnen.
Während der Regenzeit, die jetzt herangekommen war, liegen regenschwere Wolken über der weiten Fläche des Nyassa-Sees; starke Winde treiben die schwarzen Massen vor sich her, die tiefhängend, die mächtigen Felswände dem Auge entziehen. Plötzliche Sturmböen fegen mit rasender Gewalt von den Bergen herab und wühlen die leicht erregten Fluthen auf, Wind- und Wasserwirbel fliegen über diese hin, und im Gegensatz zum blinkenden Sonnenlicht liegt eine graue Dämmerung über die bald ruhigen, bald schaumgekrönten Wogen des Sees gebreitet. Nah und fern hallt der Donner, tausendfachen Wiederhall erweckend, und zuckende Blitze rings um den Horizont erscheinen wie hunderte glühender Schlangen, die das Wolkenmeer zertheilen. Die Atmosphäre ist mit Elektrizität überladen, die Luft schwül und drückend, bis das Unwetter hereinbricht mit einer Gewalt, wie nur die Tropenwelt sie kennt. Und unbeirrt durch alles dies zieht der »H. v. Wißmann« seine Straße, bald gegen Sturm und Wellen kämpfend, bald die beruhigten Gewässer durchfurchend.
Vor Likoma lagen wir in der Scheidestunde des Jahres 1893 zu Anker und begingen die Neujahrsfeier im Verein mit den englischen Missionaren an Bord des »H. v. Wißmann«. In mitternächtlicher Stunde donnerten die Geschütze, die an Felsen und Rocks von elektrischen Licht erhellt, tausendfachen Widerhall weckten, dem scheidenden Jahr zum Gruß knatterten die Gewehre und prasselnde Leuchtkörper zischten in die Lüfte, die bei dem am Strande versammelten Hunderten Staunen und Verwunderung hervorriefen.
Vor Langenburg eingetroffen, war der längere Aufenthalt daselbst in dieser Anfangsperiode der Regenzeit zuweilen recht unangenehm. Nordwestliche Winde, wenn auch nicht stürmisch, regten doch den See so auf, daß das dort vor Ankerliegen namentlich Nachts recht ungemüthlich wurde, dazu die furchtbaren Regenschauer, die über alle Beschreibung schrecklichen Gewitter. Die Feuerschlangen, die oft die dunkelste Nacht momentan wie mit magischem Lichte erhellten, zuckten unablässig aus der tiefhängenden[S. 423] Wolkenmasse hernieder, die an der Felsenwand des Livingstone-Gebirges sich aufgeballt; prasselnd folgte Schlag auf Schlag, der furchtbarste Donner hinterher, mit einer Gewalt, als würden die Felsen zersplittert, und der Furchtbarkeit der entfesselten Elemente steht Mensch und Thier schaudernd und zitternd gegenüber. Jeder Blitzstrahl, der in nächster Nähe des Schiffes herniederfuhr und heller als das Tageslicht die mächtige Dunkelheit durchzuckte, schien die hohen Masten des Schiffes treffen zu wollen. Obgleich keine unmittelbare Gefahr vorhanden, da gute Blitzableiter an denselben angebracht waren, so war es doch geradezu unheimlich, sich noch in geschlossenen Räumen, die nahe den Masten auf oder unter Deck lagen, aufzuhalten; der blendend zuckenden Gluth, die scheinbar aus einem wallenden Feuermeer herabfuhr, dem furchtbar wüthenden Elemente schaute man lieber im Freien zu. Schwefelgeschwängert war die Luft, schwer und drückend, wie ein Alp machte sie die Sinne befangen und selbst die That und Willenskraft erlahmte unter einem eigenthümlichen Gefühl der Bangigkeit, welches man nicht abzuschütteln vermochte. Auf den Ozeanen finden die wildesten Gewitterstürme, die rasenden Orkane und Pamperos etc., abgesehen von der alles zerstörenden Gewalt des Windes, sind mir die Entladungen der Elektrizität nie so furchtbar erschienen, wie hier auf dem Nyassa-See. — Reich und üppig sprießt die Natur, nun der Regen die durstige Erde durchtränkt hat, auf Bergeshöhen und in den Thälern blüht und grünt es, als hätte eine Zaubermacht mit einem Schlage schlummerndes Leben geweckt —, den Frühling brachte die Regenzeit. Korn und Erdfrüchte, als Mais, Mtama, Bataten etc., hat, auf reiche Ernte hoffend, der Bewohner Afrikas in die Erde gebracht, alles treibt mit Macht zum Licht empor und verspricht den erhofften Segen, der nicht ausbleiben darf, den die gütige Mutter Erde tausendfach spenden muß, sollen nicht viel tausend Menschenkinder, die keinen anderen Ernährer finden, noch kennen, durch Hunger und Elend zu Grunde gehen.
Und sie thut es auch, sie lohnt dankbar auch die kleinste Müh und Arbeit. Aber was sie überreich gespendet, was sie fast mühelos dem unter einer heißen Sonne geborenen Menschenkinde in den Schoß wirft, ist doch mitunter gefährdet ehe noch die Frucht zur Reife gelangt; dann dem Hunger preisgegeben, wenn die Vorrathskammern leer, steht der arme Neger und schaut der Vernichtung seiner Felder zu, der er, machtlos gegenüber, nicht Einhalt gebieten kann.
Die Heuschrecke ist sein schlimmster Feind, zu Millionen in blühende Gefilde einfallend, vernichten sie jede Hoffnung, keinen Grashalm, Blüthe noch Blatt verschonen sie, und ziehen sie wieder, lassen die Schaaren Schrecken und Tod zurück. Vom Tanganjika-See herunter waren die gefräßigen Thiere gekommen, an den Abhängen des Livingstone-Gebirges eingefallen und hatten der[S. 424] Ernte der Eingeborenen und aller Vegetation Vernichtung gebracht. Tausende schwirrten auf Strauch und Bäumen, tausende in der Luft umher, jeder Grashalm war dicht besetzt und zahllos die unersättlichen Nager; jeder Fußtritt im kahlgefressenen Grase, selbst noch an den dürren Stengeln, scheuchte hunderte auf, die gewaltigen Blätter der Bananen und deren wohlschmeckende Frucht wurden eine willkommene Beute, kahl ragt der saftige Stamm dieser herrlichen Pflanze in die Lüfte, ein trauriges Bild unglaublicher Vernichtung darstellend; selbst die abertausend jungen Keime der gewaltigen Baumriesen, Baobab und Tamarinden, verschonte das Thier nicht.
Welche Verheerung in kurzer Zeit die Heuschrecke anzurichten vermag, sah ich hier auf der Rambira-Landzunge und am Fuße des Gebirges zum ersten Male, und doch waren es nur kleine Schwärme, die sich hier niedergelassen hatten. Viel verheerender haben sie die Länderstrecken ostwärts heimgesucht: später auf dem Heimwege, im ganzen Schirethal fand ich nur ödes Land, Vernichtung überall, die die bitterste Noth und den Hunger im Gefolge haben mußte.
Am 9. Januar 1894 trat ich wieder die Reise südwärts an und war erst wenige Tage von Langenburg entfernt, als dort ganz unerwartet am 13. die Nachricht eintraf, daß Seine Exzellenz der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr von Schele, mit einer gewaltigen Expedition am nächsten Tage in Langenburg eintreffen werde.
Auf einer militärischen Expedition begriffen, war Freiherr von Schele von der Küste aus bis zum Fuße des Livingstone-Gebirges vorgedrungen und nun dem Nyassa-See ziemlich nahe, beschloß er, sich persönlich von der Lage der deutschen Station und den Verhältnissen am See zu überzeugen. Wohl war das Ueberschreiten des hohen Gebirgskammes mit 600 Mann keine Kleinigkeit, aber quer durch das Gebiet der Wagwangwara, an steilen Abhängen entlang den Weg suchend, erblickten die zahlreichen Theilnehmer — 17 Offiziere allein begleiteten den Gouverneur — auf der Höhe der Kayser-Bucht den im Sonnenglanz gebadeten Nyassa-See zuerst. Schwieriger noch ward der Weg von hier nordwärts, entlang den tiefen Felsengründen, und mehrere Maulthiere stürzten vom schmalen Gebirgspfad abwärts in die Tiefe, die aufgegeben werden mußten, da keine Möglichkeit vorhanden war, diese Thiere aus den Abgründen wieder herauszuschaffen.
Nach Eintreffen des Gouverneurs in Langenburg wurde unverzüglich ein Eilbote über Land nach Karonga gesandt, der, wie gehofft wurde, dort die Domira vielleicht noch antreffen könnte, die mir dann den Befehl zur sofortigen Rückkehr überbringen sollte. Allein nur einen Tag zu spät traf der Bote ein, und obwohl dem[S. 425] Schiffe noch bis Pankanga nachgeeilt wurde, war dieses auch schon von dort wieder abgefahren.
In voller Unkenntniß der Ereignisse im Norden (mir Nachricht zu senden, war ja ausgeschlossen), setzte ich meine regelmäßige Tour südwärts fort; selbst in Amelia-Bai, wo ich einer sich sammelnden Araber-Karavane den Bescheid bringen sollte, daß sie mit dem Schiffe später abgeholt werden würde, wußte man von der Annäherung der deutschen Expedition noch nichts.
Am Südende des Sees feierten wir am 27. Januar noch Kaisers Geburtstag, und zur selben Zeit als im Süden der »H. v. Wißmann« im Flaggenschmuck aus dem ehernen Mund der Geschütze dem deutschen Kaiser den Gruß entbot, brachte im fernen Norden des Sees der Kaiserliche Gouverneur Frhr. v. Schele auf Station Langenburg seinem Kaiserlichen Herrn ein Hoch aus, und der Mund der Geschütze sandte auch hier der deutschen Pioniere Gruß dem deutschen Kaiser zu.
Am 28. Januar brach ich erst wieder von Fort Johnston auf, erreichte am 2. Februar Amelia-Bai und war überrascht, hier eine ganze Anzahl Araber versammelt zu finden, mehr noch, als der große Häuptling der Wagwangwara Raschid selbst mit an Bord kam und mir ein arabisches Schreiben überbrachte, das vom 28. Januar die Unterschrift des Frhr. v. Schele trug und in Langenburg ausgefertigt war. Was mir kaum glaublich schien, mußte dem Schreiben nach wahr sein, und jeder Zweifel schwand, nachdem Raschid mir den Inhalt desselben in Kisuaheli übersetzt hatte; darnach theilte der Gouverneur Raschid mit, daß er beabsichtige, in den nächsten Tagen mit seiner Expedition aufzubrechen und von Amelia-Bai den Weg über das Gebirge wählen würde, er solle für Proviant etc. in seinem Gebiet Sorge tragen.
Direkt nach Langenburg zu dampfen war mir nicht möglich, weil ich eilige Post und Güter für Karonga an Bord hatte, kürzte aber, dort angekommen, den Aufenthalt nach Möglichkeit ab und setzte die Reise nach Einschiffung des französischen Bischofs Monsigneur Laschaploir und dessen Begleiter, die vom Tanganjika-See hier angekommen waren, fort. Gegen Abend des 3. Februar 1894 vor der deutschen Station eingetroffen, donnerte im Moment, als der Anker in die Tiefe rauschte, vom Schiffe der Kanonensalut für den Gouverneur, und ehe noch der Dampfer wie üblich befestigt war, kam Frhr. v. Schele zur Besichtigung an Bord. Unter der Zahl seiner Offiziere aber fand ich manchen alten Bekannten wieder aus jener Zeit, wo an der ostafrikanischen Küste unter Führung des Majors von Wißmann der große Araberaufstand blutig niedergeworfen worden war.
Tag für Tag hatte man sehnsüchtig auf die Ankunft des »H. v. Wißmann« gewartet und, obgleich ich mit dem Schiffe doch erst zur bestimmten Zeit eintreffen konnte, waren schon alle Vorbereitungen[S. 426] getroffen, mit dem großen Stahlboot und der von Major von Wißmann seinerzeit gekaperten Dhau wenigstens einen Theil der Expedition nach Amelia-Bai abzusenden, selbst nach Ankunft des Dampfers sollte dieser Befehl noch zur Ausführung kommen. Mit der unbeständigen Witterung besser vertraut als jeder andere, war es meine Pflicht, auf die Gefahr aufmerksam zu machen, welche für das offene Stahlboot eintreten mußte, sobald der See vom Winde erregt unruhig werden würde.
Auf die Hinweisung, daß es unter solchen Verhältnissen besser und sicherer sein werde, der Dampfer nehme die Fahrzeuge im Schlepptau, änderte Se. Exzellenz den Befehl und die Abfahrt wurde um einen Tag verschoben.
Seine Anwesenheit im Nyassa-See hatte der Gouverneur dazu benutzt, sich eingehend über die Beschaffenheit der Konde-Ebene zu orientiren, auch die deutschen Missionsstationen zu besuchen, wollte aber nun auch noch die deutsche Grenze, den Songwe-Fluß besichtigen, sowie sich die Lage der englischen Station Karonga ansehen. Demnach dampften wir in der Frühe des 4. Februar hinüber zur Westseite des Sees und, da eine Exkursion den Songwe hinauf geplant worden, wurde solche mit zwei Schiffsbooten unternommen, und eine in jeder Beziehung angenehme Fahrt in diesem reichen Gebiet war es für die Theilnehmer.
Die Einschiffung der Maulthiere, Esel, Geschütze und des gewaltigen Gepäcks begann am 5. früh, dazu war mit 27 Europäern und 380 Mannschaften der »H. v. Wißmann« recht schwer belastet. 200 Mann wurden im großen Stahlboot, der Rest in der Dhau untergebracht und gegen 11 Uhr Vormittags konnte die Abfahrt vor sich gehen. Frei von Rambira, war das Unangenehmste, die über Nacht aufgekommene südliche Schwell, gegen welche nun mit halber Maschinenkraft angedampft werden mußte, zu überwinden, oftmals mußte langsam gefahren werden, brach doch die See zeitweilig in das schwer beladene offene Boot hinein, sodaß unablässig eingeschlagenes Wasser ausgeschöpft werden mußte. Besser hielt sich die Dhau im Schlepptau, allein durch das lange Liegen am Strande leck geworden, nur nothdürftig von den Arabern abgedichtet, glaubte ich manchmal, sie würde sich nicht über Wasser halten können, wenigstens für die Mannschaft in derselben war es keine beneidenswerthe Arbeit, unablässig zu schöpfen, um nur des eindringenden Wassers Herr zu werden.
Es war nicht gut möglich die Nacht hindurch zu dampfen wegen der unbeständigen Witterung, daher wurde auch die Kayser-Bucht als das Endziel festgesetzt.
Gegen Abend erreichten wir denn auch die Bucht und zur Sicherheit, um nicht dem Strande zu nahe zu kommen, hatte ich schon den Anker auf 20 Faden = 120 Fuß fallen lassen, damit, wenn wie häufig Nachts westlicher Wind und See aufspringen[S. 427] sollte, der Hintersteven nicht auf Grund stoßen könnte; allein als um Mitternacht wirklich der Wind mit einer starken Regenboe einsetzte, gab das Anker an der steil zur großen Tiefen abfallenden Felswand nach und bald erschütterten heftige Stöße das Schiff. Es blieb hierbei nichts anderes übrig, als Kette einzuhieven, vielleicht daß der Anker auf geringer Tiefe wieder Halt fände, was auch zum Glück der Fall, und nur froh war ich, als gegen Morgen die See abnahm und der neue Tag heraufdämmerte.
Da der See am Morgen, wenigstens dicht unter der Felsenwand, ziemlich ruhig war, konnte früh schon die Reise fortgesetzt werden und ohne besondere Schwierigkeit erreichten wir gegen Mittag des 6. Februar die Mündung des Buhobu-Flusses, südlich von Amelia-Bai. Die Ausschiffung, da hier dem Lande nicht recht nahe geankert werden konnte, währte bis zum Abend, namentlich machten die Maulthiere und Esel uns recht viel Mühe.
Der Abmarsch der Expedition war auf den nächsten Morgen festgesetzt, deshalb entfaltete sich an dem Ufer des Flusses im provisorischen Lager ein recht reges Leben bis alles geordnet war, Soldaten und Träger vertheilt, und nach deutscher Art alles klappte. Zur Weiterfahrt mit dem Dampfer wurde nur Leutnant Fromm kommandirt, der die Verhältnisse auf dem Schire und Zambese erkunden und gleicherzeit den Transport eines erkrankten Unteroffiziers leiten sollte, sowie Doktor Lieder, der mit einer kleinen Zahl von Trägern von Mbampa-Bai quer durchs Land zur Küste marschiren und geologische Untersuchungen im südlichsten Theil des unbekannten deutschen Gebietes anstellen wollte.
Gleichzeitig am 7. früh, als die Trompete zum Aufbruch rief und die langen Kolonnen der Expedition sich in Bewegung setzten, lichtete auch der »H. v. Wißmann« die Anker und über Neu-Helgoland trafen wir noch selbigen Tages in der Mbampa-Bai ein. Hier landeten wir noch Dr. Lieder mit seinen Lasten und Leuten, der sein kleines Lager etwa 100 Meter vom Schiff entfernt am öden Strande aufschlug.
Tiefe Ruhe lag über Land und See ausgebreitet, selbst die Stimmen der Nacht tönten nur schwach aus der weiten Ebene herüber und nichts deutete darauf hin, daß der König der Thiere uns einen Besuch abstatten würde. In tiefster Ruhe und vermeintlicher Sicherheit lagen um das Zelt des Dr. Lieder dessen Leute, nach Negerart mit dem Lendentuche bedeckt, um sich so gegen die Stiche der Mosquito zu schützen, und schliefen fest auf dem kühlen Sande, dem Wachposten es überlassend, für ihre Sicherheit zu sorgen.
Plötzlich, es mochte zwei Uhr Morgens geworden sein, hallte ein wilder Schrei durch die Stille der Nacht, der, mit dem zugleich eröffneten Gewehrfeuer, alle Schläfer an Land sowohl wie auch an Bord jählings aufschreckte. Lauter aber als das Stimmengewirr[S. 428] und der Schmerzensschrei eines Mannes, tönte die gewaltige Stimme des Löwen, der grollend abzog, da ihm seine Beute, die er mit der Tatze geschlagen, entgangen war.
Schulter und Brust des überfallenen Mannes hatte der Löwe mit seinen scharfen Krallen aufgerissen, nur der Schmerzensschrei wilder Angst hatte den Menschenräuber stutzig gemacht, und ehe er seine Beute sicher gefaßt hatte, feuerte schon der Posten. Dr. Lieder hielt es für geboten, da der Löwe sich nicht gescheut hatte, bis in den Kreis der schlafenden Leute einzudringen, jetzt doppelte Posten der Sicherheit halber aufzustellen; war es auch ausgeschlossen, daß der Räuber einen neuen Versuch wagen würde, so gebot doch die Vorsicht, fortan achtsamer zu sein.
Bald hatte sich die Aufregung gelegt und tiefe Ruhe war wieder eingetreten, als plötzlich, noch mochten kaum 2 Stunden seit dem ersten Angriff verflossen gewesen sein, heftiges Gewehrfeuer die Nacht durchschallte. Wild brüllend, seinen Groll über den abermaligen Mißerfolg kundgebend, zog der Löwe ab. Die Posten, die jetzt wachsamer gewesen waren, hatten den schleichenden Löwen, der, geschützt durch die Dunkelheit, wieder ganz nahe gekommen war, rechtzeitig bemerkt, und ehe er zum zweiten Male, dann wohl mit besserem Erfolge, einen der Schläfer fassen konnte, scheuchten ihn die Stimmen und die Schüsse fort.
Man kann sagen, es war ein Glück, daß dem zum Sprunge bereiten Löwen keine der ersten Kugeln getroffen hatte, das Thier, jedenfalls von heftigem Hunger geplagt, hätte dann sicher, nur verwundet, wüthend angegriffen und außer denen, die er mit den Tatzen niedergeschlagen, würde er mit einem Unglücklichen doch entkommen sein.
Nun war es vorbei mit der Ruhe und als der junge Morgen anbrach, rüstete sich die kleine Schaar, um den ungastlichen Strand zu verlassen, wir aber wünschten dem kühnen Forscher, der sicher mancher Gefahr entgegen ging, eine glückliche Reise durch unbekanntes, unerforschtes Gebiet. Mehrfach habe ich der wilden Thiere Erwähnung gethan und namentlich auf die zahlreichen Leoparden und Panther, die uns überall am meisten belästigt hatten, hingewiesen, den Löwen aber als weniger gefährlich bezeichnet, weil dieser auf unserem Wege nicht in so großer Zahl aufgetreten ist.
Wohl ist das richtig, da der Löwe sich nicht so bemerkbar macht, auch nicht gleich dem Panther sich auf feigen Raub einläßt, vielmehr seine Stärke an ebenbürtigeren Gegnern, als Büffel etc., erprobt, und nicht der wehrlosen Ziege und dem Schafe nachstellt. Mit Stolz verschmäht der König der Thiere es, wenn seine markigen Glieder noch elastisch genug sind, die friedlichen Heerden zu gefährden, thut er es aber und treibt ihn der Hunger dazu, wählt er sich den starken Bullen aus und bringt ihn zu Fall, gefährlich nur wird er, wenn das Alter ihn drückt, die sehnigen Glieder[S. 429] erschlafft sind und er dem flüchtigen Wilde nicht mehr folgen kann, den Büffel nicht mehr im tödtlichen Kampfe angreifen darf; dann erst sucht er die Wohnstätten der Menschen auf, raubt in den Heerden und wird ein gefährlicher Menschenräuber, sobald er erst einmal Menschenfleisch geschmeckt hat.
Niemals, noch im Vollbesitz seiner Kraft, wird der Löwe, sofern ihn nicht wilder Hunger plagt oder er aufgestört und verwundet worden ist, sich aus Blutgier auf den Menschen stürzen. Wie alle Thiere, meidet auch der Löwe den Menschen, wenn er kann, wird aber der gefährlichste Gegner, wenn er gereizt zum Angriff übergeht.
In einzelnen Distrikten des Seengebietes ist der Löwe, der nie hier gejagt wurde, für die Bewohner eine Plage geworden, selbst Auswanderungen und das Aufgeben einzelner Ortschaften haben stattgefunden, nur weil zu häufig die Heerden gefährdet und Menschen geraubt worden sind, steht doch der Eingeborene dem Löwen fast machtlos gegenüber.
Die Eingeborenen wehren sich selbstverständlich nach ihrer Art und suchen durch vergiftete Pfeile, Fallgruben oder Gift sich des gefährlichen Feindes zu entledigen, was ihnen jedoch seltener gelingt; haben sie aber, schließlich zur Verzweiflung getrieben, den Zufluchtsort eines Löwen, der ihnen unaufhörlich Schaden zugefügt, erkundet, umstellen sie das dann meistens vom Raube übersättigte Thier, stören es auf, und suchen es zu tödten, oft freilich unter schweren Verlusten ihrerseits.
Die Engländer, als bekannte Sportsleute, haben sich, namentlich Offiziere der Kanonenboote, auf die gefährliche Löwenjagd gelegt, und meistens in dem hügeligen Terrain hinter der Pankanga-Bucht ist es Einzelnen gelungen dem Löwen nahe zu kommen.
Doktor M'ckay und Mister Crawshay hatten auch das Glück, einige zu erlegen, was mir aber letzterer bestätigte, ist, daß ein angeschossener Löwe nie direkt den Jäger angenommen hat, sondern, wenn auch langsam, stets entfloh. War der Schütze sicher, daß seine Kugel gut getroffen hatte, wurde erst nach Tagen eine allgemeine Treibjagd mit Hilfe der Eingeborenen unternommen, um das verendete oder dem Verenden nahe Thier im dichten Gebüsch aufzusuchen. Einst auch hatte Mister Crawshay eine große Löwin angeschossen und diese nach Tagen suchend, stieß einer seiner Leute unerwartet auf das sterbende Thier, das aber noch so viel Kraft besaß, den im ersten Augenblick höchst erschrockenen Mann anzufallen und mit den Zähnen und Tatzen an den Beinen arg zuzurichten, ehe dessen Rufe gehört und eine Kugel ihn aus den Krallen der wüthenden Katze befreite.
Schlimmer erging es Doktor M'ckay, derzeit an Bord des Kanonenbootes »Pionier«, auch einst in Port Herald mein freundlicher Arzt. Er hatte gehört, im Gebiete Jumbes, in der Nähe[S. 430] des »Livlezi-Flusses« sei eine Elephanten-Herde gesehen worden und machte sich auf, diese zu jagen; schon weit den Spuren gefolgt, traf er am 22. Oktober 1894 aber mit Löwen zusammen, und als ein kühner Jäger, der schon zweimal mit Erfolg dem König der Thiere entgegengetreten war, nahm er die gefährliche Jagd auf. Es gelang ihm auch, einen der Löwen zu verwunden und verfolgte das Thier, bis er nahe gekommen war, um es den Gnadenschuß zu geben.
In dem Augenblick, als der Löwe sich seinem Verfolger zugewendet hatte, feuerte Dr. M'ckay; das Thier war aber nicht tödtlich getroffen, es sprang, ehe er einen zweiten Schuß abzugeben im Stande war, vor Schmerz brüllend, auf ihn, riß ihn, seinen linken Arm zerbrechend, zu Boden und grub die Tatzen tief in die Schultern des Gefallenen ein.
Nach Aussage der Begleiter, die außer einem Diener, »Musa« mit Namen, auf Bäumen geklettert waren, hat nun ein furchtbarer Kampf stattgefunden; der Löwe, von Blutverlust schon sehr geschwächt, versuchte die Kehle des Doktors zu fassen, was dieser mit dem rechten Arm und Hand abzuwehren suchte, dabei rufend, daß Musa feuern solle.
Die kurzen Augenblicke, die vergangen waren, ehe der Diener zum Schießen kam, hatten aber hingereicht, daß der Löwe den Unglücklichen gräßlich zurichten konnte, und erst, als die Kugel das Thier getroffen, ließ dieses von dem Doktor ab und wandte sich dem neuen Gegner zu, brach aber bei diesem Versuche zusammen. Sobald der Doktor mit Hilfe des Dieners hochgerichtet war, sah er wenige Schritte entfernt den gewaltigen Löwen liegen, und obgleich er fühlte, daß dieser ihm die Todeswunde beigebracht hatte, wollte er doch Sieger bleiben. Er hieß den Diener vor ihm niederknien, faßte mit der schwer verletzten Rechten seine ihm entfallene Waffe und diese auf der Schulter des treuen unerschrockenen Schwarzen ruhen lassend, gab er dem sterbenden Löwen den Gnadenschuß, der dem zähen Leben der mächtigen Katze ein Ende machte.
Jetzt der grimme Feind besiegt und todt, verließen auch dem kühnen Jäger die letzten Kräfte; schrecklich von den Tatzen des Löwen zugerichtet, schwand diesem das Bewußtsein, eine Wohlthat, die die brennenden Schmerzen auf dem beschwerlichen 15 englische Meilen langen Wege bis zum provisorischen Lager an der Küste linderte. Von seinen Leuten behutsam getragen, konnte dort dem Doktor nur die Hilfe zu Theil werden, welche der Sikhsposten zu leisten im Stande war, und so starb er nach zwei Tagen, ein Opfer seiner Kühnheit, betrauert von allen, die ihn gekannt haben. Seine Ruhe aber fand er auf dem Missionskirchhof der Insel Likoma, wohin ihn der Tags darauf zurückkehrende »Pionier« gebracht hatte.
[S. 431]
Nun kam auch bald für mich die Stunde, Abschied zu nehmen, das große Werk war vollendet, in rastloser Arbeit das Mögliche erstrebt; zwei Jahre waren wieder hingegangen in Kampf und Streit, in Mühen und Gefahren, und so konnte auch ich mit dem Bewußtsein, die ganze Kraft und Können für die Ehre des deutschen Namens eingesetzt zu haben, zufrieden von der Stätte der Arbeit scheiden und die Schritte heimwärts lenken. Nachdem unsere Ablösung in Fort Johnston gegen Ende März eingetroffen war, fuhr ich mit Spenker in einem Missionsboote flußabwärts nach Matope und als das Schiregebirge überschritten war, setzten wir die Fahrt auf dem Schirefluß unterhalb der Katarakte stromabwärts nach Chilomo fort, wo wir uns auf einem Flußdampfer einschifften und mit solchem Chinde und den Ozean wieder erreichten. Was ich aber auf diesem langen Wege (einen Monat gebrauchten wir bis zur Küste vom Nyassa-See) an Elend und Verderben gesehen, welches die Heuschrecken über das ganze Land gebracht hatten, will ich zusammenfassen, indem ich dem Empfinden Ausdruck gebe, mit welchem ich aus eigener Anschauung die Vernichtung gesehen.
Der Hunger, der grausamste Feind der Menschheit, zieht vernichtend, schlimmer als der unerbittliche Krieg, durch ungeheure Gefilde Afrikas, deren Bewohner, abgeschlossen von allen Mitteln, — die niedrige Kulturstufe, auf der sie stehen, hat solche ihnen noch zu wenig an die Hand gegeben — dem bleichen Tod in das Angesicht schauen und unter Qualen, wie sie die lebhaftigste Phantasie nicht zu ersinnen vermag, dahinsterben. Hohlwangig bis zu Skeletten abgezehrt, vom bittersten Schmerz, wie ihn nur der Hunger bereiten kann, gefoltert, schleichen die wankenden Gestalten über die von der Sonnengluth ausgedörrte Erde hin, oder in rauchgeschwärzten Hütten liegend, ergeben sie sich in das unvermeidliche Schicksal.
Kein Grashalm, keine Erdfrucht, die sonst in Zeiten der Noth den Hunger gewehrt, bis die nächste Ernte Ueberfluß an Allem gebracht, ist mehr zu finden, um den furchtbaren Schmerz in den Eingeweiden zu lindern; überall Vernichtung, soweit das Auge schweift, nur öde, harte Grasstengel, selbst für den Urheber all' dieser unsäglichen Qual unverdaulich, absolut nichts hat die gierige Heuschrecke, zu Millionen einfallend, verschont, jedes keimende Pflänzchen an Mais, Mtama oder Erdfrucht ist vernichtet, und die Ernte, die einzige Lebensbedingung, die der Neger kennt und wofür er noch arbeitet, ist zerstört.
Der Vernichtung ist alles Pflanzenleben und mit diesem auch des Menschen Existenz preisgegeben. Heben sich auch Abertausende dieser unersättlichen Nager von einem vernichteten Distrikt hinweg, um anderen blühenden Gefilden dasselbe Loos zu bereiten, so lassen sie doch die junge Brut zurück, die das Werk vollenden und durch[S. 432] Hunger schließlich der eigenen Vernichtung anheimfallen. Unsäglich traurig ist der Anblick einst blühender Anpflanzungen, leer sind längst die Vorrathskammern, die der Ueberfluß einst gefüllt hatte, und der bittere Hunger treibt die Eingeborenen hinweg, um vielleicht unbarmherzigen Feinden in die Hände zu fallen, die alle Bande trennend den Aermsten das Sklavenloos bereiten, aber bitterweh thut der Hunger — selbst das herbste Loos scheint dem Menschen leicht, wenn er dadurch nur dem grimmen Feinde wehren kann!
Zwar erklärt der Eingeborene den Heuschrecken nicht minder den Krieg, und in solchen Fällen kennt die Noth kein Gebot, in Massen werden sie über Feuer geröstet, verzehrt, aber ohnmächtig steht er doch schließlich dem schrecklichen Feinde gegenüber, der selbst, wenn er alles zerstört hat, auch den Menschen nicht mehr als Nahrung dienen kann.
Auf dem hochgeschwollenen Schireflusse, der pfeilgeschwind seine schmutzig grauen Fluthen über dem starken Gefälle dahinwirbelte, suchte ich an vielen Stellen für meine Leute Nahrung, aber wenig konnten die Uferbewohner nur geben, denn am Zerstörungswerke arbeiteten auch hier die Heuschrecken, die Hungersnoth mußte kommen, keine Menschenmacht konnte hier mehr Einhalt gebieten.
In Chilomo an der Mündung des Ruo-Flusses bot sich mir ein abschreckendes Bild furchtbarer Zerstörung dar, die Gräben waren thatsächlich fußhoch mit todten Heuschrecken angefüllt, auf deren Leibern die junge Brut wimmelte, und jeder Fußtritt des Menschen in dem abgenagten Gestrüpp scheuchte Tausende auf, die, unfähig zu fliegen, sich an die kahlen Stengeln klammerten und noch gierig nach Nahrung suchten, die Luft war verpestet, und selbst der Mensch floh vor dem Würger Tod; so sind weite Strecken von dieser furchtbaren Plage heimgesucht und sie forderte ungezählte Opfer!
Der Schirefluß ist während der Regenzeit unberechenbar, er hatte im Februar 1894 schon eine abnorme Höhe erreicht und war hier bei Chilomo 19 Fuß hoch so plötzlich gestiegen, daß die große Handelsniederlassung gefährdet wurde, ebenso schnell fiel er auch, sonst wäre wohl der durch die fessellosen Fluthen entstandene Schaden sehr groß geworden. Die Stromschnelle bei Ziu-Ziu, die wir 1892 mit so vieler Mühe passiren mußten, war jetzt ganz verschwunden, die Insel Pinda überschwemmt, und jenes versandete Flußbett, worin der »Pfeil« lange Zeit festgelegen hatte, durch die starke Strömung wieder schiffbar geworden; überhaupt waren die Ufer des Schire streckenweise ganz verändert und mir bekannte Punkte, wo wir einst mit der Expedition gerastet hatten, unkenntlich geworden. Auffällig aber war es, welchen großen Aufschwung der Handel und Verkehr in kaum zwei Jahren auf[S. 433] dem Zambesi und Schire genommen hatte. Schon in Katunga sah ich, daß die dort lagernden Güter, zum Theil nach dem Nyassa- und Tanganjika-See bestimmt, nicht bewältigt werden konnten, in Chilomo überzeugte ich mich, daß hier das Gleiche der Fall war, Häuser und Schuppen waren mit Waaren überfüllt.
Zwischen hier und dem aufblühenden Misongwe waren allein 4 neue Stationen errichtet, und trotz der an Zahl mehr als das Doppelte zugenommenen Flußdampfer, der vielen Leichter, war der Waarenandrang nicht zu bewältigen. Zwar war durch Konkurrenz das Privilegium der einstigen African-Lakes-Comp. durchbrochen worden, die Handel und Verkehr allein in Händen gehabt, dennoch, durch die Macht des englischen Kapitals, erkennend, welche hohe Bedeutung die Wasserstraße Zambesi-Schire gewinnen werde, nahm dieselbe Gesellschaft, nur unter neuem Namen, den Kampf erfolgreich auf.
Ein thunlichst gehütetes Geheimniß von englischer und zum Theil von portugiesischer Seite war einst die Schiffbarkeit des Chinde-Armes zum Zambesi, erst die Wißmann-Expedition brachte allgemeine Kenntniß hierüber und dieser namentlich ist der ungeahnte Aufschwung des Handels zu verdanken. Die Engländer, die Portugals Besitz sozusagen sich dienstbar gemacht haben und die deutsche Konkurrenz fürchten, warfen ihr allgewaltiges Kapital auf dieses Gebiet und eroberten es mit der bekannten Rücksichtslosigkeit.
Der Ort Chinde, zur Zeit, als wir mit der deutschen Expedition dort lange gerastet, bestand fast nur aus wenigen Negerhütten; zurückgekehrt fand ich eine Stadt vor, die sich mit Hilfe des englischen Kapitals unglaublich schnell entwickelt hatte; vom Tanganjika-See bis zur Chinde-Mündung hat der Engländer alles an sich gerissen, die Konkurrenz, die ihm entstanden, fürchtet er nicht mehr.
Hat sich doch leider das vorzügliche deutsche Transportmaterial, Dampfer und Leichter, auf dem Zambesi-Schire, weil das deutsche Kapital zu bedächtig, zögernd vorging, den Engländern auch noch zur Verfügung gestellt, womit, wenn entschlossener der deutsche Handel hier vorgegangen und der mächtigen Expedition unmittelbar gefolgt wäre, nicht blos ein ebenbürtiger Konkurrent dem Engländer erwachsen wäre, sondern auf der internationalen Wasserstraße hätte deutscher Einfluß sich schnell ein ertragreiches Feld erobert, was um so dringender geboten war, als der mit so enormen Kosten und Mühen am Nyassa-See erbaute Dampfer »H. v. Wißmann« dann nicht blos ein Machtobjekt, sondern dem deutschen Handel auch eine starke Stütze geworden wäre.
Mit der schnellen Entwicklung des Landes steigt der Verkehr und Bedarf, immer mehr erschließen sich die reichen Quellen, die Wohlstand und sichern Gewinn versprechen. Selbst Portugal, den Reichthum seiner Kolonie nicht ahnend, durch seinen schlimmsten[S. 434] Gegner, den Engländer, der es überall abzudrängen sucht, erst darauf aufmerksam gemacht, rafft sich auf; Zuckerplantagen, die ölhaltige Erdnuß etc. werden am Zambesi und Schire angelegt und angebaut. Die Morambala-Berge kultivirt, versprechen wie das Schire-Hochland für Kaffee etc. ein ergiebiges Feld, und namentlich ist es hier ein Deutscher, Herr Wiese, der für Portugal gewaltige Anstrengungen macht.
Liegt es auch im Interesse der Deutschen Ostafrikanischen Kolonie möglichst unabhängig vorzugehen auf eigenem Gebiet, und direkte Handelswege mit den großen Seeen herzustellen, so war doch das Natürlichste, vorerst den gewiesenen Weg zu gehen und in doppelter Beziehung für den deutschen Kaufmann geboten, hier festen Fuß zu fassen und den friedlichen Konkurrenzkampf aufzunehmen, als erstens, wo England reiche Früchte erhofft, blühen uns solche nicht minder für die Zukunft, und zweitens, unter der Aegide des deutschen Schutzes wäre das deutsche Kapital eine Macht geworden, das, wenn über kurz oder lang der Fall eintritt, daß Portugal seine Kolonie aufgeben muß, den englischen Uebergriffen Halt gebieten konnte. Nichts liegt im Interesse der deutschen Kolonie näher, als zu verhindern, daß einst der Rowumafluß deutsch-englische Grenze wird. Noch ist es an der Zeit, das reiche und fruchtbare portugiesisch Ostafrika für uns zu sichern, ehe englische Handelspolitik uns den Weg verlegt und wir einen geschulten Gegner finden, der rücksichtslos vorwärts schreitet.
Es ist eine dringende Pflicht, und jede Verzögerung bringt Gefahr, auch hier mit aller Kraft das Feld zu behaupten, schnelles Entschließen und rasches Handeln ist erforderlich, denn mit Riesenschritten schreitet die Entwicklung fort und Deutschland sollte gewonnenen Einfluß nicht gefährden dadurch, daß dem englischen Kapital auf streitigem Gebiet der Vorrang gelassen wird, was wir versäumen, wird voraussichtlich für immer uns verloren sein.
Sehr oft schon ist von manchem berufenen Kenner unserer afrikanischen Besitzung ein warmer Apell an das deutsche Volk und dessen Vertreter gerichtet worden; mit felsenfester Ueberzeugung wurde für die Rentabilität der deutschen Kolonien eingetreten und gefordert, schneller und energischer vorzugehen. Die Eigenart und Bedächtigkeit der deutschen Natur aber folgte den lockenden Rufen nicht; vor allen jene Kreise, die durch überseeische Handelsbeziehungen und Erfahrung die Berufensten gewesen wären, zögerten, dem freien Kaufmanne schien die Entwickelung seiner Handelsprinzipien nicht sonderlich förderlich unter der strengen Aufsicht eines bureaukratischen Systems, das mit dem Militarismus Hand in Hand gedeihliche Zustände zu schaffen sich bemühte. Bedenkt man aber, daß beide Kategorien nur so positiv dauerndes schaffen können — wie es der Aufbau des preußischen und deutschen Staates auf solcher Grundlage bewiesen — wird sich[S. 435] auch in den deutschen Kolonien, langsam zwar aber sicher, System auf System aufbauen und der rechte Weg gefunden werden; die Zugehörigkeit zum Mutterlande wird eine dauernd bindende dadurch werden, und nicht wie im Kolonialreich England sich nach erfolgtem Aufblühen, der Wunsch nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit frühzeitig regen.
Obwohl, und das sei ausdrücklich betont, der deutsche Kaufmann, der im Auslande einen freien unbefangenen Ueberblick für sein Streben gewonnen, sich durch ein gewisses Vorurtheil noch beengt fühlt, wird doch, sobald sich auf Grund gemachter Erfahrungen ein bestimmtes Kolonialsystem herausgebildet hat, wozu mit der Ernennung des Herrn Majors von Wißmann zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika glücklicherweise der Anfang gemacht ist, schließlich sich damit befreunden und seine Erfahrung und Kapital, woran es bisher so vielfach gemangelt hat, in die deutschen Kolonien hineinwerfen. Die Nothwendigkeit, eine beschleunigte Erschließung des deutschen Gebietes durch zeitgemäße Verkehrswege in die Wege zu leiten, tritt immer zwingender hervor, durch sie aber wird auch das reiche Seeengebiet, wo dem deutschen Geist und der deutschen Arbeit ein weites Feld sich öffnet, schnell erschlossen werden.
Der Deutsche, durch seine Beständigkeit und Fleiß, ist der beste und geeignete Kulturarbeiter der Erde, was er ja schon tausendfach bewiesen hat und unter dem Schutze des mächtigen Vaterlandes, unter dem Schutze einer seebeherrschenden, wehrkräftigen und starken Marine wird er auch die deutschen Kolonien, das größere Deutschland über See, zur hohen Blüthe bringen; hoffen wir solches für die Zukunft, und möge das Werk, wofür die deutschen Pioniere, vor allem Major von Wißmann, gerungen und gestrebt haben, dem Vaterlande und dem deutschen Volke zum dauernden Segen gereichen! —
Ende.
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Seite | 65, | Zeile | 8 | lies: | Unsere Fahrt flußaufwärts ging dennoch gut von Statten, auch änderte sich die Scenerie, als nicht wie bisher blos Grassteppen, von Busch und Wald unterbrochen, die einzigen Objekte blieben, sondern neben den weithin sichtbaren Moramballa-Bergen, bei klarem Wetter auch die Sasuni-Hügel und Schimvara-Berge zu sehen waren. Zu unserer Rechten treten schon die Ausläufer etc. | |
" | 84, | " | 43 | " | Mädchen statt Männer. | |
" | 91, | " | 20 | " | flußabwärts statt flußaufwärts. | |
" | 106, | " | 18 | " | Wissemann statt Wißmann. | |
" | 151, | " | 20 | " | abwärts statt auswärts. | |
" | 163, | " | 40 | " | nicht statt der. | |
" | 164, | " | 12 | " | ich war nicht. | |
" | 166, | " | 26 | " | wahren statt waren. | |
" | 215, | " | 6 | " | genährt statt gewährt. | |
" | 217, | " | 31 | " | von statt nach. | |
" | 372, | " | 21 | " | Kayser-Bucht statt Kroyser-Bucht. | |
" | 391, | " | 21 | " | Merere statt Marara. | |
" | 404, | " | 20 | " | Rinne statt Ruinen. | |
" | 419, | " | 30 | " | und doch. | |
" | 420, | " | 27 | " | Station statt Nation. |